International

Auf den zweiten Blick: Belarus – Das Land, in dem man keine Nivea-Creme kaufen kann

Während Deutschland sich offiziell aus Belarus zurückzieht, verschwinden die wirtschaftlichen Beziehungen nicht, sondern nehmen neue Formen an: Ein AfD-Abgeordneter betreibt eine Farm mit politischen Gefangenen als Arbeitskräfte, chemische Substanzen aus Bayern landen in russischen Raketen. Wir erklären, warum Sanktionen ins Leere laufen – und welche Rolle Deutschland dabei spielt.

von Maria Savushkina

bel
Wenn die Nivea-Creme plötzlich nicht mehr in den Regalen steht. Quellen: W.carter, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons / Reiseuhu, Unsplash. Bearbeitung: Viera Zuborova.

In dieser Artikel-Serie werfen wir einen zweiten Blick auf aktuelle Ereignisse in Ländern, die in der deutschen Berichterstattung oft nur ein Schlaglicht bleiben. Gemeinsam mit lokalen Expertinnen und Experten fragen wir: Welche politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen stecken hinter den aktuellen Ereignissen, die wir in den Nachrichten sehen? Was bedeutet das für Demokratie und Medienfreiheit?


WAS BISHER GESCHAH

Die Geschichte der Sanktionen gegen Belarus beginnt früher, als viele denken. Die ersten Maßnahmen verhängte die Europäische Union im Dezember 2020 als Reaktion auf die gewaltsame Niederschlagung der Proteste nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl im August desselben Jahres. Weitere Sanktionen folgten 2021, nachdem das Regime von Alexander Lukaschenko eine Ryanair-Maschine zur Landung in Minsk zwang, um den Oppositionsjournalisten Roman Protassewitsch festzunehmen – einen der Köpfe des Exilmediums “NEXTA”.

Nach Beginn der groß angelegten russischen Invasion in die Ukraine im Februar 2022 wurden die Sanktionen weiter verschärft: Belarus hatte dem Kreml seine Militärinfrastruktur zur Verfügung gestellt. Seither verändert sich das wirtschaftliche Gesicht des Landes. Europäisch Unternehmen ziehen sich zurück – wenn auch zögerlich und mit erheblichen Unterschieden zwischen den Ländern. Gleichzeitig entstehen neue Wege, um Sanktionen zu umgehen. Und Deutschland spielt dabei eine Rolle, die Anlass zur Sorge gibt.

Langsam, langwierig, lückenhaft: Wie deutsche Unternehmen Belarus verlassen

Der Abzug deutscher Kapitalien aus Belarus ist ein Prozess, der sich über Jahre hinzieht – und bis heute nicht abgeschlossen ist. Wadim Sechowitsch, belarussischer Wirtschaftsexperte, der heute in Warschau lebt, beschreibt den Vorgang mit nüchternen Worten: Es sei schmerzhaft, langwierig und schwierig gewesen.

Einige Unternehmen waren jahrzehntelang im Land tätig. Carl Zeiss, Hersteller hochpräziser optischer Geräte, verließ Belarus erst 2024 – nach mehr als 30 Jahren. Ende 2025 stellte Robert Bosch seine Aktivitäten ein; nach Angaben unabhängiger belarussischer Medien hatte das Unternehmen bis dahin jährlich rund 100 Millionen US-Dollar im Land erwirtschaftet.

Sechowitsch sieht klare Unterschiede zwischen den Ländern. Unternehmen aus Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland zogen sich unmittelbar nach Beginn der Invasion zurück. Der Rückzug deutscher Kapitalien dauerte deutlich länger, über fünf Jahre. Österreichische Unternehmen sind noch immer präsent und bauen ihre Geschäfte sogar weiter aus.

Zu den verbliebenen deutschen Firmen gehören Knauf, ein großer Hersteller von Baustoffen und Bauchemie, sowie der Produzent von Konsumgütern und Haushaltschemie Henkel. Auch eine deutsche Tochtergesellschaft Jokey Mogiljow produziert weiterhin Kunststoffverpackungen in Mogiljow.

Belarus war über Jahrzehnte ein attraktiver Markt für deutsche Unternehmen – heute sieht die Situation anders aus. Quelle: Reiseuhu, Unsplash

Zwei Faktoren erklären für Sechowitsch das Zögern. Erstens ein Gefühl sozialer Verantwortung gegenüber den Beschäftigten vor Ort. Zweitens eine strukturelle Falle: Eine Ausstiegssteuer von 20 Prozent sowie eine schwarze Liste mit rund 1.800 ausländischen Unternehmen, die eine behördliche Genehmigung benötigen, um ihr Geschäft zu verkaufen, erschweren den Rückzug erheblich. Käufer sind schwer zu finden – kaum jemand möchte Unternehmen erwerben, die in einem Staat tätig sind, der als Mitaggressor im russischen Angriffskrieg gilt.

Ein AfD-Abgeordneter, politische Gefangene und eine Zwiebelfarm

Soziale Verantwortung gegenüber den Beschäftigten ist jedoch nicht immer das Motiv, das deutsche Unternehmer in Belarus hält. Der Fall einer Zwiebelfarm nahe der Stadt Lida in der Region Hrodna zeigt eine dunklere Seite.

Jörg Dornau, sächsischer Landtagsabgeordneter der AfD, soll auf seiner Farm Zybulka-Bel politische Gefangene eingesetzt haben. Laut Berichten erhielten die Häftlinge für ihre Arbeit etwa fünf Euro pro Tag.

Der Fall wurde im September 2024 von Journalistinnen und Journalisten des belarussischen Exilmediums Reform.news aufgedeckt. Chefredakteur Fyodar Pauluchenka schildert, wie die Verbindung hergestellt wurde: Es lagen Berichte vor, wonach politische Gefangene aus dem Haftzentrum für Ordnungswidrigkeiten in Lida zur Arbeit auf eine Zwiebelfarm gebracht worden seien. Zur gleichen Zeit tauchten Meldungen über einen deutschen Abgeordneten auf, der in Sachsen mit einer Geldstrafe belegt worden war, weil er seine Geschäftsaktivitäten in Belarus nicht angegeben hatte. Die Redaktion verknüpfte diese beiden Hinweise.

„Für Belarus wirkt das äußerst ungewöhnlich. Private Unternehmen stehen im Land normalerweise unter starkem Druck, doch für Dornau schienen alle Türen offen zu stehen.“ Fyodar Pauluchenka, Chefredakteur Reform.News

Die Beweise verdichteten sich, als einem ehemaligen politischen Gefangenen ein Foto von Dornau gezeigt wurde – er erkannte ihn sofort. Ein Auszug aus dem belarussischen Unternehmensregister bestätigte die Eigentümerschaft. Dornau hatte seine Aktivitäten kaum verborgen: Die staatliche Propaganda nutzte ihn als Beispiel für westliche Kooperation mit dem Regime; Fotos seiner Treffen mit Behördenvertretern erschienen in der staatlichen Zeitung Grodnenskaja Prawda und in der Lokalzeitung Lidskaja Gaseta.

Pauluchenka sieht in dem Fall noch viele ungeklärte Fragezeichen. Womit sich Dornau bei den belarussischen Behörden revanchiert habe, bleibt ein Rätsel. Möglicherweise sei sein Status als deutscher Politiker für das Regime attraktiv – die Genehmigung, ein solches Geschäft zu betreiben, könnte eine verschleierte Form der Bestechung darstellen. Stand Februar 2026 ist Dornau weiterhin Mitinhaber von Zybulka-Bel mit einem Anteil von 50 Prozent.

Von Reinigungsflüssigkeiten für Mikrochips bis zu Luxusautos

Der Fall Dornau steht nicht allein. Stanislau Ivashkevich, Gründer und Direktor des Belarusian Investigative Center, beschreibt zwei wiederkehrende Muster in seinen Recherchen: Sanktionsumgehung und die Aktivitäten der sogenannten „Lukaschenko-Portemonnaies“ – Geschäftsleute aus dem Umfeld des Regimes, die weiterhin über Deutschland operieren.

Anfang 2025 veröffentlicht das Belarusian Investigative Center gemeinsam mit der taz eine Recherche über eine brisante Lieferkette: Das belarussische Staatsunternehmen Integral hatte Mikrochips im Wert von mehr als 130 Millionen US-Dollar an den russischen militärisch-industriellen Komplex geliefert. Für die Herstellung dieser Chips wurde Chlorwasserstoff benötigt – eine Substanz, die in Belarus und Russland nicht in der erforderlichen Reinheitsklasse hergestellt werden kann.

Die Lösung kam aus Deutschland: Die Säure des Unternehmens Wacker Chemie wurde über die Ratinger Zwischenhandelsfirma UrSeCo Handels GmbH & Co. KG vertrieben und gelangte über Polen oder die Türkei nach Kasachstan, dann nach Russland und schließlich nach Belarus in das Werk “Integral”. Die fertigen Chips tauchten später in den Trümmern russischer Raketen in der Ukraine auf.

Die Veröffentlichung löste zunächst Reaktionen aus: Wacker Chemie kündigte an, die Geschäftsbeziehung mit UrSeCo zu beenden; im Januar 2025 erstattete jemand Anzeige bei der deutschen Staatsanwaltschaft. Das Nachspiel ernüchterte jedoch. Im Mai 2025 exportierte UrSeCo die Flüssigkeit offenbar weiterhin über dieselbe Route. Die Umgehung der Sanktionen funktionierte demnach noch mindestens ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung der Recherche.

Ein zweites Muster betrifft die„Lukaschenko-Portemonnaies“. Die Firma SV Maschinen GmbH etwa wird von Aljaksandr Schakutin kontrolliert – einem Unternehmer aus dem unmittelbaren Umfeld Lukaschenkos, gegen den persönliche Sanktionen verhängt wurden. Das Unternehmen wurde neuen Namen überschrieben, importierte aber weiterhin Traktoren, Mähdrescher und andere Landmaschinen nach Belarus – darunter Produkte von Marken, die offiziell ihren Rückzug angekündigt hatten. Im März 2026 veröffentlichte das Belarusian Investigative Center eine weitere Recherche, die zeigt, wie belarussische Unternehmen unter Sanktionsumgehung Luxusautos nach Russland liefern.

Investigativrecherchen konnten belegen, dass belarussische Unternehmen entgegen den Sanktionen Luxusautos nach Russland liefern ließen. Quelle: Evgeni Adutskevich, Unsplash.

Dass Deutschland so häufig in diesen Strukturen auftaucht, ist für Ivashkevich kein Zufall. Deutschland sei die größte Volkswirtschaft der EU – es sei schlicht am bequemsten, dort Geschäfte zu machen. Das eigentliche Problem gehe tiefer: Die EU-Mitgliedstaaten hätten bislang nicht vollständig verstanden, dass wirtschaftlicher Druck nur dann wirkt, wenn man selbst bereit ist, finanzielle Verluste in Kauf zu nehmen und in Kontroll- und Überwachungsstrukturen zu investieren. 

Mehr als zehn Jahre lang habe ich Nivea-Creme benutzt – und als sie plötzlich verschwand, habe ich das sofort bemerkt.

D., ein 50-jähriger Minsker, der anonym bleiben möchte, erinnert sich an eine Zeit, in der der belarussische Markt voller deutscher Marken war – von Kosmetik über Haushaltsgeräte bis hin zu Baumaterialien.

Er hatte sich unter anderem mit Heizsystemen beschäftigt. Viele Komponenten seien deutscher Herkunft gewesen – Bosch, Siemens, Buderus-Kessel, Armaturen, Ventile. Wie D. sagt, seien das die Spitzenklasse in der Welt der Gebäudetechnik gewesen. Heute wird nach D.´s Beobachtungen ein Großteil durch chinesische oder russische Ersatzprodukte ersetzt. Deren Qualität sei einigermaßen akzeptabel, aber nicht stabil.

Das Verschwinden vertrauter Marken betrifft auch den Alltag: Mehr als zehn Jahre lang hatte D. Rasierschaum von Nivea benutzt. „Als er plötzlich verschwunden war, habe ich das sofort bemerkt“, sagt D.. Kosmetikprodukte der Marken Nivea, Eucerin und Labello sind in Belarus derzeit nicht verfügbar. Das dahinterstehende Unternehmen Beiersdorf verließ den Markt 2021, nachdem der belarussische Ministerrat ein Import- und Verkaufsverbot verhängt hatte – als Reaktion auf die Entscheidung des Unternehmens, die Eishockey-Weltmeisterschaft 2021 in Minsk nicht zu sponsern. Das Verbot gilt mindestens bis Ende 2027.

Belarussische Politiker und die Rolle Deutschlands 

Die Haltungen in der belarussischen Politik gegenüber Deutschland sind gespalten. Der seit mehr als 20 Jahren im Exil lebende Oppositionspolitiker Zenon Pozniak vertritt eine radikale Position und wirft Deutschland vor, seit Jahrhunderten eine Politik gegenüber dem Osten zu verfolgen, die auf die Eingliederung von Belarus in Russland abzielt. Diese Sichtweise findet weder unter der breiten Bevölkerung noch unter den meisten Oppositionskräften nennenswerte Unterstützung.

Wiktar Babaryka, Oppositionsführer und ehemaliger politischer Gefangener, wählt einen anderen Ton. Am 4. März 2026 erklärte er vor dem Europäischen Parlament: „Wir müssen die Abhängigkeit Belarus von Russland durchbrechen. Wir tun alles Notwendige, um dieses Ziel zu erreichen. Ohne ein ‚nicht-russisches‘ Belarus wird es keine Sicherheit in Europa geben.“

Am 19. November 2025 überreichte die neue deutsche Botschafterin in Belarus, Katrin aus dem Siepen, ihr Beglaubigungsschreiben. Die knappe Mitteilung des belarussischen Außenministeriums sprach von einem Austausch über den Stand und die Perspektiven der belarussisch-deutschen Beziehungen unter Berücksichtigung der aktuellen internationalen politischen Realitäten – eine diplomatische Formulierung, die vieles offen lässt.

AUF DEN ZWEITEN BLICK: LEHREN AUS BELARUS

Der Fall Belarus offenbart strukturelle Schwächen im Umgang Europas – und Deutschlands – mit autoritären Regimen. Drei Lehren lassen sich ziehen.

Erstens: Sanktionen wirken nicht automatisch. Sie sind kein Selbstläufer, sondern ein Instrument, das aktiv durchgesetzt werden muss. Wie die Fälle UrSeCo und Schakutin zeigen, entstehen Umgehungsstrukturen nicht trotz Sanktionen, sondern als direkte Reaktion auf sie. Wer wirtschaftlichen Druck ausüben will, muss bereit sein, auch in Überwachung zu investieren. Das ist bislang nicht ausreichend geschehen.

Zweitens: Der langsame Abzug deutscher Kapitalien ist kein Zeichen von Stärke, sondern von struktureller Abhängigkeit. Die Kombination aus Ausstiegssteuer, Genehmigungspflichten und der belarussischen Schwarzen Liste schafft Anreize, zu bleiben – auch wenn das politisch nicht gewollt und wirtschaft nicht rentabel ist. Diese Abhängigkeit wird vom Regime strategisch genutzt.

Drittens: Der Fall Dornau zeigt, dass die Grenzen zwischen privatem Profitstreben und politischer Komplizenschaft fließend sein können. Ein Landtagsabgeordneter aus Deutschland, der in Belarus eine Farm mit dem Einsatz politischer Gefangener betreibt, ist kein Randphänomen. Er wird vom Regime als Beweis westlicher Kooperation eingesetzt. Dieser Fall verdient eine weitere juristische und journalistische Untersuchung.

Wie kann ich auf dem Laufenden bleiben?

  1. Das Belarusian Investigation Center hat sich als investigatives Medium aus dem Exil auf Recherchen rund um Fake News und Korruption spezialisiert. Damit sind sie eines der wichtigsten und größten unabhängigen Medien, die über die Lage in Belarus berichten. 
  2. plan.B wurde 2023 von der Exiljournalistin Olga Loiko gegründet und konzentriert sich auf die Analyse von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in Belarus. 
  3. Reform.news ist ein belarussisches Exilmedium, das über politische Repression, Menschenrechtsverletzungen und Zivilgesellschaft berichtet. 
  4. dekoder ist ein Projekt, das es sich zum Auftrage gemacht hat, unabhängigen Journalismus aus Belarus, Russland und der Ukraine für ein deutsches Publikum zugänglich zu machen. Neben Recherchen zu verschiedenen Themen werden Zusammenhänge und Begriffe für ein deutsches Publikum im jeweiligen Kontext eingeordnet. 

– – – – – – – – – – – – – – –  – – – –

Redigatur: Viera Zuborova & Minou Becker
Faktencheck: Minou Becker
Grafiken: Viera Zuborova
Social Media: Katharina Roche