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anna mayr

Anna wurde an einem verregneten Totensonntag im Ruhrgebiet geboren. Mit 16 Jahren veröffentlichte sie ihre ersten Texte, unter anderem im Blog ruhrbarone und in der WAZ. Alle Erwachsenen sagten, sie solle statt Journalismus erstmal etwas Vernünftiges studieren. Während ihrer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München arbeitete sie als Praktikantin in der Essener Redaktion von CORRECTIV. Dort arbeitete sie an der Recherche zur Alten Apotheke mit, die für den Reporterpreis und den Nannenpreis nominiert war. Das Medium Magazin nahm sie 2018 in die Auswahl der „Top 30 bis 30”-Journalisten auf. Ihre Texte erschienen bei Spiegel Online, in der Zeit und bei verschiedenen Lokalzeitungen.

E-Mail: author+anna.mayr(at)correctiv.org

Foto: Alexander Andrews auf Unsplash
Foto: Alexander Andrews auf Unsplash

von Anna Mayr

Mario R. hat 2016 über die Seite migrantenschreck.ru Waffen aus Ungarn nach Deutschland verkauft. Das Geschäft begann er mit dem Geld, das er beim Compact-Magazin verdiente. Das Landgericht Berlin verurteilte ihn zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten.

Alles an Mario Rönsch sieht verblichen aus. Er hat keinen Gesichtsausdruck, kein Alter, das sich schätzen ließe. Es könnte an den knapp zehn Monaten Untersuchungshaft liegen, die er hinter sich hat. Oder daran, dass er die Realität schon lange ausgeblendet hat – und sich selbst aus der Realität: Rönsch hat sich eine eigene Welt ausgedacht, eine Welt, in der jeder Migrant ein Straftäter war und jeder Deutsche in Gefahr. Darüber hat er Texte geschrieben, mit Lügen und Übertreibungen. Er hätte wahrscheinlich so weitermachen können. Wenn er nicht beschlossen hätte, aus seiner Scheinwelt echtes Geld zu machen.

Er würde gerne etwas sagen, aber er darf nicht. Also schreibt er: Notizen für seinen Verteidiger. Schiebt sie ihm unter die Nase. Wenn er nicht schreibt, hält er die Hände gefaltet auf dem Tisch, als würde er beten.

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Der Angeklagte vor dem Landgericht Berlin ist einer der Köpfe hinter Pegida, einer der führenden Hass-und-Hetze-Händler in Deutschland. Einer, der sich Falschmeldungen ausdenkt und die Internetseite der Bundesregierung lahmlegen wollte. Und einer, der Waffen verkauft hat an Menschen, die keine Waffen hätten kaufen dürfen. Hartgummigeschosse, die Menschen töten können.

Er tat es in einer Zeit, in der immer mehr Deutsche Flüchtlinge und andere Migranten als „Invasoren” sehen, vor denen man sich schützen müsse.

Aus Angst lässt sich Geld machen

Die Figur Mario Rönsch veranschaulicht zum einen, wie unmittelbar sich fabrizierte Angst in Geld verwandeln lässt. Zum anderen wurde im Zuge des Prozesses deutlich, wie schwer sich die Behörden taten, einen Kriminellen vom rechten Rand zu stellen – und wie es mithilfe hartnäckiger Zivilisten schließlich doch gelang.

Für die meisten Hersteller von Desinformation ist Hass nicht nur Selbstzweck – es ist ein Geschäft.

Internetseiten, die mit Meldungen über Gewalttaten Millionen User anlocken, bringen Geld: über Werbeanzeigen und Spenden. Fast alle Seiten, die Verschwörungstheorien und Falschmeldungen verbreiten, bitten ihre Besucher mit Pop-Ups um Geld. Sven Liebich verkauft über die Seite „Politaufkleber“ Sticker gegen den Migrationspakt. Die Seite Shirtzshop wirbt mit „politisch inkorrekten T-Shirts ab 6,66 Euro“. Es sind Firmen, die Hetze in Geld umwandeln.

Zahlungen von Compact und Kopp-Verlag machten das Geschäft möglich

Mario Rönsch hat sehr gut damit verdient. Seiner Autoren- und Gesellschafterkarriere beim Compact-Magazin gingen laut Recherchen der Süddeutschen Zeitung etliche Anzeigen, gescheiterte Unternehmensgründungen und eine Insolvenz voraus. Als Gesellschafter beim Compact-Magazin bekam er regelmäßig tausende Euro überwiesen. Das geht aus den Kontoauszügen hervor, die im Gericht verlesen wurden. Im Januar 2016 überwies das Compact-Magazin ihm fast 40.000 Euro, im Februar 36.000 Euro, im März fast 10.000 Euro. Insgesamt flossen zwischen Januar und November 2016 mehr als 110.000 Euro von Compact-Magazin und Kopp-Verlag auf sein Konto.

Auf der Website anonymousnews.ru wiederum erreichte Rönsch hunderttausende Leser: eine Seite, die mit Falschmeldungen und Verschwörungstheorien Stimmung gegen Flüchtlinge machte. Die Posts, die dort veröffentlicht wurden, schürten Hass: auf den Islam, auf Flüchtlinge, auf Linke und Politiker. Rönsch schaffte sich so quasi seinen eigenen Markt.

Er erzeugte bei seinen Lesern das Gefühl, dass sie sich Sorgen um ihre Sicherheit in Deutschland machen müssten. Und für die Sorge, die er diagnostiziert und selbst vergrößert hatte, verkaufte er auch gleich das Gegenmittel. Ob er das beim Start seiner „Nachrichten“-Seite selbst schon so plante, lässt sich nicht beweisen.

Anfang Januar 2016 war Mario R. nach Ungarn umgezogen. Seiner Aussage zufolge um dort mit seiner Verlobten zusammenzuleben. In seiner Einlassung vor Gericht, die der Anwalt vorlas, gab Rönsch zu, dass er sich durch die Zahlungen von Compact und Kopp-Verlag die erste Lieferung Waffen leisten konnte.

Für die Verlobte nach Budapest gezogen?

In der Nähe seiner Wohnung in Budapest, nicht weit von der Donau entfernt gelegen, habe er die Revolver im Schaufenster gesehen. Daraufhin überlegte er, auch in den Waffenverkauf einzusteigen – in Ungarn sei der Markt jedoch „gesättigt“ gewesen.

Daraufhin sei er auf die Firma Keserü zugegangen, die die Waffen herstellte. Es gab einen Termin mit dem Chef und dem Produktionschef der Firma. Insgesamt will er nach diesem Termin 220 Alarm- und Signalwaffen dort bestellt haben. Die Rechnung bezahlte er in bar.

Rönsch baute dann die Website migrantenschreck.ru auf, um die Waffen als „Antifaschreck“ und „Migrantenschreck“ nach Deutschland zu verkaufen. Dort bewarb er sie unter anderem als „Selbstverteidigung“ gegen „Ficki-Ficki-Fachkräfte“, wie Motherboard schreibt. Bis Januar 2017 sollen Recherchen von Zeit Online zufolge im Shop Bestellungen im Wert von insgesamt 150.000 Euro angekommen sein.

Mario R. gab die Tat vor Gericht zwar zu. Aber er glaubte nicht, etwas falsch gemacht zu haben. Denn die Waffen, die er verkaufte, sind in Ungarn erlaubt. Man darf sie dort kaufen und verkaufen, ohne besondere Erlaubnis. Er habe sogar einen Anwalt gefragt, ob der Versand nach Deutschland illegal sei.

Gummigeschosse können töten

Der E-Mail-Verkehr zwischen diesem Anwalt und der Waffenbehörde in Berlin wurde ebenfalls vor Gericht verlesen. In einer Mail schrieb eine Behördenmitarbeiterin ganz klar, dass der Versand nach Deutschland verboten sei, wenn der Empfänger keine Erlaubnis habe, eine solche Waffe zu besitzen. Was der Anwalt Rönsch danach berichtete, ist nicht bekannt. Aber Rönsch schrieb in die AGB von migrantenschreck.ru, dass die Empfänger für eine Genehmigung selbst verantwortlich seien.

In Deutschland sind die Waffen, die Rönsch verkaufte, verboten. Zwar feuern sie nur Gummigeschosse ab, die nicht besonders weit fliegen. Aus kurzer Distanz können sie allerdings tödlich sein. Das bestätigten ein Rechtsmediziner und ein Waffenexperte vor Gericht. In Versuchen, die ein Sachverständiger erklärte, durchschlugen die Geschosse auf fünf Meter Distanz eine Ziegenhaut und eine Schicht, die einen Schläfenknochen simulierte.

Wie perfide Rönsch sein Geschäft betrieb, zeigt sich in einem Weihnachtsbrief an seine Kunden, den die Ermittler fanden. „Sehr geehrte Damen und Herren“, heißt es darin, „das Jahresende ist die Zeit zum innehalten. Für uns ist es an der Zeit, danke zu sagen.“ Und dann: „Machen Sie ihren Liebsten eine ganz besondere Freude, verschenken Sie ein Stück Sicherheit.“

Mit Sicherheit sind Revolver gemeint.

Online-Aktivisten ließen ihn auffliegen

Im September 2016 veränderte der Waffenhersteller Keserü seine Website – das kann man im Online-Archiv der Website nachvollziehen. Auf Deutsch, Englisch und Ungarisch stehen dort nun in roter Farbe Hinweise:

Sehr geehrte Kunden! Wir möchten Sie darauf aufmerksam machen, dass der Besitz der von uns vertriebenen Waffen in Ungarn erlaubt ist! Falls Sie die Waffen ins Ausland ausführen möchten, müssen Sie sich in jedem Fall bei den zuständigen Behörden über die einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen des betroffenen Landes erkundigen!

Im Prozess hatten auch drei Polizeibeamte ausgesagt. Obwohl seit Mai 2016 zu der Seite migrantenschreck.ru ermittelt wurde, passierte nicht viel. Die Beamten beobachteten die Seite – aber da sie in Russland registriert war, fanden sie keinen Weg, den Betreiber ausfindig zu machen. Erst zwei Aktivisten ließen Rönsch auffliegen – mit einer einfachen Google-Suche.

Sie fanden auf seiner Seite ein Dokument mit Zugangsdaten zu den Portalen, in denen die Adressen von mehreren hundert Waffenbestellern gespeichert waren. Sie luden dutzende Gigabyte Daten herunter, teilten sie mit Journalisten der Süddeutschen Zeitung und von Motherboard und gaben sie auch an das LKA weiter.

BRD-Regime sei nicht für ihn zuständig

Im Prozess konnten sich beide Polizisten, die an den Ermittlungen beteiligt waren, kaum daran erinnern, was da überhaupt bei ihren Ermittlungen herausgekommen war. Einer erzählte von einer Postkarte von den Bahamas, die Rönsch geschickt haben sollte – und antwortete auf jede dritte Frage des Richters mit: „Ich weiß es nicht.“ Ein anderer lächelte Rönsch kurz zu, als er sich auf den Zeugenstuhl setzte und beschrieb die politische Haltung des Angeklagten als „radikal” und „unzufrieden mit dem System”.

Erst im März 2018 wurde Rönsch in seiner Wohnung in Ungarn von lokalen Polizisten festgenommen. Zwei deutsche Beamte waren dabei und flogen mit Rönsch zurück nach Deutschland. Eigentlich durften sie nur im Flur und in der Küche stehen, die Hausdurchsuchung war Sache der Ungarn. Aber bei der Festnahme, daran erinnerten sich beide Polizisten, habe Rönsch gerufen, dass das BRD-Regime nicht für ihn zuständig sei.

Die Richter nahmen diesen Punkt gewissermaßen in ihr Urteil auf: Sie erkannten an, dass die Rechtslage nicht ganz einfach sei. Da Rönsch allerdings gewusst habe, dass die Waffen in Deutschland nicht legal sind, habe er sich der Anklage des illegalen Schusswaffenhandels schuldig gemacht.

Nach der Festnahme von Mario Rönsch erschienen lange Zeit keine Texte mehr auf anonymousnews.ru. Bis er seine Haftstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten antritt, zieht Mario Rönsch zurück nach Erfurt.

Eine Kerze kann 280 Mikrogramm Stickoxid produzieren. Adventskränze sind trotzdem nicht giftig. Bild: pixabay
Eine Kerze kann 280 Mikrogramm Stickoxid produzieren. Adventskränze sind trotzdem nicht giftig. Bild: pixabay

von Anna Mayr

Die Kritik am Grenzwert für Stickoxide ist berechtigt. Statt einfach nur Diesel-Autos zu verbieten, müssten wir wieder über Feinstaub sprechen. Vor Kerzen braucht man trotzdem keine Angst haben.

Dicke rote Kerzen, Tannenzweigenduft, und ein Hauch von Heimlichkeiten liegt jetzt in der Luft. So beginnt ein Weihnachtslied, das jedes Kind in der Grundschule lernt – und wenn man einem Facebookpost glaubt, der sich in den letzten Wochen verbreitet hat, dann beginnt so auch die Vergiftung aller Weihnachts-Liebhaber.

Der Post behauptet, dass die Kerzen auf einem Adventskranz mehr Stickoxid ausstoßen würden, als in der EU erlaubt wäre. Damit will man sich wohl über die Diskussion um Luftreinhaltung und Diesel-Fahrverbote lustig machen.

Der Facebookpost, der eine verwirrende Rechnung macht. Screenshot: CORRECTIV
Der Facebookpost, der eine verwirrende Rechnung macht. Screenshot: CORRECTIV

Die Rechnung, die in dem Post aufgestellt wird, ist Quatsch. Doch die Aussage, dass man den Grenzwert für Stickoxide hinterfragen muss, ist nicht ganz falsch.

Worum es in der Debatte um Stickoxide geht

Stickoxide sind Gase. Unsere Luft besteht nicht nur aus Sauerstoff und Kohlenstoffdioxid (CO2) – es schwirren darin je nach Höhe und geographischer Lage auch andere Verbindungen herum. Das ist erstmal nichts besonderes.

Immer, wenn etwas verbrennt, entstehen Stickoxide: Zigaretten, Kerzen, Gasherde, Kamine, Dieselmotoren (also: Verbrennungsmotoren) – je heißer die Flammen, desto mehr Stickoxide entstehen durch all diese Dinge. Die Flammen in Diesel-Autos wurden zuletzt immer heißer. Denn je heißer die Flamme, desto weniger Sprit verbraucht das Auto.

Wenn wir über Stickoxide sprechen, meinen wir meistens Stickstoffdioxid (NO2). Es gibt zwar auch Stickoxid (NO) – aber sobald Stickoxid an die Luft kommt, reagiert es mit anderen Gasen und wird ziemlich direkt zu NO2, Stickstoffdioxid. Deshalb ist NO2 viel relevanter als NO.

Um herauszufinden, wie viel Stickstoffdioxid aus einem Adventskranz kommt, haben wir unter anderem Stefan Thomann gefragt. Er ist Chemiker bei der European Candle Association. Er sagt, dass es momentan verschiedene Studien gibt, bei denen Forscher messen, wie Kerzen die Stickoxidkonzentration im Raum erhöhen.

Thomann sagt allerdings, dass es verschiedene Probleme mit der Rechnung in dem Facebookpost gibt.

Problem 1: Die Einheit

Der Facebookpost will die Stickoxid-Konzentration in „ng“ angeben – also in Nanogramm. Das ist, als würde man an der Obsttheke die Preise von Äpfeln und Birnen in Milligramm vergleichen: Unsinn. Die Einheit ist viel zu klein. Denn Stickoxide misst man in Mikrogramm. Der EU-weite Grenzwert für Stickoxide liegt momentan bei 40 Mikrogramm Stickoxid pro Kubikmeter Luft im Jahresdurchschnitt. 40 Mikrogramm sind 40.000 Nanogramm. Die Rechnung benutzt also die falsche Einheit.

Problem 2: Die Raumgröße

Wie gesagt – man misst die Konzentration von Stickoxid in der Luft in Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Ein Raum, der 20 Quadratmeter groß ist und in dem die Decken 3 Meter hoch sind, hat insgesamt 60 Kubikmeter Luft. Man bräuchte also 2400 Mikrogramm Stickoxid, um die Konzentration in dem Raum auf den EU-weiten Grenzwert zu bringen.

Wissenschaftler aus Hongkong testeten 2005 den Stickoxid-Ausstoß von fünf verschiedenen Kerzen. Die Kerze, die am meisten Stickoxid ausgestoßen hat, produzierte insgesamt 280 Mikrogramm. Wenn vier Kerzen komplett abbrennen, hat man also 1120 Mikrogramm Stickoxid, die sich im Raum verteilen. Bei 60 Kubikmetern Luft wären wir also bei etwa 18,5 Mikrogramm Stickoxid pro Kubikmeter Luft. Das liegt unter dem EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm.

Problem 3: Innenraum und Außenraum

Verschiedene Studien, die auch von der Weltgesundheitsorganisation zitiert werden, zeigen, dass Stickoxid im Innenraum schneller verfliegt – die Konzentration bleibt also nicht ewig erhöht, selbst wenn man den Gasherd anstellt und dabei nicht lüftet. Das liegt daran, dass Stickoxide an Oberflächen zerfallen. Eine Studie ergab, dass ein erhöhter Wert im Innenraum innerhalb von etwa einer Stunde wieder das vorherige Level erreicht.

Einen Adventskranz, der die Stickoxidkonzentration nur kurz erhöht, kann man also nicht mit der Situation von Menschen vergleichen, die ihr ganzes Leben neben einer großen Straße wohnen.

Macht der Grenzwert also doch Sinn?

Naja.

CORRECTIV hat hierzu viele Experten befragt und die Studien gelesen, die den Grenzwert begründen. Die Sache ist: Es sind so viele Disziplinen, die mit Stickoxiden zu tun haben, dass sich keiner vollends auskennt. Meteorologen, Ärzte, Physiker, Politiker – niemand überblickt den Streit. Denn er ist viel zu komplex.

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Der Lungenarzt Dieter Köhler etwa führt einen Krieg gegen den EU-Grenzwert. Er selbst fährt einen Diesel und sagt, dass Stickoxide nicht so schlimm sein können, denn Raucher atmen mit jeder Zigarette bis zu 600 Mikrogramm davon ein. Dass es ein Unterschied ist, ob man freiwillig raucht oder unfreiwillig an einer Autobahn wohnt, interessiert ihn in seiner Rechnung aber nicht.

Die Meteorologin Ulrike Dauert vom Umweltbundesamt weiß genau, wie man Stickoxide in der Luft misst – aber warum es den Grenzwert gibt und wie viel schlechte Luft für Menschen schädlich ist, das ist nicht ihr Fachgebiet.

Martin Lutz, der die Luftreinhaltepläne für Berlin macht, kann nicht verstehen, wieso jetzt auf einmal der Grenzwert hinterfragt wird, der seit Ewigkeiten feststeht. Er arbeitet jeden Tag dafür, dass in Berlin die 40 Mikrogramm auf keiner Straße mehr überschritten werden. Dass Stickoxide schädlich sind, findet er „arschklar“.

Der Mediziner Wolfgang Straff war Teil eines Teams, das für das Umweltbundesamt eine Studie machte, um die Gefährlichkeit von Stickoxiden zu beweisen. Er sagt: Das Gesetz ist da, jetzt muss man sich daran halten. Doch die Diesel-Fahrer würden eben nur an sich selbst denken.

Was war noch gleich mit Feinstaub?

Was alle Experten gemeinsam haben, ist Ratlosigkeit. Darüber, warum und wann die Debatte gekippt ist. Wieso auf einmal alle über Stickoxide reden, aber niemand mehr über Feinstaub und CO2. Feinstaub ist viel gefährlicher als Stickoxid. Er macht krank, das ist erwiesen – statistisch signifikant. Feinstaub ist so fein, dass er über die Lunge in die Blutbahn geraten kann. Und jedes Auto produziert Feinstaub – er entsteht, wenn die Scheibenbremsen den Wagen anhalten lassen, er entsteht bei jedem Kilometer, auf dem sich die Reifen abnutzen, er wirbelt noch vom Boden auf, wenn die Autos längst vorübergefahren sind.

Der Physiker Gerhard Scheuch hat fast zwanzig Jahre in der Umweltforschung gearbeitet. Ein halbes Jahr verbrachte er auch bei der amerikanischen Umweltschutzbehörde.

Diese Behörde schlug ursprünglich mal den Wert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter vor. In einer Studie aus den 90er Jahren.

Scheuch sagt: „Es gibt für manche Stoffe nicht den einen Grenzwert, ab dem sie definitiv tödlich werden.“ Stickoxid ist einer dieser Stoffe.

Politik braucht klare Aussagen, aber so ist Wissenschaft nicht

Man weiß nicht genau, bis zu welchem Wert und unter welchen Voraussetzungen das Gas unschädlich ist. Die Aufgabe der Wissenschaftler ist es aber, genau das herauszufinden – damit die Politik Entscheidungen treffen kann, um die Bevölkerung zu schützen. Politik braucht keine Zweifel und auch keine Komplexität – Politik braucht Gesetze.

„Man muss dann als Wissenschaftler abwägen. Und geht auf Nummer sicher“, sagt Scheuch im Gespräch mit CORRECTIV. Bei den Stickoxiden hatte es zum Beispiel Studien gegeben, die bei Asthmatikern schon bei einer Konzentration von 100 Mikrogramm pro Kubikmeter Veränderungen in der Lunge beobachteten. Und wieder andere Studien, in denen man nichts feststellen konnte.

In den Forschergruppen, die eine Gefahrenschwelle festlegen sollen, sei man sich einig darüber, dass die eigenen Ergebnisse statistisch nicht immer einwandfrei belegt seien. „Man zweifelt natürlich”, sagt Scheuch.

Es gibt aber keine Studien, die überprüfen, wie es Menschen geht, die lange Zeit an einer Straße bei erhöhter Stickoxidkonzentration leben. Denn man müsste den Probanden damit schaden. Sie dazu zwingen, 24 Stunden am Tag schlechte Luft zu atmen. Raucher tun das zwar freiwillig – aber ihre Lunge bekommt ab und zu eine Pause. Wer im Bett liegt und zwei Zigaretten raucht, kann das Fenster öffnen, damit es im Zimmer nicht mehr stinkt. Wer stinkende Luft vor dem Fenster hat, der hat Pech.

Deshalb kann man mögliche Schäden von Stickoxiden nur anhand von Tierversuchen, Rechnungen und Statistiken vermuten.

Wie der Grenzwert in die Welt kam

1989 – Bei der „Sechs Städte Studie“ der Harvard-Universität verglichen Forscher die Luftqualität in sechs amerikanischen Städten mit der Sterblichkeit. Damit, sagt der Physiker Gerhard Scheuch, begann der Hype um saubere Luft.

Es kam heraus: Menschen in luftverschmutzten Städten sterben früher. Die Forscher fanden einen klaren Zusammenhang zwischen Feinstaub und Lungenkrankheiten. Die Ergebnisse zu Stickoxid hingegen waren statistisch nicht relevant.

1997 – Die Weltgesundheits-Organisation (WHO) gibt einen Bericht heraus, in dem der Grenzwert von 40 Mikrogramm zum ersten Mal vorgeschlagen wird. In dieser Studie steht:

„Zwar kann man etwas Vertrauen in die Meta-Analyse haben, die Symptome und Krankheiten könnten aber ebenso an anderen Prozessen festgemacht werden. Deshalb muss man die Ergebnisse mit Vorsicht interpretieren. Andere Studien haben versucht, die Stickoxid-Konzentration mit Veränderungen der Lungenfunktion zu verbinden. Diese Veränderungen waren kaum signifikant. Viele Studien konnten keine Effekte feststellen, was sich auch in Studien mit Menschen zeigt.“ (Übersetzungen und Hervorhebungen von CORRECTIV)

Erklärung: Die meisten Studien, die es zu Stickoxiden an diesem Punkt gegeben hatte, fanden mit Mäusen und Ratten statt. Mäuse waren deutlich anfälliger als Ratten. In Versuchen mit Affen stellte man keine Veränderungen fest.

„Auf der Basis einer Hintergrundkonzentration von 15 Mikrogramm pro Kubikmeter, und dem Fakt, dass Gesundheitseffekte bei einer Konzentrationserhöhung von 28.2 Mikrogramm oder mehr auftreten, wird ein jährlicher Richtwert von 40 Mikrogramm vorgeschlagen.“

Erklärung: Die Zahl 28.2 nehmen die Forscher aus einer Studie, die eine Verbindung zwischen Wohnungen mit Gasherd und Atemwegserkrankungen bei Kindern fand. In Gasherd-Wohnungen war die Stickoxid-Konzentration etwa 28.2 Mikrogramm höher. Die Kinder in diesen Wohnungen bekamen häufiger Husten. Diesen Effekt fand man allerdings nur bei Kleinkindern ab zwei Jahren – für Babys galt er nicht.

„Dieser Wert wird die schlimmsten Einflüsse verhindern“, so steht es weiter in der Studie der WHO aus diesem Jahr. Genau, wie Gerhard Scheuch es gesagt hatte: Die Forscher gehen auf Nummer sicher.

Der Bericht zitiert auch einen Versuch, bei dem die Forscher Hamster beobachtet hatten: 40 Stunden in der Woche mussten die Hamster bei einer Stickstoffdioxid-Konzentration von 3760 Mikrogramm pro Kubikmeter leben. Acht Wochen lang. Sie blieben kerngesund.  

Aus dem Bericht der WHO. Screenshot: CORRECTIV.
Aus dem Bericht der WHO. Screenshot: CORRECTIV.

1999 – Der Europäische Rat gibt eine Richtlinie heraus. Darin steht ein „Alarmschwellenwert“. Ab 400 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft soll die Bevölkerung gewarnt werden.

Aus dem EU-Beschluss. Screenshot: CORRECTIV
Aus dem EU-Beschluss. Screenshot: CORRECTIV

2002 – Europäischer Rat und EU-Parlament beschließen das Umweltaktionsprogramm – eine Absichtserklärung, die noch keine konkreten Werte nennt.

Aus dem EU-Programm. Screenshot: CORRECTIV
Aus dem EU-Programm. Screenshot: CORRECTIV

2005 – Die WHO gibt einen neuen Bericht zur Luftqualität heraus. Darin stehen zwei wichtige Dinge. Erstens, dass Stickoxid ein guter Indikator ist. Wenn viel Stickoxid in der Luft ist, wird viel verbrannt. Deshalb gibt es dann auch mehr Feinstaub und andere Verbrennungsprodukte. Zweitens: In den Studien, die Stickoxid untersuchen, könnten auch andere Verbrennungsprodukte die Krankheiten erzeugt haben. Welcher Bestandteil des Abluft-Cocktails Menschen krank macht, das lässt sich nicht sagen. „Es gibt immer noch keine robuste Basis, um einen Richtwert für Stickstoffdioxid festzulegen“, steht in der Studie.

2008 – Europäischer Rat und EU-Parlament beschließen eine neue Richtlinie, die die alte außer Kraft setzt. Darin steht auch der neue Grenzwert: 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter. Der Grenzwert gilt allerdings nicht für Arbeitsplätze – wer in der Industrie arbeitet, darf 950 Mikrogramm pro Kubikmeter einatmen. Das hat zwei Gründe. Der eine ist, dass der 40-Mikrogramm-Grenzwert auch Asthmatiker und Kleinkinder schützen soll. Die arbeiten meistens nicht in der Industrie.

Der zweite ist, dass bei Beobachtung von Menschen, die unter deutlich höheren Stickoxid-Konzentrationen arbeiteten, keine gesundheitlichen Einschränkungen festgestellt wurden. Das stand bereits 1997 in der Studie der WHO.

Aus dem Beschluss der EU. Screenshot: CORRECTIV
Aus dem Beschluss der EU. Screenshot: CORRECTIV

2010 – Die Richtlinie wird zum Gesetz. Die europäischen Länder müssen die Grenzwerte nun einhalten. Ute Dauert, Meteorologin beim Umweltbundesamt, sagte dazu gegenüber CORRECTIV: „Bei dem Grenzwert hat die EU-Kommission eine Empfehlung der WHO von 1999 aufgegriffen, der Wissensstand von damals ist also die Grundlage. Am Ende ist es ein politischer Kompromiss, den man eingeht.“

Seitdem gibt es über 500 Messstationen in Deutschland, die die Stickoxidkonzentration in der Luft messen. Der Betrieb einer Station kostet etwa über 100.000 Euro im Jahr, sagte Martin Lutz aus dem Berliner Senat gegenüber CORRECTIV.

Aus der Mail des Experten Martin Lutz. Screenshot: CORRECTIV
Aus der Mail des Experten Martin Lutz. Screenshot: CORRECTIV

Grob gerechnet sind es also etwa 50 Millionen Euro, die Deutschland ausgibt, um ein Gas zu überwachen, dessen toxische Wirkung nicht komplett bewiesen ist. Was dafür spricht: Daran, wie viele Stickoxid in der Luft ist, lässt sich auch auf andere schädliche Luftbestandteile schließen. Wer in einem Bereich lebt, in dem die Belastung hoch ist, sollte ein Recht haben, das zu wissen.

2015 – VW fliegt auf: Der Autohersteller hatte seine Dieselautos manipuliert. Sie hatten mehr Stickoxide ausgestoßen, um weniger Kraftstoff zu verbrauchen.

Für Martin Lutz, der in Berlin für die Luftreinhaltung zuständig ist, war auf einmal alles klar. „Wir hatten gedacht, dass die Werte für Stickoxid nicht runtergehen, weil die Leute sich so viele SUVs kaufen“, sagt er. „Außerdem bestellen immer mehr Leute online, es gibt also mehr Lieferverkehr.“ Aber nun hatte er den Beweis, dass es nicht allein an den Menschen lag, die in den Autos saßen – sondern auch an denen, die die Autos bauten.  

Diesel sind die Haupt-Verursacher von Stickoxiden in Städten. Sie sind aber nicht die einzigen Luftverschmutzer. Benziner pusten CO2 in die Luft. Und alle Autos produzieren Feinstaub.

Wenn es nach der WHO ginge, dann läge der Grenzwert für die feinste Feinstaub-Art (PM2.5), die gleichzeitig am gefährlichsten ist, bei 10 Mikrogramm pro Kubikmeter. Doch diesen Wert übernahm die EU nicht. Der Grenzwert für Feinstaub in Deutschland liegt bei 25 Mikrogramm pro Kubikmeter. Doppelt so viel, wie die WHO empfohlen hatte.

Für Stickoxid, bei dem es nicht ganz klar erwiesen ist, ob und wann man davon krank wird, nahm die EU also die strenge, vorsichtige Empfehlung an.

Für Feinstaub, bei dem es ganz klar ist, dass man davon krank wird, tat die EU das nicht.

Februar 2018 – Eine Forschergruppe soll analysieren, wie viele Todesfälle es in Deutschland aufgrund von Stickoxiden gibt. Aber die Forscher machen keine Untersuchungen, sie klingeln nicht an Türen von Autobahnanwohnern und hören deren Bronchien ab. Sie rechnen. Machen eine Meta-Analyse von anderen Meta-Analysen.

Dass diese Studie nicht ganz einleuchtend ist, lässt sich etwa daran festmachen, dass nicht die Wirkung von Stickoxiden auf die Lunge analysiert wurden – sondern auf das Herz-Kreislauf-System. Dazu, so schreiben es die Forscher, gab es genug Daten. Über Lungenkrankheiten leider nicht.

Ironisch ist auch, dass die räumliche Analyse reine Hypothese blieb. Die Forscher schauten sich nicht eine Straße an und schauten dort, an welchen Krankheiten die Leute sterben. Sie rechneten zusammen, wie viele Menschen in Deutschland an Herz-Kreislauf-Erkrankungen starben. Dann rechneten sie zusammen, wie viele Menschen in Deutschland unter erhöhten Stickoxid-Belastungen wohnen. Dann leiteten sie daraus ab, wie viele Herz-Kreislauf-Tote wegen Stickoxid gestorben sein könnten.  

Nicht nur Statistik-Laien werden da stutzig. Auch das Ministerium für Umwelt und Klimaschutz in NRW. Ursprünglich hatte das Bundesland der Forschergruppe Daten zum Ruhrgebiet zur Verfügung gestellt – wollte dann aber nicht, dass diese veröffentlicht werden. Warum, das erklärt das Ministerium so:

„Die Ergebnisse der Studie sind unserer Auffassung nach nicht geeignet, eigenständige Aussagen zu den auf die NO2-Exposition zurückzuführenden vorzeitigen Todesfällen / Krankheitslasten in der konkreten Modellregion zu formulieren. Wichtige Faktoren wie die Altersverteilung in der Bevölkerung und die medizinische Versorgung, die einen Einfluss auf das Ergebnis haben, wurden aus unserer Sicht nicht entsprechend berücksichtigt.
Wir standen während der Durchführung der Studie in einem engen fachlichen Austausch mit dem Umweltbundesamt und haben unsere fachlichen und methodischen Bedenken frühzeitig in den Prozess eingebracht. Uns lagen vor der Veröffentlichung lediglich Entwürfe und Auszüge aus dem Gesamtbericht zu den Modellregionen vor. Hierzu hatten wir noch einige offene Fragestellungen zur Methodik, Aussagekraft und Vergleichbarkeit der Ergebnisse. Da diese Fragen nicht abschließend geklärt werden konnten und sich der Gesamtkontext der Berichterstattung nicht erschloss, haben wir im Oktober 2017 entschieden, keine Zustimmung zur Veröffentlichung der Modellregion Ruhrgebiet zu erteilen.“

Die Experten in NRW fanden die Studie also nicht aussagekräftig.

Mai 2018 – Hamburg verhängt das erste Fahrverbot für Diesel-Autos, um die Stickoxid-Grenzwerte einzuhalten.

Es ist ein Indikator

Stickoxide sind in der öffentlichen Debatte zum Indikator für gute Luft geworden. Ein Marker-Wert, von dem aus man auf andere Schadstoffe in der Luft schließen kann. Wenig Stickoxide gleich freier Atem.

Das ist in etwa so, als würde man die Leistung eines Grundschulkindes nur am Matheunterricht festmachen.

Natürlich ist Mathe wichtig – und es ist natürlich auch nicht komplett egal, wie viel Stickoxid in der Luft ist. Aber ein Kind, das in Mathe nur Einsen schreibt – also alle Grenzwerte einhält – kann in Deutsch immer noch Fünfen schreiben und sitzen bleiben.

Gute Schüler sind meistens in mehreren Fächern gut. Diesel und Benziner allerdings haben beide eine Schwachstelle: Bei Diesel ist es das Stickstoffdioxid. Bei Benzinern ist es das CO2.

Diesel-Autos haben nun das Pech, dass genau ihre Schwachstelle der Indikator-Wert für gute Leistung geworden ist. Beziehungsweise: Für gute Luft. Wenn eine Stadt ihr Gute-Luft-Zeugnis zeigen will, gucken alle nur auf die Note für Stickoxide.

Das alles ist verdammt kompliziert. Darunter leiden die Diesel-Besitzer, die nun für das Gute-Luft-Zeugnis einiger Städte ihre Autos stehen lassen müssen. Weil eine Forschergruppe vor zwanzig Jahren einen Wert vorgeschlagen hat, an den sich nun alle klammern. Weil die EU diesen Wert zum Gesetz gemacht hat. Und vielleicht auch, weil Stickoxid so schön gefährlich klingt – nach ersticken.

Anmerkung, 21.12.2018: In einer früheren Version des Artikels haben wir im dritten Absatz Stickstoff als CO2 beschrieben und damit als einen der Haupt-Luftbestandteile. Wir haben das korrigiert. 

Unsere Bewertung:
Einen Adventskranz, der die Stickoxidkonzentration nur kurz erhöht, kann man nicht mit der Situation von Menschen vergleichen, die ihr ganzes Leben neben einer großen Straße wohnen.

Mit einem Messer kann man verschiedene Straftaten begehen: Mord, Totschlag, Sachbeschädigung, Körperverletzung.
Mit einem Messer kann man verschiedene Straftaten begehen: Mord, Totschlag, Sachbeschädigung, Körperverletzung.

von Anna Mayr

Eine Liste fasst Straftaten zusammen, bei denen Menschen mit Messern verletzt wurden, um Angst vor Ausländern zu schüren. Aber wenn man sich die Taten genauer ansieht, merkt man: Nicht alle sind miteinander vergleichbar.

Auf der Liste, die der User Wolfgang Theobald veröffentlicht hat, stehen etwa 90 Straftaten. Man kann aus dieser Zusammenstellung lernen, auf welche Weisen man Fakten zuschneiden kann, um eine eigene politische Agenda damit zu verfolgen.

Der Post des Users Wolfgang Theobald. Screenshot: CORRECTIV
Der Post des Users Wolfgang Theobald. Screenshot: CORRECTIV

Manche der gelisteten Taten stellen sich als Beziehungstat heraus – geschehen aus Eifersucht. Das verschweigt die Liste.

Manche der gelisteten Taten wurden von Deutschen verübt. Auch das verschweigt die Liste.

Manche der gelisteten Taten fanden im Drogen- oder Rockermilieu statt. Das steht allerdings nicht auf der Liste.

Manche der gelisteten Taten werden als Überfälle dargestellt, obwohl sie sich aus Streit zwischen zwei Gruppen entwickelt haben, der eskaliert ist.

Ein Großteil der gelisteten Taten fand nicht als Übergriff von Ausländern auf Deutsche statt, sondern spielte sich zwischen Migranten ab – sowohl Opfer als auch Täter waren Flüchtlinge.

Einige Täter sind psychisch krank.

Manches wird auf der Liste deutlich gewalttätiger beschrieben, als es war.

Manche Taten sind doppelt.

Wir haben die passenden Polizeimeldungen zu den beschriebenen Taten gesucht und die Vorfälle chronologisch geordnet.

11. September 2018 – Rosenheim – 16-Jährige in Disco niedergestochen
Diese Tat gab es – allerdings im März 2018. Der Täter kam aus Eritrea. Die Polizei hat dazu eine Pressemitteilung veröffentlicht.

Statement der Polizei Rosenheim. Screenshot: CORRECTIV
Statement der Polizei Rosenheim. Screenshot: CORRECTIV

21. September 2018 – Zeitz – 37-Jähriger durch Messerattacke schwer verletzt
Die Tat ist am 20. September passiert. Das bestätigte die Polizei in einer Mail an CORRECTIV.

Mitteilung der Polizei Zeitz. Screenshot: CORRECTIV
Mitteilung der Polizei Zeitz. Screenshot: CORRECTIV

20. September 2018 – Albuch – 53-Jähriger auf Parkplatz getötet
Es war wohl Mord: Der 46-Jährige Tatverdächtige war der Nachbar des 53-Jährigen. Er flüchtete mit dem Auto. Welche Nationalität beide Beteiligten hatten, hat die Polizei nicht herausgegeben.

25. September 2018 – Heilbronn – brutale Messerattacke, „Wir stechen euch alle ab“
Die Tat hat stattgefunden, allerdings drei Tage vorher, am 22. September. Das bestätigte die Polizei. Die Täter waren drei jugendliche, Arabisch sprechende Männer.

Mitteilung der Polizei Heilbronn. Screenshot: CORRECTIV
Mitteilung der Polizei Heilbronn. Screenshot: CORRECTIV

26. September 2018 – Bremen – 10-köpfige Gruppe verletzt Mann lebensgefährlich

Das ist passiert. Angaben zu den Tätern gab es allerdings nicht. Es soll vorher einen Streit zwischen den Beteiligten gegeben haben.

Mitteilung der Polizei Bremen, Screenshot CORRECTIV
Mitteilung der Polizei Bremen, Screenshot CORRECTIV

28. September 2018 – Duisburg – Kontrolleur bekommt Messer in den Oberschenkel
Das ist passiert. Die Polizei bestätigt diese Tat. Über den Täter weiß man nur, dass er „einen Drei-Tage-Bart und kurze schwarze Haare“ trug.

Antwort der Polizei Duisburg. Screenshot: CORRECTIV.
Antwort der Polizei Duisburg. Screenshot: CORRECTIV.

28. September 2018 – Berlin – 24-Jähriger in Bauch gestochen, schwer verletzt
Das ist erfunden. Diese Meldung lässt sich im Archiv der Berliner Polizei nicht finden. Es gibt einen Fall aus dem Juli 2018, bei dem ein Mann von einem Obdachlosen in den Bauch gestochen wurde. Der Mann wollte in ein Gebüsch urinieren.

28. September 2018 – Ravensburg – Drei Verletzte bei Messerattacke
Das ist passiert, wie uns die Polizei in Ravensburg bestätigte. Ein psychisch kranker 21-Jähriger hat mit einem großen Küchenmesser auf zwei syrische Asylbewerber eingestochen. Laut HNA attackierte er auch weitere Personen, die dazwischen gehen wollten.

29. September 2018 – Duisburg – Ein Schwerverletzter bei Messerattacke
Dieser Tathergang lässt sich in den Pressemitteilungen der Duisburger Polizei nicht finden. Es gab aber einen Fall zwei Monate später, bei dem ein Duisburger seinen Bruder mit einem Messer so schwer verletzte, dass der Bruder notoperiert werden musste.

30. September 2018 – Bayreuth – 19-Jähriger mit Messer schwer verletzt
Das ist passiert. Sowohl Täter als auch Opfer kommen aus Afghanistan.

Mitteilung der Polizei Bayreuth. Screenshot: CORRECTIV
Mitteilung der Polizei Bayreuth. Screenshot: CORRECTIV

30. September 2018 – Halle/Saale – 16-Jähriger bei Messerangriff verletzt
Das ist passiert. Die Polizei gab dazu eine Pressemitteilung heraus, in der nach Tätern mit südländischen Aussehen gefahndet wird.

Mitteilung der Polizei Halle/Saale. Screenshot: CORRECTIV
Mitteilung der Polizei Halle/Saale. Screenshot: CORRECTIV

30. September 2018 – Hamburg – 22-Jähriger mit Messer angegriffen
Das ist passiert. Die Polizei sucht in einem Zeugenaufruf nach zwei Männern „südländischen Aussehens“, die einem 22-Jährigen seine Sporttasche geraubt haben.

Mitteilung der Hamburger Polizei. Screenshot: CORRECTIV
Mitteilung der Hamburger Polizei. Screenshot: CORRECTIV
  1. Oktober 2018 – Wolfsburg – 34-Jähriger durch Messerangriff schwer verletzt

Das ist passiert. Das Opfer war ein Algerier. Der Täter wurde nicht gefasst.

 

  1. Oktober 2018 – Berlin – 19-Jähriger bei Messerangriff verletzt

Unklar. Mitte November wurde ein 19-Jähriger in Berlin-Spandau vor einer Sportsbar mit einem Messer verletzt. Im Oktober findet sich aber keine polizeiliche Mitteilung über einen solchen Angriff. Über den Täter weiß man nichts.

 

4. Oktober 2018 – Sögel – 30-Jähriger durch Messerangriff schwer verletzt
Das ist wirklich passiert. Die Polizei hat dazu auch eine Pressemitteilung herausgegeben. Das Opfer war ein 30-Jähriger Rumäne. Auch der 28-Jährige Tatverdächtige war Rumäne, wie die NWZ berichtete.

4. Oktober 2018 – Boostedt – 32-Jähriger niedergestochen
Das ist passiert. Sowohl das Opfer als auch der 20-jährige Täter kommen aus Somalia.

4. Oktober 2018 – Braunschweig – 23-Jähriger durch Messerstiche verletzt
Das ist passiert, am 3. Oktober. Die Polizei Braunschweig gab dazu folgende Pressemitteilung heraus.

Mitteilung der Polizei Braunschweig. Screenshot: CORRECTIV
Mitteilung der Polizei Braunschweig. Screenshot: CORRECTIV

4. Oktober 2018 – Dortmund – 45-Jähriger bei Messerangriff verletzt
Das ist passiert. Allerdings schon am 1. Oktober. Eine Gruppe von drei Menschen, den Angaben des Opfers nach „südländischen Aussehens“ soll einen Mann verprügelt haben, der sich unter einer Brücke aufhielt.

4. Oktober 2018 – Waldfeucht – 27-Jähriger mit mehreren Messerstichen getötet
Das ist passiert. Laut den Ermittlern hat ein 22-Jähriger Deutscher aus Eifersucht auf den neuen Partner seiner Ex-Freundin wohl zwei Männer albanischer und zwei Männer iranischer Herkunft beauftragt, die Tat zu begehen.

Mitteilung der Polizei Waldfeucht. Screenshot: CORRECTIV
Mitteilung der Polizei Waldfeucht. Screenshot: CORRECTIV

7. Oktober 2018 – Neuss – 29-Jährige auf offener Straße niedergestochen
Diese Tat ereignete sich am 5. Oktober. Die Frau und der Täter, der aus Meerbusch in NRW kommt, waren miteinander bekannt. So beschrieb es die Polizei.

7. Oktober 2018 – Neumünster – 30-Jähriger schwer mit Messer verletzt
Das ist passiert. Das Opfer war ein Somalier. Wer die Täter waren, bleibt unklar. Die Polizei in Neumünster sucht nach Zeugen.

Mitteilung der Polizei Neumünster. Screenshot: CORRECTIV
Mitteilung der Polizei Neumünster. Screenshot: CORRECTIV

7. Oktober 2018 – Bielefeld – 21-Jähriger lebensgefährlich mit Messer verletzt
Das ist nicht passiert. Die Polizei in Bielefeld hat die Tat nicht vermeldet und kann sie nicht bestätigen.

  1. Oktober 2018 – Hannover – 25-Jähriger niedergestochen, schwer verletzt

Das ist passiert. Das Opfer und der Täter kannten sich wohl. Die Polizei machte keine Angaben zu den Nationalitäten, der 35-Jährige Täter kommt aber wohl aus Ricklingen.

 

  1. Oktober 2018 – Prenzlau – 19-Jähriger droht Polizisten mit Messer. Beinschuss!

Das ist passiert. Der Täter war ein betrunkener Deutscher. Das berichtete die Polizei.

7. Oktober 2018 – Bad Oldesloe – Polizist erschießt bewaffneten Messer-Angreifer
Das ist passiert. Ein 22-jähriger deutscher Obdachloser hatte die Beamten mit einem Messer bedroht.

7. Oktober 2018 – Grevenbroich – 24-Jähriger mit Messer schwer verletzt
Diese Tat hat sich laut Polizei am 6. Oktober ereignet. Es handelt sich um einen Streit zwischen zwei Männern aus Grevenbroich, bei dem wohl auch Drogen im Spiel waren.

8. Oktober 2018 – Bielefeld – Schwerverletzter durch Messerattacke
Das ist nicht passiert. Die Polizei in Bielefeld hat die Tat nicht vermeldet und kann sie nicht bestätigen.

E-Mail der Polizei Bielefeld. Screenshot: CORRECTIV
E-Mail der Polizei Bielefeld. Screenshot: CORRECTIV

8. Oktober 2018 – Karlsruhe – bewaffneter Schlägertrupp attackiert Menschen
Es gab in Karlsruhe einen Fall, bei dem drei Männer auf einem Fußballplatz einen 19-Jährigen verprügelt haben. Von Waffen teilte die Polizei genau wie von den Nationalitäten der Beteiligten nichts mit.

8. Oktober 2018 – Karlsruhe – Mann auf Kinderspielplatz niedergestochen
Das ist passiert. Das Opfer war hier ein Afghane, der mit Freunden auf dem Spielplatz trank und Musik hörte. Der Täter ging mit einer abgebrochenen Flasche auf ihn los.

8. Oktober 2018 – Saarbrücken – Mann verletzt Anwohner mit Messer
Laut Saarbrücker Zeitung kommen sowohl das Opfer als auch der Täter aus Syrien. Einer der Männer verletzte den anderen im Streit.

8. Oktober 2018 – Berlin – 28-Jähriger mit Messer verletzt
Das ist passiert. Die Polizei berichtet von einem Streit zwischen zwei Personengruppen in Berlin-Lichtenberg. Zu den Nationalitäten der Beteiligten gibt es keine Angaben.

8. Oktober 2018 – Dortmund – 17-Jähriger bei Messerangriff verletzt
Das ist passiert, allerdings schon am 5. Oktober im Stadtteil Lütgendortmund. Nach Angaben des Opfers hatte der Täter sehr dunkle Haut, trug eine dunkle Hose und eine dunkle Strickjacke.

8. Oktober 2018 – Ludwigslust – Mann schlägt auf Frau mit Machete ein
Das ist passiert. Der 36-Jährige Täter und die Frau kannten sich. Der Täter kommt aus der Stadt Malliß im Landkreis Ludwigslust.

Mitteilung der Polizei Ludwigslust. Screenshot: CORRECTIV
Mitteilung der Polizei Ludwigslust. Screenshot: CORRECTIV

8. Oktober 2018 – Dresden – junger Mann bei Messerangriff schwer verletzt
Das ist passiert. Das Opfer war ein Syrer.  

Mitteilung der Polizei Dresden. Screenshot: CORRECTIV
Mitteilung der Polizei Dresden. Screenshot: CORRECTIV

9. Oktober 2018 – Mössingen – 24-Jähriger mit 40-cm-Messer angegriffen
Das ist passiert. Die Polizei sucht noch nach Zeugen. Der Täter wird als etwa 25 bis 35 Jahre alt und etwa 170 bis 180 cm groß beschrieben. Er war mit einer dunklen Baggy-Hose und einer schwarzen Jacke mit rotem Reißverschluss bekleidet. Er soll dunkle, volle Haare und einen gestutzten Vollbart gehabt haben. Sein Messer wird als etwa 40 cm lang, mit einer etwa 20 cm breiten Klinge beschrieben.

9. Oktober 2018 – Köln – Ein Schwerverletzter durch Messerangriff
Das ist passiert. Laut Polizei war der Täter ein Syrer, das Opfer ein Marokkaner.

Mitteilung der Polizei Köln. Screenshot: CORRECTIV
Mitteilung der Polizei Köln. Screenshot: CORRECTIV

10. Oktober 2018 – Berlin – Messerangriff am S-Bahnhof
Dazu findet sich nichts. Es gab zwar einen Messerangriff am Bahnhof Zehlendorf – allerdings war das bereits im Februar. Im Juni 2018 ehrte die Polizei den Mann, der damals den Täter stellte. Zu dessen Nationalität gibt es keine Informationen.

10. Oktober 2018 – Birkenau – 22-Jähriger mit Messer verletzt
Das ist passiert – in einem Flüchtlingsheim, in dem ein 18-Jähriger einem 22-Jährigen in den Bauch stach. So vermeldete es die Polizei.

10. Oktober 2018 – Innsbruck – 56-Jähriger mit Messer verletzt
Laut krone.at handelt es sich bei dem Tatverdächtigen um einen Türken, bei dem Opfer um einen türkischstämmigen Österreicher. Viele Zeitungen titelten ungenau, dass ein Türke einen Einheimischen verletzt habe.

10. Oktober 2018 – Frankfurt – 32-Jähriger mit Messer am Kopf verletzt
Das ist passiert. Der Streit entbrannte im Bahnhofsviertel vor einer Drogenhilfseinrichtung. Zwei Täter, nach denen die Polizei fahndet, sollen ein „südländisches Aussehen“ haben.

Mitteilung der Polizei Frankfurt. Screenshot: CORRECTIV
Mitteilung der Polizei Frankfurt. Screenshot: CORRECTIV

11. Oktober 2018 – Delitzsch – Schwangere 19-Jährige mit Messer im Stadtpark attackiert
Es handelte sich um einen Vorfall zwischen zwei Deutschen aus der Stadt Delitzsch. Ein Mann forderte von einer Frau Geld und bedrohte sie mit einem Messer. Sie blieb allerdings unverletzt.

11. Oktober 2018 – Oberhausen – 36-Jährige mit Messer verletzt
Das ist passiert, und es handelte sich dabei nach Berichten der WAZ wohl um eine Beziehungstat. Opfer und Täter waren befreundet. Beide kommen aus Serbien.

11. Oktober 2018 – Hannover – 40-Jähriger von Türken totgeschlagen
Es wurde tatsächlich ein 40-Jähriger totgeschlagen, weil er in Streit mit einem 28-jährigen Radfahrer geraten war. Der 28-Jährige stand wohl unter Drogeneinfluss und hatte Kampfsporterfahrung. Er ist türkischer Abstammung.

11. Oktober 2018 – Hamburg – 34-Jähriger mehrmals in den Rücken gestochen.
Das ist frei erfunden. Die Polizei Hamburg hat dazu keine Erkenntnisse.

12. Oktober 2018 – Wildflecken – Zwei Achtjährige bedrohen Kind mit Messer
Naja. Zwei deutsche Kinder haben bei einem Streit ein Küchenmesser herausgeholt. Die Mutter eines der Kinder klärte den Streit. Hier die Pressemitteilung der Polizei zu dem Vorfall:

Mitteilung der Polizei Wildflecken. Screenshot: CORRECTIV
Mitteilung der Polizei Wildflecken. Screenshot: CORRECTIV

12. Oktober 2018 – Mannheim – 15-Jähriger sticht mit Messer auf drei Menschen ein
Das ist am 8. Oktober 2018 passiert. Ein 15-Jähriger Deutscher hatte zuerst seinen Bekannten verletzt und anschließend die Passanten angegriffen, die zur Hilfe kamen.

12. Oktober 2018 – Bremen – 49-Jährige mit Messer angegriffen und schwer verletzt.
Das ist passiert. Der 36-jährige Täter stellte sich selbst der Polizei. Die Polizei geht von einer Beziehungstat aus. Über seine Nationalität ist nichts bekannt. 

13. Oktober 2018 – Feldkirch – Asylbewerber rastet aus und sticht mit Messer zu
Das ist passiert. Ein afghanischer 18-Jähriger attackierte in einem Zug mehrere Menschen mit einem Klappmesser. Andere Mitfahrer konnten ihn jedoch festhalten. 

13. Oktober 2018 – Düren – Mann mit Messer am Oberkörper verletzt
Die Tat hat sich etwas komplizierter ereignet als hier dargestellt. Laut der Polizei kam es zu einem Handgemenge zwischen mehreren Personen, bei dem auch jemand verletzt wurde. 

13. Oktober 2018 – Kirn – 27-Jähriger mit Messer verletzt
Der Täter war hier ein 66-jähriger Mann, der sich mit dem Opfer gestritten hatte, weil ihre Autos beim Ausparken kollidiert waren. Über seine Nationalität ist nichts bekannt, genau wie über die Nationalität des Opfers.

13. Oktober 2018 – Vorarlberg – Messerattacke in Zug, drei Verletzte
Das ist passiert. Der Täter ist ein afghanischer Asylbewerber.

13. Oktober 2018 – Regensburg – Mann ein Messer in den Rücken gerammt
Es ist nicht klar, was am 12. Oktober abends in Regensburg alles passiert ist. Einerseits fand die Polizei einen Syrer am Dom vor, der sich selbst mit einer Glasscherbe verletzte. Andererseits fanden sie einen Mann, der behauptete, man habe ihm ein Messer in den Rücken gerammt – die Passauer Neue Presse berichtete, es sei nicht ausgeschlossen, dass der Mann sich selbst verletzt habe.

13. Oktober 2018 – Gelsenkirchen – 63-jähriger mit Messer getötet
Das ist passiert. Der 63-Jährige war Mitglied in einem Rockerclub. Die Täter flüchteten in einem Auto. 

13. Oktober 2018 – Schwerte – Maskierter Mann bedroht Kassiererin mit Messer
Das ist passiert. Die Polizei berichtet von einem Täter deutscher oder osteuropäischer Abstammung.

13. Oktober 2018 – Stralsund – Gruppe Araber droht mit Messer
Diese Meldung ist etwas verfälscht. Hier handelte es sich um einen Streit zwischen vier Deutschen und drei jungen Migranten. Nach einer verbalen Auseinandersetzung holte einer der Migranten ein Messer heraus, ein anderer schlug zu. So meldete es die Polizei.

13. Oktober 2018 – Wertheim – 29-Jähriger mit Machete auf Supermarktparkplatz verletzt
Das ist passiert – ein Asylbewerber verletzte einen anderen Asylbewerber am Arm.

14. Oktober 2018 – Berlin – Gruppe umringt einen Mann und droht mit Messer
Diese Meldung stammt nicht aus dem Oktober, sondern aus dem Juli 2018. Ein 41-Jähriger wurde bei einem Raubüberfall am Unterarm mit einem Messer verletzt. Zu den Nationalitäten gibt es keine Angaben. 

14. Oktober 2018 – Berlin – Jugendlicher an Bushaltestelle niedergestochen
Es gab am 14. Oktober einen Vorfall in einem Bus der BVG. Allerdings wurden dabei zwei Männer Mitte 20 von einem 17-Jährigen mit einem Messer verletzt. So steht es in der Polizeimeldung. Zu den Nationalitäten gibt es keine Angaben.

14. Oktober 2018 – Bremen – Frau bei Messerangriff lebensgefährlich verletzt
Diese Meldung ist hier doppelt. In dem Facebookpost steht sie auch schon für den 12. Oktober, nur wird dort auch das Alter der Frau genannt. Laut Weser-Kurier war es wohl eine Beziehungstat, der Mann war der Ex-Freund der Frau.

15. Oktober 2018 – Düsseldorf – Zwei Männern (22, 28) Messer in Brust gestochen
Das ist passiert. Die Opfer stammen beide aus Guinea, der Tatverdächtige ist ein 21-Jähriger Düsseldorfer.

Mitteilung der Polizei Düsseldorf. Screenshot: CORRECTIV
Mitteilung der Polizei Düsseldorf. Screenshot: CORRECTIV

14. Oktober 2018 – Essen – 18-Jähriger mit Messer verletzt
Das ist passiert. Laut Polizei rief der 18-Jährige daraufhin Angehörige dazu, aus der Sache wurde also eine Auseinandersetzung zwischen zwei größeren Gruppen. Zum Aussehen der Täter gibt es keine Angaben.

14. Oktober 2018 – Mühlhausen – Mann attackiert Personen mit Kettensäge
Das ist passiert. Ein offenbar verwirrter 33-Jähriger lief mit einer Kettensäge herum. Bei den körperlichen Auseinandersetzungen benutzte er sie allerdings nicht. Dafür fällte er eine Linde. Über seine Nationalität ist nichts bekannt.

14. Oktober 2018 – Düsseldorf – Schwerstverletzte bei Schlägerei mit Messern
Auch diese Meldung befindet sich doppelt in der Liste des Facebookposts. Es geht dabei um die gleiche Schlägerei in Düsseldorf, bei der zwei Guineaner mutmaßlich von einem 21-jährigen Düsseldorfer verletzt wurden.

14. Oktober 2018 – Schmallenberg – 23-Jähriger vor Gaststätte niedergestochen
Dieses versuchte Tötungsdelikt ist passiert: Laut Polizei waren sowohl Opfer als auch Täter aus Deutschland.

15. Oktober 2018 – Münster – 28-Jähriger durch Messerstiche verletzt
Das ist passiert. Das Opfer kommt aus Algerien, der Täter und das Opfer sollen sich vorher auf Algerisch unterhalten haben, berichtet die Polizei.

15. Oktober 2018 – Halle/Saale – mehrere Messerattacken an einem Abend
Von mehreren Messerattacken vermeldete die Polizei nichts. Es gab allerdings, wie die Polizei auf Anfrage von CORRECTIV mitteilte, eine Auseinandersetzung zwischen drei Syrern und einem Deutschen.

Mitteilung der Polizei Halle/Saale. Screenshot: CORRECTIV
Mitteilung der Polizei Halle/Saale. Screenshot: CORRECTIV

15. Oktober 2018 – Berlin – Zwei Männer mit Messer durch 17-Jährige verletzt
Das ist passiert. Es handelt sich allerdings um die gleiche Meldung wie oben: Zwei Männer Mitte 20 wurden von 17-Jährigen mit einem Messer verletzt.

15. Oktober 2018 – Villach – 42-Jährige mit Messer verletzt
Das stimmt nicht. Die Frau zeigte diese Tat zwar an, gestand aber später, diese Tat frei erfunden zu haben. Das berichtete die Polizei. 

15. Oktober 2018 – Leipzig – 22-Jähriger schwer mit Messer verletzt
Das ist passiert – vor einem Nachtclub in Leipzig. Das Opfer ist ein Syrer. Zum Tatmotiv gibt es keine Informationen.

16. Oktober 2018 – Köln – Hammer-Attacke und Schuss am Ebertplatz
Das ist passiert. Der Täter wurde als nordafrikanisch beschrieben. Die Polizei ermittelt in Richtung Streitigkeiten im Drogenmilieu.

Mitteilung der Polizei Köln. Screenshot: CORRECTIV
Mitteilung der Polizei Köln. Screenshot: CORRECTIV

16. Oktober 2018 – Mittweida – Polizei mit Messer bedroht
Die Freie Presse veröffentlichte über diese Tat einen Gerichtsbericht. Die Tat fand demnach schon im Januar statt, das Gerichtsverfahren allerdings im Oktober.

Artikel über Mittweida in der Freien Presse. Screenshot: CORRECTIV
Artikel über Mittweida in der Freien Presse. Screenshot: CORRECTIV

16. Oktober 2018 – Datteln – Städtischer Mitarbeiter mit Messer bedroht
Naja. Eine 43-Jährige und ihre Angehörigen sollten aus einem Wohncontainer der Stadt in eine andere Wohnung umziehen. Die 43-Jährige hielt sich daraufhin ein Messer an Hals und Bauch, so steht es in der Mitteilung der Polizei. Sie drohte also damit, sich selbst zu verletzen.

16. Oktober 2018 – Schwarzenberg – 19-Jährige mit Messer überfallen
In einem Bericht der Freien Presse steht, dass die 19-Jährige von Männern mit einem Messer bedroht wurde, die ihr Geld wollten. Sie gab ihnen eine zweistellige Summe Münzgeld, woraufhin die Männer wegrannten. Sie blieb unverletzt. Beide Männer seien etwa 1,80 Meter groß und sollen einen dunklen Teint gehabt haben.

17. Oktober 2018 – Berlin – S-Bahn-Fahrgast mit Messer gestochen
Das ist passiert – allerdings in einer U-Bahn. Der Täter war 55 Jahre alt, habe unverständliche Worte geschrien und um sich gestochen. Ein 41-Jähriger sprach ihn an. Daraufhin wurde er verletzt. Zu seiner Nationalität ist nichts bekannt.

17. Oktober 2018 – Hamburg – 21-Jähriger verliert Augenlicht durch Schnittverletzung
Das ist passiert: Bei einer Schlägerei auf dem Hamburger Kiez mit etwa 15 Beteiligten ging laut Mopo eine Scheibe zu Bruch. Die Scherben verletzten einen Mann so sehr, dass er nun nicht mehr sehen kann. Der Täter ist laut Polizei Hamburg ein 32-jähriger Afghane. 

17. Oktober 2018 – Mössingen-Belsen – 30-Jähriger beim Gassigehen mit Messer attackiert
Das ist passiert. Es handelt sich allerdings um drei Täter, die aus unklaren Gründen auf den Mann einschlugen. Die Polizei sucht hier noch nach Zeugen.

Mitteilung der Polizei zum Vorfall in Mössingen. Screenshot: CORRECTIV
Mitteilung der Polizei zum Vorfall in Mössingen. Screenshot: CORRECTIV

17. Oktober 2018 – Bielefeld – Täter zieht Messer, Frauen verhindern Vergewaltigung
Das ist wirklich passiert. Der Täter war ein 22-jähriger Marrokaner. Das berichtet die Neue Westfälische. Die Polizei bestätigt die Tat.

17. Oktober 2018 – Neheim – Messerstecher in der Fußgängerzone
Das ist passiert. Der Mann, der ein Messer zückte, kommt aus Afghanistan. Auch die beiden Opfer, auf die er losging, sind Zuwanderer.

17. Oktober 2018 – Sondershausen – Angriff mit Messer vor Einkaufszentrum
Das ist passiert, der Täter kommt aus Eritrea. Gegen das 34-jährige deutsche Opfer laufen Ermittlungen des Staatsschutzes, weil er im Verdacht steht am 29. August auf dem Marktplatz der Stadt den Eritreer unter ausländerfeindlichen Rufen geschlagen und verletzt zu haben. Ein Racheakt wird deshalb nicht ausgeschlossen.

Unsere Bewertung:
Gemischt. Die Taten sind nicht alle miteinander vergleichbar. Es sind deutsche Täter darunter, die Migranten angreifen und Migranten, die sich gegenseitig verletzen.

Das Video des Users Micha Elel zeigt mehrere Menschen, die an Polizisten vorbei über die Grenze rennen. Screenshot: CORRECTIV
Das Video des Users Micha Elel zeigt mehrere Menschen, die an Polizisten vorbei über die Grenze rennen. Screenshot: CORRECTIV

von Anna Mayr

Auf Facebook kursiert ein Video, auf dem Menschen eine Polizeikette durchbrechen. Doch die Behauptungen, die im Kontext des Videos aufgestellt werden, sind falsch.

Der User Micha Elel hat auf Facebook ein Video geteilt, auf dem Menschen aus einer Ansammlung Zelte herauslaufen und versuchen, durch eine Polizeikette zu rennen.

Micha Elel schreibt dazu: „Jetzt sind sie durch. An der serbisch/kroatischen Grenze. Ca 20.000 hochagressive Mohammedaner. Bewaffnet und mit Kreditkarten der EU und UN ausgestattet…“

Das stimmt so nicht.

Unruhen am Grenzübergang

Richtig ist, dass es sich tatsächlich um eine Szene handelt, bei der Menschen versuchen, von Bosnien nach Kroatien zu gelangen. Richtig ist auch, dass diese Menschen Flüchtlinge sind.

Die gefilmte Szene zeigt eine Brücke, daneben zwei Wiesen. In dem Video sieht man außerdem ein Straßenschild. Der Faktenfinder der Tagesschau hat bereits einen Beitrag über das Gerücht geschrieben, es wären 20.000 Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa. In diesem Beitrag ist auch ein Foto. Der Untertitel des Fotos: „Die Polizei blockiert etwa 100 Flüchtlinge im Grenzgebiet zu Kroatien.“

Der Faktenfinder der Tagesschau zeigt den Aufstand aus einer anderen Perspektive. Screenshot: Correctiv
Der Faktenfinder der Tagesschau zeigt den Aufstand aus einer anderen Perspektive. Screenshot: Correctiv

Links auf dem Foto erkennt man das Straßenschild, das man auch in dem Video auf Facebook sieht. Nach etwa einer Minute ist im Video auch ein gelbes Schild zu sehen. So auch auf dem Bild, das die ARD der bosnisch-kroatischen Grenze zuordnet. Das Straßenschild zeigt in Richtung zweier Städte: Velika Kladusa in Bosnien-Herzegowina und Karlovac in Kroatien. Anhand der Lage beider Städte haben wir auf Google Maps den Grenzübergang gefunden, an dem sich die Szene abgespielt hat. Die Satellitenansicht deckt sich mit dem, was man auf dem Video und dem Bild der ARD von der Szene sieht.

Google-Maps-Karte: Die Straße, die die etwa 100 Flüchtlinge überquert haben, um nach Kroatien zu gelangen.
Google-Maps-Karte: Die Straße, die die etwa 100 Flüchtlinge überquert haben, um nach Kroatien zu gelangen.

Die Zahl 20.000 kommt laut Faktenfinder daher, dass im Jahr 2018 in Bosnien-Herzegowina insgesamt 20.000 Flüchtlinge registriert wurden. Von ihnen halten sich allerdings nur etwa 5.000 dauerhaft in Bosnien-Herzegowina auf. Und nicht alle versuchen gerade, über die Grenze nach Kroatien zu kommen. Das bestätigten auch das österreichische Innenministerium und die UNHCR gegenüber Faktenfinder.

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Beide Stellen bestätigten außerdem, dass die Lage zur Zeit unter Kontrolle sei. Auf dem Video sieht das anders aus. Die Polizeikette wirkt machtlos gegen die Menschen, die sie durchbrechen. Auf dem Bild, das die ARD gepostet hat, sieht man eine andere Perspektive: Deutlich mehr Polizisten blockieren die Straße, hinter ihnen auf der Brücke, die der einzige Weg über den Grenzfluss in Richtung Kroatien ist, warten noch mehr Polizisten.

Dass die Flüchtlinge Kreditkarten der UNHCR haben, ist auch falsch. CORRECTIV hat über dieses Gerücht bereits berichtet: Diese Kreditkarten erhalten nur Flüchtlinge in Griechenland – und dort ausschließlich registrierte Asylbewerber oder Drittstaatsangehörige mit polizeilichen Führungszeugnissen, die sich legal in Griechenland aufhalten. Die Karten der UNHCR sind nur in dem Land verwendbar, in dem sie ausgestellt wurden. Die Flüchtlinge würden beim Grenzübertritt in ein anderes Land diese finanzielle Hilfe also verlieren.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Das Video zeigt tatsächlich eine Szene an der Grenze zwischen Bosnien-Herzegowina und Kroatien. Aber es waren nur etwa 100 Menschen, die über die Grenze laufen wollten. Sie sind nicht mit Kreditkarten der UNHCR ausgestattet.

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Symbolbild (von Ivo Mayr)

von Anna Mayr

Falschmeldungen sind gefährlich. Sie zerstören Vertrauen, sie führen zu Gewalt und Unruhen, sie stehen in Verdacht, Wahlen zu beeinflussen.

Faktenchecker in deutschsprachigen Medien stellen sich täglich diesem Problem. Ihre Arbeit bleibt in aktuellen Debatten oft unbeachtet. Aber sie ist wichtig. Den Kampf gegen Falschmeldungen und Desinformationen zu kämpfen und darüber aufzuklären, ist mühsam, rechercheintensiv und gerade deshalb so relevant. Faktenchecker arbeiten für andere Zielgruppen, sie sind stärker als andere Journalisten mit Trollen und Hass konfrontiert. Diese Arbeit wollen wir mit dem Faktencheck-Preis wertschätzen.

Bis zum 21. Dezember kann jeder hier Beiträge einreichen – sowohl eigene Beiträge als auch die von anderen. Auch Leser laden wir ein, die Texte zu nominieren, die bei ihnen Eindruck hinterlassen haben.

Die Entscheidung, wer den Preis erhält, wollen wir von CORRECTIV aber nicht selbst treffen. Wir haben unsere Leser deshalb gebeten, sich um einen Platz in der Jury zu bewerben. Denn sie sind es, für die wir schreiben – und sie sollten deshalb auch entscheiden, wann wir womit die beste Arbeit gemacht haben. Falls Sie sich auch für einen Platz in der Jury interessieren, schreiben Sie uns mit einer kurzen Begründung an faktencheck@correctiv.org. Einsendeschluss: Freitag, 21. Dezember.

Am 29. Januar 2019 werden die Preise bei einer Verleihung im CORRECTIV-Büro in Berlin vergeben.

Der Preis wird in fünf Kategorien vergeben:

Verblüffend

Es gibt diese Momente bei der Recherche, in denen plötzlich alles umfällt, was eigentlich längst klar war. Dann entstehen Faktenchecks, die nicht einfach nur korrigieren, sondern überraschen: Weil eine Meldung aus einem ganz anderen Grund falsch war, als man gedacht hätte. Weil eine Meldung war ist, die man zu schnell als Desinformation abtun würde. Oder, weil es um ein Thema geht, einen Vorgang, einen Konflikt, von dem vorher noch niemand gehört hat.

Absurd

Manchmal überprüfen wir Meldungen, die es eigentlich nicht wert sind. Aber oft steht hinter den kleinen, abgedrehten Falschmeldungen eine größere Erzählung, die sich in diesen teils absurden Details entlarven lässt.

Relevant

Faktenchecks beschäftigen sich mit Themen, die an großen Medienhäusern vorbeigehen. Faktenchecker haben ein Gefühl dafür, welche Nachrichten tatsächlich in der breiten Bevölkerung ankommen und was sie dort auslösen. Wir wollen Faktenchecks auszeichnen, die etwas verändern, Debatten anstoßen und die Perspektive wechseln.

Einfach unkompliziert

Die Welt ist kompliziert, und es ist eine Kunst, sie einfach aufzuschreiben. Viele Meldungen lassen sich unbemerkt verfälschen, weil der Sachverhalt dahinter so kompliziert ist. Journalisten – und vor allem Faktenchecker – müssen deshalb besonders einfach und gut erklären können. Damit alle Leser verstehen, was bei der Recherche herausgekommen ist.

Hintergrund

Wer sind die Drahtzieher der Desinformation? Was treibt sie an? Wer bezahlt sie? Was lösen sie aus? Wie entstehen Falschmeldungen, wie verbreiten sie sich? Journalisten, die diese Fragen stellen, sorgen langfristig dafür, dass wir in einer aufgeklärteren, informierten Gesellschaft zusammenleben können. Dafür wollen wir sie auszeichnen.

Dieser Hase bleibt hier. Foto: Sandy Millar on Unsplash.org
Dieser Hase bleibt hier. Foto: Sandy Millar on Unsplash.org

von Anna Mayr

Ein Blog-Autor trifft die mögliche Urheberin des Videos, in dem ein Mann zwei Afghanen nachrennt. Er sagt, das wäre der Beweis, dass alle bisherigen Berichte gelogen seien. So ist es nicht.

Das Video, das eine Regierungskrise auslöste, ist nur ein paar Sekunden lang. 19 Sekunden. Zwei weiße, große Männer laufen zwei schmächtigen, dunkelhäutigen Männern hinterher. „Hetzjagden“ sagte der Regierungssprecher kurze Zeit später, so stand es auf Twitter. Über das Wort „Hetzjagden“ ist der Verfassungsschutzchef ins Wackeln gekommen. Bis heute sagen viele: Es gab keine Hetzjagden in Chemnitz.

Es gibt viele Meinungen zu diesem 19-Sekunden-Video, viele Erinnerungen, die meisten wurden schon aufgeschrieben. Nun hat der Autor Holger Douglas auf dem Blog Tichys Einblick groß angekündigt: Hier spricht die Frau, die das 19-Sekunden-Video gemacht hat. Sie erzählt uns, was wirklich los war.

Das Youtube-Video, in dem Kathrin B. ruft: „Hase, du bleibst hier“ (Screenshot: CORRECTIV)
Das Youtube-Video, in dem Kathrin B. ruft: „Hase, du bleibst hier“ (Screenshot: CORRECTIV)

In Erinnerungen gibt es keine Wahrheit. Erinnerungen sind schummerig und fast nie akkurat.  Unser Gehirn macht aus Wahrnehmungsfetzen sinnvolle Geschichten. Wenn sich mehrere Menschen gleichzeitig an eine unangenehme Situation erinnern, dann muss man die Wahrheit wahrscheinlich irgendwo zwischen ihren Erinnerungen suchen.

Sonntag, 26. August 2018

Die beiden jungen Männer, die auf dem Video wegrennen, heißen Bahrain A. und Alihassan S. – das geht aus Recherchen der Zeit hervor, die beide Männer getroffen hat. Einer der beiden, Alihassan S., filmte den Demonstrationszug der Rechten mit seinem Handy. Das Video haben Reporter der Zeit gesehen.

Kathrin B., mit der das Blog Tichys Einblick gesprochen hat, erinnert sich so: Alihassan S. und Bahrain A. waren aggressiv. Sie haben gepöbelt und „verpisst euch“ gerufen.

Das AfD-Mitglied Lars Franke erinnerte sich auf Facebook daran, dass die beiden Afghanen die Demo-Teilnehmer durch „Komm-doch-Gesten“ und Flaschenwürfe provoziert hatten.

Das Marx-Monument in Chemnitz: Hier haben sich am 26. August die fraglichen Szenen zugetragen. (Foto: Wikimedia User:Kolossos /Edited by User:Tets)
Das Marx-Monument in Chemnitz: Hier haben sich am 26. August die fraglichen Szenen zugetragen. (Foto: Wikimedia User:Kolossos /Edited by User:Tets)

Alihassan S., abgelehnter Asylbewerber, erinnert sich daran, die Video-Aufnahme beendet zu haben. Dann kam ein Mann aus dem Demonstrationszug auf ihn zu. Der Mann schlug ihm das Handy aus der Hand. Das Handy-Display ging dabei kaputt. Der Mann lief weiter.

Kathrin B. erinnert sich daran, dass die beiden Afghanen einem Teilnehmer des Demozugs einen Bierbecher über die Kleidung gekippt haben.

Alihassan S. und Bahrain A. liefen dem Mann hinterher, der das Handy kaputt gemacht hatte. Der Mann schrie sie an: „Hast du ein Problem mit uns? Geh weg.“ So erinnern sie es. Was sie darauf genau antworten, daran können sie sich nicht erinnern. Er müsse das Handy bezahlen, so etwas in die Richtung.

Eine Freundin von Alihassan S. und Bahrain A., Hannah, hat bei der Polizei ausgesagt. Ihre Erinnerungen und die der beiden Afghanen sind sich ähnlich. Auch das berichtete die Zeit.

Sie erinnert sich daran, dass ein Mann aus dem Demonstrationszug Bahrain A. wegschubste. Alihassan S. wurde geschlagen. Und dann lief jemand auf sie zu. Maik W.

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Die Zeit schreibt, dass Maik W. sich nicht an ein kaputtes Handy erinnert. Nur daran, dass sein Freund ihm sagte: Die beiden Afghanen verfolgen mich. Und dass Alihassan S. und Bahrain A. „Mein Handy, mein Handy“ riefen.

Er lief los.

Maik W. und Alihassan S. kennen sich – Alihassan S. wohnte in der Flüchtlingsunterkunft, in der der Mann als Security angestellt war. Doch in diesem Moment erinnerten sie sich beide nicht aneinander.

Alihassan S. und Bahrain A. liefen weg. Daran erinnern sich alle.

Das Video kommt aus einer Whatsapp-Gruppe der rechten Szene

Eine Frau rief: „Hase, du bleibst hier.“ Kathrin B., die jetzt auf der Seite „Tichys Einblick“ zitiert wird. Sie erinnert sich, Angst gehabt zu haben davor, ihr Mann könne auch loslaufen.

Das Video von dieser Situation postet Kathrin B. in eine Whatsapp-Gruppe. Dort sieht es jemand von der Antifa, der mit einer falschen Identität in der Gruppe ist. Er postet es auf Twitter, unter dem Account @AZeckenbiss.

Sicher ist, dass die späte Aussage von Kathrin B. nichts an der offenen Frage ändert, ob dem Video eine Provokation vorausging, oder welche Provokation es war – das Filmen allein, Gesten, Beleidigungen oder Handgreiflichkeiten. Man wird das nicht klären können. Und jeder, den man fragt, wird sich an eine neue Version der Situation erinnern, in der das Video entstanden ist.

Auf Grundlage dieses Videos wird zum ersten Mal von „Hetzjagden“ gesprochen.

Das passiert am Morgen danach, in der Bundespressekonferenz. Regierungssprecher Steffen Seibert verurteilte „Zusammenrottungen“ und „Hetzjagden auf Menschen anderen Aussehens“.

Lokalreporter sind Augenzeugen der Gewalt

Reporter der Chemnizer Freien Presse beobachten an diesem Tag zwei ähnliche Szenen. Die Zeitung beschreibt sie so:

Im Bereich Bahnhofstraße/Johannisparkplatz beobachten Reporter der “Freien Presse” eine Szene, bei der es erst eine verbale Auseinandersetzung zwischen einem jungen Mann auf der einen Seite und vier bis fünf Männern auf der anderen Seite gab. Die Männer sind nicht Teil des Demonstrationszuges. Anschließend läuft der junge Mann, der eindeutig weder als Einheimischer noch als Migrant zu identifizieren ist, über die Bahnhofstraße Richtung Parkplatz an der Johanniskirche und versucht, einen Stein aufzunehmen. Er wird von vier bis fünf Männern kurzzeitig verfolgt, kann offenbar aber auf dem Parkplatz zwischen den Autos davonlaufen.

Eine weitere Auseinandersetzung beobachten “Freie Presse”-Reporter auf der Brückenstraße im Bereich des Karl-Marx-Kopfes nach dem Abschluss des Demonstrationszuges. Dabei rennen drei bis vier Männer, die ihrem Äußeren nach Migranten sind, plötzlich weg. Kurzzeitig verfolgt werden sie von drei bis vier Männern aus dem Demonstrationszug, die dann wieder umkehren. Eine ähnliche Beschreibung gibt es von einem glaubwürdigen Augenzeugen. Junge Männer, mutmaßlich Migranten, die sich am Marx-Monument aufhielten, seien aus der Menge heraus angegriffen worden und geflüchtet.

Was in den Polizeiberichten steht

Am Montag, den 27. August 2018, griffen Vermummte das jüdische Restaurant „Schalom“ in Chemnitz an. Der Besitzer Uwe Dziuballa erinnerte sich nicht genau daran, wie viele Angreifer es waren. Etwa zehn Personen.

Ein Polizeibericht, den das Magazin Frontal21 einsehen konnte, spricht von „Vermummten“, die sich „mit Steinen bewaffnen“, die „Ausländer suchen“ und ein jüdisches Restaurant überfallen. Am 27. August, also an dem Tag, an dem der Wirt Uwe Dziuballa mit Steinen beworfen wurde, erwartete die Polizei laut Einsatzbericht ab 19 Uhr gewaltbereite Hooligans aus anderen Bundesländern: „Vermutlich handelt es sich um Personen, die intensiv Kampfsport betreiben, gewaltsuchend sind.“

Im Polizeibericht steht laut Frontal21 auch, dass es am 27. August „mehrfach Versuche rechtsgerichteter Gewalttäter gab, linke Demonstranten oder Ausländer zu attackieren.“

Was heißt denn nun „Hetzjagd“?

Ob es in Chemnitz „Hetzjagden“ gegeben hat oder nicht, das ist am Ende eine semantische Frage. Der Chefredakteur der Chemnitzer Freien Presse, Thomas Kleditzsch, sagte bei einem Interview im Deutschlandfunk: „Es gab Angriffe aus der Demonstration, einzelne Angriffe auf Migranten, auf Polizisten und auf Linke auch. Das waren aber sehr vereinzelte Fälle aus dieser Demonstration heraus. Und das hatte mit einer Hetzjagd – im wörtlichen Sinne — nichts zu tun.“

Eine Hetzjagd wäre für ihn, „dass Menschen andere Menschen über längere Zeit und Distanz vor sich hertreiben.“ An so etwas erinnert sich Kleditzsch bei den Demonstrationen in Chemnitz nicht.

Der Post der Facebookseite Infoschalter. Screenshot: Correctiv.
Der Post der Facebookseite Infoschalter. Screenshot: Correctiv.

von Anna Mayr

In der Nachrichtensendung heute Xpress wurde der Tatverdächtige im Fall der 17-jährigen Toten aus Sankt Augustin als Deutscher bezeichnet. Seine Unterkunft nannte die Moderatorin eine „städtische Unterkunft.“ Das ist eine Verkürzung, aber nicht falsch.

Die Seite „Informationsschalter verbreitete am 4. Dezember auf Facebook einen Post mit einem Video aus der ZDF-Internetsendung Heute Xpress. In dem Video, das aus der Mediathek inzwischen gelöscht ist, da die Sendungen immer nur einen Tag lang verfügbar sind, sagt die Moderatorin:

„Die vermisste 17-Jährige aus Rheinland-Pfalz ist tot aufgefunden worden. Einsatzkräfte haben die Leiche in einer städtischen Unterkunft in Sankt Augustin entdeckt. Die Polizei ermittelt. Es bestehe Mordverdacht. Ein 19-jähriger Deutscher wurde festgenommen.“

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„Informationsschalter“ schreibt dazu: „Er handelt von dem 17-jährigen getöteten Mädchen, das tot in einem Flüchtlingsheim gefunden wurde. Der Täter stammt aus Kenia und hat einen kenianischen und seit kurzem auch einen deutschen Pass.“ Der Post wurde über 3000 Mal geteilt.

Wir haben bei der Staatsanwaltschaft in Bonn nachgefragt, welche Staatsangehörigkeit der 19-jährige Mann hat, der die Tat gestanden hat.

Der Staatsanwalt Robin Fassbender sagte dazu, dass der 19-Jährige in Deutschland lebt, seitdem er zwei Jahre alt ist. Er wurde in Kenia geboren. Nach deutschem Recht gilt er damit als Ius-soli-Deutscher, da er sich acht Jahre lang gewöhnlich in Deutschland aufgehalten hat. Dies wurde in einem Gesetz aus dem Dezember 2014 geregelt.

Der Tatverdächtige hat zwei Pässe und lebt seit 17 Jahren in Deutschland

Dieses Gesetz regelt auch die Abschaffung der Optionspflicht. Der 19-Jährige kann also beide Staatsbürgerschaften, sowohl die kenianische als auch die deutsche Staatsbürgerschaft, behalten.

Bei der Unterkunft, in der der Mann lebte, handelt es sich um eine „kommunale Unterbringungseinrichtung“, in der sowohl Flüchtlinge als auch Wohnungslose als auch wohnungslose Flüchtlinge leben. „Der 19-Jährige ist kein Flüchtling“, sagt die Staatsanwaltschaft.

In einer längeren Sendung des ZDF mit dem Namen Heute in Deutschland wird übrigens gesagt:

„Am Morgen wurde die Leiche des 17-jährigen Mädchens weggebracht, aus einer Unterkunft für Flüchtlinge und Obdachlose in Sankt Augustin. In einem der Zimmer war das Mädchen gestern tot aufgefunden worden. Der 19-jährige Bewohner, ein Mann mit deutschem und kenianischem Pass, wurde vor Ort festgenommen.“

Hier ist die Beschreibung der Tatsachen sehr genau.

Zusammenfassung: Die Sendung heute Xpress sendet sehr kurze Nachrichten. Die Moderatorin hat sich entschieden, aus „kommunale Unterbringungseinrichtung“ eine „städtische Unterkunft“ zu machen – dies ist eine Verkürzung. Der 19-Jährige ist als Zweijähriger nach Deutschland gekommen. Wer acht Jahre lang in Deutschland lebt, kann einen deutschen Pass bekommen und ist damit Deutscher.

Unsere Bewertung:
Das ZDF hat wahre Tatsachen verkürzt wiedergegeben, jedoch nicht verfälscht, dass der Mann in einer Unterkunft lebte, in der auch Flüchtlinge leben. Der 19-Jährige ist nach deutschem Recht außerdem Deutscher.

Wegen eines neuen Rechnungswesens wurden Rechnungen der Polizei NRW mit Verzögerung bearbeitet. (Symbolbild)© TechLine / pixabay

von Anna Mayr

In Sankt Augustin in Nordrhein-Westfalen soll ein 19-Jähriger eine 17-Jährige umgebracht haben. Er hat die Tat gestanden. Er ist kein Flüchtling, lebt aber in einem Wohnungskomplex, in dem auch Flüchtlinge leben.

Ein 17-jähriges Mädchen wurde am 2. Dezember in Sankt-Augustin tot aufgefunden. Mehrere Internetseiten, darunter Russia Today und die Facebookseite Bürgerbewegung pro Chemnitz, schrieben, die Polizei habe die Leiche der 17-Jährigen in einer Flüchtlingsunterkunft gefunden.

Die Polizei hatte bereits am 3. Dezember in einer Pressemitteilung darauf hingewiesen, dass der Tatverdächtige, ein Deutsch-Kenianer, in einer Unterkunft wohnt, in der sowohl Obdachlose wie auch Flüchtlinge untergebracht sind. Der 19-Jährige führte die Polizei in sein Zimmer in der Unterkunft. Dort lag die 17-Jährige leblos.

Später gestand der Mann die Tat: Er sei mit der 17-Jährigen am 30. November in einer Kneipe gewesen. Sie habe ihn in seine Unterkunft begleitet, dort sei es zum Streit gekommen. Das berichtete T-Online.de. Wie genau er sie tötete, dazu machte die Polizei keine Angaben.

Die Rathaussprecherin Eva Stocksiefen sagte dem Kölner Stadt-Anzeiger zur Unterkunft, dies sei „ganz normaler Wohnraum“ in dem ohne besondere Betreuung sowohl Flüchtlinge als auch Obdachlose leben würden. Es handelt sich also nicht um eine Erstaufnahme-Unterkunft oder ein „Heim“, sondern um Wohnraum, den die Kommune für Menschen zur Verfügung stellt, die aus verschiedenen Gründen ohne Wohnung sind.

39 Wohnungssuchende leben in der Unterkunft

CORRECTIV hat die Polizei in Bonn kontaktiert, die die Ermittlungen in dem Fall aufgenommen hat. Der Tatverdächtige Deutsch-Kenianer ist laut einem Sprecher der Polizei kein Flüchtling, sondern wohnungslos.

Die Polizei sagte zunächst, dass sie von einer Beziehungstat ausgehe, da das Opfer und der Tatverdächtige sich kannten. 141 Frauen wurden in Deutschland im Jahr 2017 von ihren Partnern umgebracht – und das sind nur die vollendeten Taten. So geht es aus einer Statistik des Bundeskriminalamts hervor.

Der Tatverdächtige allerdings sagt, er habe die 17-Jährige erst am 30. November kennengelernt. Die Ermittlungen dauern an.

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In der Unterkunft leben 39 Menschen. Wie viele davon wohnungssuchend und wie viele Flüchtlinge sind, ließe sich nicht differenzieren, „weil es dort auch Flüchtlinge gibt, deren Asylverfahren abgeschlossen sind und die eine Wohnung suchen.“

Unsere Bewertung:
Der 19-Jährige Tatverdächtige lebt in einer Unterkunft, die die Kommune für 39 Flüchtlinge und Obdachlose bereitstellt. Er selbst ist kein Flüchtling.

cumex-papers
Benjamin Schubert für CORRECTIV
CumEx Files

Theater tut, was Journalismus nicht kann

Dreißig Journalisten – ein Regisseur. Helge Schmidt hat aus den CumEx-Files ein Theaterstück gemacht. Damit bringt CORRECTIV schon zum zweiten Mal eine Recherche auf die Bühne. Weil Theater kann, was wir nicht können.

von Anna Mayr

Glitzerfolienschnipsel rieseln von der Decke herab – oder eher: sie stürzen. Weil es so viele sind, und weil selbst Plastikfolie ein Gewicht hat, wenn man genug davon in einen Sack steckt. Von der Seite der Bühne schleppt eine Frau einen weiteren Sack heran, kippt noch mehr Glitzer heraus, noch mehr Schnipsel. Jetzt wälzen sie sich darin, drei Menschen in Business-Kleidung, reiben sich mit den Glitzerschnipseln ein, werfen sie sich in die Gesichter, tanzen, lachen – und man wäre gerne dabei. Man würde gern aufstehen und sich hinwerfen und mitwälzen. Aber man ist nur Zuschauer.

31,8 Milliarden Euro – das ist eine Zahl, die in den letzten Wochen oft auf Zeitungspapier stand. Tagesschausprecher haben die Zahl gesagt und Moderatoren in Podiumsdiskussionen. Und trotzdem ist diese Zahl erst verständlich, wenn man sie sieht: Wenn ein Regisseur 100 Kilogramm Glitzerfolienschnipsel (die Schauspieler nennen sie “Flitterfettis”) auf eine Bühne legt und ihnen einen Umrechnungskurs gibt. „30 dieser Flitterfettis”, sagt der Mann, der den gealterten Benjamin Frey spielt, den Whistleblower der Cum-Ex-Files, der selbst CumEx-Geschäfte gemacht hat, „sind eine halbe Million Euro.” Er sagt das, während er in einem Berg aus Glitzer steht. Eine halbe Million Euro ist nichts, wenn es um den größten Steuerraub in der europäischen Geschichte geht.

Das Stück Die CumEx Papers, inszeniert vom Hamburger Regisseur Helge Schmidt, gespielt von Ruth Marie Kröger, Jonas Anders und Günter Schaupp, ist quasi der Film zum Buch – die Visualisierung zur Recherche von CORRECTIV und 19 weiteren Medienpartnern aus mehreren europäischen Ländern. Wer das Stück sieht, versteht einerseits ein wenig besser, um welche Geldberge es geht – und andererseits, wo Journalismus aufhört.

Erzählen, was nicht ist

Die Rolle des Whistleblowers Benjamin Frey teilen sich zwei Schauspieler, einer spielt den jungen Frey, einer den alten. Beide tragen Anzug, natürlich, und halten sich in einer Szene Masken vors Gesicht: Wolfgang Schäuble, Peer Steinbrück, Männer in Anzügen eben. Denn die CumEx-Welt kommt ohne Frauen aus, sie wird gesteuert und konzipiert von Anzugträgern, die alle gleich sind. Es ist eine Vermutung, dass die Gleichförmigkeit der Beteiligten die Geschäfte womöglich vereinfacht hat: Gleich und gleich vertrauen einander. Die Anzugträger aus der Politik und die Anzugträger aus der Finanzbranche treten sich nicht gegenseitig auf ihre Anzugschuhe – das ist ein Gedanke, den Helge Schmidt in mehreren Szenen auf die Bühne bringt. Um solche Nuancen zu erzählen, solche Gedanken und Vermutungen, bräuchten Journalisten einen Beweis, eine Szene aus der Realität. Das Theater stellt die Szene selbst her.

Schubsen und Sticheln

So kniet der gealterte Benjamin Frey, der Whistleblower, der die Geschäfte moralisch nicht mehr vertreten konnte und sich deshalb der Polizei stellte, gegen Ende des Stücks auf der Bühne. Er quäkt. Heult rum. Trägt eine rote Käppi, sieht aus wie ein Achtjähriger mit dem Gesicht eines Fünfzigjährigen. „Ich wollte doch nur eine Villa auf Mallorca”, weint er.

Wer sich als Journalist mit Menschen trifft, muss ihnen neutral begegnen, aufgeschlossen – ob man denkt, dass da ein Verbrecher sitzt, ist egal. Auch mit Verbrechern muss man reden, sonst findet man nichts heraus. Einen Whistleblower darf man deshalb kritisieren, aber man macht sich nicht über ihn lustig. Theater hingegen darf respektlos sein. Emotional. Witzig. Ironie auf Papier macht in den allerwenigsten Fällen Spaß, und meistens versteht man sie nicht.

Das Stück von Helge Schmidt ist deshalb dort am stärksten, wo es übers Erklären hinaus geht, wo es die Realität interpretiert anstatt sie nur zu zeigen. Nur manche Szenen geben Anlass zum Augenrollen: Natürlich muss geschrien werden auf der Bühne, es muss ein bisschen Nacktheit geben und Gespräche mit dem Publikum. Das ist die Postmoderne, da muss man wohl durch, als Zuschauer und Regisseur und Schauspieler gleichermaßen.

Am peinlichsten und gleichzeitig am bedeutungsvollsten sind die Schreie der Empörung. Als es im Stück zum ersten Mal um die Ungerechtigkeit geht, um den Griff in die Steuerkasse, das Stehlen aus Geldern, die nicht für Reiche, sondern für Umverteilung bestimmt waren, fallen die zwei Benjamin Freys aus der Rolle. Gemeinsam mit der Hauptdarstellerin echauffieren sie sich über die Sache, weinen fast vor Wut. Das wirkt lächerlich. Weil sich in der Realität niemand empört, weil niemand schreit, demonstriert, erschüttert ist. Nur im Theater. Da geht das.

Photo by Rachit Tank on Unsplash
Photo by Rachit Tank on Unsplash

von Anna Mayr

Desinformation gibt es nicht nur auf Facebook. Youtube ist eine noch bessere Bühne. Die Plattform versucht zwar, gegenzusteuern. Doch der Sumpf ist tief. Unsere Autorin hat sich dorthin begeben.


Hier kannst du den Beitrag auf Soundcloud hören.

„Gedanken haben ein messbares Schwingungsmuster. Sie sind nicht-räumliche Erscheinungen. Sie sind nicht an Raum gebunden. Gedanken sind schneller als Licht, denn Licht benötigt Raum, und Gedanken benötigen keinen Raum, da es keinen Raum für die Gedanken gibt. Das bedeutet: Wir sind verbunden über unsere Ge-dan-ken!”

Beim letzten Wort zieht Heiko Schrang seine Zeigefinger in zwei Halbkreisen von seiner Stirn weg. Ich weiß nicht mehr, wie wir hier hingekommen sind. Wie ich hier hingekommen bin.

Heiko Schrang, Sonnenstudiobräune, Hantelbankkörper, fliederfarbenes Hemd, steht auf meinem Computerbildschirm und ist sehr, sehr gut ausgeleuchtet. Eben hat er noch erklärt, dass die Medien nicht über mordende Ausländer berichten. Eben hat er noch gesagt, dass „300 Millionen Afrikaner einfach überall reinmarschieren” werden, sobald der UN-Migrationspakt verabschiedet wird. Jetzt wird er auf einmal spirituell. Spricht über Gedankenschwingungen. „Nur wer gegen den Strom schwimmt, der gelangt zur Quelle”, sagt er.

Wenn er die Quelle ist, dann musste ich nicht gegen den Strom schwimmen, um ihn zu finden. Es hat gereicht, ein paar Stunden auf Youtube zu verbringen, um Schrang und Dutzenden weiteren Menschen zu begegnen, die Videos machen, in denen sie Desinformation verbreiten.

Youtube ist noch undurchsichtiger als Facebook

Sprechen wir über Falschinformationen, Propaganda und Verschwörungstheorien, geht es meistens um Facebook und Twitter. Auf Facebook sind aber nur Erwachsene. Und auf Twitter sind nur Politiker und Journalisten. Junge Menschen sind auf Youtube. Und sie sind viel empfänglicher für falsche Informationen als Erwachsene. Denn Jugendliche haben noch kein fertiges Weltbild. Sie halten mehr Dinge für wahrscheinlich.

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Videos sind wirkmächtiger als Text. Was wir sehen, ist. Wir sagen, dass wir unseren Augen nicht trauen können, wenn wir etwas nicht glauben. Sehen ist Wahrheit. Deshalb sind Chemtrails eine der am weitesten verbreiteten Verschwörungstheorien: Jeder kann sie sehen. Mit den eigenen Augen.

Auf Youtube kommen also zwei Dinge zusammen: Erstens eine junge Zielgruppe, die leicht zu überzeugen ist. Und zweitens ein Medium, das extrem überzeugend ist.

„Auf Youtube ist der Weg von neutralen Nachrichten-Videos in den Sumpf aus Verschwörungen nicht weit”, sagt mir Felix Brinkschulte. Er forscht an der Uni Münster zu Desinformation auf Youtube. Brinkschulte sagt mir, dass es vor allem einen Grund gibt, der Verschwörungen und verdrehte Fakten auf der Videoplattform so zugänglich macht: die Empfehlungen, die am rechten Rand der Videos angezeigt werden.

Der Algorithmus ist eine Blackbox

Niemand  weiß, warum Youtube welches Video wem wann empfiehlt. Aber es passiert, dass neben einem Video, das über Extremismus aufklären will, extremistische Videos empfohlen werden – nicht gerade ideal also.

Youtube will die Empfehlungen stärker kontrollieren, zumindest die Such-Empfehlungen. Wer nach dem 26. August auf Youtube nach „Chemnitz” suchte, fand hauptsächlich Videos aus der rechten Szene. Wer nach dem 26. August auf Youtube nach „Chemnitz” suchte, fand hauptsächlich Videos aus der rechten Szene. Im September hat Youtube allerdings den Such-Algorithmus geändert: „Bei einem Nachrichtenereignis findet man jetzt zuerst Videos, die von Nachrichtenseiten hochgeladen wurden. Youtube richtet sich da nach Google News: Seiten, die bei Google News gelistet sind, behandeln wir als Nachrichtenquelle”, sagt Henning Dorstewitz, Sprecher von Youtube in Deutschland. So sollen Nutzer zuerst Informationen sehen, denen sie vertrauen können.

Aber wenn es nicht um aktuelle Ereignisse geht, sind die Empfehlungen immer noch undurchsichtig. Jeder User bekommt andere Videos empfohlen, abhängig von vorher Angesehenem, von Aktualität – wovon genau, das weiß nur der Algorithmus.

Wenn ich es sehe, glaube ich dann dran?

Ich wollte rein in diesen Sumpf, von dem der Forscher Brinkschulte gesprochen hatte. Abdriften. Mich treiben lassen auf den Info-Wellen der Pseudo-Medien. Einen Tag lang habe ich mich von Video zu Video geklickt. Und mir alles angeschaut, von vorne bis hinten, auch wenn es unerträglich wurde – unerträglich öde.

Mein Weg in den Sumpf beginnt in Syrien. Beziehungsweise, mit der Erzählung von einer Reise nach Syrien. Das Senioren-Ehepaar Eva und Markus Heizmann sitzt in einem Studio neben einem Mann mit winzigen Brillengläsern – der Moderator.  Eva Heizmann sieht etwas älter aus und ist gekleidet, als wäre sie gerade von einer Wanderung zurückgekehrt. Markus Heizmann hingegen trägt Anzug und Hemd. Das Gespräch zwischen den Dreien klingt wie die Aufführung einer Laientheatergruppe: geskriptet. Sie sprechen, als müssten sie sich an jedes Wort erinnern.

„Aber das ist jetzt komisch”, sagt der Moderator. „Der Pascal Weber vom Schweizer Fernsehen hat am letzten Mittwoch gesagt, Syrien sei ein Failed State!”
– „Ich weiß nicht, was er damit meint”, antwortet Eva Heizmann. „Was ist ein Failed…?”

In Syrien ist eigentlich alles okay

Die beiden Senioren erzählen von Datteln und Pistazien aus Aleppo, von freundlichen Grenzbeamten und dem riesigen Vertrauen der Syrer in die Assad-Regierung. Alles gar nicht so schlimm, Syrien ist eigentlich wie Deutschland, das können sie beurteilen, sagt Eva Heizmann, auch nach einer nur zehntägigen Reise.

Es gibt keine Fotos in diesem Video, keine kurzen Filme aus Syrien oder sonstwoher, es gibt nur drei Leute, die sehr, sehr langsam reden. Mir ist totlangweilig. Ich drifte ab. Denke über den Libanon nach, über graue Haare, und darüber, was ich später einkaufen könnte. Ich habe Lust auf Datteln und Pistazien.

Das Interview mit den beiden geht eine halbe Stunde. Die Videos von Heiko Schrang sind meistens etwa eine Viertelstunde lang. Manche Videos, die ich an diesem Tag entdecke, gehen anderthalb Stunden. Die Ton- und Bildqualität ist dabei oft nicht gut. Es gibt keine Spezialeffekte. Keine tollen Bilder. Und trotzdem schauen Menschen sich das an. Das Syrien-Interview hat zwar nur über 500 Views – Heiko Schrang aber hat etwa hunderttausend Abonnenten, jedes seiner Videos um die 50.000 Klicks. Warum?

Qualität ist egal

„Content ist das wichtigste. Videos können schlecht produziert sein, unprofessionell – solange es spannenden Content gibt, finden sich Zuschauer”, sagt Sebastian Bartoschek, der zum Thema Verschwörungstheorien forscht und selbst als Journalist einen Podcast produziert. Je aufregender der Inhalt, desto egaler die Verpackung.

Journalismus ist manchmal wie ein Kuchen vom Konditor: aufwändig dekoriert, teuer und mit großem Zeitaufwand produziert – nur das Innere schmeckt fad. Weil die Geschichte nicht so toll ist, wie der Titel es verspricht.

Desinformation hingegen ist ein Kuchen aus einer Plastikverpackung im Supermarkt: Da ist allerhand Chemie drin, die man eigentlich nicht essen will. Es sieht unappetitlich aus. Aber Supermarktkuchen ist billig, verfügbar, voller Zucker und Geschmacksverstärker – und deshalb sehr, sehr lecker. Content gewinnt.

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Es ist nicht sicher, ob alle Klicks der Desinformations-Videos authentisch sind. Henning Dorstewitz, Sprecher von Youtube in Deutschland, sagt, dass es immer wieder Fälle von versuchten Klickkäufen gibt. Das könne verschiedene Gründe haben: Die User wollten beispielsweise größer wirken als sie sind und so tun, als hätten sie viele Zuschauer. Oder sie wollten Geld verdienen – Youtube schüttet Werbeerlöse an Nutzer, die für das YouTube Partnerprogramm zugelassen wurden und Werbung in ihren Videos freischalten, aus.

Klick. Das Intro zum nächsten Video (1,6 Millionen Views) sieht aus wie das der Tagesschau. Aber dies ist eine Abrechnung: Mit der Tagesschau, mit politischen Talkshows und mit den öffentlich-rechtlichen Sendern überhaupt. Eva Herman, ehemals Tagesschau-Sprecherin und Fernseh-Moderatorin, moderiert inzwischen eine alternative Tagesschau auf Youtube. Die richtige Tagesschau darf sie nicht mehr moderieren, nachdem sie sich positiv über das Familien- und Frauenbild der NS-Zeit geäußert hatte.

Hermans „Guten Tag meine Damen und Herren” ist das gleiche geblieben. Die Themen haben sich geändert. Eva Herman glaubt, dass Europa eine „Umsiedlung” bevorsteht – dass also Muslime absichtlich hergeholt werden, damit es erst einen Bürgerkrieg gibt und danach keine Deutschen mehr. Die Medien sind in dieser Theorie ein Mittel der Regierung – sie sollen die Deutschen glauben lassen, alles wäre in Ordnung.

Was ist Verschwörung, und was ist einfach nur falsch?

Es ist schwierig, eine Grenze zwischen Falschinformationen und Verschwörungstheorien zu ziehen. Der Forscher Felix Brinkschulte versucht zum Beispiel, zwischen „unintentionaler Fehlinformation” und „strategischer Desinformation” zu unterscheiden. Aber sobald man die Grenze zu Verschwörungstheorien überschreitet, wird diese Aufteilung hinfällig – denn manche Leute denken ja tatsächlich, dass die Erde flach sei. „Dann ist es keine strategische Lüge, denn es ist schließlich völlig ernst gemeint”, sagt Brinkschulte.

Hinter vielen halbwegs richtigen Nachrichten, die auf den Internetseiten von Pseudo-Medien veröffentlicht werden, steht eine übergeordnete Verschwörungstheorie: Die neue Weltordnung. Eva Herman hat auch darüber ein Video gedreht. Es gibt viele Versionen dieser Geschichte, aber alle laufen etwa auf die gleiche Furcht hinaus: ein islamisches Europa ohne Grenzen. Es wurde im Geheimen geplant, von den USA und Israel und den Europäischen Eliten. Es wird getragen von Grün-Wählern und Linken, die die Wahrheit nicht sehen wollen.

Eva Herman will ihre Wahrheit verbreiten. Ihre Videos haben hunderttausende Klicks. Und ihre Erklärung, warum sie als einzige über die Fakes des Medienbetriebs spricht, während ihre ehemaligen Kollegen immer noch schweigen, ist simpel: Die anderen haben Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Deshalb machen sie alles mit. Halten ein Konstrukt aus Lügen aufrecht, das die Regierung sich ausgedacht hat.

Mit Angst um den Arbeitsplatz kann man alles erklären.

Warum hassen Menschen Ausländer? – Sie haben Angst um ihren Arbeitsplatz. Warum funktioniert die Energiewende nicht? – Alle haben Angst um die Arbeitsplätze, die an der Braunkohle hängen. Warum machen Politiker unmögliche Versprechungen? – Sie haben Angst um ihre Ministerposten.

Warum manipulieren uns also die Journalisten im Auftrag der Regierung? – Sie haben Angst um ihre Arbeitsplätze. Diese Begründung wird im Laufe meines Youtube-Tages wiederkommen. Wenn es darum geht, warum Geologen uns verschweigen, dass die Pyramiden von Aliens erbaut wurden. Aber dazu später mehr.

Die Youtube-Empfehlungsalgorithmen bringen mich von der Ex-Nachrichtensprecherin Eva Herman zur Ex-Grünenpolitikerin und Ex-CDUlerin Vera Lengsfeld. Wenn die Beschreibung des Videos (30.000 Views) stimmt, dann sehe ich hier gerade eine Aufzeichnung von einem Seminar der „Wissensmanufaktur” – in Kanada. Man muss das noch einmal betonen: Kanada. Vera Lengsfeld und ein Haufen anderer Deutscher sind nach Kanada geflogen, um sich dort einen Vortrag anzuhören, der So tickt Angela Merkel heißt.

Wer sind die Menschen, die für ein Wahrheits-Seminar nach Kanada fliegen?

Bis jetzt hatten nur die Pseudo-Medien selbst Gesichter: Da war der Moderator mit dem Ehepaar, da war der dicke Esoteriker und da war Eva Herman. Jetzt sehe ich auf einmal Hinterköpfe. Hinterköpfe von Menschen, vor denen Vera Lengsfeld doziert. Menschen, die sich diese Sachen anhören. Die dafür ihre Abende vor Youtube verbringen müssen, die in ihrer Freizeit wahrscheinlich viel über die neue Weltordnung nachdenken. Die in ein Flugzeug steigen und über den Atlantik fliegen, um sich eine Wahrheit erzählen zu lassen. Manche dieser Hinterköpfe sind grau, manche sind alterslos, viele sind männlich. Was haben sie gemeinsam?

„Selbstwirksamkeit”, sagt der Psychologe Sebastian Bartoschek, und er sagt das so, als könne dieses Wort allein alles erklären. Als könne es das Rätsel um die Hinterköpfe und die hunderttausenden, millionenfachen Aufrufe der Sumpf-Videos lösen. „Was ist das?”, frage ich.

Komischerweise kommen wir alle mit einer Idee von Gerechtigkeit zur Welt. Wir glauben, dass wir alles schaffen können, wenn wir alles dafür tun. Wir glauben, dass wir belohnt werden, wenn wir etwas leisten. Dieser Glaube nennt sich Selbstwirksamkeit. „Wenn einem aber etwas passiert, das ungerecht ist, oder wenn das eigene Leben doch nicht so funktioniert, wie man es sich vorgestellt hatte”, sagt Bartoschek, „dann ist es leichter, die Schuld auf eine Verschwörung zu schieben, als sie bei sich selbst zu suchen.”  Wenn ich meinen Arbeitsplatz verliere, dann liegt es nicht an mir oder an meiner Firma – es liegt an der Neuen Weltordnung.

Es ist gesund, an Chemtrails zu glauben

Es ist nicht krank, sich an solche Theorien zu klammern. Nicht schizophren, nicht paranoid. Es ist sogar gesund. Es ist gesund, die Schuld von sich wegzuschieben, die man selbst nicht tragen kann. Sie den Eliten zu geben, den Politikern, den Weltverschwörern. Man kommt so besser mit dem Leben zurecht.

Der Übergang von Verschwörungstheorie zu Desinformation liegt in der Konkretisierung. Die Verschwörungstheorie sagt: Europa soll muslimisch werden. Die Desinformation sagt: Ein Flüchtling hat ein Kind umgebracht. Die Verschwörungstheorie macht aus Menschen wehrlose, meckernde Opfer. Die Desinformation macht Menschen wütend, ängstlich, gewalttätig. Auf Chemtrails und die Rothschilds kann man keine Brandsätze werfen. Auf Flüchtlingsheime schon.

Wenn Youtube wirklich ein Sumpf ist, so wie Felix Brinkschulte es gesagt hat, dann bin ich mit dem nächsten Klick auf Grund gestoßen. In dem Video, das erst seit ein paar Sekunden läuft, hat sich der Sprecher gerade langsam einblenden lassen, als würde er sich auf meinen Bildschirm beamen. Hinter ihm sieht man hellblaue Strahlen auf dunkelblauem Hintergrund. Alles sehr mystisch. Hermann Göring, erklärt der Mann, der sich „Norman Investigativ” nennt, hatte eine geheime Mission in die Antarktis angeordnet. Dort haben die Nazis ein Loch gebuddelt, in dem Außerirdische sitzen. Jetzt leben sie gemeinsam mit den Außerirdischen in der Antarktis. Als ich das kapiert habe, scrolle ich in den Kommentarbereich.

„In Minute 19:42 ist rechts ganz eindeutige eine Ruine zu erkennen.”, schreibt ein User. „Sind das echte Bilder oder was Zusammengeschustertes? Vor Minute 19:42 sieht die Landschaft exakt so aus wie auf den Mars Bildern der NASA. Zufall? Wohl kaum.”

Nächster Kommentar: „Das tiefste von Menschen gebohrte Loch ist so zwölf Kilometer tief, was weiter drunter ist weiß kein Mensch,  also so unmöglich ist ‘ne hohle Erde nicht.”

Eine Userin antwortet: „Doch die alles entscheidende Frage: Was oder wer ist dort? Der Ort für eine geheime Unternehmung ist gut gewählt. Könnte sich dort Rothschild eine Forschungsstation aufgebaut haben? Das würde einiges erklären. Zum Beispiel, dass es schon seit längerer Zeit keine Berichte gab. Was meinst du?”

„Ich könnte mir vorstellen das die Welteliten eine Art Arche unter dem Eis bauen und wenn diese dann fertig ist werden sie eine globale Pandemie auslösen um die Weltbevölkerung um rund 75 % zu reduzieren, sozusagen auf eine nachhaltige Weltbevölkerung reduzieren.  Das klingt zwar verrückt, ist es aber nicht! Und Skrupel haben diese Leute garantiert nicht. Und alles andere ist nur Ablenkung!”

Sie denken, sie wüssten es besser

Als Kind war ich fest davon überzeugt, zur Erfinderin auserkoren zu sein. Ich hatte ein Set mit Magneten und Metallkugeln zu Weihnachten geschenkt bekommen und war sicher, dass ich die erste Achtjährige sein würde, die das Perpetuum Mobile erfindet. Ich habe viele, viele Stunde damit verbracht, Magnetgebilde zu testen, die sich für immer weiterbewegen sollten. Es hat nie funktioniert. Ich bin an meinen Ansprüchen gescheitert, immer wieder, bis ich irgendwann verstanden habe, dass ich vielleicht einfach nicht so toll bin, wie ich gedacht hatte.

Daran muss ich denken, als ich in dieser Kommentarspalte hänge, anstatt das Video weiter anzuschauen: An dieses ernüchternde Gefühl, das den Übergang zwischen Jugend und Erwachsen markiert. An die Erkenntnis, ziemlich egal zu sein. Denn eigentlich ist es beneidenswert, dass die Menschen in dieser Kommentarspalte sich den Glauben erhalten haben, es besser wissen zu können.

Jetzt will ich mehr davon. Mehr von dem Quatsch. Mehr Pseudo-Wissenschaft. In der Empfehlungsliste neben Norman Investigativ, der immer noch erklärt, dass die Erde hohl ist, finde ich ein Video mit dem Titel „Die Wahrheit über die Pyramiden.”

Es gibt keine Beweise – aber das ist der Beweis!

Wahrscheinlich ist es ganz egal, welchen Quatsch man im Internet erzählen will: Irgendwer hat dazu auf jeden Fall bereits eine 3D-Animation gebaut. Das Video, in dem mir eine Männerstimme erklärt, dass die Pyramiden in Wirklichkeit Energiekraftwerke von Außerirdischen sind, sieht zumindest extrem hochwertig aus. Immer wieder erscheinen außerdem Bilder von alten Männern in Sepia-Optik, die schon vor hunderten Jahren etwas Revolutionäres herausgefunden haben. „Leider ist fast seine gesamte Arbeit verschollen oder gestohlen worden, deshalb kann nichts bewiesen werden”, sagt der Sprecher. „Aber wir müssen ja nur eins und eins zusammenzählen!”

Über die Videos von Eva Herman kann ich lachen. Weil ich weiß, wie Redaktionen funktionieren. Zum Beispiel, dass dort niemand aus der Regierung anruft und Berichterstattung diktiert. Aber ich habe keine Ahnung davon, warum und wie lange es die Pyramiden schon gibt. Außerirdische als Architekten – warum eigentlich nicht? Es scheint ja Beweise zu geben.

„Die Schulwissenschaftler erzählen natürlich etwas anderes”, sagt der Sprecher. „Weil sie Angst haben, ihren Job zu verlieren.” Logisch. Ich schaue wie hypnotisiert in die 3D-Animation, in der ich über Gizeh hinwegfliege. Der Sprecher erklärt, warum die Sphinx keine Nase hat – und der Grund scheint mir extrem viel Sinn zu machen. Auch wenn ich ihn sofort wieder vergesse.

Nichts wird erklärt, denn es ist ja offensichtlich

In den Videos, die ich im Youtube-Sumpf finde, muss es keine Beweise geben. Keine Quellenangaben und Erklärungen. Es gibt nur Bilder, die über Wahrheit und Lüge entscheiden. Es gibt Panik vor der neuen Weltordnung, vor Verschwörungen und Eliten. Und es gibt Rettung.

Aber Rettung, das lerne ich beim nächsten Klick, kostet Geld.

Ich wusste nicht, dass ein Finanzcrash bevorsteht. Aber die drei Männer, denen ich jetzt beim Sitzen um einen Stehtisch zuschaue, scheinen das für sehr selbstverständlich zu halten. Einer von ihnen hat sogar ein Buch herausgebracht, in dem er Ratschläge dazu gibt, wie man mit dem bevorstehenden Finanzcrash reich werden kann. Als Zuschauerin soll ich denken, dass ich etwas wichtiges verpasst habe: Den drohenden Crash. Ich soll denken, dass alle bereits Bescheid wissen. Deshalb erklärt auch keiner der Männer, wie und warum der Crash genau passieren wird.

Man hat das Gefühl, etwas wichtiges verpasst zu haben

Psychologen nennen das den false consensus effect – man denkt, es gäbe eine Gruppe, der man nur noch zustimmen müsste. Auch die Videos über den 11. September arbeiten mit diesem Mittel. Viele von ihnen sind mit der Beschreibung versehen: Bereits 50 Prozent der Bevölkerung kennen die Wahrheit und wissen, dass der 11. September eine Täuschung war. Da will man natürlich dabei sein.

Im Finanzcrash-Video fallen jetzt Sätze wie: „Ein Crash ist erstmal was geiles” und „Darum manipulieren uns die Machteliten.” Ein Mann, der sich mal Mr. Dax und mal Dirk Müller nennt, sagt diese Sätze. Und wer sein Buch kauft sei auf den nächsten Crash so gut vorbereitet, dass er sogar Geld aus ihm machen könne. Das Buch ist Mitte August erschienen und kostet 22 Euro. Wenig, wenn man bedenkt, dass man damit als Crash-Gewinner hervorgehen kann.

Youtube will manches nicht löschen – aber verstecken

„Wir wollen keine Plattform für Desinformation sein”, sagt Youtube-Sprecher Dorstewitz. Deshalb hat die Plattform für Inhalte, die zwar nicht gegen nationale Gesetze oder Richtlinien verstoßen, aber trotzdem schädlich sein können, einen neuen Status eingeführt: den eingeschränkten Status. Videos, die von Youtube in diesen Status gesetzt werden, können User nur noch finden, wenn sie den Link zu dem Video haben. Außerdem verschwindet der „Teilen“-Knopf unter dem Video. Die Videos werden also nicht gelöscht, sie verbreiten sich aber auch nicht mehr so schnell. Diese Funktion gibt es seit etwas mehr als einem Jahr.