Am Freitag hat die italienische Polizei sechs Mafiosi aus Palermo verhaftet. Monatelange Ermittlungen geben einen einzigartigen Einblick in Struktur und Traditionen der sizilianischen Cosa Nostra

Ein Mafioso küsst auf offener Straße den Paten auf die Stirn – als Zeichen des Respekts. Es ist eine Szene wie aus einem Mafia-Film, doch hinter der Kamera, die den Kuss aufgenommen hat, steckt kein Hollywood-Regisseur,  sondern die italienische Polizei. Die Ermittler nahmen das Mafia-Ritual in Palermo auf, im Bezirk Santa Maria di Gesù.

Durch montanlange Ermittlungen, unter Einsatz von verwanzten Autos und versteckten Kameras, konnte die Polizei vergangene Woche in Rahmen der Operation „Torre dei Diavoli“ sechs Mafiosi verhaften. Doch nicht nur die Festnahmen sind relevant. Zudem geben die abgehörten Gespräche einen guten Einblick in die Struktur der Cosa Nostra aus Palermo. 

Boss wurde per erhobener Hand gewählt

Der Mafia-Boss, der den Kuss entgegen nahm, heißt Giuseppe Greco, 53. Er ist schon einmal wegen Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung verurteilt worden. Nun nahm die Polizei ihn erneut fest – gemeinsam mit fünf weiteren Mafiosi. Zwei von ihnen sind erst 19 Jahre alt. Die Mitglieder des Clans aus Santa Maria di Gesù werden unter anderem der Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung, des Mordes und des illegalen Waffenbesitzes beschuldigt.

Greco sollte die Führung des Clans aus Santa Maria di Gesù nach dem Mord an den ehemaligen Boss Giuseppe Calascibetta übernehmen. Doch seine Führungsrolle musste bestätigt werden. So trafen sich im Juni 2014 die Clan-Mitglieder im Hinterzimmer eines Friseursalons namens „Armando“, um die Wahl des neuen Paten zu besprechen. Dank einer Wanze konnte die Polizei den Ablauf der Wahl live mitfolgen – und hörten, wie sich die Mafiosi zu einer offenen statt der sonst üblichen geheimen Wahl entschlossen: Alle stimmten ab durch einfaches Handzeichen.

Es ist das erste Mal, dass die Ermittler bei der Wahl eines neuen Paten in Palermo mithörten. „Die abgehörten Gesprächte geben einen außerordentlichen Einblick in die Struktur der Cosa Nostra“, sagt Palermos Staatsanwalt Francesco Lo Voi.

 

Der Mord an Salvatore Sciacchitano

Die Festgenommenen werden unter anderem verdächtigt, Anfang Oktober an der Ermordung eines jungen Drogenhändlers beteiligt gewesen zu sein. Der Opfer, Salvatore Sciacchitano, soll ein Mitglied des Clans aus Santa Maria di Gesù verletzt haben – und büßte deswegen mit dem Tod.

Durch eine Wanze, versteckt im Auto eines der Mafiosi, konnte die Polizei dem Mord fast live folgen: Auf der Audioaufnahme sind Schüsse zu hören – jegliche Schüsse, durch die Sciacchitano vermutlich getötet wurde. Dann steigen die Mitglieder im Auto. Einer der Mafiosi singt das berühmte Lied „Volare“.

Cosa Nostra aus Palermo organisiert sich neu

Die Ehrenmänner fürchteten sich nicht mal davor, das sonst verbotene Wort „Cosa Nostra“ in den Mund zu nehmen: „Quando parliamo di Cosa Nostra, parliamo di Cosa Nostra! Quando dobbiamo babbiare, babbiamo“ („Wenn wir von Cosa Nostra sprechen, sprechen wir von Cosa Nostra. Wenn wir scherzen wollen, scherzen wir“), sagten sie in einem abgehörten Gespräch.

Die Gespräche und die abfotografierten Ritualen zeigen, dass die Mafiosi sich zum Teil noch an alten Regeln orientieren. Die Einblicke, die die Ermittler gewinnen konnte, erinnern an die Erzählungen des ersten Kronzeugen der sizilianischen Mafia, Tommaso Buscetta. Die Ermittlungen beweisen außerdem, dass die Cosa Nostra aus Palermo gerade dabei ist, sich neu zu organisieren – ohne ihre alten Traditionen zu vergessen.

 

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