Klima

485 Millionen Jahre Erdklima: Warum diese Grafik eine Warnung ist

Eine wissenschaftliche Grafik wird als Argument gegen den Klimawandel interpretiert. Doch die Studie und ihre Autorinnen sagen genau das Gegenteil aus: Sie warnen davor, wie schnell sich die Erde aktuell erwärmt.

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Die globale Temperatur steigt trotz erdgeschichtlich kühler Phase (Symbolbild: David Inderlied / Picture Alliance / Kirchner-Media)
Behauptung
Eine wissenschaftliche Grafik belege, dass sich die globale Durchschnittstemperatur auf einem Tiefstand befindet. Autos seien keine Treiber des Klimawandels.
Einordnung
Die Grafik ist irreführend abgeschnitten. Sie zeigt die Entwicklung der globalen Temperaturen in den letzten 485 Millionen Jahren. In diesem Langzeitvergleich sind die Temperaturen tatsächlich niedrig. Im Original ist aber zu sehen, dass die Temperatur in den vergangenen 20.000 Jahren ansteigt. Menschengemachte Treibhausgase, zu denen auch der Autoverkehr beiträgt, beschleunigen diesen Anstieg.

Eine Grafik auf X soll zeigen, wie sich die globale Durchschnittstemperatur in den vergangenen 485 Millionen Jahren entwickelt hat. Demnach sinkt die Temperatur seit rund 50 Millionen Jahren. Die Grafik ist mit dem Namen des AfD-Politikers und EU-Abgeordneten Petr Bystron versehen, der sie auch in mehreren Sozialen Netzwerken verbreitet. 

In den Beiträgen dazu behauptet er, die Erde befinde sich aktuell in einer Kältephase und die Durchschnittstemperatur liege auf einem Tiefstand. „Die Treiber des Klimawandels sind nicht die Autos, sondern Politik und Medien“, schreibt Bystron. Als Quelle für die Grafik nennt er eine englischsprachige Studie und die Washington Post.

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Darstellung der Washington Post zeigt Anstieg in den vergangenen 20.000 Jahren

Die Studie, um die es geht, ist im September 2024 im Fachmagazin Science erschienen. Darin rekonstruierten Forschende die globale mittlere Oberflächentemperatur der vergangenen 485 Millionen Jahre. Die Rekonstruktion zeigt starke Schwankungen. Über weite Strecken der Erdgeschichte war es deutlich wärmer als heute.

Am rechten Rand der auf X verbreiteten Grafik fällt die Temperaturkurve auf einen ihrer niedrigsten Werte. Weil der dargestellte Zeitraum so groß ist, sind Schwankungen innerhalb von tausenden oder hunderten Jahren schwer zu erkennen. Trotzdem ist in den Grafiken der Studie und der Darstellung der Washington Post, die darüber berichtete, sichtbar, dass die Temperatur in den vergangenen 20.000 Jahren rapide ansteigt. Dieser Anstieg ist auf der Darstellung von Bystron nicht zu sehen, sondern mit einem Punkt überdeckt.

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Studienautorin: Erde erwärmt sich so schnell wie noch nie

Die Forschenden ordnen ihre Ergebnisse nicht als Argument gegen den menschengemachten Klimawandel ein, sondern als Warnung davor. Auf der Zeitleiste ist zu sehen, dass schnelle Temperaturschwankungen mit katastrophalen Ereignissen zusammenhängen, etwa dem größten Massenaussterben auf der Erde vor 250 Millionen Jahren. Damals erwärmte sich die Erde nach Vulkanausbrüchen um mehr als zehn Grad Celsius innerhalb von rund 50.000 Jahren – 90 Prozent aller Spezies sind danach ausgestorben.  

„Wenn sich die Umwelt so schnell erwärmt, können Tiere und Pflanzen nicht mithalten“, sagte Hauptautorin und Klimaforscherin Emily Judd der Washington Post. Zu keinem Zeitpunkt der analysierten 485 Millionen Jahre habe sich die Temperatur der Erde so schnell verändert wie jetzt. „Was wir jetzt tun, ist in etwa so, als würde ein massiver Asteroid auf die Erde einschlagen“, sagte Judd in Bezug auf den menschengemachten Klimawandel.

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Wir leben in einer Wärmeperiode innerhalb einer Eiszeit

Das Youtube-Video wurde mit Künstlicher Intelligenz generiert. Das ist an mehreren Stellen im Video deutlich erkennbar. Bei Sekunde 36 etwa hat ein Mann drei Hände, eine davon kommt scheinbar aus seiner Hose, eine weitere aus einem Blatt Papier. Immer wieder zeigt das Video fehlerhafte Kalender, bei denen Tage doppelt oder in der falschen Reihenfolge auftauchen. Und auf Dokumenten im Video stehen nicht-existierende Worte.

Der Kanal existiert schon seit Juli 2023, das älteste verfügbare Video ist aber vom 17. März 2025. Seitdem hat der Kanal mehr als 300 Videos veröffentlicht, meistens zum Thema Rente, viele von ihnen nutzen KI. Auffällig ist, dass die Kanalbeschreibung für ganz andere Inhalte und einen anderen Kanalnamen wirbt. Der Kanal „Finanzwelle“, heißt es dort, sei der ultimative Kanal „aktuelle Finanznachrichten und Wirtschaftstrends in Deutschland“.

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Vergangenen zehn Jahre waren die wärmsten seit 1850

Die Grafik zeigt: Im Vergleich zu großen Teilen der vergangenen 485 Millionen Jahre befindet sich die Erde heute in einem relativ kühlen Klimazustand. Daraus folgt jedoch nicht, dass die globale Temperatur derzeit sinkt. Messdaten zeigen vielmehr einen deutlichen Erwärmungstrend. 2025 lag die globale bodennahe Lufttemperatur nach Berechnungen der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) rund 1,41 Grad Celsius über dem Mittel der Jahre 1850 bis 1900. Damit war 2025 seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1850 das drittwärmste Jahr. Die vergangenen zehn Jahre waren weltweit die wärmsten seit 1850.

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Studie untermauert: CO2 führt zu Klimaerwärmung

Dass sich das Klima der Erde schon lange vor dem Einfluss des Menschen verändert hat, widerspricht der menschengemachten Erderwärmung nicht. Klimaveränderungen können verschiedene Ursachen haben. Entscheidend ist deshalb die Frage, was die gegenwärtige Erwärmung verursacht.

Der Weltklimarat IPCC kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Der menschliche Einfluss hat Atmosphäre, Ozeane und Landflächen erwärmt. Der IPCC sieht die vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen als wesentlichen Treiber der beobachteten Erwärmung.

Auch die Studie, auf der die auf X verbreitete Grafik beruht, zeigt einen engen Zusammenhang zwischen der globalen Temperatur und der CO2-Konzentration in der Atmosphäre. Jessica Tierney, die auch an der Studie beteiligt war, sagte dem Newsletter The Climate Brink dazu, dass die Studie diesen Zusammenhang untermauert: Sie zeige, „dass CO2 über geologische Zeiträume hinweg den entscheidenden Einfluss auf die Temperaturen auf der Erde hat. Immer wenn der CO2-Gehalt hoch ist, sind die Temperaturen warm. Daraus folgt ganz natürlich, dass sich das Klima erwärmt, wenn der Mensch mehr CO2 ausstößt.“

science.org
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theclimatebrink.com


Autoverkehr ist ein Treiber für CO2-Emissionen

Autos tragen zum Klimawandel bei. Pkw mit Verbrennungsmotor verbrennen fossile Kraftstoffe und setzen dabei CO2 frei. Dieses Gas treibt die menschengemachte Erderwärmung voran. 

Zwar wurden Pkw in den letzten Jahrzehnten effizienter, laut Umweltbundesamt sanken ihre CO2-Emissionen pro Kilometer seit 1995 um knapp 15 Prozent. Doch der Verkehr nahm zu und reduzierte einen Teil der Einsparungen. Bis 2019 stiegen die gesamten CO2-Emissionen des Pkw-Verkehrs trotz sinkender Werte pro Kilometer. Der Verkehrssektor trägt immer stärker zu den deutschen Treibhausgasemissionen bei. Sein Anteil wuchs laut Umweltbundesamt von 13,1 Prozent im Jahr 1990 auf rund 22,3 Prozent im Jahr 2024. Gründe dafür sind unter anderem der zunehmende Individualverkehr und der wachsende Straßengüterverkehr. Das deckt sich mit Angaben der Europäischen Umweltagentur für die EU. Laut der Behörde war der Verkehr 2019 für etwa ein Viertel der CO2-Emissionen in der EU verantwortlich, davon entfielen rund 72 Prozent auf den Straßenverkehr. 

Wir haben Bystron mit den Ergebnissen unserer Recherche konfrontiert. Bis zur Veröffentlichung bekamen wir von ihm keine Antwort.

umweltbundesamt.de
europarl.europa.eu


Diesen Faktencheck haben Mitglieder der Faktenforum-Community recherchiert. Redaktion: Nadia Westerwald; Redigatur: Gabriele Scherndl, Viktor Marinov