Politische Umbrüche, kämpfende Wähler, paranoide AfD-Politiker – einen Monat lang war unser Autor unterwegs. Nach 4000 Kilometern kommt er zu dem Schluss: Es gibt keine einfachen Antworten für den Erfolg der AfD, aber viele verschiedene. Und: Es ist nicht das Ende der Welt.

Diese Serie erscheint parallel auf Zeit Online.


Dreißig Tage lang reisten wir, Fotograf und Reporter, durch Mecklenburg-Vorpommern. Wir fuhren 4000 Kilometer, besuchten dutzende Orte, sprachen mit unzähligen Menschen, um die Frage zu beantworten: „Warum könnte die Alternative für Deutschland bei der heutigen Landtagswahl stärkste Kraft werden?“

Doch schon als wir unser erstes Ziel erreichten, Godendorf, wo die AfD bei den Gemeinderatswahlen 2014 ein Drittel der Stimmen errang, wo die Bürgersteige frisch gepflastert, junge Familien sorglos und die Gemeindesäckel prall gefüllt sind, wo soziale Not also fern ist – verstanden wir: Eine einfache Antwort wird es nicht geben.

Wie in Godendorf ist der Erfolg der AfD in ganz Mecklenburg-Vorpommern paradox: Fast drei Viertel der Menschen im Land bewerten ihre persönliche Lage als gut oder sehr gut, immerhin die Hälfte ist mit der Arbeit der Landesregierung zufrieden. Seit der Wende war die Arbeitslosigkeit noch nie so niedrig wie in diesem Jahr. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs steigt, der Landeshaushalt ist ausgeglichen.

Warum also wählen die Menschen die Protestpartei AfD?

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Der Rückspiegel unseres Autos. 4000 Kilometer fuhren wir. Wie viele Orte wir besuchten und mit wie vielen Menschen wir sprachen, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur: eine einfache Erklärung für die AfD gibt es nicht.

Thomas Victor

In Erinnerung bleiben wird mir Beate Döring. Wir unterhielten uns mit der lebenslustigen, kräftigen 56-Jährigen auf einer Bank im Dorfzentrum von Medow. Ihr Leben steht exemplarisch für viele Ostdeutsche, die gleich zwei politische Umbrüche wegstecken mussten.

Gegängelt und geparkt

In der DDR arbeitete die gelernte Zoologin als Rinderzüchterin bei einer großen LPG. Doch nach der Wende machte die LPG dicht, und mit Dörings Qualifikation gab es keinen Job mehr. Einige Zeit noch sortierte sie Kartoffeln beim örtlichen Bauern, räumte Steine vom Feld, dann war Schluss.

 

 

2003 begann der Kampf mit dem Jobcenter, die rot-grüne Bundesregierung setze die Agenda 2010 durch. Die zweite Demütigung für viele Wendeverlierer. Döring wurde gegängelt und schließlich in einer Maßnahme geparkt.

 

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Beate Döring vor dem Tor der Freiwilligen Feuerwehr in Medow. Das Arbeitsamt forderte sie auf, sich einen Job auf Usedom zu suchen. "Wie hinkommen ohne Auto?", fragt sie.

Thomas Victor

 

Vor einem Jahr starb ihr Mann an Krebs. Das bisschen Geld, dass sie erbte, gab sie für seine Beerdigung aus. Das Amt zog ihr den Betrag von der Unterstützung ab. Solches Privatvermögen dürfe sie nicht haben. Als wir uns verabschiedeten, klingelte ihr Handy: Ihr Schatzi rief an, seit kurzem ist sie frisch verliebt. Das gibt ihr Kraft.

Zwei Männer greifen uns an

Manuel Köhn ist so jung, dass er den Umbruch von DDR zu Bundesrepublik nicht erlebt hat. Trotzdem kämpfen er und seine Freunde mit dem Leben im ländlichen Mecklenburg-Vorpommern. An Köhn überraschte mich, wie gleichgültig er die erzwungene Entwurzelung seiner Generation hinnimmt.

Ich traf Köhn vor der Technobühne des Hansefestes in Anklam. Vor drei Jahren beendeten er und seine elf Klassenkameraden die Schule. Der Rest seiner Klasse ging in den Westen, um Arbeit zu finden – oder zur Bundeswehr. Köhn wollte in Anklam bleiben und machte eine Ausbildung zum Automobilkaufmann.

Köhns Lehre ist zu Ende. Derzeit schreibt er Bewerbungen, 20 Stück hat er schon verschickt. Falls er bis Oktober keine Stelle findet, sagte er mit einem Schulterzucken, haut auch er ab. Für junge Menschen in der Region ist das halt so. Und das schon seit der Wende.

Zurück bleiben jene, die sich von Veränderung nicht herausgefordert, sondern bedroht fühlen. Es sind vor allem Männer, die nicht zurechtkommen mit Globalisierung, Frauenrechten und sexueller Freiheit. Sie sind der Unterbau der NPD und der rechten Kameradschaften, die gezielt Freiwillige Feuerwehren, Sportvereine, Kreistage infiltrieren und im Frust der Menschen einen fruchtbaren Boden finden für ihre Gewaltfantasien. Auf dem Hansefest in Anklam griffen zwei von ihnen meinen mitreisenden Fotografen Hannes Jung an.  

Wo sind die Flüchtlinge?

Wer sonst noch da bleibt, arrangiert sich. Wie Georg Reddemann, ein anderer Besucher des Hansefests, der den Angriff auf Hannes abtat und sagte: „Es gibt Gaststätten, da weiß man ganz genau, die gehören einem Rechten, aber ich kriege da ein leckeres Essen serviert, die Bedienung stimmt. Man kann die jetzt boykottieren und gar nicht essen gehen. Oder man sagt: ‚So lange es schmeckt, ist es mir egal, wer da kocht.’“

 

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Einer der Männer, die Hannes später angreifen, steckt seine Hand vor die Kamera. In Orten wie Anklam arrangieren sich viele mit den Rechten.

Hannes Jung

 

Und wenn man nur lange genug mit den Rechten im gleichen Restaurant isst, scheinen sich auch die politischen Meinungen anzugleichen: „NPD und AfD sprechen die Probleme wenigstens an, auch wenn sie keine funktionierenden Lösungen haben“, sagte Reddemann.

Flüchtlinge sind das große Geisterthema dieses Wahlkampfs. Alle reden von ihnen, aber wo sind sie eigentlich? Einmal fuhren drei unbegleitete minderjährige Flüchtlinge auf Fahrrädern an mir vorbei. In Mallentin trank ich mit einer syrischen Familie gezuckerten Tee. Aber ansonsten nahm ich sie nicht wahr. Die Statistik sagt: 2016 kam auf 300 alteingesessene Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern ein Flüchtling. 

Wann ist ein Mann ein Mann?

Trotzdem sprach AfD-Spitzenkandidat Leif-Erik Holm während eines Auftritts in einer Demminer Bowlingbahn ausgiebig über Flüchtlinge. Er lobte die Politik des ungarischen Ministerpräsidenten Victor Orban. Dass Orban seine Grenzen mit Mauern und Stacheldraht blockiert, mit hitlertreuen Pfeilkreuzlern liebäugelt und die Presse zensiert? Geschenkt. Das Publikum an diesem Abend bestand aus 35 vorwiegend älteren Männern und fünf Frauen und applaudierte Holm.

 

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Leif-Erik Holm auf der Bowlingbahn in Demmin. Eigentlich ein sympathischer Kerl, der gegen Flüchtlinge hetzt. Hinter ihm sitzt Sandro Hersel.

Thomas Victor

 

Später traf ich eine Frau, die nach eigener Aussage viel Zeitung liest und Nachrichten sieht. Ich fragte sie, ob sie schon mal Flüchtlinge kennengelernt habe. „Ja“, sagte sie. „Albaner und Syrer, und die sind sehr sympathisch gewesen.“ Und weiter: „Aber ich möchte keinen Kontakt zu diesen Menschen aufnehmen, weil ich sie dann zu nah an mich dran lasse, und dann kann ich mir kein richtiges Urteil mehr bilden. Ich habe dann zu viel Mitgefühl.“

Verbitterte Paranoiker 

Der Erfolg der AfD gründet auch darin, dass sie rassistische Klischees bedient. Und das in einer Region, die selbst Deutsche nicht immer willkommen hieß. Eine Heimatvertriebene erzählte mir: „Als ich 1945 vor der Sowjetarmee nach Mecklenburg-Vorpommern floh, beschimpften Einheimische mich als ‚Polackin’.“ Die Medien sind endlos fixiert auf Flüchtlinge, Integration und Burka – als gäbe es keine anderen sozialen Themen. Das tut das seinige.

 

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An dem Abend in der Demminer Bowlingbahn applaudierte das Publikum auch dem AfD-Kandidaten Sandro Hersel, der sich am Pult festkrallte, seine Rede vom Blatt ablas und sich immer wieder nervös den Schweiß von der Stirn wischte. Das überraschte mich am Erfolg der AfD am meisten: Er scheint wenig mit ihren Kandidaten zu tun zu haben. Hersel ist mitreißend wie ein Besenstil.

In Godendorf erlebte ich den örtlichen AfD-Politiker Peter Hintze als einen verbitterten Paranoiker, der sich im Kampf gegen eine linke Verschwörung wähnt. Bei der letzten Briefwahl in Godendorf sei betrogen worden, was sich auch an der Wahlbeteiligung ablesen lasse: Sie habe quasi 100 Prozent betragen! Wie früher bei Honecker! Tatsächlich waren es nur knapp 90 Prozent. Nicht ungewöhnlich bei Lokalwahlen in kleinen Orten. 

 

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AfD-Mann Peter Hintze feierte seinen 60. Geburtstag als wir ihn trafen. Er sieht sich im Kampf gegen linke Netzwerke.

Thomas Victor

 

Und der Hamburger Rechtsanwalt Christoph Grimm, der auf Listenplatz sechs steht und wahrscheinlich in den Landtag einziehen wird, ist so der eigenen Propaganda zu Islamisierung und Flüchtlingen verfallen, dass er sich fürchtet, wenn er durch den Hamburger Hauptbahnhof läuft oder mit der Bahn fährt.

Überrumpelte Gegner 

Dass die AfD trotzdem so stark ist, liegt auch daran, dass ihre politischen Gegner überrumpelt sind. Als die NPD 2006 mit 7,3 Prozent der Stimmen in den Landtag einzog, beschlossen alle anderen Parteien, sie auszugrenzen.

Doch jetzt stimmen ein Fünftel der Wähler mit all ihren verschiedenen Sorgen, Ängsten und Hoffnungen für das „Wir kümmern uns um euch“-Angebot der AfD. Und das entwaffnet selbst jene, die seit Jahren gegen Rechts kämpfen.

 

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Vier Männer in Anklam diskutieren über den Umgang mit der AfD. Vor allem sind sie eines: ratlos.

Hannes Jung

 

Vier solcher Männer diskutierten in Anklam darüber, wie man mit der AfD umgehen solle, und wirkten dabei seltsam hilflos, als trieben sie in der Peene und könnten nicht schwimmen. Erst ganz zum Schluss, als sie schon auseinander gehen wollten, erreichte einer von ihnen ein Stück festen Grund: „Am wichtigsten ist es, sich selbst zivilgesellschaftlich zu engagieren, unabhängig davon, was die AfD macht.“

Neues Leben für die Demokratie 

Das erlebte ich auch in Mallentin, den letzten Stopp unserer Reise. In dem Dorf grenzen reetgedeckte Bauernhäuser an Plattenbauten. Zeitweise waren hier knapp zehn Prozent der Menschen Flüchtlinge. Ich fragte die Nachbarin der Flüchtlingsfamilien, Sindy Mell, ob das manchmal schwierig sei.

 

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Sindy Mell und ihre Kinder in Mallentin. Sie wohnt direkt am Wohnblock, in dem viele Flüchtlinge lebten.

Thomas Victor

 

Manchmal, ein bisschen, sagte die sechsfache Mutter. Halt die normalen Nachbarschaftsstreits. Aber ihre Tochter wolle bald Geburtstag feiern, hoffentlich kämen die neuen Nachbarn dann auch. „Leider essen die ja kein Schwein, nur Huhn“, fügte sie hinzu. „Aber vielleicht ja ein Stück Torte!“

Es ist die große Errungenschaft der AfD, dass sie der deutschen Demokratie neues Leben einhaucht. Ich selbst lebte drei Jahre lang in Ägypten und dem Libanon. Erst die Dresdener Pegida-Märsche und der Aufstieg der AfD brachten mich dazu, mich wieder mit Deutschland auseinanderzusetzen. Die Rechtspopulisten erzwingen eine öffentliche Debatte über Freiheit, Gerechtigkeit und Identitäten, statt über Pendlerpauschale und Acrylamid in Pommes.

Ich hatte immer ein bisschen gehofft, dass es so kommt und einmal effektive Kritik an Elitenpolitik, Hartz IV und schlechtem Bildungssystem geäußert wird. Doch es verstört mich, dass sich die berechtigte Wut der Menschen im Erfolg der AfD niederschlägt.

Es ist noch Torte da

Denn die Lösungen der AfD lauten: Grenzen zu, Sozialhilfe kürzen, Ausländer raus. Wohin dieser rechte Populismus führt, lässt sich in Großbritannien nach dem Brexit-Votum beobachten. Dort stürzt die Wirtschaft ab, die Ärmsten werden ärmer, und Menschen, die keine helle Hautfarbe haben, werden auf der Straße angespuckt.

Heute Abend gehe ich auf die Wahlparty der AfD und treffe die Politiker, die all das herbeireden. Und wenn die Vorhersagen stimmen, werde ich erleben, wie sie triumphierend in den Landtag einziehen.

Doch auch dann werden noch immer pragmatische, großherzige Menschen wie Sindy Mell in der Mehrheit sein. Menschen, die ihre neuen Nachbarn einladen, lachen und sagen: „Aber vielleicht ja ein Stück Torte!“


Alle politischen Reportagen aus Mecklenburg-Vorpommern von Raphael Thelen findet Ihr in unserem Schwerpunkt „Neue Rechte“.

Die Recherche in Kooperation mit „Zeitenspiegel Reportagen” wurde von Raphael Thelen über die Plattform crowdfunding.correctiv.org finanziert. Wir bedanken uns bei der Rudolf Augstein Stiftung und mehr als 100 Einzelspendern für die Unterstützung.

Sofern die Spender einer Namensnennung zugestimmt haben, werden sie hier aufgeführt.

Bert Rothkugel, Andres Eberhard, Jonas Aust, Philipp Lienhard, Wiebke Buth, Laura Sundermann, Felix Kamella, Diana Di Maria, Sven Brose, Kai Schächtele, Hannes Opel, Volker Vienken, Friedrich Dimmling, Ulrike Kahl, Felix Weykenat, Constanze Günther, Carolin Wilms, Maria Schmidt-Lorenz, Heiko Hilken, Petra Sorge, Lien Pham-Dao, Elisabeth Ferrari, Wolfgang Weidtmann, Gerhard Dimmling-Jung, Hanfried Victor, Michael Vogel, Tina Friedrich, Stefan Z, Nicole Graaf, Alexander Surowiec, Michael Rasenberger, David Weyand, Christian Mair, Christian Vey, Jörn Barkemeyer, Katharina Müller-Güldmeister, Pia Schauerte, Sybille Förster, Heiko Mielke, Marcus Windus, Christiane Specht, Sebastian Cunitz, Felix Schmitt, Khazer Alizadeh, Tobias Brabanski, Veronika Wulf, Christian Frey, Linda Salicka, Anna Kaleri, Lutz Wallhorn, Edith Luschmann, Thomas Stroh, Christoph Gemaßmer, Matthias Kneis, Gunnar Findeiß, Christiane R, Friedemann Huse, Werner Thelen, Lukas Ladig, Stephan Thiel, Tobias Hill, Florian Berger, Marcus Anhäuser

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