Profil

Bastian Schlange

Redaktionsleiter CORRECTIV.Ruhr

Wenn es der Wahrheitsfindung dient, gründet Bastian Schlange auch mal einen Nationalpark in den USA und gibt sich bei einer italienischen Familie als Schwiegersohn in Not aus. Mit solchen Undercover-Aktionen ließ Schlange ein deutsches Wilderernetzwerk auffliegen und gewann dafür den Axel-Springer-Preis für Investigative Recherchen. Bevor er 2014 zu CORRECTIV kam, gründete er die Wattenscheider Schule mit, eine Experimentierstätte für unkonventionelle Undercover- und Gonzo-Reportagen im Großstadt-Dschungel des Ruhrpotts, seiner Heimat. Beim Journalisten-Blog Ruhrbarone gab Schlange als Chefredakteur des blog-eigenen Magazins dem Ruhrgebiet und seiner kreativen Szene eine Plattform und schrieb zudem für den Ankerherz Verlag. Neben dem Journalistikstudium an der TU Dortmund arbeitete er u.a. für die Deutsche Presse Agentur und die Bild-Zeitung. Jetzt leitet er die NRW-Redaktion CORRECTIV.RUHR und verantwortet das CORRECTIV-Bookzine, ein 230 Seiten starkes Magazin im Hardcover, das CORRECTIV regelmäßig für Mitglieder und Interessierte verlegt.

E-Mail: bastian.schlange(at)correctiv.org

Das französische Atomkraftwerk Belleville ging Ende der 1980er ans Netz.© Ivo Mayr/Correctiv ( Vorlage AFP )

AKW-Brandschutz

Brandgefährlich: So marode ist der Brandschutz in Europas Atomkraftwerken

Deutsche Atomkraftwerke haben ein Sicherheitsproblem: ihre Brandschutzklappen sind Jahrzehnte alt. Unterlagen aus dem Inneren des französischen Atomgiganten EDF zeigen, mit welchen Tricks Betreiber die erlaubten Grenzwerte einfach selbst ändern. Und wie Aufsichtsbehörden alles absegnen – auch in Deutschland. Dies ist auch die Geschichte zweier Whistleblower, die vergebens warnen. Eine gemeinsame Recherche mit dem RTL Nachtjournal und Mediapart.

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Alte Apotheke

Der Apotheker

Es ist einer der größten Medizinskandale seit Contergan: Ein Bottroper Apotheker panschte über Jahre Krebsmedikamente und verdiente Millionen. Gleichzeitig betrog er tausende Menschen um ihre lebensrettenden Arzneien. Wer ist dieser Mann? Und was brachte ihn dazu, in seinem Labor Gott zu spielen? Lesen Sie die Geschichte des Peter Stadtmann.

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NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU)© Patrik Stollarz / AFP

Alte Apotheke

Trotz angekündigter Kontrollen: Mängel und Unterdosierung bei Krebsmedikamenten in NRW

Das NRW-Gesundheitsministerium hat die Ergebnisse einer landesweiten Kontrolle von Krebsmedikamenten aus Apotheken veröffentlicht. Obwohl die Kontrollen öffentlich angekündigt waren, stellten die Aufsichtsbehörden Mängel und eine Unterdosierung fest. Eine Apotheke wurde vorübergehend geschlossen.

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von Cristina Helberg , Bastian Schlange

Als Reaktion auf den Skandal der unterdosierten Krebsmedikamente aus der Alten Apotheke in Bottrop hatte Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann vor einem Jahr verschärfte Kontrollen und Probeentnahmen angeordnet. Nun hat das Ministerium die Ergebnisse bekannt gegeben.

Seit August vergangenen Jahres wurden alle 116 Apotheken in NRW überprüft, die individuelle Krebsmedikamente herstellen. Das Ergebnis: Von 123 Proben, die genommen wurden, waren 122 „analytisch nicht zu beanstanden”, teilte das Ministerium mit. In einem Fall war der Wirkstoff unterdosiert. Weitere Proben in der betroffenen Apotheke sollen aber in Ordnung gewesen sein.

Angekündigte unangekündigte Kontrollen

Das Ministerium schreibt in seiner Presseerklärung, dass die Kontrollen unangekündigt stattgefunden hätten. Ganz unangekündigt waren die Kontrollen allerdings nicht: Laumann hatte öffentlich angekündigt, dass er als Konsequenz aus dem Bottroper Medikamentenskandal Apotheken unangekündigt kontrollieren wolle. Jeder Apotheker, der individuelle Krebszubereitungen in NRW herstellt, wusste also, dass er in den nächsten Monaten überprüft wird. Nur der Zeitpunkt der angekündigten unangekündigten Kontrollen war unklar.

Trotzdem stellten die Aufsichtsbehörden bei ihren Inspektionen Mängel fest. Es handelte „sich überwiegend um Dokumentationsmängel (85 Prozent) und in einem geringeren Umfang um organisatorische Mängel (15 Prozent)“, schreibt das Gesundheitsministerium in seiner Pressemitteilung.

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In einer überprüften Apotheke wurde die Produktion vorübergehend gestoppt, nachdem Mängel entdeckt wurden. Es sei aber nicht die Apotheke gewesen, in der man die unterdosierte Probe entnommen habe.

Kein Bagatellfehler

Apotheken, die Krebsmedikamente herstellen, müssen den Produktionsprozess genauestens dokumentieren. Unter Dokumentationsmängel können dabei viele verschiedene Beanstandungen fallen. Welche das konkret in den vorliegenden Fällen waren, konnte uns das Ministerium heute Nachmittag nicht kurzfristig beantworten. Genauso wenig war es in der Lage zu sagen, wie viele Mängel insgesamt in absoluten Zahlen festgestellt wurden. Klar ist aber: Eine fehlerhafte Dokumentation ist kein Bagatellfehler. Dokumentation ist elementarer Bestandteil der Qualitätssicherung.

Dokumentationsmängel waren zum Beispiel im Fall der Alten Apotheke ein zentrales Problem. Weil Unterschriften fehlten, ließ sich bei vielen Krebsmedikamenten nicht nachvollziehen, von wem sie hergestellt wurden. Wenn man nicht nachweisen kann, wer unterdosierte Medikamente hergestellt hat, ist es schwer bis unmöglich jemanden dafür zu verurteilen.

Laumann will weiter kontrollieren

Gesundheitsminister Laumann lobt die Kontrollen als vollen Erfolg: „Die Ergebnisse der Überwachung zeigen, dass die Herstellung von patienten-individuellen Zytostatika-Zubereitungen im Land qualitativ hochwertig und entsprechend den ärztlichen Verordnungen erfolgt“. Trotzdem seien aufgrund der festgestellten Mängel Kontrollen zur „Sensibilisierung der Apotheken“ notwendig.

Laut Ministerium soll weiterhin „in angemessenem Umfang“ kontrolliert werden. Auch auf die Frage, was das Ministerium als angemessen betrachtet, haben wir bisher keine Antwort bekommen. Das Ministerium teilte uns mit, dass aus zeitlichen Gründen erst mit einer Beantwortung unserer Fragen Anfang nächster Woche zu rechnen sei.

Nirgendwo in Deutschland werden so wenig unter Dreijährige betreut wie in Nordrhein-Westfalen. (Symbolbild).© Stan Honda / AFP

Jugend & Bildung

NRW: Schlechteste U3-Versorgung bundesweit

Viele Eltern in NRW bangen derzeit um einen Betreuungsplatz für ihr Kleinkind. Grundsätzlich besteht ein Rechtsanspruch auf eine U3-Betreuung. In der Praxis ist das nicht so einfach. Besonders in NRW. Unser Bundesland hat die schlechteste Betreuungsquote bundesweit. Hinzu kommen widersprüchliche Statistiken, undurchsichtige Verfahren und viele offene Fragen. Am Montag, 14. Mai, wollen wir darüber diskutieren.

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von Cristina Helberg , Bastian Schlange , Tim Schlange

Der 14. Mai ist der bundesweite Tag der Kinderbetreuung. Ein gutes Datum, um sich den Fragen zu widmen, die zurzeit viele Eltern in NRW beschäftigen. Denn gerade für berufstätige Eltern ist ein Betreuungsplatz für ihr Kind entscheidend. Doch in NRW ist der nicht so einfach zu bekommen.  

Themenkomplex U3-Betreuung

Fragen und Antworten zum Rechtsstreit um den Kitaplatz – ein Beispiel aus Münster

Umfrage: Tageseltern vs. Kitaplatz 

Wie ist die Situation in NRW?

Nirgendwo in Deutschland werden so wenig unter Dreijährige betreut wie in Nordrhein-Westfalen. Nur 26,3 Prozent der U3-Kinder gehen hier in die Kita oder zu Tageseltern. Zu diesem Ergebnis kommt ein Bericht des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Zum Vergleich: In Sachsen-Anhalt sind mit 57 Prozent mehr als doppelt so viele Kinder in Betreuung, das ist der Spitzenplatz in Deutschland. NRW hat in Sachen U3-Betreuung also Nachholbedarf.

Auf der Seite der Landesregierung klingt die Situation anders: „Nordrhein-Westfalen ist ein Land für Familien. Hier bekommen Eltern wichtige Unterstützung bei ihrer Bildungs- und Erziehungsaufgabe. Dazu gehört, dass es ausreichend Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren gibt.” Ein paar Zeilen darunter nennt die Landesregierung für das Kindergartenjahr 2017/2018 die Zahl von 179.472 angemeldeten Betreuungsplätzen für U3-Kinder. „Dies entspricht einer Versorgungsquote von rund 37,5 Prozent für unter Dreijährige”, so die Landesregierung.

Woher kommen die unterschiedlichen Zahlen?

Vier Monate Zahlenspielerei für bessere Statistiken

Während die NRW-Landesregierung eine U3-Betreuungsquote von 37,5 Prozent lobt, bemängelt das Institut der deutschen Wirtschaft eine Quote von 26,3 Prozent. Für das gleiche Bundesland, für die gleichen Kinder. Die Zahl der Landesregierung ist gut 40 Prozent größer als die des IW.

Das Statistische Bundesamt, auf dessen Zahlen der Bericht des IW beruht, und die Landesregierung ermitteln durch unterschiedliche Erhebungen verschiedene Zahlen. Die statistischen Einzelheiten sind kompliziert. Doch es geht dabei um viel Geld.

Denn für jedes betreute Kind zahlt das Land NRW eine jährliche sogenannte Kindpauschale an die Träger der Einrichtung. Für Kinder unter drei Jahren variieren diese Jahrespauschalen zwischen 4.689,45 und 16.636,96 Euro. Für Kinder über drei Jahren gibt es deutlich weniger Geld, zwischen 3.461,01 und 7.404,64. Der Gedanke dahinter: Jüngere Kinder müssen aufwändiger und in kleineren Gruppen betreut werden. Wieviele Kinder in der Statistik U3 oder Ü3 sind, entscheidet also über hohe Summen.

Der richtige Geburtstag des Kindes ist dabei nicht allein entscheidend. Es kommt nämlich auf den Erhebungszeitraum für die Altersbemessung an. Und der unterscheidet sich beim Statistischen Bundesamt und der Landesregierung. Damit fallen auch die Statistiken unterschiedlich aus.

Für das aktuelle Kindergartenjahr, das am 1. August beginnt, betrachtet die Landesregierung die ersten drei Monate. Alle Kinder, die einen Betreuungsplatz haben und bis zum 1. November unter drei Jahre alt sind, fließen in ihre Zählung ein. Das Statistische Bundesamt dagegen betrachtet den Zeitraum bis zum 28. Februar. Das heißt, der Zeitraum, in dem die Kinder das dritte Lebensjahr erreichen und damit aus der Statistik herausfallen können, ist um vier Monate länger. Somit erfasst das Statistische Bundesamt weniger Kinder, die sich im laufenden Kindergartenjahr in einer U3-Betreuung befinden.

Die Landesregierung schreibt dazu lapidar: Die Zahlen „beruhen auf unterschiedlichen rechtlichen Vorschriften, beziehen sich auf unterschiedliche Sachverhalte und erfüllen unterschiedliche Funktionen.“

Welche Auswirkungen haben die unterschiedlichen Zahlen?

Da die absolute Zahl der U3-Kinder in der Gesamtbevölkerung gleich bleibt, verbessert sich natürlich die Betreuungsquote, wenn man mehr Kinder in den Kitas als U3-Betreuungen erfasst. Die Statistiken der Landesregierung sehen durch diese Vier-Monats-Zahlenspielerei besser aus. Hinzu kommt: Das Land zahlt für diese Kinder damit auch zwölf Monate die höhere Pauschale. Dadurch erhalten die Träger deutlich mehr Geld.

Betreuungslücke: 78.000 Kinder ohne Platz

Eine andere Zahl sagt noch mehr über die aktuelle Betreuungssituation aus: die sogenannte Betreuungslücke. Also die Zahl der Kinder ohne Betreuungsplatz, obwohl sich die Eltern einen Platz wünschen. Für einen bedarfsgerechten Ausbau sind diese Zahlen elementar. Denn nur wenn klar ist, wie viele Eltern sich einen Platz wünschen, können auch genügend geschaffen werden.

Doch diese Daten erheben die Statistischen Bundesämter gar nicht. Für die aktuelle Berechnung der gewünschten Plätze muss eine Befragung von Familien im Auftrag des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2016 herhalten. Nur: Diese Daten sind weder aktuell, noch besonders genau. Im Jahr 2016 wurden pro Bundesland rund 2.300 Eltern befragt. Diese Ergebnisse werden hochgerechnet. Sie sind deshalb „mit einer gewissen statistischen Unsicherheit behaftet”, so das Institut der deutschen Wirtschaft in seinem Bericht. Deshalb lassen sie sich auch nur bis auf Länderebene berechnen. Konkrete Zahlen für Kreise oder gar Städte – Fehlanzeige.

Für NRW ergibt sich daraus laut IW-Bericht eine Betreuungslücke von 15,6 Prozent für Kinder unter drei Jahren. Das sind rund 78.000 Kinder, die keinen Betreuungsplatz haben, für die sich ihre Eltern aber einen wünschen. Dahinter stehen zehntausende Geschichten von Eltern, die auf zwei Gehälter angewiesen sind, aber ohne fehlenden Platz nicht beide arbeiten können. Alleinerziehende, die keine Alternative haben. Sie alle konkurrieren um viel zu wenig Plätze.

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Chaos auf kommunaler Ebene

Wie werden die vorhandenen Plätze verteilt? Diese Frage ist eine zentrale für Eltern. Denn die Vergabe-Kriterien sind undurchsichtig. Wie entscheidet man, welches Kind einen Betreuungsplatz dringender benötigt? Sind berufstätige Eltern vorzuziehen? Sollten Geschwisterkinder bevorzugt werden? Dürfen die Kindergärten nach Sympathie aussuchen, nach Namen, Herkunft, Einkommen der Eltern oder soll am Ende nur das Glück entscheiden?

Ein landesweit einheitliches Vergabesystem gibt es nicht. Eltern müssen sich stattdessen zwischen Wartelisten, elektronischer Platzvergabe und überforderten Behörden einen Platz erkämpfen.

Jede Stadt hat ihr eigenes Konzept für die Vergabe der Plätze. Geplant wird das Vorgehen in den kommunalen Jugendhilfeausschüssen.

Es sind komplexe Fragen, die auch juristisch relevant sind. Denn viele Eltern versuchen ihren Anspruch vor Gericht durchzusetzen. In diesen Verfahren stehen dann auch die Vergabekriterien auf dem Prüfstand.

Diskussionsabend „Fehlende Kitaplätze in NRW“

Am Montag, 14. Mai, dem bundesweiten Tag der Kinderbetreuung, wollen wir diese Fragen mit Ihnen und Vertretern der Eltern und des Landes diskutieren und darüber hinaus auch die Möglichkeit bieten, direkt Fragen zu rechtlichen Ansprüchen und Schritten zu stellen.

Unsere Gäste:

  • Manfred Walhorn, Leiter der Familien- und Kinderabteilung des Familienministeriums NRW.

  • Matthias Neufeld, Landeselternbeirat NRW und Elternbeirat in der Stadt Essen

  • Henning Schulte im Busch, Anwalt aus Münster, der Eltern bei Kitaplatz-Klagen vertritt.

Eine Anmeldung ist nicht nötig, aber erwünscht. HIER KLICKEN. Und für die Facebook-Veranstaltung HIER KLICKEN.

Ort: Der CORRECTIV Buchladen | Akazienallee 10| Essen

Beginn: ab 19:00 Uhr

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Alte Apotheke

Krankenkassen kritisieren Apotheker: Selbstverpflichtung reicht nicht aus

Die Apotheker Nordrhein-Westfalens haben als Reaktion auf den Fall der Alten Apotheke in Bottrop eine Selbstverpflichtung entworfen. Diese geht nicht weit genug, sagen AOK und Barmer.

von Bastian Schlange , Cristina Helberg , Anna Mayr , Marcus Bensmann

Die Apotheker, die in NRW Krebsmedikamente mischen, sollen eine Erklärung unterzeichnen. Darin verpflichten sie sich erneut zu den Standards ihres Berufs: Dazu, nicht alleine zu arbeiten. Und dazu, über ihre Arbeit genau Protokoll zu führen.

Im Wortlaut heißt es:

Bei unserer Arbeit beachten wir stets die gesetzlichen Vorgaben und Qualitätsstandards zur Herstellung. Das am Herstellungsprozess beteiligte Fachpersonal bilden wir regelmäßig fort. So wird der Herstellungsprozess immer auf dem neuesten Stand von Wissenschaft und gesetzlichen Vorgaben durchgeführt. Auch durch die aktuell verabschiedete, interprofessionelle Leitlinie der Onkologen/innen und Apotheker/innen wird die Versorgungsqualität konsequent sichergestellt.

Darüber hinaus erklären wir,

  • dass wir jederzeit das Vier-Augen-Prinzip bei der Herstellung von Zytostatikalösungen konsequent einhalten. Wir haben Maßnahmen entwickelt, mit denen wir dafür Sorge tragen, dass auch bei personellen Engpässen dieses Vier-Augen-Prinzip sichergestellt wird.

  • dass eine Durchschrift unserer Herstellungsdokumentation dem verordnenden Arzt zur Verfügung steht, damit diese möglichst in die Patientenakte aufgenommen werden kann. Darin werden alle am Herstellungsprozess beteiligten Personen benannt.

  • dass wir auf Nachfrage jederzeit einen transparenten und plausiblen Überblick über die bezogenen und verwendeten Ausgangsstoffe und deren Dokumentation geben können.

Die Apotheker wollen mit der Erklärung das Vertrauen der Krebs-Patienten wiederherstellen. Viele sind durch den Skandal in der „Alten Apotheke“ verunsichert.

Die Krankenkassen AOK und Barmer wollen mehr.

„Nicht ausreichend“, findet ein Sprecher der AOK Rheinland „angesichts der Dimension und Schwere des Skandals“ die freiwillige Selbstverpflichtung. Das antwortete er auf eine CORRECTIV-Anfrage.

Die Krankenkasse AOK findet, man müsse viel weiter gehen. „Die Einhaltung des Vier-Augen-Prinzips sollte selbstverständlich sein“, sagte ein Sprecher. Die Barmer Ersatzkasse sieht in der Selbstverpflichtung zwar ein „positives Signal“, merkt allerdings an, dass das „Vier-Augen-Prinzip bereits jetzt fester Bestandteil der Leitlinie“ sei. Die Selbstverpflichtung verändert also nichts.

Beide Krankenkassen fordern neue gesetzliche Regelungen:

  • Unangemeldete Kontrollen der Abrechnungen in den Apotheken

  • Kontinuierliche und unangemeldete Stichproben der hergestellten Krebsmedikamente durch die Apothekenaufsicht

Die Kosten dafür müssten Apotheker und Behörden klären, schreibt der Sprecher der Barmer Ersatzkasse.

Beide Forderungen finden sich in der Selbsterklärung der Apotheker nicht.  

Ein Einzelfall

Die Apotheker sagen hingegen, dass ihre Reaktion ausreichend sei. Der Chef der Apothekerkammer Westfalen-Lippe Andreas Walter sieht in dem Fall Stadtmann kein strukturelles Problem: „Das System ist nicht marode und faul. Das ist ein krimineller Einzelfall“, sagt er.

Das sagt auch der Dortmunder Amtsapotheker Georg Bühmann: „Wir haben hier ein schwarzes Schaf unter vielen hunderten von weißen Schafen. Ich glaube nicht, dass in der Gesetzgebung für die Überwachung etwas zu ändern wäre.“ Schließlich erkenne er seine „Schweine am Gang“, fügte er hinzu.

Die Selbstverpflichtung stellten die Apotheker am Dienstag, dem 24. April, bei den Münsteraner Gesundheitsgesprächen vor. Am Abend vorher verlieh die Apothekerstiftung Westfalen-Lippe einen Journalistenpreis, bei dem CORRECTIV für die Recherche im Fall der „Alten Apotheke“ mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde.

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Der Apotheker Peter Stadtmann steht in Essen vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, 62.000 Krebszubereitungen gepanscht und die hygienischen Standards nicht eingehalten zu haben. Im Labor arbeitete Stadtmann allein.

Ein perverses System

Auch der Whistleblower Martin Porwoll, der Peter Stadtmann angezeigt hatte, war bei den Gesundheitsgesprächen. Er warnte die anwesenden Apotheker, den Fall nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Das System zur Kontrolle der Krebsmittelherstellung sei fehlerhaft und müsse grundlegend überdacht werden.

Auch der Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP), Fritz Sörgel, hatte im Prozess gegen Peter Stadtmann gesagt: „Wenn es eine bundesweite Untersuchung von in Apotheken hergestellten Zytostatika gäbe, würde diese wahrscheinlich erschreckende Ergebnisse liefern.” Vielen seiner Kollegen sei nicht bewusst gewesen, dass in Deutschland Krebstherapien in diesem Ausmaß in privaten Apotheken hergestellt werden, „das ist ein perverses System.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (SPD) geht noch weiter als die Krankenkassen: Er will, dass es Jobs wie den von Peter Stadtmann gar nicht mehr gibt. Er fordert eine bundesweite Reform bei der Herstellung und dem Vertrieb von Krebsmedikamenten. „Chemotherapeutika“ sollten nur noch in Krankenhäusern hergestellt werden. Denn „dort herrscht das Mehraugenprinzip“. Außerdem können Krankenhausapotheker sich nicht an den Wirkstoffen bereichern, weil sie sie nicht selbst einkaufen.

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In eigener Sache

CORRECTIV-Bookzine #5 – Gemeinsam stark.

Ein 230-Seiten starkes Magazin im Hardcover – kurz Bookzine. In dem Format veröffentlicht CORRECTIV seine besten Recherchen für Mitglieder und Interessierte auf Papier. Die kommende Ausgabe zum Oberthema Mensch erscheint Ende April. Dieses Mal mit einem besonderen Dreh: Entstanden ist es mit jungen Design-Studenten aus Hamburg.

von Bastian Schlange

CORRECTIV steht für gemeinnützigen Journalismus, für aufwendige Investigativ-Recherchen, für eine Möglichkeit, die Lücken unseres krankenden Mediensystems zu füllen. Aus unserer wirtschaftlichen Unabhängigkeit erwachsen aber nicht nur Möglichkeiten, sondern auch Verpflichtungen.

CORRECTIV muss seine Spielfläche jenseits der Auflagenzwänge und Verlagsinteressen nutzen, um den Journalismus weiter zu entwickeln. Wir müssen experimentieren und neue Stimmen für journalistische Inhalte finden, um mehr Menschen zu erreichen – lautere, gefühlvollere, intensivere Stimmen.

Das machen wir auf vielen Feldern. Im kommenden Bookzine veröffentlichen wir die originale Spielfassung der „Schwarzen Flotte“, eines Theaterstücks, das Kay Voges auf der Bühne des Schauspielhauses Dortmund inszeniert hat. Für die Inszenierung hat die Autorin Anne-Kathrin Schulz eine sechsmonatige CORRECTIV-Recherche zu den Schlepperbanden des Mittelmeeres in Form eines – wie wir finden –begnadet geschriebenen Monologes für ein ganz neues Publikum aufbereitet.

Fünf Minuten Gespräch

Der Zuschauer folgt dem Reporter bei seiner Suche nach der Wahrheit. Und genau darauf kommt es letztendlich an. Journalismus als Theaterstück. Als Comic. Als Festival. Als Rock’n’Roll. Oder eben als Bookzine.

Die Gestaltung des neuen Bookzines ist mit Studenten entstanden, mit jungen kreativen Menschen des Designfachbereiches der HAW, einer öffentlichen Fachhochschule im roten Klinkerbau eines ehemaligen Geburtenkrankenhauses in Hamburg. Für kleinere Illustrierungen arbeiteten wir bereits im vergangenen Jahr mit HAW-Studenten zusammen. Im Sommer 2017 dann habe ich Prof. Reinhard Schulz-Schaeffer angerufen, den Fachgruppenleiter Design. Ich erzählte ihm von der Idee, das kommende Bookzine zusammen mit seinen Studenten zu erarbeiten.

Nach nicht einmal fünf Minuten Gespräch – und etwa drei Wochen vor Semesterende – sagte er uns für das folgende Semester einen kompletten Kurs zu. Eine klare, schnelle Entscheidung. Und dann machen. Das war der erste Schritt unserer Zusammenarbeit und letzten Endes der rote Faden, der sich durch die vergangenen Monate zog.

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Eine engere Verknüpfung

Das kommende Bookzine fasst die Semesterarbeiten von rund zwei Dutzend Studenten, die wir redaktionell begleitet haben, mit denen wir Ideen entwickelt und neue Wege bestritten haben. Wir haben eine engere Verknüpfung zwischen Journalismus und Visualisierung gesucht. Wir haben Illustratoren nicht einfach mit Grafiken beauftragt, sondern mit ihnen gemeinsam Geschichten erdacht. Die Inhalte dieses Bookzine basieren auf CORRECTIV-Recherchen, entstanden sind so aber völlig neue Geschichten.

Der Fall der gepanschten Krebsmittel aus der Alten Apotheke in Bottrop wird in Schrift und Bild erzählt, ein persönlicher Aspekt unserer Recherche zu den steigenden Meeresspiegeln aufgegriffen und unsere Serie zum Leben in deutschen Gefängnissen als Grundlage für eine 20-seitige Grafische Reportage genutzt. Ganze Themenschwerpunkte wie zum Beispiel zu Nitratbelastungen oder Minijobs werden allein in Grafikstrecken erzählt.

Die Studenten sind mit anderen Augen an die Themen gegangen, mit Unbefangenheit, eigenen Blickwinkeln und Denkansätzen. Ein Potenzial, das in vielen Redaktionen nicht erkannt oder genutzt wird. Das Ergebnis sind Synergien und Symbiosen. Wir haben viel gelernt. Ebenso die Studierenden. Und am Ende stehen weit mehr als journalistische Inhalte und Illustrationen allein.

Gemeinsam geschafft

Es sind grafische Erzählungen geworden – basierend auf Daten oder Schicksalen. Und damit haben wir uns auch in unserem Oberthema gefunden: Mensch. Denn Mensch zu sein, bedeutet weit mehr als nur Körper und Geist – wie die beiden großen Kapitel der kommenden Ausgabe heißen. Am Ende kommt es auf die Einheit an. Das ist wichtig zu begreifen. Und das haben wir gemeinsam mit den Studenten der HAW geschafft.

Ich freue mich sehr darauf die kommende Ausgabe in Händen zu halten und danke allen Studenten für ihre großartigen Arbeiten und ihr Engagement. Besonders danke ich Reinhard, der das gezeigt hat, was ich unter den Akademikern meines Studiums immer vermisst habe: Biss.

CORRECTIV sind viele.

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NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU)© Patrik Stollarz / AFP

Alte Apotheke

NRW-Gesundheitsminister Laumann macht Zugeständnisse im Fall der Alten Apotheke

Ein Erfolg für alle Betroffenen des Bottroper Apothekerskandals: Nach der intensiven Berichterstattung über die schlechteren Krankheitsverläufe von Krebspatienten, die ihre Chemotherapien aus Bottrop bekommen haben, macht die Landesregierung nun Zugeständnisse. Bei den Apothekenkontrollen, einer Patientenvergleichsstudie und der Patienteninformation.

von Bastian Schlange

Vergangene Woche traf sich Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann mit 13 Betroffenen zum Fall der Alten Apotheke. Gut eineinhalb Stunden saß der CDU-Politiker im Besprechungsraum 5140 des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS) mit Vertretern seines Stabes und den Geschädigten aus Bottrop und Düsseldorf sowie dem Whistleblower Martin Porwoll zusammen. Zentrale Fragen zum besseren Umgang mit dem Medizinskandal wurden diskutiert. Laumann bezeichnete das Gespräch als „gut und konstruktiv“.

Die Betroffenen dagegen bleiben skeptisch. „Es kommt alles etwas spät. Aber besser spät als nie. Und auch nur nachdem Druck aufgebaut wurde“, sagt Heike Benedetti, die ihre Medikamente aus der Alten Apotheke bekam und nun die regelmäßigen Mahnwachen für die Geschädigten in Bottrop organisiert.

Hintergrund: Die Geschichte der Onko-Mädels (CORRECTIV.Ruhr)

Viel zu lange wurde der Apothekenskandal in Düsseldorf ignoriert und die Betroffenen allein gelassen. Das soll sich laut Laumann ändern. Aber was wurde genau festgehalten?

1. Patientenvergleichsstudie:

Wir berichten seit längerem über die Möglichkeit einer Patientenvergleichsstudie – das heißt, dem Vergleich der Krankheitsverläufe von Krebspatienten, die ihre Medikamente aus Bottrop erhielten, mit den Krankheitsverläufen ähnlicher Patienten, die allerdings aus einer anderen Apotheke versorgt wurden. Zwar kann eine solche Studie keine Gewissheit im Einzelfall geben, aber beweisen, dass im Fall der Alten Apotheke nicht nur Wirkstoffe unterschlagen, sondern auch Lebenszeit genommen wurde. Wir haben eine solche Studie schon im September vergangenen Jahres gefordert. Anfang der Woche berichteten wir dann über eine interne Auswertung der AOK Rheinland/Hamburg, die uns zugespielt wurde. Für die AOK-Mitglieder, die aus Bottrop Medikamente bezogen haben, hat die Krankenkasse genau das getan. Das Ergebnis ist zwar – aufgrund der geringen Datenlage – statistisch nicht haltbar, gibt aber einen deutlichen Hinweis darauf, wie verheerend die Folgen des Panschskandals für die betroffenen Patienten sind: Vier von fünf AOK-Patienten, die mit Zytostatika aus Bottrop behandelt wurden, starben. In der Vergleichsgruppe überlebte jeder zweite.

Das Ministerium will nun von einem unabhängigen Gutachter prüfen lassen, ob eine derartige Vergleichsstudie Sinn macht und die Studie dann gegebenenfalls in Auftrag geben. „Das MAGS wird klären, ob hier ein unabhängiges Gutachten wissenschaftlich belastbare Erkenntnisse liefern kann, und wenn das so ist, dieses Gutachten in Auftrag geben. Das MAGS wird dabei auch den Dialog mit den Krankenkassen suchen.“

2. Apothekenkontrollen:

Alle Zyto-Apotheken in NRW, das heißt, alle Apotheken, die Chemo-Therapien für Krebspatienten anmischen dürfen, werden bis zum 30. Juni dieses Jahres durch die Gesundheitsbehörden unangekündigt überprüft. Die Ergebnisse der Inspektionen werden anschließend „zeitnah und in geeigneter Weise im Internet veröffentlicht“, bestätigte das Ministerium. Pro Apotheke wird bei den Untersuchungen mindestens eine Probe zum Zwecke der amtlichen Untersuchung entnommen und anschließend vom Landeszentrum Gesundheit (LZG) untersucht. Bis zum 15. Juli müssen die Gesundheitsbehörden dem Ministerium über die Ergebnisse der Inspektionen schriftlich berichten. Soweit sind sich alle Anwesenden des Treffen mit Laumann einig. Beim weiteren Vorgehen gibt sich das Ministerium allerdings etwas unverbindlicher, als es die Betroffenen nach dem Termin im Ministerium in Erinnerung hatten.

Statt verbindlich zuzusagen, dass in dieser Form alle zwei Jahre unangekündigte Kontrollen stattfinden werden, schreibt das Ministerium auf Nachfrage: „Zunächst einmal müssen die Ergebnisse der oben genannten Überprüfungen vorliegen, um über die Frage entscheiden zu können, welche Intervalle bei den Prüfungen nötig und sinnvoll sind. Klar ist aber, dass nach Ansicht von Minister Laumann inhaltlich und zeitlich engmaschige Kontrollen erforderlich sind.“

Hintergrund: Apotheken-Kontrollen: Ein Erlass ohne Wirkung (CORRECTIV.Ruhr)

Hintergrund: Drei Apotheken-Kontrollen – kein Effekt (CORRECTIV.Ruhr)

3. Patienteninformation:

„Immer noch wissen nicht alle Patienten, dass sie überhaupt betroffen sind“, sagt Martin Porwoll. Der ehemalige kaufmännische Leiter der Alten Apotheke hatte mit einer Kollegin zusammen die Panscherei seines Ex-Chefs bekannt gemacht. „Insbesondere Dorsten und südliches Münsterland, Niederrhein und Düsseldorf sind immer noch weitestgehend schwarze Flecken auf der Skandalkarte. Das Ministerium wird jetzt juristisch prüfen lassen, ob die Namen der betroffenen Ärzte genannt werden dürfen. Das ist neben der Patientenvergleichsstudie das zweite große Ergebnis dieser Diskussion.“ Das Ergebnis dieser juristischen Prüfung soll bis Pfingsten vorliegen, schreibt das Ministerium.

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Der Panschskandal aus Bottrop zeigt: Apothekenkontrolle bei der Zubereitung von Krebsmitteln unzureichend.© Correctiv.ruhr

Alte Apotheke

Chaos bei Apotheken-Aufsicht: Planlos in Berlin

Ein Skandal um gepanschte Krebsmedikamente hat erhebliche Lücken bei der Kontrolle von Apotheken offenbart. Die Aufsicht ist Ländersache. Einheitliche Standards fehlen. Einzelne Politiker versuchen jetzt, das Thema in die Bundespolitik zu tragen. Die Bundesregierung weicht erst einmal aus.

von Cristina Helberg , Bastian Schlange

Ein Bottroper Apotheker steht derzeit vor Gericht: Er soll Krebsmedikamente gepanscht haben. Betroffen sind tausende Patienten in fünf Bundesländern. Sie könnten um ihre lebensrettenden Medikamente betrogen worden sein, weil der Apotheker laut Anklage der Staatsanwaltschaft die vom Arzt verschriebenen Mittel nicht in die Kochsalzlösungen mischte.

Der Fall offenbarte erhebliche Lücken in den Kontrollen der etwa 250 Zyto-Apotheken in Deutschland. Das sind Apotheken, die Chemotherapien herstellen dürfen.

Lücken bei der Kontrolle

Die Herstellung von Krebstherapien wird derzeit nicht umfassend kontrolliert. Unangemeldete Kontrollen von Zyto-Laboren gibt es nur in Ausnahmefällen. Wenn Amtsapotheker die Reinheit eines Labors prüfen, kündigen sie ihren Besuch in der Regel vorab an. Ob die Medikamente und Infusionen die nötigen Wirkstoffe enthalten, prüfen sie bei ihren Visiten nicht.

In jedem Bundesland ist die Apotheken-Aufsicht anders geregelt. Mal ist eine Landesbehörde zuständig, mal sind es die Kreise und Städte. In Niedersachsen, in Sachsen-Anhalt und im Saarland kontrollieren sich die Apotheker quasi selbst: Für die Aufsicht sind die Apothekerkammern zuständig.

Sie müssten die ordnungsgemäße Herstellung von Arzneimitteln und ihre Qualität sicher stellen – zur Not auch über die Prüfung der Buchhaltung oder unangekündigte Kontrollen. Beides hätte den Skandal von Bottrop früh aufdecken und tausenden Patienten Leid ersparen, vielleicht sogar ihr Leben retten können.

Geringe Mengen, hohe Gewinn

Krebsmedikamente müssen für jeden Patienten individuell angemischt werden. Der Apotheker gibt nach Vorgabe des Rezepts den Wirkstoff in eine Kochsalz- oder Glukoselösung. Kontrolliert wird der Wirkstoffgehalt danach in der Regel nicht mehr. Onkologen und Patienten müssen dem Apotheker vertrauen. Und da die Wirkstoffe zum Teil sehr teuer sind, können bereits mit geringen Mengen, die unterschlagen werden, hohe Gewinne gemacht werden.

Besonders deutlich macht das der Fall des Bottroper Apothekers Peter S.. Ihm wird vor dem Essener Landgericht vorgeworfen, Krebsmedikamente in über 60.000 Fällen unterdosiert oder ohne Wirkstoff hergestellt zu haben. Der mögliche Betrugsschaden liegt bei 56 Millionen Euro.

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Im Strassenanzug im Reinlabor

Laut Zeugenaussagen verstieß Peter S. auch gegen gesetzliche Hygiene-Bestimmungen, indem er mit Straßenkleidung in seinem Zyto-Labor arbeitete und seinen Hund dort hinein ließ. Im Keller sollen abgelaufene Krebsmedikamente gelagert gewesen sein. Das hätte bei einer genaueren Kontrolle den Behörden auffallen können.

„Spätestens mit dem Bottroper Fall ist klar, dass es hier enorme Vollzugsprobleme gibt“, sagt Sylvia Gabelmann, Sprecherin für Arzneimittelpolitik und Patientenrechte der Bundestagsfraktion Die Linke. „Die Ausgaben für Infusionen steigen steil an. Dennoch unternimmt die Bundesregierung offenbar keinen Versuch herauszufinden, wie mit einer besseren Überwachung vergleichbare Betrugsfälle verhindert oder schnell aufgedeckt werden können.“

Gabelmann ist selbst Apothekerin, die einzige im Bundestag. Sie hat in einer kleinen Anfrage die Bundesregierung gefragt, ob die Kontrollen der Apotheken im Zuge des Bottroper Panschskandals ausgeweitet werden sollen.

Länderchaos bei den Kontrollen

„Die Überwachung der Apotheken und pharmazeutischen Herstellungsbetriebe obliegt den Ländern“, heißt es in der in dieser Woche veröffentlichten Antwort auf die Parlamentsanfrage lapidar.

Das bedeutet, dass es keine Informationen darüber gibt, in welchen Bundesländern die Kontrollen überhaupt funktionieren. „Der Bundesregierung liegen keine Informationen darüber vor, inwieweit entsprechende Überprüfungen stattfinden“, heißt es in der Antwort weiter.

Zyto-Herstellung nur noch in die Krankenhäuser

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach äußert Kritik am aktuellen Versorgungssystem. Es sei „gegen Betrug schwer zu sichern und darüber hinaus anfällig für große Qualitätsdefizite. Aus meiner Sicht sollte die Krebstherapie in die Krankenhäuser verlagert und das System der Schwerpunkt-Apotheken und niedergelassenen Krebsärzte an die Krankenhäuser angebunden werden“, sagt Lauterbach. „Die finanziellen Anreize mit Aussichten auf Millionengewinne sind für einen privaten Geschäftsmann andere als für einen angestellten Krankenhausapotheker.“ In keinem anderen Bereich seien die Margen so hoch wie in der Krebsmedizin.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) will sich wegen der laufenden Koalitionsverhandlungen nicht konkret zu dem Fall äußern.

Ob die Apotheken-Kontrolle Thema der Koalitionsverhandlungen ist, bleibt damit offen. „Derzeit ist die Apothekenüberwachung bundesweit so heterogen organisiert, dass eine einheitliche Überwachungspraxis nicht hergestellt werden kann“, betont die Linken-Politikerin Gabelmann. „Die Bundesregierung schützt sich offenbar durch Unwissen vor notwendigen Konsequenzen.“

Sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel bald zum Fall der Alten Apotheke aus?© Angela Merkel von EU2017EE Estonian Presidency unter Lizenz CC BY 2.0

Alte Apotheke

Gepanschte Krebsmedikamente: Nebenklage will Kanzlerin Merkel vorladen

Die Nebenklage im Fall der Alten Apotheke will Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) als Zeugin im Prozess gegen den Bottroper Apotheker Peter Stadtmann laden. Grund ist eine Formulierung in einem Schreiben, das an eine der Betroffenen der gepanschten Krebsmedikamente geschickt wurde.

von Dietmar Seher , Bastian Schlange

Der 13. Prozesstag im Krebsarznei-Verfahren gegen den Bottroper Apotheker Peter Stadtmann hat mit einem spektakulären Vorstoß der Nebenkläger begonnen. Andreas Schulz, der Anwalt der Nebenklage, beantragt, dass das Landgericht Essen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) vorlädt oder einen Vertreter aus dem Bundeskanzleramt.

Der Hintergrund ist ein Briefwechsel zwischen einer Betroffenen und der Berliner Regierungszentrale unmittelbar nach dem Jahreswechsel. Die an Krebs erkrankte Heike Benedetti hatte ihre Medikamente aus der Bottroper Apotheke bekommen und Merkel angeschrieben und um Unterstützung gebeten. Ihre E-Mail war am 2. Januar abgegangen. Schon am 4. Januar hatte sie die Antwort.

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Auf eineinhalb Seiten verweist das Kanzleramt auf die Zuständigkeit der Landesbehörden in Nordrhein-Westfalen. Außerdem zeigt es sich überzeugt, dass die durch NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) eingeleitete Verschärfung der Regeln bei der Überwachung der Herstellung von Zytostatika wirksam sein wird. Dann aber folgt ein Satz, den Anwalt Schulz zum Anlass für den Antrag auf Vorladung der Kanzlerin nimmt: Das Kanzleramt  geht demnach davon aus, „dass es sich bei den Bottroper Geschehnissen um einen Einzelfall kriminellen Fehlverhaltens handelt“.

Der Jurist sieht in der schnell erfolgten Antwort und der dort „eindeutigen Formulierung“ den „berechtigten Grund zur Annahme, dass der Zeugin Merkel bzw. dem Bundeskanzleramt maßgebliche Erkenntnisse vorliegen, die für die Schuld- und Straffrage des Angeklagten von Bedeutung sind“.

Der Fall der Alten Apotheke: Der Bottroper Apotheker Peter Stadtmann ist wegen des Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz, des Betruges und der fahrlässigen Körperverletzung angeklagt, weil er in mehreren tausend Fällen Zytostatika gestreckt und damit unterdosiert haben soll, dagegen aber den vollen Betrag der teuren Arzneien bei den Krankenkassen abgerechnet hatte. Die Staatsanwälte gehen von einem Schaden in Höhe von 56 Millionen Euro aus. Die Verteidigung bestreitet die Vorwürfe.

Um 6 Uhr begann am 29. November 2016 die Razzia gegen Peter Stadtmann.© Correctiv.Ruhr

Alte Apotheke

Razzia im Zyto-Labor: der vergessene Raum

Bei der Razzia in den Laborräumen der Alten Apotheke vor genau einem Jahr haben Ermittler einen Raum übersehen. Erst neun Monate später wurde dieser entdeckt. Darin Kisten mit Herstellungsprotokollen. Auf die Ermittlungen gegen den Bottroper Pansch-Apotheker Peter Stadtmann hatte der Fund keinen Einfluss, sagt die Staatsanwaltschaft.

von Cristina Helberg , Cem Bozdoğan , Bastian Schlange

Mit der Razzia am 29. November 2016 wurden die letzten Beweise gegen den Bottroper Apotheker Peter Stadtmann gesichert. Seit genau einem Jahr rollen Behörden aber auch Betroffene und Medien die skandalösen Ereignisse um die gepanschten Krebsmedikamente aus Bottrop auf. Dabei läuft nicht immer alles rund. Besonders peinlich ist ein kompletter Raum, der bei der Razzia übersehen wurde. Darin: wichtige Dokumente zur Herstellung von Zytostatika.

Die Razzia

Es ist kalt am Morgen der Razzia, keine vier Grad, als sich Ende November vergangenen Jahres Beamte der Polizei, Vertreter der Staatsanwaltschaft und Gesundheitsbehörden vor den drei Lebensmittelpunkten von Peter Stadtmann versammeln: an seiner Privatvilla etwas außerhalb der Stadt, vor der Alten Apotheke in der Bottroper City und am Zyto-Labor, das direkt gegenüber der Apotheke im Keller eines Reihenhauses liegt.

Als um 6 Uhr in der Früh die Razzia beginnt, ist Peter Stadtmann noch nicht da. Ein leitender Mitarbeiter des Zyto-Bereichs öffnet den Beamten das elektronische Sicherheitsschloss zum Laborkeller. Ein halbes Dutzend blauer Transportwannen des Apothekengroßhändlers Noweda steht im Vorraum zum Büro. Darin Blätterberge aus Herstellungsprotokollen. Eigentlich wichtige Dokumente, die jeder Zyto-Apotheker für mindestens fünf Jahre archivieren und bei Bedarf vorzeigen muss.

Das Büro, der Lager- und auch der Laborraum – sie alle sind durch Nummernblöcke und Fingerscans gesichert. Der Mitarbeiter gewährt den Beamten Zugang. Insgesamt acht Polizeibeamte durchsuchen den Laborbereich, beschlagnahmen Zytostatika-Zubereitungen aus dem Reinraum, finden ungekühlte Zubereitungen in offenen Transportboxen, sichern Computerdaten und Unterlagen.

Der vergessene Raum

Doch in den acht Stunden, die die Ermittler im Keller der Hochstraße verbringen, übersehen sie eine Tür. Auf ihr steht Technikraum. Vielleicht kommen sie auch nicht auf die Idee, sich den Schlüssel geben zu lassen. Hinter der Tür stehen 18 weitere Noweda-Wannen. In diesen Wannen Bestellungen von Onkologen aus dem Zeitraum Dezember 2015 bis Juli 2016  und Herstellungsprotokolle von Zytostatika, die zwischen Januar und Mai 2016 zubereitet wurden. Auf den Herstellungsprotokollen fehlen die vorgeschriebenen Unterschriften.

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Die Dokumente lagerten im Technikraum des Kellers an der Hochstraße.

Correctiv.Ruhr

Bis die Wannen mit diesen Dokumenten gefunden werden, vergehen neun Monate. Neun Monate, in denen Peter Stadtmann in Untersuchungshaft sitzt und am Landgericht Essen der Prozess gegen ihn vorbereitet wird. Neun Monate, in denen in der Hochstraße in Bottrop weiter gearbeitet wird. Seit der Razzia dürfen dort keine Zytostatika mehr hergestellt werden. Aber sonst läuft der Betrieb im Haus normal. In der ersten Etage des Reihenhauses behandeln die Onkologen Christian Tirier und Dirk Pott. Sie gehören zu den größten Abnehmern der gepanschten Krebsmedikamente von Peter Stadtmann.

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Diese 18 Kisten wurden neun Monate vergessen. Die Fotos wurden CORRECTIV anonym zugespielt.

Correctiv.Ruhr

Ende August 2017 entdeckt ein Mitarbeiter des Hauses durch Zufall die Kisten in der Brandmeldezentrale. Per Telefon meldet er seinen Fund der Staatsanwaltschaft. Die Brandmeldezentrale ist keine kleine Kammer, die man so einfach übersehen könnte. Sie ist als Technikraum gekennzeichnet. Hinter der ersten Tür führen ein paar Stufen runter in einen geräumigen Vorraum. Von dort gehen zwei abschließbare Räume ab. Im linken stehen die 18 gestapelten Transportwannen. Voll mit Dokumenten. Auf einer klebt ein Zettel. „Alte Apotheke“ hat jemand mit Filzstift darauf geschrieben.

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Keinen Beweiswert

Warum so wichtige Dokumente in einem verschlossenen Technikraum gelagert wurden, haben die Ermittler nicht geklärt. Auf CORRECTIV-Anfrage, ob zumindest ermittelt wurde, welche Personen Zugang zu dem verschlossenen Raum hatten, antwortete die Staatsanwaltschaft Essen nur: „Wir haben dazu keine Ermittlungen durchgeführt, da die Papiere keinen Beweiswert besaßen.“ Sie seien bereits elektronisch erfasst gewesen.

Die Beweise gegen Peter Stadtmann

Im November 2016 stellten die Ermittler bei der Razzia im Zyto-Labor der Alten Apotheke insgesamt 117 fertige Therapiebeutel und Spritzen sicher. Keines der aufgefundenen Präparate war ordnungsgemäß beschriftet. Bei 36 Zubereitungen konnten sich die Herstellungsprotokolle bis heute nicht finden; Dokumentationen, die Paragraph 7 der Apothekenbetriebsordnung vorschreibt und sich bei Stadtmann im Kunstoffwannen stapelten. Das Herstellungsdatum auf den sichergestellten Therapiebeuteln fehlte sogar durchweg. Was ein Problem ist, denn Krebsmedikamente sind nur kurz haltbar und müssen schnell nach der Zubereitung verabreicht werden. All diese Zustände sind Hinweise darauf, wie inkorrekt es Peter Stadtmann mit der Herstellung und Dokumentation seiner Medikamente nahm.

Auch die Untersuchungsergebnisse, die später folgen, sind eindeutig: Über die Hälfte der Anmischungen ist unterdosiert. Manche enthalten den falschen Wirkstoff. Und nicht nur Krebsmedikamente sind betroffen. Bei der Razzia wurde auch sogenannte Begleitmedikation sichergestellt, wie zum Beispiel Dexamethason, ein Mittel gegen Übelkeit während der Chemotherapie. Bei diesem hat Peter S. ebenfalls gepanscht.

Die Beamten haben bei der Razzia die Computer der Alten Apotheke beschlagnahmt, auf denen die Buchhaltung gespeichert war. Und auch Zenzy, ein Programm, das zur Organisation und Dokumentation der Zytostatika-Herstellung in vielen Apotheken verwendet wird. Hier seien auch die Herstellungs-Protokolle aus dem vergessenen Raum erfasst, heißt es in Unterlagen aus Ermittlerkreisen, deswegen hatte man sie nicht extra beschlagnahmt. Die fehlenden Protokolle zu den 36 Anmischungen, die bei der Razzia sichergestellt wurden, seien aber weder in der Datenbank noch in den Dokumentenstapeln aus dem Technikraum gefunden worden. Auf Basis der Berechnung aus den Ein- und Verkaufsmengen der Buchhaltung und des Untersuchungsergebnisses der sichergestellten Infusionen hat die Staatsanwaltschaft schließlich ihre Anklage gegen Peter Stadtmann erhoben. Der Prozess wird seit dem 13. November 2017 vor dem Landgericht Essen verhandelt. Hier geht es zu unserem Prozess-Tagebuch.

Peter Stadtmann vorm Landgericht Essen.© Correctiv.Ruhr

Alte Apotheke

Pharmariese Hexal widerspricht Verteidigung

Kofferraumkäufe sollten das Missverhältnis in der Buchhaltung der Alten Apotheke erklären. Ermittler wie auch das benannte Pharmaunternehmen Hexal widersprechen der Schilderung von Peter Stadtmanns Verteidigern.

von Cristina Helberg , Marcus Bensmann , Bastian Schlange

Um kurz vor 12 ruft der vorsitzende Richter Johannes Hidding Kriminalhauptkommissar Ulrich Herold in den Zeugenstand. Herold hatte die Ermittlungen gegen Peter Stadtmann geleitet, war bei der Razzia Ende November 2016 im Zyto-Labor des Bottroper Apothekers, führte Vernehmungen durch. Im Essener Landsgericht wird der Beamte am zweiten Prozesstag gegen Stadtmann, der sich seit Montag wegen gepanschter Krebsmedikamente verantworten muss, selbst befragt. Mehrere Stunden lang.

Besonders spannend wird es, als Richter Hidding den Polizeibeamten nach möglichen Schwarzmarktkäufen des Apothekers fragt. Er bezieht sich dabei auf ein Schreiben der Verteidigung. Die Schwarzkäufe sollen das Missverhältnis zwischen den eingekauften und verkauften Wirkstoffmengen in der Buchhaltung der Alten Apotheke erklären. Ein zentraler Punkt in der Verteidigung des Bottroper Apothekers.

Käufe aus dem Kofferraum

Die Buchhaltung der Alten Apotheke und die der Lieferanten hätten nach Ansicht von Peter Stadtmanns Anwälten nicht gestimmt, weil der tatsächliche Warenbestand an Krebsmitteln gar nicht erfasst gewesen sei. Ein Grund hierfür seien Schwarzmarktkäufe gewesen. Peter Stadtmann habe fast jeden Monat mit Privatentnahmen aus der Kasse der Alten Apotheke von einem Hexal-Pharmavertreter Zytostatika billig eingekauft, so die Argumentation der Verteidiger. Und das aus einem Kofferraum heraus, in einem Parkhaus.

Dieser Schwarzhandel sei natürlich nicht verbucht worden. 2014 soll Stadtmann für diese Geschäfte über 200.000 Euro aus der Kasse der Apotheke genommen haben.

Weitere Gründe für die zu niedrigen Einkaufsquoten seien laut Verteidigung Überfüllungen der Medikamente und Rabattlieferungen gewesen. Außerdem sei der in der Apotheke vorhandene Anfangsbestand an Medikamenten nie einkalkuliert worden.

Keine Erkenntnisse darüber

Richter Hidding spricht die geschilderten Vorgänge gegenüber Herold direkt an. Der Kriminalhauptkommissar kann das nicht bestätigen. Zwar habe man den genannten Pharmavertreter Wilfried H. noch nicht direkt vernommen, aber sein Wohnort sei ermittelt. Es gebe bislang keine Hinweise oder Erkenntnisse zu Schwarzkäufen im Umfeld der Alten Apotheke.

Wir haben Hexal und Wilfried H. direkt gefragt. Der Pharmavertreter hat nicht geantwortet. Dafür der Sprecher von Hexal – auch in Namen des Vertreters. Hexal widerspricht klar der Behauptung der Verteidigung. Ein solcher Verkauf sei gar nicht möglich.

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Hier die Antwort im Wortlaut:

„Zytostatika werden im Werk Salutas Pharma (Tochtergesellschaft von Hexal) in Barleben (bei Magdeburg) von einem spezialisierten Logistikunternehmen abgeholt und von dort direkt in die Apotheken (oder zu Großhändlern) gebracht, die die Ware bestellt haben. Das heißt, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Außendienst kommen mit Ware nicht in Kontakt und können demnach Ware auch nicht selbst – wie von Ihnen geschildert — verkaufen. Wir hatten und haben keinerlei Hinweise darauf, dass sich außerhalb des geschilderten Vertriebswegs Ware von Hexal im Markt befand oder befindet. Selbstverständlich haben wir mit Herrn H. direkt über Ihre Anfrage gesprochen. Er selbst hatte uns auch über die Anfrage informiert, die Sie an ihn gestellt hatten. Im Gespräch mit uns hat Herr H. klargestellt, dass es die von Ihnen geschilderten Verkäufe nicht gegeben hat.”

Ein deutliches Dementi.

Verteidigung behauptet Unsinn

Darüber hinaus kritisierte die Verteidigung in ihrer Erklärung am heutigen Morgen weitere Punkte der Anklage. Die Analysen des Wirkstoffgehaltes der bei der Razzia beschlagnahmten Therapien seien unbrauchbar. Es gebe aktuell keine zuverlässigen Analyseverfahren.

Wir haben beim Paul-Ehrlich-Institut, das für die Analyse der beschlagnahmten Medikamente aus der Alten Apotheke zuständig war, nachgefragt. Eine Vertreterin sagte: Im Europäischen Arzneibuch seien die Methoden beschrieben, mit denen es möglich sei, „monoklonale Antikörper zweifelsfrei in den Infusionsbeuteln nachzuweisen.“ Anders ausgedrückt: Die Anwälte behaupten Unsinn.

Massive Vorverurteilung

Ein „entscheidendes, entlastendes Indiz“ zur Entlastung des Apothekers seien die Behandlungserfolge mehrerer Praxen gewesen, die von der Alten Apotheke beliefert wurden. Als „überdurchschnittlich“ bezeichneten sie die Anwälte. Die Überlebensrate der Patienten in diesen Praxen liege zum Teil deutlich höher als bei internationalen Studien. Die Krebsmedikamente hätte demnach gar nicht gepanscht sein können.

Auch in Herolds Befragung durch die Verteidigung versuchten die Anwälte mit hartnäckigem Nachhaken dem Zeugen Positives über den Bottroper Apotheker zu entlocken. Schließlich habe sich Stadtmann noch am Tage der Razzia und seiner Verhaftung vorbildlich um die Versorgung seiner Krebspatienten durch einen anderen Zyto-Apotheker gekümmert. Die Ermittler hätten das Schicksal dieser Patienten überhaupt nicht im Sinn gehabt, so die Verteidiger. Die Versorgung war jedoch keine rühmliche Sonderleistung Stadtmanns. Jeder Zyto-Apotheker hat einen Notfallplan. Wie der Apotheker, der am Tag der Razzia eingesprungen war, uns gegenüber erklärte, gab es eine vertraglich festgehaltene Vereinbarung zwischen ihm und Stadtmann für „den Fall eines unvorhersehbaren Ausfalls der Produktionsstätten“.

Das beharrliche Schweigen des Apothekers erklärte die Verteidigung übrigens als Reaktion auf „die massiven Vorverurteilungen in den Medien”.

Laut Kriminalhauptkommissar Ulrich Herold liegen aktuell 146 Strafanzeigen gegen Stadtmann vor.

Die Alte Apotheke in der Bottroper Hochstraße.© Lennart Schraven

Alte Apotheke

Alte Apotheke: Staatsanwaltschaft weitet Ermittlungen aus

Am Montag beginnt in Essen der Prozess im Fall der gepanschten Krebsmedikamente aus der Alten Apotheke in Bottrop. Nach Recherchen von CORRECTIV, DIE ZEIT und Panorama – die Reporter hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen auf zwei Assistentinnen des Apothekers Peter Stadtmann ausgeweitet.

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von Marcus Bensmann , Bastian Schlange

Im Skandal um gepanschte Krebsmedikamente aus der Alten Apotheke in Bottrop steht jetzt nicht mehr nur der Apotheker Peter Stadtmann im Visier der Ermittler. Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt nach Informationen von CORRECTIV auch gegen zwei Mitarbeiterinnen. Ihre Namen standen auf Herstellungsprotokollen unterdosierter Therapien, die bei der Razzia im November 2016 beschlagnahmt wurden. Am 13. November beginnt gegen Stadtmann aus der Stadt im Ruhrgebiet der Prozess vor der Wirtschaftskammer des Landgerichts Essen.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Pharmazeut von 2012 bis zu dessen Verhaftung im November 2016 mehr als 60.000 weitgehend wirkungslose, weil unterdosierte Chemotherapien hergestellt habe. Über 4.000 Patienten in NRW, Niedersachsen, Sachsen, Rheinland-Pfalz und im Saarland haben in fünf Jahren über die behandelnden Ärzte Medikamente aus der Alten Apotheke in Bottrop erhalten.

Stadtmann war einer der 200 Zytokapotheker in Deutschland. Dafür muss ein Apotheker ein spezielles Labor einrichten und eine Genehmigung erhalten. Der Apotheker stellt in den sterilen Labors die Krebsmittel individuell auf den Patienten abgestimmt nach dem Rezept des Arztes her.

Zytostatika gelten in der Branche als Pharmagold. Eine einzelne Therapie mit modernen Antikörpern kann schon mal 100.000 Euro kosten. 500.000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich an Krebs. Studien besagen: In ein paar Jahren wird jeder zweite Deutsche im Alter an Krebs erkranken. Die Branche setzt jedes Jahr vier Milliarden Euro um. Diesen Markt teilen sich ein paar Dutzend Pharmahändler, 1.500 niedergelassene Onkologen und Hämatologen sowie die knapp über 200 Apotheker, die Krebsmedikamente herstellen dürfen.

Nach den Unterlagen, die den Ermittlern vorliegen, kaufte Stadtmann weitaus weniger Krebsmittel ein, als er laut der Buchhaltung der Apotheke auslieferte. Die Ermittler stießen bei 35 Wirkstoffen auf fehlende Mengen. Gegenüber den Krankenkassen rechnete der Apotheker aus Bottrop aber die volle Dosis ab. In nur fünf Jahren soll Stadtmann so einen Schaden von über 56 Millionen Euro verursacht haben.

Als die Ermittler im November 2016 die Apotheke durchsuchten, beschlagnahmten sie 117 in der Apotheke hergestellte Infusionen. Darunter waren auch 29 sehr teure Antikörpertherapien, die für medizinische Studien bei der Krebstheraphie benötigt wurden.

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Ein Großteil der Medikamente untersuchte das Landeszentrum Gesundheit NRW, die Antikörper Therapien das Paul-Ehrlich-Institut aus Hessen. Deren Analysen zeigten, dass insgesamt 66 der beschlagnahmten Infusionen fehlerhaft waren, und von den 29 Antikörpertherapien sogar 28 Zubereitungen.

Neben Stadtmann waren auch zwei Mitarbeiterinnen für die Herstellung der fehlerhaften Therapien verantwortlich. Ihre Namen fanden die Ermittler auf den beschlagnahmten Herstellungsprotokollen. Für 21 der fehlerhaften Proben unterzeichnete die pharmazeutisch-technische Assistentin S., für zwei weitere ihre Kollegin G.

Die genaue Rolle der beiden Mitarbeiterinnen in dem Skandal ist noch nicht klar.

Zwang Stadtmann seine Mitarbeiterinnen, die Mischungen zu panschen? Steht ihr Name fälschlicherweise unter den Protokollen? Eine Zeugin sagt gegenüber CORRECTIV, dass es nahezu unmöglich sei, die Herstellungsprotokolle und Unterschriften zu fälschen. Die Assistentin S. und ihr Anwalt verweigerten gegenüber CORRECTIV eine  Stellungnahme.

Insgesamt hat sich eine Mauer des Schweigens um die Alte Apotheke, in der bis zu 60 Mitarbeiter tätig waren, gelegt. Angestellte der Apotheke verweigern gegenüber Ermittlern reihenweise die Aussage, weil sie sich selbst belasten könnten. Stadtmann habe seine Mitarbeiter in der Regel 20 Prozent über Tarif bezahlt, hört man aus dem Umfeld der Mitarbeiter. Dazu habe es großzügige Schenkungen gegeben. Die Assistenten hätten in manchen Monaten 6.000 Euro netto verdienen können. Stadtmann selbst schweigt zu den Vorwürfen. Seine Anwälte ließen Fragen von CORRECTIV unbeantwortet.

Die Labormitarbeiterinnn arbeiten übrigens bis heute in der Alten Apotheke – so steht es zumindest in einem Schreiben der Anwälte, die Stadtmanns Mutter vertreten. Beide Mitarbeiterinnen behaupten in dem Dokument, nichts von den Panschereien gewusst zu haben.