Seit vielen Jahren kursiert ein angebliches Zitat von Christine Lagarde im Netz, das sie als Direktorin des Internationalen Währungsfonds gesagt haben soll: „Alte Menschen leben zu lange und es ist eine Risiko für die globale Wirtschaft. Etwas muss getan werden.“
Das Zitat wird aktuell von einer Webseite namens Snap4Face verbreitet, die unter anderem auch über „Chemtrails“ schreibt. Der Artikel ist von August 2019 und in fehlerhaftem Deutsch verfasst. Kritisiert wird darin, dass der Währungsfonds von einem „Langlebigkeitsrisiko“ in Bezug auf alte Menschen spreche.
Der Artikel wurde bisher laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 18.600 Mal auf Facebook geteilt. In Deutschland teilte den Link zu Snap4Face unter anderem die Facebook-Seite der AfD Mainz-Bingen. Das Zitat griffen auch Medien auf, zum Beispiel im Oktober 2019 das deutsche Debatten-Magazin The European, das Beiträge von zahlreichen Autoren veröffentlicht, darunter Alice Weidel (AfD), Alexander Dobrindt (CSU) oder Anke Domscheit-Berg (Die Linke).
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Wir haben das Zitat überprüft und konnten nirgends einen Beleg für seine Echtheit finden.

Als Quelle gibt Snap4Face einen Blog-Artikel auf Rumänisch vom 9. Februar 2018 an. Dieser wiederum verlinkt auf einen Beitrag auf Spanisch auf der Webseite Alertas.eu. Diese gibt es nicht mehr, der Artikel wurde aber zuletzt im Dezember 2018 im Internet Archiv archiviert. Das erste Mal wurde er im November 2016 gespeichert, so alt ist er also mindestens.
Alle drei Texte, auf Deutsch, Rumänisch und Spanisch, sind fast identisch. Das Zitat steht jedes Mal in der Überschrift, kommt im Artikel selbst aber nicht weiter vor. Auch eine Quelle wird nicht genannt.
Netzsuche zeigt: Das Zitat tauchte bereits 2014 auf
In den Artikeln geht es darum, dass der Internationale Währungsfonds eine Analyse zur Alterung der Bevölkerung herausgegeben habe. Darin schlage er vor, Leistungen zu kürzen und das Rentenalter zu verschieben, weil langes Leben ein Wirtschaftsrisiko sei. In dem spanischen Text ist außerdem eine Text-Bild-Collage eingebunden, mit einem Foto von Christine Lagarde und dem angeblichen Zitat.

Eine Bilderrückwärtssuche bei Google ergibt, dass die Collage seit mindestens fünf Jahren im Netz kursiert: Wir fanden sie in einem spanischen Blog-Artikel von September 2014. Darin steht, Lagarde habe das Zitat „in dieser Woche gesagt“.
Eine Google-Suche nach „los ancianos viven demasiado“ nur im Jahr 2014 ergibt jedoch keine seriöse Quelle für das Zitat. Dieselbe Suche auf Englisch für 2014 bleibt ebenfalls erfolglos. Und auch bei dem Zitat auf Deutsch wird nirgends eine Quelle angegeben.
Wenn Lagarde als Direktorin des Internationalen Währungsfonds den Satz öffentlich gesagt hätte, dann höchstwahrscheinlich auf Englisch. In den Jahren bis einschließlich 2014 gibt es für den Satzteil „old people live too long“ jedoch keinen einzigen relevanten Google-Treffer in Verbindung mit Lagarde.
Was stimmt: Der Währungsfonds sieht höhere Lebenserwartung als Wirtschaftsrisiko an
Während unserer Recherche stoßen wir auf Hinweise, dass der Anlass für die Blog-Artikel der Global Financial Stability Report des Währungsfonds von 2012 gewesen sein könnte. Darin geht es in Kapitel 4 um das „Longevity Risk“ („Langlebigkeitsrisiko“), das von Snap4Face erwähnt wird. Der Bericht führt aus, dass die Tatsache, dass Menschen länger leben würden als erwartet, mehr wirtschaftliche Ressourcen verbrauche. Dies sei unterschätzt worden. Die Formulierung „alte Menschen leben zu lange“ findet sich in dem Bericht aber nicht.
Ein Indiz, dass sich der Artikel von Snap4Face um diesen Report dreht, ist, dass die Pressekonferenz für den Bericht im April 2012 von José Viñals gehalten wurde. Er ist Kapitalmarkt-Direktor des Internationalen Währungsfonds – und die einzige andere Person, die außer Lagarde im Artikel genannt wird. Die Aussagen, mit denen Viñals von Snap4Face zitiert wird, finden sich sinngemäß in einem offiziellen Transkript der Pressekonferenz wieder.


Christine Lagarde war bei dieser Pressekonferenz nicht anwesend. Es handelt sich bei dem angeblichen Zitat also höchstwahrscheinlich um eine Erfindung, eine übertriebene Zuspitzung der 2012 vorgestellten Positionen des Währungsfonds.
Lagarde äußerte in Reden Sorge über Alterung der Gesellschaft – aber nicht respektlos
Wir haben auch recherchiert, wie sich Christine Lagarde sonst in offiziellen Reden zu alten Menschen geäußert hat. Wir fanden eine Rede, die Lagarde 2014 hielt. Darin sagte sie, im Jahr 2020 werde es erstmals mehr alte Menschen über 65 Jahren geben als Kinder unter fünf Jahren. Das werde zu Problemen in Ländern mit alternden Gesellschaften führen, zum Beispiel langsameres Wachstum. Lagarde sagte aber nicht, dass die alten Menschen ein Risiko für die Weltwirtschaft seien und etwas dagegen getan werden müsse.
Außerdem fanden wir zwei Reden von 2013. In einer sagte sie, alte Menschen würden einem griechischen Sprichwort zufolge Bäume pflanzen, in deren Schatten sie selbst nie sitzen könnten – also eine sehr respektvolle Äußerung. In der anderen Rede sprach sie 2013 in Seoul über die alternde Bevölkerung in Korea: „Wir sehen, dass alte Menschen eine fragile Zukunft erwartet, mit dreimal höherer Wahrscheinlichkeit, arm zu sein, als die gesamte Bevölkerung.“
Der Internationale Währungsfonds hat bis zur Veröffentlichung nicht auf unsere Presseanfrage reagiert.
Vielleicht kennen Sie das. Die AfD scheint schier unaufhaltsam. Genauso wie der Rechtsruck in ganz Europa. Dazu kommt: Die Situation zuletzt in Ceuta, Krieg im Iran, Frieden ist in der Ukraine noch lange nicht in Sicht und gerade erst haben wir einen Sommer mit einem Rekord an Hitzetoten in Deutschland hinter uns. Von den unfassbaren Waldbränden in Europa will ich gar nicht erst anfangen.
Manchmal möchte man da schon den Kopf in den Sand stecken. Noch eine Krise. Noch eine schlechte Nachricht. Noch eine Debatte, bei der man sich fragt: Wo soll das alles hinführen? Ich glaube, ich spreche für viele, wenn ich sage: An vielen Tagen hat man einfach keinen Bock mehr. Vielleicht kennen auch Sie das Gefühl. Damit sind Sie nicht allein!
Wir von CORRECTIV wollen uns diesem Gefühl nicht länger hingeben. Denn so kann es nicht weitergehen. Deshalb haben wir uns eine neue Aktion ausgedacht und wir glauben, es ist genau das, was wir jetzt brauchen: Gemeinsam mit Ihnen wollen wir 42.000 Mutmeter gehen.
Mutmeter bedeuten für uns: aktiv zu werden und gemeinsam etwas zu schaffen, auf das wir stolz sein können. Gemeinsam setzen wir ein demokratisches Ausrufezeichen in einer extremen Zeit. Wie bei einem Marathon geht es nicht darum, wer am schnellsten ist. Es geht darum, überhaupt loszugehen. Meter für Meter. Schritt für Schritt.

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