Nein, dem ECDC liegen keine Hinweise auf eine Verbindung zwischen Affenpocken und einem Biowaffenlabor in der Ukraine vor
Seit Anfang Mai gibt es weltweit vermehrt Fälle von Affenpocken. In Beiträgen auf Telegram und Facebook wird nun behauptet, Auswertungen der europäischen Seuchenschutzbehörde (ECDC) würden den Ausbruch auf ein Biowaffenlabor in der Ukraine zurückzuführen. Das stimmt nicht.
Auf Telegram und Facebook verbreitet sich die Behauptung, die aktuell weltweit auftretenden Fälle von Affenpocken seien von einem Biowaffenlabor in der Ukraine ausgegangen. Dies hätte eine unbenannte Quelle vom Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (European Centre for Disease Prevention and Control; kurz: ECDC) dem „unabhängigen Ermittler Dr. Benjamin Braddock“ mitgeteilt. Eine vorläufige Analyse habe demnach ergeben, dass „das Virus aus einem Labor stammt und möglicherweise mit der biologischen Forschung der USA in der Ukraine in Verbindung steht“.
Das ECDC weist diese Behauptungen zurück. Es gebe keinerlei Hinweise darauf, dass die momentan vermehrt auftretenden Fälle aus einem Labor stammen würden. Vielmehr seien die aktuellen Fälle sehr nah mit der in Nigeria vorkommenden Virusvariante verwandt, schrieb uns ein ECDC-Sprecher.
Aktuelle Fälle gehören zu westafrikanischer Virusvariante
Die Beiträge auf Telegram und Facebook beziehen sich auf einen US-Amerikaner namens Benjamin Braddock. Dieser verbreitete die ursprüngliche Meldung am 21. Mai auf Twitter. Braddock bezeichnet sich selbst als Autor und Aktivist. In früheren Beiträgen bewarb er unter anderem Ivermectin als Mittel gegen Covid-19, welches von Corona-Skeptikern immer wieder fälschlich als angebliches Heilmittel gegen das Virus angepriesen wurde. Behörden warnen ausdrücklich vor der Einnahme ohne ärztliche Begleitung.
Auch die aktuelle Behauptung ist falsch. Braddock schrieb, eine Quelle von der ECDC hätte ihm mitgeteilt, dass vorläufige Analysen der Affenpockenfälle darauf hindeuteten, dass das Virus „ein dritter Laborstamm mit unbekannten Eigenschaften“ sei. Es gebe Gerüchte, dass ein Zusammenhang mit Vorwürfen Moskaus gegen US-Labore in der Ukraine bestehe.
Dafür, dass die Fälle mit „der biologischen Forschung der USA in der Ukraine in Verbindung“ stehen, gibt es keine Hinweise, schrieb ein Sprecher der ECDC am 1. Juni auf Anfrage. In mehreren Ländern West- und Zentralafrikas kommen Affenpocken endemisch vor, treten dort also häufig auf. Laut ECDC sei klar, dass aktuelle Affenpocken-Fälle eng mit der Variante aus Nigeria [liegt in Westafrika, Anm. d. Red.] verwandt seien.
Es gibt zwei unterschiedliche Virusvarianten von Affenpocken
Affenpocken sind eine Viruserkrankung. Der erste menschliche Fall wurde laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) 1970 bei einem Kind in der Demokratischen Republik Kongo festgestellt. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden bei Affenpocken zwei Virusvarianten unterschieden: die zentralafrikanische (auch Kongobecken-Variante genannt) und die westafrikanische Variante. Die Kongobecken-Variante ist laut WHO ansteckender und kann zu schwereren Krankheitsverläufen führen. Die WHO schrieb am 29. Mai, vorläufige Analysen bestätigten, dass die aktuellen Affenpocken-Fälle zu der westafrikanischen Variante gehörten. In einer Antwort auf seinen ursprünglichen Tweet schrieb dies übrigens auch der US-Amerikaner Braddock.
Behauptungen zu angeblichen Biowaffenlaboren in der Ukraine kursieren seit Kriegsbeginn
Eine Übertragung von Mensch zu Mensch sei laut RKI selten und nur bei engem Kontakt möglich. Das Besondere an den aktuellen Affenpocken-Fällen sei, dass die Betroffenen zuvor nicht wie bei bisherigen Infektionen in afrikanische Länder gereist waren, in denen Affenpocken häufiger vorkommen. Viele Übertragungen könnten im Rahmen von sexuellen Aktivitäten erfolgt sein, so das RKI.
Seit Beginn des Russland-Ukraine-Kriegs Ende Februar kursieren in Sozialen Netzwerken Behauptungen darüber, dass in der Ukraine Biowaffen hergestellt oder in Laboren erforscht würden. Dafür gibt es jedoch keine Belege, wie wir in einem Faktencheck vom 12. April berichteten. Dokumente aus ukrainischen Laboren, die angeblich Aufschluss über gefährliche Krankheitserreger geben sollten, stellten sich als normale Arbeitsabläufe in mikrobiologischen Laboren heraus.
Redigatur: Steffen Kutzner, Viktor Marinov