Die Folgen des Krieges gegen die Ukraine sorgen für Frustration und Spannungen auch innerhalb der Eliten Russlands. Die von Wladimir Putin geschaffenen Machtstrukturen mit verschiedenen Clans geraten ins Wanken. Um einschätzen zu können, wie sich Russland entwickeln könnte, hilft es, die wichtigsten dieser Clans und deren Machtinstrumente zu kennen.
von Roman Anin
19. Mai 2026
Jeden Monat verliert die russische Armee mehr als 35.000 Soldaten, ohne dabei nennenswerte Fortschritte auf dem Schlachtfeld in der Ukraine zu erzielen. Zugleich werden die ukrainischen Drohnenangriffe tief in russischem Hoheitsgebiet immer effektiver und verursachen immer größeren Schaden.
Die britische Zeitschrift The Economist bezeichnete die aktuelle Situation kürzlich als möglichen Wendepunkt im Krieg. Einer der bekanntesten Militärexperten Großbritanniens, Sir Lawrence Freedman, sagte dem Magazin, dass sich die Kriegslage zunehmend zu einem strategischen Wendepunkt entwickle.
Russlands Wirtschaft verliert drastisch an Schwung. Die Haushaltsdefizite der Regionen wachsen, Unternehmen kämpfen mit enorm hohen Zinsen und die Inflation treibt die Preise weiter in die Höhe. Störungen der Mobilfunkverbindungen und Internetabschaltungen in vielen russischen Regionen verstärken die Frustration der Bevölkerung und führen zu wachsender sozialer Unzufriedenheit, die die Führungsriege um Wladimir Putin nicht mehr einfach abtun kann.
Auch innerhalb der russischen Elite nehmen die Spannungen zu. Laut einem kürzlich von iStories, der Financial Times und CNN veröffentlichten Bericht des Geheimdienstes eines EU-Staates geben sich hochrangige russische Sicherheitsbeamte zunehmend gegenseitig die Schuld für die Misserfolge in der Ukraine.
Im Vorfeld der Parade am 9. Mai zum Tag des Sieges über Nazideutschland auf dem Roten Platz bat Putin US-Präsident Donald Trump, den ukrainischen Amtskollegen Wolodymyr Selenskyj davon zu überzeugen, Moskau während der Feierlichkeiten nicht anzugreifen. Ein Führer, der alle glauben machen will, er gewinne den Krieg, bittet seine Feinde nicht um eine vorübergehende Waffenruhe, damit er die Parade seiner stark dezimierten Armee gefahrlos verfolgen kann.
Wladimir Putin ist in eine selbst geschaffene Falle getappt. Sein System beruht nicht auf demokratischen Institutionen, sondern auf informellen Regeln. Clans rivalisieren um Geld, Sicherheitsstrukturen, politischen Einfluss und persönliche Loyalität gegenüber dem “Zaren”. Putin fungierte jahrzehntelang als oberster Schiedsrichter zwischen diesen Gruppen und hielt deren Interessen im Gleichgewicht. Doch mit dem wachsenden Druck des Krieges und der schwindenden Autorität Putins beginnt das Gleichgewicht innerhalb der Elite zu bröckeln.
Verschiedene Fraktionen bereiten sich nun stillschweigend auf eine ungewisse Zukunft vor. Sie stärken ihre Kontrolle über finanzielle Ressourcen, Sicherheitsbehörden und sogar private Militärkräfte.
Um zu verstehen, wohin sich Russland in den kommenden Jahren entwickeln könnte, muss man die wichtigsten Clans kennen, die das russische System heute beherrschen und um
die Macht kämpfen werden, sobald das derzeitige Kräftegleichgewicht endgültig zu bröckeln beginnt.
Das russische Investigativmedium iStories, Kooperationspartner von CORRECTIV, hat Profile der einflussreichsten russischen Clans, ihrer Anführer und der von ihnen kontrollierten Ressourcen erstellt. Das Projekt konzentriert sich hauptsächlich auf Gruppen, die nicht nur formelle politische Autorität besitzen, sondern auch reale physische Macht durch die Kontrolle über Sicherheitsdienste, bewaffnete Strukturen oder andere Repressionsinstrumente ausüben.
Aus diesem Grund umfasst das Profil keine Persönlichkeiten, die in den Medien oft als „Technokraten” bezeichnet werden – wie den russischen Ministerpräsidenten Michail Mischustin, die Zentralbankchefin Elvira Nabiullina, Finanzminister Anton Siluanow und andere. Obwohl sie hohe Regierungsämter bekleiden, scheinen sie nicht über jene Art direkter Zwangsmittel zu verfügen, die in einem künftigen Machtkampf in Russland eine entscheidende Rolle spielen könnten.
Dieses Porträt der Machtstruktur Russlands behandelt einige der bekanntesten und mächtigsten Clans und Gruppen, stellt jedoch keine vollständige Liste aller potenziellen Akteure in Russlands möglichem „Game of Thrones” dar.
Rosgvardia (Nationalgarde)
Viktor Zolotov (72) lernte Wladimir Putin Anfang der 1990er Jahre durch einen glücklichen Umstand kennen. Weil es niemanden sonst gab, wurde Zolotov aus der Not heraus beim Sicherheitsdienst des ersten russischen Präsidenten Boris Jelzin eingestellt. So erzählt es dessen damaliger Leiter, Alexander Korzhakov. Als der damalige Bürgermeister von Sankt Petersburg Anfang der 1990er Jahre Jelzin bat, ihm Schutz vor den Sankt Petersburger Gangstern zu gewähren, beschloss Korzhakov, Zolotov loszuwerden, und schickte ihn als Leibwächter zu Anatoly Sobchak. In Sankt Petersburg lernte Zolotov Wladimir Putin kennen und wurde bald für dessen Schutz und den seiner Familienangehörigen verantwortlich. Als Putin Präsident wurde, ernannte er Zolotov zum Leiter des Präsidialschutzdienstes. Zolotov blieb jahrelang im Schatten seines Chefs. Nachdem jedoch 2011 in Russland Massenproteste gegen Wahlbetrug begonnen hatten, die Putin als Verschwörung westlicher Geheimdienste mit einem Teil der russischen, vor allem liberalen Elite wahrnahm, beförderte er seine Leibwächter in Führungspositionen bei den Strafverfolgungsbehörden und anderen Regierungsbehörden. Putin ernannte Zolotov zum Leiter der Inneren Truppen des Innenministeriums, die 2016 in Rosgvardia umbenannt und aus dem Ministerium herausgelöst wurden, um eine eigenständige paramilitärische Struktur mit 350.000 Mitarbeitern zu bilden. In dieser Funktion behielt Zolotov während der vergangenen 35 Jahre im Wesentlichen dieselbe Aufgabe: Putin und seine Macht zu schützen. Zu diesem Zweck erließ Putin 2023 nach dem gescheiterten Aufstand von Yevgeny Prigozhin ein Dekret zur Übergabe von schwerem Militärgerät an die Rosgvardia. Nun kann Putins Leibwächter im Falle innerer Unruhen schwere Panzer gegen das russische Volk einsetzen. Es besteht kein Zweifel, dass Zolotov sich dazu entschließen würde: Wie einer der Anführer der russischen Unterwelt iStories erzählte, trug Zolotov in den kriminellen Kreisen von Sankt Petersburg den Spitznamen der „Durchgeknallte” beziehungsweise der „Erniedrigte” (пробитый) – wegen seiner Grausamkeit und seiner bedingungslosen Loyalität zu Putin.
Staatsrat
Alexey Dyumin (53) stammt aus einer Militärfamilie. 1995 trat er in die Hauptdirektion Sicherheit (Vorgänger des Föderalen Sicherheitsdienstes FSO) ein, wo er für den Bereich Kommunikation zuständig war. 1999 wechselte er zum Präsidialen Schutzdienst. Ab da diente Dyumin 15 Jahre lang in Putins Sicherheitsteam, wich ihm Tag und Nacht nicht von der Seite. Er verhinderte, dass Putin im Meer ertrank und beschützte ihn vor Bären in der Taiga. Seine Beförderung verdankte Dyumin zunächst Viktor Zolotov: „Viktor Vasilyevich Zolotov ist ein Mensch, der viel für mein Schicksal getan hat, mir Verstand und Weisheit beigebracht hat. (…) Ich habe sofort verstanden, dass er ein sehr starker, temperamentvoller Kommandant ist, hinter dem man bis zum Ende stehen kann.” Und dann sei er Putin vorgestellt worden ”und los ging’s!”, erinnerte sich Dyumin. In der Folge wurde er zu einem der wichtigsten Günstlinge Putins und zu einem der wahrscheinlichsten Nachfolger im Präsidentenamt. 2014 ernannte Putin im Rahmen einer Kampagne, Leibwächter in die höchsten Machtkreise zu befördern, Dyumin zum stellvertretenden Leiter des Militärgeheimdienstes GRU und zum Kommandeur der Spezialeinheiten (SSO), die eine Schlüsselrolle bei der Besetzung der Krim spielten. Laut einer mit Dyumin vertrauten Quelle erhielt er für diese Operation den Orden „Held Russlands”. 2016 ernannte Putin ihn zum Gouverneur der Region Tula, die er in den folgenden acht Jahren leitete. Sobald der Günstling des russischen Präsidenten Gouverneur wurde, bekam er Unterstützung von allen Seiten: vom Verteidigungsministerium, das mit dem Bau von Brücken in der Region Tula begann, bis zur Moskauer Regierung, die die Uferpromenade in Tula renovierte. Staatliche Unternehmen und Privatfirmen schlossen sich an. Im Jahr 2024 holte Putin seinen Günstling nach Moskau zurück und ernannte ihn zu seinem Assistenten für den Militärisch-Industriellen Komplex sowie zum Sekretär des Staatsrats. Dieses einst unbedeutende Beratungsgremium erhielt im Jahr 2020 im Zuge umfassender Verfassungsänderungen Verfassungsrang. Nach Ansicht vieler Experten verlieh Putin dem Gremium diesen Verfassungsrang, um es künftig leiten und die Macht an einen Nachfolger übergeben zu können, während er sich die Möglichkeit bewahrt, dessen Entscheidungen zu kontrollieren.
Präsidialadministration/ Kommission für Personalpolitik
Sicherheitsdienst des Präsidenten (SBP)
Alexey Rubezhnoy ist Berufsoffizier der Spezialeinheit „Alpha” und trat im Juni 2016 die Nachfolge von Dmitry Kochnev als Leiter des Sicherheitsdienstes des Präsidenten (SBP) an. Rubezhnoy konzentrierte sich darauf, wirtschaftliche Macht aufzubauen, wobei er den SBP als Instrument für Lobbyarbeit und die Kontrolle über strategische Vermögenswerte nutzte. Rubezhnoy leitet den Obersten Aufsichtsrat des Russischen Boxverbands, dessen Vorsitzender Umar Kremlev (Lutfulloev) ist, ein Geschäftsmann mit krimineller Vergangenheit. Rubezhnoy und Kremlev sind familiär verbunden, sie sind mit Schwestern verheiratet. Durch Rubezhnoys Fürsprache konnte Kremlev persönliche Kommunikation mit dem Präsidenten aufnehmen. Ihre Partnerschaft ermöglichte es ihnen, die Kontrolle über Märkte im Volumen von mehreren Milliarden Dollar zu übernehmen: von der Monopolisierung des Wettgeschäfts bis hin zur Leitung des größten Lotteriebetreibers des Landes. Nach der Vollinvasion der Ukraine im Jahr 2022 wurde Rubezhnoy zu einem der Hauptnutznießer der Entprivatisierung und „Verstaatlichung” von Privateigentum. Es war Rubezhnoy, der sich bei Putin für ein Dekret einsetzte, mit dem die Vermögenswerte von Russlands größtem Autohändler „Rolf” unter die vorübergehende Verwaltung der Staatsagentur Rosimushchestvo gestellt wurden; der neue Eigentümer Kremlev wurde faktisch zu Rubezhnoys Protegé.
Föderale Zollbehörde (FTS)
Valery Pikalev (57) war beim SBP tätig, wo er etwa vier Jahre lang die Abteilung „V” leitete, die für die Sicherheit von Wladimir Putins Residenz „Uzhin” auf der Halbinsel Valdai zuständig war. 2018 begann Pikalev eine „zivile” Karriere in der Nordwestregion. Er war als Vizegouverneur und Verwaltungsleiter des Gouverneurs von Sankt Petersburg, Alexander Beglov, tätig und fungierte dabei als „Aufpasser” des Kremls über die lokale Bürokratie. Er befasste sich zudem aktiv mit den Wiederaufbauprojekten in der russisch besetzten Stadt Mariupol. Im Mai 2024 ernannte Putin Pikalev zum Leiter der Föderalen Zollbehörde (FTS). Indem er seinen ehemaligen Leibwächter an die Spitze des Zolldienstes setzte, sicherte sich der Präsident die direkte Kontrolle über eine der wichtigsten Quellen für Haushaltseinnahmen (mehr als 3,3 Billionen Rubel im ersten Halbjahr 2024,) sowie einen kritischen Knotenpunkt des „Parallelimports” zur Umgehung der Sanktionen.
Katastrophenschutzministerium (MCHS)
Alexander Kurenkov (53) ist Geheimdienstler von Beruf. Sein Werdegang entspricht dem Weg jener „Adjutanten”, die unter Putin zu Staatsministern aufstiegen. 2002 trat er in den Dienst des Föderalen Sicherheitsdienstes FSO ein und wurde ab 2015 Adjutant Putins. 2021 wurde Kurenkov zur Rosgvardia unter Viktor Zolotov versetzt, wo er stellvertretender Direktor wurde. Im Mai 2022 ernannte Putin ihn zum Leiter des Katastrophenschutzministeriums (MCHS). Putin charakterisierte ihn als „Fleißiger Beamter” (служака) im besten Sinne des Wortes. Er sei in der Lage, strenge Ordnung in die Struktur zu bringen. Im Juni 2025 wurde Kurenkov zum Generaloberst befördert. Unter seiner Führung integriert sich das MCHS in die militärische Agenda und baut das Zivilschutzsystem sowie die Schutzräume aktiv wieder auf, wofür mehr als 150 Milliarden Rubel vorgesehen sind.
Bank Rossiya, Nationale Mediengruppe (NMG), SOGAZ
Yuri Kovalchuk (74) gilt als „persönlicher Bankier” und Chefideologe des Präsidenten und ist für die Gestaltung der Medienagenda sowie strategische Planung zuständig. Kovalchuk ist der inoffizielle Gestalter der russischen Innenpolitik. Über die „National Media Group” (NMG) unter der Leitung von Putins Geliebter Alina Kabaeva kontrolliert Kovalchuk die größten Medienressourcen des Landes: Channel One, Fifth Channel, REN TV und Izvestia. Die wirtschaftliche Basis des Clans bilden die Bank Rossiya und die SOGAZ-Versicherungsgruppe. Kovalchuk erreichte nach 2020 eine neue Ebene: Vielen Quellen zufolge war er es, der während der Pandemie die meiste Zeit mit Putin in Isolation verbrachte und seine Ansichten zur ”Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit” und zur Konfrontation mit dem Westen teilte. Mit Sergey Kiriyenko kontrolliert er die Präsidialverwaltung, und über seinen Bruder Mikhail Kovalchuk kontrolliert er die Grundlagenforschung und die Budgets der führenden Forschungsinstitution, des Kurchatov-Instituts. Im Jahr 2024 wurde der Einfluss des Clans durch die Ernennung von Jurys Sohn Boris zum Leiter der Rechnungskammer gesichert.
Kurchatov Institut, Präsidialrat für Wissenschaft und Forschung
Mikhail Kovalchuk (79) ist der ältere Bruder von Jury Kovalchuk und der oberste Ideologe der wissenschaftlichen und technologischen Entwicklung Russlands. Seit 2005 leitet er das Kurchatov Institut, das sich zu einem „wissenschaftlichen Imperium” entwickelt hat und Dutzende der führenden Forschungsinstitute des Landes unter seinem Dach vereint. Kovalchuk dient Putin als Wegweiser in die Welt der „Wissenschaft der Zukunft” und globaler Bedrohungen. Er ist der Urheber von Theorien über die Schaffung „naturähnlicher Technologien” und „biologischer Gefahren”, die angeblich aus dem Westen kommen. Nach 2022 wurde Michail Kovalchuk zu einer Schlüsselfigur für die Sicherstellung der „technologischen Mobilisierung” und förderte die Idee einer vollständigen Isolierung der russischen Wissenschaft von westlichen Institutionen.
Präsidialadministration (Innenpolitik), Rosatom, VKontakte
Sergey Kiriyenko (62) ist der Kurator der Innenpolitik des Putin-Regimes und seit 2016 Erster Stellvertretender Leiter der Präsidialverwaltung. Sein Bündnis mit dem Kovalchuk-Clan ist strategischer Natur: Kiriyenko stellt administrative Ressourcen und Personal zur Verfügung, während die Kovalchuks finanzielle und mediale Unterstützung leisten. Kiriyenkos Einfluss beruht auf der vollständigen Kontrolle über die Deutungshoheit und das Personal. Er ist der Ideologe des Systems „Führer Russlands”. Im digitalen Umfeld ist der Clan durch Sergey Kiriyenkos Sohn Vladimir verankert, der die VK-Holding mit dem bekannten sozialen Medium VKontakte leitete. Dadurch wurde das größte soziale Netzwerk des Landes zu einem Instrument staatlicher Kontrolle und Propaganda. Nach 2022 wurde Kiriyenko zu einem zentralen „zivilen” Gesicht des Krieges und beaufsichtigte die Schaffung einer neuen ideologischen Schicht in der Gesellschaft.
Verteidigungsministerium der Russischen Föderation
Andrey Belousov (66) wurde im Mai 2024 zum Verteidigungsminister ernannt. Er ist der Hauptarchitekt des Konzepts des „militärischen Keynesianismus“, wonach enorme Militärausgaben zum Motor der gesamten russischen Wirtschaft werden sollten.
Belousovs Hauptaufgabe besteht darin, eine „Gesamtprüfung“ der Militärausgaben durchzuführen und Korruptionsstrukturen auszumerzen. Er beansprucht nicht die Rolle eines Befehlshabers für sich, kontrolliert jedoch vollständig die Finanzströme.
Er ist für Putin das ideale Instrument zur Kontrolle des Sicherheitsblocks.
Regierung von Sankt Petersburg
Boris Kovalchuk (48) ist der Sohn von Jury Kovalchuk und verkörpert den Prozess der Übertragung von Macht und Vermögen an die „Erben” des engsten Kreises des Präsidenten. Von 2009 bis 2024 leitete er eines der größten Energieunternehmen des Landes, die Holding Inter RAO. Im Jahr 2024 wurde er zum Leiter des Rechnungshofes der Russischen Föderation ernannt. Diese Ernennung machte ihn zum obersten „Rechnungsprüfer” des Landes und verschaffte dem Kovalchuk-Clan einen beispiellosen Hebel zur Kontrolle über die gesamte Machtstruktur, wodurch er die Finanzdisziplin potenzieller Konkurrenten überwachen kann.
Government of St. Petersburg
Alexander Beglov (69) gilt als direkter Vertrauter von Yuri Kovalchuk und wahrt die Interessen des Clans in dessen „Stammgebiet” St. Petersburg. Als Gouverneur von Sankt Petersburg fungiert Beglov als Treiber großer Infrastruktur- und Investitionsprojekte, an denen die Bank Rossiya und mit Kovalchuk verbundene Bauunternehmen beteiligt sind. Im Jahr 2024, nachdem er für eine weitere Amtszeit wiedergewählt worden war, behielt Beglov die volle administrative Kontrolle über die für den Kovalchuk-Clan zweitwichtigste Stadt des Landes.
Generalstaatsantwaltschaft
Alexander Gutsan (65) ist eine Vertrauensperson des Kovalchuk-Clans innerhalb der Strafverfolgungsbehörden. Im September 2025 erreichte Gutsans politischer Einfluss seinen Höhepunkt: Er wurde zum Generalstaatsanwalt der Russischen Föderation ernannt. Damit erlangte Kovalchuk-Clan die Kontrolle über das wichtigste Aufsichtsorgan des Landes. Im Verbund mit Boris Kovalchuk als Leiter der Rechnungskammer hat die Familie nun die Möglichkeit, nicht nur finanzielle Ausgaben zu prüfen, sondern auch sofort strafrechtliche und verwaltungsrechtliche Verfahren gegen beliebige Beamte oder Geschäftsleute einzuleiten. Gutsan spielt eine Schlüsselrolle bei der Legalisierung der Umverteilung von Vermögen.
Rostec
Sergey Chemezov (73) ist eine der einflussreichsten Personen in Putins Umfeld, dessen Verbindung zum Präsidenten bis in die Mitte der 1980er Jahre zurückreicht, als beide in Dresden eingesetzt waren. Seit 2007 leitet Chemezov den staatlichen Konzern Rostec. Unter seiner Kontrolle stehen Hunderte von Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes. Nach 2022 gewann Chemezov als wichtigster Rüstungsproduzent für die russische Armee entscheidend an Bedeutung. Er beteiligt sich aktiv am Prozess einer „schleichenden Verstaatlichung”: Vermögenswerte privater Eigentümer, die staatliche Rüstungsaufträge nicht bewältigen können oder als „illoyal” eingestuft werden, werden systematisch unter die Verwaltung von Rostec gestellt.
Transneft
Nikolai Tokarev (75) ist Mitglied der „Dresdner Gruppe” der, die mit Putin in der DDR gedient haben. Tokarev gehört traditionell zum Einflussbereich von Sergey Chemezov. Unter seiner Führung entwickelte sich der Konzern Transneft zu einem zentralen Instrument der Energiediplomatie des Kremls und verwaltet heute das weltweit größte Ölpipelinesystem. Nach 2022 gewann Tokarevs Rolle im Zusammenhang mit der Neuausrichtung der Ölströme vom Westen in den Osten entscheidend an Bedeutung. In der Hierarchie des Clans fungiert Tokarev als „Hüter der Pipelines” – der wichtigsten finanziellen Lebensader des Regimes.
Regierung
Denis Manturov (57) ist der wichtigste Vertreter der Interessen von Sergey Chemezov in der Regierung. Chemezov bezeichnete Manturov öffentlich als „verlässlichen Freund”. Im Mai 2024 erhielt er den Status des Ersten stellvertretenden Ministerpräsidenten, wodurch er zum obersten Kurator des gesamten zivilen Wirtschaftssektors und des militärisch-industriellen Komplexes wurde. Für die erfolgreiche Versorgung der Front im Jahr 2026 verlieh Putin Manturov den Titel „Held der Russischen Föderation”. Manturov spielt die Rolle eines strategischen Akteurs, der die Expansion von Rostec legalisiert und die zivile Industrie auf „militärische Gleise” bringt.
Staatlicher Nanotechnologiefonds Rosnano, Militärisch-Industrielle Kommission (VPK)
Sergej Kulikow (49) ist einer der vertrauenswürdigsten jungen Technokraten im System von Sergey Chemezov. Im Dezember 2020 löste Kulikov Anatoli Tchubais als Leiter des staatlichen Nanotechnologiefonds Rosnano ab. Seine Ernennung markierte den endgültigen Übergang des Innovationssektors unter die Kontrolle der Rostec-Gruppe und der Silowiki. Vor dem Hintergrund des Krieges wurde Rosnano neu auf die Anforderungen der Militärisch-Industriellen Kommission VPK ausgerichtet, die für das Management der Rüstungsindustrie zuständig ist. Dies betrifft insbesondere die Entwicklung neuer Materialien und Mikroelektronik für die Front.
Rosneft
Igor Sechin (65) ist in den Medien wegen seines harten Führungsstils als „Darth Vader” bekannt. Seit 2004 leitet Setschin das Unternehmen Rosneft, das er durch eine Reihe aggressiver Übernahmen zum weltweit größten Ölkonzern gemacht hat. Er wurde zum wichtigsten Ideologen des Staatskapitalismus. Machtunterstützung erhält Sechin durch die sogenannten Sechin-Spetsnaz – den 6. Dienst der Direktion für Innere Sicherheit des Inlandsgeheimdienstes FSB, den er im Zusammenhang mit dem Yukos-Fall mit aufgebaut hat. Der ehemalige Leiter der „Sechs”, Ivan Tkachev, steht heute an der Spitze der Abteilung für militärische Spionageabwehr des FSB (DVKR), was Sechin beispiellose Einflussmöglichkeiten auf die Armeeführung verschafft.
Novatek, Sibur, ex-Gunvor
Gennady Timchenko (73) ist ein Schwergewicht innerhalb der Elite um Putin.
Laut offiziellen Angaben des US-Finanzministeriums hielt Putin persönlich Anteile an Timchenkos Unternehmens Gunvor. Das macht Timchenko zum faktischen Verwalter der persönlichen Öleinnahmen des Präsidenten.
Nach 2022 wurde Timchenkos Rolle für das Überleben des Regimes unter den Bedingungen des internationalen Ölembargo entscheidend. Die von ihm gemanagten Organisationsstrukturen und ehemaligen Manager übernahmen die Verwaltung der „Schattenflotte“ – zahlreicher Tanker mit undurchsichtigen Eigentumsverhältnissen.
Timchenko ist Architekt von Exportkorridore zur Umgehung der Sanktionen.
Abteilung für militärische Spionageabwehr (DVKR) des Inlandsgeheimdienstes FSB
Generalleutnant Ivan Tkachev leitete die 6. Abteilung der Direktion für innere Sicherheit des FSB, die unter direkter Beteiligung von Igor Sechin gegründet worden war, um das politische und wirtschaftliche Feld von Gegnern zu säubern. Die „Sechste” erlangte einen Ruf als „Opritschniki” nach der brutalen Militäreinheit unter Ivan dem Schrecklichen. Danach leitete Tkachev die mächtige Abteilung „K” des FSB, die für die Abwehr von Finanzspionage und damit die Kontrolle von Banken, Steuerbehörden und den Wirtschaftssektor zuständig ist. Anschließend wurde er Leiter der Abteilung für militärische Spionageabwehr (DVKR) des FSB. Im Falle eines umfassenden Krieges übt die DVKR die direkte Aufsicht über das Verteidigungsministerium aus und überwacht die Verteilung der enormen Verteidigungsbudgets.
“Unabhängiges Öl- und Gasunternehmen” (NNC)
Regierung der Russischen Föderation
Alexander Novak (54) ist ein wichtiger Technokrat im Führungsapparat des russischen Brennstoff- und Energiekomplexes. Trotz seines Status als „Technokrat” ist Novak eng in den Einflussbereich von Igor Sechin eingebunden. Seit 2015 ist er Mitglied des Verwaltungsrats des Ölkonzerns Rosneft. Im Mai 2024 bestätigte Putin ihn erneut als stellvertretenden Ministerpräsidenten. Novak fungiert als Sechins „Schnittstelle zum Staat” und legalisiert die Initiativen von Rosneft durch Regierungsverordnungen und internationale Abkommen.
Bauunternehmensgruppe Mostotrest, SMP Bank, Flughäfen Sheremeyevo und Domodedovo
Arkady Rotenberg (74) ist ein Jugendfreund Putins. Er baute ein riesiges Bauimperium auf, das sich auf die ehrgeizigsten staatlichen Projekte spezialisiert hat. Deren wichtigstes Symbol ist die Krim-Brücke. Rotenberg agiert über private Strukturen, die vollständig von staatlichen Mitteln abhängig sind. Nach 2022 wurden Arkady Rotenberg und die Mitglieder seines Clans zu den Hauptnutznießern der Umverteilung und Verstaatlichung von Eigentum. Laut der Financial Times hat das mit Rotenberg verbundene Unternehmen Roskhim bereits mindestens drei russische Unternehmen erworben, nachdem diese verstaatlicht worden waren. Im Jahr 2020 verlieh Putin ihm den Titel ”Held der Arbeit der Russischen Föderation”.
Platon System, Gazprom Burenie
Igor Rotenberg (52) ist der älteste Sohn von Arkady Rotenberg. Sein wichtigster Besitz ist eine Beteiligung an RT-Invest Transport Systems, dem Betreiber von Platon System, das auf Bundesstraßen Mautgebühren von schweren Lkw erhebt. Dieses Projekt ist ein klassisches Beispiel für eine öffentlich-private Partnerschaft im Interesse eines kleinen Kreises von Personen. Igor Rotenberg kontrolliert zudem Gazprom Burenie, den größten Auftragnehmer von Gazprom. Er verwaltet die „digitale Rente”, die der Familie langfristige finanzielle Stabilität sichert.
SMP Bank
Boris Rotenberg (68) ist der jüngere Bruder von Arkady. Boris war traditionell für den Finanzbereich und die Verwaltung des persönlichen Familienvermögens zuständig. Außerdem fungiert er als Hauptverantwortlicher für Sportprojekte, die einen wichtigen Kanal für die informelle Kommunikation mit Putin darstellen. Nach 2022 wurde die SMP Bank in die Promsvyazbank (PSB) integriert, wodurch das Familienvermögen in das System zur Abwicklung staatlicher Rüstungsaufträge eingebunden werden konnte.
Russische Eisenbahn (RZD)
Oleg Belozerov (56) steht seit 2015 an der Spitze der RZD. Seine Karriere ist untrennbar mit Sankt Petersburg und den Interessen der Brüder Rotenberg verbunden. Unter seiner Führung wurde die RZD zum Hauptkunden der Rotenberg-Bauholdings, unter anderem bei Projekten zum Ausbau des “Östlichen Polygons” (den Eisenbahnstrecken Baikal-Amur-Magistrale und Transsib). Belozerov sorgt für den reibungslosen Ablauf der Militärtransportlogistik.
Ministry of Defense of the RF
Militärgeheimdienst GRU
Valery Gerasimov (70) ist seit 2012 Generalstabschef. Er ist einer von drei Personen im Land, die Zugang zum „Atomkoffer” haben. Seit Januar 2023 leitet Gerasimov persönlich das Gemeinsame Einsatzkommando im Krieg gegen die Ukraine.
Militärgeheimdienst GRU
Admiral Igor Kostyukov (65) leitet seit 2018 den Militärgeheimdienst. Unter seiner Führung entwickelte sich der GRU zu Russlands wichtigstem Instrument für Sabotageakte im Ausland. In den Jahren 2024 bis 2026 wurde der GRU zum Hauptakteur des „hybriden Krieges”, einschließlich Cyberangriffen und Sabotage an Logistikzentren, die Hilfsgüter in die Ukraine liefern. Im Januar 2026 leitete er die russische Delegation bei Ukraine-Gesprächen in Abu Dhabi, was seinen Status als einflussreicher politischer Akteur unterstrich.
Inlandsgeheimdienst FSB
Alexander Bortnikov (74) steht seit Mai 2008 an der Spitze des FSB. Er fungiert als wichtigster „Hüter des Regimes” und ist für die innere Stabilität sowie die Bekämpfung von Widerstand zuständig. Seit 2022 ist sein Einfluss für den Kreml von existenzieller Bedeutung. Laut Quellen von iStories verliert Bortnikow jedoch aufgrund seines Gesundheitszustands an Einfluss und verbringt mehr Zeit in Sanatorien als bei der Arbeit.
FSB
Sergej Korolev (63) ist der „graue Kardinal” der Lubjanka, dem Hauptsitz es FSB in Moskau. Obwohl er den Ruf hat, enge Verbindungen zu Führern der kriminellen Unterwelt zu unterhalten (er half dem Gangsterboss Gennady Petrov und dem Auftragskiller Aslan Gagiev), werden solche Verbindungen im Putin-Regime als „operative Arbeit” gewertet. Heute ist Korolev der Erste Stellvertretende Direktor des FSB und leitet aufgrund von Bortnikovs Gesundheitszustand faktisch die täglichen Aktivitäten des Dienstes.
Dienst für den Schutz der verfassungsmäßigen Ordnung und die Terrorismusbekämpfung (2. Dienst des FSB)
General Alexey Sedov (71) leitet seit 2006 den 2. Dienst, den Menschenrechtsaktivisten als „politische Gestapo” bezeichnen. Diese Einrichtung ist für die physische und rechtliche Ausschaltung politischer Gegner zuständig. Mitarbeiter des 2. Dienstes waren für die Vergiftung von Alexej Navalny verantwortlich. Sedow hat das Recht, direkt an Putin zu berichten. Auch im Jahr 2026 bleibt Sedow der zentrale Architekt der totalen politischen Kontrolle.
Assistent des Präsidenten
Nikolai Patrushev (74) war 16 Jahre lang Sekretär des Sicherheitsrates. Nach dem Aufstand von Yevgeny Prigozhin geriet seine Position ins Wanken. Im Mai 2024 wurde er auf den bescheideneren Posten des Präsidentenassistenten für den Schiffbau versetzt. Dennoch verfügt er durch ein Netzwerk an Personen wie Alexey Sedov, die er im Machtapparat platziert hat, weiterhin über erheblichen Einfluss innerhalb des staatlichen Sicherheitsapparats.
Medienunternehmen Tsargrad Media, Privat-Armee
Konstantin Malofeev (5) ist als „orthodoxer Oligarch” bekannt. Er war maßgeblich an den Ereignissen von 2014 im Donbass und auf der Krim beteiligt. Nach 2022 gewann er durch die Finanzierung zahlreicher privater bewaffneter Einheiten und Freiwilligenbataillone an Bedeutung. Mit seiner eigenen Privat-Armee könnte Malofeev im Machtkampf zu einer „Überraschung” werden.
Text und Recherche: Roman Anin (iStories) Deutsche Übersetzung: Silvia Stöber, Alexej Hock Design: Muhammad Faraj Redaktion: Justus von Daniels Kommunikation: Nadine winter.
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