Denkanstoß

Ein Jahr Donald Trump – das Ende des Einwanderungslandes USA

Seit einem Jahr ist Donald Trump erneut US-Präsident. Die Migrationspolitik seines Landes hat mit großem Tempo und Brutalität umgekrempelt. Doch für die Gesellschaft und die Wirtschaft der USA hat das fatale Folgen.

von Carsten Wolf

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Man muss Donald Trump beim Wort nehmen. Auch wenn er wirr redet und Fantasie-Zahlen benutzt. Denn er ist jetzt US-Präsident und die Migrationspolitik seines Landes hat er im ersten Jahr in irrem Tempo umgekrempelt. Aber: Er hat immer noch weniger Menschen abgeschoben als zum Beispiel Obama in seinem ersten Jahr.

Sein Versprechen, „Millionen und Abermillionen Menschen“ abzuschieben, hat Trump nicht gehalten. Aber das ist ihm egal. Solche Zahlen dienen ihm mehr als Bild. Trump will die Debatte bestimmen. Und er will Angst verbreiten. Und das hat er geschafft.

Die Bilanz

Eine Bilanz des ersten Jahres im Amt beim Thema Migration ist schwierig. Denn konkrete Zahlen werden zurückgehalten oder übertrieben. So erklärte Heimatschutzministerin Noem: „Bis Ende 2025 werden 2,5 Millionen Illegale Einwanderer das Land verlassen haben.“ Einige deutsche Medien übernahmen diese übertriebenen Zahlen völlig unkritisch.

Die Fakten sagen etwas anderes: US-Forscher gehen davon aus, dass Trump rund 310.000 Abschiebungen erreicht hat. Das sind weniger als zum Beispiel Obama in seinem ersten Jahr (390.000). Außerdem zählen Forscher rund 600.000 Ausreisen. Alles in allem rund eine Million ausgereiste Migranten. 

Aber: In Zukunft wird Trump viel mehr Menschen abschieben und er wird die Migration in die USA stark herunterfahren. Anders als in seiner ersten Amtszeit. Wie bei den Zöllen wird er weiter Gesetze brechen und in Kauf nehmen, dass die amerikanische Wirtschaft massiv leidet. Denn er meint es wirklich ernst.

Das zeigen die Skandale um die ICE-Abschiebetrupps: Weil das Tempo der Abschiebungen Trump nicht schnell genug ging, machen ICE-Angestellte inzwischen Jagd auf Migranten in den Straßen von US-Metropolen. Sie inhaftieren sie in Schulen, in Krankenhäusern und auf Arbeitsstellen. Die Mehrheit der Festgenommen hat keine Vorstrafen. Aktuell sind rund 70.000 Menschen in Haft. Ein neuer Höchststand. Experten rechnen damit, dass aufgestockte Steuermittel dazu führen, dass auch die Abschiebungen 2026 massiv ansteigen werden, auf dann 500.000. Das wäre dann tatsächlich mehr als je zuvor.

Trump zielt auch auf reguläre Migranten

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten hatte die USA im vergangenen Jahr vermutlich eine Netto-Abwanderung. Das heißt, es gingen mehr Menschen als neu eingewanderten. Das ist eine Vollbremsung nach 2,2 Millionen Zugewanderten im Jahr 2024. Der US-Präsident zielt inzwischen auf jede Art von Migration, nicht nur die irreguläre. 

Er ergriff drastische Anti-Migrations-Maßnahmen: Weniger Familiennachzug, Einreisestopps aus dutzenden Ländern, Visaverteuerung und –aussetzung und ein kompletter Stopp der Geflüchteten-Aufnahme. Unternehmen beklagen fehlende Arbeitskräfte. Dass dadurch mehr Amerikaner in Jobs kommen, bezeichnen Experten als „statistische Fata Morgana“. 

Trumps Migrationspolitik schadet der Wirtschaft

Experten rechnen damit, dass in den nächsten Jahren rund 600.000 weniger Migranten in die USA kommen. Mit drastischen Folgen für die Wirtschaft, die auf Migration angewiesen ist: Wenn es so weitergeht, könnte die fehlende Migration das Wirtschaftswachstum um bis zu ein Drittel schrumpfen, so Prognosen.

Doch es regt sich Widerstand: Vor allem die ungestrafte Tötung einer dreifachen Mutter in Minneapolis durch einen ICE-Angestellten löste landesweit Proteste aus. Mit zivilem Ungehorsam behindern Bürger die Arbeit der Abschiebetrupps. Unternehmen protestieren gegen die Razzien. Forscher sammeln eigene Daten zu deren Arbeit. Und mehrere Bundesstaaten verklagen Trump, weil sie keine ICE-Einsätze bei sich wollen.

In einem früheren Text hatte ich hier geschrieben, dass Trump irgendwann das Interesse verliert, wenn ihm Themen wie Migration zu kompliziert werden. Danach sieht es im Moment nicht aus. Vielmehr nutzt er seine zweite Amtszeit, für radikale Gesetzesreformen und Chaos in den Straßen – um so dem Einwanderungsland USA vorerst ein Ende zu bereiten.

Carsten Wolf ist Fachautor für Migration und arbeitet als freier Journalist sowie als Redakteur beim Mediendienst Integration.