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CORRECTIV bleibt auch nach der ersten Veröffentlichung einer Geschichte am Thema dran. Wir recherchieren weiter, wir aktualisieren und veröffentlichen Einzel- oder Folgeartikel. Diese finden Sie hier.

Aladin El-Mafaalani vor seiner Wohnung in Dortmund.© David Ehl

Deutschlandreise

Tag 17 (Ende): „Drei Regeln aufstellen“

von David Ehl

Deutschland hat sich vorgenommen, Hunderttausende Flüchtlinge zu integrieren. Wie soll das gelingen? Ich besuche den Migrationsforscher Aladin El-Mafaalani in seiner Wohnung in der Dortmunder Innenstadt. Seit 2013 lehrt er Politische Soziologie an der FH Münster.

Herr Mafaalani, schaffen wir das?

Mafaalani: Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir das irgendwie schaffen. Die Frage ist nur, was wir schaffen wollen. Wir müssen uns klar machen, was das Ziel sein soll.

Sagen wir, das Ziel ist die Integration aller, die bleiben dürfen. Ist das überhaupt zu bewältigen?

Mafaalani: Wir sind Weltmeister im Unterbringen, das hätte kein Land besser hinbekommen. Die Amerikaner waren bei Katrina schon überfordert mit viel weniger Menschen. Die internationalen Experten sind sich einig, das hätte kein Land besser hinbekommen als Deutschland. Und was Integration angeht, da sind wir vielleicht nicht Weltmeister. Aber da sind wir viel besser als früher. Deshalb gibt es keinen objektiven, realen Grund zu glauben, dass wir es auf keinen Fall schaffen.

Trotzdem sind viele anderer Meinung.

Mafaalani: Sogar die Kritiker machen sich darüber Gedanken, wie man Sprachkurse organisieren soll, wie man die in den Arbeitsmarkt integrieren soll, wie man Kinder beschulen soll. Die richtigen Fragen werden gestellt, sogar von den Kritikern. Früher haben nicht einmal die Befürworter die richtigen Fragen gestellt.

Das lässt hoffen. Wo liegen die Knackpunkte?

Mafaalani: 2015 war das Jahr der Unterbringung, 2016 wird das Jahr der Integration. Das hat etwas zu tun mit Dauerhaftigkeit, nicht mit kurzfristiger Unterbringung. Zum Beispiel Schulen müssen extrem viel flexibler werden als zurzeit, aber das werden sie. Das sind alles professionelle Akteure, und wenn man die Mittel bereitstellt und die Freiheiten gibt, werden Lösungen gefunden.

Überhaupt scheint gerade vieles möglich, was vor einem Jahr noch undenkbar wäre. Viele Deutsche ärgert, dass wegen der Flüchtlinge jetzt so viel getan wird, während es ihnen schon länger schlecht ging.

Mafaalani: Es ist nicht illegitim, so zu denken – das heißt aber nicht, dass die Flüchtlinge an irgendetwas schuld wären. Die meisten Menschen hören erst auf zu rauchen, wenn sie eine Krankheit haben. In der Regel verhalten sich Menschen und Gemeinschaften so, dass man erst unter Druck einen Kompromiss sucht.

Einem Kompromiss, von dem am Ende sogar alle profitieren?

Mafaalani: Es gibt einen neuen Aufbruch für soziale Gerechtigkeit: Nie gab es so gute Rahmenbedingungen für Aufbruch und Reformen wie im Augenblick. Jeder, der sich bisher aus ideologischen Gründen gegen Reformen gesträubt hat, kann das jetzt nicht mehr aufrechterhalten. Es ist keine Notsituation, aber eine, in der Flexibilität gefragt ist und von allen beteiligten Akteuren eingefordert wird. Man kann gerade keine politisch-ideologischen Gräben mehr aufrechterhalten.

Aber laufen wir nicht gerade bei zu starken Veränderungen Gefahr, einen Keil weiter in die Gesellschaft zu treiben?

Mafaalani: Diese Spaltung gibt es eindeutig, die Rassismuswerte steigen in allen Umfragen. Besonders bei jungen Menschen, und das ist immer ein Alarmsignal. Das hat mit zwei Entwicklungen zu tun: Einerseits, weil man das Gefühl hat, die Flüchtlinge bekommen etwas, was die „richtigen“ Deutschen nicht bekommen. Die andere Argumentationslinie finde ich viel wichtiger, und zwar sind AfD und Pegida ja nicht in Folge der Flüchtlingskrise aufgekommen. Es hat etwas mit dem Gefühl zu tun, zu den „richtigen“ Deutschen zu gehören und sich trotzdem abgehängt zu fühlen, nicht nur im Osten. Und dann liest Pinar Atalay die Nachrichten vor, die Comedians sind türkischstämmig, die sind alle erfolgreiche Menschen, während ich arbeitslos bin und eine Randexistenz führe.

Also führt auch gelungene Integration zu Konflikten.

Mafaalani: Ja, und diese Konflikte sind unter Umständen viel hartnäckiger als eine reine Konkurrenz unterer Schichten. Jetzt haben wir in den Eliten ziemlich viele Menschen mit Migrationshintergrund, ich glaube das ist das größere Problem. Das ist auch das größere Potenzial, um vorhandenen Rassismus zu mobilisieren.

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Die Skeptiker argumentieren oft mit fehlendem Integrationswillen. Wenn Integration scheitert, liegt das an den Migranten oder der Politik?

Mafaalani: Dass es so aussieht, dass sich viele nicht integrieren wollen, liegt an den fehlenden Perspektiven. Ich sage schon länger, man sollte drei Regeln aufstellen: „Du musst Deutsch lernen, du musst einen Arbeitsplatz finden, und du musst straffrei bleiben. Und wenn du das in fünf Jahren schaffst, darfst du für immer bleiben.“ Dann haben wir keine Integrationsunwilligen mehr. Gerade kann man nicht dazu beitragen, ob man bleiben darf oder nicht.

Warum ist die Perspektive so wichtig?

Mafaalani: Wenn man eine Perspektive hat, überlegt man sich dreimal, ob man straffällig wird und sie sich verbaut. Integration funktioniert immer dann gut, wenn es eine Perspektive gibt. Die deutsche Sprache lernen, weil sie toll ist, ist keine gute Motivation.

Und wenn jemand die Auflagen nicht erfüllt?

Mafaalani: Klar, es gibt auch welche, die werden es nicht schaffen, in fünf Jahren einen Sprachkurs auf hohem Niveau abzuschließen. Aber ich sage ja auch nicht, dass die dann automatisch abgeschoben werden. Mit denen verfahren wir dann so, wie wir aktuell mit allen verfahren, und prüfen den Fall.

Haben die Sexualdelikte der Kölner Silvesternacht auch etwas mit fehlender Perspektive zu tun?

Mafaalani: Definitiv. Das waren fast ausschließlich nationale Herkünfte, die keine Bewilligung hier bekommen. Diese jungen Männer wussten, sie haben hier nichts zu verlieren. Wenn Syrer sich hier besser verhalten als Marokkaner oder Ägypter, liegt das nicht daran, dass sie bessere Menschen wären – sondern daran, dass sie etwas zu verlieren haben.

Reden wir über Integration: Welche Rolle spielt es, ob man Flüchtlinge in der Stadt oder auf dem Land unterbringt?

Mafaalani: Es ist ein riesiger Unterschied, ob ein Flüchtling in Köln ist oder im Münsterland: In den großen Städten haben wir vielleicht zu wenig Berater, Psychologen, Sprachkurse. Wir haben alles, aber zu wenig. In ländlichen Regionen haben wir nichts davon. Hier muss man Expertise neu aufbauen, in Großstädten nur erweitern. Und das ist viel billiger. Im Augenblick suchen wir Dolmetscher, und die gehen natürlich lieber nach Köln als ins Münsterland. Die weniger attraktiven Gegenden haben gerade Probleme, Personal zu finden.

Also bräuchten wir gerade erst einmal etwas Zeit, bevor wir weitere Flüchtlinge aufnehmen könnten?

Mafaalani: Wir würden auch noch ein Jahr mit einer Million Flüchtlingen verkraften, aber das will offensichtlich keiner, und deshalb brauchen wir gar nicht weiter darüber zu reden. Die Integrationsmöglichkeiten hängen davon ab, wie viel man sich zutraut und wie viel man kann. Auf der Welt gibt es niemanden, der mehr kann Deutschland: Wir sind wirtschaftlich am stärksten, haben die besten Strukturen, und so weiter. Das könnten die Osteuropäer, aber auch Spanien oder Frankreich, nicht so gut.

Ist bei unseren Strukturen auch noch Luft nach oben?

Mafaalani: Wir bräuchten ein Integrationsministerium, idealerweise unter einem Dach mit dem Entwicklungshilfeministerium. Dann hätten wir Fluchtursachen und Integration und alle Experten in gemeinsamen Strukturen, und man hätte jetzt einen Überblick – aber das jetzt schnell einzuführen geht auch nicht. Das hätte man sogar ohne die vielen Flüchtlingen gebraucht: Ein Ministerium, das sich damit beschäftigt, wie Deutschland als Einwanderungsgesellschaft langfristig funktioniert.

Also letztlich auch, um auf den demographischen Wandel zu reagieren.

Mafaalani: Früher hat man gesagt, in Deutschland wurden zu wenig Kinder geboren. Mittlerweile fehlen uns sogar die Eltern. Man muss jetzt nicht jedes Jahr eine Million Flüchtlinge aufnehmen, aber wir brauchen auf lange Sicht jedes Jahr einige hunderttausend Einwanderer, die auch bleiben. Dementsprechend sinnvoll ist es, Strukturen aufzubauen, die auf die Integration und Qualifizierung von Migranten setzen.

Damit Ende die „Deutschlandreise“ von David Ehl. Alle Folgen sind hier noch mal anzusehen: 

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Deutschlandreise

Tag 4: Düsseldorf – ein Tag im „Maghrebviertel“

von David Ehl

Mein Bus steht gerade günstig am Karthäuserwall. Diesen Parkplatz will nicht aufgeben, nur um in Düsseldorf gleich wieder einen zu suchen. Also fahre ich mit der Bahn. Ich will mir ein Bild von Oberbilk verschaffen, das in den Medien gerne als Beispiel für Überfremdung und dem kaum durchsetzbaren Gewaltmonopol des Staates herangezogen wird.

„Maghrebviertel“ werden die Straßenzüge genannt, die fest in marokkanischer Hand sein sollen. Der Weg vom Düsseldorfer Hauptbahnhof nach Maghreb führt zwei Minuten an den Gleisen vorbei und dann darunter durch. „Hier beginnt die Ellerstraße“, sage ich zu mir selbst. „Hier beginnen die Probleme“, hallt mir ein Satz aus einem Lokalzeitungsbericht nach.

Hier? Zumindest jetzt, am Vormittag, habe ich nicht diesen Eindruck. Es gibt Läden mit arabischen Möbeln, Falafel, Kioske, die meisten sind auf Deutsch und Arabisch beschriftet. Vor dem schmutzig-grau verputzten Gymnasium hängen ein paar Jugendliche ab. Sie trinken Apfelschorle, etwas weiter riecht es nach starkem Tabak. Ein Polizeiauto fährt Streife, auf der anderen Straßenseite geht eine Frau in einem hellvioletten Nikab. Ich fühle mich wohl und sicher in der Ellerstraße, wo erst im Januar bei einer Großrazzia 40 Menschen festgenommen wurden.

Drei Menschen laufen durch die Straße. Im Hintergrund erkennt man einen türkischen Supermarkt.

Die Ellerstraße im Düsseldorfer Stadtteil Oberbilk, was fest in marokkanischer Hand ist

David Ehl

„Zwei, drei Mal die Woche riegelt die Polizei die Straße ab, von hinten und vorne“, sagt Erika Bong. Ihr Kiosk ist eine Institution am Oberbilker Markt, seit 17 Jahren steht sie tagein, tagaus zwischen Zigaretten, Kaugummis, Lottoscheinen und Zeitschriften. „Die Ellerstraße ist ganz schlimm“, erzählt die 67-Jährige, aber auch die Kölner Straße sei nicht mehr das, was sie mal war: „Früher gab es zwei oder drei Metzger, Bäcker, Blumenläden, alles. Da sind heute nur noch Euroshops.“

Die Kaufkraft in Oberbilk nimmt ab, entnehme ich Erika Bongs Erzählungen. „Früher haben die Leute vier, fünf Zeitschriften gekauft, heute vielleicht eine oder zwei.“ Und viele seien von Zigaretten auf Tabak zum Selbstdrehen umgestiegen.

Erika Bong schaut in die Kamera. Hinter ihr sieht man Zigaretten Schachteln.

Erika Bong verkauft seit 17 Jahren in ihrem Kiosk am Oberbilker Markt

David Ehl

Ein Stammkunde kommt herein und verlangt das gewohnte Päckchen West. Seine Lieblingszigaretten sind schon wieder zehn Cent teurer geworden. „Ich kann’s nicht ändern, Egon“, sagt Erika Bong. Weiter hinten findet sie dann doch noch ein paar Schachteln für 5,70. Eine verkauft sie ihm, die anderen legt sie für den Stammkunden unter die Theke. „Das mach ich nur für dich.“ Der Stammkunde will nicht so gerne mit mir reden, erzählt dann aber doch: „Wir haben Probleme am laufenden Band.“ Im rheinischen Singsang klagt er: „Der Agatha ham se neulich am hellichten Tach zwei mal dat Jold vom Hals jerissen“. Kurz darauf versiegt sein Erzählfluss, aber wenn ich mehr erfahren wolle, sollte ich ins „Haus Meschede“ gehen.

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Waltraud zieht mich an sich heran, um mir mit tiefer, leiser Stimme ihr Alter zu verraten. Ich bin etwas abgelenkt vom Altbiergeruch, als sie sagt: „Im September werde ich Neunundsiebzig. Aber erzähl’s nicht den anderen!“ – „Neunundsiebzig?“, wiederhole ich. Ich hätte die Frau mit den geklebten Fingernägeln jünger geschätzt, die Falten auf Alkohol und Tabak geschoben. Seit 2001 ist sie in Rente, zwei mal in der Woche sitzt sie im „Haus Meschede“ an der Theke. Regelmäßig geht sie auch in die „Hupe“, bei der Taxizentrale, 25 Jahre ist sie selbst Taxi gefahren, fünf davon nachts. „Das waren schöne Zeiten, da ist nichts passiert.“ Waltraud lebt seit 51 Jahren in Oberbilk: „Das waren Traumzeiten, alles war so schön.“ – Und jetzt? – „Katastrophe. Es ist eine Katastrophe“, klagt Waltraud. Die Drogerien, Cafés, Metzgereien, Bäckereien und Blumenläden, die der Reihe nach schließen mussten, kenne ich schon aus Erika Bongs Erzählungen. „Heute sind da nur Kanaken“, sagt Waltraud. „Die sind in der Überzahl.“ Sie nimmt einen kräftigen Schluck aus ihrem Altbierglas und klemmt dabei den Bierdeckel zwischen Glasboden und kleinen Finger. Das macht sie seit vierzig Jahren immer so, seit ihr der rote Persico-Likör ihre weiße Bluse versaut hatte. Sie war zwei mal verheiratet, heute ist sie zwei Mal geschieden, teilt die Wohnung nur noch mit ihren Nymphensittichen.

Wieder zurück am Markt, zur besten Mittagessenszeit, wartet Süksü Özaslan auf Kundschaft. Seit 2004 steht er hier mit seiner Dönerbude. Gerne will Özaslan mit mir über Oberbilk reden, wobei er nur für den Markt sprechen kann. Der Mann im hellblau karierten Kurzarmhemd stellt sich zu mir an einen weißen Stehtisch, bietet mir einen Tee an. „Die alten Kunden fehlen, früher war der Marktplatz gut“, sagt Özaslan. Er zählt auf, welche Händler früher hier ihre Waren verkauften: Obst, Fisch, Eier, Blumen. Ob er darüber nachdenkt, seinen mobilen Wagen an einen besseren Platz zu stellen, will ich wissen. „Das ist im Moment noch kein Thema, es gibt viele Stammkunden“, sagt er. „Früher war alles gut, jetzt wird es immer schlimmer. Es ist überall das gleiche.“

Auch der Einwanderer schwärmt von guten alten Zeit. Das ist es, was ich aus Oberbilk mitnehme: Ja, es hat sich tatsächlich etwas verändert in diesem Land.

Was genau ist es? 

Andreas Reinéry, Bürgermeister von Kirchhundem, verteidigt den Ruf seiner Gemeinde: Keine „fremdenfeindliche Substanz“© David Ehl

Deutschlandreise

Tag 5: Sauerland – eine Brandattacke, die ins Leere lief

von David Ehl

Für denjenigen, der zu Aktionismus neigt, hält die deutsche Sprache eine Redewendung bereit: „Der fackelt nicht lange.“ Diese Wendung hat für mich in den letzten Monaten einen faden Beigeschmack gewonnen, weil ich immer häufiger von Menschen las, die das allzu wörtlich nahmen. Das BKA zählte 2015 mehr als 1000 Attacken auf Flüchtlingsunterkünfte, das sind drei pro Tag. Was solche Anschläge bewirken, will ich wissen. Dazu fahre ich ins Sauerland. Ich bin mit dem Bürgermeister von Kirchhundem verabredet. In seiner Gemeinde hatte es schon vier Attacken auf dieselbe Unterkunft gegeben, bevor auch nur ein Geflüchteter seinen Fuß über die Türschwelle gesetzt hat.

Als ich mit Andreas Reinéry den Fuß über die Türschwelle setze, steigt mir sofort der Geruch von verkohltem Holz in die Nase. In der Treppe klafft ein großes, schwarzes Loch, einige Stufen sind verkohlt, andere fehlen ganz. Eine Leiter überbrückt die Lücke, aus dem Obergeschoss plärrt das Radio eines Handwerkers. Wenn man an der Treppe vorbei und nach links ins Zimmer geht, sieht man die Scherben des Fensters, durch das die Brandstifter im Februar eingestiegen sind.

verkohlte Treppenstufen

Die Spuren der Verwüstung sind in der Unterkunft deutlich zu erkennen. Hier das verkohlte Treppenhaus.

David Ehl

Seit die Gemeinde vor einem Jahr beschloss, das leerstehende Haus am Ortsrand für Geflüchtete herzurichten, hatten Unbekannte es zweimal unter Wasser gesetzt, ein andermal war ein Feuer auf der Treppe von selbst ausgegangen. Wer will mit so viel krimineller Energie verhindern, dass Flüchtlinge im Fachwerkhaus in Rinsecke einziehen?

Das ist auch im April noch nicht klar. Vielleicht, sagt Reinéry, gebe es ganz andere Gründe: „Die Eigentümer sind nicht von hier. Sie sind vermögend und gleichzeitig nicht als Rinsecker assimiliert. Das verursacht Neid.“ Die Frage, ob seiner kleinen Gemeinde nach einer derartigen Anschlagsserie ein fremdenfeindliches Stigma anhafte, verneint er vehement. „Sonst hätte es Hinweise auf die fremdenfeindliche Substanz gegeben, ein Flugblatt oder eine Schmiererei.“ Die kahlen Wände des Raums werfen den Hall seiner Stimme zurück, die Tapete liegt zusammen geknüllt auf dem Boden. Wieder einmal sind Arbeiter dabei, das Haus wieder bezugsfähig zu machen. In anderen Räumen sind die Wände noch verrußt, die Spinnennetze in den Wandecken schwarz eingefärbt.

Andreas Reinéry ist gerade erst aus dem Urlaub zurückgekommen und sofort wieder im Arbeitsmodus, redet mit der Presse und den Arbeitern im Haus. Reinéry ist ein sportlicher Typ, lässiges Sakko, Lederschuhe, kurz geschorenes Haar. Sein Gesicht hat in Ecuador etwas Farbe abbekommen, wenn man genauer hinsieht, erkennt man noch die helleren Konturen seiner Sonnenbrille um die Augen. Der 51-Jährige ist seit knapp zwei Jahren Bürgermeister von Kirchhundem, seitdem wechselt der siebenfache Vater zwischen den beiden Wohnsitzen in Morsbach und Kirchhundem hin und her.

Der Bürgermeister schaut auf das Fachwerkhaus.

In dieses Haus sollten Flüchtlinge einziehen. Es gab bereits vier Attacken auf die Unterkunft.

David Ehl

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In seiner Amtszeit kam die Flüchtlingskrise auf. Er sagt, er habe die Neuankömmlinge in der Gemeinde immer als Chance kommuniziert. Die 37 Ortsteile der Gemeinde spüren bereits heute den demografischen Wandel, in den vergangenen acht Jahren sind rund 1000 Bewohner abgewandert. Zu den 12.000 Alteingesessenen sind im vergangenen Jahr etwa 250 Geflüchtete gekommen. „Je peripherer die Lage, umso schwieriger ist es, Integration zu gestalten“, erklärt Reinéry. In manchen Orten hält pro Tag nur ein Bus, umso wichtiger sei die Anbindung an die Menschen in den Dörfern, etwa in Vereinen.

Reinéry ist optimistisch, rechnet sogar vor, wie Deutschland weit mehr Asylbewerber über die Runden bringen könnte. Einmal hat er eine anonyme Mail bekommen: „‚Ey du Flüchtlingsbürgermeister, hau ab!“, schrieb jemand. „Aber das war nichts Substanzielles“, sagt Reinéry. Im Gegenteil, sagt er, hätten die Kirchhundemer sich in einer Mahnwache von den Anschlägen auf das Haus in Rinsecke distanziert.

Wenig später sitze ich wieder am Steuer, ich will heute noch nach Berlin. Bevor ich endlich auf die lang ersehnte Autobahn auffahre, zieht sich das Sauerland in die Länge. Schöne Landstraßenkilometer, nette Dörfer, denke ich mir – bis ich mir vorstelle, nach einer langen, lebensgefährlichen Flucht aus Damaskus oder Homs ausgerechnet hier zu landen. Bei so vielen sanften Hügeln und Luftkurorten mit pittoresken Fachwerkhäusern kann dir ganz schön die Decke auf den Kopf fallen.

Deutschlandreise

Tag 1: Warum ich durch Deutschland reise

von David Ehl

Ich bin zurück in Deutschland. Einerseits ist es leicht, mich einzugewöhnen: Bekannte Gerüche, gewohnte Abläufe, gewissermaßen ist alles wie immer. Andererseits ist es komisch, ausgerechnet die letzten sechs Monate verpasst zu haben. Zurück zu sein fühlt sich an, als sei man während eines Films aufs Klo gegangen und hätte so den wichtigsten Teil der Handlung verpasst.

Als ich Anfang Oktober nach Israel ausgereist bin, war Deutschland in der Hochphase der Willkommenskultur, mit Begrüßungskommandos an den Bahnhöfen. Die Anschläge von Paris im November trübten dieses Gefühl; sie erinnerten Deutschland an die permanenten Terrorsorgen. Die Kölner Silvesternacht brachte die Stimmung dann endgültig zum Kippen. Aus der Ferne fühlte sich dieser Stimmungswandel beklemmend an. Und ich verstand ihn nicht.

Ich war mit einem Stipendium der Herbert Quandt-Stiftung in Israel und den Palästinensergebieten unterwegs, recherchierte, reiste, lernte Hebräisch. Manchmal rückte die Gewalt ganz nah, etwa als unser Taxi im Verkehr stecken blieb und plötzlich links und rechts berittene Polizisten vorbeipreschten – einen Kilometer weiter, am Damaskustor, hatte es einen Anschlag gegeben. Ich dachte: Ich bin für ein halbes Jahr in einer hoch bewaffneten Gesellschaft im permanenten Ausnahmezustand gelandet. Wird es in Europa eines Tages genau so zugehen?

David Ehl vor der Klagemauer in Jerusalem

David Ehl lebte die letzten Monate in Israel. Jetzt kehrt er nach Deutschland zurück und reist durch das Land.

David Ehl

Im Oktober hatte ich ein Land verlassen, in dem die sich die Menschen vor allem über ihre persönliche Freiheit definierten. Nun kam ich zurück in ein Land, in dem immer lauter über Sicherheit diskutiert wurde.

Ein Land, in dem sich die politischen Lager immer unversöhnlicher gegenüber standen. In dem die Landtagswahlen in drei Bundesländern zu einem kollektiven Aufschrei ausarten.

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Mehr und mehr hatte ich das Gefühl: Ich verstehe mein Land nicht mehr.

So entstand die Idee zu dieser Deutschlandreise.

Ich beschloss, einen Monat lang durch Städte und Dörfer zu ziehen, um zu verstehen, wie dieses Land tickt.

Ich wollte herausfinden, was die Menschen umtreibt. Was sich verändert hat. Ich möchte sie fragen: Vor was hast du Angst?

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Deutschlandreise

Tag 6: Berlin: Youtube, die Moslems, das Lachen

von David Ehl

Berlin fühlt sich immer gleich nach zu Hause an, denke ich. Ich laufe unter schönstem blauen Frühlingshimmel zur nächsten U-Bahn-Station. 34 Minuten bis zum Stadtrand, wo Berlin in Brandenburg ausfranst. Hier bin ich mit Younes Al-Amayra verabredet, der im YouTube-Kanal „Datteltäter“ Satire aus einer muslimischen Perspektive macht.

Er teilt sich das Erdgeschoss eines Einfamilienhauses mit seiner Katze Pamuk, „die ist nicht wirklich so fett, sondern schwanger“. Ich ziehe meine Schuhe aus, Younes macht Kaffee, dann sitzen wir uns in bequemen Ledersofas gegenüber. Genau wie er bin ich ein kleiner Techniknerd, also reden wir erst einmal über seine Spiegelreflexkameras, Fisheye-Objektive, den Quadrocopter auf dem Tisch. Ansonsten fallen in dem großen Raum vor allem die Videoleuchten auf.

Jounes Al-Amayra steht in seinem Zimmer. Darin stehen zwei Leder Couches.

Jounes Al-Amayra hängt gerne in diesem Zimmer ab – wenn die nächste Datteltäter-Produktion ansteht, wird hier gearbeitet.

David Ehl

Hier entstehen also die Videos von Datteltäter, mit denen Younes kein geringeres Ziel verfolgt, als der moderaten Mitte des Islam in Deutschland eine Stimme zu geben. „Auf YouTube findet man doch sonst nur solche Typen wie Pierre Vogel“, sagt er. „Wir sind provokant in unserer Art, auch Muslime auf die Schippe zu nehmen.“

Das Kernteam bei Datteltäter besteht aus vier jungen Berlinern, Younes ist mit 30 der Älteste. Er bezeichnet sich selbst als „Berufsmoslem“, hat Islamwissenschaften studiert, unterrichtet heute die Religion an einer Grundschule. Außerdem versucht er, Jugendliche zu deradikalisieren.

„Der Islam gehört zu Deutschland“, wird Christian Wulff immer wieder zitiert. „Ich glaube, die Feindseligkeit ist größer geworden“, sagt Younes. Er erzählt, dass Datteltäterin Nemi wegen ihres Kopftuchs schon einige Male angemacht wurde.

Jounes schaut auf zwei alte Koffer, berührt einen mit der rechten Hand,

Diese alten Koffer hat Jounes von Verwandten bekommen. Vielleicht werden sie irgendwann als Requisite in einem Datteltäter-Video auftauchen.

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In seiner Jugend stürmte Younes für Fortuna Pankow, war schnell, schoss im gelb-schwarzen Trikot viele Tore. Er erinnert sich an ein Spiel, bei dem er einen Ellbogen absichtlich ins Gesicht bekam, und dazu den Spruch „Seit wann dürfen Affen Fußball spielen?“ Er erzählt von Eltern, die vom Spielfeldrand aus „Kameltreiber“ riefen, von einem Spielabbruch wegen eines Messers.

„Es gab keinen, der gesagt hat ‚Digga, ist in Ordnung wie du bist‘“, sagt Younes. Als Kind wollte er nicht im Sommer in die Heimat seiner Eltern, nach Syrien oder in die Palästinensergebiete, um nicht zu braun zu werden.

„Was wird das erst, wenn wir fünf Prozent weniger verdienen?“, fragt Younes. „Wir haben ja jetzt schon einen Rechtsruck in Europa, und Trump geht auf Wählerfang mit Parolen gegen Flüchtlinge und den Islam.“ Er hat Angst, zu das noch führen kann, aber: „Ich habe keinen Bock, mit diesem Kopfkino zu leben.“

Deshalb also Datteltäter. Younes sagt: „Wir sind als Brückenbauer online 24 Stunden abrufbar.“

Deutschlandreise

Tag 2: Auf dem Weg nach Köln

von David Ehl

Meine Deutschlandreise beginnt mit einer unruhigen Nacht im Bus. Ich bin immer wieder aufgewacht, mal vor Anspannung, mal weil der Regen aufs Blechdach prasselt. Der Bus ist mein Lebensraum in diesem Monat, das Vehikel, mit dem ich das Land neu erkunden will. Gerade parkt er beim alten Stadion in Mainz, wo ich bis zu meiner Abreise vor sechs Monaten gelebt habe. Der Tel Aviver Winter hat mich so sehr verwöhnt, dass mir meine erste Bus-Nacht im deutschen Frühling gleich eine Erkältung beschert hat. Etwas verfroren wechsle ich von der Liege im Heck auf den Fahrersitz.

Ich will der gesellschaftlichen Stimmung in Deutschland hinterher fahren. Glaube ich den Landtagswahlen Mitte März, biegt Deutschland gerade mit Vollgas nach rechts ab. Ich lege den ersten Gang ein, setze den Blinker.

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Nach einem Frühstück mit Freunden geht es nach Köln. Es regnet stark, immer wieder komme ich an Autos vorbei, deren Fahrt mit Blechschäden auf dem Standstreifen geendet hat. Je näher ich der Stadt komme, desto öfter weicht das Navi einem Unfall über eine andere Route aus. Dann zeigt sich nach einer Kurve ganz unvermittelt der Dom, das einzige Kölner Bauwerk, das wohl noch berühmter ist als der benachbarte Hauptbahnhof. Als ich in die Stadt fahre, hat es aufgehört zu regnen. Dafür ist der Verkehr noch dichter geworden. Ich brauche eine Stunde, um einen Parkplatz zu finden.

Ich beginne meine Recherche an dem Ort, der zum Symbol für einen Wendepunkt wurde. Wenn ich „vor Köln“ und „nach Köln“ schreibe, weiß jeder, was gemeint ist. In den Medien hat sich längst der Begriff „Ereignisse in der Kölner Silvesternacht“ durchgesetzt, damit man nicht immer ins scheußliche Detail der ungezählten sexuellen Übergriffe gehen muss.

Auf dem Weg durch die Innenstadt laufe ich an einem Zeitungskasten vorbei, in dem ein Boulevardblatt ein heikles Telefonat von Polizei und Innenministerium veröffentlicht: „Kölner Silvester-Mob: Warum sollte Vergewaltigung verschwiegen werden?“ Auch wenn die Stadt so langsam fassen kann, was da an Silvester passiert ist, Gesprächsbedarf gibt es nach wie vor.

Köln Jennifer

Deutschlandreise

Tag 3: „Raise your voice against racism“

von David Ehl

Was hat sich für die Frauen in Köln verändert? Am nächsten Morgen gehe ich zur Domplatte. Der Wind pfeift, über den Himmel jagen Wolken.

„Ich fühle mich relativ sicher, auch nachts“, sagt die 29-jährige Zeljka. „Klar, für die Frauen, die an Silvester belästigt wurden, war es schlimm.“ Aber drumherum, findet Zeljka, wurde viel hochgepusht. Auch der Karneval, dessen unkontrollierbaren Trubel viele mit Bangen erwartet hatten, war für sie wie immer: „Ich war mir sicher, dass die Stadt sich keinen Skandal mehr leistet“. Zeljka fühlt sich wohl im Köln, will heute noch zum Sport. Die Softwareentwicklerin lebt seit sieben Jahren in der Domstadt. Sie stammt aus Bosnien. Ihre Familie floh nach Deutschland, als sie fünf Jahre alt war. Sie weiß, wie es ist, in ein fremdes Land zu kommen.

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Zeljka (29) fühlt sich auf der Domplatte in Köln genau so sicher wie vor Silvester.

David Ehl

Meine nächste Gesprächspartnerin heißt Melanie, sie ist 44 Jahre alt und ist Psychologin. Sie überrascht mich mit einem Punkt, über den ich gar nicht nachgedacht hatte: „Männer, gerade mit Migrationshintergrund, sind jetzt viel vorsichtiger, wenn sie eine Frau ansprechen.“ Sie sagt, sie spüre auf beiden Seiten mehr Verunsicherung. Für Melanie geht es bei Silvester weniger um Migration, sondern vor allem um Alltagssexismus. Sie hätte sich als politische Konsequenz ein neues Sexualstrafrecht gewünscht, erzählt sie mir.

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Melanie (44) wartet vor dem Kölner Dom auf eine Freundin. Für sie schwingt bei Silvester vor allem eine Debatte über Sexismus mit.

David Ehl

Zwischen den vielen Touristen und den Schülergruppen fällt mir eine junge Frau auf. Sie steht still auf der Domplatte, ihre Augen sind mit einem rot-weißen Tuch verbunden. Vor ihr eine Holzkiste, auf der ein handgeschriebenes Schild auffordert: „Share some love with a hug“, und weiter: „Raise your voice against racism and sexism!“ Eine Stunde lang lässt sie sich blind umarmen.

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Ich spreche sie an, wir gehen Kaffee trinken. Sie heißt Jennifer, ist 21 und macht das für ein Uni-Projekt. „Ein bisschen Überwindung hat es schon gekostet“, sagt sie, sich von Fremden umarmen zu lassen. „Ich habe meine Wertsachen aus den Taschen genommen, und es hätte mich auch nicht gewundert, wenn mir jemand aus Spaß an den Hintern gefasst hätte.“ Aber das hat niemand. Und so war es eine gute Erfahrung für sie.

Nein, es habe sich für sie nichts verändert seit Silvester, sagt sie. Aber für ihre Mutter. Die macht sich jetzt noch mehr Sorgen. Und hat Jennifer gebeten, einen Selbstverteidigungskurs zu machen. Jennifer hat es gemacht, ihr zuliebe.

Alle Frauen, die ich treffe, messen Silvester keine allzu große Bedeutung mehr bei. Trotzdem hat sich etwas verändert. Wie passend, dass an diesem Tag ein Beobachtungswagen der Polizei auf der Domplatte parkt. Man teste gerade, auf welchen Plätzen er sich am besten bewährt, erklärt mir ein Polizist. Die Ziele: Präsenz zeigen und Sicherheit ausstrahlen.

© David Ehl

Deutschlandreise

Tag 7: Jamel – Ein Abstecher ins Dorf der Glatzen

von David Ehl

Der brandenburgische Wald will kein Ende nehmen. Dann eine weitgehend verlassene Kulturlandschaft, in der hohe Windräder und weite Solarfelder die stummen Zeugen modernen menschlichen Lebens sind. Ab und zu weist ein Kirchturm oder eine Autobahnabfahrt auf die versprenkelten Bewohner hin. Brandenburg wird zu Mecklenburg-Vorpommern, die Landschaft öffnet sich. Ich erkenne aus der Ferne den roten Backsteinturm der Nikolaikirche in Wismar wieder, vor 15 Jahren war ich im Familienurlaub mit meinen Eltern und Geschwistern schon einmal hier.

Kurz hinter Wismar fahre ich von der Autobahn ab auf eine Landstraße, dann eine einspurige Allee entlang. Vielleicht ist es dem Sonntagvormittag geschuldet, oder sind hier imemr so wenig Menschen unterwegs? Wie erleichternd, als mir nach ein paar Kilometern ein Auto entgegenkommt.

Ein Holzhaus als Bushaltestelle.

Werktags halten vier Busse in Jamel – am Wochenende ist das Dorf ganz unter sich.

David Ehl

Der Weg ins Dörfchen Jamel ist eine Sackgasse am Ende eines asphaltierten Feldwegs. Und es ist eine Sackgasse der Demokratie. Seit über 20 Jahren wird das Dorf stets in einem Atemzug mit Neonazis genannt, die politisch Andersdenkende hier rausmobben. Es gibt Berichte über Kriegsspiele im Wald, ekstatische Sonnenwendfeiern, einen Grill auf dem Gelände des NPD-Kreisverbands mit der Inschrift „Happy Holocaust“. Höhepunkt der medialen Aufmerksamkeit war im vergangenen Sommer, als die Scheune eines Ehepaars brannte, dem im Dorf die Rolle der unbeugsamen Gallier zugeschrieben wird.

Ohne dieses Wissen würde Jamel an diesem Frühlingssonntag auf den ersten Blick idyllisch wirken: Ein halbes Dutzend Kinder spielen bei einer Schaukel, das einzige Geräusch weit und breit ist das Zwitschern der Vögel. Von nahem sehe ich: Zwei der Kinder tragen Flecktarn-Kampfanzüge. Von einem Auto-Aufkleber weiß ich, dass es Kinder in Jamel gibt, die den Vornamen „Odin“ haben. Wenige Meter weiter hebt sich gegen den blauen Himmel eine große, in frischen Farben leuchtende Reichskriegsflagge ab. Wenn Jamel eine ländliche Idylle ist, dann nur für Nazis.

Die Forststraße und damit das ganze Dorf einmal abzulaufen dauert zwei Minuten. Schon am Ortsschild proklamiert ein Sticker: „Kein Ort ohne Neonazis in Mecklenburg und Pommern“. Ein paar Schritte weiter weist Frakturschrift den Weg zur sieben Kilometer entfernten Ostsee. Vor einem der ersten Häuser sitzen drei Männer und eine Frau bei Bier und Fanta in der Sonne. Ich frage, ob wir uns kurz unterhalten können. „Wir sind gerade in der Mittagssitzung und wollen nicht gestört werden“, kommt die knappe Antwort. „Schade, ich recherchiere zur Stimmung der Gesellschaft. „Die Stimmung bei uns ist gut, wie immer.“ Zustimmendes Lachen. Auch nach der Mittagssitzung hat niemand Zeit für mich, der Mittagsschlaf steht an. Schließlich arbeite man Nachtschicht. Ob sie in Jamel oder außerhalb arbeiten? „Als Bürger müssen wir auch das Dorf sauberhalten. Und jetzt macht die Biege.“ Ende des Gesprächs.

„Bald werden tatkräftige Männer und Frauen für den Aufbau gebraucht, und keine Dummschwätzer“, verkündet ein stramm formulierter Artikel im Schaukasten des Dorfs. Daneben etwas heimatkundliche Folklore und die Zeichnung einer blonden Familie. Der Schaukasten steht neben einem Wegweiser, er zeigt nach Narvik, Königsberg und in Hitlers Geburtsort Braunau.

Ein Wegweißer aus Holz mit den Kilometerangaben zu verschiedenen Städten. Unter anderem nach Hitlers Geburtsort Braunau.

Ein Wegweiser in Jamel zeigt nach Narvik, Königsberg und in Hitlers Geburtsort Braunau.

David Ehl

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Am vorletzten Haus der Forststraße erkenne ich den Wegweiser, den Michel Abdollahi zurückgelassen hat, nachdem er für eine Reportage im NDR-Magazin „Panorama“ einen Monat lang in Jamel gelebt hatte. „Teheran 4370 km“ steht darauf. Daneben verkündet Frakturschrift auf einem Holzbalken: „Lever dood as Slav.“ Von der Straße aus will ich ein Foto machen, aber bevor ich die Kamera ansetzen kann, öffnet eine Frau die Haustür und keift: „Das lässt du mal schön bleiben.“

Lasse ich dann auch – vor allem, weil ich keine Lust habe, übers Presserecht zu referieren. Mein Camper hat eh lange genug neben dem riesigen mattschwarzen Pick-Up mit dem Nummernschild, was mit den Ziffern „88“ endet. Das „H“ ist der achte Buchstabe des Alphabets. HH wie „Heil Hitler“.

Die Rechtsradikalen haben gelernt, wie sie ihre Gesinnung zur Schau stellen können, ohne sich strafbar zu machen. In Jamel, dieser Sackgasse der Demokratie.

Bliebe sie doch nur dort, in der mecklenburgischen Einöde. Aber nein. Später mache ich einen Spaziergang um das Schweriner Schloss. Wenn hier der Landtag von Mecklenburg-Vorpommern zusammenkommt, sind fünf Sitze für die NPD reserviert.

altforweiler_werner_schug

Deutschlandreise

Tag 8: Saarland – Zehn Syrer, zwei Flaschen Apfelsaft

von David Ehl

Werner Schug ist gelernter Dreher, leidenschaftlicher Obstbauer und Lokalhistoriker. Auf seinem Tisch mit dem bunt gemusterten, sorgfältig gebügelten Tischtuch, sammeln sich Schriften zur Zeitgeschichte. Er geht zu einem Sideboard, in dem zwei Regalbretter voller Ordner und Alben stehen und zeigt mir dann Schwarz-Weiß-Fotos aus seinem – und meinem – Heimatort Altforweiler im Saarland.

Schug ist 90 Jahre alt. Seine Veröffentlichungen zur Lokalgeschichte führten zu einer Brieffreundschaft mit einem nach Amerika emigrierten schwäbischen Juden. Der hatte ihn einmal um eine Auskunft zu einem alten Foto gebeten. Immer wieder schrieben sie einander. „Für die Leute, die vor den Nazis flüchten mussten, mache ich alles“, sagt Werner Schug.

Womit wir schon fast im September 2015 sind. Altforweiler liegt in der Nähe von Saarlouis, nur drei Kilometer Luftlinie von Frankreich entfernt und hat 2000 Einwohner. Jedes Jahr werden es weniger. „Viele meiner Bekannten liegen heute auf dem Friedhof“, sagt Werner Schug, der selbst seit fast fünf Jahren Witwer ist. „Heute kannst du eine Stunde draußen an der Straße sitzen und keiner kommt vorbei.“

Im vergangenen Jahr kamen auch nach Altforweiler die ersten Flüchtlinge, zehn junge syrische Männer zogen ein in ein Haus in Schugs Nachbarschaft. Der nahm sich zwei Flaschen selbst gemachten Apfelsaft, ging rüber, stellte sich vor und sagte, er hoffe auf gute Nachbarschaft.

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Und so kam es. Sie wurden gute Nachbarn. Inzwischen packen die jungen Kerle mit an auf Schugs Apfelplantage. Bei der Ernte sind sie fleißig, sagt er, beim Deutschlernen sei noch Luft nach oben: „Ich an deren Stelle würde mir immer ein Blatt hinlegen und Wörter mitschreiben, die ich noch nicht kenne.“

Schug hat sich im September ein Tablet gekauft. Geht er zu seinen Nachbarn rüber, dann tippt er – mit für einen 90-Jährigen sehr behänden Fingern – einen Satz in die Übersetzungs-App, die das Deutsche ins Arabische umwandelt. Und die jungen Männer antworten dann umgekehrt.

Dass Deutschland Flüchtlingen hilft, ist für Werner Schug selbstverständlich. „Meine Generation hat in ihrer Jugend Not und Tod erfahren.“ Wie gut, sagt er, dass dieses Land heute so ganz anders ist. Dass die Menschen heute weniger Angst haben. Vor den Fremden, vor der Zukunft. Dass Deutschland nicht mehr so muffig ist wie zu der Zeit, als er ein junger Mann war.

Zum 90. Geburtstag haben seine Enkel Fotos mit ihrem Opa gemacht und daneben geschrieben, was er ihnen bedeutet. Und auch zwei der neuen Nachbarn kommen zu Wort. Zwei junge Syrer. Die neuen, guten Nachbarn von Werner Schug.

Beglückt setze ich mich ins Auto. 

© David Ehl

Deutschlandreise

Tag 9: Stuttgart – Ein Hinterbänkler auf dem AfD-Parteitag

von David Ehl

Samstagvormittag, AfD-Parteitag in Stuttgart. Auf einer Leinwand über der Bühne wechseln sich Fotos der Spitzenkandidaten der Landtagswahlen im März ab, daneben prangt jeweils das zweistellige Abschneiden der AfD. Ganz am anderen Ende des Saals, in der hintersten Sitzreihe, treffe ich Klaus Traunspurger aus Oberbayern, AfD-Mitglied seit Herbst 2015. Nach zehn Jahre inaktiver Mitgliedschaft in der Ökologisch-Demokratischen Partei wechselte er „aufgrund der allgemeinen Unzufriedenheit“ zur AfD. Angefangen mit Griechenland, die Flüchtlingskrise war dann ausschlaggebend. Es ist sein erster Parteitag, sagt der 39-jährige Beamte: „Ich bin einfach mal hergefahren.“

Welche Erwartungen hat er an das Parteiprogramm? „Es soll nicht NPD-mäßig sein“, sagt Traunspurger. Minarette und Kopftücher? Stören ihn nicht, gefallen ihm aber auch nicht. „Zuwanderung soll auf ein Maß begrenzt werden, das noch integriert werden kann.“ Den Euro nennt Traunspurger eine Fehlgeburt, deutliche Worte findet er gegen die AfD-Position, nach der CO2 nichts mit dem Klimawandel zu tun hat.

Traunspurger schaut in einem grünen Hemd in die Kamera

AfD-Mitglied Klaus Traunspurger kann mit der Position seiner Partei zum Klimawandel nichts anfangen.

David Ehl

Warum er nicht bei der CSU gelandet ist, frage ich. „Zu machtbesessen“, antwortet Traunspurger. „Die regieren Bayern mit einer Selbstverständlichkeit wir sind alle, ihr seid nix.“ Und der Populismus von Höcke, Gauland und Co, ist der besser? Nicht so richtig, meint Traunspurger, aber es sei ein notwendiges Übel. Und die Aussagen aus der AfD, der Mensch sei unschuldig am Klimawandel, findet er hanebüchen. „Meine Positionen sind mit der AfD nicht 100 Prozent deckungsgleich“, sagt Traunspurger. Die Partei sei aber am dichtesten dran an seinem Weltbild.

Das Weltbild der AfD breiten dann, nach langem Ringen um die Tagesordnung, die beiden Parteivorsitzenden in ihren Auftaktreden aus. Jörg Meuthen nennt die Eckpfeiler „konservativ, freiheitlich, patriotisch“ und beschwört den „Fahrplan in ein neues Deutschland“, „weg vom links-rot-grün-verseuchten 68er-Deutschland“. Frauke Petry grenzt sich von den „Freiheitsfeinden und Pluralismushassern vor dem Gebäude“ ab, den „Antifa-Bodentruppen der Konsensparteien.“ Das ist die Arbeitsatmosphäre für das Wochenende: Wir, die gut 2000 angereisten Mitglieder, gegen die da draußen. Die Beratungen beginnen.

Vor dem Tagungssaal stoße ich zu Maximilian Mitwalsky und Lukas Rehn, 28 und 26, beide aus Ingolstadt. Maximilian ist Mitglied der ersten Stunde, war schon 2013 auf dem Gründungsparteitag in Berlin. In der Jungen Union fiel ihm das Engagement schwer, in der AfD ist das anders. Als sich Bernd Luckes Alfa abtrennte, blieb er: „Die AfD ist nach wie vor meine Partei.“ Weil unsere Renten- und Sozialsysteme auf Pump lebten, befürchtet Mitwalsky, dass seine – geplanten – Kinder nicht die gleichen Chancen haben werden wie er.

Maximilian Mitwalsky grinst im Anzug gekleidet in die Kamera.

Maximilian Mitwalsky ist aus Bayern angereist, um die AfD zu unterstützen.

David Ehl

Lukas Rehn ist seit Juni AfD-Mitglied, aufgrund seiner kritischen Einstellung zum Euro, „damals war das Asylthema noch nicht so abzusehen.“ Dann berichtet er von den „bösen Zungen“, die eine Verbindung zwischen dem Pfefferspray in den Handtaschen seiner Arbeitskolleginnen und dem 200 Meter entfernten „Asylantenheim“ herstellen würden.

Im Saal wird mittlerweile um einzelne Punkte des Parteiprogramms gerungen. Am Ende des Wochenendes wird die AfD sich auf inhaltliche Leitlinien geeinigt haben wie:

  • „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“, Minarette, Muezzinrufe und Vollverschleierung sollen verboten werden
  • Junge Männer sollen wieder Wehrdienst leisten müssen
  • Die EU soll neu strukturiert werden, andernfalls soll Deutschland austreten
  • Der Rundfunkbeitrag soll nur noch freiwillig gezahlt werden
  • Energiewende und Atomausstieg sollen rückgängig gemacht werden
  • Die Verhandlungen über TTIP und CETA sollen gestoppt werden
  • Die Erbschaftssteuer soll abgeschafft, die Gewerbesteuer überprüft werden.
Frauke Petry auf der Leinwand

Parteichefin Frauke Petry kämpft auf dem Parteitag in Stuttgart um ihre Stellung in der AfD.

David Ehl

Am Montag telefoniere ich noch einmal mit Klaus Traunspurger, ich will wissen, wie gut er sich mit den beschlossenen Leitlinien identifizieren kann. Er ist zufrieden, auch wenn ihm ein paar Punkte nicht gefallen. Zum Beispiel die Position, der angebliche Effekt von CO2 auf das Klima sei nur Propaganda. „Das ist ein Punkt, wo ich sage‚ es ist jetzt sehr merkwürdig‘“, sagt Traunspurger. Auch am Beschluss zur Atomenergie habe er ordentlich zu beißen. Mit den Positionen zum Islam könne er schon leben, sagt Traunspurger. Insgesamt sei er überrascht, dass man mit so vielen Leuten vernünftige Beschlüsse fassen könne. Er sieht die AfD weit weg vom NPD-Niveau, als komplettes Gegenteil von dem, was in den Medien dargestellt werde. „Mit Tod und Teufel hat das nichts zu tun.“

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Wie ist es nach dem Parteitag um seine Motivation bestellt, sich weiter in der AfD zu engagieren? „Die ist gestiegen“, antwortet Traunspurger. „Es wurde vieles verankert, wo man dahinter stehen kann.“

Dass es nun verankert ist, ist auch schon das einzig wirklich neue am AfD-Programm, denke ich. Die Positionen standen jeweils schon vorher im Raum, jetzt sind sie schwarz auf weiß fixiert. Wir können über Fakten reden statt über Hypothesen – das gilt für Befürworter wie Gegner der AfD. Ich hoffe, dass wir ab heute noch stärker diskutieren, in welche Richtung sich unser Land entwickeln soll.


CORRECTIV hat geleakte Daten der AfD-Parteitags-Teilnehmer ausgewertet. Ein Ergebnis: Die relativ gesehen größte Gruppe auf dem Parteitag der „Alternative für Deutschland“ waren ältere Herren aus Baden-Württemberg. 

Syrer Eyad al-Sheikh lebte für vier Monate in Sumte und hilft jetzt anderen Geflüchteten im „Camp“.© David Ehl

Deutschlandreise

Tag 10: Niedersachsen – „I want to work as Bauingenieur“

von David Ehl

Seit Oktober ist Sumte das berühmteste 100-Seelen-Dorf Deutschlands – weil die niedersächsische Landesregierung hier 1000 Geflüchtete unterbringen wollte. Die Gemeinde feilschte, am Ende kamen nur gut 700 Flüchtlinge. Seitdem berichten Journalisten anerkennend, wie geräuschlos alles funktioniere, und wie aufgeschlossen die Bevölkerung der Erstaufnahmestelle gegenüber stehe.

Und was denken die Geflüchteten?

Ich treffe den Syrer Eyad al-Sheikh, der im November nach Sumte kam. Nach vier Monaten im „Camp“, wie hier alle die Erstaufnahmestelle nennen, bezog er gemeinsam mit einem anderen Syrer eine WG in Barsinghausen bei Hannover. Seitdem kommt er regelmäßig ins Camp, um anderen für 1,15 Euro Stundenlohn beim Ankommen zu helfen: Arztbesuche organisieren, übersetzen, oder einfach nur reden.

Eyad zeigt mir das Camp, den lang gezogenen, gepflasterten Mittelbau, von dem einzelne Gebäude abzweigen. Im Augenblick ist nicht mehr so viel los, nur etwa 160 Menschen leben hier.

Dementsprechend entspannt läuft zurzeit der Betrieb. Die Kleiderkammer ist voll, der Speisesaal leer.

Blick in die volle Kleiderkammer. Mehre Regale voll mit Klamotten.

In der Erstaufnahmestelle stapeln sich mittlerweile die Klamotten.

David Ehl

Wir setzen uns in den Klassenraum, wo zwischen 9 und 11 Uhr morgens Deutsch unterrichtet wird. Auch Eyad hat hier gelernt, wie man „Guten Tag“ sagt, wie man zählt, welche Wochentage es im Deutschen gibt. Dann redet er weiter auf Englisch.

„Anfangs war es schwer, Deutsch zu lernen, vielleicht, weil man nicht mit Deutschen üben konnte“, sagt Eyad. Jetzt, nach einem halben Jahr, fällt es ihm immer leichter. Es gibt nur ein Problem, sagt Eyad: „Wenn man im Camp lebt, kann man schon mal das Gefühl bekommen, man brauche die deutsche Sprache gar nicht.“ Seit er nicht mehr im Camp lebt, bringt er sich selbst weiter Deutsch bei.

Eyad ist 39, Single, hat sechs Jahre lang in Russland Bauingenieurwesen studiert. Er lebte im nordsyrischen Hasaka, bis die Stadt zwischen die Fronten von IS, Regierungstruppen und Rebellen geriet. Zehn Tage brauchte er bis Deutschland, war ein paar Tage in Dortmund, bis er schließlich in Sumte landete.

„Sumte ist ein kleines Dorf, hier leben etwa 100 Leute“, sagt Eyad im Tonfall eines Fremdenführers. Er mag die Gegend, die Natur, die Kühe neben dem Camp. Vier Kilometer sind es bis zur Elbe. Ob er sich in der ruhigen, norddeutschen Tiefebene nicht manchmal an einen lebendigeren Ort gewünscht hat? Eyad antwortet diplomatisch: „Ich kann an der Situation ja nichts ändern, ich muss die Anordnungen befolgen.“ Also hat er sich in Sumte, auf dem Land eingelebt.

Eyad lächelt in die Kamera. Hinter ihm sind Kühe zu sehen.

Eyad vor einer Weide im Dorf Sumte.

David Ehl

Die Führung geht weiter, Eyad deutet auf eine Weide und erklärt: „Das Pferd ist das Wappentier von Niedersachsen.“ Wir spazieren Richtung Ortsmitte, ein kurzer Schauer regnet sich ab. In einem Vorgarten werkeln Anwohner, Eyad grüßt freundlich. Einer der Männer sieht die Kamera, sagt, dass er nicht aufgenommen werden will.

„Keiner im Camp hat Kontakt mit den Bürgern“, erzählt Eyad. Das könnte aber auch am Wetter liegen: „Im Winter konnte man ja nicht raus, zu viel Kälte, Schnee, Regen.“ Er hofft, dass es im Frühling mehr Austausch geben wird. Bisher leben die Sumter und das Camp nebeneinander her, ohne wirklich miteinander zu tun zu haben.

Wenn die Geflüchteten das Camp verlassen, dann verbringen sie nicht etwa Zeit in Sumte: „Eigentlich gehen wir immer nach Neuhaus“, sagt Eyad. Dort gibt es Geschäfte, Ärzte, Restaurants. „Ich kenne Neuhaus viel besser als Sumte.“

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Gemeinsam fahren wir die vier Kilometer in den Nachbarort.

Mir fällt in Neuhaus zuerst das hübsche Ensemble des Dorfzentrums auf, gepflasterte Fußwege, eine Bronzestatue, eine einladende Parkbank. Eyad sieht den Ort pragmatischer: „Das ist der Penny Markt, alle aus dem Camp kommen hier hin.“ Es gibt sogar einen Shuttleservice, damit die Geflüchteten kaufen können, was es im Camp nicht gibt: „Süßigkeiten, Cola, Obst, Zigaretten, manche trinken Bier“, zählt Eyad auf. Im Gasthof gegenüber hat Eyad einmal die deutsche Küche ausprobiert. Er bestellte „Kartoffel mit Meat, very tasty.“

Straßenschild von Sumte.

Nachbarort vom Sumte. Nach Neuhaus fahren die Geflüchteten zum Einkaufen.

David Ehl

Viele Häuser in Neuhaus sind aus roten Backsteinen gemauert und von hölzernem Fachwerk durchzogen. Eyad bringt mich zielstrebig zu den Gebäuden, die aus dem Ensemble herausstechen: In einem größeren Komplex sind die Arztpraxen, in denen er manchmal für Campbewohner übersetzt. Drei schmutzig-graue Beton-Wohnblöcke werden als Folgeunterkünfte genutzt, die Tankstelle kennt er von den Sonntagen, wenn der Penny zu hat.

Eyads Blick auf Sumte und Neuhaus ist ein ganz anderer als meiner, sicher auch als der eines Dorfbewohners. Führt das nicht zu Spannungen? „Mein Freund“, sagt Eyad, „in dieser Gegend sind die Leute freundlich, weil ein Teil der Bevölkerung im Camp arbeitet.“ Eyad hat noch keine Menschen mit einer negativen Einstellung gegenüber den Geflüchteten getroffen. Aber ein anderer aus dem Camp, auf den sei mal jemand mit dem Auto zugerast, in Neuhaus.

Wenn wir schon mal in Neuhaus sind, will Eyad noch zu Penny, Zigaretten und eine Schachtel Rocher-Pralinen kaufen. Am Obstregal erkennt er einen jungen Mann aus dem Camp. „Salam aleikum!“ An der Kasse wechselt er ins Deutsche, antwortet der Kassiererin, dass er eine kleine Schachtel Marlboro will, keine große. Zurück im Camp in Sumte verteilt Eyad Pralinen an die Männer von der Sicherheitsfirma.

Eyad will gern in Deutschland bleiben, er hat Verwandte in Nordrhein-Westfalen. Er will so schnell wie möglich einen Sprachkurs machen. Und dann arbeiten. Er sagt: „I want to work again as Bauingenieur.“

Er sagt es wirklich so. Auf Englisch, nur ein Wort ist Deutsch: Bauingenieur.

© David Ehl

Deutschlandreise

Tag 11: Der angeblich geplünderte Lidl-Markt

von David Ehl

In einer dunklen Ecke bei Facebook wird immer schillernder und immer hitziger beschrieben, welchen Unfrieden Flüchtlinge in Deutschland angeblich stiften. Je krasser die Geschichte, desto kürzer der Weg zum „Teilen“-Button. Es ist schwer, ein Schauermärchen aus der Welt zu schaffen, auch wenn es noch so unwahr ist. Einem Gerücht über die angebliche Vergewaltigung einer 13-Jährigen durch einen Flüchtling ist im Januar sogar der russische Außenminister auf den Leim gegangen.

Glaubt man dem Internet, so waren die Flüchtlinge, die im baden-württembergischen Meßstetten untergebracht waren, besonders kriminell: Innerhalb des letzten Jahres sollen Leichenteile neben dem Quartier gefunden worden sein, ein andermal soll ein Bauer einen aufgespießten Menschenkopf gefunden. Es seien Schafe geklaut und geschächtet worden, ein Discounter habe zeitweise dicht gemacht, weil Flüchtlinge ihn angeblich geplündert hätten.

Das ist natürlich alles Quatsch und wurde zeitnah widerlegt.

Aber: Ist doch etwas hängen geblieben bei den Anwohnern? Wer denkt sich solche Sachen aus? Vor was fürchtet sich so jemand?

Mein Bus erklimmt die Schwäbische Alb. Nach einem besonders steilen Anstieg erreiche ich Meßstetten, eine Kleinstadt wie aus dem Bilderbuch, Einfamilienhäuser in weitläufigen Straßen, das Museum für Volkskunst öffnet nur mittwochs und sonntags nachmittags, ein Junge im Bayern München-Pullover grüßt mich Fremden freundlich. Rund 10.000 Menschen leben hier, die Polizeiwache ist ein „Außenposten“ in einem Wohnhaus.

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Hier sollen Flüchtlinge einen Supermarkt geplündert haben? Erst einiges Nachfragen bringt mich zum besagten Discounter. Dort hat Peter Eppler gerade eingekauft. „Ich weiß nicht, wer solche Dinge in die Welt setzt“, sagt der Rentner. Für ihn hätten die Flüchtlinge nur Vorteile, weil sie den Ort lebhafter machten, sagt der Mann mit den blauen Augen und dem silbernen Schnurrbart. „Die meisten im Ort sind für die Flüchtlinge“, sagt er. Überhaupt sei die anfängliche Empörung vorbei. „Es normalisiert sich alles.“

Blick über den Parkplatz auf ein Lidl-Gebäude.

Diesen „Lidl“ sollten angeblich Flüchtlinge überfallen haben. Eine Ente.

David Ehl

Die Landeserstaufnahmestelle liegt ein paar Kilometer außerhalb. Zeitweilig beherbergte sie gut 3000 Asylbewerber, aber auch hier sind die Spitzenzeiten vorerst vorbei. Ein Besuch auf dem Gelände sei so spontan nicht möglich, sagt man mir an der Pforte, draußen unterhalte ich mich dann doch noch mit vier kurdischen Syrern. Die Gerüchte sind lange vor ihrer Ankunft widerlegt worden, sie wissen nichts darüber. „Wer behauptet so etwas?“, werde ich gefragt.

Wer auch immer so etwas behauptet hat, er scheint die kläglichen Versuche, Unfrieden zu stiften, müde zu sein. Meßstetten macht jedenfalls nicht den Eindruck, so leicht aus der Fassung gebracht zu werden.

Angst vor Flüchtlingen finde ich hier nicht; der eine erwartet sich einen wirtschaftlichen Aufschwung, die andere hat zu Weihnachten drei syrische Flüchtlinge im Kreis der Familie mitfeiern lassen. Wenn es hier anfangs Ressentiments gegeben hat, dann haben ein paar gute Begegnungen sie erstickt. Vielleicht ist die Zeit ja der schlimmste Feind der Angst.

Vergleichbare Situation in Mainz: Eine Bürgerversammlung zum Thema Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende.© Bürgerversammlung von Franz Ferdinand Photography unter Lizenz CC BY-NC-ND 2.0

Deutschlandreise

Tag 12: Das Keifen der Bürger

von David Ehl

Das NDR-Medienmagazin ZAPP hat jetzt auch einen Beitrag über Davids Deutschlandreise gebracht. 

Direkt bei der Berufsschule im Leipziger Süden ist ein Parkplatz frei. Ich stelle den Motor aus, ziehe die Handbremse und bleibe noch kurz im Auto sitzen. Im letzten Sonnenlicht sind viele Menschen unterwegs, allein, paarweise, in kleinen Gruppen. Alle gehen in dieselbe Richtung. Ich ahne schon, es wird voll werden in der Aula. Ich ahne nicht, wie aufgeheizt die Stimmung sein wird.

Die Anwohner des Leipziger Stadtteils Probstheida besuchen einen Informationsabend zu einer geplanten Flüchtlingsunterkunft, es soll in einem leer stehenden Schulgebäude eingerichtet werden. Im Januar explodierte dort ein amateurhafter Sprengsatz aus Spraydosen und Grillanzünder, richtete aber keinen Schaden an. Jetzt, im April, wollen Bürgermeister und Sozialamtsleiterin in einer Fragestunde Sprengsätze in den Köpfen entschärfen.

Vor der Tür der Aula steht eine Menschentraube – die Männer in den roten Shirts einer privaten Sicherheitsfirma lassen nur rein, wer sich als Bewohner des Bezirks ausweisen kann. „Die Syrer kommen doch auch ohne Pass rein“, ruft einer der Wartenden. Ich werde erst durchgelassen, als ich Presseausweis und die Mail des städtischen Presseamts auf meinem Smartphone vorgezeigt habe. Als ich an den Wartenden vorbei gehe, zischt eine Frau „Presse ist gefährlich, Presse ist gefährlich. Verdrehen wird er alles.“

In der Aula sind so gut wie alle der 200 Stühle besetzt. In der vorletzten Reihe finde ich einen Platz. Die Stimmung ist gereizt, gut 100 Leute warten draußen.

19 Uhr: Die Glastür springt auf, fünf, sechs Kerle im Kurzhaarschnitt schieben drei machtlose Security-Männer vor sich her, ein paar Fäuste fliegen, sie sind im Saal. „Lasst die Leute rein“, ruft jemand hinter mir. Die Polizei wird später von „bis zu 20 Personen“ reden, die sich Einlass verschafft haben. Vor den Rednern bauen sich mehrere Security-Männer auf. „Jetzt stehen sie da, um die zu schützen. Ist das arm“, amüsiert sich eine Frau schräg hinter mir.

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19.05 Uhr: In der linken Saalhälfte steht ein Mann um die 60 auf. „Es ist doch genug Platz hier, lasst die Leute rein!“ Aus dem Applaus des Saals heben sich einzelne „Die Mauer muss weg“-Rufe ab. Wenig später tuscheln die ersten, die Veranstaltung sei abgebrochen worden. Inzwischen haben einige Polizisten in Einsatzkleidung unter Johlen die Aula betreten.

19.17 Uhr: Ein Mann hinten links schlägt vor: „Lasst uns raus auf den Hof gehen, da ist genug Platz!“ Der Saal jubelt, Polizisten und Security-Männer schweigen. Die ersten stehen auf und gehen.

19.21 Uhr: Bürgermeister Thomas Fabian ergreift ein Mikrofon und sagt: „Ich möchte sie ganz herzlich begrüßen.“ Vielleicht nicht der klügste Satz angesichts der Stimmung im Saal. Dass die Veranstaltung abgesagt und zu einem anderen Zeitpunkt nachgeholt wird, geht bereits in Pfui-Rufen unter. Als ich ein paar Minuten später mit ihm reden will, wimmelt mich eine kurz angebundene Pressesprecherin ab. Draußen machen ein paar Flugblätter mit stramm nationalen Aussagen die Runde, bald löst sich die Menge auf. Security und Polizei klatschen ab, ich gehe zurück zum Auto.

Ich hätte gern gehört, was die Bewohner von Probstheida zu sagen haben. Hier habe ich sie gespürt, die Angst vor der Überfremdung, die ich bisher nur aus der Ferne kannte. Eine Angst, die sich aus dem Misstrauen gegen Politiker und Polizei speist, aus dem Gefühl, seit der Wende vor 25 Jahren überrollt worden zu sein von etwas Fremdem. Eine Angst, die sich hinter einer Maske aus Wut versteckt.

Auf der Rückfahrt denke ich lange über die aufgeheizte Stimmung nach, das Keifen, die latente Gewalt. Es waren ganz normale Bürger, die in der Aula saßen. Wie tief müssen sie frustriert sein.

Ich grüble noch lange nach über Ost und West.