CORRECTIV hat alle 401 Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland gefragt, wo sie bei der Krisenvorsorge den größten Nachholbedarf sehen. 266 der Landkreise und kreisfreien Städte haben inhaltlich geantwortet. Besonders häufig nannten sie, dass Personal fehle, sie zu wenig Geld hätten und es Lücken in den Strukturen gebe, die für Einsätze notwendig seien.
Wie wichtig diese Voraussetzungen sind, zeigte sich im vergangenen Sommer im Rheingau-Taunus-Kreis in Hessen: Alte, haushohe Bäume standen bis in die Wipfel in Flammen. Durch Funkenflug breiteten sich die Feuer aus und entfachten neue Brandherde. Innerhalb weniger Tage mussten mehrere Waldbrände bekämpft werden, wobei manche Einsätze bei Temperaturen von über 30 Grad mehrere Tage andauerten. Auf einer Fläche von mehr als 35.000 Quadratmetern waren über 1.500 Einsatzkräfte beteiligt, die meisten von ihnen ehrenamtlich. Einige Brände hatten dem Landkreis zufolge Menschen verursacht.
„Bei Vegetationsbränden können wir grundsätzlich auf bewährte Methoden zurückgreifen. Bei längeren Trockenperioden und großflächigen Bränden muss allerdings teils über größere Entfernungen Wasser zum Einsatzort transportiert werden“, sagt Dennis Wolf, Referent für Lage- und Stabsausbildung beim Technischen Hilfswerk. Wolf ist im Leitungs- und Koordinierungsstab in Bonn tätig, von wo aus größere Einsätze zentral koordiniert werden.
„Beim Moorbrand 2018 in Meppen wurde beispielsweise über 14 Kilometer Wasser gefördert“, sagt Wolf.
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Ein Notfallplan allein reicht nicht. Entscheidend ist die Vorbereitung, sagt Dennis Wolf: „Wenn man erst in der konkreten Lage anfängt zu überlegen, wer beispielsweise eine bestimmte Pumpleistung bereitstellen kann, ist es zu spät.“
Personal: Wenn Helfende mehrfach gebraucht werden
Eine weitere Herausforderung ist, ob und wie lange Einsatzkräfte verfügbar sind. Bei mehrtägigen Einsätzen müssen Helfende abgelöst werden, während der Grundschutz vor Ort gewährleistet bleiben muss. Denn auch bei einer Großlage müssen Einsatzkräfte für andere Notfälle wie Wohnungsbrände oder Verkehrsunfälle verfügbar sein.
Das betrifft beispielsweise Mitglieder der Feuerwehr, die neben ihrer Tätigkeit im Einsatzdienst ihren regulären Berufen nachgehen; aber auch ehrenamtliche Kräfte des Technischen Hilfswerks oder anderer Hilfsorganisationen wie des Deutschen Roten Kreuzes. Sie müssen ihre Einsätze mit beruflichen und familiären Verpflichtungen vereinbaren. Zudem brauchen die Helfenden ausreichend Ruhezeiten, um körperlich und mental leistungsfähig zu bleiben und sicher arbeiten zu können.
„Ich muss davon ausgehen, dass ein Helfer, der im Einsatz war, nicht am nächsten Tag wieder zur Verfügung steht“, sagt Dario Ansani, der stellvertretende ehrenamtliche Gemeindebrandmeister im Rheingau-Taunus-Kreis.
Hinzu kommt, dass viele Einsatzkräfte mehrere Funktionen übernehmen – etwa bei Feuerwehr, Rettungsdienst oder im medizinischen Bereich. Bei mehreren gleichzeitigen Krisen können sie deshalb an verschiedenen Orten gebraucht werden, aber nicht überall gleichzeitig helfen.
Bundesweit fehlen Personal und einsatzbereite Strukturen
Christian Rossel, Leiter von Brand-, Katastrophenschutz und Rettungsdienst im Rheingau-Taunus-Kreis, ist überzeugt, dass es mehr Nachwuchs bei den ehrenamtlichen Helfern brauche. Er wünscht sich ein Pflichtjahr für alle Geschlechter, das nicht allein militärisch, sondern auch sozial ausgerichtet sei. Gerade Katastrophenschutzeinheiten sowie Sanitäts- und Betreuungszüge könnten davon profitieren, da es ihnen teilweise schwerfalle, Nachwuchs zu gewinnen.
„Keiner muss an die Waffe, aber es gibt genug zu tun, um einen Beitrag zu leisten“, sagt Rossel. Er appelliert an die Bevölkerung, einen solchen Dienst zu unterstützen, und an die Politik, ihn umzusetzen. Eine erfolgreiche Krisenvorsorge und Bewältigung ist auf ehrenamtliche Helfende angewiesen.
Doch die CORRECTIV-Anfrage zeigt, dass die personelle Vorsorge vielerorts Lücken aufweist: 137 Landkreise und kreisfreie Städte gaben an, dass die Versorgung mit ehrenamtlichen Einsatzkräften gesichert sei. In 65 Kreisen sei dies nur teilweise der Fall, bei 20 sei die Lage ungeklärt. Die übrigen machten dazu keine Angaben.
Doch selbst bei den 137 Kreisen, die ihre Personalversorgung als gesichert einschätzten, gibt es Einschränkungen. Knapp zwei Drittel von ihnen können nach eigenen Angaben sicherstellen, dass ehrenamtliche Helfende in Schlüsselpositionen für mehrtägige Einsätze von der Arbeit freigestellt werden. Das ist wichtig, damit sie beispielsweise bei einem über mehrere Tage andauernden Waldbrand helfen und sich anschließend genügend erholen können.
Dafür braucht es eine gute Planung, um im Ernstfall schnell reagieren zu können. Kontakte, Personal und verfügbare Fähigkeiten müssen dafür erfasst und regelmäßig aktualisiert werden. Nur so lassen sich Zuständigkeiten klären, benötigte Kräfte mobilisieren und die Zusammenarbeit zwischen Behörden, Einsatzkräften und Betreibern kritischer Infrastruktur koordinieren.
Deutschland verfügt über ein föderal aufgebautes System für den Bevölkerungsschutz. Im Katastrophenschutz liegt die Verantwortung grundsätzlich bei den Ländern. Vor Ort übernehmen vor allem Landkreise und kreisfreie Städte wichtige Aufgaben: Sie analysieren Gefahren, planen für verschiedene Szenarien und koordinieren im Ernstfall Feuerwehr, Rettungsdienste und Hilfsorganisationen.
Reichen die eigenen Kräfte nicht aus, kann Unterstützung aus anderen Regionen oder vom Bund hinzukommen. Bei besonders großen Schadenslagen kann auch internationale Hilfe angefordert werden. Dabei geht es etwa um den Schutz vor Naturkatastrophen und anderen zivilen Schadenslagen.
Vom Katastrophenschutz im Frieden ist der Zivilschutz zu unterscheiden. Er ist Aufgabe des Bundes und dient insbesondere dem Schutz der Bevölkerung vor kriegsbedingten Gefahren. Dabei greift der Bund auf die Strukturen des Katastrophenschutzes zurück und ergänzt sie etwa durch Ausstattung und Warnsysteme. Hier geht es zwar um den Schutz der Bevölkerung vor kriegsbedingten Gefahren. Trotzdem können beide Bereiche in Ernstlagen zusammenarbeiten.
Getragen wird der Bevölkerungsschutz von Bund, Ländern und Kommunen sowie von Feuerwehren, dem Technischen Hilfswerk und Hilfsorganisationen. Eine zentrale Rolle spielen Ehrenamtliche: Ein großer Teil der Einsatzkräfte arbeitet freiwillig. Im Verteidigungsfall liegt die Verantwortung für den Zivilschutz beim Bund.
Geld und Material fehlen
Woher das Geld für die Krisenvorsorge kommen soll, ist unklar. Von den Landkreisen und kreisfreien Städten, die an der CORRECTIV-Anfrage teilgenommen haben, können nach eigenen Angaben nur 48 die notwendigen Maßnahmen in den kommenden Jahren voraussichtlich finanzieren; das entspricht etwa einem Fünftel der Kreise.
93 rechnen mit einer Teilfinanzierung, 50 können die Maßnahmen voraussichtlich gar nicht finanzieren. Die übrigen machten keine Angaben.
Außerdem hat mehr als die Hälfte der Kreise angegeben, dass die Vorsorge überwiegend oder ausschließlich aus eigenen Mitteln finanziert wird. Fördermittel von Bund, Ländern oder der EU spielen für viele Kreise eine geringere Rolle.
Die kommunalen Kassen sind leer.
Christian Schuchardt, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, erklärt gegenüber CORRECTIV, die Städte steckten in der schwersten Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg.
Allein 2025 hätten die Kommunen ein Rekorddefizit von knapp 32 Milliarden Euro verzeichnet. Für 2026 rechne man mit einem weiteren Minus von rund 30 Milliarden Euro. Einnahmen und Ausgaben der Kommunen klafften strukturell immer weiter auseinander, weil Bund und Länder ihnen über Jahrzehnte immer mehr Aufgaben übertragen hätten, ohne diese ausreichend zu finanzieren.
Schuchardt fordert von Bund und Ländern eine „deutlich bessere und dauerhaft gesicherte Finanzierung des Zivil- und Bevölkerungsschutzes“ sowie eine verbindliche Beteiligung der Kommunen an der Krisenplanung.
Krisenvorsorge kostet – auch in ruhigen Zeiten
Für die Krisenvorsorge müssen nicht nur Fahrzeuge und technische Geräte wie Notstromaggregate gekauft werden. Diese müssen auch gewartet werden. Und auch zuverlässige Warnsysteme sind teuer. Krisenvorsorge kostet also auch dann Geld, wenn gerade keine Krise herrscht.
Wie viel Geld für Prävention ausgegeben wird, hängt auch von den politischen Prioritäten ab. Christian Rossel aus dem Rheingau-Taunus-Kreis sieht die Haushaltslage in Deutschland als so schwierig wie noch nie an. Dennoch stuft er seinen Landkreis als vergleichsweise glücklich ein: „Die gewählten Politiker sehen in der Prävention einen wichtigen Bereich und stecken bewusst Geld in unsere Arbeit.“
Bevölkerung muss ihren Beitrag leisten
Zur Krisenvorsorge gehört auch die Bevölkerung. „Wir haben uns sehr daran gewöhnt, dass Stadt, Politik oder Verwaltung uns vieles abnehmen“, sagt Anja Bierwirth, Leiterin des Forschungsbereichs Stadtwandel in der Abteilung, Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik am Wuppertal Institut. Dadurch sei die Erwartung entstanden, es könne hundertprozentige Sicherheit geben. Die gebe es jedoch nicht.
Auch der ehrenamtliche Helfer Dario Ansani warnt vor falschen Erwartungen: „Bei einem Strom- oder Wasserausfall können wir nicht jedem Bewohner einen Kasten Wasser vor die Tür stellen.“ Kreise müssten deshalb frühzeitig vermitteln, was sie im Ernstfall leisten können – und was nicht.
Fast alle Landkreise und kreisfreien Städte, die CORRECTIV inhaltlich geantwortet haben, geben an, ihre Bevölkerung über Eigenvorsorge und das richtige Verhalten in Krisen zu informieren. Wie gut die Menschen tatsächlich vorbereitet sind, lässt sich daraus allerdings nicht ablesen.
Private Vorsorge beginnt mit einfachen Maßnahmen für den Fall, dass gewohnte Abläufe vorübergehend nicht funktionieren. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt, zu Hause unter anderem ausreichend Trinkwasser und haltbare Lebensmittel, notwendige Medikamente, eine Taschenlampe, ein Radio, Powerbanks und wichtige Dokumente griffbereit zu haben.
Sinnvoll ist außerdem, sich über Warn-Apps und andere Warnwege zu informieren und zu wissen, wie man sich bei einem Strom- oder Kommunikationsausfall verhält. Ziel ist, einige Tage überbrücken zu können, ohne unmittelbar auf Hilfe von außen angewiesen zu sein.
Wer sich stärker einbringen möchte, kann den Bevölkerungsschutz ehrenamtlich an seinem Wohnort unterstützen – etwa bei der Freiwilligen Feuerwehr, dem Deutschen Roten Kreuz, den Johannitern, den Maltesern, dem Arbeiter-Samariter-Bund oder dem Technischen Hilfswerk.
Die Aufgaben reichen von Brandbekämpfung und Erster Hilfe über Betreuung und Versorgung bis zu technischer Hilfe und Logistik. Auch ohne Vorkenntnisse ist ein Einstieg möglich; die nötige Ausbildung erfolgt über die Organisationen. Ehrenamtliches Engagement stärkt damit nicht nur die Gemeinschaft, sondern vermittelt auch Fähigkeiten, die im Ernstfall helfen können.
Kommunikation entscheidet mit
Behörden müssen Warnungen nicht nur rechtzeitig verbreiten, sondern auch sicherstellen, dass sie alle Menschen erreichen und verständlich sind – unabhängig von Alter, Gesundheit oder Wohnsituation. Die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 hat gezeigt, wie gravierend die Folgen sein können, wenn Menschen nicht ausreichend gewarnt oder bei der Evakuierung nicht mitgedacht werden. Zwölf Menschen mit Behinderungen, die in einem Wohnheim in Sinzig lebten, starben in der Flutnacht, weil sie nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht wurden.
Das verdeutlicht, warum Warnsysteme barrierefrei sein und auch Menschen erreichen müssen, die Warn-Apps oder Sirenen nicht wahrnehmen können oder bei einer Evakuierung Unterstützung benötigen.
Viele Landkreise setzen deshalb auf einen Mix aus digitalen und analogen Kanälen – von Warn-Apps und sozialen Netzwerken bis hin zu Radio, Lautsprecherdurchsagen und Sirenen. Entscheidend ist jedoch, dass die Warnungen verständlich sind und konkrete Handlungsanweisungen enthalten.
Krisenkommunikation schafft Vertrauen in unübersichtlichen Lagen
„Der Erfolg einer Krisenbewältigung hängt nicht nur davon ab, was tatsächlich geleistet wurde, sondern auch davon, wie die Bevölkerung den Einsatz wahrnimmt“, sagt Rossel.
Das habe sich auch bei den Waldbränden im Rheingau-Taunus-Kreis gezeigt. Bilder von schweren Bränden in anderen europäischen Ländern hätten dazu geführt, dass Menschen vor Ort gefragt hätten, ob sie evakuiert werden müssten.
Krisenkommunikation muss auch dann funktionieren, wenn die Lage unübersichtlich ist und sich die kommunizierten Informationen schnell verändern. Im Rheingau-Taunus-Kreis hat es dieses Mal noch funktioniert.
Auch Landkreistag sieht Ergebnisse als ernstes Signal
Die Antworten der 266 Landkreise und kreisfreien Städte zeigen vielerorts ähnliche Schwachstellen: fehlende Handlungspläne, Mängel in der Kommunikation, eine unzureichende Zusammenarbeit mit übergeordneten Ebenen und knappe Ressourcen. Entsprechend sehen viele Kreise Handlungsbedarf.
Der Deutsche Landkreistag bewertet die Ergebnisse der CORRECTIV-Anfrage als „ernstes Signal“. Sie unterstrichen, wie dringend die finanzielle und personelle Leistungsfähigkeit des Bevölkerungsschutzes gestärkt werden müsse.
„Kann eine Kommune eine solche Großlage aus eigener Kraft tatsächlich bewältigen? Die Antwort darauf kann nicht vom Zufall oder Glück abhängen“, sagt der freiwillige Helfer Darius Ansani.
Für diese Recherche hat CORRECTIV einen Fragenkatalog entwickelt, um den Stand der Krisenvorsorge auf lokaler Ebene zu erfassen. Über einen Zeitraum von rund eineinhalb Jahren wurde der Fragenkatalog mehrfach überarbeitet. Dafür wurden zunächst Fachleute befragt und umfassende Abfragen auf Landes-, Bundesland- und Kreisebene gestellt. Gespräche mit Angestellten von Kommunen, der Bundeswehr sowie von Organisationen aus der Notfall- und humanitären Hilfe flossen ebenfalls in die Überarbeitung ein.
Der Fragebogen fragt unter anderem ab, wie Landkreise und kreisfreie Städte auf Krisen reagieren, welche Erwartungen sie an die Bevölkerung haben und wie gut sie auf verschiedene Situationen vorbereitet sind. Dazu gehören etwa großflächige Stromausfälle, Wassermangel und Dürre, der Bedarf an Schutzräumen sowie die Reaktionsmöglichkeit auf Bedrohungen von außen, die etwa bei Sabotage, Cyberangriffen oder militärischen Konflikten relevant sein könnten. Weitere Fragen betreffen verfügbare Ressourcen und die Finanzierung der Krisenvorsorge sowie die konkreten Risiken, die der Klimawandel für die jeweiligen Regionen mit sich bringt.
Der Fragebogen wurde bereits in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich, Belgien, Großbritannien, Portugal, Italien, Rumänien, Estland, Norwegen, Island, Ungarn versandt. Falls Sie als Journalistin oder Journalist arbeiten und Interesse haben, gemeinsam mit uns im europäischen Ausland den Fragebogen zu verschicken, melden Sie sich gerne unter europe@correctiv.org.
Text und Recherche: Lilith Grull, Johannes Gille, Katarina Huth, Frida Thurm, Till Eckert
Datenarbeit: Johannes Gille, Lilith Grull, Katarina Huth, Marius Münstermann, Carolin Lewandowska, Philipp Waak, Benjamin Werner
Redaktion: Justus von Daniels, Miriam Lenz
Faktencheck: Stella Hesch, Rose Mintzer-Sweeney
Design: Mohamed Anwar
Kommunikation: Anna-Maria Wagner, Alicia Reusche
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