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Gefährliche Keime

Sieben Dinge, die Du tun kannst, um Antibiotikaresistenz zu verhindern

Keime, die gegen Antibiotika immung geworden sind, stellen ein Problem für die globale Gesundheit dar. Was du gegen ihre Ausbreitung tun kannst.

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von Victoria Parsons

1. Wasch deine Hände

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Und zwar gründlich – jedes Mal, wenn sie schmutzig sind, wenn du auf der Toilette warst, ehe du isst oder Essen zubereitest. Händewasche schränkt die Ausbreitung von Bakterien wirksam ein. Es schützt vor Infektionen. Es schützt dich. Es schützt jene, mit denen du Kontakt hast.

Mehr Tipss über das Händewaschen.

2. Nimmst du Antibiotika? Dann halte dich an die Anweisungen des Arztes

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Jeder Erwachsene kennt diesen Rat: Wer mit einer Antibiotika-Behandlung beginnt, muss sie vorschriftsmäßig beenden. Muss die Kapseln vielleicht weiter nehmen, aucg wenn es einem bereits geht und die Symptome verschwunden sind. Unterbricht man die Behandlung, macht man es Keimen leichter, Resistenzen gegen Antibiotika zu entwickeln.

Wobei: Einige Wissenschaftler stellen diese Doktrin neuerdings in Frage. Sie halten es für besser, wenn man Antibiotika absetzt, sobald die Symptome abgeklungen sind. Weil Keime jedes Mal, wenn sie in Kontakt kommen mit Antibiotika, Resistenzen ausbilden können.

Was folgt daraus? Dass du den Anweisungen folgst, die dein Arzt dir gibt, wenn er dir Antibiotika verschreibt. Fragen sie bei der Gelegenheit gern, wie er diese Debatte beurteilt.

Quelle: UK National Health Service

3. Fleisch gut kochen und handaben

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Einige Antibiotika-resistente Keime entstammen aus der Nahrung, etwa Salmonellen, Campylobacter und E. Coli. Werden Nutztiere mit Antibiotika behandelt, können Keime, die gegen die Medikamente resistent sind, die Behandlung überleben. Die Keime können sich im Darm vermehren und auf dem Fleisch bleiben, bis es beim Kunden in der Küche angelangt ist.

Rohes Fleisch kann Mahlzeiten mit resistenten Keimen verunreinigen. Beim Kochen Fleisch, waschen Sie Ihre Hände vor und nach. Behandeln Sie das Fleisch richtig: Verwenden Sie keine Schneidebretter oder Messer, die ungekochtes Fleisch auf andere Teile der Mahlzeit berührt haben.

Rohes Fleisch muss ausreichend gekühlt werden. Verarbeite rohes Fleisch nicht, wenn du eine offene Wunde an den Händen hast. Hier weitere Tipps.von CORRECTIV zum Umgang mit rohem Fleisch.

Quelle: CDC

4. Vorsicht beim Besuch von Freunden und Familie im Krankenhaus

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Ehe du das Krankenzimmer betrittst und ehe du es verlässt, solltest du dir die Hände waschen. Das hilft, die Ausbreitung von Keimen im Krankenhaus einzudämmen.

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Ärzte und Krankenschwestern sollten ihre Hände waschen, bevor sie einen Patienten berühren – und es ist völlig in Ordnung, nachzufragen, ob sie das gemacht haben. In den USA ermutigen Krankenhäuser ihre Patienten, die Ärzte, zu fragen, ob sie ihre Hände gewaschen haben. Einige Ärzte und Krankenschwestern tragen sogar Sticker, auf denen steht, dass man sie gern an das Händereinigen erinnern möge.

Wer Ringe trägt oder künstliche Fingernägel hat, bietet Keimen einen guten Platz zum Überleben. Diese Stellen sollte man darum besonders sorgfältig waschen.

Weitere Tipps hier.

5. Überleg es dir gut, ehe du bei einem Husten oder eine Erkältung Antibiotika nimmst

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Virale Infektionen – Husten, Erkältungen, Grippe, Halsschmerzen, Bronchitis – können nicht mit Antibiotika behandelt werden. Antibiotika bekämpfen keine Infektionen, die direkt durch Viren verursacht werden, nur solche, die durch Bakterien verursacht werden.

Wer Antibiotika einnimmt gegen Husten oder Grippe, der wird erstens nicht davon geheilt. Der wird zweitens weiterhin andere mit den Viren anstecken können. Und trägt drittens dazu bei, dass unnötig Antibiotika eingenommen werden – und so Resistenzen entstehen können.

Wer Antibiotika bei einer Erkältung einnimmt, tötet lediglich harmlose Bakterien im eigenen Körper damit ab, während AAntibiotika-resistente Bakterien überleben. Die sich dann weiter verbreiten können.

Quelle: CDC

6. Halt deinen Impfschutz auf dem laufenden.

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Die erste Devise beim Kampf gegen Antibiotikaresistenz ist: Gesundheit. Besser, als Krankheiten zu kurieren, ist es natürlich, gar nicht ist es ungleich vorteilhafter, gar nicht erst krank zu werden. Als Krankheit zu verhindern, als sie zu behandeln.

Impfstoffe schützen dich und die Menschen, mit denen du Kontakt hast. Etliche einst gefährnliche Infektionskrankheiten – Polio, Masern, Keuchhusten, deutsche Masern, Mumps und Tetanus – sind dank Impfungen unter Kontrolle. Impfstoffe Millionen Leben gerettet.

Gerade, wenn du ins Ausland reist, achte auf ausreichenden Impfschutz. Kümmere ich rechtzeitig darum, lange genug vor deiner Abreise.

Quelle: CDC

7. Schütz dich vor Geschlechtskrankheiten

Photo credit: Jenny Koske licensed under Creative Commons

Infektionen wie Chlamydien, Gonorrhoe und Syphilis werden durch Bakterien verursacht und in der Regel mit Antibiotika behandelt. Wobei es immer schwieriger wird, etliche dieser Geschlechtskrankheiten zu behandeln. Erstens, weil mehrere von ihnen gar nicht diagnostiziert werden. Zweitens, weil sie zum Teil bedrohliche Resistenzen entwickeln.

Das gilt gerade für Gonorrhoe, im Volksmund „Tripper“ genannt. Mediziner haben Stämme multi-resistenter Gonorrhoe-Keimen nachgewiesen, die auf kein einziges verfügbares Antibiotikum reagieren. Und: Bei Frauen verläuft die Gonorrhoe häufig ohne Symptome. Doch unbehandelte Geschlechtskrankheiten können die Gesundheit langfristig schädigen.

Schütze dich vor Geschlechtskrankheiten. Lass dich und deinen Partner regelmäßig testen. Lerne, mögliche Symptome zu erkennen. Erfahre mehr über drogenresistente STI’s und was du tun kannst, um sie zu bekämpfen

Quelle: WHO and CDC

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Gefährliche Keime

Zehn wichtige Entdeckungen in der Geschichte der Antibiotika

Antibiotika haben Millionen Menschen das Leben gerettet. Hier sind zehn wichtige Momente in ihrer Entwicklung.

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von Victoria Parsons

Alexander Fleming entdeckt Penicillin 

Image credit: Monica Arellano-Ongpin licensed under Creative Commons

Am 3. September 1928 kam Fleming von seinem Urlaub zurück an seinen Possen als Bakteriologie-Professor am St Mary’s Krankenhaus in London und ordnete seine Petrischalen. Die schalen enthielten Staphylococcus-Bakterien, die etwa Wundbrand verursachen. Eine Schale war besonders: Sie hatte einen Fleck mit Schimmel – und drumherum waren die Bakterien tot. 

Fleming fing an, mit dem Extrakt des Schimmels zu experimentieren und fand heraus, dass es weitere Bakterienarten abtöten konnte. 1929 veröffentlichte er seine Ergebnisse. Obwohl noch viele Jahre vergehen sollten, bis Penicillin aus dem Extrakt isoliert und als die wirksame Substanz darin ausgemacht werden konnte, stehen diese Experimente für die Entdeckung des ersten echten Antibiotikums. 

Quelle: The American Chemical Society

 „Wundermittel“ Penicllin wird für Soldaten im Zweiten Weltkrieg entwickelt

 

Ein Gefäß aus Glas für die Herstellung von Penicillin.  Image credit: Wellcome Images licensed under Creative Commons

Nachdem Fleming es entdeckte, geriet Penicillin erstmals in Vergessenheit. Es war nämlich sehr schwer, den Stoff aus Schimmelpilzen zu isolieren. 

Im Zweiten Weltkrieg wurde es klar, dass eine Massenproduktion des Mittels vielen Soldaten das Leben retten könnte. Die Regierungen der USA und Großbrittaniens regten die Pharmaindustrie an, nach Lösungen zu suchen.

Pharma-Firmen wählten unterschiedliche Ansätze, doch Pfizer war zuerst erfolgreich. Dafür bekam das Unternehmen 2008 eine Auszeichnung der American Chemical Society.

Bis zum D-Day wurden über 2 Millionen Dosen Penicillin  hergestellt. Pharma-Hersteller ließen Poster erstellen, die lauteten: „Dank Penicillin, wird er nach Hause kommen!“

Cephalosporine werden 1945 isoliert

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Das Bakterium Cephalosporium wurde 1945 zunächst von dem Wissenschaftler Giuseppe Brotzu aus Erde in Sardinien isoliert. Doch Brotzu fehlten die Mittel, um damit weiter zu forschen, und er schickte die Proben nach Oxford. Dort isolierten Edward Abraham und Guy Newton das Mittel Cephalosporin C daraus. 

Cephalosporine sind sogenannte Breitspektrum-Antibiotika, die gegen viele verschiedene Arten von Bakterien wirken. Sie werden noch heute bei vielen Krankheiten wie Harnwegsinfektionen oder Hirnhautentzündungen eingesetzt. Chemisch sind sie den Penicillinen ähnlich. 

Quellen: A Glimpse of the Early History of the Cephalosporins, Journal of Clinical Infectious Diseases, und NHS Evidence.

Chloramphenicol wird 1947 entdeckt

 

Image credit: Brother Magneto licensed under Creative Commons

Chloramphenicol wurde aus Erde und Kompost isoliert. Der Stoff wird von dem Bakterium Streptomyces venezuelae hergesstellt. Seine Wirksamkeit konnte er schnell unter Beweis stellen, als er gegen Typhus-Ausbrüche in Bolivien und Malaysia eingesetzt wurde.

In 1949 wurde Chloramphenicol in den USA als das erste Breitband-Antibiotikum zugelassen und erfreute sich sofort großer Beliebtheit. Diese schwand allerdings in den 1960-iger Jahren, als Nebenwirkungen auf den Knochemark bekannt wurden. 

Quelle: The Journal of Pediatric Pharmacology and Therapeutics

1948: Die ersten Tetracycline

Image credit: rchappo2002 licensed under Creative Commons

Der Stoff, der von den Actinomyceten-Bodenbakterien produziert wird, wurde 1948 beschrieben. Die Tetracycline gehören auch zu den potetenten Breitspektrum-Antibiotika. 

Source: New York Academy of Sciences

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Entdeckung von Colistin

Bakterium auf Petrischale, dass nur mit Colistin behandelt werden kann. Image credit: Nathan Reading licensed under Creative Commons

Colistin wurde zunächst 1947 beschrieben und wird seit 1959 gegen Entzündungen mit sogenannten gramnegativen Bakterien eingesetzt. Diese Bakterien haben eine zusätzliche Hülle und sind oft sehr schwer zu behandlen.

Da Colistin aber schwere Nebenwirkungen etwa auf die Nieren aufweist, wurde der Einsatz an Menschen schwer beschränkt und als Mittel der letzten Wahl reserviert. Dagegen fand es aber in der Tiermast massenhaften Eisnatz. Was kürzlich zu neuen restisten Erregern geführt hat.  

Quelle: UK Government’s Animal and Plant Health Agency

Aminoglykoside

Tuberkulose-Erreger. Image credit: Sanofi Pasteur licensed under Creative Commons

Aminogklykoside sind eine Klasse von Antibiotika, die sich durch hohe Wirksamkeit und niedrige Kosten auszeichnet. Als Nachteil können sie Nebenwirkungen etwa auf die Nieren entfalten. Trotzdem gehören sie zu den am weitesten verbreiteten Antibiotika.

Der erster Vertreter der Aminoglykoside war Streptomycin, das 1943 von US-Amerikanischen Biochemikern entdeckt wurde. Sie isolierten das Antibiotikum aus dem Bodenbakterium Streptomyces griseus. Streptomycin erwies sich unter anderem aktiv bei Tuberkulose..

Source: US National Library of Medicine National Institutes of Health 

Entdeckung der Makrolide

Image credit: Nathan Reading licensed under Creative Commons

Die Makrolide werden für die Behandlung von Streptococcus-Bakterien wie MRSA genutzt, wenn Penicillin nicht eingesetzt werden kann. Zu ihnen gehören die Stoffe Erythromycin und Clarithromycin, mit denen etwa Lungenentzündungen behandelt werden.  

Die Makrolide wurden in den 1950-igern entwickelt, nachdem Wissenschaftler Erythromycin aus dem Bodenbakterium Streptomyces erythraeus gewannen. In den 1970-igern wurden synthetische Verwande des Stoffs hergestellt, wie etwa Clarithromycin and Azithromycin.

Source: Encyclopædia Britannica

Das Aufkommen von MRSA 

Mikroskopie von einer Immunzelle, die MRSA-Bakterien frisst. Image credit: NIAID licensed under Creative Commons.

Methicillin-resistentes Staphylococcus aureus wurde zunächst 1961 in Großbritannien nachgewiesen, erst ein Jahr nachdem das Antibiotikium Methicillin hier eingeführt wurde. Die Bakterien waren bereits resistent gegen Penicillin und wurde daher zu den ersten bekannten „Superbugs“ – Bakterien, die gegen verschiedene Antibiotika resistent sind. 

MRSA blieben zunächst selten, doch allmählich wuchsen die Fallzahlen. In den 2000-er Jahren gab es mehrere Ausbrüche mit MRSA in brittischen Krankenhäusern. 

Es ist schwer abzuschätzen, wiele Opfer MRSA verursachen. Die US-amerikanische Infektionsschutzbehörde Centers for Disease Control and Prevention geht von 80.000 Infektionen und über 10.000 Toten pro Jahr im Land allein

Quelle: Journal of Antimicrobial Chemotherapy

Quinolone – synthetische Antibiotika

Bacillus megaterium. Image credit: Marc Perkins licensed under Creative Commons

Anders als die meisten anderen Antibiotika wurden die Quinolone synthetisch hergestellt. Ihre Entdeckung begann zufällig, bei Forschung zu dem Anti-Malaria-Mittel Chloroquin. Heute sind Quinolone sehr beliebt und werden auch gegen gramnegative Erreger eingesetzt.

Quelle: The Quinolones: Past, Present, and Future, Journal of Clinical Infectious Diseases

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Gefährliche Keime

Antibiotikaresistenz als politische Priorität

Seit einigen Ausbrüchen, die große Medienaufmerksamkeit bekommen haben, sind resistente Keime in Großbritannien im Fokus der Politik. Regierungsinitiativen sollen das Problem in den Griff  bekommen. Doch es Mangelt an verlässlichen Daten. Wir geben eine Übersicht zu der komplexen Situation im Land und versorgen sie mit den wichtigsten Informationen zum Thema.

von Victoria Parsons , Andrew Wasley

Antibiotika-Resistenzen sind zu einem bedeutenden Thema in der britischen Politik geworden. Im Jahr 2014 brachte die Regierung den AMR-Bericht heraus. Der vielbeachtete Bericht wurde als hochkarätige Antwort der Regierung auf ernste Bedenken hinsichtlich Antibiotika-Resistenzen gehandelt.

Der Bericht, koordiniert vom ehemaligen Goldman Sachs Ökonomen Lord Jim O’Neill, behandelt die Angelegenheit als eine globale Gesundheitskrise und gibt Ratschläge, wie das Problem im internationalen Kontext gelöst worden kann. In einem aktuellen und exklusiven Interview mit dem „Bureau of Investigative Journalism“ bezeichnete Lord O’Neill die Antibiotika-Krise als ein Desaster, das besorgniserregender als die globale Finanzkrise im Jahr 2008 sei. Er warf außerdem die Idee einer „Antibiotika-Steuer“ in den Raum, einer der Vorschläge, die im letzten Report des Berichts enthalten waren.

Großbritanniens Chief Medical Officer, Dame Sally Davis, nannte das Problem der Antibiotika-Resistenzen eine „tickende Zeitbombe“ das zusammen mit Terrorismus auf eine Liste mit Bedrohungen der Nation gehörte.

Im Jahr 2013 entwickelte die Regierung eine parteiübergreifende Strategie zur antimikrobiellen Bekämpfung, ausgelegt auf fünf Jahre. Die Strategie konzentriert sich auf drei Bereiche: Förderung von Wissen über und Verständnis von antimikrobiellen Resistenzen, Erhalt der Wirkung von existierenden Antibiotika und Förderung der Entwicklung von neuen Antibiotika.

Ausgeprägtes Bewusstsein nach schweren Ausbrüchen

Wegen einer Serie von MRSA-Ausbrüchen in der Mitte der 2000er ist das Bewusstsein für die Gefahren hoch. Die Ausbrüche erreichten im Jahr 2006 ein Rekordhoch als MRSA 1652 Todesfälle verursachte oder dazu beitrug. Damit verzeichnete Großbritannien dreimal so viele Fälle wie im Jahr 1993, als die Aufzeichnungen begannen. Verschiedene Richtlinien zur Hygiene in Krankenhäusern haben sich seitdem verschärft und die Zahl der Todesfälle ist in den letzten Jahren gefallen.

Neue Richtlinien zur Kontrolle von Infektionen für das Pflegepersonal aus dem Jahr 2005 beinhalten die Untersuchung von Patienten auf MRSA. Außerdem werden ansteckende Patienten in Isolierzimmern untergebracht.

Krankenhäuser sind nun verpflichtet die Anzahl von MRSA-Infektionen zu erfassen und öffentlich zu machen. Nachdem 2012 weniger als 300 Todesfälle in Verbindung mit MRSA gezählt wurden, werden nun anstatt der Todesfälle die Anzahl der MRSA-Infektionen im Jahr festgehalten.

Außerdem führte Großbritanniens Regierung mehrere Kampagnen mit denen die Öffentlichkeit über den richtigen Gebrauch von Antibiotika aufgeklärt werden soll. Außerdem wurden die Bürger dazu aufgerufen, ihre Hausärzte nicht wegen einem normalen Husten oder einer Erkältung um Antibiotika zu bitten. Die helfen bei Virus-Infektionen nämlich nicht.

Lückenhafte Informationen

Die Regierung veröffentlicht Daten zu den häufigsten, aber auch zu den, ihrer Einschätzung nach, gefährlichsten Infektionen. Campylobacter ist für die meisten Lebensmittelvergiftungen im Vereinigten Königreich verantwortlich. Konkret wird geschätzt, dass der Keim für 280000 Infektionen und hundert Todesfälle verantwortlich ist.

Antibiotika sind bei dem Keim in vielen Fällen wirksam. Einer Recherche von TBIJ vom April dieses Jahrs zufolge steigt jedoch die Resistenz gegen eines der wichtigsten Antibiotika gegen Campylobacter Infektionen kontinuierlich. Bei fast der Hälfte aller Campylobakter Infektionen im Jahr 2015, die in Großbritannien auftraten, wurden die Keime positiv auf Resistenzen gegen Ciprofloxacin getestet. Das ist eines von mehreren Medikamenten, die Ärzte benutzen, wenn bei Patienten mit Lebensmittelvergiftung Komplikationen auftreten.

Public Health England veröffentlicht jedes Jahr, jeden Monat und jedes Quartal Daten über E. coli, C. difficile und MRSA Infektionen.  Es gibt aber keine Informationen darüber, bei wie vielen dieser Infektionen Resistenzen gegen manche oder alle Antibiotika bestehen. Die Daten zu Infektionen sind meist nach Krankenhäusern kategorisiert.

Das European Centre for Disease Prevention and Control analysiert regelmäßig Daten von teilnehmenden Krankenhäusern. Die zeigen, dass der Anteil von resistenten Formen von E. coli und S. aureus in Großbritannien im Vergleich zum europäischen Durchschnitt gering ist.

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Unüberschaubares Konsumverhalten

Neueste Daten zeigen, dass im Jahr 2013 531,2 Tonnen Antibiotika an Menschen abgegeben wurden. An Tiere wurden 418, 7 Tonnen verfüttert. Heruntergebrochen auf den einzelnen Menschen bedeutet das: Es wurden 135 mg Antibiotikum pro Kilogramm Gewicht konsumiert. Auf jedes Kilo Tier kommen 55,6 mg.

Damit liegt Großbritannien im europäischen Durchschnitt: Nach einem Bericht der Europäischen Kommission von 2015 kamen dort 144 mg Antibiotikum auf ein Kilo Vieh, bei den Menschen waren es 116 mg. Beides zusammengerechnet, kommt Großbritannien nach Frankreich und Italien auf Platz 3. Das liegt vor allem an der hohen Bevölkerungszahl des Landes.

Im Jahr 2014 haben Allgemeinmediziner mehr als 37 Millionen Behandlungen mit Antibiotika verschrieben. Das gibt zwar Auskunft darüber, wie oft Ärzte die Einnahme von Antibiotika verschrieben haben – aber nicht darüber, wie lange die Einnahme dauerte und wie hoch sie dosiert war. Am meisten wurden in diesem Jahr Antibiotika aus drei Gruppen eingesetzt: Penicilline (45 Prozent), Tetrazyklin (22 Prozent) und Makrolide (15 Prozent).

Ärzte haben in den letzten Jahren seltener Antibiotika verschrieben. Und trotzdem zeigt ein Bericht von Public Health England vom 2015, dass der Antibiotikakonsum zwischen 2011 und 2014 um 6,5 Prozent gestiegen ist. Das weist darauf hin, dass Ärzte höhere Dosen und längere Einnahmezeiten verschreiben. 74 Prozent der Rezepte für Antibiotika werden nämlich von Ärzten ausgestellt.

In Bezug auf Transparenz bei Antibiotikaverschreibungen in Arztpraxen ist England besser aufgestellt als andere europäische Länder. Die Verschreibungsdaten jeder Praxis sind offen zugänglich und können für statistische und wissenschaftliche Analysen genutzt werden.  

Die Zahl der Antibiotika-Verschreibungen ist auch in Krankenhäusern angestiegen – bei stationären Patienten um 11,7 Prozent, bei ambulanten Patienten um 8,5 Prozent. Der Public Health England Bericht zeigt außerdem, dass der Anteil an Verschreibungen von Breitbandantibiotika in Krankenhäusern am höchsten ist. Das ist problematisch. Nach den Vorgaben des National Institute for Health and Care Excellence, sollten Breitbandantibiotika nur bei Infektionen mit resistenten Keimen genutzt werden. Werden sie regelmäßig verschrieben, erhöht sich das Risiko für die Entstehung von MRSA und anderen resistenten Bakterien.   

Die Regierung hat nach Informationen des TBIJ sogar nur teilweise einen Überblick darüber, welche Antibiotika in welchen Mengen in der Mastindustrie verwendet werden. Nur das Veterinary Medicines Doctorate veröffentlicht jedes Jahr einen Bericht darüber, wie viele Antibiotika an Mastställe verkauft werden. Dieser Bericht basiert auf Daten von Pharmakonzernen, die auf Tiermedizin spezialisiert sind.

Wir brauchen mehr Transparenz damit wir sehen können, wo das Problem liegt. Im Februar hat TBIJ eine Untersuchung veröffentlicht, die zeigt, dass die Verwendung von einer besonders wichtigen Gruppe von Antibiotika, den Fluoroquinolonen, in der britischen Geflügelmast zwischen 2013 und 2014 um 59% gestiegen ist.

Die Daten des Veterinary Medicine Doctorate zeigen, dass der Verkauf von Antibiotika im Allgemeinen zwischen 2008 und 2014 graduell gestiegen ist. Der Verkauf von in der Humanmedizin besonders wichtigen Antibiotika dagegen ist drastischer angestiegen. Dazu gehören Fluoroquinolone und Cephalosporine der dritten und vierten Generation.

Wir arbeiten daran, Zugang zu detaillierteren Informationen zu bekommen, um einen besseren Überblick darüber zu geben, welche Antibiotika wo benutzt werden. So wollen wir unser Verständnis vom Problem verbessern.

Die Autoren sind Journalisten bei „The Bureau of Investigative Journalism“, einem britischen unabhängigen und gemeinnützigen Medium, mit dem wir bei unserer Recherche zu gefährlichen Keimen zusammenarbeiten.

Die Autoren sind Journalisten bei „The Bureau of Investigative Journalism“, einem britischen unabhängigen und gemeinnützigen Medium, mit dem wir bei unserer Recherche zu gefährlichen Keimen zusammenarbeiten.
Übersetzung aus dem Englischen: Xenia Balzereit

Friedhof: 10 Millionen sollen an Resistenzen sterben, eine Übertreibung

Friedhof: 10 Millionen sollen an Resistenzen sterben, eine Übertreibung© Ivo Mayr

Gefährliche Keime

Wissenschaftler operieren mit falschen Zahlen

EXKLUSIV: Vor zwei Jahren warnte ein Expertengremium der britischen Regierung, dass jedes Jahr 10 Millionen Menschen an multiresistenten Keimen sterben können. Die Zahl geistert seitdem durch alle möglichen Medien. Jetzt stellt sich heraus: Sie ist maßlos übertrieben. CORRECTIV beschreibt, welche Rechenfehler die Wissenschaftler begangen haben – und welche Interessen dahinter stecken. Ein Lehrstück über Alarmismus im Wissenschaftsbetrieb.

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von Hristio Boytchev , Victoria Parsons

Diese Recherche erscheint in „Spiegel online“, „The Independent“, „Tagesspiegel“ „Südthüringer Zeitung“, „Freies Wort“, „Meininger Tageblatt“, und „Deutsche Apotheker Zeitung online“.


Seit nunmehr zwei Jahren schwappen weltweit alarmierende Berichte durch die Medien: „Millionen Tote durch multiresistente Keime möglich“, titelte zum Beispiel welt.de. „Resistente Keime bald gefährlicher als Krebs“, lautet eine Überschrift bei Spiegel Online. Die BBC forderte eine „weltweite Revolution“, um resistente Keime abzuwehren. Und der „Mirror“ warnt gar vor einer „Antibiotika-Apokalypse“. Das Problem: Es ist extrem schwer zu berechnen, wie groß die tatsächliche Gefahr ist.

Was ist hier los?

2014 veröffentlichte ein von der britischen Regierung beauftragtes Expertengremium seinen Bericht „Review on Antimicrobial Resistance“. Die Prognose der Kommission: Von 2050 an werden weltweit jedes Jahr rund 10 Millionen Menschen an resistenten Erregern sterben. Der Bericht wirkt seriös und wissenschaftlich, zugleich ist er gut lesbar, verfasst in einer verständlichen Sprache  – und findet seinen Weg in Zeitungen, Parlamente und Forschungsanträge weltweit. Die UN zitiert die Zahl von 10 Millionen, die europäische Kommission, die G7, die Grünen, und schließlich auch der deutsche Gesundheitsminister. Inzwischen steht die Zahl überall.

Allein – wie stichhaltig ist die alarmierende Prognose?

Das hat jetzt ein Team um die Infektionsforscherin Marlieke de Kraker am Uni-Klinikum Genf untersucht. Seine Analyse im Fachblatt „Plos Medicine“ zeigt: Die Vorhersage hält einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand. Alles deutet darauf hin, dass die Zahl maßlos übertrieben ist. Der Grund sind ein Missverständnis und drei Fehler.

Das Missverständnis: Antibiotikaresistenzen

Die Prognose von 10 Millionen bezieht sich auf Opfer resistenter, also nicht mit Medikamenten behandelbarer Keime. Dazu gehören neben den gefürchteten Erregern mit Antibiotikaresistenzen auch Keime, die keine Bakterien sind – etwa HIV oder die einzelligen Parasiten, die Malaria verursachen. Zwar machen die Autoren des Berichts das klar, doch das wichtige Detail geht oft in der Berichterstattung unter.

Erster Fehler: Die Kerndaten sind falsch

Wie häufig sind resistente Keime heute? Die britische Studie legt die Zahlen aus dem europaweiten Netzwerk EARS zugrunde, in dem resistente Keime gemeldet werden. Doch an diesem Netzwerk sind vor allem große Krankenhäuser beteiligt, das heißt solche, die überdurchschnittlich viel schwere Infektionen behandeln. Man darf von diesen Kliniken also keineswegs auf Infektionen schließen, die ein Hausarzt behandelt, oder auf alle europäischen Krankenhäuser – und schon gar nicht auf Krankenhäuser in wenig entwickelten Ländern. Doch die britische Studie macht genau diesen Fehler: Sie tut so, als seien die Resistenz-Quoten aus den großen Krankenhäusern des EARS-Netz der weltweite Maßstab.

Zweiter Fehler: Wie tödlich sind resistente Keime?

Angenommen, es sterben 2000 Patienten am resistenten „Krankenhauskeim“ Staphylococcus aureus, gemeinhin als MRSA bekannt. Und 1000 Patienten an einem „gewöhnlichen“ Staphylococcus aureus-Erreger. Dann könnte man annehmen, dass die Tödlichkeit des resistenten Keims doppelt so hoch sei. Genau diese Annahme machen die Briten – und auch sie ist falsch. Denn die beiden Patientengruppen unterscheiden sich. Die 2000 MRSA-Toten sind im Schnitt älter und damit anfälliger als jene 1000, die sich mit dem gewöhnlichen Keim infiziert haben. Je älter ein Mensch ist, desto mehr Antibiotika hat er in seinem Leben wahrscheinlich genommen – und desto wahrscheinlicher trägt er resistente Keime. Nur wenige hochwertige Studien berücksichtigen den Faktor, wie unterschiedlich die jeweiligen Patienten sind. Und diese Studien ergeben eine deutlich niedrigere Sterblichkeit durch resistente Keime.

Die Briten rechnen in ihrem Report hoch, dass heute weltweit rund 700.000 Menschen an resistenten Erregern sterben, vor allem an resistenten Tuberkulose-, Malaria-, HIV- und drei bakteriellen Erregern. Auch diese Zahl dürfte eine ziemliche Übertreibung sein.

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Dritter Fehler: Die Prognose

Wie kommt nun die Hochrechnung von 10 Millionen Toten pro Jahr ab dem Jahr 2050 zustande? Die Autoren der britischen Studie gehen davon aus, dass Keime in Zukunft deutlich mehr Resistenzen entwickeln. Und zwar gehen sie von einer Steigerung um 40 Prozentpunkte aus. Das wär für einen Keim, der heute zu 10 Prozent resistent ist, eine Verfünffachung der Resistenz. Sie würde von 10 auf 50 Prozent steigen. Zudem geht man in diesem Szenario von einer Verdopplung der Ansteckungsrate aus. Auch das ist schwer nachvollziehbar, wird doch die Hygiene weltweit immer besser. Dritte Annahme: Die Sterblichkeit bleibt gleich. Mit anderen Worten: Die Medizin wird bis 2050 keine substantiellen Fortschritte machen in der Entwicklung neuer Antibiotika.

Fazit: Hochgradig unseriös

So wissenschaftlich die Studie daherkommt, so unwissenschaftlich ist sie in Wirklichkeit. Sowohl was die Methodik angeht, also auch, was ihre Entstehung betrifft. Hinter der Prognose stehen die beiden kommerziellen Beratungsfirmen Rand und KPMG. Sie haben die Szenarien entwickelt und sie dem Expertengremium unter der Leitung des britischen Ökonomen Lord Jim O’Neill präsentiert. Veröffentlicht ein Wissenschaftler eine Studie, wird sie ihn auf Jahre hinaus begleiten. Werden deren Ergebnisse kritisiert, muss er sich rechtfertigen. Die Autoren der alarmistischen britischen Studie jedoch nicht Teil des Wissenschaftsbetriebs und beschäftigen sich längst mit anderen Themen. Lord Jim O’Neill war von CORRECTIV für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Mit anderen Worten: Es ist wenig wahrscheinlich, dass vom Jahr 2050 jährlich rund 10 Millionen Menschen an resistenten Keimen sterben. Die Zahl gehört eingemottet. Das bedeutet freilich nicht, dass multiresistente Keime harmlos wären. Sie sind tatsächlich eine große Bedrohung – auch ohne Übertreibungen.

Warum aber die Übertreibungen?

Marlieke de Kraker, die Forscherin aus Genf, berichtet, wie gut ihr Paper in der wissenschaftlichen Community ankomme. „Wir kriegen nur positive Rückmeldungen“, sagt sie. Viele Forscher hatten ob der britischen Studie Bauchschmerzen – und sind dankbar, dass nun jemand den Unsinn widerlegt.

Auch Petra Gastmeier, Hygienikerin an der Charité, begrüßt die Arbeit. „Die Autoren haben die Fehler der Briten Schritt für Schritt aufgezeigt“, sagt sie. Wobei sie und ihre Kollegen die Zahl von 10 Millionen Toten ohnehin nie ernst genommen hätten. „Die Zahl ist aus der Luft gegriffen“, sagt die Charité-Medizinerin.

Doch warum ist sie dann so anhaltend populär, nicht nur bei Journalisten, Politikern und Aktivisten, sondern auch in unzähligen wissenschaftlichen Papers, in Förderanträgen und auf Konferenzen? Warum haben sich die Forscher nicht eher gegen die monströse Schätzung gewehrt? Warum hat es mehr als zwei Jahre gedauert, ehe die Hochrechnung jetzt auseinander genommen wurde?

Weil auch ernsthafte Forscher von der Übertreibung profitiert haben. „Wenn ich einen Förderantrag über Antibiotikaforschung bewilligt bekommen will, will ich eine höhere Anzahl von Toten“, sagt Petra Gastmeier von der Charité. Wobei sie betont, die Zahl nie selbst in einen Antrag geschrieben zu haben.

Zudem sind die 10 Millionen die bisher einzige konkrete Schätzung. Fragt man Gastmeier oder de Kraker nach einer anderen, genaueren Prognose, weigern sich beide, eine Zahl zu nennen – eben weil es zu wenig Daten und zu viele Unsicherheiten gibt. Als Wissenschaftlerinnen beharren sie darauf, nur seriöse Hochrechnungen zu machen. Die aber seien derzeit nicht möglich. Weshalb die unwissenschaftlichen 10 Millionen Toten konkurrenzlos durch die Medien geistern.

„Wer warnt, hat immer recht“, sagt Markus Lehmkuhl, Kommunikationsforscher am Karlsruher Institut für Technologie. Wer warnt, sei auf der sicheren Seite. Wer dagegen zu früh Entwarnung gibt, mache sich angreifbar, sollte es dann doch schlimmer kommen. Im umgekehrten Fall kann man zumindest erklären: Man habe die Bevölkerung ja nur schützen wollen.

Lehmkuhl erforscht seit Jahren, wie über Antibiotikaresistenz geredet und berichtet wird – nämlich von Anfang an mit einem alarmistischen Unterton. Was vor allem daran liege, sagt Lehmkuhl, dass das Thema in der Bevölkerung insgesamt wenig bekannt sei. Deswegen habe sich noch keine reife und vielschichtige Debatte entwickelt. Anders als beim Klimawandel, wo die Erkenntnisse der Wissenschaft inzwischen zu vielen Bürgern durchgedrungen seien.

© Ivo Mayr

Gefährliche Keime

Wenn Antibiotika Ärzte beruhigen

Rund die Hälfte der weltweit in Krankenhäusern verabreichten Antibiotika wird nicht gemäß der wissenschaftlichen Leitlinien verschrieben. Das zeigt jetzt eine Meta-Analyse, die alle verfügbaren Studien zum Thema durchforstet hat. Die Analyse zeigt auch, wie man Ärzte dazu bringen kann, weniger Medikamente einzusetzen.

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von Hristio Boytchev , Victoria Parsons

Die Meta-Analyse läuft seit 15 Jahren, jetzt wurde eine grundlegende Aktualisierung veröffentlicht, die sich auf insgesamt 221 wissenschaftliche Publikationen weltweit stützt.

Das beunruhigende Resultat: In Krankenhäusern werden Antibiotika nur zu 43 Prozent im Einklang mit den Leitlinien verschrieben – den medizinischen Handlungsempfehlungen für den klinischen Alltag. Anders gesagt: In mehr als der Hälfte der Fälle weichen die Krankenhausärzte von den Regeln ab. Werden zu viele Antibiotika eingesetzt, kann das die Entwicklung von resistenten Keimen befördern. Man schätzt, dass in deutschen Krankenhäusern pro Jahr zwischen 1000 und 4000 Menschen wegen Antibiotikaresistenzen sterben.  

Warum weichen so viele Ärzte von den medizinischen Leitlinien ab?

„Das Valium für Chirurgen“

Etwa, weil Chirurgen bei Operationen vorsorgend Antibiotika verabreichen. Das sagt Hajo Grundmann, Leiter der Krankenhaushygiene am Uniklinikum Freiburg. Eigentlich sollten höchstens ein paar Stunden vor einer OP Antibiotika verabreicht werden. Doch für viele Chirurgen sei es eine große Beruhigung, sie auch noch Tage danach zu verabreichen. Damit ja keine Infektion auftrete. „Antibiotika sind das Valium für Chirurgen“, sagt Grundmann.

Und das liege auch daran, ergänzt Hajo Grundmann, weil viele Krankenhäuser heute profitorientierte Unternehmen seien; das setze die Ärzte unter immer größeren Druck. Alles werde in Kennzahlen gemessen, für einen Chirurgen sei entscheidend, ob er oder sie erfolgreich operiere und dem Krankenhaus Geld verdiene. Antibiotika sparsam einzusetzen? Ist dagegen keine so relevante Größe.

Dass es möglich ist, das Verschreibungsverhalten der Ärzte zu ändern – auch das zeigt die neue Meta-Analyse. Dann nämlich, wenn die Krankenhäuser ihre Mediziner fortwährend kontrollieren, fortbilden und betreuen. Dann würden Antibiotika – laut Studie – um durchschnittlich 15 Prozentpunkte häufiger gemäß der Leitlinien eingesetzt.

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Die korrekte Verschreibungsquote steigt damit von 43 auf 58 Prozent. Das klingt auf den ersten Blick nicht nach viel, aber: „Das ist schon toll“, sagt Grundmann. Zeige sich doch, dass eine Verhaltensänderung bei den Ärzten möglich ist, die dem Patienten keinen medizinischen Nachteil bringt. Und darüber hinaus den Krankenhausaufenthalt um einen Tag reduzieren kann.

So sieht das auch Winfried Kern, Professor für Infektiologie an der Uniklinik Freiburg. Es sei nicht realistisch, auf 100 Prozent korrektes Verschreibungsverhalten zu schielen, auch, weil es viele Situationen gibt, für die es keine eigene Leitlinie gibt. Oder es ist medizinisch sinnvoll, von der Leitlinie abzuweichen, wenn etwa ein Patient besonders anfällig ist. „Leitlinien haben überdies nicht immer die hohe Qualität, die sie haben müssten“, gibt der Mediziner zu bedenken.

Die Meta-Analyse wurde veröffentlicht von einem Team um Peter Davey von der schottischen University of Dundee. Die Forscher haben auch untersucht, welche Maßnahmen die Ärzte wirksam dazu anhalten, weniger Antibiotika zu verschreiben. Studienleiter Davey kritisiert, dass viele dieser Maßnahmen zu vage und unkonkret seien – und keine präzisen Ziele formulieren. Das Ziel sei häufig nur: „öfter den Leitlinien zu folgen“. Und nicht etwa: „mindestens in 80 Prozent der Fälle den Leitlinien zu folgen“. Was dann auch dazu führt, dass ein möglicher Erfolg nicht beziffert werden kann.

Überschätzte Fortbildungen

Was gar nicht wirkt, laut Davey: Die Ärzte zum Ausfüllen eines Formulars zu zwingen, um Antibiotika verabreichen zu können. Dann fühlten sie sich bevormundet – und würden lügen beim Ausfüllen der Formulare. Ebenfalls uneffektiv: Fortbildungsveranstaltungen.

Gerade in Deutschland setzte man aber stark auf Fortbildung. „Wenn irgendwas nicht läuft, gibt es eine Nachschulung“, sagt Petra Gastmeier, leitende Hygienikerin an der Berliner Charité. Dabei mangele es nicht an Kenntnissen. Die Ärzte wüssten in der Theorie, was zu tun ist.

Im angelsächsischen Raum, so Gastmeier, sei man besser aufgestellt: Dort nähmen Infektionsspezialisten und Hygieniker Chirurgen und andere behandelnde Ärzte öfter an die Hand, betreuten sie, gäben ihnen Feedback über deren Verschreibungsverhalten.

Nach diesen Prinzipien führt Gastmeier nun in Deutschland ein Projekt durch, das auch ambulante Ärzte zu einem sinnvolleren Antibiotikaeinsatz bewegen soll. Nach ihrer Einschätzung ist die Lage bei Hausärzten vergleichbar mit der in Krankenhäusern.