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Die Fathi-Camii-Moschee in Dresden nach dem Anschlag vom 26. September 2016© Sebastian Kahnert / dpa

Neue Rechte

Dresdner Attentäter hatte zwei weitere Bomben

EXKLUSIV: Nach Informationen von CORRECTIV verfügte der mutmaßliche Attentäter Nino K., der im September 2016 zwei Bomben in Dresden zur Explosion brachte, über zwei weitere Sprengsätze. Das geht aus Dokumenten des Oberlandesgerichts Dresden hervor.

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von Florian Farken

Am 26. September 2016 um 21.15 Uhr explodierte eine Bombe vor der Fatih Camii Moschee im Dresdner Westen. Die Tür wurde durch die Detonation nach innen gedrückt, der Geistliche und seine Familie, die sich in der Moschee aufhielten, blieben unverletzt. Die Rohrbombe war mit Metallsplittern gefüllt. Sie seien geeignet gewesen, „schwerste und tödliche Verletzungen hervorzurufen“. Außerdem verfügte der mutmaßliche Attentäter über zwei weitere Bomben, wie es in einem bisher unveröffentlichten Dokument des Oberlandesgerichts Dresden (OLG) heißt, das CORRECTIV vorliegt.

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Auf seinem Facebook-Profilbild präsentiert sich Nino K. als „Geborener Dresdner“

Nur einen Tag vor dem Anschlag wird dieses Foto auf ein sonst leeres Facebook-Profil hochgeladen.

Die an der Moschee angebrachte Videokamera filmte am Abend des Anschlags eine Gestalt, die unruhig vor der Moschee auf und ab ging, an ihrer Zigarette zog und sie dann achtlos wegwarf. Die Gestalt trug einen Motorradhelm und war nicht zu erkennen. Die Polizei hatte nach dieser Person wegen Tatverdachts gesucht. Sie geht inzwischen davon aus, dass unter dem Helm Nino K. steckte.

Eine Stunde später explodierte ein weiterer Sprengsatz auf dem Dach des ICC Kongresszentrum Dresden. Die Polizei räumte in unmittelbarer Umgebung daraufhin vorsichtshalber eine Hotelbar. Dieser zweite Sprengsatz sei mit Zeitschaltuhr und „entsprechenden Anzündhilfen zur Detonation“ ausgestattet gewesen, wie es im Beschluss steht, mit dem das OLG die Verlängerung der Untersuchungshaft gegen Nino K. am 15. Juni 2017 begründete.

Zwei weitere Bomben

In diesem Beschluss ist auch von den oben bereits erwähnten zwei weiteren Sprengsätzen die Rede, mit denen Nino K. offenbar weitere Attentate plante. Der erste wurde in K.s Wohnung gefunden, darauf fanden die Ermittler einen Fingerabdruck und DNA-Spuren von ihm. Den zweiten soll er „aus nicht bekannten Gründen an einem nicht bekannten Ort in die Elbe geworfen haben“. Vier Tage nach seiner Festnahme wurde dieser Sprengsatz flussabwärts gefunden. Auch auf dieser Bombe ließ sich DNA von K. nachweisen.

Die Ermittler verdächtigen Nino K., aus politischen Gründen gebombt zu haben: Er habe den Anschlag „als Zeichen gegen die aus seiner Sicht verfehlte Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik“ begangen. Nino K. wird nun versuchter Mord und das „Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion“ zur Last gelegt. Die Anklage steht nach Informationen von CORRECTIV kurz bevor.

Nino K. war zum Zeitpunkt der Tat 29 Jahre alt. Zuvor verhielt er sich weitgehend unauffällig und hatte keine Vorstrafen, sagt ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Dresden. Auch seine Nachbarn beschreiben ihn als unauffällig, er lebte zurückgezogen, arbeitete angeblich als Monteur.

Hassredner auf Pegidademo

Im Juli 2015 trat K. öffentlich auf, als Redner bei einer Pegida-Kundgebung in Dresden. Pegida-Anführer Lutz Bachmann kündigte ihn an: „Als Nächsten hab ich den Nino für Euch. Wo ist der Nino? Da ist der Nino. Riesen Applaus für unseren Nino.“ K. trat ans Mikrofon und presste in den zehn Minuten seiner Redezeit all seine Unzufriedenheit, seine Angst, seinen Hass in das Mikrofon. „Merkel muss weg“, riefen seine Zuhörer. Er sprach davon, dass der Islamismus „die größte Massenvernichtungswaffe“ sei. Brüllte: Wenn sich die Politik nicht ändere, dann könne es „in Deutschland und in Europa zum Bürgerkrieg“ kommen.

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Pegida-Anführer Lutz Bachmann (rechts) kündigt K. als „unseren Nino“ an. Später distanziert er sich von ihm.

Screenshot aus YouTube der Rede von Nino K. bei einer Pegida-Kundgebung am 13. Juli 2015.

Nino K. hat sich gegenüber den Ermittlern bisher nicht geäußert. Man sei mit dem Generalbundesanwalt in Kontakt, sagte der Sprecher der Dresdner Staatsanwaltschaft, um zu überprüfen, ob Nino K. Komplizen hatte oder einer terroristischen Vereinigung angehörte. Derzeit gibt es nach Angaben der Staatsanwaltschaft aber keine Hinweise auf weitere Mittäter oder eine Organisation, in der K. aktiv war.

Weiterführende Links:

Rede von Nino K. bei Pegida am 13. Juli 2015

Antwort des sächsischen Justizministeriums auf eine kleine Anfrage zum Fall Nino K.

© Montage von Ivo Mayr

Neue Rechte

Thor Kunkel macht Guerilla-Marketing für die AfD

Die AfD wirkt auf ihren neuen Wahlkampf-Plakaten erstaunlich modern. Als Kreativ-Direktor hat die Partei den umstrittenen Schriftsteller Thor Kunkel angeheuert. Die Partei erwarte von ihm „Agitation“, teilt Kunkel mit. Konflikte gibt es jetzt aber mit „den typischen AfD-Landesvorständen“.

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von Florian Farken

Es ist ein Foto, wie aus der Supermarkt-Werbung. Drei Frauen im Dirndl stehen zwischen Weinstöcken, lachen und prosten dem Betrachter zu. Darunter der Spruch: „Burka? Ich steh mehr auf Burgunder.“ Unter den sympathischen Trinkerinnen prangt das Logo der AfD und in fetter Schrift: „Trau Dich, Deutschland!“ Ein weiteres Motiv zeigt ein Ferkel mit dem Spruch darunter: „Der Islam? Passt nicht zu unserer Küche.“

Vergangene Woche hat der „Stern“ die neuen AfD-Plakatentwürfe veröffentlicht und berichtet, sie seien auf heftigen Widerstand in der Partei gestoßen. Verantwortlich für die Werbung ist Thor Kunkel, der offizielle Kreativ-Chef für den AfD-Wahlkampf. Schon im Berliner Landtagswahlkampf hatte Kunkel mit ähnlichen Plakaten für Aufmerksamkeit gesorgt. Immer nach dem Motto: „Kann man ruhig sagen.“

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Sympathische Trinkerinnen:

Entwurf eines AfD-Plakats für die Bundestagswahl

Montage von Ivo Mayr

Keine Auskunft zu Kunden – aber zur AfD

Kunkel lebt heute in der Schweiz, vermutlich, so genau weiß man es nicht, weil der Mann gern Verstecken spielt. Im Jahr 2016 hat ein gewisser „Thorleik Kunkel“ die Website kunkelbakker.com angemeldet, die nach eigenen Angaben „Creative Communications“ weltweit anbietet. Ein Impressum findet sich auf der Website nicht, ebenso wenig Angaben über die verantwortliche Person dieser Agentur.

Wenn man „Thorleik Kunkels“ deutsche Handynummer wählt, meldet sich Kunkels Stimme auf der Mobilbox. Wenig später erfolgt dann ein Rückruf von genau dieser Nummer. Doch der Anrufer legt gleich wieder auf, nachdem der Autor dieser Recherche seinen Namen genannt hat. Später schreibt Kunkel zwei längere E-Mails an CORRECTIV, will ein Interview geben — und verschiebt es dann spontan wieder: „Melden Sie sich am Mo. evtl. passt es nächste Woche besser. Gruss TK.“

Auf der Webseite der Agentur Kunkelbakker werden renommierte Firmen und Institutionen als Kunden aufgeführt, darunter auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Auf CORRECTIV-Nachfrage bestreitet das Ministerium allerdings die Beziehung und teilt mit, „keine Anhaltspunkte für eine Zusammenarbeit“ finden zu können. Das Ministerium prüft deswegen jetzt sogar „die Einleitung rechtlicher Schritte“. In dieser Woche ist das Ministeriums-Logo von Kunkels Website wieder verschwunden.

Auf die Frage, warum die Agentur Kunden auf der Website nennt, die dies dementieren, antwortet Kunkel: „Bitte verstehen Sie, dass wir über unsere Kunden und unsere spezifische Beratungstätigkeit keinerlei Auskunft geben dürfen – das ist auch der Grund, warum ehemalige Kunden Ihnen keine Auskunft erteilen.“

Deutlich mitteilsamer ist Kunkel dagegen bei seinem „Kunden“ AfD. Mit der Partei scheint es keine solche Vereinbarung zu geben: „Ja, ich berate auch die AfD in der anstehenden Bundestagswahl“, schreibt Kunkel per Mail und ergänzt mit Smiley: „wie man hoffentlich sieht ;)“

Sein erster Roman: ein „Riesenwerk“

Bekannt wurde Kunkel vor seiner Arbeit für die AfD aber nicht als Werber, sondern als Schriftsteller. 1999 bekam er für den Text „Das Doppelleben der Amöbe“ den zweiten Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, anschließend feiert sogar die linksalternative „tageszeitung“ Kunkels Erstling als „Riesenwerk“. 2004 veröffentlichte Kunkel den Roman „Endstufe“ über SS-Offiziere im dritten Reich, die Pornos drehen. Als die Kritik an dem Werk immer lauter wird, rechtfertigt sich Kunkel in der „Welt“: „Ich finde nicht, dass wir zu verschämten geistigen Gartenzwergen erzogen werden müssen.“

Gegenüber CORRECTIV teilt Kunkel mit, dass er Ende Dezember 2015 gefragt wurde, ob er die Berliner AfD im Wahlkampf beraten könne. „Konkret habe ich den Berlinern strategische Vorschläge und kreative Ideen geliefert, die dann von diversen Dienstleistern (Fotografen, Filmemachern etc.) umgesetzt wurden. Wir nennen das blue prints oder DNA einer Kampagne.“ Ziel sei es gewesen, „ein Maximum an Aufmerksamkeit“ zu erreichen, so Kunkel.

Für den Berliner Wahlkampf positioniert Kunkel die AfD als „extraterrestrischen Superhelden“, wie die Journalistin Melanie Amann damals schreibt, „der das Land von einem übermächtigen Geflecht aus Medien und Politikern befreit“ und die „politische Korrektheit beendet“.

Guerilla meets Rechtspopulismus

Kunkels Ideen kamen gut an. „Der Vortrag von Thor Kunkel in Berlin war genau das was wir wollten: Wir wollten anders sein“, erinnert sich zum Beispiel Julian Flak, Vorsitzender des AfD-Bundeskonvents. Kunkel ließ die AfD-Leute aber auch wissen, dass er nichts von den üblichen Plakaten hielt, die die Köpfe von Spitzenkandidaten zeigten. Das gefiel schon damals nicht allen Parteigranden. „Ich sehe auch, dass wir in den Wahlkreisen auch mal Köpfe auf den Plakaten brauchen.“, sagt Flak gegenüber CORRECTIV, „Wir wollen den Leuten zeigen, wer für die AfD steht.“

Im August 2016 fahren zum Beispiel weiße Lastwagen durch Berlin, darauf ein provozierendes AfD-Motiv. Rechts ein basecap-tragendes, blondes Model mit hartem Blick. Links daneben der Spruch: „Damit es beim nächsten Karneval der Kulturen nicht wieder zu Übergriffen auf Frauen kommt, wähle ich die AfD. Das mit der Armlänge Abstand haut einfach nicht hin.“ Kein offizielles AfD-Logo. Keine Erklärung. Kunkel scheint noch heute stolz auf diese Aktion. „PS: Ein kleines Andenken“, schreibt er per Mail und schickt ein Foto davon, „Können Sie drucken“.

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„Wenn Werbung nur so einfach wäre”:

Die Plakate von Kreativ-Chef Thor Kunkel sind in der AfD umstritten.

Marto

Ralf Mueller von der Haegen, der in Berlin selbst eine Agentur für Politmarketing betreibt, sagt über die Lastwagen-Plakate: „Das ist schon eine wirkungsvolle Methode. Erst wird etwas Geheimnisvolles präsentiert und später aufgelöst. Ein Guerilla-Marketing-Trick.“ AfD-Funktionäre amüsieren sich heute noch über diese Aktion: „Allein diese Guerilla Aktion am Anfang. Damit waren wir im Gespräch, ,Spiegel’ und ,Zeit’ haben berichtet“, erinnert sich Berlins AfD-Sprecher Ronald Gläser. Kunkel selbst teilt auf Anfrage mit, dass er ein „Faible für Guerilla-Marketing“ habe. „Meine Methode ,Subversion durch Affirmation‘ geht tatsächlich auf den französischen Philosophen Roland Barthes zurück.“ Aus dem Stand erreichte die Partei bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus 14,2 Prozent der Wählerstimmen – vermutlich nicht allesamt Anhänger des französischen Strukturalismus.

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In diesem Jahr machte Kunkel auch Werbung für die AfD in Nordrhein-Westfalen – allerdings mit angezogener Handbremse. Die Plakate dort, zum Beispiel Schnecken auf Autobahnen im „Stauland“ NRW, wirken eher „weichgespült“, sagt Werbefachmann Ralf Mueller von der Haegen. „Die Partei will hier bürgerlich und Krawall vermischen, es geht aber nur eines.“ Am Ende kommt die AfD in NRW nur auf  7,4 Prozent. Michael Schwarzer, Sprecher der AfD in NRW, will aber keine Fehler erkennen: „Natürlich gibt es immer einige, die hinterher sagen, unsere Kampagne war schlecht. Aber das stimmt nicht. Wir haben von Anfang an gut mit Thor Kunkel zusammengearbeitet.“

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Auszug aus der AfD-Präsentation:

Kunkel beruft sich mit seinen Slogans gern auf den französischen Philosophen Barthes.

Soll die AfD im Bundestagswahlkampf also werben wie in Berlin? Spitzenfunktionär Flak warnt: „Nicht alles, was in der Hauptstadt gut geklappt hat, wird auch im Bundestagswahlkampf funktionieren.“ Entsprechend umstritten sind auch Kunkels neue Entwürfe, über die die AfD-Landesvorsitzenden am 2. Juni in einer Telefonkonferenz sprachen. Auf den Plakaten soll die AfD locker rüberkommen und als „happy product“ wahrgenommen werden, wie es in typischem Kunkel-Slang in der vom „Stern“ auszugsweise veröffentlichten Präsentation heißt.

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Auszug aus der AfD Präsentation:

„Saubere Propaganda“

Kunkel wirkt ob der parteiinternen Kritik an seinen Entwürfen nun etwas verschnupft. Die „typischen AfD-Landesvorstände“ hätten eben „noch nie etwas von Medientheorie gehört“, schreibt Kunkel in einer E-Mail an CORRECTIV. „Diese guten Seelen erwarten in der Mehrzahl einfach saubere Propaganda für ihre Sache.“ Der weltgewandte Werber wirkt konsterniert: „Wenn Werbung nur so einfach wäre“, klagt er.

Copyright der Plakatentwürfe: AfD
Bildmontagen: Ivo Mayr
Illustration: Marto