Bei der Chemotherapie findet Heike Benedetti neun Freundinnen. Sie alle werden von einem Apotheker um ihre Medikamente betrogen. Fünf sterben. Die anderen fünf können nicht einfach so weiterleben.

Als Heike Benedetti vor drei Jahren pünktlich um 9 Uhr morgens die Arztpraxis betritt, ist der Betrug längst geschehen. Sie sieht zum ersten Mal den Ort, an dem sie geheilt werden soll. Das Chemo-Zimmer am Bottroper Marienhospital, in dem zehn blaue Sessel stehen, fünf links an der Wand, fünf rechts. In diesem Raum wird Benedetti neun andere Frauen treffen. Für drei Stunden in der Woche werden sie eine Schicksalsgemeinschaft bilden. Zehn Fremde, die ab diesem Tag gemeinsam gegen den Krebs kämpfen. Zehn Fremde, aus denen Freundinnen werden: die Onko-Mädels. Fünf von ihnen werden im Verlauf dieser Geschichte sterben. Doch Heike Benedetti überlebt, und wird zur Anführerin einer Bewegung.

Die Grande Dame mit Pottschnauze

Benedetti ist Mitte 40, eine Grande Dame mit Pottschnauze. Ihre Fingernägel passen zu ihrem Schmuck, ihr Schmuck passt zu ihrer Bluse. Sie setzt sich im Chemo-Zimmer auf einen der blauen Sessel. Sie sieht die Metallgestelle, die hinter jedem Platz verschraubt sind. Daran hängt die Krankenschwester die Infusionsbeutel mit den Medikamenten auf. Die Heizung ist immer ein bisschen zu warm eingestellt. Denn wenn die kalte Flüssigkeit aus den Infusionsbeuteln in die Adern läuft, fangen manche Patientinnen an zu frieren.

Die Praxis ist auf Brustkrebs spezialisiert. Deshalb sitzen auf den zehn blauen Sesseln im Chemo-Zimmer zehn Frauen mit der gleichen Krankheit. Keine von ihnen will hier sitzen, will frieren und „Neue Woche“ oder „Bild der Frau“ lesen. Heike spricht die anderen Frauen an, die schon länger hier sitzen, von denen manche Kopftücher tragen oder Perücken. Sie fragt nach, wie das ist, mit dem Haarausfall, mit den Nebenwirkungen. Sie quasselt, um zu vergessen, dass schon ihr Vater und ihre Mutter an Krebs gestorben sind. Die zehn Frauen fangen an, über Perücken zu reden, wie die aussehen sollten und wo man sie kauft. Sie tauschen Rezepte für Guglhupf. Eine erzählt vom Chefarzt, den sie ein „ganz hübsches Kerlchen“ nennt.

Woche für Woche arbeiten sie sich durch alle Horoskope in den Klatschmagazinen. Denn die angeblichen Versprechen der Sterne über unverhoffte Verehrer oder Beförderungen lesen sich noch viel lustiger, wenn man selbst gerade mit dem Tod kämpft. Die Frauen teilen kleingeschnittene Möhren und Äpfel aus Tupperdosen. Sie lachen. So viel und so laut, dass die Ärztin manchmal reinkommt und darum bittet, leiser zu sein. Nebenan ist Physiotherapie.

Vorne links Ariane. Dahinter Petra. Vorne rechts. Sandra. Ihr gehts gut. Dahinter steht Carmen. Sie ist letztes Jahr im Sommer gestorben..jpg

Vorne links sitzt Ariane. Dahinter Petra. Vorne rechts Sandra. Ihr geht es momentan gut. Dahinter steht Carmen. Sie ist vergangenes Jahr im Sommer verstorben.

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Benedetti und die anderen Frauen gründen eine Whatsapp-Gruppe und nennen sich „Die Onko-Mädels“. Schließlich haben sie sich ja in der Onkologie kennengelernt. In der Gruppe verabreden sie sich zum Frühstücken, sie schicken sich Emojis, die einen angespannten Bizeps zeigen und senden Mitgefühl mit weinenden Gesichtern.

Nicht das Schicksal hat entschieden, sondern ein Apotheker

Heute sagt Heike: Wir haben fünf Mädels verloren.

Man könnte jetzt sagen, dass das tragisch ist, aber passiert. Krebs ist eine Krankheit, die zum Tod führt. Aber die Frauen, die noch leben, zweifeln, ob ihre Freundinnen nicht länger hätten leben können. Vielleicht sogar wieder gesund sein könnten. Ob sie noch heute Videos von lustigen Tieren in die Whatsapp-Gruppe schicken könnten. Denn vielleicht war es nicht das Schicksal, das entschieden hat, sondern ein Apotheker.

Dass fünf von zehn Frauen sterben, das ist zumindest statistisch ungewöhnlich. Brustkrebs ist durchaus heilbar. 87 Prozent der Patientinnen leben nach der Diagnose länger als fünf Jahre.

Wahrscheinlich wäre niemandem diese Auffälligkeit komisch vorgekommen. Wäre da nicht im November 2016 die Nachricht über den Bottroper Apotheker Peter S. aufgetaucht, der tausende Patienten um ihre Krebsmedikamente betrogen hat. Die Onko-Mädels haben auf den blauen Sesseln gewartet, manchmal gefroren, oft gelacht, jede mit einem Schlauch unter dem Schlüsselbein, durch den die Medikamente in ihren Körper flossen. Doch in den Infusionsbeuteln waren womöglich gar keine Medikamente.

Das System plant ohne Fehler

Um diesen Verdacht zu verstehen, muss man verstehen, wie eine Krebstherapie funktioniert. Die meisten Patienten brauchen individuell angemischte Therapien mit mehreren Wirkstoffen, die ein Apotheker erst herstellen muss. Nur etwa 200 Apotheker in Deutschland dürfen die Wirkstoffe anmischen. Sie brauchen dazu ein spezielles Labor und eine Zusatzausbildung. Diese 200 Apotheken sind quasi Handwerksbetriebe: Sie stellen selber her. Dass sie Fehler machen, ist im System nicht vorgesehen.

Folgende Veröffentlichungen sind in der kommenden Woche geplant:

Dienstag (7.11., 21:15 Uhr) – 30-minütige TV-Dokumentation im NDR: „Der Krebsapotheker - Kochsalz statt Chemotherapie“. Im Anschluss auch in der Mediathek. Autoren: Oliver Schröm, Niklas Schenck, Willem Konrad. Mitarbeit: David Schraven (CORRECTIV)

Am selben Abend wird es in Bottrop ab 20 Uhr eine Preview-Filmvorführung mit anschließender Diskussion geben. Eintritt frei. Mehr Infos.

Donnerstag (9.11) – Dossier im Zeit Magazin und ein Longread-Artikel auf correctiv.org

Montag (13.11) – Prozessauftakt gegen den Apotheker Peter S. aus Bottrop. Wir berichten von dem Geschehen aus dem Gerichtssaal

Apotheker, das ist ein Heilberuf. Genau wie Arzt. Man muss diesen Menschen vertrauen können. Darauf vertrauen, dass sie genug Verantwortungsgefühl haben, um ihren Job immer richtig zu machen. Pommesbuden werden streng und häufig kontrolliert, damit sie nicht auf Kosten von Kunden altes Fett benutzen. Apotheken hingegen werden nur alle drei Jahre mit Ankündigung kontrolliert, weil sie keine Kunden haben, sondern Patienten. Und weil die Gesellschaft Menschen vertrauen muss, die sich um Patienten kümmern.

Heike erfährt auf Facebook, dass der Apotheker Peter S. festgenommen wurde. Es ist ein Post des Bottroper Lokalradios, am 29. November 2016: „Apotheker aus Bottrop hat Krebsmedikamente gepanscht.“ Ein Mitarbeiter hatte Peter S. angezeigt. Heike schickt eine Nachricht in die Whatsapp-Gruppe, an die Onko-Mädels. Damals ist noch gar nicht klar, welche Dimensionen der Fall hat. Dass Peter S. nicht nur zehn, hundert oder tausend Patienten beliefert hat, sondern etwa 7.000 in sechs Bundesländern. Das haben Recherchen von CORRECTIV ergeben, die auf Daten beruhen, die auch den Ermittlern vorliegen.

Um Lebenszeit betrogen

Heute, drei Jahre, nachdem sie sich kennengelernt haben, haben noch drei der Onko-Mädels die Kraft, darüber zu sprechen. Heike Benedetti ist die eine. Petra Janßen und Christiane Piontek sind die anderen. Die drei vereint die Fähigkeit, Trauer und Verzweiflung über den Tod ihrer fünf Freundinnen in Tatendrang umzuwandeln. Seitdem sie wissen, dass sie betrogen wurden, nicht nur um ihre eigenen Medikamente, sondern auch um die Lebenszeit mit ihren Freundinnen, sind sie zu Politikerinnen geworden, zu Protest-Managerinnen, zu Patientenbeauftragten. Es ist ihre Art, mit der Sache umzugehen.

Heike, Christiane und Petra

Vor allem Heike ist in Zeitungen und im Fernsehen inzwischen das Gesicht der Betroffenen. Sie ist die Lauteste in der Gruppe, eine, die sich bei Diskussionen in die erste Reihe setzt, wenn alle anderen sich nicht trauen. Als sie die Diagnose bekam, hat sie sich gesagt, dass das jetzt ein etwas längerer Schnupfen ist, der vorbeigeht. Mama, Papa, ich komme noch nicht zu euch hoch, hat sie gedacht. Ich werde hier unten noch gebraucht. Dieses Jahr ist sie zum ersten Mal Oma geworden. Ihre Tochter hat Zwillinge bekommen.

Christiane, die aufgedrehteste der Gruppe, arbeitet als Betreuerin in einem Heim für Schwerbehinderte. Die Bewohner im Heim können „Christiane“ gar nicht aussprechen, sie sagen „Kiki“ und so nennt sie sich deshalb auch selbst manchmal. Christiane ist eine, die lieber dagegen ist als dafür. Als ihre Haare ausfielen, wollte sie keine Perücke. Wenn die Leute guckten, drehte sie sich zu ihnen um: „Irgendwelche Fragen?“

Christiane und ihr Mann. In der Mitte STeffi. Sie war erst 28 Jahre, als sie starb.jpg

Christiane und ihr Mann. In der Mitte Steffi. Sie ist erst 28 Jahre, als sie stirbt.

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Petra, die Ruhige, ist mit 60 Jahren die Älteste. Während Heike und Christiane sich empören und erzählen, wirft sie nur zwischendurch eine Anekdote ein. Aber sie sagt am häufigsten „scheiße“ und spricht mit den trockensten Worten.

Petra hat die Onko-Mädels gebraucht, weil sie ein Mensch ist, der die Dinge am liebsten mit Galgenhumor verarbeitet. Weglachen, den Krebs auslachen, mit ihrem Mann konnte sie das nicht. „Ist doch superpraktisch, dass ich keinen Föhn und keine Bürste ins Krankenhaus mitnehmen muss”, hat sie einmal gesagt, als sie wieder ihre Tasche packte. „Sag doch sowas nicht”, sagte ihr Mann, weil er es nicht hören konnte, obwohl es ja stimmte.

Männer verstehen das nicht

Überhaupt, darauf können sich alle drei Frauen einigen: Männer verstehen das nicht. Dass man über Krebs lachen muss, wenn er in einem drinsteckt. Und auch mit anderen Frauen geht das nicht. Mit gesunden Frauen. Die haben Berührungsängste, als würden ihnen bei einer Umarmung direkt die Haare ausfallen. Als wäre Brustkrebs ansteckend.

Ganz links Gabi, dahinter ich und Petra. Vorne Ariane. Da lag Ariane letztes Jahr im  Herbst im Marienhospital. Wir waren sie besuchen..jpg

Herbst 2016: Gabi, Heike, Ariane (ganz vorne) und Petra (v.l). Die Onko-Mädels besuchen Ariane im Marienhospital. Sie ist zur Behandlung dort.

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Krebsmedikamente sind teuer. Für die Krankenkassen, die dafür aufkommen und für den Apotheker, der sie in einem speziellen Teil seiner Apotheke herstellt. Wenn er ein bisschen weniger Medikament in die Infusionsbeutel spritzt und ein bisschen mehr Kochsalzlösung, kann ein Apotheker hunderte, bei manchen Medikamenten sogar tausende Euro sparen.  

So hat Peter S., der Apotheker aus Bottrop, sich an Patienten bereichert, über Jahre hinweg. Wahrscheinlich auch an den Onko-Mädels. „Die Patienten sterben doch sowieso“, soll Peter S. laut einer Mitarbeiterin gesagt haben. Die Infusionen, die er mischte, waren verunreinigt, gepanscht, gestreckt, unwirksam oder zu schwach.

„Die Arschkarte unter den Tumoren“

Als Heike, Christiane und Petra längst nicht mehr im Chemo-Raum frieren mussten, ging ihre Freundin Ariane immer noch jede Woche hin. Bei ihr schlug kein Medikament an. Sie hatte keine Nebenwirkungen. Die Ärzte hatten ihr gesagt, sie solle sich schon mal nach einer Perücke umsehen. Aber die Haare blieben. Da sagten die Ärzte, dass das bei manchen Patienten eben so sei – jeder Körper reagiert anders auf Krebs und jeder Körper reagiert anders auf Krebsmedikamente.

Christiane und Ariane lernen sich 2014 kennen. Sie haben den gleichen Tumor-Typen, triple-negativ. „Die Arschkarte unter den Tumoren“, sagt Christiane. Einen Tumor vom Typ triple-negativ kann man nur mit einer Chemo-Therapie bekämpfen.

Christianes Krebs verschwindet, mit Chemo, Operationen und Bestrahlung. Arianes Krebs bleibt, trotz Chemo, Operationen und Bestrahlung.

Christiane und Ariane bekommen die gleichen Medikamente. Paclitaxel, Carboplatin und Gemcitabine. Paclitaxel, ein Stoff, der aus Baumrinde gewonnen wird, kostet etwa 2500 Euro pro Infusion. Wenn ein Apotheker nur ein paar Milligramm weglässt, spart er also tausende Euro. Was das für die Behandlung bedeutet, ist nicht klar. Denn es gibt keine Studien über Unterdosierung. Es gibt auch keinen vernünftigen Grund dafür, solche Studien zu machen. Studien, mit denen man den Teilnehmern schaden könnte.

Chemo ohne Nebenwirkungen

Irgendwann, wenn der Krebs endlich weg wäre, wollte Ariane mit ihren drei Söhnen in ihrem Garten in der Sonne sitzen. Sie und ihr Mann ließen einen Pool bauen, mit einem kleinen Steg aus Holz. Zur Einweihung im Herbst 2016 kamen die Onko-Mädels vorbei, aber zum Schwimmen war es zu kalt. Also saßen sie gemeinsam mit Waffeln und Zigaretten in der Gartenhütte.

Die Ärzte versuchten, Ariane mit einem anderen Medikament zu behandeln. Ariane wartete darauf, dass ihr die Fingernägel davon ausfielen. Aber ihre Fingernägel blieben. Und der Krebs wuchs.

Er wächst, bis die Polizei den Apotheker Peter S. festnimmt. Die Medikamente für die Krebspatienten am Marienhospital kommen ab da aus einer anderen Apotheke in einer anderen Stadt.

Und da fallen Arianes Haare aus. Endlich.

Fragen, die nie beantwortet werden

Die Betroffenen möchten Peter S. beschimpfen, ihn einen Mörder nennen, aber das ist er nicht – zumindest nicht juristisch: Die Staatsanwaltschaft klagt ihn vor allem wegen Abrechnungsbetrugs an. Er soll die Krankenkassen betrogen haben: um 56 Millionen Euro. Das ist die Straftat, die man laut der Ermittler nachweisen kann. Es ist eine einfache Plus-Minus-Rechnung: Auf der einen Seite die Medikamentenmenge, die Peter S. einkaufte. Auf der anderen Seite die Medikamentenmenge, die er vorgab, in die Infusionsbeutel zu füllen, und die ihm die Krankenkassen bezahlten. Bei dieser Rechnung kommt heraus, dass niemals genug Medikamente in der Apotheke waren, um alle Infusionen ordnungsgemäß zu mischen.

Als das herauskommt, beginnen Heike und die Onko-Mädels, sich Fragen zu stellen:

Hat der auch bei mir gepanscht?

Hatte ich Glück?

Muss ich nochmal eine Chemo machen?

Könnten die anderen noch leben?

Mussten unsere Freundinnen sterben, weil sie krank waren?

Oder weil ein Apotheker beschloss, ihnen keine Chance zu geben?

Bis heute konnte ihnen niemand diese Fragen beantworten. 

Geld wichtiger als Menschen

Die Onko-Mädels fühlen sich wie das unangenehme Beiwerk eines Falls, in dem Geld wichtiger ist als Menschen, weil man es besser berechnen kann als Krankheitsverläufe. Die Betroffenen haben von den Taten von Peter S. aus den Medien erfahren, anstatt von ihren Ärzten oder von der Staatsanwaltschaft oder dem Gesundheitsamt oder von irgendeiner Behörde, die sich hätte zuständig fühlen können.

Deshalb fing Heike, nachdem sie ihren Krebs schon besiegt hatte, ein zweites Mal an, zu kämpfen. Sie wandte sich an die Bottroper Behörden, erstattete Anzeige gegen Peter S.. Sie hat eine Demonstration organisiert. 150 Betroffene waren da. Aus der städtischen Politik kam niemand. Das hat sie wütend gemacht. Aber die Demonstranten bekamen so viel Aufmerksamkeit, dass auch die Politiker die Sache nicht länger totschweigen konnten. Der Bottroper Oberbürgermeister lud Heike zu einem Gespräch in sein Büro ein.

Die Kommunikationsbeauftragte der Betroffenen

Seitdem ist Heike eher unfreiwillig zur Kommunikationsbeauftragten der Betroffenen geworden. Weil sie keine Angst hat, mit der Presse zu sprechen. Und weil sie nicht akzeptieren kann, dass es für ihre Freundin Ariane keine Gerechtigkeit geben wird.

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Die Sprecherin der Betroffenen: Heike hat sich entschieden zu kämpfen. Hier auf der ersten Demo in Bottrop.

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Denn egal, welcher Experte sich Arianes Krankengeschichte ansieht, er wird nicht beweisen können, ob sie mit den richtigen Medikamenten noch leben würde. Selbst Onkologen, also spezialisierte Ärzte, halten Krebs für unberechenbar. „Krebs ist eine schicksalhafte Krankheit“, sagt der Onkologe Wolf Köster aus dem Gemeinschaftskrankenhaus Witten-Herdecke. Und mit Blick auf die Geschichte der zehn Onko-Mädels sagt er: „Man wird niemals sicher sagen können, ob im Einzelfall eine Patientin noch am Leben wäre.“

War es nicht nur Gier, sondern Bosheit?

Als die Polizei den Apotheker festnimmt, durchsuchen die Beamten auch die Apotheke. Sie finden einen Infusionsbeutel, in dem der Wirkstoff Carboplatin sein sollte, ein Medikament, das auch Christiane und Ariane bekamen. In dem Beutel, den die Polizei prüfen lässt, ist weniger Carboplatin als draufsteht. Dabei kostet ein Milligramm Carboplatin gerade mal 50 Cent. Warum würde Peter S. bei einem Medikament betrügen, das so billig ist? War es nicht nur Gier, sondern Bosheit?

Niemand außer Peter S. kann diese Frage beantworten. Er sitzt in Untersuchungshaft und schweigt zu den Vorwürfen. Auch sein Anwalt meldete sich auf Anfragen von CORRECTIV nicht.

Ariane geht

Es ist ein Samstagvormittag im April 2017, als Petra einfach aufhört, die Wohnung zu putzen. Sie hat das Gefühl, dass sie weg muss. „Ich fahre nochmal zu Ariane“, tippt sie in ihr Handy und schickt die Nachricht an Heike. Als Petra im Marienhospital ankommt, fragt sie unten am Empfang nach Ariane. Die Mitarbeiterin darf nichts sagen. Aber ihr Blick sagt alles.

Heike steht an der Supermarktkasse, als Arianes Mann sie anruft. Sie fängt noch an der Kasse an zu weinen, läuft nach draußen. Bekommt Petras Nachricht.

Petra wollte sich sammeln, draußen vor dem Krankenhaus, aber eigentlich weiß sie gar nicht, was da noch zu sammeln ist. Heike schreibt ihr: „Ich komme zum Krankenhaus.“

Sie löschten ihre Whatsapp-Gruppe

Eine halbe Stunde später sitzen sie zu zweit an einem Tisch in der Cafeteria des Marienhospitals und haben schon wieder eine Freundin verloren. An diesem Tag löschen sie die Whatsapp-Gruppe.

In der Cafeteria haben die Onko-Mädels immer alle gemeinsam gesessen: Heike, Petra, Christiane, Ariane, Gabi, Jenny, Carmen, Steffi, Sandra und noch eine andere Heike. Es riecht nach Waffeln. Der Kaffee kostet 1,90 Euro. Parkplätze sind immer frei. Im Sommer kann man draußen sitzen.

Ariane, Petra, Heike vor der cafeteria des Marienhospitals im April 2017. Ihr letzte gemeinsames Foto, bevor Ariane stirbt..jpg

Ariane, Petra und Heike draußen in der Caféteria des Marienhospitals im April 2017. Es ist das letzte gemeinsame Foto, bevor Ariane stirbt.

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Heute sitzen sie hier noch zu dritt: Heike, die laute, Christiane, die aufgedrehte, und Petra, die ruhige. So komisch es klingt – dieses Krankenhaus ist ein Ort, an dem sie sich wohl fühlen. Manchmal, wenn Petra ihren Kaffee bezahlt, fragt die Bedienung besorgt: „In eigener Sache?“ Und wenn Petra den Kopf schüttelt und sagt, dass sie nur zum Frühstücken da ist, dann freuen sich beide.

„Da draußen haben wir unser Gruppenfoto gemacht“, sagt Petra und zeigt auf die Tische auf der Terrasse. Auf dem Bild stehen sechs Frauen nebeneinander, auch Ariane ist dabei, hellblaue Augen, vorsichtiges Lächeln.

Arm in Arm, schweigend

Am 6. September 2017 wird Heike zur Anführerin einer Bewegung. Mitten in der Bottroper Fußgängerzone. Die erste Demonstration von Krebspatienten, die Medikamente von Peter S. bekommen haben. Sie fordern bessere Kontrollen in Apotheken. Und sie wollen zeigen, dass sie das nicht mit sich machen lassen. Dass sich endlich jemand für die Opfer verantwortlich fühlen muss, anstatt den Schaden zu ignorieren, der entstanden ist – auch in den Köpfen.

Zehn Kameras sind auf Heike gerichtet, 150 Menschen stehen um sie herum. Heike liest ihre Rede ab, den Zettel hat sie von beiden Seiten beschrieben. „Jeder Monat Lebenszeit ist den Angehörigen wichtiger als 56 Millionen Euro“, sagt sie am Ende. Dann hakt sie sich bei ihren Freundinnen ein. Arm in Arm, schweigend, gehen sie an den Kameras vorüber. Sie sind zu fünft.

 

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Die Onko-Mädels: gemeinsam gegen den Krebs.

privat

 

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