Bundeswehr

Mehr Meldungen von sexualisiertem Fehlverhalten bei der Bundeswehr

Seit mehreren Jahren steigen die Verdachtsfälle von sexualisiertem Fehlverhalten bei der Bundeswehr. 2026 gibt es einen neuen Höchststand. Der Wehrbeauftragte fordert schnelles Handeln.

von Karolin Arnold, Minou Becker

Zahl der sexualisierten Verdachtsmeldungen bei Bundeswehr weiter gestiegen. Symbolbild (picture alliance / Noah Wedel | Noah Wedel)

In diesem Jahr wurden erneut mehr Verdachtsfälle von sexualisiertem Fehlverhalten in der Bundeswehr gemeldet. Bis zum Stichtag im Oktober wurden 518 Verdachtsmeldungen registriert. Das teilte das Verteidigungsministerium auf Anfrage von CORRECTIV mit. Die Zahl der Verdachtsfälle ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen: von 312 Meldungen im Jahr 2021 auf 472 im Jahr 2025. 

Insgesamt wurden 1.965 Verdachtsfälle von sexualisiertem Fehlverhalten zwischen 2021 und 2025 gemeldet. 395 dieser Verdachtsfälle fielen unter den Paragrafen 177 des Strafgesetzbuches. Das bedeutet konkret: sexuelle Übergriffe, sexuelle Nötigung und Vergewaltigung. Der überwiegende Teil dieser Fälle betreffe sexuelle Übergriffe, teilt das Verteidigungsministerium mit. 

Daneben gab es Fälle, in denen den Beschuldigten der Besitz von Darstellungen des sexuellen Missbrauchs von Kindern oder exhibitionistische Handlungen vorgeworfen wurden, wie eine aktuelle Kleine Anfrage der Linken zeigt.

Das Verteidigungsministerium erfasst alle Fälle, an denen Bundeswehrangehörige beteiligt sind – sowohl als mutmaßliche Opfer als auch als Beschuldigte. Das mutmaßliche Fehlverhalten kann sich im Dienst oder in der Freizeit  ereignet haben.


Immer wieder werden neue Fälle bekannt

Obwohl die Probleme seit Jahren bekannt sind, werden immer wieder neue mutmaßliche Vorfälle bekannt: Erst in den vergangenen Wochen berichtete der Spiegel über Ermittlungen gegen mehrere Soldaten der Sachsen-Anhalt-Kaserne in Weißenfels. Den Soldaten wird unter anderem vorgeworfen, Drogen konsumiert und darum gewetteifert zu haben, wer mit mehr Rekrutinnen Sex hat. Bereits Ende vergangenen Jahres berichtete die FAZ über zahlreiche Meldungen von sexualisiertem Fehlverhalten im Fallschirmjägerregiment 26 im rheinland-pfälzischen Zweibrücken. 

Das Verteidigungsministerium teilt auf Anfrage von CORRECTIV mit, dass es eine „Null-Toleranz-Politik“ gegenüber sexualisiertem Fehlverhalten in der Bundeswehr gebe. Man setze auf einen „Dreiklang“ von Prävention, Aufklärung und Sanktionierung sowie verantwortlichem Führen. Sexuelles Fehlverhalten könnten Betroffene „unmittelbar oder zu einem späteren Zeitpunkt, schriftlich oder mündlich an ihre Vorgesetzten“ melden.

Eine kürzlich erschienene Recherche des ARD-Politikmagazins Report Mainz zeigt jedoch, dass genau dieser Meldeweg über die Vorgesetzten, dem Schutz von Betroffenen und einer effektiven Aufklärung im Weg stehen könnte. Mehrere betroffene Soldatinnen berichten gegenüber Report Mainz, dass ihre Vorgesetzten die Täter geschützt hätten.

Dunkelfeldstudie soll neue Erkenntnisse liefern 

Als Reaktion auf die gestiegenen Verdachtsmeldungen sexueller Übergriffe in den vergangenen Jahren stieß die ehemalige Wehrbeauftragte des Bundestags Eva Högl (SPD) bereits 2024 eine Dunkelfeldstudie an. Die Studie soll das Ausmaß und die Ursachen von sexualisierter Gewalt in der Bundeswehr untersuchen. Die Datenerhebung sei seit August dieses Jahres abgeschlossen, mit Ergebnissen sei noch in diesem Jahr zu rechnen, teilt das Verteidigungsministerium mit

Außerdem solle eine Anlaufstelle mit besonders ausgebildetem Personal eingerichtet werden, die außerhalb der Befehlskette steht. Sie soll dem Verteidigungsministerium zufolge bereits ab November ihre Arbeit aufnehmen und für Betroffene und Vorgesetzte rund um die Uhr erreichbar sein. Dort solle Betroffenen künftig schnell und zielgerichtet geholfen werden.

Wehrbeauftragter Otte fordert Sicherheit für Frauen in der Bundeswehr

Wer sich mit Beschwerden nicht an den Vorgesetzten wenden kann oder will, könne sich laut Verteidigungsministerium auch beim Wehrbeauftragten melden. Dieser ist unabhängig vom Verteidigungsministerium und soll der „Anwalt der Soldatinnen und Soldaten“ sein. Seit Mai 2025 hat Henning Otte (CDU) dieses Amt inne. 

Auch das Amt des Wehrbeauftragten verzeichnet eine steigende Anzahl von Meldungen und Eingaben gegen die sexuelle Selbstbestimmung, teilt Otte gegenüber CORRECTIV mit. „Diese Entwicklung muss für den Dienstherrn ein klarer Handlungsauftrag sein und zur Chefsache erklärt werden“, sagt Otte. „Jeder Fall ist einer zu viel.“ Der Schutz der sexuellen Selbstbestimmung sei eine „institutionelle Verantwortung“. Betroffene müssten „gehört, geschützt und unterstützt werden“.

Es bleibt die Frage, ob die geplanten Maßnahmen ausreichen, um aus der Bundeswehr in den kommenden Jahren einen sicheren Ort für alle zu machen. Auch und besonders für Frauen. Für Otte hängt davon auch die Zukunft der Bundeswehr ab: Damit sie wachse, müssten sich mehr Frauen verpflichten. „Das wird nur gelingen, wenn Frauen darauf vertrauen können, dass sie in der Bundeswehr respektiert werden, vor Übergriffen geschützt sind und sich sicher fühlen können.“

Redaktion und Faktencheck: Miriam Lenz