Deutschlands Sparkassen sollen nicht nur das Geld der Bürger verwalten. Sie sollen sie auch erziehen und ihren „Sparsinn“ schulen. Werden die Sparkassen diesem Auftrag gerecht? Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur des Online-Magazins finanztip.de und profunder Kenner der deutschen Bankenwelt, ist skeptisch.

Achtung, gleich zu Beginn ein komplizierter Satz. Er lautet: „Die Sparkassen fördern den Sparsinn und die Vermögensbildung breiter Bevölkerungskreise und die Wirtschaftserziehung der Jugend.“ Wissen Sie, wo dieser Satz steht?

Hermann-Josef Tenhagen: Das könnte in einem Sparkassen-Gesetz stehen. NRW?

Baden-Württemberg. Aber so ähnlich steht er tatsächlich in den Sparkassen-Gesetzen der meisten Bundesländer. Kann ich bei der Sparkasse Sparen lernen?

Tenhagen: Da habe ich meine Zweifel. Die Berliner Sparkasse hat etwa propagiert, dass Weihnachtsgeschenke über Kredite finanziert werden können.

Warum passt das nicht zum Sparsinn?

Tenhagen: Man sollte einen Kredit nur für etwas aufnehmen, das man dringend braucht, das ökonomisch Sinn macht. Das Auto, mit dem ich zur Arbeit komme. Der Trecker für den Landwirt. Die Wohnungseinrichtung, weil ich mit meiner Frau zusammen ziehe und wir einen Kühlschrank brauchen. Weihnachtsgeschenke auf Pump zu finanzieren, fördert die Vermögensbildung gerade nicht.

Früher habe ich gelernt: Mein Geld vermehrt sich von alleine, wenn ich es zur Bank bringe. Dank des Sparbuchs der Sparkasse. Das Konzept funktioniert wegen der historisch niedrigen Zinsen nicht mehr. Gibt es neue Produkte, die den Sparsinn der jungen Generation prägen könnten?

Tenhagen: Auch früher gab es Phasen, in denen man über das Sparbuch weniger Zinsen bekommen hat, als die Inflation Prozente hatte. Das Sparbuch trug also nicht notwendigerweise zur Vermehrung des Vermögens bei. Eigentlich geht es darum, dass der Kunde das bestmögliche Produkt zum günstigsten Preis erhält. Also etwa: ordentliche Zinsen auf dem Tagesgeldkonto. Häufig gibt es die leider nicht bei der Sparkasse. Auch wenn es das Bemühen der Sparkassen um junge Kunden gibt. Zum Beispiel durch das kostenlose Girokonto.

Das bieten ja fast alle Banken an.

Tenhagen: Dennoch ist es eine gute Idee. Genau wie ein Sparkassen-„Führerscheinkonto“, mit dem unter 18-Jährige auf ihren Führerschein sparen können: Sie bekommen für 3.000 Euro rund 1,5 bis 2 Prozent Zinsen pro Jahr. Das ist klassisch das, was eine Sparkasse tun sollte.

In den Sparkassen-Gesetzen wird noch ein weiterer Auftrag formuliert: Die Sparkassen sollen das „wirtschaftliche Denken“ fördern.

Tenhagen: Das ist prima, da passiert viel zu wenig. Aber wenn die Sparkasse die einzige ist, die im normalen Schulunterricht über Wirtschaft spricht, ist das problematisch. Sparkassen sind nicht neutral. Sie sind bei ihren Lehrvorträgen – oder Börsenspielen – nicht so weit weg von eigenen Interessen, wie sie sie es für pädagogische Aufgabe sein sollten. Andererseits muss in der Schule Ökonomie, oder auch „persönliche Betriebswirtschaft“ unterrichtet werden, um die Kinder für´s Leben fit zu machen.

Wo spare ich heute noch als Kunde einer Sparkasse?

Tenhagen: Mein Geld kann ich nach wie vor bei der Sparkasse auf die hohe Kante legen. Wobei mir das Sparen bei den Sparkassen derzeit nicht besonders leicht gemacht wird – bei 0,05 Prozent Zinsen auf einem Festgeldkonto.

Viele Sparkassen haben sehr hohe Dispo- und Überziehungszinsen. Und zugleich preisen sie die Finanzierungsmöglichkeiten an, die man mit einem Dispo hat. Passt das zusammen?

Tenhagen: Nein, das führt in die Grütze. Der Dispozins ist dafür da, ungeplante Situationen im Konto abzufangen. Für kurze Frist und dann auch ruhig mit einem ordentlichen Volumen. Es spricht nichts dagegen, dass jemand ein Dispovolumen hat, das zwei oder drei Monatseinkommen entspricht. Aber immer nur als kurzfristige Lösung. Danach geht es darum, schnell wieder aus dem Dispo rauszukommen. Sich Wünsche über den Dispo zu finanzieren oder ihn als kurzfristigen Kredit einzusetzen – das macht absolut keinen Sinn.

Was bleibt vom Sparauftrag? Sollten die Sparkassen-Gesetze angepasst werden?

Tenhagen: Die Sparkassen müssten sich nur daran halten. Eigentlich ist der Auftrag doch ganz einfach. Ich beschäftige mich damit, was der Kunde heute braucht und versuche, gerade für den kleinen Kunden so optimal wie möglich die passenden Produkte anzubieten. Dafür nehme ich die gesellschaftlichen Gruppen an Bord, damit ich das absolut beste Wissen dafür habe, was notwendig ist. Vielleicht kann ich dadurch nicht immer die allerbesten Konditionen anbieten, aber am Ende des Tages verstehen die Leute das schon. Solange der Unterschied zum Markt nicht zu groß ist, zahle ich für das lokale Angebot. Nehmen wir, ganz klassisch, eine Baufinanzierung. Wenn die bei meiner lokalen Sparkasse ein Zehntel teuer als bei einer privaten Bank, ist das vielleicht ok. Wenn sie aber drei Zehntel teurer ist, geht das nicht.

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