Eine Woche lang begleitet unser Reporter auf Malta die Arbeit der Rettungsorganisation Sea-Wach. Am vergangenen Mittwoch enterten Bewaffnete ein Schiff von Ärzte ohne Grenzen. Daraufhin zogen sich viele Helferteams von der libyschen Küste zurück. Sea-Watch will jetzt so schnell wie möglich dorthin zurückkehren.

„Eigentlich kann es nicht sein, dass wir uns solchen Gefahren aussetzen“, sagt Ruben Neugebauer von der Rettungsorganisation Sea-Watch. „Die EU muss Verantwortung übernehmen.“

Es ist kurz vor 12 Uhr. Das Treffen der Retterteams im Mittelmeer ist zu Ende. Vertreter der Organisationen Jugend rettet, Sea Eye, Life Boat und der holländischen Boat Refugee Foundation trafen sich im Sea-Watch-Basiscamp auf Malta – nachdem in der vergangene Woche Unbekannte die Bourbon Argos von Ärzte ohne Grenzen geentert und durchsucht hatten.

# Vier Rettungsschiffe im Hafen von Malta - von links die Sea-Eye, die Minden von Life Boat, die Sea-Watch 2, die Phoenix 1 von Moas.JPG

Bis die neuen Sicherheitskonzepte greifen, liegen die Einsatzschiffe der Helfer fest im Hafen von Malta.

Bastian Schlange

Die Diskussionen an diesem Morgen sind unaufgeregt. In den meisten Punkten sind sich die Retter einig: Die Sicherheit der Crews steht an erster Stelle; die Mission auf dem Mittelmeer kann nur gemeinsam bewältigt werden; die Organisationen werden die Rettungseinsätze nicht wegen dieses einen Vorfalls einstellen. Und: Den Angriff dem IS zuzuschreiben, ist pure Spekulation.

Jetzt sitzt Neugebauer am Küchentisch in einem Haus am Yachthafen von Valletta, in dem die Seenotretter wohnen. Ihm gegenüber Sandra Hammamy, Leiterin des Basis-Camps. Zwischen ihnen Äpfel, Pflaumen und Reiswaffeln.

Wann fährt die Sea-Watch 2 wieder raus? Das Schiff war nach dem Angriff aus dem Krisengebiet in den Hafen nach Malta zurückgekehrt. „Das Ziel ist, so schnell wie möglich wieder im Einsatz zu sein“, sagt Hammamy. „Aber das ohne Eile.“ Wichtig sei es jetzt, mit Bedacht vorzugehen. Jeden Schritt noch sorgfältiger als bislang zu planen. 

Drei Stunden später an Bord der Sea-Watch 2. Die Funken eines Schweißbrenners tanzen über das Deck, es riecht nach frischer Farbe. Die Umbauarbeiten haben begonnen. Vor allem gilt es, einen Sicherheitsraum einzurichten, in den sich die Crew im Falle eines Angriffs flüchten kann. Um sich so lange darin zu verschanzen, bis Hilfe eintrifft.

# Tillmann Teltemann bei Schwei+ƒarbeiten auf der Sea-Watch 2.JPG

Schweißarbeiten an Bord der Sea-Watch 2. Türen müssen verstärkt, ein Safe-Room muss eingerichtet werden.

Bastian Schlange

„Wenn wir die Stahlarbeiten abgeschlossen haben, wie machen wir es mit den Trainings für die Crews?“, will Tillmann Teltemann wissen, der stellvertretende technische Leiter. Drei Jahre ist er auf Containerschiffen zur See gefahren, 2013 durchquerte er die Piratengebiete vor Somalia. Er hat die Sicherheitsprotokolle von damals für die Sea-Watch 2 übernommen und plant nun, welche Türen wann und wie verschlossen sein müssen. Wie die Crew im Ernstfall miteinander kommuniziert. Was sie macht, wenn unbekanntes Schiff auftaucht. Was, wenn sie beschossen wird.

„Wir müssen sicherstellen, dass die Regeln für alle gelten und im Einsatz befolgt werden. Vom Helfer bis zum Käptn“, sagt Welf Seyer, Logistikbeauftragter von Sea-Watch. Der schlaksige junge Mann steht an die Brücke gelehnt und schaut hinüber zu Einsatzleiter Ingo Werth. Der nickt. „Anders geht es nicht. Wobei wir auch aufpassen müssen, was für eine Stimmung wir an Bord erzeugen. Es darf nicht passieren, dass hier irgendwann 15 verängstigte Menschen stehen, die Angst haben, mit dem Schnellboot rauszufahren.“

Wobei die Bedrohung auf See nur das eine ist. Jeder Retter, der freiwillig in ein Krisengebiet geht, weiß, dass er sich Risiken aussetzt. Darauf kann man sich vorbereiten. Auf die Diskussionen in der Heimat dagegen nicht. Wie werden die Unterstützer reagieren? Wie die deutsche Öffentlichkeit?

„Wir brauchen Experten, um die Situation einschätzen zu können“, sagt Einsatzleiter Werth. „Vielleicht war der Vorfall auch nur eine Eintagsfliege.“

Logistikbeauftragter Welf Seyer schüttelt den Kopf. „ Das ist egal“, sagt er bestimmt. „Wir wissen nicht, ob es nochmal passieren wird. Genau deswegen müssen wir vorbereitet sein.“


Unser Reporter Bastian Schlange ist diese Woche auf Malta und begleitet die Seenotretter bei Ihrer Arbeit. Weitere Texte, Videos und Fotos findet Ihr in diesen Tagen auf correctiv.org, auf unserer Facebook-Seite und bei Twitter.

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