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Undercover-Aufnahmen von Dopingarzt Mark Bonar© Scrrenshot aus einem WDR-Beitrag im Magazin „Sport Inside“

Fußballdoping

Doping is coming home

Systematisches Doping im Mutterland des Fußballs? Die „Sunday Times“ und ARD haben am Sonntag darüber berichtet. Seitdem rollt auf den englischen Sport ein riesiger Dopingskandal zu. Im Zentrum stehen zwei Personen: Ein britischer Arzt, der von seinem Dopingnetzwerk schwärmt. Und ein Fitnesscoach, der Profis in der Premier League betreut.

von Tobias Ahrens

Ist Dr. Mark Bonar nun ein Aufschneider oder ein systematischer Doping-Arzt? – Diese Frage wird diskutiert, seitdem die „Sunday Times“ und ARD/WDR die Videoaufnahmen aus einem Londoner Behandlungszimmer veröffentlichten. 150 Klienten habe er mit Doping behandelt, sagt darin der Gynäkologe Bonar. Neben Radsportler, Boxern, Tennisspielern gehörten angeblich auch Fußballprofis der englischen Premier League zu seinem Kundenstamm.

In dem verdeckten Video nennt Bonar die Namen der englischen Klubs FC Arsenal, FC Chelsea, Birmingham City und des amtierenden Spitzenreiters Leicester City. In dem gleichen Gespräch soll Bonar auch ausdrücklich Namen von einzelnen Fußballern genannt haben, sagt ARD-Journalist Hajo Seppelt in einem Interview mit spox.com. Weil sich die Dopingvorwürfe bisher jedoch nicht einwandfrei bestätigen liessen, veröffentlichten die Journalisten keine Namen. „Wir werden niemanden anschwärzen, wenn die Beweislage nicht eindeutig ist“, sagt Seppelt.

Wie eindeutig sind die vorliegenden Ergebnisse?

Als Quelle wurde das Interview mit dem Arzt Bonar gezeigt, der in einem von der Recherche unabhängigen Verfahren vor wenigen Tagen seine Approbation verloren haben soll. Außerdem wurde der britische Fitnesscoach Rob Brinded befragt. Bonar hatte den in Spanien lebenden Brinded als seinen Geschäftspartner bezeichnet. Sie hätten „bei vielen Klienten zusammengearbeitet“ und seien „ein großartiges Team“.

Auch Brinded wurde verdeckt gefilmt. In den vesteckten Aufnahmen sagt er: „Um die unethischen Dinge kümmert sich Mr Bonar.“ Er habe jedoch erst kürzlich einen Spieler eines Spitzenklubs für eine Testosteronbehandlung an Bonar empfohlen. Während seiner Zeit beim FC Chelsea (2001-2007) hätten eine Zahl von Spielern verbotene Substanzen genommen.

Später wollte der Fitnesscoach laut der ARD von seinen Aussagen nichts mehr wissen. Er kenne Bonar überhaupt nicht. Sein Anwalt ließ ausrichten, es müsse sich um ein „Missverständnis“ handeln.

Gegen diese Behauptung spricht auch ein Tweet, den Rob Brinded im Januar 2015 veröffentlicht hat. Er bedankt sich für ein Geschenk von der Firma OMNIYA, wo Bonar seine Praxisräume angemietet hatte.

Aus einer rosa Geschenkttüte guckt eine Pflanze

Screenshot 5.4.2016 | Twitteraccount @RobBrinded

Sicher ist: Brinded betreut Fußballer aus der Premier League. Über Social Media lässt sich so mancher Kontakt Brindeds zu englischen Profifußballern nachvollziehen. Dem deutschen Robert Huth, Verteidiger beim Tabellenführer Leicester City, prostete er Weihnachten 2013 mit einem „Krombacher“ zu.

Ein Krombacher Bier geöffnet

Screenshot 24.12.2013 | Twitteraccount @robert_huth

Auf Instagram postete er vor elf Wochen einen Arm, der an einer Fusion hängt mit dem Hashtag „#Vitamfusion.“ Dieses Bild gefiel dem ehemaligen Profil Mikael Forssell (u.a. Chelsea). Mit ihm stand Brinded schon 2014 in Kontakt, als er Forssell riet, das Training zu vergessen und mit ihm am Pool zu chillen.

Ein Arm mit einer Infusion drin

Screenshot 5.4.2016 | Instagram-Account „robbrinded“

Auf Brindeds Website schwärmte der isländische Nationalspieler Eidur Gudjohnsen (FC Chelsea 2000-2006): „Rob got me in the best shape of my life. I hope we will continue to work together.“ – Bewiesen ist damit nur eine enge Anbindung Brindeds an die Premier League. Doping selbstverständlich nicht.

Auf dem Screenshot von der Website von Rob Brinded wird der Spieler Gudjohnsen zitiert mit „Rob got me in the best shape of my life. I hope we will continue to work together.“

Screenshot 5.4.2016 | Website robbrinded.com/testimonials

Ein direkter Dopingbezug lässt sich nur zu dem Arzt Bonar herstellen, der in den Undercover-Aufnahmen verschiedene verbotene Methoden aufzählt. Das verschriebene Testosterongel, das freierhältliche Wachstumshormon Genotropin und das EPO-Mittel Aranesp stehen auf der schwarzen Liste der WADA. Sie sind im Wettkampf und auch in Trainingsphasen strengstens verboten. Hinweise zu EPO-Missbrauch gab es auch im deutschen Fußball.

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Mit den verbotenen Dopingmitteln konfrontiert, äußerte Bonar, dass es sich allein um medizinisch notwendige Behandlungen gehalten habe. Andrea Gotzmann, Vorstandsvorsitzende der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA), war sich hingegen sicher: „Es ist erschreckend zu sehen, dass ein Arzt völlig skrupellos Medikamente an Patienten zum Zwecke des Dopings verschreibt und dabei gesundheitliche Risiken der Sportler billigend in Kauf nimmt.“

Haben Anti-Dopingbehörden wichtige Hinweise nicht verfolgt?

Die britische Anti-Doping-Behörde UKAD steht seit der Bekanntgabe unter großer Kritik. Sie ist dem früheren Hinweis des jetzigen Whistleblowers nur unzureichend nachgegangen. Es habe keine ausreichende Beweislast gegen Dr. Bonar gegeben, verteidigt sich die UKAD.

Die geschilderten Vorgänge werfen auch ein schlechtes Licht auf die Dopingkontrollsystem. Schon vor einigen Jahren hatten wir kritisiert, dass ein Profifußballer im Durchschnitt nur alle drei Jahre kontrolliert werden würde – Nationalspieler ausgenommen. 

Derzeit sprechen wir vom Recherchezentrum correctiv.org mit vielen ehemaligen und aktuellen Fußballern. Sie zeichnen ein anderes Bild als die Aussagen einiger Personen, die in der Öffentlichkeit immer wieder beteuern, Doping im Fußball gebe es nicht.

Umso entscheidender sind deshalb weitere Aussagen und Hinweise von Personen aus dem Inneren des Systems. Nur so kann ein mögliches Dopingsystem im europäischen Fußball aufgeklärt werden.


Wir freuen uns über jeden Hinweis. Hier können Sie uns erreichen:

Post: Correctiv, z. Hd. Daniel Drepper, Singerstr. 109, 10179 Berlin

Jonathan Sachse: jonathan.sachse@CORRECTIV oder +49 151 28596609

Daniel Drepper: daniel.drepper@CORRECTIV oder +49 151 40795370

Tobias Ahrens: tobias.ahrens.fm@CORRECTIV oder +49 151 64418543

Mitarbeit: Jonathan Sachse

© Ivo Mayr

Fußballdoping

Freiburger Fußballdoping-Sumpf

Vergangene Woche hat sich die Freiburger Kommission aufgelöst, die Dopingfälle im westdeutschen Profifußball untersucht. Wir knüpfen dort an, wo die Kommission aufgehört hat. Derzeit sprechen wir mit zahlreichen ehemaligen Fußball-Profis – und bitten um Eure Mithilfe.

weiterlesen 3 Minuten

von Tobias Ahrens , Jonathan Sachse , Daniel Drepper

Die „Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin“, die das Treiben der ehemaligen Freiburger Sportmediziner beleuchten sollte, ist in der vergangenen Woche zurückgetreten. Damit bleibt weiter offen, wer wie von wem im deutschen Profifußball gedopt worden ist. Wir betreiben seit fast vier Jahren das Blog fussballdoping.de und wissen dadurch, dass Doping im Fußball deutlich weiter verbreitet ist als viele annehmen.

Gerade jetzt, nach dem Aus der Kommission, sprechen wir wieder mit vielen ehemaligen Spielern über Schmerzmittel und Doping. Alle berichten uns davon, über Jahre erlaubte Schmerzmittel genommen zu haben. Manche geben auch zu, Cortison genommen zu haben. „Die Tabletten, Spritzen und Salben würde ich gerne mal auf einem Haufen sehen, die füllen sicher eine ganze Badewanne“, sagte uns kürzlich einer der Ex-Spieler. Die Grenze zum Verbotenen war über Jahrzehnte schwammig. Viele berichten auch von Aufputschmitteln. Und wir haben eine Spur zu vermeintlichem Epo-Doping im deutschen Spitzenfußball.

Wir wollen mehr erfahren. Unabhängig von den Problemen bei der Freiburger Dopingaufklärung wollen wir weiter zum Thema Schmerzmittel und Doping im Fußball recherchieren.

Seid Ihr Zeitzeugen? Liegen Euch Dokumente vor? Teilt jetzt Euer Wissen.

Wer über Doping, Freiburg und Fußball reden will, kann sich jederzeit bei uns per Telefon, E-Mail oder Post melden. Bitte findet unsere Kontaktdaten am Ende dieses Artikels.

Oder Ihr nutzt unseren anonymen, verschlüsselten Briefkasten.

SC Freiburg, VfB Stuttgart

Vor allem der SC Freiburg und der VfB Stuttgart stehen im Zentrum der Ermittlungen. Die beiden Vereine hatten Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre Überweisungen für Medikamente getätigt – „im Umfang von mehreren Zehntausend DM pro Jahr“. Das hatte der Mainzer Sporthistoriker Andreas Singler vor einem Jahr gesagt. Singler hatte damals einen Alleingang unternommen und gegen den Willen von Kommission und Universität Freiburg die Öffentlichkeit über das offenbar systematische Doping beim VfB Stuttgart und dem SC Freiburg informiert.

Damals haben die beiden Vereine laut Singler auch das starke Anabolikum Megagrisevit beim Institut für Sportmedizin der Uni Freiburg bestellt. Die Aufregung nach Singlers Veröffentlichung war groß. Also doch: Es gab von Vereinen organisiertes, hartes Doping bei Spitzenteams in der Bundesliga.

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Alois Hornung, Teamarzt des VfB Stuttgart II, sagte der Sportschau am 7. März 2015, dass viele Fußballer beim Freiburger Arzt Armin Klümper „illegale Substanzen“ verabreicht bekommen hätten. Auch Spieler anderer Vereine seien bei Klümper zu Gast gewesen. Der hatte zuvor mit zahlreichen Kaderathleten steuerfinanzierte Experimente mit Dopingmitteln durchgeführt. 

Hinweise kommen nicht nur, aber derzeit vor allem aus dem Südwesten des Landes. Aus dem Umfeld Klümpers und der Freiburger Sportmedizin. Klümper selbst hatte lange exzellente Kontakte zur deutschen Fußballspitze. Nach Recherchen des WDR-Magazins „SportInside“ gründeten die früheren Nationalspieler Karlheinz Förster und Hansi Müller gemeinsam mit dem ehemaligen Turner Eberhard Gienger 1994 einen Verein zur finanziellen Unterstützung Klümpers. Förster hatte sich zu seiner aktiven Zeit immer wieder von Klümper fitspritzen lassen – beispielweise mit Cortison. Mittlerweile musste sich das ehemalige Raubein der Bundesliga das linke Fußgelenk versteifen lassen. Armin Klümper lebt inzwischen in Südafrika und spricht nicht mit Journalisten.

Auch Löw war beim Spritzendoktor

Zu den Unterstützern des Arztes sollen auch Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß und Paul Breitner gezählt haben. Klümper war unter den Spielern sehr beliebt, galt als Wunderheiler. „Er hat alles für seine Patienten getan“, sagte zum Beispiel Felix Magath. Auch Bundestrainer Joachim Löw war Patient von Klümper.

Seit 2007 arbeitete eine Kommission an der Aufarbeitung des Freiburger Doping-Skandals. Anfang dieser Woche traten fünf der sechs Kommissionsmitglieder zurück. Sie schreiben, dass sie bei der Aufklärung behindert worden seien und Dokumente verspätet herausgegeben wurden. Wichtige Aktenordner seien in Privaträumen versteckt worden. Die Gruppe befürchtete nun, dass Ergebnisse oder Teile des Abschlussberichts seitens der Universität nicht veröffentlicht werden würden.

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