Youtube-Kanal sammelt Klicks mit KI-Fake über AfD-Politiker Ulrich Siegmund
Ulrich Siegmund im Krankenhaus? Videos mit dieser Schlagzeile kursieren im Februar 2026 in Sozialen Netzwerken. Die Meldung über den AfD-Politiker ist erfunden – dahinter steckt ein dubioser Youtube-Kanal, der mit KI-Fälschungen Geld verdient.
Vorwürfe von Vetternwirtschaft belasten aktuell die AfD – darunter auch Ulrich Siegmund, der im September 2026 als Spitzenkandidat zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt antreten will. Ein Youtube-Kanal scheint indes davon zu profitieren, dass der Politiker derzeit Schlagzeilen macht. Was steckt dahinter?
In einem Youtube-Video vom 13. Februar behauptet ein Sprecher, Siegmund sei attackiert worden und liege im Krankenhaus. Zu Beginn wird ein Bild eingeblendet, das Siegmund in einem Krankenhausbett zeigt – die Rede ist unter anderem von „Teer-Anschlägen“. Das Video erreichte etwa 280.000 Aufrufe – ein Auszug daraus verbreitete sich auch auf Tiktok. Dass bei vielen der Eindruck entsteht, der Vorfall sei echt und aktuell, zeigen die Kommentare: Dutzende wünschen dem AfD-Politiker gute Besserung – andere fragen, warum Medien nicht berichten.
Über einen Angriff im Februar 2026 ist allerdings auf den Social-Media-Kanälen von Siegmund und seiner Fraktion nichts zu lesen. Unsere Recherche zeigt, dass es keinen solchen Vorfall gegeben hat. Der Youtube-Kanal, der hinter der Falschbehauptung steckt, versucht damit offenbar Geld zu verdienen.

Im Februar gab es keinen Angriff auf Ulrich Siegmund, schreibt auch die AfD Sachsen-Anhalt
Wir haben bei Siegmund nachgefragt, was an der Behauptung dran ist. Eine Antwort erhielten wir vom AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt. Die dortige Pressestelle schrieb am 24. Februar: „In den letzten Tagen hat es keinen körperlichen Angriff auf Ulrich Siegmund gegeben und er musste auch nicht wegen eines solchen Vorfalls in einem Krankenhaus behandelt werden.“ Einen „Teer-Angriff“ auf das Wahlkreisbüro habe es im Jahr 2017 gegeben.
Auch seitens der Landtagsverwaltung in Sachsen-Anhalt und der Polizeiinspektion Stendal, wo sich das Wahlkreisbüro Siegmunds befindet, heißt es auf Anfrage, dass kein derartiger Angriff bekannt sei.
Video über Ulrich Siegmund ist mit hoher Wahrscheinlichkeit KI-generiert
Das älteste Video, das wir ausfindig machen konnten, veröffentlichte der Youtube-Kanal „Michael Goldmann“. In dessen Videos ist immer derselbe Sprecher zu sehen und zu hören – diese Person scheint jedoch nicht zu existieren. So ist etwa ein angebliches Selfie des Sprechers mit Ulrich Siegmund, das der Kanal im Januar veröffentlicht hat, nicht authentisch. Es enthält logische Fehler, wie etwa, dass die Schriftzüge im Hintergrund spiegelverkehrt sind, das Logo der AfD jedoch nicht.
Nach Einschätzung von Christian Hoffmann, Professor für Kommunikationsmanagement an der Universität Leipzig, sind das aktuelle Video sowie weitere Videos auf dem Youtube-Kanal mit „hoher Wahrscheinlichkeit KI-generiert“. Über verschiedene Videos hinweg, so Hoffmann, sei die Haltung und Position des Sprechers identisch, die Mimik wenig lebendig und die Stimme flach sowie tönern. Unklar sei aber, ob Bilder einer realen Person als Trainingsgrundlage verwendet wurden, oder ob die Person vollständig KI-generiert ist.

Auch eine Analyse mit Hilfe des Tools „Deepfake Total“ des Fraunhofer-Instituts für Angewandte und Integrierte Sicherheit kommt zu dem Ergebnis, dass der Ton im Video über Siegmund KI-generiert ist.
Obwohl Youtube in seinen Richtlinien vorschreibt, dass Nutzerinnen und Nutzer die Verwendung von Künstlicher Intelligenz in ihren Videos offenlegen müssen, fehlt bei den Videos von „Michael Goldmann“ ein entsprechender Hinweis. Das betrifft auch das angebliche Selfie.
Weitere Hinweise zeigen, dass der Kanal eine falsche Identität nutzt
Den Youtube-Kanal gibt es seit 2018 – eine archivierte Version zeigt, dass er offenbar umbenannt wurde und zuvor „MidasEffekt“ hieß. Bis 2020 hatte der Kanal vor allem über Youtuber und Computerspiele wie Fortnite berichtet. Erst seit Oktober 2025 veröffentlicht der Kanal politische Videos, hauptsächlich pro-AfD. Danach benannte er sich offenbar um: Seit Anfang Januar ist der Sprecher „Michael Goldmann“ in den Videos zu sehen.
In der Beschreibung des Kanals steht nun, „Michael Goldmann“ sei freier Reporter des hebräischen Verbands für europäische Meinungsfreiheit. Doch Belege dafür, dass es einen solchen Verband gibt, finden sich keine. Die im Kanal angegeben Profile bei Blogger, Pinterest und X führen ebenfalls nicht weiter. Eine Webseite, auf die der Kanalinhaber in der Beschreibung verlinkt, ist inaktiv.
Eine archivierte Version der im Kanal verlinkten Webseite zeigt, dass sie im November 2024 einem Musiker aus Mannheim gehörte. Er zeigt sich am Telefon überrascht von unserer Anfrage zu dem Youtube-Kanal und betont, er habe damit nichts zu tun. „Ich finde es nicht in Ordnung, dass mein Name damit in Verbindung steht“, sagte er. Die Verbindung des Kanals zu seiner Webseite empfinde er als rufschädigend und wolle dies bei der Polizei und Youtube melden.
Der Youtube-Kanal verdient offenbar Geld mit erfundenen Nachrichten – inzwischen ist er nicht mehr abrufbar
Der Youtube-Kanal mit der falschen Identität hat schon häufiger falsche und irreführende Informationen verbreitet. So widerlegte beispielsweise das Faktenforum von CORRECTIV im November 2025 dessen Behauptung, Bundesfinanzminister Lars Klingbeil sei zurückgetreten. Die Nachrichtenagentur AFP berichtete im Dezember 2025, dass der Kanal fälschlicherweise behauptete, Österreich wolle aus der EU austreten.
Das Muster ist in diesen Fällen immer dasselbe: Nach ein paar Tagen sind die Videos nur noch für Kanalmitglieder sichtbar – und damit lässt sich Geld verdienen.

Wer Mitglied des Youtube-Kanals werden möchte, soll rund 200 Euro pro Monat bezahlen. Laut Angaben von Youtube wird ein solcher Mitgliedschaftsumsatz zwischen der Plattform (30 Prozent) und dem Kanalinhaber (70 Prozent) aufgeteilt. Ob und wie viele Personen Kanalmitglieder sind, lässt sich jedoch nicht einsehen.
Doch der Kanalinhaber von „Michael Goldmann“ hat noch eine zweite Geldquelle: Das Youtube-Partnerprogramm. Denn eine solche Kanalmitgliedschaft können Youtuber nur dann einrichten, wenn sie Teil des Partnerprogramms sind. Darüber haben Youtuber wiederum die Möglichkeit mit Werbeanzeigen, die sie in ihren Videos einblenden, Geld zu verdienen. In dem Video zu Ulrich Siegmund hat „Michael Goldmann“ mindestens eine Werbeanzeige geschaltet. Wohin die Einnahmen daraus fließen, bleibt unklar.
Auf unsere Fragen dazu antwortete Youtube nicht. Inzwischen wurde der Kanal aber gelöscht.
Redigatur: Sarah Thust, Max Bernhard