Seit Oktober ist Sumte das berühmteste 100-Seelen-Dorf Deutschlands – weil die niedersächsische Landesregierung hier 1000 Geflüchtete unterbringen wollte. Die Gemeinde feilschte, am Ende kamen nur gut 700 Flüchtlinge. Seitdem berichten Journalisten anerkennend, wie geräuschlos alles funktioniere, und wie aufgeschlossen die Bevölkerung der Erstaufnahmestelle gegenüber stehe.

Und was denken die Geflüchteten?

Ich treffe den Syrer Eyad al-Sheikh, der im November nach Sumte kam. Nach vier Monaten im „Camp“, wie hier alle die Erstaufnahmestelle nennen, bezog er gemeinsam mit einem anderen Syrer eine WG in Barsinghausen bei Hannover. Seitdem kommt er regelmäßig ins Camp, um anderen für 1,15 Euro Stundenlohn beim Ankommen zu helfen: Arztbesuche organisieren, übersetzen, oder einfach nur reden.

Eyad zeigt mir das Camp, den lang gezogenen, gepflasterten Mittelbau, von dem einzelne Gebäude abzweigen. Im Augenblick ist nicht mehr so viel los, nur etwa 160 Menschen leben hier.

Dementsprechend entspannt läuft zurzeit der Betrieb. Die Kleiderkammer ist voll, der Speisesaal leer.

Blick in die volle Kleiderkammer. Mehre Regale voll mit Klamotten.

In der Erstaufnahmestelle stapeln sich mittlerweile die Klamotten.

David Ehl

Wir setzen uns in den Klassenraum, wo zwischen 9 und 11 Uhr morgens Deutsch unterrichtet wird. Auch Eyad hat hier gelernt, wie man „Guten Tag“ sagt, wie man zählt, welche Wochentage es im Deutschen gibt. Dann redet er weiter auf Englisch.

„Anfangs war es schwer, Deutsch zu lernen, vielleicht, weil man nicht mit Deutschen üben konnte“, sagt Eyad. Jetzt, nach einem halben Jahr, fällt es ihm immer leichter. Es gibt nur ein Problem, sagt Eyad: „Wenn man im Camp lebt, kann man schon mal das Gefühl bekommen, man brauche die deutsche Sprache gar nicht.“ Seit er nicht mehr im Camp lebt, bringt er sich selbst weiter Deutsch bei.

Eyad ist 39, Single, hat sechs Jahre lang in Russland Bauingenieurwesen studiert. Er lebte im nordsyrischen Hasaka, bis die Stadt zwischen die Fronten von IS, Regierungstruppen und Rebellen geriet. Zehn Tage brauchte er bis Deutschland, war ein paar Tage in Dortmund, bis er schließlich in Sumte landete.

„Sumte ist ein kleines Dorf, hier leben etwa 100 Leute“, sagt Eyad im Tonfall eines Fremdenführers. Er mag die Gegend, die Natur, die Kühe neben dem Camp. Vier Kilometer sind es bis zur Elbe. Ob er sich in der ruhigen, norddeutschen Tiefebene nicht manchmal an einen lebendigeren Ort gewünscht hat? Eyad antwortet diplomatisch: „Ich kann an der Situation ja nichts ändern, ich muss die Anordnungen befolgen.“ Also hat er sich in Sumte, auf dem Land eingelebt.

Eyad lächelt in die Kamera. Hinter ihm sind Kühe zu sehen.

Eyad vor einer Weide im Dorf Sumte.

David Ehl

Die Führung geht weiter, Eyad deutet auf eine Weide und erklärt: „Das Pferd ist das Wappentier von Niedersachsen.“ Wir spazieren Richtung Ortsmitte, ein kurzer Schauer regnet sich ab. In einem Vorgarten werkeln Anwohner, Eyad grüßt freundlich. Einer der Männer sieht die Kamera, sagt, dass er nicht aufgenommen werden will.

„Keiner im Camp hat Kontakt mit den Bürgern“, erzählt Eyad. Das könnte aber auch am Wetter liegen: „Im Winter konnte man ja nicht raus, zu viel Kälte, Schnee, Regen.“ Er hofft, dass es im Frühling mehr Austausch geben wird. Bisher leben die Sumter und das Camp nebeneinander her, ohne wirklich miteinander zu tun zu haben.

Wenn die Geflüchteten das Camp verlassen, dann verbringen sie nicht etwa Zeit in Sumte: „Eigentlich gehen wir immer nach Neuhaus“, sagt Eyad. Dort gibt es Geschäfte, Ärzte, Restaurants. „Ich kenne Neuhaus viel besser als Sumte.“

Gemeinsam fahren wir die vier Kilometer in den Nachbarort.

Mir fällt in Neuhaus zuerst das hübsche Ensemble des Dorfzentrums auf, gepflasterte Fußwege, eine Bronzestatue, eine einladende Parkbank. Eyad sieht den Ort pragmatischer: „Das ist der Penny Markt, alle aus dem Camp kommen hier hin.“ Es gibt sogar einen Shuttleservice, damit die Geflüchteten kaufen können, was es im Camp nicht gibt: „Süßigkeiten, Cola, Obst, Zigaretten, manche trinken Bier“, zählt Eyad auf. Im Gasthof gegenüber hat Eyad einmal die deutsche Küche ausprobiert. Er bestellte „Kartoffel mit Meat, very tasty.“

Straßenschild von Sumte.

Nachbarort vom Sumte. Nach Neuhaus fahren die Geflüchteten zum Einkaufen.

David Ehl

Viele Häuser in Neuhaus sind aus roten Backsteinen gemauert und von hölzernem Fachwerk durchzogen. Eyad bringt mich zielstrebig zu den Gebäuden, die aus dem Ensemble herausstechen: In einem größeren Komplex sind die Arztpraxen, in denen er manchmal für Campbewohner übersetzt. Drei schmutzig-graue Beton-Wohnblöcke werden als Folgeunterkünfte genutzt, die Tankstelle kennt er von den Sonntagen, wenn der Penny zu hat.

Eyads Blick auf Sumte und Neuhaus ist ein ganz anderer als meiner, sicher auch als der eines Dorfbewohners. Führt das nicht zu Spannungen? „Mein Freund“, sagt Eyad, „in dieser Gegend sind die Leute freundlich, weil ein Teil der Bevölkerung im Camp arbeitet.“ Eyad hat noch keine Menschen mit einer negativen Einstellung gegenüber den Geflüchteten getroffen. Aber ein anderer aus dem Camp, auf den sei mal jemand mit dem Auto zugerast, in Neuhaus.

Wenn wir schon mal in Neuhaus sind, will Eyad noch zu Penny, Zigaretten und eine Schachtel Rocher-Pralinen kaufen. Am Obstregal erkennt er einen jungen Mann aus dem Camp. „Salam aleikum!“ An der Kasse wechselt er ins Deutsche, antwortet der Kassiererin, dass er eine kleine Schachtel Marlboro will, keine große. Zurück im Camp in Sumte verteilt Eyad Pralinen an die Männer von der Sicherheitsfirma.

Eyad will gern in Deutschland bleiben, er hat Verwandte in Nordrhein-Westfalen. Er will so schnell wie möglich einen Sprachkurs machen. Und dann arbeiten. Er sagt: „I want to work again as Bauingenieur.“

Er sagt es wirklich so. Auf Englisch, nur ein Wort ist Deutsch: Bauingenieur.

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