Katastrophenschutz in Deutschland: Im Ernstfall kommt es auf den Wohnort an

Ist Deutschland auf Blackouts, Hochwasser und Krieg vorbereitet? Eine bundesweite CORRECTIV-Recherche zeigt: Häufig fehlen Krisenpläne, Geld und Personal. Wie gut Menschen geschützt sind, hängt auch vom Wohnort ab.

Wie gut Menschen im Krisenfall geschützt sind, hängt stark davon ab, wo sie leben. Ob nach einer Überschwemmung schnell Hilfe kommt, bei einem großflächigen Stromausfall die Versorgung gesichert ist oder Menschen im Kriegsfall Schutz finden, entscheidet sich auch vor Ort.

Doch wie gut sind Deutschlands Kreise auf solche Krisen vorbereitet? Bislang gab es kaum öffentlich zugängliche Daten darüber, wie gut sie ihre Bevölkerung im Ernstfall schützen können. 

CORRECTIV hat deshalb alle 401 Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland zur lokalen Krisenvorsorge angefragt. Die Ergebnisse zeigen, wie unterschiedlich die Kommunen auf Krisen vorbereitet sind – und wo wichtige Vorkehrungen fehlen.

Angesichts zunehmender Klimafolgen und geopolitischer Spannungen  gewinnt der Katastrophen- und Zivilschutz an Bedeutung. Dabei kommt es nicht allein auf Behörden und Einsatzkräfte an. Denn die Vorsorge ist nicht alleine Aufgabe der Kreise: Auch die Bevölkerung muss wissen, wie sie sich im Ernstfall verhalten und sich selbst und andere schützen kann. Voraussetzung dafür ist, dass die Menschen wissen, welche Gefahren drohen und was im Notfall zu tun ist. Dafür braucht es Transparenz darüber, was vor Ort vorbereitet ist – und wo Lücken bestehen.

Keine flächendeckenden Krisenpläne

Die zuständigen Katastrophenschutzbehörden sind gesetzlich verpflichtet, Pläne für den Ernstfall aufzustellen. Darin ist festgelegt, wie Behörden und Einsatzkräfte im Katastrophenfall vorgehen. Die Bezeichnung solcher Pläne und die damit verbundenen Anforderungen und Zuständigkeiten unterscheiden sich je nach Bundesland und sind im jeweiligen Landesrecht geregelt.

Doch nicht überall liegt eine solche Planung vor: 38 der 266 Landkreise und kreisfreien Städte, von denen wir eine Antwort erhielten, gaben an, keinen Krisenplan zu haben. 25 weitere machten dazu keine Angaben. Von den übrigen 203 Kommunen haben nach eigenen Angaben lediglich 106 ihre Planung umgesetzt. Auffällig häufig fehlten demnach Handlungspläne in Thüringen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Bayern.

Für diese Recherche hat CORRECTIV einen Fragenkatalog entwickelt, um den Stand der Krisenvorsorge auf lokaler Ebene zu erfassen. Über einen Zeitraum von rund eineinhalb Jahren wurde der Fragenkatalog mehrfach überarbeitet. Dafür wurden zunächst Fachleute befragt und umfassende Abfragen auf Landes-, Bundesland- und Kreisebene gestellt. Gespräche mit Angestellten von Kommunen, der Bundeswehr sowie von Organisationen aus der Notfall- und humanitären Hilfe flossen ebenfalls in die Überarbeitung ein.

Der Fragebogen fragt unter anderem ab, wie Landkreise und kreisfreie Städte auf Krisen reagieren, welche Erwartungen sie an die Bevölkerung haben und wie gut sie auf verschiedene Situationen vorbereitet sind. Dazu gehören etwa großflächige Stromausfälle, Wassermangel und Dürre, der Bedarf an Schutzräumen sowie die Reaktionsmöglichkeit auf Bedrohungen von außen, die etwa bei Sabotage, Cyberangriffen oder militärischen Konflikten relevant sein könnten. Weitere Fragen betreffen verfügbare Ressourcen und die Finanzierung der Krisenvorsorge sowie die konkreten Risiken, die der Klimawandel für die jeweiligen Regionen mit sich bringt.

Der Fragebogen wurde bereits in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich, Belgien, Großbritannien, Portugal, Italien, Rumänien, Estland, Norwegen, Island, Ungarn versandt. Falls Sie als Journalistin oder Journalist arbeiten und Interesse haben, gemeinsam mit uns im europäischen Ausland den Fragebogen zu verschicken, melden Sie sich gerne unter europe@correctiv.org. 

Katastrophenschutz und Zivilschutz: Wer ist wofür zuständig?

Lange war die Aufgabenteilung klar: Der Katastrophenschutz reagiert auf Naturkatastrophen und andere zivile Schadenslagen – also etwa bei Hochwasser, Waldbränden, schweren Unwettern oder großflächigen Stromausfällen. Er soll die Bevölkerung schützen und die Folgen von Ereignissen begrenzen, die das Leben der Menschen und die Versorgung erheblich beeinträchtigen – ohne dass ein militärischer Konflikt vorliegt. 

Der Zivilschutz soll dagegen die Bevölkerung im Spannungs- oder Verteidigungsfall schützen. Also bei Krieg oder kriegsähnlichen Zuständen. 

Doch diese Grenzen verschwimmen zunehmend. Auch ein Hochwasser kann die Stromversorgung lahmlegen, ein Cyberangriff kann Krankenhäuser oder Wasserversorger treffen. Manchmal lässt sich zunächst auch nicht eindeutig feststellen, ob etwa ein Stromausfall durch eine technische Störung, eine Naturkatastrophe oder gezielte Sabotage verursacht wurde. Für die Einsatzkräfte vor Ort können die Auswirkungen dennoch ähnlich sein. Zudem können mehrere Gefahren gleichzeitig auftreten und sich gegenseitig verstärken.

„Wir sind schon in mehreren Krisen“, sagt Jannik Hartmann, Associate Fellow am NATO Defence College mit Schwerpunkt auf kritischer Infrastruktur und Krisenforschung. „Wir haben Krieg in Europa, Sabotageakte in Deutschland und parallel dazu Hitzewellen und Unwetterereignisse.“

Auch Dennis Wolf, Referent für Lage- und Stabsausbildung beim Technischen Hilfswerk (THW) in Bonn, sieht veränderte Anforderungen. „Im Katastrophenschutz haben die Länder wegen der Klimaentwicklung in den vergangenen Jahren deutlich aufgerüstet“, sagt Wolf. 

Beim Zivilschutz müssten die bestehenden Konzepte angesichts der veränderten Bedrohungslage dagegen neu bewertet werden. „Neben dem klassischen Bombenkrieg gehören heute auch Cyberangriffe, großflächige Stromausfälle und andere Szenarien zur Vorsorge.“

Für kreisfreie Städte und Landkreise wird daraus eine praktische Frage: Funktionieren Krisenstäbe und Kommunikation auch bei einem Stromausfall? Können Einsatzkräfte und Versorger zusammenarbeiten? Erreicht eine Warnung die Bevölkerung?

Katastrophen und Zivilschutz

Dabei ist wichtig: Die Länder sind grundsätzlich für den Katastrophenschutz zuständig, umgesetzt wird er vor allem durch die Landkreise und kreisfreien Städte. Sie koordinieren im Ernstfall auch die Feuerwehr, Rettungsdienste und Hilfsorganisationen. Dabei geht es etwa um den Schutz vor Hochwasser und anderen zivilen Schadenslagen.

Der Bund ist dagegen für den Zivilschutz zuständig – also für den Schutz der Bevölkerung vor kriegsbedingten Gefahren. Trotzdem können beide Bereiche in Ernstlagen zusammenarbeiten.

Deutschland verfügt über ein föderal aufgebautes System für den Bevölkerungsschutz. Im Katastrophenschutz liegt die Verantwortung grundsätzlich bei den Ländern. Vor Ort übernehmen vor allem Landkreise und kreisfreie Städte wichtige Aufgaben: Sie analysieren Gefahren, planen für verschiedene Szenarien und koordinieren im Ernstfall Feuerwehr, Rettungsdienste und Hilfsorganisationen. Reichen die eigenen Kräfte nicht aus, kann Unterstützung aus anderen Regionen oder vom Bund hinzukommen. Bei besonders großen Schadenslagen kann auch internationale Hilfe angefordert werden.  Dabei geht es etwa um den Schutz vor Naturkatasttrophen und anderen zivilen Schadenslagen.

Vom Katastrophenschutz im Frieden ist der Zivilschutz zu unterscheiden. Er ist Aufgabe des Bundes und dient insbesondere dem Schutz der Bevölkerung vor kriegsbedingten Gefahren. Dabei greift der Bund auf die Strukturen des Katastrophenschutzes zurück und ergänzt sie etwa durch Ausstattung und Warnsysteme. Hier geht es zwar um den Schutz der Bevölkerung vor kriegsbedingten Gefahren. Trotzdem können beide Bereiche in Ernstlagen zusammenarbeiten. 

Getragen wird der Bevölkerungsschutz von Bund, Ländern und Kommunen sowie von Feuerwehren, dem Technischen Hilfswerk und Hilfsorganisationen. Eine zentrale Rolle spielen Ehrenamtliche: Ein großer Teil der Einsatzkräfte arbeitet freiwillig. Im Verteidigungsfall liegt die Verantwortung für den Zivilschutz beim Bund.

Hitze, Starkregen, Überschwemmung, Hochwasser

Wochenlang liegt Hitze über der Region. Die Böden sind trocken und hart, dann zieht ein Gewitter auf: In kurzer Zeit fallen große Mengen an Regen. Das Wasser kann kaum versickern, Straßen und Keller laufen voll, Bäche treten über die Ufer – eine Hochwasserlage entsteht.

Bei der CORRECTIV-Anfrage haben insgesamt 266 von 401 Landkreisen beziehungsweise kreisfreien Städten inhaltliche Antworten eingereicht; davon haben gut drei Viertel Fragen zu Klimafolgen beantwortet. Der Großteil von ihnen erwartet, dass der Klimawandel künftig Extremwetter verstärkt und so Kosten steigen. Besonders Starkregen sowie Stürme, Hitzewellen, Überflutungskatastrophen und Dürren gelten als Risiken. 


Mit gutem Grund: Hitzewellen, Wasserknappheit und Vegetationsbrände prägten den vergangenen Sommer.
Allein die Hitzewellen könnten Europas Wirtschaft in diesem Jahr rund 113 Milliarden Euro kosten, schätzt die Allianz. Für Deutschland werden die Verluste auf etwa 25 Milliarden Euro beziffert. Folgeschäden durch Vegetationsbrand, Dürre, Niedrigwasser und andere Extremwetterereignisse sind darin noch nicht enthalten. Und Fachleute erwarten, dass sich die klimabedingten Folgen in den kommenden Jahren weiter verschärfen.

Wie gut Kommunen auf Klimafolgen vorbereitet sind, hat CORRECTIV bereits 2023 gemeinsam mit BR Data, WDR Quarks und NDR Data untersucht. Damals beteiligten sich 329 kreisfreie Städte und Landkreise an einer Befragung zu Hitze, Dürre, Wassermangel und Starkregen. Schon da zeigte die CORRECTIV-Recherche eine Lücke zwischen Wissen und Handeln: Neun von zehn der Kreise rechneten mit zunehmendem Extremwetter. Aber nur jeder vierte hatte ein Schutzkonzept für die Folgen des Klimawandels. Mehr als 80 Prozent fehlte ein Hitzeaktionsplan und nur etwa die Hälfte hatte überhaupt Maßnahmen gegen Starkregen ergriffen.

Doch könnten schon zusätzliche Bäume und entsiegelte Flächen helfen. Sie kühlen aufgeheizte Straßen und lassen Regenwasser versickern, bevor es Keller und Plätze überflutet.

Nun zeigt die neue CORRECTIV-Recherche: Die Kreise sehen sich weiterhin mit mehreren Klimarisiken gleichzeitig konfrontiert. Mehr als jeder zweite Ort rechnet damit, dass alle vier Gefahren – Hitze, Dürre, Starkregen und Hochwasser – zunehmen.

Beim Trinkwasser sieht es anders aus: Nur rund ein Drittel von den 266 Kreisen, die auf die Anfrage geantwortet haben, rechnen damit, dass dieses Risiko in ihrer Region steigt. Dabei zeigte sich schon in den vergangenen Sommern, dass Wasser lokal knapp wird.

Extremwetter: Wenn Warnungen und Schutzmaßnahmen entscheidend werden

Schon heute sind die Folgen von Extremwetter gravierend. Beispielsweise gehören Überschwemmungen zu den häufigsten und folgenreichsten Naturgefahren in Europa. Zwischen 2014 und 2024 waren mehr als 680.000 Menschen von Hochwasser betroffen, mehr als 1.500 starben. Ereignisse wie die Überschwemmungen im Ahrtal, in der Emilia-Romagna oder in Valencia zeigen, welche Schäden Starkregen und Hochwasser anrichten können.

Wie groß das Risiko ist, hängt unter anderem von der geografischen Lage, der Bebauung und den vorhandenen Schutzanlagen ab. Während Überschwemmungen und Hochwasser grundsätzlich vorhersehbar sind, bleibt bei Starkregen oft nur wenig Zeit. Wo und wie viel eine Gewitterzelle abregnet, lässt sich nur mit einem Vorlauf von bis zu zwei Stunden abschätzen.

Vorsorge beginnt deshalb lange vor dem Ernstfall: bei der Planung des öffentlichen Raums, technischer Schutzmaßnahmen und Warnsysteme, aber auch bei der Anpassung bestehender Standards an künftige Risiken.

Aufholbedarf bei der kommunalen Krisenvorsorge

Doch genau bei solch einer Vorsorge sehen Kreise Aufholbedarf: beim Umgang mit den wachsenden, sich stetig weiter entwickelnden Risiken, wie denen durch Klimawandel und geopolitische Auseinandersetzungen. Dabei müssen staatliche Vorsorge, verständliche Informationen und Eigenvorsorge zusammenspielen.    

An welche Grenzen die Krisenvorsorge in der Vergangenheit gekommen ist und welche gravierenden Folgen unzureichende Einsatzstrukturen und Abstimmungsprobleme haben können, verdeutlicht die Flutkatastrophe im Ahrtal im Jahr 2021. Zum Beispiel: Obwohl Einsatzkräfte teilweise bereitstanden, konnten sie zunächst nicht eingesetzt werden, da die erforderlichen Führungsstrukturen fehlten. Dies ist besonders problematisch, da die Region seit Langem als Risikogebiet bekannt ist. 

Sichere Räume: Wo finden Menschen im Ernstfall Schutz?

Plötzlich ist der Strom weg. Drohnen fliegen über einem Umspannwerk, es gibt Hinweise auf Sabotage. Ampeln, Mobilfunk, Internet fallen aus. Supermärkte und Tankstellen können nicht mehr öffnen. Je länger der Strom wegbleibt, desto mehr Bereiche des täglichen Lebens sind betroffen. Aus einem Blackout wird eine umfassende Krisenlage.

Die Ursache ist nicht immer eindeutig: Ein Stromausfall kann Folge eines Extremwetterereignisses sein oder an einem technischen Defekt liegen – er kann aber auch durch einen gezielten Angriff auf die Infrastruktur verursacht werden. Für die Einsatzkräfte macht das zunächst keinen Unterschied: Sie müssen reagieren, unabhängig davon, was hinter dem Ausfall steckt.

Der CORRECTIV-Fragenkatalog endet mit einer offenen Frage: Wo sehen die Landkreise und kreisfreien Städte selbst noch Aufholbedarf? Neben Kommunikation und finanziellen Ressourcen, wurde besonders häufig die Vorbereitung auf komplexe Großschadenslagen, wie durch Sabotage und flächendeckende Stromausfälle, genannt. Vor allem lang anhaltende Strom- und Kommunikationsausfälle erfordern aus Sicht der Kreise resilientere Strukturen und Ausweichmöglichkeiten wie Notstromaggregate im Ernstfall. 

Wie schnell ein Stromausfall zur komplexen Großlage werden kann, zeigte sich im Januar 2026 in Berlin. Nach einem Brandanschlag waren im Südwesten der Stadt rund 45.000 Haushalte über mehrere Tage ohne Strom und Wärme. Kritische Einrichtungen mussten mit Notstrom versorgt, Notrufstellen eingerichtet und Kraftstoff bereitgestellt werden. 

Neben dem Betreiber des Berliner Stromverteilungsnetzes waren unter anderem Feuerwehr, Polizei, THW, DRK, Bundeswehr, Bezirke und weitere Infrastrukturbetreiber beteiligt. Erst nach rund 100 Stunden war die Stromversorgung vollständig wiederhergestellt. Der Fall zeigt, wie eng die verschiedenen Bereiche der Krisenvorsorge miteinander verbunden sind.

Deutschland und Europa im Visier

Wie sehr solche Vorfälle längst Teil unserer Realität geworden sind, zeigen die Ereignisse der vergangenen Monate. Drohnenvorfälle, mutmaßliche Sabotageakte an der Energieinfrastruktur sowie Verletzungen des europäischen Luft- und Seeraums haben die Verwundbarkeit kritischer Infrastruktur sichtbar gemacht.

Hinzu kommen Cyberangriffe. Sie können sensible Daten offenlegen, digitale Systeme von Unternehmen und Behörden stören und im schlimmsten Fall zentrale Abläufe lahmlegen. Der durch Datendiebstahl, Industriespionage und Sabotage entstehende Schaden für die deutsche Wirtschaft wird für 2026 auf mehr als 211 Milliarden Euro geschätzt. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage, die Bitkom Research im Auftrag des Digital Verbands Bitkom durchgeführt hat, hervor.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die Sicherheitslage in Europa verändert und hybride Bedrohungen wie Cyberangriffe, Sabotage, Spionage und Desinformation verstärkt. Entscheidend ist dabei, wie Behörden solche Vorfälle einordnen und ab wann daraus eine Bedrohung von größerer Tragweite wird. 

Europas Sicherheitslage zwischen Frieden und Krieg

Doch wie bedrohlich die Entwicklung wahrgenommen wird, unterscheidet sich in Europa. Deutschland betrachtet die Angriffe bislang als Sicherheitslage unterhalb der Kriegsschwelle. Gleichzeitig ist die Bedrohung durch Russland an der NATO-Ostflanke unmittelbarer. Polen musste etwa nach Angaben der Regierung im September 2025 auf die Verletzung seines Luftraums durch 19 russische Drohnen mit Verteidigungsmaßnahmen reagieren.

Europa muss sich also auf Szenarien von Cyberangriffen und Sabotage bis hin zu einer möglichen militärischen Konfrontation vorbereiten. Wo genau die Grenze zwischen hybrider Bedrohung, Spannungs- und Verteidigungsfall liegt, ist bewusst nicht eindeutig definiert. 

„Es liegt nicht im Interesse eines angegriffenen Staates, eine klare Grenze zu definieren“, sagt der Sicherheitsexperte Jannik Hartmann. Der Grund: Dies würde dem Angreifer zeigen, welche Maßnahmen noch unterhalb dieser Schwelle bleiben. 

Im Oktober stuft der Bundesnachrichtendienst Russland als die größte sicherheitspolitische Herausforderung für Deutschland ein. Auch die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen bereiten sich zunehmend auf einen möglichen militärischen Angriff vor. Gleichzeitig droht Russland der NATO wiederholt mit dem Einsatz von Atomwaffen.

Deutschland: Zwischen Frieden und bewaffneten Angriff gibt es mehrere rechtliche Stufen. Bei erhöhter Gefahr können nach Artikel 80a des Grundgesetzes bestimmte Vorschriften des Verteidigungs- und Sicherstellungsrechts angewendet werden. Dafür braucht es eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag. 

Im Verteidigungsfall nach Artikel 115a des Grundgesetzes wird festgestellt, dass Deutschland angegriffen wird oder ein Angriff unmittelbar droht. Dann gelten besondere Regeln für die Landes- und Bündnisverteidigung.

Europäische Union: Für die EU gibt es keinen vergleichbaren Übergang zwischen Friedens-, Spannungs- und Kriegszustand. Stattdessen gibt es verschiedene Mechanismen, die je nach Lage aktiviert werden. 

Bei Katastrophen und Terroranschlägen kann die Solidaritätsklausel nach Artikel 222 AEUV greifen. Wird ein Mitgliedstaat bewaffnet angegriffen, verpflichtet Artikel 42 Absatz 7 EUV die anderen Staaten zur Unterstützung. Art und Umfang entscheiden sie selbst. Die Klausel ist mit den NATO-Verpflichtungen vereinbar.

Für eine stärkere Krisenvorsorge wurde die Preparedness Union Strategy entwickelt. Sie verbindet zivile und militärische Vorbereitung. Dazu gehören der Schutz kritischer Infrastruktur und Lieferketten, die Sicherung wichtiger Güter und Ressourcen sowie der Ausbau industrieller Kapazitäten. 

NATO: Für die kollektive Verteidigung ist Artikel 5 des Nordatlantikvertrags zentral: Ein bewaffneter Angriff auf ein Mitglied gilt als Angriff auf alle. Die Bündnispartner leisten Beistand, entscheiden aber selbst über Art und Umfang ihres Beitrags. 

Artikel 4 ermöglicht bereits bei einer Bedrohung Konsultationen. 

Artikel 3 verpflichtet die Mitglieder zudem, ihre Fähigkeit zur gemeinsamen Verteidigung und Widerstandsfähigkeit dauerhaft aufrechtzuerhalten und weiterzuentwickeln.

Deutschland ist aufgrund seiner geografischen Lage eine wichtige logistische Drehscheibe der NATO. Im Bündnisfall können alliierte Truppen, Material und Nachschub über deutsche Straßen, Schienen, Häfen und Flughäfen transportiert werden. Die dafür notwendige Unterstützung durch zivile Strukturen wird als Host Nation Support bezeichnet und gehört zur deutschen Landes- und Bündnisverteidigung.

Sichere Räume: Wo finden Menschen im Ernstfall Schutz?

Draußen droht Gefahr, Menschen suchen Schutz. Keller, Tiefgaragen, öffentliche Gebäude, U-Bahn-Stationen oder ausgewiesene Schutzräume können im Ernstfall wichtige Zufluchtsorte sein.

Wenn die Sirenen heulen, die Temperaturen über Tage in Extreme steigen oder Hochwasser Straßen und Häuser bedrohen, stellt sich dieselbe Frage: Wo ist ein sicherer Ort?

Schutzräume können je nach Lage vor unterschiedlichen Gefahren schützen – etwa bei bewaffneten Angriffen, Explosionen, Gefahren durch chemische, biologische, radiologische oder nukleare Stoffe. Doch auch bei Extremwetter können sichere Räume wichtig sein: Bei großer Hitze bieten kühle Innenräume Schutz, bei Sturm, Hochwasser oder herumfliegenden Trümmern können geeignete Gebäude Sicherheit geben. Welcher Ort geeignet ist, hängt von der jeweiligen Gefahr ab.

Bei Hitze können Kommunen mit vergleichsweise einfachen Mitteln vorsorgen. Einige haben bereits kühle und öffentlich zugängliche Räume erfasst.

Bei einem großflächigen Stromausfall oder einem bewaffneten Angriff sind die Anforderungen andere. Dann geht es um Räume, die Menschen für längere Zeit Schutz bieten können.

Wenige Informationen, wenige Schutzplätze

Viele der kreisfreien Städte und Landkreise haben Fragen dazu nicht beantwortet oder als „sensible Information“ eingestuft. Dabei hatte CORRECTIV nicht danach gefragt, wo sich einzelne Schutzräume befinden, sondern lediglich, ob es sie gibt, wie sie ausgestattet und wie viele davon grundsätzlich nutzbar sind. Eine Information, die sowohl für die Behörden als auch für die Bevölkerung relevant ist.

Einige begrüßten, dass Informationen zur Krisenvorsorge öffentlich zusammengetragen werden. Andere sahen in öffentlichen Angaben und einer Debatte ein Sicherheitsrisiko. Eine kreisfreie Stadt verwies darauf, dass es nicht im Interesse der Öffentlichkeit sein könne, den Kern der Krisenvorsorge medial zu diskutieren.

Mindestens 180 Landkreise und kreisfreie Städte haben nach eigenen Angaben keine offiziell ausgewiesenen Schutzräume oder wissen nicht, ob es solche gibt.

Eine Anfrage von CORRECTIV beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) im September 2025 ergab: Von ursprünglich rund 2.000 öffentlichen Schutzräumen sind heute noch 579 Anlagen mit etwa 478.000 Schutzplätzen formal dem Zivilschutz gewidmet. Bei 83,3 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern entspricht das rechnerisch Platz für weniger als ein Prozent der Bevölkerung.

Doch selbst diese Zahl beschreibt nicht die tatsächliche Verfügbarkeit. Nach Angaben der Behörde sind die Schutzplätze weder funktions- noch einsatzbereit. Gleichzeitig gibt es bundesweit Gebäude, die unter bestimmten Voraussetzungen Schutz bieten könnten – etwa U-Bahn-Stationen, Tiefgaragen oder Kellerräume.

Finnland integriert den Zivilschutz in den Alltag

Ein Blick auf andere europäische Länder zeigt, dass der Zivilschutz dort teilweise einen anderen Stellenwert hat. In Finnland sind unterirdische Schutzräume teilweise in den Alltag integriert. Rund 4,8 Millionen Schutzplätze stehen dort für etwa 5,66 Millionen Einwohner zur Verfügung – rechnerisch könnte damit rund 85 Prozent der Bevölkerung Platz finden. Auch das Verhalten im Ernstfall wird regelmäßig geübt. Deutschland ist davon weit entfernt. 

„Es gibt gewisse Krisen, auf die man sich nicht vollständig vorbereiten kann“, sagt Anja Bierwirth, Leiterin des Forschungsbereichs Stadtwandel in der Abteilung, Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik am Wuppertal Institut. 

Sie hebt hervor, dass aber genau solche Konzepte wie in Finnland eine Vielzahl unterschiedlicher Szenarien abdecken – von klimabedingten Katastrophen bis hin zu Bombenalarm. Beispielsweise gibt es in Helsinki Sportanlagen, die im Ernstfall als Schutzräume umfunktioniert werden. „Gleichzeitig bieten sie der Bevölkerung auch im friedlichen Alltag einen angenehmen und nutzbaren Aufenthaltsraum.“

Schutzräume sollen zurückkehren

Inzwischen arbeiten Bund und Länder an einem neuen nationalen Schutzraumkonzept. Vorgesehen sind eine bundesweite Erfassung geeigneter Schutzorte, ein digitales Verzeichnis sowie Empfehlungen, wie private Kellerräume mit einfachen Maßnahmen besser als Schutzräume genutzt werden könnten.

Der Neubau von Bunkern wäre teuer und würde Jahre dauern. Eine flächendeckende Versorgung erscheint deshalb kurzfristig kaum realisierbar.

Damit verschiebt sich die Frage: Nicht nur, wie viele Schutzräume Deutschland hat, sondern auch, welche bestehenden Gebäude im Ernstfall Schutz bieten könnten – und ob Kommunen und Bevölkerung wissen, wo diese Orte sind und wie sie genutzt werden können.

Vom Abbau des Zivilschutzes zur Vorsorge für neue Krisen

„In Deutschland und auch in anderen Teilen Europas haben wir jahrzehntelang eine Friedensdividende gehabt und angewendet“, sagt Jannik Hartmann, Associate Fellow am NATO Defence College mit Forschungsschwerpunkten auf kritischer Infrastruktur, Krisenforschung und Verteidigung. Damit meint er die Einsparungen durch die Kürzung der Militärausgaben. „Das hat sich enorm auf die Zivilschutz-Infrastruktur ausgewirkt“: Schutzräume und Warnsysteme wurden sukzessive zurückgebaut und vernachlässigt.

Doch die Rahmenbedingungen haben sich verändert. Klimawandel und geopolitische Umbrüche stellen Deutschland und Europa vor neue Herausforderungen. Damit wächst auch der Bedarf an einen leistungsfähigen Zivilschutz. 

„Finanziell und legislativ wurde viel auf den Weg gebracht. Nichtsdestotrotz ist das eine fragile Dynamik“, sagt Hartmann. Der Zivilschutz sei über Jahrzehnte unterfinanziert worden. Die Strukturen wieder aufzubauen, brauche deshalb Zeit.

Personal und Ressourcen bleiben Engpässe

Egal, welches Szenario eintritt: Entscheidend ist nicht nur die Zusammenarbeit der Behörden mit den Einsatzkräften, sondern auch mit der Bevölkerung. Sie muss wissen, was im Ernstfall zu tun ist.

„Die Zivilbevölkerung muss stärker zur eigenen Vorsorge beitragen“, sagt Dennis Wolf vom THW. Niemand solle davon ausgehen, dass bei einem Stromausfall „innerhalb von 15 Minuten jemand kommt, um das Licht wieder anzuschalten oder Essen zu bringen“. 

Wer sich im Krisenfall zunächst selbst helfen kann, entlastet Einsatzkräfte und schafft Kapazitäten für diejenigen, die dringend Unterstützung benötigen.

Doch damit das passieren kann, muss die Bevölkerung über die eigene Vorsorge und das richtige Verhalten im Krisenfall informiert sein. Bei der CORRECTIV-Anfrage geben fast alle Landkreise und kreisfreien Städte an, ihre Bevölkerung über private Vorsorge und das Verhalten im Krisenfall zu informieren. 

Eine Grundlage dafür sind die (BBK). Darüber hinaus nutzen die Kommunen nach eigenen Angaben unterschiedliche Informationswege wie Social-Media-Kampagnen, Informationsveranstaltungen und öffentliche Aushänge. Doch wie die Bevölkerung tatsächlich auf Krisen vorbereitet ist, lässt sich daraus nicht ableiten. 

Personal und Ressourcen bleiben Engpässe

Gleichzeitig besteht bei den Kommunen selbst Aufholbedarf: bei den personellen Strukturen, den finanziellen Ressourcen und der Zahl der einsatzbereiten Ehrenamtlichen. Gerade freiwillige Einsatzkräfte sind für den Bevölkerungsschutz unverzichtbar. Sie ergänzen hauptamtliche Strukturen gravierend und schaffen bei größeren Schadenslagen zusätzliche Kapazitäten.

Bevölkerungsschutz bedeutet mehr, als ausreichend Einsatzkräfte und Notfallpläne bereitzuhalten. Entscheidend ist, dass Behörden, Einsatzkräfte, Unternehmen und Bevölkerung vorbereitet sind, ihre Aufgaben kennen und im Ernstfall zusammenarbeiten.

Private Vorsorge beginnt mit einfachen Maßnahmen für den Fall, dass gewohnte Abläufe vorübergehend nicht funktionieren. Das BBK empfiehlt, zu Hause unter anderem ausreichend Trinkwasser und haltbare Lebensmittel, notwendige Medikamente, eine Taschenlampe, ein Radio, Powerbanks und wichtige Dokumente griffbereit zu haben. 

Sinnvoll ist außerdem, sich über Warn-Apps und andere Warnwege zu informieren und zu wissen, wie man sich bei einem Strom- oder Kommunikationsausfall verhält. Ziel ist, einige Tage überbrücken zu können, ohne unmittelbar auf Hilfe von außen angewiesen zu sein. Hier geht es zum Merkzettel von CORRECTIV.

Wer sich stärker einbringen möchte, kann den Bevölkerungsschutz ehrenamtlich an seinem Wohnort unterstützen – etwa bei der Freiwilligen Feuerwehr, dem Deutschen Roten Kreuz, den Johannitern, den Maltesern, dem Arbeiter-Samariter-Bund oder dem Technischen Hilfswerk. 

Die Aufgaben reichen von Brandbekämpfung und Erster Hilfe über Betreuung und Versorgung bis zu technischer Hilfe und Logistik. Auch ohne Vorkenntnisse ist ein Einstieg möglich; die nötige Ausbildung erfolgt über die Organisationen. Ehrenamtliches Engagement stärkt damit nicht nur die Gemeinschaft, sondern vermittelt auch Fähigkeiten, die im Ernstfall helfen können.

Credits