Filz und Flügelkampf: Die Personal-Affäre verschärft den Machtkampf in der AfD
Die Verwandtschaftsaffäre erschüttert die AfD – und das völkische Lager nutzt die Vorwürfe, um interne Machtverhältnisse zu verschieben. Besonders in NRW, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt toben Grabenkämpfe. Die Parteispitze sucht in einer Krisensitzung nach Antworten.
Es brodelt gewaltig in der AfD: Montag traf sich der Bundesvorstand in Berlin zu einer Krisensitzung, zuvor tagte auch der Fraktionsvorstand der Partei. Anlass gab es genug: Fast täglich werden neue fragwürdige Beschäftigungsverhältnisse im Umfeld der Partei aufgedeckt. Was in Sachsen-Anhalt begann, hat mittlerweile fast alle Landesverbände und sogar den Bundestag erfasst.
In diesem Chaos scheint vor allem das völkische Lager zu versuchen, die Skandale für interne Machtkämpfe zu nutzen. Das zeigt ein Blick in die Landesverbände Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen.
NRW: Eine Mitte-Achtzigjährige, eine Freundin und ein interner Machtkampf
Im Landesverband Nordrhein-Westfalen wurde vor ein paar Tagen ein besonders skurriles Anstellungsverhältnis publik. Laut Spiegel-Recherchen ist eine Mitte-Achtzigjährige Ehefrau eines ehemaligen AfD-Kommunalpolitikers, im Landtagsbüro von Klaus Esser (AfD) beschäftigt. Gleichzeitig arbeitet Essers Ehefrau – wie T-Online enthüllte – im Bundestagsbüro von Markus Matzerath, ebenfalls Mitglied im NRW-Landesverband der AfD.
Der stellvertretende AfD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Stefan Keuter, beschäftigt laut T-Online seine eigene Freundin in seinem Abgeordnetenbüro. Keuter weist den Vorwurf zurück, es gebe keine „gemeinsame Haushaltsführung oder ein Zusammenleben“. Dass der Name der Mitarbeiterin an seiner Wohnanschrift auftaucht, erklärt er demnach damit, er nehme „vorübergehend“ ihre Post entgegen.
Auch im nordrhein-westfälischen Landtag gibt es personelle Verflechtungen: Wie der Kölner Stadt-Anzeiger berichtet, arbeitet der Bruder des Landtagsabgeordneten Christian Blex für einen Parteikollegen.

Der radikale Dortmunder AfD-Bundestagskandidat Matthias Helferich versucht diese Enthüllungen für sich zu nutzen. Auf der Plattform X schreibt er: „Interessant und beruhigend ist, dass das Vetternwirtschaftssystem in NRW nur bei Vincentz-Leuten etabliert zu sein scheint: Klaus Esser, Stefan Keuter und Christian Blex.“
Es ist kein Geheimnis, dass zwischen dem Bundestagsabgeordneten Helferich, der sich selbst mal in einem Chat „das freundliche Gesicht des NS“ nannte, und dem amtierenden AfD-Landeschef Martin Vincentz seit Monaten ein erbitterter Richtungsstreit tobt. Helferich nennt seinen Kontrahenten einen „Pseudo-Bürgerlichen“ und wirft ihm vor, mit „der Parteirechten“ Krieg zu führen.
Helferich sucht immer wieder die Nähe zum rechtsextremen Aktivisten Martin Sellner, dessen „Remigrations”-Konzept gerichtlich als verfassungswidrig eingestuft wird. Vincentz hingegen versucht, Helferich mit einem Parteiausschlussverfahren loszuwerden. Dieses wurde im Juli 2025 vom Landesschiedsgericht NRW bestätigt und liegt nun beim Bundesschiedsgericht.
Auch intern versucht Helferich gegen die Gruppe um Vincentz zu schießen. Nach CORRECTIV-Informationen hat er sich dafür eingesetzt, die Causa Stefan Keuter auf die Tagesordnung der Fraktionssitzung am Montag zu setzen und dessen Rücktritt gefordert.
AfD-Vetternwirtschaft in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen: Vorwürfe, Machtkampf und Brandbriefe
Ausgangspunkt der Vetternwirtschafts-Affäre war der Landesverband Sachsen-Anhalt. Dessen verstoßener früherer Generalsekretär, Jan Wenzel Schmidt, erhob schwere Vorwürfe gegen den Landesverband. Die Vorwürfe richteten sich speziell gegen die sogenannte Pokerrunde um den Landesvorsitzenden Martin Reichardt, den Spitzenkandidaten für die Landtagswahlen, Ulrich Siegmund, und den parlamentarischen Geschäftsführer Tobias Rausch. Die „Pokerrunde“ wehrte sich und erhob ihrerseits Vorwürfe gegen Schmidt.
Inzwischen sind mindestens zehn Landtags- und Bundestagsabgeordnete aus Sachsen-Anhalt in die Vetternwirtschafts-Affäre involviert – auch Schmidt selbst. Besonders viel Aufmerksamkeit bekam die Anstellung des Vaters von Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Er arbeitet im Bundestag für Thomas Korell und bekam dafür laut ZDF zeitweise rund 7700 Euro Steuergeld.
Schwere Filz-Vorwürfe sind auch im Landesverband Niedersachsen bekannt geworden, nachdem die Europaabgeordnete Anja Arndt mit Brandbriefen die AfD-Gruppe um den Landesvorsitzenden Ansgar Schledde kritisiert hatte.

In den Schreiben prangert Arndt ein vermeintlich korruptes Netzwerk an, in dem Abgeordnete bis zu 35 Prozent ihrer Mitarbeiterbudgets für Parteiarbeit genutzt haben sollen. Damit wäre Steuergeld zweckentfremdet worden, hatte der Stern zuerst berichtet. Demnach ginge es allein bei den 13 Bundestagsabgeordneten aus Niedersachsen um rund 1,45 Millionen Euro jährlich und die Kontrolle, welche Mitarbeitenden eingestellt werden. Der Landesvorsitzende Ansgar Schledde streitet die Anschuldigungen ab. Die Europaabgeordnete Arndt nahm indes am Montag an der Sitzung des Bundesvorstands teil.
Schon länger gilt Arndt als Sympathisantin von Björn Höcke, berichtete etwa der NDR 2024. Sie selbst sagte dem Sender: „Wenn jemand mal eine Aussage macht, die man rassistisch deuten könnte, muss er dennoch kein Rassist sein.“ Jemanden mit tatsächlich rassistischen Weltbild habe sie in der AfD noch nicht kennengelernt, würde sich dann aber distanzieren. Arndts Sohn – ebenfalls im Bundestag angestellt – nahm derweil erst kürzlich an einer Kampagne der Neuen Rechte teil, bei der sich die Völkischen zum Kampfbegriff „Remigration“ bekannten.
Konsequenzen auf Vetternwirtschaft-Affäre sind richtungsweisend für die AfD
Die Art, wie Bundes- und Fraktionsspitze reagieren, dürfte entscheidend dafür sein, wer in der AfD künftig den Ton angibt. Klare Konsequenzen aus der Verwandtenaffäre bleiben jedoch vorerst aus. Statt Rücktritten sollen sich nun in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt parteiinterne Kommissionen um die Filz-Vorwürfe kümmern.
Allerdings soll Alice Weidel den stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Stefan Keuter laut Bild zum Rücktritt aufgefordert haben. Doch Keuter widersprach CORRECTIV gegenüber: Einen Rücktritt habe er „nie in Erwägung gezogen, da er sich nichts hat zuschulden kommen lassen“, ließ Keuter von einer Mitarbeiterin ausrichten.
Parallel läuft ein Ordnungsverfahren gegen den Abgeordneten Jan Wenzel Schmidt. Ihm wird zumindest offiziell vorgeworfen, sein Mandat für private Diamantengeschäfte in China genutzt und Mitarbeiter nur scheinbeschäftigt zu haben. Schmidt bestreitet die Vorwürfe, doch der Bundesvorstand hat bereits ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn eingeleitet. Ob er aus der Fraktion ausgeschlossen wird, entscheidet nun der Fraktionsvorstand – Schmidt selbst gab an, davon nur aus der Bild erfahren zu haben.
Auch prominente Stimmen aus dem Rechtsaußen-Lager haben die Tragweite des Skandals erkannt. Der Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke etwa kritisierte auf X, die Partei könne nur an sich selbst scheitern. Und das gerate „in den Bereich des Möglichen“. Höcke teilte einen Artikel seines Vertrauten, dem rechtsextremen Verleger Götz Kubitschek. Der schrieb: „Der Schaden ist schon da, die Glaubwürdigkeit hat einen Riß. Tünche reicht nicht, aufräumen muß man.“
Mitarbeit: Dominik Lenze, Jean Peters
Redaktion: Marius Münstermann, Justus von Daniels
Faktencheck: Marius Münsterman