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AfD-Chef Peter Hintze steht vor seinem Restaurant "Zum tollen Hecht". Am Tag unseres Besuchs in Godendorf feierte er 60. Geburtstag© Thomas Victor

Neue Rechte

Zwei Angelfreunde und die AfD

Unser Reporter Raphael Thelen reist durch MeckPomm vor der Landtagswahl: In Godendorf waren zwei Männer mal im selben Angelverein. Heute bekämpfen sie sich scharf, denn der eine ist Bürgermeister, der andere AfD-Vorsitzender, der überall roten Parteifilz sieht. Der Bürgermeister sagt. „Der Riss im Dorf verläuft zwischen jenen, die in der DDR gut gestellt waren und jenen, die unter dem System litten.“

von Raphael Thelen

Diese Serie erscheint parallel auf Zeit Online.


Die Schlaglöcher der Landstraße nach Godendorf zerren am Lenkrad und jeder Ruck scheint unsere MeckPomm-Vorurteile zu bestätigen. Die Alternative für Deutschland (AfD) errang hier bei den Wahlen zur Gemeindevertretung 2014 ihr bestes Ergebnis in ganz Mecklenburg-Vorpommern und wir denken: Die Dorfbewohner kämpfen bestimmt um Jobs, die Häuser verfallen, die Jugend zieht weg.

An einem solchen Ort sollten wir herausfinden können, warum die AfD bei den Landtagswahlen am in drei Wochen, am 4. September, zur stärksten Partei in Mecklenburg-Vorpommern werden könnte. Es ist der erste Stopp unserer 30-tägigen Reise durch das Bundesland #rechtsoben und wir wollen wissen: Was finden die Menschen an der AfD so anziehend? Und was bedeutet das für Deutschland? Eben las ich noch: Kurz vor Weihnachten schleuderten Unbekannte in Godendorf einen Brandsatz auf die örtliche Flüchtlingsunterkunft.

Doch sobald wir das gelbe Ortsschild passieren, gleitet unser Auto über eine frisch geteerte Dorfstraße, die zwischen zwei glitzernden Seen hindurch, vorbei an weiß gestrichenen Häuser und gemähte Wiesen, in den Ort führt. 

Godendorf, warum?

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Godendorf, das sind glitzernde Seen, sanfte Hügel, gepflegte Vorgärten. Um all das ist ein Machtkampf entbrannt.

Thomas Victor

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Godendorf, das sind glitzernde Seen, sanfte Hügel, gepflegte Vorgärten. Um all das ist ein Machtkampf entbrannt.

Thomas Victor

Dass der Bürgermeister rechts am See wohnt und sein Widersacher auf der anderen Straßenseite, am See gegenüber, wissen wir bis jetzt genauso wenig, wie dass der Erfolg der örtlichen AfD viel mit diesen beiden Männern, den Seen und der DDR-Vergangenheit des Orts zu tun hat. 

Der parteilose Bürgermeister Norbert Blaack sitzt in Polohemd und Schiebermütze im Gemeindehaus und erzählt: 236 Menschen leben in Godendorf, Straßen, Bürgersteige, LED-Laternen ­­– alles neu, die Gemeindekasse ist trotzdem mit ungefähr 900.000 Euro im Plus, in die umliegenden Häuser ziehen junge Familien ein und alle Ferienwohnungen sind ausgebucht.

Schwäbische Verhältnisse

Solche Zustände erlebte ich in einem Jahr im schwäbischen Reutlingen, aber las davon nichts in meiner Vorbereitungslektüre über Mecklenburg-Vorpommern. Da wimmelte es von Geschichten über Arbeitslosigkeit, Abwanderung, Depression. Warum also, Herr Blaack, bekam die AfD hier 34 Prozent?

„Der Riss im Dorf verläuft zwischen jenen, die in der DDR gut gestellt waren und jenen, die unter dem System litten“, sagt der 56-Jährige. „Ich kann nicht sagen, dass es mir schlecht ging.“

Blaack war zu unangepasst, um im Kontrollstaat DDR Karriere zu machen, aber im Geben und Nehmen der Mangelwirtschaft kam er gut zurecht. Als einer von zwei Aluminiumschweißern im nahegelegenen Kombinat, konnte er von jedem auf einen Gefallen hoffen, der eine schnelle Schweißnaht brauchte.  

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Bürgermeister Norbert Blaack regiert Godendorf seit sieben Jahren. Er kennt fast jeden im Ort persönlich.

Thomas Victor

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Bürgermeister Norbert Blaack regiert Godendorf seit sieben Jahren. Er kennt fast jeden im Ort persönlich.

Thomas Victor

„Mein Kollege war Trinker, der wollte nur den Schnaps. Das Obst und die Broiler aus der nahegelegenen Zucht bekam ich“, sagt Blaack, der auch im Kapitalismus seinen Dreh hat, um durchzukommen: einen Zwölfstunden-Job als Flaschensortierer im Supermarkt, für die gesetzliche Krankenversicherung, freiberufliche Wasseranalysen fürs Geld und Bürgermeister für… ja, für was eigentlich? „Irgendwer muss es ja machen“, sagt Blaack.

Das Erbe der DDR wirkt nach

Aber in einem kleinen Dorf wie Godendorf, ist das Politische auch immer privat und in einem Landstrich, der von der Schönheit seiner Seen lebt, sind sie es auch. Zumindest wenn man Peter Hintze fragt. Den Mann auf der anderen Seite der Straße.

Der 60-Jährige mit Schnurrbart und grimmigem Blick verweigerte sich dem System der DDR, die Roten waren ihm zuwider. Heute ist er Chef der örtlichen AfD und der Machtkampf zwischen ihm und Blaack, der letztlich die AfD ins Dorf brachte, begann mit mehreren Propangas-Flaschen. Roten Propangas-Flaschen.

Ein Streit unter Männern

Hintze war Gründer des örtlichen Angelvereins, Blaack Mitglied. Vor ein paar Jahren wollte Hintze die Propangasflaschen als Bojen im See versenken, um Fanggebiete zu markieren. Blaack widerstrebte so viel Reglement, es kam zum Streit, Hintze setzte sich durch, Blaack – noch nicht Bürgermeister – verließ den Verein. Es war der erste Bruch.

Vor vier oder fünf Jahren, genau erinnert sich keiner, stand dann der See rechts der Dorfstraße zum Verkauf. Der See vor dem Haus von Blaack, der mittlerweile das Dorf regierte. Ein Privatmann wollte verkaufen, die Gemeinde genoss Vorkaufsrecht und Blaack schlug zu. „Damit wieder jeder den See nutzen kann“, sagt er.

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Godendorf ist umgeben von Seen. Für einige im Ort sind sie ein Politikum.

Thomas Victor

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Godendorf ist umgeben von Seen. Für einige im Ort sind sie ein Politikum.

Thomas Victor

Auch der See auf der linken Seite der Straße, der See vor Hintzes Haus, gehört der Gemeinde. Hintzes Angelverein pachtete den See 13 Jahre lang, bis Bürgermeister Blaack die Pacht ungefähr zur Zeit des Verkaufs nicht verlängerte. Hintze angelt seitdem in einem weiter entfernten See, sein Angelverein verlor ein Drittel der Mitglieder. Die Gemeinde verkauft seitdem die Angelkarten. „Um den Kaufpreis wieder reinzuholen“, wie Blaack sagt.

Jedem seine Sicht auf die Dinge

Und dann war da die Sache mit dem Parkplatz vor Hintze Restaurant, die mit dem Fischbesatz in den Seen und der Rasenpflege entlang der Straßen – alles kleine Streits in der Gemeinde, über die jeder seine Meinung kundtut, von denen keiner mehr genau weiß, wie sie anfingen und abliefen und die trotzdem die Fronten verhärten ließen.

Hintze, der sich gegen die DDR-Führung stellte, sieht sich bis heute vom System benachteiligt. Viele SED-Politiker hätten sich rüber gerettet, würden unter anderem die Kreisverwaltung beherrschen.

Ein Dorf, viele Beziehungen

Bürgermeister Blaack gehört keiner Partei an, sein Schwiegervater trat jedoch 1959 als überzeugter Antifaschist und Pazifist in die SED ein, brachte es zum Kombinatsdirektor und führte nach der Wende die Geschäfte der Links-Partei in der Nachbarstadt Neustrelitz. Die beiden wohnen im selben Haus und wenn der Schwiegervater vom Kauf des Sees spricht, sagt er: „Wir haben den See gekauft.“ 

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Bürgermeister Blaacks Schwiegervater Joachim Odebrecht in seinem Wohnzimmer. Als Kind prägte ihn der Zweite Weltkrieg, die Erfahrung ließ ihn später als Pazifisten und Antifaschisten in die SED eintreten.

Thomas Victor

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Bürgermeister Blaacks Schwiegervater Joachim Odebrecht in seinem Wohnzimmer. Als Kind prägte ihn der Zweite Weltkrieg, die Erfahrung ließ ihn später als Pazifisten und Antifaschisten in die SED eintreten.

Thomas Victor

Jeden Nachmittag um 15 Uhr trinkt er Kaffee mit seinem Nachbar. Auch er ist alter Genosse, der Karriere in Betrieb und Partei machte und dessen Tochter seit zwei Jahren in der Gemeindevertretung sitzt. Bürgermeister Blaack hatte sie gefragt, ob sie kandidieren will. Bevor die AfD in der Gemeindevertretung saß, wurden alle Entscheidungen einstimmig gefällt.

Blaack hat viel für das Dorf getan. Und viele, die in der DDR politisch mitmischten, leben noch im Dorf. Wenn ich einen roten Politfilz sehen wollte, könnte ich ihn sehen.

Die AfD als Werkzeug

Hintze kandidierte unter der Fahne der AfD als Bürgermeister, druckte vom eigenen Geld Plakate, schrieb ein Programm, ging von Tür zu Tür und überzeugte sieben Freunde und Bekannte, mit ihm zu kandidieren. Und wo das Politische privat ist, wählen viele ihre Freunde und Bekannte.

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Neben Hintze schaffte es Brigitte Wolf für die AfD in die Gemeindevertretung. Bis vor zwei Jahren arbeitete sie bei einem Discounter, als Rentnerin sucht sie neue Aufgaben. Sie sitzt mit Hintze und anderen Freunden oft im Garten und grillt. Ihr gefiel, was Hintze über sein Programm für das Dorf erzählte und sie hält nicht viel von der Politik der Bundeskanzlerin: „Merkel hat vieles richtig gemacht, aber ich bin kein Freund von den Ausländern.“

Fakten und Glaubenssätze

Hintze sieht den roten Politfilz, will ihn auskämmen und hat in der AfD ein Werkzeug gefunden. Die Stimmung im Land hilft ihm. Die Wahlbeteiligung im Dorf stieg um 17 Prozent auf 89,9 Prozent, die AfD holte ein Drittel der Stimmen. Blaack sagt, seit dem hätte sich eigentlich nichts verändert, immer noch werde fast alles einstimmig beschlossen. Hintze pocht auf Erfolge in der Grünpflege. 

Hintze krempelt die örtlichen Verhältnisse um. Ist er zufrieden? „Als die die Briefwahl ausgezählt haben, haben die Stimmen verschwinden lassen“, sagt er und steigert sich noch weiter rein: „Die Wahlbeteiligung soll 98,9 Prozent gewesen sein, wie damals unter Honecker geht das hier zu. Fragen Sie ruhig mal im Amt in Neustrelitz nach, dann werden Sie schon sehen.“

Ich habe nachgefragt. Die Wahlbeteiligung war 89,9 Prozent. Aber wenn das Politische privat wird, überdecken Glaubenssätze manchmal die nackten Zahlen.

Die Recherche in Kooperation mit „Zeitenspiegel Reportagen“ wurde von Raphael Thelen über die Plattform crowdfunding.CORRECTIV finanziert. Wir bedanken uns bei der Rudolf Augstein Stiftung und mehr als 100 Einzelspendern für die Unterstützung. Sofern die Spender einer Namensnennung zugestimmt haben, werden sie hier aufgeführt:

Bert Rothkugel, Andres Eberhard, Jonas Aust, Philipp Lienhard, Wiebke Buth, Laura Sundermann, Felix Kamella, Diana Di Maria, Sven Brose, Kai Schächtele, Hannes Opel, Volker Vienken, Friedrich Dimmling, Ulrike Kahl, Felix Weykenat, Constanze Günther, Carolin Wilms, Maria Schmidt-Lorenz, Heiko Hilken, Petra Sorge, Lien Pham-Dao, Elisabeth Ferrari, Wolfgang Weidtmann, Gerhard Dimmling-Jung, Hanfried Victor, Michael Vogel, Tina Friedrich, Stefan Z, Nicole Graaf, Alexander Surowiec, Michael Rasenberger, David Weyand, Christian Mair, Christian Vey, Jörn Barkemeyer, Katharina Müller-Güldmeister, Pia Schauerte, Sybille Förster, Heiko Mielke, Marcus Windus, Christiane Specht, Sebastian Cunitz, Felix Schmitt, Khazer Alizadeh, Tobias Brabanski, Veronika Wulf, Christian Frey, Linda Salicka, Anna Kaleri, Lutz Wallhorn, Edith Luschmann, Thomas Stroh, Christoph Gemaßmer, Matthias Kneis, Gunnar Findeiß, Christiane R, Friedemann Huse, Werner Thelen, Lukas Ladig, Stephan Thiel, Tobias Hill, Florian Berger, Marcus Anhäuser

© Thomas Victor

Neue Rechte

Wie geht’s dir, plattes Land?

Zwischenfazit auf unserer #obenrechts-Tour: Ein alter Pazifist warnt unsere Reporter, dass er die Wut der Menschen in Mecklenburg-Vorpommern verstehen könne. Und dass der Nationalismus wiederkehre. Er begründet das mit seiner Lebensgeschichte.

von Raphael Thelen

Unser Reporter Raphael Thelen reist gemeinsam mit unserem Fotographen Thomas Victor durch MeckPomm vor der Landtagswahl. Zwischen ihren Beiträgen für unseren Schwerpunkt „Neue Rechte“ beschreiben die beiden in kurzen Videos ihre persönlichen Eindrücke.

Die Recherche in Kooperation mit „Zeitenspiegel Reportagen“ wurde von Raphael Thelen über die Plattform crowdfunding.CORRECTIV finanziert. Wir bedanken uns bei der Rudolf Augstein Stiftung und mehr als 100 Einzelspendern für die Unterstützung.

Sofern die Spender einer Namensnennung zugestimmt haben, werden sie hier aufgeführt.

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Kaufmann Stefan Pötschke in seinem rollenden Supermarkt. Für einige Kunden ist er auch Seelsorger.© Thomas Victor

Neue Rechte

Mit dem Supermarkt übers frustrierte Land

Unser Reporter Raphael Thelen reist durch MeckPomm vor der Landtagswahl. Bei Schwerin und Anklam fährt er mit dem mobilen Supermarkt über die Dörfer. Während in Schwerin immer mehr Leute Arbeit finden, wächst auf dem Land die Frustration. Dort wird häufiger rechts gewählt.

weiterlesen 10 Minuten

von Raphael Thelen

Diese Serie erscheint parallel auf Zeit Online.


Stefan Pötschke zieht seinen Kaufmannskittel an und fährt los. Im Heck seines Lieferwagens transportiert er Einmachgummis, Geleebananen, Sauer-Fleisch – und im Kopf eine kleine Chronik der Menschen rund um Schwerin. Seit der Wende schaukelt der Kaufmann mit seinem fahrenden Supermarkt über die Dörfer der Gegend und dabei ist Reden mindestens so wichtig wie Rechnen.

Sein erster Kunde sitzt mit Gehstock und Stoffbeutel in der Hand vor seinem Haus und wartet schon auf Pötschke, der aussteigt und ihn begrüßt. „Guten Morgen Herr Werselin*, wie geht es Ihnen?“ Werselin nimmt das gleiche wie immer: ein paar Lebensmittel, zwei Flaschen Schnaps und ein Weltkrieg-Heftchen voller Heldenstories über die Wehrmacht. Als Pötschke uns Journalisten vorstellt, regt Werselin sich auf: „Mit dem Stock sollte man Journalisten vom Hof treiben.“ Und: „Diesen Grünen-Politikern sollten man den Kopf rasieren und sie erschießen.“

Pötschke hält freundlich dagegen, beruhigt den alten Mann. Später, zurück am Wagen, sagt er: „Im Zweiten Weltkrieg kämpfte Werselin gegen jugoslawische Partisanen und hat so einiges mitgemacht. Und seit seine Frau vor zehn Jahren gestorben ist, hat er außer seinem Sohn nur noch mich.“ Pötschke weiß das, weil er gerne eine Weile bei seinen Kunden bleibt und mit ihnen spricht. „Das hier wird immer mehr auch ein sozialer Dienst“, sagt er. An Werselins Geburtstag stellte er ihm eine Flasche Likör vor die Tür.

Zwei Tage rollen wir über das Land

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Pötschke fährt zum nächsten Ort. Nach der Wende war er vielerorts die einzige Einkaufsmöglichkeit.

Thomas Victor

Man sieht ein Bundesland, das verödet, wenn man sich die Zahlen zu Mecklenburg-Vorpommern anguckt. Die Einwohner können sich ein Viertel weniger leisten als zum Beispiel die Bayern. Die Arbeitslosigkeit liegt ein Drittel höher als im Bundesdurchschnitt. Nach der Wende lebten zwei Millionen Menschen zwischen Schwerin und polnischer Grenze, heute sind es nur noch 1,6 Millionen.

Die schlimmsten Zustände herrschen auf dem platten Land, dort, wo auch mehr rechts gewählt wird, als in den Städten. Ähnlich wie in Österreich, Frankreich und Großbritannien.

Wir fahren zwei Tage mit fliegenden Händlern in Mecklenburg und Vorpommern übers Land, um hinter die Zahlen zu gucken und entdecken eine gesellschaftliche Spaltung, die Gesamtdeutschland widerspiegelt.

Der Zusammenbruch schafft Möglichkeiten

„Nach der Wende ist hier alles kaputt gegangen“, sagt Pötschke und öffnet in seinem Lieferwagen die silberne Thermoabdeckung des Kühlregals für die nächste Kundin. „In den ersten fünf Jahren brach die gesamte Nahversorgung zusammen.“

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Stefan Pötschke vor seinem Wohnhaus. Bis vor fünf Jahren verkaufte er auch noch hier Lebensmittel.

Thomas Victor

In der DDR arbeitete er als Chemieingenieur und als Bürgermeister einer kleinen Gemeinde, wollte nach der Wende aber raus aus der Politik. Als die ersten Einkaufsläden schlossen, kaufte er den Wagen.

„Wenn ich damals Urlaub gemacht habe“, sagt er „herrschte Hunger auf den Dörfern.“ Die Kundin, die gerade Obst in ihren Einkaufskorb legt, lebte schon damals in der Straße. „Hier war noch nicht mal asphaltiert und wenn er nicht kam, haben wir ihn schon sehr vermisst.“ Immer mehr Menschen baten Pötschke, auch bei ihnen vorbeizuschauen. Und obwohl noch weitere Wagen über die Dörfer tourten, arbeitete er bis zu hundert Stunden die Woche. Doch irgendwann gingen die Stunden zurück.

Plaudern an der Registrierkasse

„Seit 1995 kamen eigentlich keine neuen Kunden dazu“, sagt er. Spätestens zu der Zeit begriffen die Menschen, dass die Ostwirtschaft noch lange kranken würde und die Jungen zogen in den Westen. Die Dörfer verfielen und Pötschke wurde mehr als ein Kaufmann: Die Menschen erzählten ihm von ihren Berufsjahren auf fernen Kontinenten, über ihr Leben als Donauschwaben in Persien, das Überleben auf der sinkenden Gustloff. „Einer Frau sagte ich zweimal, dass der schwarze Fleck in ihrem Gesicht Hautkrebs sein könnte“, sagt Pötschke. Sie ging zum Arzt und die Diagnose stimmte. Die Frau wurde gerettet.

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Zwei Frauen kaufen in Pötschkes fahrendem Supermarkt ein. Viele erzählen ihm ihre Lebensgeschichten und Pötschke hört gerne zu.

Thomas Victor

Über die Jahre verlor der 62-jährige immer mehr Kunden an den Tod oder das Pflegeheim. Heute arbeitet er nur noch 35 Stunden die Woche, die Einkäufe werden kleiner und so verdient er nur noch rund fünf Euro die Stunde. Dabei gäbe es wieder Kunden, die neuen Autos vor den Häusern zeugen davon.

Andreas Bärle nimmt ein Paket Butter und eine Milch aus dem Kühlregal und plaudert kurz mit Pötschke. Er mag ihn und hält ihm die Stange. Brauchen tut er ihn nicht.

Boom

„Seit der Bundesgartenschau vor sieben Jahren geht es in Schwerin wieder bergauf“, sagt der Kleinunternehmer Bärle. Vor allem Hightech-Unternehmen treiben das neue Wachstum – Luftfahrt-, Biotech- und Medizintechnikunternehmen siedeln sich an.

2015 wurde in Mecklenburg-Vorpommern das historisch höchste Bruttoinlandsprodukt erwirtschaftet, die Exporte stiegen im Vergleich zum Vorjahr um zwölf Prozent. Die Unternehmen schaffen vor allem Jobs für Hochqualifizierte, viele Unternehmen suchen geeignete Fachkräfte. Tatsächlich ist die Arbeitslosigkeit in Mecklenburg-Vorpommern rund 20 Prozent niedriger als vor vier Jahren. Viele im Westen des Bundeslandes arbeiten im reichen Hamburg.

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Andreas Bärle in seiner Straße. Seit einigen Jahren ziehen immer mehr Familien aus Schwerin aufs Land.

Thomas Victor

Um mit seiner Ehefrau Kinder zu kriegen, zog Bärle vor einigen Jahren aus Schwerin ins Dorf Schossin. Das Bauland war billig, die beiden betreiben eine Wäscherei und ein Naturkosmetikgeschäft in Schwerin.

Sie bauten ein baubiologisches Haus, mit Garten und Feldsteinmauer. Ein befreundetes Pärchen kaufte das Haus einer verstorbenen Frau nebenan, andere junge Familien sanieren die umliegenden Siedlungshöfe. „Ich schätze, dass wir ein Viertel Kinder im Dorf haben“, sagt Bärlin. Seine Einkäufe erledigt er auf dem Heimweg, in den Discountern ist es billiger.

Alle sterben weg

Auch Pötschke wollte am Aufschwung teilhaben, obwohl er seine Alten liebt, bewarb er sich als Filialleiter in einem Supermarkt und scheiterte. Zu alt. Und damit spiegeln Bärle und Pötschke ein bisschen die deutsche Wirtschaftsentwicklung. Die Gutqualifizierten starten durch, weniger glückliche und ältere werden abgehängt oder in Arbeitsprogrammen geparkt. Auch deshalb sehen die Arbeitslosenzahlen so gut aus.

Morgens um sechs drückt Anja Dau ihre Zigarette aus, verabschiedet die Kolleginnen und steigt in ihren mobilen Bäckereitruck. Den ganzen Tag wird sie Menschen in den Dörfern rund um Anklam beliefern. Anklam, das ist Schwerins kleine harte Schwester. Arbeitslosigkeit: 14,8 Prozent. NPD: 9,2 Prozent. Größte Arbeitgeber: Molkerei, Türenwerk, Bettenfabrik. Mobile Bäckereien und Supermärkte gibt es viele.

„Ich habe Angst, dass ich meinen Job wieder verliere, weil die Alten auf der Route alle wegsterben“, sagt die 39-jährige Dau. Angst passt eigentlich nicht zu ihr. Sie liebt ihren Job, begrüßt jeden Kunden mit lauten, überschwänglichen Worten, steht nie still.

Der Terror treibt die Deutschen an die Ostseeküste

Vor acht Wochen ergatterte sie den Bäckerinnen-Job. Lächelnd sagt sie: „Und schon haben mir einige Kunden das Du angeboten.“ Eine davon ist die 56-jährige Beate Döring im kleinen Ort Medow, die gerade vom Sportplatz kommt. Gemeinsam mit ihren Hartz IV-Kollegen hat sie Rasen gemäht, wofür sie von der Gemeinde ein paar Euro bekommen.

Ein Fußballverein spielt auf dem Platz nicht mehr. Vor zwei Jahren schloss der Kindergarten. Die alte Schule wurde abgerissen, weil sie drohte, auf ein Nachbarhaus zu stürzen. Ins Clubheim der Kaninchenzüchter regnet es rein.

Döring arbeitete in der DDR als Rinderzüchterin in der örtlichen LPG. Nach der Wende sortierte sie noch einige Jahre Kartoffeln und räumte Steine von den Feldern. Dann war Schluss, Hartz IV. Ihre Arbeitsvermittlerin sagte, sie solle sich einen Job in der boomenden Tourismusbranche auf der nahegelegenen Urlaubsinsel Usedom suchen. Knapp 30 Millionen Übernachtungen verbuchte Mecklenburg-Vorpommern vergangenes Jahr, die Terrorangst treibt die Deutschen an die Ostseeküste. „Aber wie soll ich dahin kommen, ohne Auto und Führerschein?“, sagt Döring. Auch Einkaufen ist ein Problem, der nächste Supermarkt ist im 20 Kilometer entfernten Anklam. Der Bus fährt alle paar Stunden. Dörings ganzer Stolz ist die Freiwillige Feuerwehr im Ort, mit der sie an Wettkämpfen teilnimmt. Beim letzten Mal streikte die Pumpe.

Kanzler Kohl kam nicht, schickte aber ein signiertes Porträt

Bäckerin Dau rumpelt weiter über die Landstraßen. Viele wölben sich in der Mitte, weil sie noch aus Feldsteinen gebaut sind. Links und rechts überwuchert Unkraut die alten Landmaschinen. Schwalben schießen aus leerstehenden Siedlungshöfen in die Luft. „Die jungen Leute gehen in die Städte“, sagt die Bäckerin. „Auch ich war einige Jahre weg.“ Plötzlich ist hinter einer Kurve Bewegung, einige LKW rangieren vor und zurück. Es ist die örtliche Mülldeponie.

Am Türgriff des Restaurants Zur Linde in Neuendorf B hängt eine Stofftüte. Dau bremst, denn das heißt: Inhaberin Henni Rost will etwas kaufen. Leicht humpelnd, aber mit durchgedrücktem Rücken kommt die 78-Jährige an den Wagen. Später, im Schankraum ihres Restaurants, sinkt sie in sich zusammen.

Seit 1974 führt sie den Familienbetrieb, an der Wand über dem Tresen hängt eine Ehrenurkunde zum 100-jähigen Betriebsbestehen, Schlagerstars aßen hier, genau wie ein sowjetischer Vize-Konsul und Landesminister. Eine Greifswalder Schriftstellerin nahm die Wirtsleute zum Vorbild für ihre Romane. Bundeskanzler Helmut Kohl kündigte seinen Besuch an, war dann jedoch verhindert, schickte stattdessen ein signiertes Porträt. Es hängt immer noch an der Wand. „Ich öffne jeden Tag, außer wenn ich zum Arzt muss“, sagt Rost. „Aber außer ein paar Fahrradfahrern und Usedom-Reisenden auf der Suche nach einer Toilette kommt hier kaum noch jemand vorbei.“

Es wird nicht mehr getanzt

Sie kennt jeden einzelnen im Dorf, geht sie im Kopf durch: „Hier wohnen noch 13 – 25 – 35, ungefähr 40 Leute. Vor der Wende waren es doppelt so viele. Und wir zählen alle zwischen 50 und 80 Jahre.“

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Früher kamen täglich die Arbeiter der umliegenden Betriebe, um sich ein Bier in die Kehle zu schütten, Karten wurden gedroschen und zu Silvester aßen, tranken, tanzten die Gäste. Kurz vor Mitternacht tischte Rost immer nochmal Pfannekuchen und Kaffee auf. Doch irgendwann kamen immer mehr Gäste, die vom Buffet nahmen aber nur noch Geld für ein Wasser hatten. Vor zehn Jahren kamen sie gar nicht mehr.

Deutlicher Fingerzeig

In Rosts altmodischer Schankstube wirken die sanierten Kaiserbäder auf Usedom und der staatlich geförderte Schweriner Industriepark weit weg. Von dort aus mag es schwerfallen, die Frustration der Menschen im Land zu verstehen, die der Alternative für Deutschland bei den Landtagswahlen am 4. September den Wahlsieg bescheren könnte.

Doch die abgebrochenen Balken der einstürzenden Dachstühle in Rosts Dorf geben einen deutlichen Fingerzeig. Oder wie ein 65-jähriger Bekannter mir mal sagte: „Uns kleinen Leuten wurde immer gesagt, es muss gespart werden. Und auf einmal ist Geld für die Flüchtlinge da.“

Rost schöpfte trotz allem vor ein paar Jahren nochmal Hoffnung, als zwei Ärzte aus Hannover das Schloss des Orts kauften und alle dachten, dass sie eine kleine Reha-Klinik eröffnen würden. Doch die Ärzte missachteten die Vorgaben des Denkmalschutzes. Seitdem steht die Baustelle still. „Ich habe das hier mitaufgebaut, ich will das nicht verlassen“, sagt Frau Rost. Aber wenn sie stirbt, wird die Linde nach über hundert Jahren wohl schließen. Und wenn sich nichts ändert, bald nach ihr der Ort.

Zurück im Schweriner Umland fährt Kaufmann Pötschke mittags zurück zu seinem Haus, um einen Kaffee zu trinken und die nächste Tour vorzubereiten. Nur 200 Euro Umsatz hat er am Morgen gemacht. „Das macht nichts, ich liebe meinen Job und man darf nicht zu viel vom Leben erwarten“, sagt er. „Und auch wenn es kriechend langsam ist, geht es bergauf.“

*Wir haben den Namen von Herrn Welserin geändert, weil wir den Eindruck hatten, dass er im Umgang mit Medien unerfahren ist und wir ihn hier an dieser Stelle schützen wollen.

Die Recherche in Kooperation mit „Zeitenspiegel Reportagen“ wurde von Raphael Thelen über die Plattform crowdfunding.correctiv.org finanziert. Wir bedanken uns bei der Rudolf Augstein Stiftung und mehr als 100 Einzelspendern für die Unterstützung.

Sofern die Spender einer Namensnennung zugestimmt haben, werden sie hier aufgeführt: Bert Rothkugel, Andres Eberhard, Jonas Aust, Philipp Lienhard, Wiebke Buth, Laura Sundermann, Felix Kamella, Diana Di Maria, Sven Brose, Kai Schächtele, Hannes Opel, Volker Vienken, Friedrich Dimmling, Ulrike Kahl, Felix Weykenat, Constanze Günther, Carolin Wilms, Maria Schmidt-Lorenz, Heiko Hilken, Petra Sorge, Lien Pham-Dao, Elisabeth Ferrari, Wolfgang Weidtmann, Gerhard Dimmling-Jung, Hanfried Victor, Michael Vogel, Tina Friedrich, Stefan Z, Nicole Graaf, Alexander Surowiec, Michael Rasenberger, David Weyand, Christian Mair, Christian Vey, Jörn Barkemeyer, Katharina Müller-Güldmeister, Pia Schauerte, Sybille Förster, Heiko Mielke, Marcus Windus, Christiane Specht, Sebastian Cunitz, Felix Schmitt, Khazer Alizadeh, Tobias Brabanski, Veronika Wulf, Christian Frey, Linda Salicka, Anna Kaleri, Lutz Wallhorn, Edith Luschmann, Thomas Stroh, Christoph Gemaßmer, Matthias Kneis, Gunnar Findeiß, Christiane R, Friedemann Huse, Werner Thelen, Lukas Ladig, Stephan Thiel, Tobias Hill, Florian Berger, Marcus Anhäuser

Eine junge Ballerina in Rostock. Ihre russlanddeutsche Mutter sagt: „Die Kinder in Deutschland sind faul." In Russland herrsche mehr Disziplin.© Hannes Jung

Neue Rechte

Ordnung und Respekt

Unser Reporter Raphael Thelen reist durch MeckPomm vor der Landtagswahl. Bei früheren Wahlen in anderen Bundesländern holte die AfD in russland-deutschen Wohngegenden bisweilen rund die Hälfte der Stimmen. Warum? Auf nach Rostock Groß Klein, wo zwischen den Plattenbauten bis heute viel Russisch zu hören ist.

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von Raphael Thelen

Diese Serie erscheint parallel auf Zeit Online.


Am Telefon sagt mir der Kreisvorsitzende der Rostocker AfD: „Als ich die Unterschriften für meine Direktkandidatur sammelte, waren von den 200 Stück ungefähr 40 von Deutsch-Russen.“

Und in Groß Klein, einem deutsch-russisch geprägten Plattenbauviertel im Norden der Stadt, erreichte die AfD bei der letzten Bürgerschaftswahl ihr zweitbestes Ergebnis in Rostock.

Das ist der richtige Ort für unsere Recherche. Wir fahren hin und fangen an, uns durchzufragen.

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Ein Wohnblock in Rostock Groß Klein. Der beachbarte Stadtteil Schmarl wird von Rostockern auch „Schmarlingrad“ genannt.

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Ein Wohnblock in Rostock Groß Klein. Der beachbarte Stadtteil Schmarl wird von Rostockern auch „Schmarlingrad“ genannt.

Nachmittags besuchen wir Galina Weber-Poukhlovski, sie betreibt im Einkaufszentrum von Groß Klein ein Ballettstudio. Sie führt uns in den Ballettraum mit bodentiefen Spiegeln und Ballettstange. „Bitte nehmen Sie Platz“, sagt sie und bleibt aufrecht vor uns stehen.

In Russland tanzte sie als Solistin, ist in Bonn und Wiesbaden aufgetreten, ein Drittel ihrer Schüler kommt aus deutsch-russischen Familien. Doch auf unsere Fragen antwortet sie knapp, und nach zehn Minuten ist unser Gespräch so gut wie beendet. Wir fragen noch, ob sie jemanden kenne, der mit uns sprechen möchte. Sie telefoniert einige Familien ihrer Schüler durch. Nein, niemand möchte.

Fotograf Hannes Jung bittet, ein Foto machen zu dürfen. Während ihre Tochter im weißen Tutu schwanengleich Rücken, Arme und Hals streckt und auf den Zehenspitzen tippelt, guckt ihre Mutter mit kritischem Blick und merkt an: „Die Kinder in Deutschland sind faul, üben nicht genug. In Russland hatten wir mehr Disziplin.“

Nebenan treffen wir Marina und Igor Grygorenko, die mit großem Erfolg einen russischen Supermarkt betreiben, und lassen uns erzählen, wie sie vor hohen russischen Feiertagen palettenweise Borschtsch, Dosenfisch und Eiernudeln ankarren. Sie lieben ihre Arbeit und einander und lächeln so zufrieden, dass ich sie drücken möchte.

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Marina und Igor Grygorenko in ihrem Supermarkt. Erst vor kurzem haben sie die Ladenfläche verdreifacht.

Hannes Jung

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Marina und Igor Grygorenko in ihrem Supermarkt. Erst vor kurzem haben sie die Ladenfläche verdreifacht.

Hannes Jung

Für Politik, sagen beiden, interessierten sie sich nicht.  „Habt ihr Freunde, die politisch interessiert sind?“ Kurzes Beraten auf Russisch, dann: Nein. Wie die Ballettlehrerin scheinen auch sie misstrauisch zu sein gegenüber jeglicher Politik.

Liest man Zeitungen oder hört Politikern zu, heißt es oft: Spätaussiedler bescheißen den Staat, saufen Wodka und prügeln sich andauernd. Erfolgsgeschichten wie die von den Grygorenkos werden selten erzählt. Und sind nicht auch wir unterwegs, um die Enttäuschten und Wütenden zu suchen?

Wir kontaktieren den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, die 1992 von Migranten aus der Sowjetunion gegründet wurde und heute 700 Mitglieder zählt. Er sagt, dass er leider keine Gesprächspartner vermitteln könne. Der Vorsitzende der russischen Landsmannschaft und der des Vereins der Freunde der russischen Sprache rufen nicht zurück.

Uns dämmert, dass wir aus Groß Klein raus müssen.

Am nächsten Morgen treffen wir Marina und Michael Beitman-Korchagin, zwei jüdische Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion, die in Rostock das jüdische Theater Mechaje gegründet haben.

Michael sitzt im Theaterbüro in einem weißen Bürostuhl, das Hemd offen und präsentiert beste Gastgeberlaune. Als er nach einer ausholenden Geste seinen Arm abstützt, fällt die Bürostuhllehne ab. „Macht nichts“, nuschelt er und schiebt sie unter den Schreibtisch. Seine Frau Marina guckt ihn flehend an, auch um seine Plauderlaune zu bremsen.

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Marina und Michael Beitman-Korchagin im Probenraum des von ihnen gegründeten Theaters Mechaje, der ersten jüdischen Bühne Ostdeutschlands.

Hannes Jung

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Marina und Michael Beitman-Korchagin im Probenraum des von ihnen gegründeten Theaters Mechaje, der ersten jüdischen Bühne Ostdeutschlands.

Hannes Jung

Die Geschichte der beiden hilft uns, zu begreifen, wie schwer es vielen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion gefallen sein muss, in Deutschland anzukommen.

In der Ukraine inszenierte der 57-Jährige am Stadttheater seiner Heimatstadt Czernowitz, Marina arbeitete als Schauspielerin in Kiew. 1996 ließen sie dieses Leben zurück und siedelten nach Deutschland über. „Weil wir für unsere Kinder eine bessere Zukunft wollten“, sagt Michael. Zuerst hausten sie in den Mehrbettzimmern eines Einwandererwohnheims, kamen dann nach Rostock und lebten von Sozialhilfe. Arbeit fanden sie in einem Zirkus für Kinder.

„Viele befreundete Ärzte mussten zwei Jahre lang Praktika machen, bevor sie Jobs bekommen haben. Viel Arbeit für wenig Geld. Andere waren in der Sowjetunion Betriebsdirektoren oder Wissenschaftler. Hier mussten sie dann putzen gehen“, sagt Michael.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kamen mehrere Millionen Menschen nach Deutschland und ihre strahlenden Hoffnungen zerschellten oft am verwitterten Waschbeton der Plattenbausiedlungen.

Der deutsche Staat erkannte ihre Abschlüsse nicht an, strich Deutschkurse zusammen. Vielen blieb nur, putzen zu gehen, Arbeit auf dem Bau zu suchen oder in der Altenpflege. Und auf den Ämtern schlug ihnen nicht selten bürokratische Arroganz entgegen: Ach, Sie sind Russlanddeutscher. Warum sprechen Sie dann kein Deutsch?

Weil sie es nicht sprechen durften. Bis in die 1940er Jahre hinein beherrschten viele Deutschstämmige in Russland ihre Muttersprache. Doch Kriegsherr Josef Stalin schimpfte sie Verräter und deportierte viele nach Sibirien. Selbst in den Familien durfte Deutsch fortan nicht mehr gesprochen werden. So waren sie in Russland immer „die Deutschen“. Und später in Deutschland „die Russen“.

Die AfD hat es verstanden, dieses Vakuum für sich zu nutzen. Offenbar weiß man dort um die zerschellten Träume und das Verlangen, zu Deutschland zu gehören. Immer wieder gehen AfD-Politiker auf Spätaussiedler zu. In Erfurt begrüßen AfD-Redner das Publikum auch mal auf Russisch, die AfD Brandenburg übersetzte ihr Wahlprogramm ins Russische. Eine Russischdolmetscherin zeigte mir später russische Webseiten mit Spott über Angela Merkel und die Flüchtlingskrise und erklärte mir, wer offenbar dahinter steht – die AfD. „Alexander Gauland ist hinter den Aussiedlern her wie der Teufel hinter den Seelen“, sagte sie.

Die Beitman-Korchagins versuchten, die anfänglichen Probleme mit dem zu lösen, was sie am besten können: Theater spielen. Sie gründeten die erste jüdische Bühne Ostdeutschlands.

Ihr erstes Stück „Gestern – Stetlgeschichte“ handelte vom jüdischen Leben in ihrer Heimatstadt. Die beiden inszenierten es auf Russisch. „Mit diesem Stück haben wir Abschied genommen von unserem früheren Leben“, sagt Michael. Mit jeder weiteren Inszenierung versuchten sie ein bisschen mehr in Deutschland anzukommen. Die russischen Texte wurden durch Jiddisch ersetzt und dann auch durch Deutsch.

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Die Bühne des jüdischen Theaters. Anfangs inszenierten die Beitman-Korchagins ihre Stücke auf Russisch, inzwischen längst auf Deutsch.

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Die Bühne des jüdischen Theaters. Anfangs inszenierten die Beitman-Korchagins ihre Stücke auf Russisch, inzwischen längst auf Deutsch.

Für ihre Arbeit erhielten sie öffentliche Förderung und Preise. 20 Jahre und 20 Stücke später sagt Michael: „Unser Pass ist deutsch, wir sind Juden, aber unsere Mentalität bleibt ein bisschen sowjetisch.“ Sowjetisch, dass heißt für ihn auch: Viele seiner Landsleute sehnen sich nach einem starken Führer. Auch das spielt der AfD in die Hände. 

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Marina Kölpin in der russisch-orthodoxen Kirche. In Russland studierte sie Wirtschaft, in Rostock arbeitet sie als Supermarktkassierin.

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Marina Kölpin in der russisch-orthodoxen Kirche. In Russland studierte sie Wirtschaft, in Rostock arbeitet sie als Supermarktkassierin.

Hannes Jung

Gedämpftes Licht fällt durch die blauen Bleiglasscheiben des Speiseraums der russisch-orthodoxen Kirchengemeinde „zu Ehren der Seligen Xenia von St.-Petersburg“. An den Wänden hängen Ikonen. Darunter sitzt Marina Kölpin, die für den Kirchenbesuch ihr Haar mit einem gelben Schal bedeckt hat.

„Früher habe ich mich geschämt als Russin in Deutschland“, sagt die 41-Jährige. „Dieser Jelzin, wie er betrunken Geige gespielt hat und uns alle blamierte. Aber der Putin, der liebt Russland, wir haben jetzt wieder eine prestigeträchtige Armee, und meine Eltern bekommen regelmäßig ihre Rente.“

Putin tritt auch als Schutzherr der Spätaussiedler auf, und jene, die an den Integrationshürden scheiterten, nehmen das gerne an und freuen sich, wenn die AfD plakatiert: Schluss mit den Russland-Sanktionen.  

Neben Kölpin sitzt Pfarrer Hieroschemamonk Rafail, der sich um das Seelenheil der russisch-orthodoxen Gemeinde von Mecklenburg-Vorpommern kümmert.

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Pfarrer Hieroschemamonk Rafail in der russisch-orthodoxen Kirche von Rostock. Homosexualität? Schwächt die Gesellschaft!, wettert er.

Hannes Jung

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Pfarrer Hieroschemamonk Rafail in der russisch-orthodoxen Kirche von Rostock. Homosexualität? Schwächt die Gesellschaft!, wettert er.

Hannes Jung

„Früher war die deutsche Gesellschaft stark“, sagt er und bald überschlägt sich seine Stimme. „Aber durch die Homosexualität wird sie schwächer und geht leider kaputt“, ereifert sich Vater Rafail. Und Frau Kölpin sagt: „Für Frauen gelten die drei K: Kinder, Küche, Kirche.“

Abends treffen wir uns nochmal mit dem Ehepaar Beitman-Korchagin. Ich hatte vorgeschlagen, gemeinsam Essen zu gehen oder uns bei ihnen zuhause zu treffen, doch beides wollten sie nur ungern. Ihnen fehlt Geld.

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Stattdessen sitzen wir wieder im Büro des Theaters, auf dem kleinen Tisch haben die beiden Baguettebrötchen, Hering, Scheibenkäse und ein paar Flaschen Bier angerichtet. Vor dem Fenster geht die Sonne unter. Michael erzählt witzige Anekdoten aus seinem Leben, ich frage nach dem Holocaust.

Deutsche Flieger bombardierten den Flüchtlingszug, in dem Michaels Mutter fuhr, Wehrmachtssoldaten ermordeten seine Tante und seinen Onkel. „Das ist auch der Grund, warum wir den Schabbat ehren. Es ist unsere Pflicht gegenüber den Juden, die im Holocaust umgebracht wurden“, sagt Marina.

Erst kürzlich hat sich Michael das AfD-Programm durchgelesen. „Für die Leute macht da vieles Sinn“, sagt er. Einerseits. Aber der Hass auf Muslime macht ihm Sorge. Und obwohl in seinem deutschen Vokabular Lücken klaffen, verfolgte er aufmerksam den Streit um die antisemitischen Bücher eines baden-württembergischen AfD-Abgeordneten.

Er spricht nicht oft mit seinen Freunden über solche Themen. Doch letztens kam einer zu ihm und sagte scherzhaft: „Jetzt agitieren sie gegen die Muslime. Und bald kommen wieder die Juden dran.“ Das hat ihn erschreckt.

Unsere Reise durch das Rostock der Spätaussiedler ist zu Ende. Auf dem Weg zurück ins Hotel wundere ich mich, wie verquer das alles ist: Deutsche aus der Sowjetunion machen die AfD stark, während Juden aus der Sowjetunion die AfD fürchten. 

Und warum wählen die Russlanddeutschen nun die AfD? Es gibt viele Gründe. Aus Misstrauen gegenüber einer misstrauischen deutschen Öffentlichkeit. Wegen ihrer jahrelangen, manchmal vergeblichen Kämpfe um Jobs und Zugehörigkeit. Weil sie traditionellen Werten anhängen. All das ergibt Schnittmengen mit der AfD. Und darüber hinaus bietet die Partei den Russlanddeutschen etwas, was ihnen lange verwehrt geblieben ist: Wertschätzung.

Im Hotelzimmer denke ich: Es wäre an der Zeit, mal eine positive Geschichte über Russlanddeutsche zu schreiben.

Die Recherche in Kooperation mit „Zeitenspiegel Reportagen“ wurde von Raphael Thelen über die Plattform crowdfunding.CORRECTIV finanziert. Wir bedanken uns bei der Rudolf Augstein Stiftung und mehr als 100 Einzelspendern für die Unterstützung.

Sofern die Spender einer Namensnennung zugestimmt haben, werden sie hier aufgeführt.

Bert Rothkugel, Andres Eberhard, Jonas Aust, Philipp Lienhard, Wiebke Buth, Laura Sundermann, Felix Kamella, Diana Di Maria, Sven Brose, Kai Schächtele, Hannes Opel, Volker Vienken, Friedrich Dimmling, Ulrike Kahl, Felix Weykenat, Constanze Günther, Carolin Wilms, Maria Schmidt-Lorenz, Heiko Hilken, Petra Sorge, Lien Pham-Dao, Elisabeth Ferrari, Wolfgang Weidtmann, Gerhard Dimmling-Jung, Hanfried Victor, Michael Vogel, Tina Friedrich, Stefan Z, Nicole Graaf, Alexander Surowiec, Michael Rasenberger, David Weyand, Christian Mair, Christian Vey, Jörn Barkemeyer, Katharina Müller-Güldmeister, Pia Schauerte, Sybille Förster, Heiko Mielke, Marcus Windus, Christiane Specht, Sebastian Cunitz, Felix Schmitt, Khazer Alizadeh, Tobias Brabanski, Veronika Wulf, Christian Frey, Linda Salicka, Anna Kaleri, Lutz Wallhorn, Edith Luschmann, Thomas Stroh, Christoph Gemaßmer, Matthias Kneis, Gunnar Findeiß, Christiane R, Friedemann Huse, Werner Thelen, Lukas Ladig, Stephan Thiel, Tobias Hill, Florian Berger, Marcus Anhäuser

© Hannes Jung

Neue Rechte

Heimatgefühle, angetrunken

Unser Reporter Raphael Thelen reist durch MeckPomm vor der Landtagswahl. Rund um Anklam hat sich die Einwohnerzahl seit der Wende halbiert. Die NPD bekommt bei den Wahlen zehn Prozent. Auf dem Hansefest fragen wir junge Menschen, warum sie trotzdem in Anklam bleiben wollen. Und unser Fotograf wird von Nazis gejagt.

weiterlesen 6 Minuten

von Raphael Thelen

Diese Serie erscheint parallel auf Zeit Online.


Der DJ dreht den nächsten Hit auf, packt das Mikrofon, brüllt: „Jetzt nochmal alle Hände in die Höhe“, und die Leute auf der Tanzfläche recken die Arme ins pinkfarbene Scheinwerferlicht und wiegen die Köpfe. Das Hansefest in Anklam. Ein Highlight. Von weither kommen sie an diesem Abend.

1990 lebten 19.000 Menschen in Anklam, heute sind es knapp 13.000, auf den Dörfern sieht es noch düsterer aus. Und bei der Landtagswahl 2011 wählten überdurchschnittlich viele Menschen unter 34 die NPD.

Die Jungen hauen ab, heißt es. Aber dann hören wir immer wieder, von Jungs, die in weiten Shirts am Autoscooter rumstehen, von Mädels mit blondierten Haaren, dass sie auf dieser Welt nur eines möchten: in Anklam bleiben. Warum? Wir haken nach.

Dana: Anklam ist toll 

In Jeansjacke kommt Dana Schultz die Menge entlang gelaufen und schaut mir ins Notizbuch: „Was schreibst Du da?“, platzt sie los. „Wir schreiben eine Reportage über das Leben junger Leute in Anklam. Hast du Lust mir etwas zu erzählen?“, sage ich. Wir gehen ein Stück weg von den Lautsprechern und setzen uns zwischen eine Cocktail-Bar und eine Bratwurstbude auf zwei Bierbänke.

„Anklam ist einfach eine tolle Stadt“, sagt die 29-Jährige und zählt die Vorteile auf: Monatlich gibt es einen Flohmarkt, es wird immer sauberer, der Marktplatz wurde saniert.

Sie verkaufte drei Jahre lang Tabak in einem kleinen Laden und liebte ihre Arbeit. Doch vor kurzem trennte sie sich von ihrem Ehemann, das Geld ist knapp. „Jetzt kellnere ich in Neubrandenburg in einem Eiscafé“, sagt sie mit Bedauern. „Aber da verdiene ich mehr. Man will seiner Tochter ja auch was bieten.“

Ehe wir uns verabschieden, sagt sie nochmal: „Ich bin so gerne in Anklam, einfach, weil ich jeden hier kenne.“

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Der DJ heizt dem Publikum ein. Viele feiern das Hansefest als Höhepunkt des Jahres, viele Weggezogene fahren weite Strecken, um mitzufeiern.

Hannes Jung

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Der DJ heizt dem Publikum ein. Viele feiern das Hansefest als Höhepunkt des Jahres, viele Weggezogene fahren weite Strecken, um mitzufeiern.

Hannes Jung

Manuel: Autos verkaufen

Manuel Köhn sitzt mit seinen Freunden etwas abseits der Technobühne, die mit ihren hohen Traversen und Boxentürmen den Potsdamer Platz in Berlin bespielen könnte. Der DJ remixt das Beste der 80er, 90er und 2000er, gerade brüllt Kurt Cobain zu hämmernden Bässen:

I like it, I’m not gonna crack
I miss you, I’m not gonna crack
I love you, I’m not gonna crack
I killed you, I’m not gonna crack

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Feiernde gröhlen für den Dj der Technobühne. Es sind vor allem Anklamer Gewächse, die hier spielen.

Hannes Jung

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Feiernde gröhlen für den Dj der Technobühne. Es sind vor allem Anklamer Gewächse, die hier spielen.

Hannes Jung

Vor einem Monat, erzählt Manuel, habe er seine Ausbildung zum Automobilkaufmann abgeschlossen und schreibe seitdem Bewerbungen. „20 Stück bis jetzt, aber ist noch nichts zurückgekommen“, sagt er. Er bekam 300 Euro Ausbildungsgehalt, weiterbeschäftigen konnte sein Chef ihn nicht. Ein eigenes Auto hätte er gerne, kann es sich aber nicht leisten. Doch weggehen will er auch nicht.

Im Umkreis seines Dorfes lebten so wenige Kinder, dass sie in seiner Klasse nur zu zwölft waren. „Von meinen Mitschülern arbeiten jetzt sechs im Westen und fünf sind zur Bundeswehr gegangen“, sagt er. Die Bundeswehr sei beliebt, weil sie ihre Rekruten übernimmt.

Was er über den Westen erzählt, klingt nach den Verlockungen, die sich junge Männer in Afrika angeblich über das gelobte Europa erzählen: „Alle, die woanders sind, haben eine eigene Wohnung von der Arbeit, kriegen den Führerschein bezahlt und ein Auto gestellt.“

Aber noch ist der Sog der Heimat stärker. Gern erinnert er sich daran, wie er mit seinen Kumpels im Jugendtreff rumhing, alle seine Verwandten wohnen im Umkreis. „Ich will nicht so einer sein, der in den Westen abhaut.“ Nein, er steht zu Anklam. „Wir brauchen ja auch Jugendliche, die hier arbeiten.“

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Der Boden des Autoscooters. Den Rest des Jahres hämgen die Jugendlichen von Anklam an der Bushaltestelle rum oder gehen mit Freunden grillen.

Hannes Jung

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Der Boden des Autoscooters. Den Rest des Jahres hämgen die Jugendlichen von Anklam an der Bushaltestelle rum oder gehen mit Freunden grillen.

Hannes Jung

Georg: Mit Kumpels grillen

Georg Reddemann ging einst weg und kommt nun fast jedes Wochenende wieder. Es ist halb zwei Uhr morgens, Partygäste klopfen immer noch Schnäpse auf den Tischen, auf dem Boden glitzert Konfetti. Georg hält eine Büchse Energydrink in der Hand, auf dem Tisch steht eine Flasche Fruchtwein, der Aschenbecher quillt über.  

Georg studiert Forstwirtschaft in Eberswalde, doch statt im nahegelegenen Berlin feiern zu gehen, fährt er lieber die doppelte Strecke, um in der Heimat mit Kumpels zu grillen. Einmal im Jahr trifft sich seine alte Schulklasse in Anklam. „Und dreiviertel der Leute, die weggegangen sind, wollen dauerhaft wiederkommen“, sagt der 21-Jährige. „Doch wegen der Arbeit können sie nicht.“

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Georg Reddemann am Ufer der Peene. Für seine langen Haare wird er oft von Rechten verarscht. Sonst hat er wenig Probleme mit ihnen.

Hannes Jung

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Georg Reddemann am Ufer der Peene. Für seine langen Haare wird er oft von Rechten verarscht. Sonst hat er wenig Probleme mit ihnen.

Hannes Jung

Und während er gerade beschreibt, dass alle Kleinstädte in Vorpommern an den gleichen Problem leiden, hetzt Fotograf Hannes Jung an den Tisch: „Die beiden Rechten sind mir gerade hinterhergelaufen.“

Stress mit den Rechten

Vorhin, Hannes und ich standen gerade mit dem Rücken an der Wasserkante, stellte sich ein stämmiger Typ vor uns. Kopf rasiert, Wikingerbart, Thorhammer um den Hals. „Was schreibst du denn da? Kann ich da auch unterzeichnen?“ Als ich meinte, dass wir Journalisten sind, sagte sein Kumpel: „Wenn ihr so Links-Grüne seid, dann gibt’s hier aber gleich Probleme.“ Mit zwei schnellen Schritten verschwanden wir und sie hatten zu viel drin, um zu reagieren.

Wir waren dann jedoch zu unbedacht und sie folgten uns unbemerkt. Während ich mit Georg sprach, fotografierte Hannes vor der Hauptbühne ein paar Tanzende. Einer der beiden Rechten stellte sich neben ihn, streckte die Hand vor die Kamera, rempelte ihn an. Dann griff der andere zu, versuchte seinen Arm um Hannes Hals zu legen, ihn in den Schwitzkasten zu nehmen. Hannes zog den Kopf weg und lief zu einem Sicherheitsmann, dann weiter zu uns.

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Die Hand eines der beiden Rechten. Viele Festbesucher mit denen wir sprachen, meinten: “So viele Rechte gibt es hier doch gar nicht.”

Hannes Jung

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Die Hand eines der beiden Rechten. Viele Festbesucher mit denen wir sprachen, meinten: “So viele Rechte gibt es hier doch gar nicht.”

Hannes Jung

Ich frage Georg, wie es denn in Anklam mit den Rechten sei. „Klar, kenne ich auch welche“, sagt er. „Mit manchen bin ich schon in den Kindergarten gegangen. Da trennen die politischen Ansichten, aber man teilt den Lebensweg. Es gibt Gaststätten, da weiß man ganz genau, die gehören einem Rechten, aber ich kriege da ein leckeres Essen serviert, die Bedienung stimmt. Man kann die jetzt boykottieren und gar nicht essen gehen. Oder man sagt: ‚So lange es schmeckt, ist es mir egal, wer da kocht.’“ 

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Ein Besucher haut gegen einen Boxsack. Viele trugen Shirts von Marken aus der rechten Szene.

Hannes Jung

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Ein Besucher haut gegen einen Boxsack. Viele trugen Shirts von Marken aus der rechten Szene.

Hannes Jung

Auch Dana meinte, dass viele ihrer Freunde bei der NPD mitlaufen. Aber so lange sie ihr nichts tun, sei ihr das egal.

In einem Landstrich, der sich leert, muss man mit denen leben, die da bleiben. Und es scheint, dass man nur lange genug zusammenleben muss, im gleichen Laden stehen, im gleichen Restaurant essen, dass sich die Ansichten ein bisschen vermischen.

Georg sagt: „NPD und AfD sprechen die Probleme wenigstens an, auch wenn sie keine funktionierenden Lösungen haben.“ Dass Hannes gerade an den Tisch gehetzt kam, weil Nazis ihn jagten – geschenkt.

Nach dem Studium rechnet er sich gute Chancen aus, nach Anklam zurück zu kommen. Im öffentlichen Dienst würden gerade Stellen frei. Viele Beamte gingen gerade in Rente.

Und Manuel, der Autohändler, wird er in Anklam bleiben? „Ich gebe mir noch bis Ende September. Dann muss ich mir etwas einfallen lassen.“

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© Hannes Jung

Neue Rechte

Das Leben der Fischer

Unser Reporter Raphael Thelen und der Fotograf Hannes Jung reisen durch MeckPomm vor der Landtagswahl. Die Fischereiflotte war einst der Stolz des Landes. Zu DDR-Zeiten lagen 1800 Kutter in den Häfen. Heute sind es keine 200 mehr. Eine Nacht auf See mit Klaus und Uwe Pinkis – die frei von der Leber erzählen.

weiterlesen 5 Minuten

von Raphael Thelen

Diese Serie erscheint parallel auf Zeit Online.


Das Netz schießt aus den dunklen Wellen, läuft durch zwei Gummiwalzen und über einen Tisch in eine Kiste. Wenn Dorsch, Scholle oder Flunder drin hängen, stoppt Klaus Pinkis die Rollen. Sein Bruder Uwe greift zu, zerrt die Fische aus den Maschen und schmeißt sie in eine andere Kiste. Dann startet Klaus wieder die Walzen. Seit 700 Jahren fischen die Vorfahren der Pinkis auf der Ostsee. „Das horizontale Gewerbe und die Fischerei sind die ältesten Gewerbe der Welt“, sagt Klaus. Die Fischereiflotte war einst Mecklenburg-Vorpommerns Stolz. Und heute? Fast vollständig abgewrackt. Die Kinder der Pinkis? Bleiben an Land. Und die Pinkis? Sind sauer.

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Hannes Jung

Es ist zwei Uhr morgens, als wir vom Holzsteg über die Bordwand des zehn Meter langen Kutters Nidden steigen. Am Vortag brachten Klaus und Uwe Pinkis die Netze aus, in dieser Nacht holen sie die Beute. Der trutzige Kutter zieht vorbei an den Masten der Sportsegler, wir lassen die Lichter des Hafens hinter uns. Auf offener See klatschen Wellen gegen den Bug, das Meer ist kabbelig, Salzwasser überspült das Deck. Die Pinkis steigen in ihre orangefarbenen Ölsachen, Klaus wühlt in einer Kiste unter dem Steuersitz nach Handschuhen. Mit der linken Hand hält er das Steuer, mit der rechten führt er einen Scheinwerfer. Bis irgendwann dort, wo sich das schwarze Wasser und der schwarze Himmel treffen, der Lichtstrahl auf die Reflektoren ihrer Boje trifft. Klaus schwenkt nach backbord, die Boje kommt längs. „Na, geht’s gut mit dem Magen?“, fragt er. Es geht.

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Uwe greift die Boje, fädelt das grüne Netz zwischen die Walzen, legt den Motorhebel um, das Netz taucht auf. Die Fische darin stieren aus leeren Augen in den Nieselregen, die unruhige See hat sie schon unter Wasser in den Netzen erdrückt. Schweigend stehen die Brüder nebeneinander und zerren die Fische aus den Netzen. Dessen Maschen sind groß, Beifang ist kaum darin. Nur selten hängt ein Seestern in den Maschen. Einmal eine Feuerqualle. „Die werden groß wie Toilettendeckel“, sagt Uwe. „Wenn dann Wind auf’m Netz steht, knallen die dir ins Gesicht.“

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Die Haltekette des Netzes rasselt auf den Fangtisch. 500 Meter Netz sind eingeholt. Klaus geht in die holzvertäfelte Kajüte. Links plottet das Echolot seine bunten Bilder, der Radar zeichnet gelb die schmale Küstenlinie weit östlich. Klaus programmiert den Autopiloten, Kurs: nächste Boje. Der Dieselmotor heult auf und schiebt den Kutter durch die Wellen.

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Aus der verdreckten Plastikkiste unter dem Steuersitz greift Klaus zwei lange Messer und sagt: „Jetzt beginnt das Morden.“ Er und sein Bruder packen die gefangenen Fische, ein Schnitt unter die Kiemen, ein zweiter öffnet den Bauch, mit der Hand reißen sie die Gedärme raus und schmeißen sie den Möwen zum Fraß vor. „Die Leute wollen Fisch essen, aber nicht wissen, woher er kommt“, sagt Klaus.

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Die Brüder Klaus und Uwe Pinkis wohnen in der gleichen Straße in ihrem Heimatdorf Rerik. Schon immer lebten und arbeiteten sie am Meer, in der DDR durften sie jedoch nicht rausfahren – zu viel Westverwandtschaft, die Stasi wähnte Fluchtgefahr. Nach der Wende fingen sie an zu fischen, besitzen heute ihren eigenen zehn Meter langen Kutter. Nach der Wende legten 1800 Fischkutter von Mecklenburg-Vorpommern aus ab, schätzen die beiden, heute seien es noch 170. Vor zehn Jahren gab es noch 18 Fischer in ihrem Dorf, heute fahren noch fünf raus. „Der Rest ist zu alt oder hat aufgegeben.“

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Ihre Lieblingsfeinde sind die Wissenschaftler vom staatlichen Institut für Ostseefischerei: „Die sagen, dass das Meer leer ist, aber wir haben die Netze voll.“ Die EU reguliert den Fischfang in Mittelmeer, Atlantik, Nord- und Ostsee. Sie bestimmt, wer wann wie viel fangen darf, welche technischen und Umweltstandards einzuhalten sind. Das Institut für Ostseefischerei berät die EU. Für 2017 fordert das Institut, dass die Fangquote für Dorsch um 88 Prozent gesenkt wird. Die Nachwuchsproduktion sei eingebrochen. „Der Dorsch ist unser Brotfisch“, sagt Klaus.

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Nur noch 170 Fischkutter in ganz Mecklenburg-Vorpommern, die immer weniger Fisch fangen. Wählermacht sieht anders aus. Trotzdem: „Dass sich in der Landeshauptstadt niemand für uns einsetzt, ist eine Sauerei. Die Parteien laufen ja nur vor den Wahlen zu Hochtouren auf. Wenn ich schon diese ganzen Plakate sehe, wo sie alles Mögliche versprechen. Warum haben sie nicht die letzten vier Jahre genutzt, um es umzusetzen?“

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„Die werden uns erst wieder wert schätzen, wenn es einen Krieg oder eine Hungersnot gibt. Es war schon immer so: Die da oben bestimmen und die da unten halten dagegen. Und so lange man leben kann und es nicht ans Eingemachte geht, ist das ja auch okay. Aber 88 Prozent Dorschquote, das wäre das Eingemachte.“

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Morgens um sechs steuert Klaus auf die Hafeneinfahrt zu. Die grauen Wolken hängen niedrig, es wird nur langsam heller. Ein Hobbyfischer lässt sein Boot zu Wasser, während Uwe auf den Pier springt, ein Tau greift und den Kutter festmacht. Klaus reicht die Fangkisten hoch, Uwe verstaut sie in einem blauen Kastenwagen. Zum Abschied sagt Klaus: „Und den größten Feind habe ich im eigenen Haus. Meine Frau ist Betriebsprüferin beim Finanzamt.“

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Carsten Schönebeck, Chefreporter des „Vorpommern Kuriers“© Hannes Jung

Neue Rechte

Frauke Petry kommt nach Anklam

Reporter Carsten Schönebeck findet, er müsse über die AfD berichten wie über jede andere Partei. Das linke Bündnis „Anklam für alle“ findet, er spiele den Rechten so in die Hände. Und schwärzte ihn an beim deutschen Presserat. Anlass der Debatte: der heutige Auftritt von Frauke Petry. In einem Sitzungssaal treffen die vier Männer aufeinander.

weiterlesen 6 Minuten

von Raphael Thelen

Diese Serie erscheint parallel auf Zeit Online.


Wenn Chefreporter Carsten Schönebeck aus der Redaktion des Vorpommern Kurier tritt, bleibt er gerne kurz auf dem Bürgersteig stehen, kramt eine Packung Filterkippen aus seiner Jeanstasche, steckt sich eine an, bläst den Rauch aus und guckt über den Marktplatz aufs Rathaus von Anklam.

Der 31-Jährige hat Politik studiert, in Anklam volontiert, ging für kurze Zeit zu einer anderen Zeitung und ließ sich dann zurück nach Anklam versetzen. „Für mich die interessanteste Region Deutschlands“, sagt er. Er arbeitet so viel, dass seine Mutter ihn manchmal fragt: „Willst du dir nicht mal eine Frau suchen und Kinder kriegen?“ Dann antwortet er: „Wie soll ich das denn zeitlich noch unterkriegen?“

Schönebeck fühlt sich ein bisschen verantwortlich dafür, dass das mit der Demokratie in Anklam funktioniert. In der Stadt, in der AfD, NPD und Kameradschaftsszene Hand in Hand gehen.

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Reporter Carsten Schönebeck vor dem Anklamer Verwaltungsgebäude. Er glaubt an die Demokratie und den Staat, sagt: „Der bestinvestierte Teil meines Gehalts sind die Steuern die abgezogen werden. Den Rest verplempere ich nur.“

Hannes Jung

Es ist Montag, kurz vor vier Uhr. Er überquert den Marktplatz, läuft links am Rathaus vorbei, öffnet die Tür zur Anklamer Stadtverwaltung und steigt die Stufen zum nüchternen Sitzungssaal hoch: Tische in Buchenoptik, blaue Stühle, ein Tageslichtprojektor. Drinnen sitzen schon die drei Vertreter des Bündnisses „Anklam für alle!“, die Schönebeck interviewen möchte. Das Bündnis wurde im April 2016 gegründet, von Ehrenamtlichen, Politikern und Vereinsvertretern, gemeinsam wollen sie gegen den nochmaligen Rechtsruck in der Stadt angehen.

Eigentlich ein ganz alltäglicher Termin für einen Reporter. Doch unversehens wird aus dem Gespräch ein Grundsatzstreit: Das Bündnis wirft Schönebeck vor, zu viel über die AfD zu berichten und ihr damit zu helfen. Es ist eine Frage, die auch bundesweit Politikerinnen, Journalisten, Talkmasterinnen und ihre Zuschauer umtreibt: Es geht darum, wie Journalisten, wie die Öffentlichkeit mit der AfD umgehen sollte. Soll man über sie berichten wie über jede andere Partei?  Oder sie eher behandeln wie eine rechtsextreme Partei – und ihr Wirken darum lieber ignorieren, als dass man ihr eine Bühne bietet?

Frauke Petry wird auftreten

Hintergrund des Treffens zwischen Schönebeck und dem Bündnis: Frauke Petry, Bundessprecherin der AfD, wird an diesem Freitag in Anklam auftreten. Die AfD-Leute vor Ort mieteten einen Saal, der der Stadt gehört. Die Anklamer Immobiliengesellschaft sah darin kein Problem und gab grünes Licht. Doch als Bürgermeister Michael Galander (Wählergemeinschaft IfA) davon erfuhr, widerrief er den Mietvertrag. Und wieder standen die Anklamer vor einer Frage, die zu groß wirkt für diese kleine Stadt: Darf einer offiziell zugelassenen Partei der Zugang zu öffentlichen Räumen verwehrt werden? Ja, fand der Bürgermeister. Nein, entschied das Oberverwaltungsgericht Greifwald in zweiter Instanz. Und so wird Frauke Petry heute Abend dort auftreten.

Schönebeck tritt an den Tisch und begrüßt die drei Bündnisvertreter. Anklam ist klein, sie kennen sich und duzen einander. Im weißen Hemd und mit Jackett sitzt da SPD-Mann Christopher Denda, 26 Jahre alt, Lehramtsstudent, der schon mit 16 Jahren im Sozialausschuss der Stadt aufstand und sagte: „Wir müssen etwas gegen die NPD tun“. Das war das erste Mal, dass die Zeitungen über ihn berichteten.

Neben ihm sitzt Christoph Volkenand, 43, der sich seit zwei Jahrzehnten gegen Rechtextreme engagiert. Schon damals, als Politiker noch sagten, dass die ganzen Jugendlichen mit den Springerstiefeln so kurze Haare hätten, weil es ja so warm sei im Sommer. Er selbst trug damals einen Zopf, und alle wetteten darauf, dass er ihn nach drei Monaten abschneiden würde. Er trägt ihn noch heute.

Und Gregor Kochhan ist gekommen, 57 Jahre alt. Auch er ein Urgestein gesellschaftlichen Engagements: Er sitzt für eine unabhängige Liste im Kreistag, man hört seiner Stimme an, dass er endlose Nächte an Küchentischen gesessen hat, diskutierend, Zigaretten ohne Filter drehend, rauchend.

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Das Bündnis „Anklam für alle”. Von links: Christoph Volkenand, Gregor Kochhan, Christopher Denda.

Hannes Jung

Schönebeck sitzt den Männern vom Bündnis “Anklam für alle!” gegenüber. Sie kennen und duzen sich, teilen die gleichen Ansichten zu AfD.

Schönebeck weiß um die Kritik des Bündnisses an seiner Berichterstattung. Anfang August entschied das Bündnis, ihn beim bundesdeutschen Presserat in Berlin anzuschwärzen. Dem Gremium, das Journalisten rügt, wenn sie die Regeln fairer und ausgewogener Berichterstattung verletzen. Schönebeck ist nicht der Typ, der so etwas unkommentiert im Raum stehen lässt.

Keine einfache Situation für die vier, die sich seit Jahren kennen, Schönebeck studierte mit SPD-Mann Denda. Und in der Sache sind sie sich ja eigentlich einig: Sie wollen die AfD zurückdrängen.

Doch der Weg dahin entzweit sie.

Ist die AfD „jede andere Partei“?

Reporter Schönebeck findet: „Behandelt die AfD wie jede andere Partei.“ Er hat Porträts geschrieben über die Spitzenkandidaten der Parteien, auch über Matthias Manthei von der AfD. Hat ihn daheim in Wackerow besucht, über sein akkurat eingerichtetes Wohnzimmer berichtet, nach Haustieren, Hobbies und Traum-Urlaub gefragt.

„Wenn ich einen Politiker in seinem privaten Umfeld besuche, bin ich der Person verpflichtet und muss eine gewisse Fairness walten lassen“, sagt Schönebeck. Zugleich hakte er bei Sachthemen nach: erneuerbare Energien, Wirtschaftsförderung, Kitas. Findet er einen Widerspruch, bohrt er nach. So will er die AfD stellen: über ihre Themen. Und sie nicht einfach verteufeln. 

Die drei Bündnis-Vertreter sehen das komplett anders. Sie halten viele der örtlichen AfD-Mitglieder für Verfassungsfeinde. Führende AfD-Kandidaten unterhielten Kontakte zu Rechtsradikalen und unterstützten die NPD. Wozu mit denen reden? Sie verweisen auf den Greifswalder AfD-Direktkandidat Nikolaus Kramer. Der Angela Merkel „Angolf Merkler“ genannt hat.

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Schönebeck läuft über den Anklamer Marktplatz. Er hat sich absichtlich in die Stadt versetzen lassen, andere wollen nur weg: Die Einwohnerzahl fiel in den vergangenen 25 Jahren um ein Drittel.

Hannes Jung

Küchentisch-Raucher Kochhan erzählt, er habe AfD-Mann Kramer auf einem Stadtfest auf diese Äußerung angesprochen. Woraufhin der leichthin antwortete, das sei ironisch gemeint gewesen. Ironisch? Wohl kaum, sagt Kochhan, denn an anderer Stelle habe Kramer bekräftigt: „Was Angela Merkel da im Baltikum macht, dass sie dort heimlich Truppenteile hinstellt, erinnert an Adolf Hitlers Überfall auf Russland 1941.“ Das „Angolf Merkler“ sei kein bisschen ironisch gewesen. Sondern eine ernst gemeinte Diffamierung.

Immer wieder, so die Bündnis-Leute, platzten AfD-Kandidaten mit provozierenden Aussagen in die Öffentlichkeit. Um sie dann zu dementieren. Und dann soll man ihnen Öffentlichkeit gewähren? Nein!

Es ist eine Diskussion, die bereits Anfang des Jahres die Gemüter erhitzte. Vor der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz im März. Es ging um die Frage, ob sich hochrangige Politiker der etablierten Parteien mit der AfD in eine TV-Elefantenrunde setzen wollten. SPD-Vize-Kanzler Sigmar Gabriel riet davon ab, Fritz Frey, der Intendant des Südwestrundfunks, nannte ihn und andere dafür „Schönwetterdemokraten“.

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So wenig Raum wie möglich – einerseits

Zopfträger Volkenand sagt: „Die Berichterstattung über öffentliche Äußerungen von AfD-Politikern können enthemmen. Wir sehen ja bundesweit, dass Attacken auf Flüchtlingsheime und Flüchtlingshelfer zugenommen haben.“ Er plädiert dafür, dass die Medien der AfD so wenig Raum geben wie möglich. Einerseits. Und andererseits die kruden Statements der AfD-Leute sorgfältig kommentieren.

Reporter Schönebeck kontert: „Wenn ich jedes Mal ,die rechtspopulistische AfD‘  statt ‚die AfD’ schreibe, verliere ich viele Leser, die mich dann für voreingenommen halten. Aber die müssen wir zurückgewinnen.“

Auch in Mecklenburg-Vorpommern wurde die Frage „Ausgrenzen oder zurückgewinnen?“  schon einmal diskutiert. 2006 zog die NPD in den Landtag  ein. Die demokratischen Parteien einigten sich damals auf den „Schweriner Weg“: Anträge der NPD wurden konsequent nicht unterstützt, ihre Redebeiträge von nur einem Gegenredner kommentiert. So sollte der Partei möglichst wenig Beachtung geschenkt werden. Sie sollte aus dem demokratischen Kosmos ausgegrenzt werden – bis sich das Problem des Rechtsextremismus hoffentlich irgendwann von selbst auflösen würde.

„Aber kann man wirklich 20 Prozent der Wähler ausgrenzen?“, fragt Reporter Schönebeck. Die Bündnismitglieder gucken einander verunsichert an.

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Schönebeck macht sich Notizen. Oft hat er – typisch Lokalreporter – mehr als einen Termin am Tag.

Hannes Jung

Zopfträger Volkenand meint, dass die AfD-Wähler und Mitglieder in der Verantwortung stehen für die Politiker, die für sie sprechen. SPD-Mann Denda will die AfD-Wähler „mit den richtigen Angeboten zurückgewinnen.“ Küchentischraucher Kochhan sagt, dass viele AfD-Wähler doch nur enttäuschte CDU-Wähler seien, die eine neue politische Heimat suchten. Dann zitiert er Studien, wonach ein Viertel der Deutschen rassistische Grundeinstellungen haben. Will man überhaupt, dass diese Menschen wählen, oder ist es nicht vielleicht besser, wenn sie zuhause bleiben?

Die Männer wissen keine Antwort.

Ich hake noch einmal nach: zurückgewinnen oder ausgrenzen? Doch da ist es schon kurz nach 17 Uhr, und eine Verwaltungsangestellte kommt rein, um den Raum abzuschließen. Als sie sieht, dass wir noch diskutieren, bietet sie an, später wiederzukommen. „Nein, nein“, sagt SPD-Mann Denda. „Wir sind sowieso gerade fertig.“

Vor der Tür stehen die vier noch einen Augenblick zusammen. Alle haben jahrelange Erfahrung im Umgang mit NPD und rechtsextremen Kameradschaften. In der Stadt, die als die „rechteste“ Deutschlands gilt. Und nun sagt Küchentischraucher Kochhan: „Es ist für uns alle ein Lernprozess.“

Die vier Männer verabschieden sich, doch sie werden sich bald wiedersehen. Schönebeck will das Bündnis zur Kritik an seiner Berichterstattung interviewen und dann die Leser seiner Zeitung befragen, wie sie die Sache sehen. Argumentieren? Ausgrenzen? 

Die Recherche in Kooperation mit „Zeitenspiegel Reportagen“ wurde von Raphael Thelen über die Plattform crowdfunding.CORRECTIV finanziert. Wir bedanken uns bei der Rudolf Augstein Stiftung und mehr als 100 Einzelspendern für die Unterstützung.

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Bert Rothkugel, Andres Eberhard, Jonas Aust, Philipp Lienhard, Wiebke Buth, Laura Sundermann, Felix Kamella, Diana Di Maria, Sven Brose, Kai Schächtele, Hannes Opel, Volker Vienken, Friedrich Dimmling, Ulrike Kahl, Felix Weykenat, Constanze Günther, Carolin Wilms, Maria Schmidt-Lorenz, Heiko Hilken, Petra Sorge, Lien Pham-Dao, Elisabeth Ferrari, Wolfgang Weidtmann, Gerhard Dimmling-Jung, Hanfried Victor, Michael Vogel, Tina Friedrich, Stefan Z, Nicole Graaf, Alexander Surowiec, Michael Rasenberger, David Weyand, Christian Mair, Christian Vey, Jörn Barkemeyer, Katharina Müller-Güldmeister, Pia Schauerte, Sybille Förster, Heiko Mielke, Marcus Windus, Christiane Specht, Sebastian Cunitz, Felix Schmitt, Khazer Alizadeh, Tobias Brabanski, Veronika Wulf, Christian Frey, Linda Salicka, Anna Kaleri, Lutz Wallhorn, Edith Luschmann, Thomas Stroh, Christoph Gemaßmer, Matthias Kneis, Gunnar Findeiß, Christiane R, Friedemann Huse, Werner Thelen, Lukas Ladig, Stephan Thiel, Tobias Hill, Florian Berger, Marcus Anhäuser

Hannes Jung war zwei Tage lang an den Stränden der Ostsee unterwegs.© Hannes Jung

Neue Rechte

Politik im Sand: Der Strandreport

Reporter Raphael Thelen und der Fotograf Hannes Jung reisen durch MeckPomm vor der Landtagswahl. Die Strandkörbe an der Ostseeküste schützen vor Wind, sind gemütlich und hübsch blau-weiß gestreift sind sie auch. Im Jahr der Landtagswahl wird in ihnen auch über Politik diskutiert.

weiterlesen 4 Minuten

von Raphael Thelen

Diese Serie erscheint parallel auf Zeit Online.


Strand ist Sand, ist tausend Teilchen, tausend Bäuche und Badehosen. Fotograf Hannes Jung verbrachte zwei Barfußtage an der Wasserlinie von Usedom und Warnemünde, um Touristen und Einheimische zu fragen, was sie über die bevorstehende Wahl denken.

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Hannes Jung

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Hannes Jung lebt als freier Dokumentarfotograf in Berlin. Geboren 1986 in Norddeutschland, studierte er in München, Valencia und Hannover Fotografie. 2011 hospitierte er ein halbes Jahr als Redaktionsfotograf bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seit 2012 wird er von der Agentur LAIF vertreten. www.hannesjung.com

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AfD-Kandidat Christoph Grimm. „Aha, der Sellerie“, sagt Grimm, als SPD-Ministerpräsident Erwin Sellering die Straße runterkommt.© Hannes Jung

Neue Rechte

Ein Satz Hasenohren

Straßenwahlkampf mit Christoph Grimm, der 33 Jahre lang Mitglied der SPD war. Nun wird er in wenigen Tagen in den Landtag von Schwerin einziehen – als Direktkandidat der AfD. Was ist da passiert?

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von Raphael Thelen

Diese Serie erscheint parallel auf Zeit Online.


Christoph Grimm steigt in der Einkaufsstraße von Grevesmühlen aus seinem schwarzen Wagen und besieht sich den kleinen Platz, auf dem er den ganzen Tag Passanten ansprechen will. Es ist Montagmorgen. Grevesmühlen liegt auf halber Strecke zwischen der Landeshauptstadt Schwerin und der Ostsee, doch zu weit entfernt von beidem, um wirtschaftlich zu profitieren.

Die alten Häuser der Straße sind aufwändig renoviert, doch das Schaufenster von Ronny’s Ersatzteile Shop ist leer, daneben werben Friseur, Piercer und Discountmarkt um Kunden. Gegenüber im roten Klinkerbau des ehemals kaiserlichen Postamtes arbeitet die Lokalredaktion der „Ostsee Zeitung“. Eine typisch ostdeutsche Kleinstadt: schön saniert, aber Arbeitsplätze sind knapp.

Es ist neun Uhr morgens, und Grimm packt seinen neuen, faltbaren Wahlkampfstand aus, befestigt mit seinem Helfer die Banner daran und platziert einen Aufsteller. 

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Die Wahlwerbung von Kandidat Christoph Grimm. Er sagt, dass er nie ein politisches Amt wollte.

Hannes Jung

Christoph Grimm, 59 Jahre alt, ist Rechtsanwalt und Direktkandidat für die AfD im Wahlkreis Nordwestmecklenburg I. Sein Ziel: Dafür zu sorgen, dass das „Parteienkartell“ nicht länger über „das deutsche Volk“ herrscht. Er trägt den legeren Chic von Männern im dritten Drittel ihres Lebens: Jackett, Jeans, Lederschuhe. Er spricht langsam, tastet sich durch seine Sätze, betont jede Silbe.

Eigentlich, das hatte sich Grimm vorgenommen, wollte er an diesem Morgen mit Dutzenden Bürgern ins Gespräch kommen. Mit ihnen diskutieren, über Eurorettung, Flüchtlinge und erneuerbare Energien. Doch es läuft schleppend. Der Himmel ist grau verhangen, immer wieder prasseln Regenschauer nieder.

Nach jedem Schauer nimmt er einen Putzlappen und tupft sorgfältig seinen Wahlkampfstand trocken. Und kommt jemand vorbei, dann tritt er hervor, sagt „Guten Tag, mein Name ist Christoph Grimm und ich bin der Direktkandidat der AfD.“ Manch einer bleibt stehen, will aber nicht zuhören, sondern einfach mal reden. Andere winken ab und sagen: „Wir sind nur auf der Durchreise“. Oder: „Meine Stimme haben Sie!“

33 Jahre SPD, vor 3 Jahren raus

Doch gegen Mittag kommt plötzlich ein Mitstreiter von Grimm angelaufen und zeigt die Straße hoch auf eine kleine Menschengruppe. In der Mitte der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Erwin Sellering von SPD. Er schlendert die Straße runter und verteilt strahlend Rosen an die Passanten.

Grimm sagt: „Aha, der Sellerie“, und strafft sich. 33 Jahre lang war Grimm Mitglied in der SPD. Doch vor drei Jahren trat er aus. Weil er Männern wie Sellering vorwirft, ihm die politische Heimat genommen zu haben. Die Agenda 2010, das sei Verrat gewesen. Und dann die Griechenlandrettung erst.

Sie kennen sich nicht persönlich, aber als er näher kommt, geht Christoph Grimm auf Sellering zu, lächelt, streckt ihm die Hand entgegen und stellt sich vor. Er will wahrgenommen werden als Kandidat der Partei, die aus dem Stand stärkste Kraft im Landtag werden könnte. Sellering ergreift die Hand, nickt und wendet sich ab. Von gegenüber aus der Redaktion kommt ein Mann mit Anglerweste und Kamera angelaufen, offensichtlich der Fotograf der Ostsee Zeitung, und sagt: „Herr Sellering, ein Foto bitte!“ 

Hasenohren beim Ministerpräsidenten

Sellering und seine Helfer stellen sich lächelnd nebeneinander auf, und das ist Grimms Moment. Während die Kamera klickt, schleicht sich Grimm von hinten an Sellering an und spreizt hinter seinem Kopf zwei Finger – Hasenohren und Victory-Zeichen zugleich, über dem Kopf des Ministerpräsidenten. Sellering merkt es nicht. Der Fotograf sagt nichts. Einige Umstehende lächeln. Dann geht der Tross weiter, und Grimm zurück an seinen kleinen Stand. Und lächelt diebisch, auch wenn es ihm peinlich ist, dass wir das gesehen haben. 

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AfD-Mann Grimm schleicht sich hinter Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD). Grimm sagt, nicht er, sondern die SPD habe sich verändert.

Hannes Jung

Die halben Stunden tröpfeln dahin, eine Jugendliche in „Freiwild“-Jogginghose führt ihren Hund vorbei, ein Mitarbeiter des Ordnungsamts kontrolliert die Parktickets, einige Parteikollegen von Grimm verstärken den Stand. Genug  Zeit, um dem AfD-Mann einige Fragen zu stellen.

Wir setzen uns auf eine Parkbank neben seinem Stand. „Ein sehr guter Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer hat mich als Schüler politisiert“, antwortet Grimm auf meine Frage, warum er sich für Politik interessiert. Er wurde 1957 geboren, wuchs in Quickborn in Schleswig-Holstein auf. Nach dem Abitur ging er 1980 nach Hamburg und studierte dort Jura. Es war die Zeit, in der Deutschland um seinen moralischen Kompass kämpfte. Franz Josef Strauß’ Kanzlerkandidatur und Helmut Kohls geistig-moralische Wende brachten die Hörsäle zu kochen, und Grimm fühlte sich bewegt von den Themen der 68er: Für die Arbeiter, gegen die Bonzen! Er trat den Jusos und der SPD bei, demonstrierte gegen Atomkraft: „In Brokdorf habe ich ganz schön viel Tränengas ins Gesicht bekommen“, sagt er.

Jura studierte er, weil er damit die Gesellschaft verändern wollte und an die Demokratie glaubte. Drei Jahre nach der Wende ging er ins ostdeutsche Grevesmühlen, um im Auftrag des Justizministeriums dabei zu helfen die örtliche Verwaltung aufzubauen. Es ging um die Rückübertragung von Vermögenswerten an ehemalige DDR-Bürgern, die in den Westen gegangen waren. 

„Das war politische Justiz“

Doch fünf Jahre später bekam sein Glauben an die Gerechtigkeit in der deutschen Demokratie einen Schlag. Für seine Arbeit für das Justizministerium hatte er freie Mitarbeiterverträge unterschrieben. Nun war das Projekt beendet, und man entsorgte ihn einfach. Zusammen mit anderen Rechtsanwälten klagte er gegen seine Entlassung, er argumentierte: Er sei scheinselbständig gewesen, tatsächlich habe es sich um eine abhängige Beschäftigung gehandelt. Somit habe er Anspruch auf Übernahme. In der ersten Instanz bekam er Recht. In der zweiten und letzten verlor er.

„Das war politische Justiz. Die wollten uns nicht ewig in ihren Verwaltungen weiterbeschäftigen“, sagt Grimm. Und: „Ich bin immer mehr enttäuscht worden von der Juristerei, weil die hehren Prinzipien, von denen ich glaubte, das sie gelten, immer mehr von der Realität entzaubert wurden.“

Als freiberuflicher Anwalt ging er kurzzeitig zurück nach Hamburg, doch mittlerweile hatte er in Grevesmühlen seine Frau kennengelernt, und ihm war die Konkurrenz in Hamburg zu groß. Er zog nach Dassow und kümmerte sich nun um Familienstreitereien und Verkehrsunfälle. „Auf dem Land ist viel Kleinkram als Anwalt. Ich sag immer, ich bin Fachanwalt für kleine Streitwerte.“

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Christoph Grimm im Gespräch mit einem Passanten. Politisiert wurde er durch einen Schullehrer.

Hannes Jung

All die Jahre blieb er treues SPD-Mitglied, doch 2003 geschah etwas, das ihn von seiner Partei entfremdete. „Die Agenda 2010 war ein Verrat am Klientel der SPD“, sagt Grimm. „Da habe ich die innere Kündigung unterschrieben.“ Die Agenda 2010, die hart erkämpfte Arbeiterrechte aushebelte und unzählige Arbeitslose der Gängelung durch Jobcenter auslieferte, war die Art von Bonzenpolitik, gegen die er im Studium demonstriert hatte.

Dann kommt 2010 die Griechenlandkrise und mit ihr die deutschen Forderungen nach Austerität. Er erkennt seine SPD nicht mehr wieder, schreibt Briefe an führende Politiker, engagiert sich sogar nochmal als Schriftführer im Kreis Klützer Winkel. Er will seine Partei nicht aufgeben.

Doch zur gleichen Zeit fängt er an, auf rechtspopulistischen Internetblogs zu surfen: Freie Welt, Kopp-Verlag, Politically Incorrect. Die unkomplizierten Thesen bestätigen ihn in seiner Wut auf das Establishment. Auf das Kartell der etablierten Parteien, auf die Bürokraten in Brüssel, die völlig undemokratisch über Europa herrschen.

Am Vorabend der Machtergreifung

Im Jahr 2012 ruft er Bernd Lucke an, der damals die ersten Schritte zur Gründung der AfD geht, unterzeichnet einen seiner Aufrufe, startet einen Blog, schreibt Briefe an SPD-Politiker. In seinen Zeilen an Bundespräsident Joachim Gauck scheint bereits der Einfluss der Neuen Rechte durch: „Nur die Aufmerksamen haben doch bislang erkannt, dass die Republik am Vorabend einer Machtergreifung steht. Sie werden sich dann womöglich zu rechtfertigen haben.“

Im Februar 2013 schreibt er an den Bundesvorstand der SPD: „Gerettet werden doch nicht etwa Griechenland, Portugal, oder Spanien, gerettet werden auch nicht die dort lebenden Menschen, sondern allein die Gläubiger dieser Länder, also Finanzindustrie, Großkapital und Spekulanten.“ Und darunter: „Das Parteibuch übersende ich gleichfalls anbei.“

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Nach seinem Austritt aus der SPD gehört er zu den Gründern der AfD in Mecklenburg-Vorpommern. Und weil er von Anfang an dabei ist, wird er zum Direktkandidaten im Wahlkreis 27 gekürt. 

Grenzkontrollen, Kinder, Klasse statt Masse

Eine Frau in einem grellgelben Pullover kommt zusammen mit ihrer kleinen Tochter an den Wahlkampfstand. Grimm geht hin und begrüßt sie. Die Frau stellt sich als Janette Ressel vor, und nach und nach bricht es aus ihr hervor: Früher in der DDR sei die staatliche Kinderbetreuung besser gewesen und: „Die Flüchtlinge klauen Klamotten und haben Geld für die neuesten Handys, die Deutsche sich nicht leisten können“, sagt sie aufgeregt. 

Grimm sieht seine Chance und spult das AfD-Wahlprogramm ab: Grenzkontrollen wieder einführen, damit keine Flüchtlinge mehr kommen. Und weiter: Stopt die Energiewende. Mehr Geburten in Deutschland. Aber weniger Abiturienten. Klasse statt Masse.

„Klasse statt Masse?“, denke ich und frage mich, wo da noch die Sozialdemokratie ist. Doch Frau Ressel hört zu, und wenn Grimm merkt, dass er zu kompliziert wird, hilft er sich mit Schlagworten: „Die Windräder zerschreddern Vögel“, sagt er dann und Frau Ressel nickt. Beim Verabschieden sagt sie: „Ich würde die AfD wählen, wenn die das alles durchgesetzt bekommt.“

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Eine Parteikollegin von Grimm wartet am Wahlkampfstand. Grimm ist Gründungsmitglied der AfD in Mecklenburg-Vorpommern und auch deswegen jetzt einer ihrer Direktkandidaten.

Hannes Jung

Grimm ist längst aufgesogen von den Ideen der Neuen Rechten, glaubt fest daran, dass sie das alles durchgesetzt bekommen, und dabei entgehen ihm die inneren Widersprüche der einfachen Lösungen. Eben plädierte er in unserem Gespräch noch für den Abbau von Handelshemmnissen in Europa. Als ich ihn jetzt frage, wie das mit Grenzkontrollen zusammengeht, stutzt er, macht eine lange Pause und überlegt dann laut:

„Also ich stelle mir das gerade vor: Es kommt ein LKW aus der Schweiz an und derzeit wird er durchgewunken. Wir würden ihn natürlich stoppen und Stichproben machen müssen: Sind da wirklich Kartons drauf oder irgendwelche Leute, die illegal nach Deutschland einreisen wollen? Also ja: Grenzen zu heißt auch Waren kontrollieren.“ Würde das nicht zu kilometerlangen Staus führen? „Es funktionierte ja früher auch.“ 

Anträge der NPD? Unterstützt

Außerdem wäre es das wert, denn Flüchtlinge, erklärt er, bedrohten den sozialen Frieden. Bei der NPD hingegen verrenkt er sich, sagt: „Die NPD ist immer noch eine in der Demokratie zugelassene Partei.“ Im Kreistag von Nordwestmecklenburg, in dem er seit zwei Jahren für die AfD sitzt, setzte er sich dafür ein, dass auch Anträge der NPD unterstützt werden. Alle anderen Parteien in Mecklenburg-Vorpommern schlossen das bisher kategorisch aus.

Früher kämpfte er gegen Kohl und Strauß, jetzt ist er in der gleichen Partei wie Ralph Weber, Jura-Professor aus Greifswald, der in einer Vorlesung ein T-Shirt von der Neonazi-Marke Thor Steinar trug. „Ich kenne Professor Weber. Es ist doch sein gutes Recht, diese Thor Steinar-Kleidung anzuziehen“, sagt Grimm.

Der Jura-Professor promovierte kürzlich den früheren Sänger der Band Hassgesang, Maik Bunzel. Ins Mikrofon brüllte der: „Adolf Hitler, im Kampf für unser Land. Adolf Hitler, sein Werk verteufelt und verkannt. Adolf Hitler, du machtest es uns vor. Adolf Hitler, Sieg Heil tönt es zu dir empor.“

Erobert die AfD nur halb so viele Stimmen wie prognostiziert, dann wird er am 4. September Berufspolitiker, und will dann für mehr direkte Demokratie kämpfen, denn: „Angela Merkel und Wolfgang Schäuble verfolgen den geheimen Plan, dass sich die Nation Deutschland in Europa auflöst, wie ein Stück Würfelzucker im Kaffee.“

Grimm studierte Jura, um für soziale Gerechtigkeit zu kämpfen. Er glaubt, dass er sich nicht verändert hat. Seine Ideale seien noch immer die gleichen. In seinem Wahlkampfspot guckt er mit festem Blick in die Kamera und sagt: „Mein Herz schlägt immer noch links.“

Die Recherche in Kooperation mit „Zeitenspiegel Reportagen“ wurde von Raphael Thelen über die Plattform crowdfunding.CORRECTIV finanziert. Wir bedanken uns bei der Rudolf Augstein Stiftung und mehr als 100 Einzelspendern für die Unterstützung.

Sofern die Spender einer Namensnennung zugestimmt haben, werden sie hier aufgeführt.

Bert Rothkugel, Andres Eberhard, Jonas Aust, Philipp Lienhard, Wiebke Buth, Laura Sundermann, Felix Kamella, Diana Di Maria, Sven Brose, Kai Schächtele, Hannes Opel, Volker Vienken, Friedrich Dimmling, Ulrike Kahl, Felix Weykenat, Constanze Günther, Carolin Wilms, Maria Schmidt-Lorenz, Heiko Hilken, Petra Sorge, Lien Pham-Dao, Elisabeth Ferrari, Wolfgang Weidtmann, Gerhard Dimmling-Jung, Hanfried Victor, Michael Vogel, Tina Friedrich, Stefan Z, Nicole Graaf, Alexander Surowiec, Michael Rasenberger, David Weyand, Christian Mair, Christian Vey, Jörn Barkemeyer, Katharina Müller-Güldmeister, Pia Schauerte, Sybille Förster, Heiko Mielke, Marcus Windus, Christiane Specht, Sebastian Cunitz, Felix Schmitt, Khazer Alizadeh, Tobias Brabanski, Veronika Wulf, Christian Frey, Linda Salicka, Anna Kaleri, Lutz Wallhorn, Edith Luschmann, Thomas Stroh, Christoph Gemaßmer, Matthias Kneis, Gunnar Findeiß, Christiane R, Friedemann Huse, Werner Thelen, Lukas Ladig, Stephan Thiel, Tobias Hill, Florian Berger, Marcus Anhäuser

Syrische Flüchtlinge in Mallentin. Gefährden sie den sozialen Frieden?© Thomas Victor

Neue Rechte

Niedertracht und Propaganda

Kaputte Briefkästen, zerschlagene Haustüren, verwahrloste Kinder: In Mallentin sei der soziale Frieden gefährdet. Wegen der Flüchtlinge. Hat AfD-Mann Christoph Grimm behauptet. Unser Reporter ist hingefahren. Und erlebt ein Lehrstück in Sachen rechter Propaganda.

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von Raphael Thelen

Diese Serie erscheint parallel auf Zeit Online.


Die Landstraße zieht eine letzte Linkskurve, dahinter erscheinen die Plattenbauten von Mallentin über den Spitzen eines Maisfeldes, wachsen hinein in die rechte Hälfte der Windschutzscheibe, eckig und verwittert. „In 300 Metern rechts“, sagt das Navi, ich gehe vom Gas, setze den Blinker und bin da.

Vor zwei Tagen traf ich Christoph Grimm, den AfD-Direktkandidaten für den Wahlkreis Nordwestmecklenburg I, einen Rechtsanwalt, der nach der Wende aus Hamburg herzog. „Ich habe Angst, wenn ich in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin oder durch den Hamburger Hauptbahnhof laufe“, sagte Grimm. Weil die Flüchtlinge und die „Islamisierung“ den sozialen Frieden gefährden.

Und auch hier in Mecklenburg-Vorpommern sei das so. Wenn ich es selbst erleben wolle, solle ich nach Mallentin fahren. Dort würde ich schon sehen, wie die Zuwanderer hausten: kaputte Briefkästen, zerschlagene Haustüren, Kinder, die zwischen Mülltonnen spielen. Und dann brüllten die Flüchtlinge von Fenster zu Fenster, anstatt das Telefon zu benutzen. Zu jeder Tag- und Nachtzeit würden Besucher ein- und ausgehen und die Haustüren offen stehen lassen. Mallentin? Ein Ort, an dem der soziale Frieden gefährdet ist. Behauptet Christoph Grimm.

Lüge oder Propaganda?

Um es vorweg zu nehmen: Entweder ist Grimms Wahrnehmung verzerrt, oder aber er lügt. Denn das Gegenteil ist richtig: In Mallentin ist alles gut mit den Flüchtlingen. Ein Ort des sozialen Friedens. Dieser Tag wird für mich ein Lehrstück werden. Dafür, wie ein AfD-Politiker rassistische Klischees bedient. Wie er Bedrohungslagen konstruiert. Wie er Propaganda macht. Wie er Ängste schürt, um davon zu profitieren.

Aber der Reihe nach.

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Ein Mann mäht den Rasen vor den Wohnblocks von Mallentin. Gebaut wurden sie, als in den siebziger Jahren die DDR-Führung einen großen Rinderzuchtbetrieb eröffnete.

Thomas Victor

Es ist halb zehn Uhr morgens, als ich die kleine Dorfstraße von Mallentin runter laufe. An einer Laterne flattert ein halb abgerissenes NPD-Plakat im Wind: „Volk braucht Zukunft – Keine Einwanderung“. Dahinter ein weißes Bauernhaus mit Reetdach, ein Garten mit knorrigem Birnbaum und hoher Linde. Eine elektrische Heckenschere brummt. Rechts folgen weitere Reetdächer, links die eng gepackten Wohnblöcke. Ein Fenster sieht aus, als habe es im Zimmer gebrannt, halb auf dem Rasen parkt ein Auto. 

„Die Flüchtlinge kriegen doch alles in den Arsch geblasen.“

Am Ende der Straße sehe ich einen älteren Mann in Arbeitshose, der über den Vorhof seines Hauses geht. Sein Reetdach ist mit Wellblech geflickt, vor der Tür steht eine Sitzbank und ein alter Brunnen, ein Kater drückt sich am Zaun entlang. Der Mann mustert mich kritisch. Ich grüße übertrieben laut, gehe zu ihm hin und bleibe vor dem niedrigen Gartentor stehen. Er kommt ran, stützt eine Faust auf das Tor, die andere ins Kreuz.

Ich stelle mich vor und erzähle ihm, was mir AfD-Kandidat Grimm über die Flüchtlinge erzählt habe. Der Mann poltert los: „Die AfD ist die zweite NPD. Die wollen wir nicht.“ Aha, denke ich, also keine Probleme mit den Flüchtlingen? Doch es folgt weiteres Poltern: „Die Flüchtlinge kriegen doch alles in den Arsch geblasen. Ständig werden da neue Möbel in die Wohnungen gekarrt, während die Deutschen unter der Brücke schlafen müssen.“

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Der auf alles wütende Walter Baalhorn und seine deutlich weniger wütende Frau Helga auf ihrem Sofa. Sie sagt: „Sorgen hatte man ja schon, aber Probleme gab es nicht.“

Thomas Victor

Walter Baalhorn, 68, verrenteter Fernfahrer mit schmerzenden Bandscheiben, zog vor 40 Jahren nach Mallentin. Er hat Wut, eigentlich auf alles, und das sieht man ihm an, düsteres Gesicht, ausgestreckter Zeigefinger, der Löcher in die Luft sticht. Auf die verwahrlosten Deutschen in den Plattenbauten schimpft er, auf deren Gören, die nachts um elf noch Krach machen, auf die Berliner, die in Mallentin Grundstücke kaufen, auf die „Ostsee Zeitung“, die nur noch Nachrichten aus Lübeck bringt.

In diesem Moment rumpelt ein weißer Lastwagen die Straße runter und biegt ab Richtung Plattenbauten. „Da kriegen die Flüchtlinge bestimmt schon wieder neue Möbel, gehen Sie da mal hinterher!“, platzt es aus Baalhorn heraus. Gute Idee. Ich verabschiede mich und folge dem Laster, doch er verschwindet hinter der nächsten Kurve.    

Bedroht scheint nur die Tierwelt

Stattdessen laufe ich durch die Wohnblocks und frage jeden, den ich treffe, nach den Flüchtlingen und der Bedrohung für den sozialen Frieden: zwei sonnengebräunte Schrebergärtner, zwei blonde Kindergärtnerinnen und eine Frau, die ihre Chihuahuas ausführt – zufällig die Ehefrau des zornigen Walter Baalhorn. Die Antworten ähneln sich: „Wir kriegen nichts von denen mit.“ „Ach, sind die überhaupt noch da?“ „Sorgen hatte man ja schon, aber Probleme gab es nicht.“ Bedroht scheint nur die Tierwelt: Zwei Kinder fahren eine dicke, langhaarige Raupe mit ihrem Kettcar platt und lachen darüber.

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Kinder auf dem Spielplatz von Mallentin. Unfrieden habe ich kaum gefunden.

Thomas Victor

Um 11 Uhr treffe ich Ulla Hardt. Jahrelang entwarf die Architektin Ferienhäuser für Ostseebäder, bis die 49-Jährige eine Auszeit nahm und unverhofft in der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe landete. Vor 20 Jahren zog sie aus Taunusstein im Rhein-Mein-Gebiet nach Mecklenburg-Vorpommern. „Deswegen spreche ich auch ein bisschen Schulenglisch. Die älteren Leute hier haben Russisch gelernt und können deswegen nicht mit den Flüchtlingen reden“, sagt sie.

Wir laufen unter einer Reihe Birken an der Brache vorbei, wo zu DDR-Zeiten der Konsum stand. Ein Stück weiter, in einer Senke: eine Schaukel, Tischtennisplatte und Rutsche.  

Als wir den Wohnblock mit den Flüchtlingen erreichen, tritt ein Mann aus der Tür, der ein Baby auf dem Arm trägt und mit seinem weißen Hemd, dem gepflegten Bart und den gegelten Haaren so gar nicht vor die schmutzig gelbe Fassade passt.

Tee aus gespendeten Tassen

Hardt stellt ihn vor: Das sei Mohammed Hafni. Sie kennen sich, seit er vor elf Monaten aus Damaskus nach Mallentin kam. Hardt gibt ihm eine Tüte mit Gurken und Kürbissen aus ihrem Garten. Hafni lädt uns ein, in die Wohnung zu kommen, in der er mit seiner Familie wohnt. Das Mobiliar: zwei Metallbetten, ein Metallspind, ein alter Fernseher, dazu eine karg möblierte Küche und ein schimmeliges Bad. Neue Möbel? Eher das Gegenteil. Wir setzen uns auf die Betten, und Hafnis Schwester Mona serviert süßen Tee in Tassen, die sie von hilfsbereiten Mallentinern geschenkt bekommen haben.

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Mohammed Hafni hält seine Tochter Huda auf dem Arm. Sie hat Windpocken und besucht heute deshalb nicht den Kindergarten.

Thomas Victor

Und dann erzählt Hardt: Rund 100 Flüchtlinge hätten in den vergangenen anderthalb Jahren in Mallentin gelebt, einmal an die 50 zur gleichen Zeit. Zwei Blöcke, die vorher wegen ihres schlechten Zustands nicht vermietet waren, seien auf einmal voll gewesen. Erst kamen Albaner, Serben und Mazedonier, später Ghanaer und Malier und schließlich im vergangenen Herbst die ersten Syrer.  

Hardt ergänzt: Die Kreisverwaltung habe es nicht geschafft, genügend qualifizierte Sozialarbeiter einzustellen. Da war sie zeitweise die einzige, die sich um die ganze Post gekümmert habe, die Deutschland seinen Neubürgern schickt, noch bevor es Deutschkurse gibt: GEZ-Abrechnungen, Termine zur Kinder-Untersuchung, Rentenversicherungsnummernzuweisungen. 

Und dazu noch die jungen Männer, die ohne ihre Familien nach Deutschland kamen und jetzt alleine zuhause sitzen, in ihren Köpfen die Bilder verstümmelter Verwandter, in ihren WhatsApp-Nachrichten die Fotos der Fassbomben, die in Aleppo Menschen zerfetzen.

Der Briefkasten wurde gesprengt

„Und, hat es Reibereien in der Nachbarschaft gegeben?“, frage ich. „Klar“, sagt Hardt und erzählt von der achtköpfigen Familie al-Musa. Die Kinder seien schlecht erzogen gewesen und hätten auf der Straße viel Ärger gemacht. Ein deutscher Vater habe deswegen einmal die Polizei gerufen.

Aber die al-Musas hätten die anderen Flüchtlinge ebenso gestört, sagt sie und zu Mohammed Hafni, der mit seiner Familie neben uns sitzt: „Oder, wie war das mit Familie al-Musa?“ Hafni nickt sarkastisch, streckt einen Daumen in die Luft und antwortet: „Ja, Familie al-Musa, sehr gut.“

Außerdem hätte ein Mann, der im Dorf allgemein für seine rechte Auffassung bekannt sei, an Silvester den Briefkasten des Flüchtlingsblocks mit einem Böller in die Luft gesprengt.

„Mama“ schallt es zum offenen Fenster hoch

Das muss wohl der Briefkasten sein, von dem AfD-Mann Grimm sprach, denke ich und staune dann über die Ironie, zu der das Schicksal manchmal fähig ist: „Der 4-jährige Sohn dieses Mannes hat sich dann im Kindergarten mit dem Sohn einer eritreischen Familie angefreundet“, sagt Hardt. „Seine Vorbehalte waren dann irgendwann weg und er hat die Eritreer sogar zuhause besucht.“

Während Hardt das erzählt, kommt ein blonder Junge rein, sagt zwei Worte auf Arabisch und verschwindet wieder. Hardt und ich verabschieden uns von Familie Hafni und gehen runter.

Vor dem angrenzenden Block spielen zwei Kinder. „Sind eure Eltern da?“, frage ich und die beiden brüllen „Mama“ zum offenen Fenster hoch. Einige Augenblick später stehen Mutter Sindy Mell und ihre Hausnachbarin Beate Schattschneider vor mir.

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Sindy Mell und ihre Kinder. Ihr Sohn Jeremy (r.) geht oft ins Nachbarhaus, um lecker arabisch zu essen und mit den anderen Kindern zu spielen.

Thomas Victor

Sie erinnern sich an Familie al-Musa, laut seien die Lütten gewesen. Aber man habe sich dann an die Sozialarbeiter gewendet, und Vater al-Musa habe die Kinder in ein anderes Zimmer umquartiert, so konnten alle nachts schlafen.

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Als ich von Grimms sozialem Unfrieden anfange, lacht die 33-jährige Mell laut auf. Einmal hätten die Flüchtlinge ihre Wäsche auf die falsche Leine gehängt, aber das habe man unter sich geklärt. „Mein Mann ist als LKW-Fahrer viel im Ausland unterwegs. Der weiß sich mit Händen und Füßen zu verständigen“, sagt Schattschneider.

„Und wer hat ihre Haustür eingeschlagen?“, frage ich. „Das war ein erwachsener Freund von uns“, sagt die 57-jährige. „Der war ein bisschen übermütig.“ Will wohl heißen, betrunken.

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Der Block, in dem Mells und Hafnis Wand and Wand wohnen. „Und wer hat ihre Haustür eingeschlagen?“, frage ich. „Das war ein erwachsener Freund von uns.“

Thomas Victor

Und während ich denke, dass das wohl alles eher unter den Begriff „Nachbarschaft“, als „sozialer Unfrieden“ passt, kommt der blonde Junge angelaufen, der eben die arabischen Worte sagte. Es ist Mells 11-jähriger Sohn Jeremy, der immer zu den Hafnis spielen und essen geht. Mell hat auf ihrem Handy Fotos, wie sie auf der Straße alle gemeinsam den Geburtstag des eritreischen Jungens mit deutscher Torte und würzigen Hähnchengerichten feierten.

Ihre eigene Tochter Kassandra hat in zwei Wochen Geburtstag. „Dann wollen wir auch ein bisschen grillen. Vielleicht kommen die von drüben dann ja auch wieder rüber“, sagt Mell. „Die essen ja leider kein Schwein, nur Huhn. Aber vielleicht ja ein Stück Torte!“

Lügt die AfD, um Stimmung zu machen?

Ich kann es immer weniger fassen. Ich hatte ein Ghetto erwartet – und stoße auf eine Nachbarschaft mit ihren Streits und ihren Freundschaften. Mit sozialem Unfrieden gerechnet – und stoße auf Einvernehmen, zwischen den Deutschen und den Fremden, den alten und den neuen Mallentinern.

Ich gehe zurück zum Auto, lasse den Motor an und bin bald wieder auf der Landstraße. Und frage mich in einem fort, warum AfD-Kandidat Grimm so etwas Niederträchtiges macht. Warum er die Flüchtlinge beschreibt, als seien sie halbwilde Barbaren.

Er ist doch in Mallentin gewesen, um hier Wahlwerbung zu verteilen. Er hat es doch mit eigenen Augen gesehen, wie friedlich hier alles ist.

Hat er es gesehen?

Vielleicht nicht. Seit einigen Jahren, erzählte er mir, misstraue er der Presse und lese stattdessen rechte Blogs. Hat sich die Hetze in seinen Kopf gefressen, Überschrift für Überschrift, bis er wirklich glaubte, dass Flüchtlinge nicht nach Deutschland passen? Dass sie rumschreien und alles kaputt schlagen? Hat seine rechte Brille mittlerweile zu dicke Gläser bekommen? Vielleicht.

Aber gerade als Rechtsanwalt sollte Grimm vermeintliche Wahrheiten doch kritisch hinterfragen. Das ließe nur den Schluss zu, dass Grimm lügt, obwohl er es besser weiß, lügt, um Stimmung zu machen, lügt, um die Wahl zu gewinnen.

Und während die Wohnblöcke von Mallentin im Rückspiegel kleiner werden denke ich: Ich weiß nicht, was mir lieber ist. Ein Politiker, der Hetze und Realität nicht auseinander halten kann, oder aber ein Politiker, der die Realitäten kennt, aber lügt. Und ich denke: Unglaublich, dass dieser Mann wahrscheinlich einer von 71 Abgeordneten sein wird, die Gesetze für 1,6 Millionen Einwohner erlassen.


Alle politischen Reportagen aus Mecklenburg-Vorpommern von Raphael Thelen findet Ihr in unserem Schwerpunkt „Neue Rechte“.

Die Recherche in Kooperation mit „Zeitenspiegel Reportagen“ wurde von Raphael Thelen über die Plattform crowdfunding.CORRECTIV finanziert. Wir bedanken uns bei der Rudolf Augstein Stiftung und mehr als 100 Einzelspendern für die Unterstützung.

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Bert Rothkugel, Andres Eberhard, Jonas Aust, Philipp Lienhard, Wiebke Buth, Laura Sundermann, Felix Kamella, Diana Di Maria, Sven Brose, Kai Schächtele, Hannes Opel, Volker Vienken, Friedrich Dimmling, Ulrike Kahl, Felix Weykenat, Constanze Günther, Carolin Wilms, Maria Schmidt-Lorenz, Heiko Hilken, Petra Sorge, Lien Pham-Dao, Elisabeth Ferrari, Wolfgang Weidtmann, Gerhard Dimmling-Jung, Hanfried Victor, Michael Vogel, Tina Friedrich, Stefan Z, Nicole Graaf, Alexander Surowiec, Michael Rasenberger, David Weyand, Christian Mair, Christian Vey, Jörn Barkemeyer, Katharina Müller-Güldmeister, Pia Schauerte, Sybille Förster, Heiko Mielke, Marcus Windus, Christiane Specht, Sebastian Cunitz, Felix Schmitt, Khazer Alizadeh, Tobias Brabanski, Veronika Wulf, Christian Frey, Linda Salicka, Anna Kaleri, Lutz Wallhorn, Edith Luschmann, Thomas Stroh, Christoph Gemaßmer, Matthias Kneis, Gunnar Findeiß, Christiane R, Friedemann Huse, Werner Thelen, Lukas Ladig, Stephan Thiel, Tobias Hill, Florian Berger, Marcus Anhäuser

Sindy Mell und ihre Kinder in Mallentin. „Leider essen die ja kein Schwein, nur Huhn“, sagt sie über ihre Nachbarn, die Flüchtlinge. „Aber vielleicht ja ein Stück Torte!“© Thomas Victor

Neue Rechte

Trotz AfD: Es ist noch Torte da

Politische Umbrüche, kämpfende Wähler, paranoide AfD-Politiker – einen Monat lang war unser Autor unterwegs. Nach 4000 Kilometern kommt er zu dem Schluss: Es gibt keine einfachen Antworten für den Erfolg der AfD, aber viele verschiedene. Und: Es ist nicht das Ende der Welt.

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von Raphael Thelen

Diese Serie erscheint parallel auf Zeit Online.


Dreißig Tage lang reisten wir, Fotograf und Reporter, durch Mecklenburg-Vorpommern. Wir fuhren 4000 Kilometer, besuchten dutzende Orte, sprachen mit unzähligen Menschen, um die Frage zu beantworten: „Warum könnte die Alternative für Deutschland bei der heutigen Landtagswahl stärkste Kraft werden?“

Doch schon als wir unser erstes Ziel erreichten, Godendorf, wo die AfD bei den Gemeinderatswahlen 2014 ein Drittel der Stimmen errang, wo die Bürgersteige frisch gepflastert, junge Familien sorglos und die Gemeindesäckel prall gefüllt sind, wo soziale Not also fern ist – verstanden wir: Eine einfache Antwort wird es nicht geben.

Wie in Godendorf ist der Erfolg der AfD in ganz Mecklenburg-Vorpommern paradox: Fast drei Viertel der Menschen im Land bewerten ihre persönliche Lage als gut oder sehr gut, immerhin die Hälfte ist mit der Arbeit der Landesregierung zufrieden. Seit der Wende war die Arbeitslosigkeit noch nie so niedrig wie in diesem Jahr. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs steigt, der Landeshaushalt ist ausgeglichen.

Warum also wählen die Menschen die Protestpartei AfD?

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Der Rückspiegel unseres Autos. 4000 Kilometer fuhren wir. Wie viele Orte wir besuchten und mit wie vielen Menschen wir sprachen, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur: eine einfache Erklärung für die AfD gibt es nicht.

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In Erinnerung bleiben wird mir Beate Döring. Wir unterhielten uns mit der lebenslustigen, kräftigen 56-Jährigen auf einer Bank im Dorfzentrum von Medow. Ihr Leben steht exemplarisch für viele Ostdeutsche, die gleich zwei politische Umbrüche wegstecken mussten.

Gegängelt und geparkt

In der DDR arbeitete die gelernte Zoologin als Rinderzüchterin bei einer großen LPG. Doch nach der Wende machte die LPG dicht, und mit Dörings Qualifikation gab es keinen Job mehr. Einige Zeit noch sortierte sie Kartoffeln beim örtlichen Bauern, räumte Steine vom Feld, dann war Schluss.

2003 begann der Kampf mit dem Jobcenter, die rot-grüne Bundesregierung setze die Agenda 2010 durch. Die zweite Demütigung für viele Wendeverlierer. Döring wurde gegängelt und schließlich in einer Maßnahme geparkt.

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Beate Döring vor dem Tor der Freiwilligen Feuerwehr in Medow. Das Arbeitsamt forderte sie auf, sich einen Job auf Usedom zu suchen. “Wie hinkommen ohne Auto?”, fragt sie.

Thomas Victor

Vor einem Jahr starb ihr Mann an Krebs. Das bisschen Geld, dass sie erbte, gab sie für seine Beerdigung aus. Das Amt zog ihr den Betrag von der Unterstützung ab. Solches Privatvermögen dürfe sie nicht haben. Als wir uns verabschiedeten, klingelte ihr Handy: Ihr Schatzi rief an, seit kurzem ist sie frisch verliebt. Das gibt ihr Kraft.

Zwei Männer greifen uns an

Manuel Köhn ist so jung, dass er den Umbruch von DDR zu Bundesrepublik nicht erlebt hat. Trotzdem kämpfen er und seine Freunde mit dem Leben im ländlichen Mecklenburg-Vorpommern. An Köhn überraschte mich, wie gleichgültig er die erzwungene Entwurzelung seiner Generation hinnimmt.

Ich traf Köhn vor der Technobühne des Hansefestes in Anklam. Vor drei Jahren beendeten er und seine elf Klassenkameraden die Schule. Der Rest seiner Klasse ging in den Westen, um Arbeit zu finden – oder zur Bundeswehr. Köhn wollte in Anklam bleiben und machte eine Ausbildung zum Automobilkaufmann.

Köhns Lehre ist zu Ende. Derzeit schreibt er Bewerbungen, 20 Stück hat er schon verschickt. Falls er bis Oktober keine Stelle findet, sagte er mit einem Schulterzucken, haut auch er ab. Für junge Menschen in der Region ist das halt so. Und das schon seit der Wende.

Zurück bleiben jene, die sich von Veränderung nicht herausgefordert, sondern bedroht fühlen. Es sind vor allem Männer, die nicht zurechtkommen mit Globalisierung, Frauenrechten und sexueller Freiheit. Sie sind der Unterbau der NPD und der rechten Kameradschaften, die gezielt Freiwillige Feuerwehren, Sportvereine, Kreistage infiltrieren und im Frust der Menschen einen fruchtbaren Boden finden für ihre Gewaltfantasien. Auf dem Hansefest in Anklam griffen zwei von ihnen meinen mitreisenden Fotografen Hannes Jung an.  

Wo sind die Flüchtlinge?

Wer sonst noch da bleibt, arrangiert sich. Wie Georg Reddemann, ein anderer Besucher des Hansefests, der den Angriff auf Hannes abtat und sagte: „Es gibt Gaststätten, da weiß man ganz genau, die gehören einem Rechten, aber ich kriege da ein leckeres Essen serviert, die Bedienung stimmt. Man kann die jetzt boykottieren und gar nicht essen gehen. Oder man sagt: ‚So lange es schmeckt, ist es mir egal, wer da kocht.’“

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Einer der Männer, die Hannes später angreifen, steckt seine Hand vor die Kamera. In Orten wie Anklam arrangieren sich viele mit den Rechten.

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Und wenn man nur lange genug mit den Rechten im gleichen Restaurant isst, scheinen sich auch die politischen Meinungen anzugleichen: „NPD und AfD sprechen die Probleme wenigstens an, auch wenn sie keine funktionierenden Lösungen haben“, sagte Reddemann.

Flüchtlinge sind das große Geisterthema dieses Wahlkampfs. Alle reden von ihnen, aber wo sind sie eigentlich? Einmal fuhren drei unbegleitete minderjährige Flüchtlinge auf Fahrrädern an mir vorbei. In Mallentin trank ich mit einer syrischen Familie gezuckerten Tee. Aber ansonsten nahm ich sie nicht wahr. Die Statistik sagt: 2016 kam auf 300 alteingesessene Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern ein Flüchtling. 

Wann ist ein Mann ein Mann?

Trotzdem sprach AfD-Spitzenkandidat Leif-Erik Holm während eines Auftritts in einer Demminer Bowlingbahn ausgiebig über Flüchtlinge. Er lobte die Politik des ungarischen Ministerpräsidenten Victor Orban. Dass Orban seine Grenzen mit Mauern und Stacheldraht blockiert, mit hitlertreuen Pfeilkreuzlern liebäugelt und die Presse zensiert? Geschenkt. Das Publikum an diesem Abend bestand aus 35 vorwiegend älteren Männern und fünf Frauen und applaudierte Holm.

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Leif-Erik Holm auf der Bowlingbahn in Demmin. Eigentlich ein sympathischer Kerl, der gegen Flüchtlinge hetzt. Hinter ihm sitzt Sandro Hersel.

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Später traf ich eine Frau, die nach eigener Aussage viel Zeitung liest und Nachrichten sieht. Ich fragte sie, ob sie schon mal Flüchtlinge kennengelernt habe. „Ja“, sagte sie. „Albaner und Syrer, und die sind sehr sympathisch gewesen.“ Und weiter: „Aber ich möchte keinen Kontakt zu diesen Menschen aufnehmen, weil ich sie dann zu nah an mich dran lasse, und dann kann ich mir kein richtiges Urteil mehr bilden. Ich habe dann zu viel Mitgefühl.“

Verbitterte Paranoiker 

Der Erfolg der AfD gründet auch darin, dass sie rassistische Klischees bedient. Und das in einer Region, die selbst Deutsche nicht immer willkommen hieß. Eine Heimatvertriebene erzählte mir: „Als ich 1945 vor der Sowjetarmee nach Mecklenburg-Vorpommern floh, beschimpften Einheimische mich als ‚Polackin’.“ Die Medien sind endlos fixiert auf Flüchtlinge, Integration und Burka – als gäbe es keine anderen sozialen Themen. Das tut das seinige.

An dem Abend in der Demminer Bowlingbahn applaudierte das Publikum auch dem AfD-Kandidaten Sandro Hersel, der sich am Pult festkrallte, seine Rede vom Blatt ablas und sich immer wieder nervös den Schweiß von der Stirn wischte. Das überraschte mich am Erfolg der AfD am meisten: Er scheint wenig mit ihren Kandidaten zu tun zu haben. Hersel ist mitreißend wie ein Besenstil.

In Godendorf erlebte ich den örtlichen AfD-Politiker Peter Hintze als einen verbitterten Paranoiker, der sich im Kampf gegen eine linke Verschwörung wähnt. Bei der letzten Briefwahl in Godendorf sei betrogen worden, was sich auch an der Wahlbeteiligung ablesen lasse: Sie habe quasi 100 Prozent betragen! Wie früher bei Honecker! Tatsächlich waren es nur knapp 90 Prozent. Nicht ungewöhnlich bei Lokalwahlen in kleinen Orten. 

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AfD-Mann Peter Hintze feierte seinen 60. Geburtstag als wir ihn trafen. Er sieht sich im Kampf gegen linke Netzwerke.

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Und der Hamburger Rechtsanwalt Christoph Grimm, der auf Listenplatz sechs steht und wahrscheinlich in den Landtag einziehen wird, ist so der eigenen Propaganda zu Islamisierung und Flüchtlingen verfallen, dass er sich fürchtet, wenn er durch den Hamburger Hauptbahnhof läuft oder mit der Bahn fährt.

Überrumpelte Gegner 

Dass die AfD trotzdem so stark ist, liegt auch daran, dass ihre politischen Gegner überrumpelt sind. Als die NPD 2006 mit 7,3 Prozent der Stimmen in den Landtag einzog, beschlossen alle anderen Parteien, sie auszugrenzen.

Doch jetzt stimmen ein Fünftel der Wähler mit all ihren verschiedenen Sorgen, Ängsten und Hoffnungen für das „Wir kümmern uns um euch“-Angebot der AfD. Und das entwaffnet selbst jene, die seit Jahren gegen Rechts kämpfen.

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Vier Männer in Anklam diskutieren über den Umgang mit der AfD. Vor allem sind sie eines: ratlos.

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Vier solcher Männer diskutierten in Anklam darüber, wie man mit der AfD umgehen solle, und wirkten dabei seltsam hilflos, als trieben sie in der Peene und könnten nicht schwimmen. Erst ganz zum Schluss, als sie schon auseinander gehen wollten, erreichte einer von ihnen ein Stück festen Grund: „Am wichtigsten ist es, sich selbst zivilgesellschaftlich zu engagieren, unabhängig davon, was die AfD macht.“

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Neues Leben für die Demokratie 

Das erlebte ich auch in Mallentin, den letzten Stopp unserer Reise. In dem Dorf grenzen reetgedeckte Bauernhäuser an Plattenbauten. Zeitweise waren hier knapp zehn Prozent der Menschen Flüchtlinge. Ich fragte die Nachbarin der Flüchtlingsfamilien, Sindy Mell, ob das manchmal schwierig sei.

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Sindy Mell und ihre Kinder in Mallentin. Sie wohnt direkt am Wohnblock, in dem viele Flüchtlinge lebten.

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Manchmal, ein bisschen, sagte die sechsfache Mutter. Halt die normalen Nachbarschaftsstreits. Aber ihre Tochter wolle bald Geburtstag feiern, hoffentlich kämen die neuen Nachbarn dann auch. „Leider essen die ja kein Schwein, nur Huhn“, fügte sie hinzu. „Aber vielleicht ja ein Stück Torte!“

Es ist die große Errungenschaft der AfD, dass sie der deutschen Demokratie neues Leben einhaucht. Ich selbst lebte drei Jahre lang in Ägypten und dem Libanon. Erst die Dresdener Pegida-Märsche und der Aufstieg der AfD brachten mich dazu, mich wieder mit Deutschland auseinanderzusetzen. Die Rechtspopulisten erzwingen eine öffentliche Debatte über Freiheit, Gerechtigkeit und Identitäten, statt über Pendlerpauschale und Acrylamid in Pommes.

Ich hatte immer ein bisschen gehofft, dass es so kommt und einmal effektive Kritik an Elitenpolitik, Hartz IV und schlechtem Bildungssystem geäußert wird. Doch es verstört mich, dass sich die berechtigte Wut der Menschen im Erfolg der AfD niederschlägt.

Es ist noch Torte da

Denn die Lösungen der AfD lauten: Grenzen zu, Sozialhilfe kürzen, Ausländer raus. Wohin dieser rechte Populismus führt, lässt sich in Großbritannien nach dem Brexit-Votum beobachten. Dort stürzt die Wirtschaft ab, die Ärmsten werden ärmer, und Menschen, die keine helle Hautfarbe haben, werden auf der Straße angespuckt.

Heute Abend gehe ich auf die Wahlparty der AfD und treffe die Politiker, die all das herbeireden. Und wenn die Vorhersagen stimmen, werde ich erleben, wie sie triumphierend in den Landtag einziehen.

Doch auch dann werden noch immer pragmatische, großherzige Menschen wie Sindy Mell in der Mehrheit sein. Menschen, die ihre neuen Nachbarn einladen, lachen und sagen: „Aber vielleicht ja ein Stück Torte!“


Alle politischen Reportagen aus Mecklenburg-Vorpommern von Raphael Thelen findet Ihr in unserem Schwerpunkt „Neue Rechte“.

Die Recherche in Kooperation mit „Zeitenspiegel Reportagen“ wurde von Raphael Thelen über die Plattform crowdfunding.CORRECTIV finanziert. Wir bedanken uns bei der Rudolf Augstein Stiftung und mehr als 100 Einzelspendern für die Unterstützung.

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Bert Rothkugel, Andres Eberhard, Jonas Aust, Philipp Lienhard, Wiebke Buth, Laura Sundermann, Felix Kamella, Diana Di Maria, Sven Brose, Kai Schächtele, Hannes Opel, Volker Vienken, Friedrich Dimmling, Ulrike Kahl, Felix Weykenat, Constanze Günther, Carolin Wilms, Maria Schmidt-Lorenz, Heiko Hilken, Petra Sorge, Lien Pham-Dao, Elisabeth Ferrari, Wolfgang Weidtmann, Gerhard Dimmling-Jung, Hanfried Victor, Michael Vogel, Tina Friedrich, Stefan Z, Nicole Graaf, Alexander Surowiec, Michael Rasenberger, David Weyand, Christian Mair, Christian Vey, Jörn Barkemeyer, Katharina Müller-Güldmeister, Pia Schauerte, Sybille Förster, Heiko Mielke, Marcus Windus, Christiane Specht, Sebastian Cunitz, Felix Schmitt, Khazer Alizadeh, Tobias Brabanski, Veronika Wulf, Christian Frey, Linda Salicka, Anna Kaleri, Lutz Wallhorn, Edith Luschmann, Thomas Stroh, Christoph Gemaßmer, Matthias Kneis, Gunnar Findeiß, Christiane R, Friedemann Huse, Werner Thelen, Lukas Ladig, Stephan Thiel, Tobias Hill, Florian Berger, Marcus Anhäuser

Hier geht's zur Wahl. Aber warum? Unser Fotograf Thomas Victor hat nachgefragt.© Thomas Victor

Neue Rechte

Demokratie auf dem Dorf Mecklenburg

Die Demokratie hat keinen Ort, las unser Reporter kürzlich irgendwo. Das stimmt nicht, der Ort ist bloß banal. In Dorf Mecklenburg stehen die Wahlkabinen in einer Mehrzweckhalle, einem Amtszimmer mit Topfpflanze, einem Gymnasium in Plattenbauweise. Fotograf Thomas Victor ging den ganzen Morgen davor auf und ab und fragte die Menschen: „Warum gehen Sie wählen?“ Viele nahmen sich ein Herz und scheuten die großen Worte nicht, machten damit die banalen Gebäude zu Orten der Demokratie.

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von Raphael Thelen

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