230 Politessen und Kontrolleure sorgen für mehr als 34 Millionen Euro Einnahmen. Gemeinsam mit dem „Kölner Stadtanzeiger“ haben wir die Daten analysiert und Auffälligkeiten herausgefiltert. „Der Verkehrsdienst ist eine Kuh, die viel Milch bringt“, sagt der Sprecher des Ordnungsamtes.

Marcel Schön, ein Mitarbeiter des Kölner Ordnungsamtes, schlendert über den Hohenzollernring, die viel befahrene Ringstraße rund um die Kölner Innenstadt. 50 bis 70 Strafzettel verteilt Schön hier tagsüber, abends sind es leicht 100 bis 150 pro Schicht, „ohne dass ich mich irgendwie anstrengen müsste.“ Parkplätze sind knapp, Autofahrer haben es eilig, in einem fort stellen sie ihre Wagen dort ab, wo es nicht erlaubt ist. An einem Taxistand etwa. „Wir können da jede halbe Stunde vorbeigehen und Verwarnungen schreiben“, sagt Schön.

Zusammen mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ hat CORRECTIV mehr als drei Millionen Ordnungswidrigkeiten im ruhenden Kölner Verkehr aus den Jahren 2013 bis 2015 gesichtet und ausgewertet. Das Ergebnis: Köln gehört zu den deutschen Knöllchen-Hochburgen. Täglich werden bis zu 5.000 Strafzettel verteilt. Jeder 13. Parksünder behindert den Verkehr. Nur rund ein Prozent der Strafzettel geht an Pkws, die Radwege blockieren. Im Knöllchen-Atlas könnt Ihr sehen, wo 2015 in Köln die meisten Ordnungswidrigkeiten geahndet wurden.

Markus Graf, Verkehrsexperte der Grünen in der Bezirksvertretung Innenstadt, hält rund 29.000 Knöllchen wegen zugeparkter Radwege in drei Jahren für „lächerlich wenig“. Autofahrer, die sich zum Beladen oder Brötchen holen auf Radwege stellen, würden oft nur mündlich verwarnt. „Die Politessen greifen nicht stringent genug durch, außerdem gibt es ein Zuständigkeitsproblem zwischen Ordnungsamt und Polizei“, sagt Graf. Die Ursache des Problems sieht der Kommunalpolitiker „in einer Politik, die immer vom Autofahrer aus denkt“. Das Kölner Ordnungsamt wollte die geringe Zahl an fahrradbezogenen Strafzetteln nicht kommentieren.

Versucht die Stadt Köln, mit Strafzetteln vor allem Kasse zu machen? „Tatsächlich ist der Verkehrsdienst eine Kuh, die viel Milch bringt“, sagt Heribert Büth, Sprecher des Ordnungsamtes, das 230 Politessen und Kontrolleure beschäftigt. Im vergangenen Jahr wurden 34 Millionen Euro eingenommen: 16,1 Millionen durch Falschparker, die restlichen 17,9 Millionen Euro durch Vergehen im fließenden Verkehr. „Es geht uns aber nicht ums Geldverdienen“, versichert Büth. Hauptziel sei es, dass der Verkehr fließt. „Ideal wäre, keine Einnahmen zu haben, weil jeder richtig parkt.“

Über 70.000-mal wurden Fahrzeughalter dabei ertappt, dass sie den TÜV ihres Wagens nicht rechtzeitig verlängert hatten. Fast 1,5 Million Euro dürfte die Stadt dadurch eingenommen haben. Und das, obwohl abgelaufene TÜV-Plaketten nur nebenbei kontrolliert werden.

Die Datenanalyse offenbart auch, an welchen Kölner Adressen die meisten Tickets ausgestellt wurden. Auf Platz eins, mit 6.262 Knöllchen in drei Jahren, liegt eine Halteverbotszone vor einem Familienzentrum im Kölner Stadtteil Kalk – nur einen Steinwurf von der Zentrale des Ordnungsamts entfernt. Dahinter: Der eingangs genannte Hohenzollernring, gefolgt von den Plätzen vor der Kölner Zentralbibliothek. Platz 4: die Einfahrt zu einem Krankenhaus im Stadtteil Porz, Platz 5: das Bezirksausländeramt in der Innenstadt.

Knapp 25.000 Strafzetteln gingen an Porschefahrer, rund jeder davon zwanzigste wurde in der edlen Mittelstraße in der Innenstadt ausgestellt, Rekord unter den Porsche-Fahrern.

Am rechten Rheinufer liegt die Keupstraße, vor Hausnummer 36 gibt es einen Anwohnerparkplatz – auf dem Politessen in drei Jahren 1174 Verwarnungen erteilten, im Schnitt rund eine pro Tag.

Fordfahrer erhalten im Kölner Norden überdurchschnittlich viele Knöllchen – kein Wunder, sind doch hier die Fordwerke angesiedelt.

Mercedes-Fahrer bekommen auch in migrantisch geprägten Vierteln sehr viele Protokolle – BMW-Fahrer hingegen nicht.

Insgesamt gibt es in Deutschland 355 verschiedene Falschpark-Tatbestände. „Es bräuchte eigentlich ein zweisemestriges Studium, um alle Tatbestände zu kennen“, sagt Ordnungsamt-Sprecher Heribert Büth.

Die zugrundeliegenden Daten erhielt CORRECTIV aufgrund des auch in NRW geltenden Informationsfreiheitsgesetzes. 


Der „Kölner Stadtanzeiger“ wertet die Knöllchen in der eigenen Stadt weiter aus und wird auf der eigenen Webseite berichten.

Die Recherche wurde gefördert durch ein Datenfellowship der Rudolf Augstein Stiftung.

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