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Wenn deutsche Politiker von türksichen oder deutsch-türkischen Bloggern erwähnt werden, dann oft nur negativ.

Wenn deutsche Politiker von türksichen oder deutsch-türkischen Bloggern erwähnt werden, dann oft nur negativ.© Foto: Ivo Mayr/Correctiv, Quelle&Grafik: BR

Türkei

Erdoğan der Held, Gabriel der „Fettsack“

Was bewegt Leser von Medien mit dem Schwerpunkt Türkei im Netz? Eine gemeinsame Datenanalyse mit dem Bayerischen Rundfunk.

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von Niels Ringler , Catharina Felke , Margherita Bettoni

Der Autokorso für den inhaftierten „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel sei ein „Affenzirkus“, die Evolutionstheorie eine Lüge, Außenminister Sigmar Gabriel ein „Fettsack“. Blogger nutzen soziale Netzwerke wie etwa Facebook, um zu hetzen und gezielt Desinformation zu betreiben. Und haben oft eine größere Reichweite als viele klassische Medien, wie etwa Zeitungen oder Nachrichtenportale.

CORRECTIV und der Bayerische Rundfunk haben 95 Facebook-Auftritte verschiedener Medien mit dem Schwerpunkt Türkei über einen Zeitraum zwischen Januar 2016 und September 2017 ausgewertet. Wir wollten wissen, welche Themen von türkischsprachigen oder deutsch-türkischen Medien aufgegriffen werden, die Nutzer in Deutschland erreichen wollen.

Dafür haben wir knapp 500.000 Facebook-Posts von Newsseiten und Blogs mit einem Programm analysiert. Die Seiten haben wir danach ausgewählt, ob sie ihren Sitz in der Türkei haben oder türkischsprachige Medien in Deutschland oder deutsch-türkische Medien sind, die abwechselnd auf Deutsch und Türkisch veröffentlichen. Dabei berücksichtigen wir nur Medien, die entweder mehr als 10.000 Facebook-Follower haben oder eine Printauflage von mindestens 10.000 Stück. Die Auswahl der Medien orientiert sich daran, ob dort besonders oft über deutsche und türkische Politik geschrieben wird.

Ein Trend: In Deutschland sind auf Facebook Blogger beliebter als traditionelle Nachrichtenportale wie etwa Tageszeitungen oder Fernsehsender: Von den zehn beliebtesten Facebook-Seiten, die über die Türkei berichten, werden sechs von regierungsnahen Bloggern betrieben, wie etwa die Seite „Osmanische Generation“ (fast 68.000 Follower) oder „Stolz der Türkei — R.T. Erdoğan“ (über 67.000 Follower). Diese Blogger äußern sich überwiegend positiv über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und dessen Regierungspartei AKP. Einige von ihnen hetzen aggressiv gegen deutsche Politiker und deutsche Journalisten, andere gegen Homosexuelle oder Juden.

Infografik Türkische Medien in Deutschland Top Ten

Das Balkendiagramm zeigt die zehn beliebtesten Facebook-Seiten gemessen an der Anzahl ihrer Fans. Ausgewertet wurden 38 Seiten mit Mehrheit der Follower aus Deutschland.

Bayerischer Rundfunk

Um zu erkennen, welche Themen sie besonders oft aufgreifen, haben wir nach Stichwörtern gesucht, die auf den Seiten oft benutzt werden. Zwei Wörter kommen bei fast allen vor: Türkei und Deutschland. Ein Indiz dafür, dass hier oft über die Spannungen zwischen beiden Ländern berichtet wird. Ein anderes Wort, dass sehr häufig vorkommt, ist die in Deutschland und in der Türkei verbotene Arbeiterpartei Kurdistans „PKK“.

Wenn über deutsche Politiker berichtet wird, gibt es auf den Blogs weitaus mehr Reaktionen als auf den Seiten der traditionellen Medien. Dafür haben wir Politikernamen wie Angela Merkel, Sigmar Gabriel oder Cem Özdemir ausgewählt. Bei den Posts, die einen dieser Namen enthalten, haben wir die Reaktionen darauf (Likes, Shares, Comments, Emoji-Kommentare) gezählt. Bei Bloggern reagieren Facebook-User drei bis vier Mal stärker auf die deutschen Politiker als bei den Nachrichtenseiten – und das, obwohl diese Politiker dort mindestens genauso oft erwähnt werden.

Auffällig dabei ist: Wenn deutsche Politiker erwähnt werden, dann oft nur in einem negativen Zusammenhang. Wir haben als Beispiel 30 Posts mit den meisten Reaktionen über Bundeskanzlerin Angela Merkel, Außenminister Sigmar Gabriel, den Grünen-Spiztenkandidaten Cem Özdemir und die Abgeordnete der Linken Sevim Dağdelen, genommen. Vor allem die Linke Dağdelen wird heftig beschimpft und oft bedroht in den Kommentaren der Follower.

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Zum Vergleich: Der türkische Präsident Reep Tayyip Erdoğan wird hingegen fast nur im positiven Zusammenhang erwähnt.

Infografik Türkische Medien in Deutschland

Die Tortendiagramme zeigen, in welchem Kontext deutsche Politiker auf Facebook erwähnt werden. Dafür haben wir von allen Posts, in denen zB. “Merkel” oder “Gabriel” erwähnt wurden jene 30 mit den meisten Reaktionen (Likes, Shares, Wow-, Angry-Button etc.) ausgewertet.

Bayerischer Rundfunk

Mitarbeit : Claudia Gürkov und Lisa Wreschniok


Die Recherche erfolgte in Kooperation mit dem „Bayerischen Rundfunk“ und der türkischen Exilredaktion ozguruz.org. Die Autoren Catharina Felke, Claudia Gürkow, Niels Ringler und Lisa Wreschniok sind Redakteure bei BR-Data und BR-Recherche.

Die türkische Botschaft in Berlin, der Blick Erdoğans: welche Rolle spielen die Diplomaten in der AKP-Propaganda?© Ivo Mayr / Correctiv

Türkei

Kommt die Hetze aus der türkischen Botschaft?

Türkische Blogger aus Deutschland hetzen im Netz gegen deutsche Politiker und Journalisten. Einige von ihnen unterhalten offenbar beste Verbindungen in die türkische Botschaft in Berlin. Eine gemeinsame Recherche von CORRECTIV und dem Bayerischen Rundfunk.

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von Claudia Gürkov , Catharina Felke , Margherita Bettoni

Seit 220 Tagen sitzt der Journalist Deniz Yücel ohne Anklage in der Türkei in Haft. Ginge es nach dem deutsch-türkischen Blogger Bilgili Üretmen, würde er jeden Tag verprügelt. Üretmen ist nicht irgendwer: der Video-Blogger aus Soest in Westfalen ist ein Internet-Star. Auf Facebook hat er über 50.000 Follower. Dort hetzt er gegen deutsche Medien und deutsche Politiker. Aber das hält einen hochrangigen Mitarbeiter der türkischen Botschaft offenbar nicht davon ab, ihn zu unterstützen.

Üretmen soll zukünftig für das im Aufbau befindliche Internet-TV Z-23 TV eine Sendung produzieren. Nach gemeinsamen Recherchen von CORRECTIV und dem Bayerischen Rundfunk (BR) ist der Sprecher der türkischen Botschaft in Berlin in den Sender aus Duisburg verwickelt. In seinem Namen wurde die Internetseite von Z-23 TV registriert.

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Der Video-Blogger Bilgili Üretmen soll auf Z-23 TV die Sendung „Gürbadgee” halten

Quelle: Youtube-Kanal Bilgili Üretmen

Hetze mit Hilfe des Botschaftssprechers: das könnte die deutsch-türkischen Beziehungen weiter belasten, die seit Monaten stark angespannt sind. Neben dem „Welt“-Korrespondenten Yücel sitzen weitere deutsche Staatsbürger ohne Anklage in türkischen Gefängnissen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan wirft Deutschland vor, Terroristen zu unterstützen. Türkische Medien mit Nähe zur Erdoğan-Partei AKP greifen immer wieder deutsche Politiker an. Neulich forderte Erdoğan seine Landsleute in Deutschland auf, CDU, SPD und Grüne bei den Bundestagswahlen nicht zu unterstützen, da diese Parteien „Feinde der Türkei“ seien.

In Deutschland leben 1,4 Millionen Menschen, die auch in der Türkei wahlberechtigt sind. Sie sind eine wichtige Wählergruppe. Immer wieder sind sie daher im Visier der Propaganda der Erdoğan-Partei AKP. Insgesamt leben in Deutschland 2,8 Millionen türkeistämmige Menschen.

Schläge für Yücel

Der Duisburger Sender Z-23 TV richtet sich an Menschen, die  „immer häufiger auf ‘alternative Medien’ zurückgreifen müssen, um auch Ansichten außerhalb der Mainstream-Medien wahrnehmen zu können“. Der Sender will „weitere alternative Sichtweisen auf globale Ereignisse“ geben, in einem Land, in dem die Medien angeblich in den Händen weniger konzentriert seien. Hier soll Üretmen zukünftig seine anti-deutsche AKP-Propaganda verbreiten. In einem Youtube-Video wünschte er sich, dass die Bewacher von Yücel den Journalisten „einmal pro Tag mit dem Schlagstock durchnehmen“. Außenminister Sigmar Gabriel nannte er „Fettsack-Siggi“, Deutschland warf er Nazi-Methoden vor.

Auch die AKP-nahe Internet-Aktivistin Esma Akkuş gehört zum Team von Z-23 TV. Und auch sie hetzt gegen Deutschland. Deutschen Parteien wirft sie vor,  „Scheiße in unterschiedlichen Brauntönen zu sein“. Yücel wünscht sie „weitere 2000 Tage“. Lebenszeit? Oder im Gefängnis?

Der Inhaber der Internetdomain des Senders war nach Recherchen von CORRECTIV und dem Bayerischen Rundfunk Refik Soğukoğlu. Er ist seit 2013 Sprecher der türkischen Botschaft in Berlin. Am 13. März 2017 um 17:21 Uhr wurde die Internetseite für Z-23 TV in seinem Namen registriert.

Wer eine Webseite registriert, muss einen Verantwortlichen benennen und eine Adresse und Kontaktdaten angeben. Auch für Z-23 findet sich eine Telefonnummer. Ans Telefon geht Soğukoğlu. Ja, dies sei seine Handynummer, sagt er. Aber mit der Internetseite und dem Projekt Z-23 TV habe er nichts zu tun. Er könne sich nicht erklären, wie sein Name und seine Handynummer ins Register geraten sind. Dies könne nur ein Betrug sein, denn er besitze keine einzige Internetdomain. 

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Der Sender Z-23 TV sitzt in Refik Soğukoğlus Heimatstadt Duisburg

David Schraven

Soğukoğlu war jedoch bis zu unserer Anfrage eingetragener Inhaber der Domain. Insgesamt konnten CORRECTIV und der Bayerische Rundfunk jedoch fünf Domains identifizieren, die unter dem Namen des Botschaftssprechers registriert waren: dazu zählen auch z23-tv.at und z23.ch. Womöglich ist ein österreichischer und ein schweizerischer Auftritt der Sendung geplant. Hinzu kommt die Internetdomain gurbadgee.com. „Gurbadgee“ soll die Sendung heißen, die der Blogger Üretmen nach eigenen Angaben für „Z-23 TV“ produzieren soll. „Gurbadgee“ ist vermutlich eine Mischung aus „gurbetçi“, auf Deutsch Auswanderer und „gee“, Slang für Gangster.

Auch in einer E-Mail bestritt Soğukoğlu, privat oder amtlich mit Z-23 TV verbunden zu sein. Doch unter den auf der Internetseite aufgelisteten Teammitgliedern findet sich ein Cousin von Soğukoğlu, der als Geschäftsführer der Sendung aufgeführt wird. Die Liste verschwand von der Seite, nachdem wir Soğukoğlu kontaktierten. In den Registerdaten für die Internetdomain wurde sein Name durch den seines Cousins ersetzt.

In einer Stellungnahme von Z-23 TV nach der Veröffentlichung heißt es, dass der Sender seit Ende Mai keinerlei Verbindungen mehr zum Blogger Üretmen habe. Es bestehe auch keinerlei Verbindung zur türkischen Botschaft in Berlin.

Noch Anfang Juni machte Üretmen allerdings auf seinem Youtube-Kanal Werbung für seine Sendung auf Z-23. Bis wenige Tage vor der Veröffentlichung unserer Recherche befand sich auf der Facebook-Seite von Z-23 ein Video, das Üretmen bei einem Rundgang durch den Sender zeigt.

Was weiß die Botschaft?

Laut einem Medienbericht besuchten Soğukoğlu und der Blogger Üretmen gemeinsam den Studiengang „Film und Regie“ an der Ruhr-Akademie Schwerte und drehten gemeinsam zwei Filme. Üretmen und die Aktivistin Akkuş ließen Fragen unbeantwortet. Stattdessen beleidigte er: „Und ihr denkt, dass ich solchen A*****chern wie euch auch nur eine Frage beantworte? Fragt doch euren Staatsverräter Can Dündar, der weiß doch soviel…Jetzt nervt mich nicht! Und wagt es ja nicht, vor meiner Tür aufzukreuzen!“

Can Dündar ist der Chefredakteur der türkischen Exil-Redaktion #ÖZGÜRÜZ, ein Projekt von CORRECTIV.

Soziogramm Türkische Botschaft Z-23 TV

Beziehungen rund um die türkische Botschaft und Z-23 TV

Bayerischer Rundfunk

Die türkische Botschaft äußerte sich auf Anfrage nicht. Es ist nicht klar, ob sie über die Verbindungen zwischen ihrem Sprecher Soğukoğlu und Z-23 TV im Bilde ist. Darf eine Botschaft oder einer ihrer Mitarbeiter im Gastland Medien derart unterstützen? „Es gibt keine klare Begrenzungen im Hinblick auf den Einfluss ausländischer Regierungen in Deutschland“, sagt der Medienrechtler Bernd Holznagel.

In der Vergangenheit sei das Thema immer wieder einmal diskutiert worden, etwa als der ehemalige italienische Präsident und Medienmogul Silvio Berlusconi Anteile an bayerischen Medienunternehmen kaufen wollte. Doch die Diskussion sei dann wieder eingeschlafen. 

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Ein Vierjahres-Plan?

CORRECTIV und der BR haben 95 Facebook-Auftritte von türkischen und deutsch-türkischen Medien und Blogs analysiert. 38 von ihnen werden vor allem in Deutschland gelesen. Unter diesen haben Blogger und alternative Medien mit dem Schwerpunkt Türkei auf Facebook insgesamt eine größere Reichweite als traditionelle türkischsprachige Medien wie Zeitungen oder Fernsehsender.

Von den zehn beliebtesten Facebook-Seiten sind sechs von AKP-nahen Bloggern betrieben. Die Auswertung von fast 500.000 Facebook-Posts  zeigt, dass in sozialen Medien die Berichterstattung traditioneller Medien über deutsche Politiker weniger Reaktionen hervorruft, als wenn sie auf den Facebook-Seiten der Blogger erwähnt werden. Und oft genug hetzen sie gegen deutsche Politiker oder verbreiten antisemitische Verschwörungstheorien.

Die türkische Botschaft in Berlin verfolgt offenbar eine langfristige Strategie. Im Dezember 2014 traf sich der Botschaftssprecher Soğukoğlu nach einem Bericht der türkischsprachigen Online-Zeitung „Elbe Express“ in Hamburg mit türkischsprachigen Medien aus Norddeutschland. Soğukoğlu soll Unterstützung für lokale, türkischsprachige Medien versprochen haben.

Er soll von einem „vierjährigen Leitplan“ gesprochen haben. Ähnliche Treffen haben laut Medienberichten zufolge unter anderem in Duisburg, München, und in Stuttgart stattgefunden. Es ist nicht ungewöhnlich, dass eine Botschaft im Gastland Kontakte zu Medien in der eigenen Sprache pflegt. Doch nun hat der Botschaftssprecher ungeachtet der enormen Spannungen im deutsch-türkischern Verhältnis offenbar Verbindungen zu einem Internetsender, der auch Hetzblogger beschäftigt.

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Noch befindet sich der Sender in seiner Testphase. Auch auf dem Briefkasten hängt nur ein provisorisches Schild

David Schraven

Z-23 TV hat seinen Sitz in der Nähe des Duisburger Hauptbahnhofs. An der Klingel ist auf einem Stück Paketklebeband mit einem schwarzen Edding „Z 23“ gekritzelt. Man könne sich nicht erklären, wie der Name von Refik Soğukoğlu in den Domaindaten der Webseite gelandet ist. Muharrem Bulut, der Generaldirektor des Senders, behauptet, den Botschaftssprecher nicht zu kennen. Obwohl beide auf Facebook befreundet sind. Bei unserem Besuch zückte Bulut sein Handy und filmte. Als wir ihn darauf hinwiesen, dass das nicht so einfach gehe, sagte er uns: „Ich interessiere mich nicht für deutsche Gesetze.“

*Aktualisierung, eingefügt am 22. September: Wir haben den Text nach einer Stellungnahme von Z-23 TV um zwei Absätze ergänzt.


Mitarbeit: Hüdaverdi Güngör, Niels Ringler, David Schraven und Lisa Wreschniok


Die Recherche erfolgte in Kooperation mit dem „Bayerischen Rundfunk“ und der türkischen Exilredaktion ozguruz.org. Die Autoren Catharina Felke, Claudia Gürkow, Niels Ringler und Lisa Wreschniok sind Redakteure bei BR Data und BR Recherche.