Zehntausende Menschen sind Ende Juli von Marokko in die spanische Exklave Ceuta geströmt. Über hundert kamen dabei ums Leben. Die meisten sind längst wieder nach Marokko zurückgekehrt – doch ein ähnliches Ereignis könnte sich schon bald wiederholen.
Soziale Netzwerke haben bei der plötzlichen Migrationsbewegung eine zentrale Rolle gespielt. So kursierten Spekulationen und Falschbehauptungen über ein Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs. Migrantinnen und Migranten berichteten von Videos, die grinsende junge Frauen zeigten, nachdem sie das Mittelmeer überquert hatten, oder von Videos, in denen es hieß, „sie werden euch helfen, sie werden euch nicht zurückschicken“. Auch Tipps, über welche Routen man es angeblich nach Ceuta schafft, sollen in Whatsapp-Gruppen geteilt worden sein.
Analysen der spanischen Tageszeitung El País, der Faktencheck-Redaktion Maldita sowie ein Bericht der Militärpolizei Guardia Civil, der dem spanischen Sender RTVE vorliegt, zeigen: Ein neuer Versuch wird in Sozialen Netzwerken offenbar für den 15. August diskutiert.
Militärpolizei Guardia Civil: In Sozialen Netzwerken werden Aufrufe für Grenzübertritt am 15. August geteilt
Die Guardia Civil ist in Spanien für den Grenzschutz zuständig. In ihrem Bericht heißt es laut RTVE: „Die Ermittlungen erlauben uns mit hoher Wahrscheinlichkeit festzustellen, dass seit Ende Juli/ Anfang August 2026 in sozialen Medien Aufrufe junger Marokkaner kursieren, um um den 15. August herum einen weiteren Masseneintritt in Ceuta zu versuchen.“
Grundlage der Ermittlungen seien öffentlich verfügbare Quellen, wie Facebook-, Whatsapp- und Instagram-Gruppen sowie spanische und marokkanische Medien gewesen. Die Nachrichten wurden demnach dezentral organisiert, etwaige Verantwortliche konnten nicht identifiziert werden.
Arabische Facebook-Beiträge mit Datum und den Orten Fnideq in Marokko und Ceuta in Spanien weiterhin online
Ein Sprecher des Meta-Konzerns teilte dem Spiegel mit, dass inzwischen ein Team eingesetzt würde, um die Lage in Ceuta in Echtzeit zu beobachten und Inhalte zu entfernen, die gegen Metas Richtlinien verstoßen, darunter Menschenschmuggel. Auch Tiktok gibt an, eine Taskforce mobilisiert zu haben.
Manche der geteilten Nachrichten dürften jedoch durch das Raster fallen. So lautet einer der vielfach geteilten arabischen Beiträge El País zufolge: „Brüder, was wird an diesem Tag passieren?“ Darunter das Datum 15. August 2026, Fnideq – Ceuta und die spanische Flagge als Emoji – mutmaßlich kein Verstoß gegen Konzernrichtlinien.

CORRECTIV konnte die Verbreitung der Nachricht noch am 12. August unabhängig verifizieren. Mindestens ein Dutzend solcher Beiträge sind weiterhin in verschiedenen Facebook-Gruppen sichtbar.
El País beschreibt auch, wie etwaige Whatsapp-Nachrichten lauten, darunter: „Hallo, Brüder. Gibt es am 18. etwas?“, „Oder der 30.? Oder 2030? Haha“, „Sie sagen, der 15.“, „An die Kinder in Agadir: Schreibt mir. Fahrt ihr am 15.? Ihr werdet keinen Transport finden. Ich bin neben dem Zolltor“, „Fotos zum Anschauen“.
Sozialwissenschaftlerin über junge Marokkaner: „Niemand will als Jammerlappen gelten“
Soziale Netzwerke seien die einzige Informationsquelle, die die jungen Leute über Spanien hätten, sagte Maria Guevara gegenüber der spanischen Zeitung. Guevara forschte an der Universität Pablo de Olavide zur Rolle Sozialer Netzwerke für junge Menschen in Marokko. „Marokkanische Jugendliche sind sehr gut miteinander vernetzt, vor allem unter Gleichaltrigen. Sie halten sich gegenseitig über die verschiedenen Möglichkeiten auf dem Laufenden. Sie sprechen meist nur über die positiven Aspekte der Migration; niemand will als Jammerlappen gelten“, so Guevara.
Dennoch gibt es El País zufolge auch Zweifel. So diskutierten tausende Marokkaner in Facebook- und Whatsapp-Gruppen, ob die neue Migrationsbewegung nach Ceuta auch real sei, ob es sich lohne, ob es machbar sei oder ob es nur ein Trick sei, um Minderjährige zu täuschen.
Spanische Faktencheck-Redaktion Maldita bezeichnet Whatsapp als Einsatzzentrale
Während Facebook als Plattform für Vernetzung und Mobilisierung diene, sei Whatsapp die „Einsatzzentrale“, schreibt die spanische Faktencheck-Redaktion Maldita zu ihren Untersuchungsergebnissen.
Auf Facebook würden beispielsweise Fotos von Schlauchbooten, Jetskis und Motorbooten veröffentlicht, aber auch von Schwimmflossen oder ein Bild der spanischen Flagge mit einer Telefonnummer. Auf Whatsapp würden weiterhin Tipps für Routen nach Ceuta geteilt und dazu geraten, Vorräte und Wasser mitzunehmen.
In einer Sprachnachricht habe jemand gefragt: „Brüder, wie lang ist das Netz unterhalb der Barriere zwischen Ceuta und Fnideq für alle, die tauchen wollen?“ Anfang August hatte Spanien eine rund 500 Meter lange aufblasbare Barriere im Wasser vor Ceuta errichtet, die bis zu einem Meter unter die Wasseroberfläche reichen soll.
Erneut kursieren auch Falschmeldungen, diesmal zu angeblicher Grenzöffnung am 15. August
Auf Instagram sind ähnliche Beiträge zu sehen: Dort teilen Profile vermeintlich private Fotos von sich mit dem Datum 15. August. Allein zwei solcher Facebook-Beiträge erzielten insgesamt über 7.000 „Gefällt-mir“-Angaben. Laut Maldita teilen sie auch Hashtags, die auf den Abfahrtsort Fnideq in Marokko hinweisen.

Aber auch eine Falschmeldung kursiert auf Arabisch, wonach die spanische Regierung angeblich beschlossen hätte, die Grenzübergänge am 15. August vorübergehend zu öffnen. Die Reichweite der Falschmeldung konnte CORRECTIV im Nachgang nicht mehr bemessen.

Wie El País berichtet auch Maldita von einer gemischten Stimmung. So gebe es ermutigende, aber auch entmutigende Nachrichten. Letztere seien von jenen veröffentlicht worden, die seit Tagen auf die Überquerung warteten. Auch Vermisstenmeldungen würden geteilt.
RTVE zufolge kommt die Guardia Civil zu dem Schluss, dass es zwar potenziell mobilisierende Aufrufe für den 15. August gebe, doch damit ließe sich nicht mit Sicherheit sagen, dass es an dem Tag auch tatsächlich zu einem weiteren Massenandrang kommen wird. Es bestehe ein Risiko dafür, so die Guardia Civil.
Redigatur und Faktencheck: Elena Müller
CORRECTIV im Postfach
Lesen Sie von Macht und Missbrauch. Aber auch von Menschen und Momenten, die zeigen, dass wir es als Gesellschaft besser können. Täglich im CORRECTIV Spotlight.
Mit der Anmeldung willigen Sie der Verarbeitung Ihrer Daten gemäß unserer Datenschutzerklärung ein.