Gesellschaft

„Weil es hart nervt“: Plakat-Aktion in Berliner U-Bahn ist nicht von BVG

Ende Februar tauchen Bilder und Videos aus Berlin im Netz auf, auf denen Plakate der Berliner Verkehrsbetriebe zu sehen sein sollen. Die Plakate fordern auf Deutsch, Russisch und Arabisch in unhöflichem Ton dazu auf, Handys in der Bahn stummzuschalten. Die Verkehrsbetriebe weisen eine Beteiligung an den Plakaten zurück.

von Sara Pichireddu

Logo BVG mit dem Slogan 'Weil wir dich lieben.' - Berliner Verkehrsbetriebe
Plakate mit dem Logo und dem Satz „Weil es hart nervt“ – in Anlehnung an den BVG-Slogan „Weil wir dich lieben“ – tauchten in der Berliner U-Bahn auf (Symbolbild: Jens Krick / Flashpic / Picture Alliance)
Behauptung
Plakate der BVG in der Berliner U-Bahn forderten auf Deutsch, Russisch und Arabisch dazu auf, das Handy stumm zu schalten.
Bewertung
Falsch. Die BVG weist auf Anfrage eine Beteiligung an der Kampagne zurück. Nach dem Bekanntwerden habe man die Plakate umgehend entfernen lassen.

„Junge, bist du dumm? Schalte das Telefon auf stumm“, steht in arabischer Schrift auf gelbem Grund auf einer Plakatwand in der Berliner U-Bahn. In der unteren rechten Ecke des Plakats ist das Logo der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) zu sehen, daneben der Schriftzug „Weil es hart nervt“.

Aufnahmen der Plakate verbreiteten sich in verschiedenen Sozialen Netzwerken. Doch wer dahintersteckt, ist unklar. Auf Anfrage von CORRECTIV.Faktencheck schreibt eine Sprecherin der BVG: „Die Plakate stammen ausdrücklich nicht von der BVG“.

Collage von drei Motiven aus der falschen BVG-Kampagne mit dem Label „Manipuliert“ darüber
Das Plakat nutzt zwar das BVG-Logo, die Verkehrsbetriebe haben die Kampagne aber weder in Auftrag gegeben noch autorisiert (Quelle Tiktok, Threads, Imgur; Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

BVG lässt Plakate überall entfernen und will „weitere Schritte“ prüfen

Seit dem 21. Februar veröffentlichen mehrere Nutzerinnen und Nutzer in den Sozialen Netzwerken Beiträge, Bilder und Videos zu der angeblichen BVG-Kampagne. Offenbar tauchen die Plakate auf Deutsch, Russisch und Arabisch an verschiedenen Bahnstationen in Berlin auf. Die genauen Motive unterscheiden sich mitunter – mal ist ein Handy mit kaputtem Display im Hintergrund zu sehen, mal eine ältere Frau, die in die Kamera guckt, mal nur ein paar Augen. Allen Varianten gemeinsam ist der flapsige bis unhöfliche Ton der Ansprache und der Appell, das Handy in der Bahn stumm zu schalten.

Die Beiträge auf Reddit, Instagram und Tiktok erreichen innerhalb weniger Tage insgesamt mehr als 100.000 Menschen. An wie vielen Haltestellen und wie lange genau die Plakate zu sehen waren, ist unklar. Auch wie viele verschiedene Motive es gab, oder ob alle Aufnahmen aus Sozialen Netzwerken authentisch sind, konnten wir nicht unabhängig nachprüfen. Die BVG teilte uns am 24. Februar mit, dass inzwischen alle Plakate entfernt worden seien. Außerdem seien Videodaten gesichert worden, um den Vorfall zu prüfen.

Berliner Werbefirma weist Beteiligung an Plakaten zurück

Wer genau hinter den Plakaten steckt und zu welchem Zweck sie aufgehängt wurden, ist noch unklar. Auf Tiktok veröffentlichte ein Nutzer einen Beitrag mit Fotos, die einige Männer beim Anbringen der Plakatwände zeigen. Die Gesichter der Personen sind nicht zu erkennen, aber sie tragen Warnwesten mit dem Logo der Werbefirma „Die Draussenwerber“.

Das Berliner Unternehmen ist eigenen Angaben zufolge spezialisiert auf Außenwerbung an U-Bahn-Haltestellen. Auf seiner Webseite vertreibt es Werbeplatz auf den sogenannten „Hintergleisflächen“: also den Platz für Plakate, auf den man hinter der U-Bahn blickt.

Ein Sprecher der Draussenwerber teilte auf Anfrage mit, bei der Kampagne handele es sich um sogenanntes „Adbusting“. Und weiter: „Die gefälschten Plakate wurden von Unbekannten hergestellt und illegal angebracht.“ Die Männer, die man beim Anbringen der Plakate sieht, hätten gefälschte Arbeitskleidung getragen. Man behalte sich weitere Schritte vor. Die Polizei Berlin antwortete bis zur Veröffentlichung nicht auf die Frage, ob sie aktuell in der Sache ermittele.

Ob falsche BVG-Kampagne eine politische Botschaft transportieren soll, ist unklar

Unter „Adbusting“ versteht man Aktionen, die bestehende Werbekampagnen nachahmen oder zitieren, um eine eigene Botschaft zu übermitteln. Das Künstlerkollektiv „Rocco und seine Brüder“ aus Berlin stellte eigenen Angaben zufolge beispielsweise 2021 ein schwarzes Auto in einer Fußgängerzone ab, auf dem Amazon-Logos zu sehen waren. Der Wagen war demoliert und beschmiert, unter anderem mit antikapitalistischen Parolen.

Ob die falsche BVG-Kampagne eine politische Aussage transportieren soll, ist unklar. Weil zunächst nur die Plakate auf Russisch und Arabisch für Aufmerksamkeit sorgten, vermuteten Nutzerinnen und Nutzer ein rassistisches Motiv hinter der Kampagne. Andere wiederum kritisierten, dass die Plakate nicht auf Deutsch zu sehen seien.

Redigatur: Matthias Bau, Max Bernhard