Schwangerschaftsabbruch in Deutschland

Diese CORRECTIV.Lokal Recherche zeigt, wie schlecht die Versorgung bei Schwangerschaftsabbrüchen in Deutschland ist. In einer Multimedia-Story berichten hunderte Betroffene über gravierende Missstände. Eine neue Datenbank zeigt erstmals, welche öffentlichen Kliniken einen Abbruch durchführen. Und wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Thema.

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Hindernisse bei Schwangerschaftsabbrüchen in Deutschland

Hunderte erzählen von negativen Erfahrungen bei Schwangerschaftsabbrüchen: Erniedrigungen, fehlenden Informationen und verweigertem Schmerzmittel.
Reaktionen
Eine CORRECTIV.Lokal-Recherche zeigte Anfang März, dass in Deutschland nur wenige öffentliche Kliniken Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Die frauenpolitischen Sprecherinnen der Grünen, FDP, SPD, Linken und Union im Bundestag fordern nun eine bessere Versorgung.

Die Kooperation​

Diese Recherche ist eine Kooperation von CORRECTIV.Lokal, zahlreichen Lokalmedien und FragDenStaat. Zusammen haben wir Auskunftsanfragen an alle 309 Kliniken in öffentlicher Trägerschaft geschrieben. Wir standen im Austausch mit mehr als 1.500 Betroffenen, die sich über die Plattform CORRECTIV CrowdNewsroom beteiligt hatten. Zudem recherchierten wir zu unterschiedlichen Aspekten rund um Schwangerschaftsabbrüche in ganz Deutschland. Auf der folgenden Karte zeigen wir alle Berichte, die seit dem 3. März 2022 in Regional- und Lokalmedien veröffentlicht wurden. Die Übersicht wird fortlaufend aktualisiert.

Lokale Veröffentlichungen

Häufig gestellte Fragen

Jein. Eine Abtreibung ist in Deutschland eine Straftat, aber es wird in der Regel niemand dafür bestraft. Unter bestimmten Voraussetzungen ist eine Abtreibung allerdings nicht rechtswidrig: Wenn die Schwangerschaft auf einem gewaltvollen Übergriff beruht. Das ist die sogenannte kriminologische Indikation. Oder wenn das Leben der Schwangeren in Gefahr ist. Dies können gesundheitliche, also psychische und körperliche Gründe sein, die auf den Lebensumständen der Betroffenen beruhen. Das ist die medizinische Indikation.

Auch wenn diese beiden Voraussetzungen nicht erfüllt sind, können ungewollt Schwangeren straflos abtreiben, obwohl der Eingriff rechtswidrig ist. Sie müssen dafür bestimmte Bedingungen einhalten: Betroffene müssen sich vor dem Abbruch von einer staatlich anerkannten Stelle beraten lassen. Sie müssen nach der Pflichtberatung mindestens drei Tage warten, bis der Abbruch durchgeführt wird. Der Abbruch muss innerhalb der ersten zwölf Wochen nach der Empfängnis stattfinden. Wenn Schwangerschaftsabbrüche unter diesen Voraussetzungen stattfinden, spricht man von der Beratungsindikation.

Im Paragraf 218 des Strafgesetzbuchs steht, dass eine Abtreibung in Deutschland eine Straftat ist. Im zugehörigen Paragrafen 218a ist definiert, wann ein Schwangerschaftsabbruch nicht rechtswidrig bzw. straffrei ist. Das ist der Fall, wenn eine medizinische, eine kriminologische oder eine Beratungsindikation vorliegt.

Derzeit wird diskutiert, ob der Paragraf 218 abgeschafft werden sollte. Die Ampel-Koalition möchte über eine Kommission prüfen, ob Schwangerschaftsabbrüche auf eine andere rechtliche Grundlage gestellt werden könnten als im Strafgesetzbuch.

In Deutschland ist es nach Paragraf 219a des Strafgesetzbuchs verboten, für Schwangerschaftsabbrüche zu werben. Dabei ist der Begriff „Werbung“ irreführend: Bereits sachliche Information über Kosten und Methoden fallen darunter. Ein solcher Verstoß kann mit bis zu zwei Jahren Gefängnis geahndet werden.

Aktuell ist es Ärzten und Ärztinnen ausschließlich erlaubt, darüber zu informieren, ob und bei welchen Indikationen (kriminologisch, medizinisch und Beratungsindikation) sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Die Regierung möchte den Paragraf 219a vermutlich noch im ersten Halbjahr 2022 im Strafgesetzbuch streichen.

Am 9. März 2022 hat das Bundeskabinett beschlossen, den Paragraf 219a abzuschaffen. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass das Werbungsverbot abgeschafft wird. Damit 219a tatsächlich abgeschafft wird, müssen noch der Bundestag und Bundesrat die Streichung beraten. Wann dies geschieht, ist noch unklar.

Im Referentenentwurf des Bundesjustizministeriums zur Streichung des Paragrafen heißt es, er „behindert den Zugang zu fachgerechter medizinischer Versorgung sowie die freie Arztwahl und beeinträchtigt das Selbstbestimmungsrecht der Frau. Die Aufhebung der Strafvorschrift des Paragraf 219a StGB soll daher erreichen, dass sich betroffene Frauen besser informieren können.“

Darüber hinaus plant die Ampel-Koalition eine Kommission, die prüfen solle, ob Schwangerschaftsabbrüche generell auf eine andere rechtliche Grundlage gestellt werden könnten als im Strafgesetzbuch. Mitte März 2022 stand noch nicht fest, wann diese Kommission eingesetzt werde und mit welchen Personen.

Wenn eine ungewollte Schwangerschaft festgestellt wird, sollten sich Betroffene zunächst über die aktuelle Schwangerschaftswoche informieren. Ein Schwangerschaftsabbruch ist in der Regel nur bis zur zwölften Woche nach der Empfängnis erlaubt.

Wenn kein medizinischer oder kriminologischer Grund für den Abbruch besteht, muss sich die schwangere Person, bei einer staatlich anerkannten Stelle beraten lassen. Was in diesem Gespräch besprochen werden soll, ist gesetzlich im Schwangerschaftskonfliktgesetz festgeschrieben. Über das Gespräch und seine Inhalte besteht Schweigepflicht. Nach dem Gespräch wird der Beratungsschein ausgehändigt, nur mit diesem Schein kann man straffrei eine Schwangerschaft nach der Beratungsindikation abbrechen.

Zwischen der Beratung und dem Abbruch müssen mindestens drei Tage vergehen. Je nach Schwangerschaftswoche, Praxis und Wunsch der Patientin kann die Schwangerschaft mit einem operativen Eingriff oder medikamentös beendet werden.

Nach zwei Wochen wird nochmal eine Kontrolle bei einem Gynäkologen oder einer Gynäkologin empfohlen.

Welche Erfahrungen ungewollt Schwangere bei diesen einzelnen Schritten machten, erzählten uns 1.500 Betroffene in einer Umfrage. Sie erlebten teilweise Demütigungen und eine schlechte medizinische Versorgung.

Im Jahr 2020 wurden rund 100.000 Abbrüche in Deutschland durchgeführt. Davon fanden 96 Prozent nach der Beratungsindikation, also nach einer Pflichtberatung, statt. Das heißt: Jeden Tag brechen durchschnittlich rund 270 Menschen in Deutschland eine Schwangerschaft ab.

Und trotzdem bleibt der Eingriff ein Tabu in der Gesellschaft. Betroffene müssen in der Regel alleine aufarbeiten, was sie erlebt haben. Über den Weg, den sie bei einem Schwangerschaftsabbruch gehen müssen, wird kaum öffentlich gesprochen. In einer Umfrage haben uns über 1.500 Betroffene von ihren Erfahrungen erzählt.

Grundsätzlich ist ein Schwangerschaftsabbruch bei guter medizinischer Versorgung, umfassender Aufklärung und geschultem Personal ein sicherer Eingriff. Bei 1.000 Eingriffen treten nur in rund vier Fällen Komplikationen auf. Komplikationen können Verletzungen der Gebärmutter, Einrisse des Muttermundes, Narkosezwischenfälle oder ein hoher Blutverlust sein.

Allerdings sollten Betroffene bei Fieber, starken Blutungen oder anhaltenden Schmerzen noch mal zum behandelnden Arzt oder Ärztin.

Es gibt zwei Möglichkeiten, eine ungewollte Schwangerschaft zu beenden: ausschließlich mit Medikamenten oder durch eine Operation. Am häufigsten ist in Deutschland der operative Eingriff.

Der medikamentöse Abbruch ist in Deutschland bis zur neunten Schwangerschaftswoche erlaubt.

Zudem bieten nicht alle Praxen und Kliniken sowohl den operativen als auch den medikamentösen Abbruch an. Deshalb haben Betroffene nicht immer die freie Wahl.

Ein medikamentöser Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland nur bis zur neunten Woche möglich. Dabei werden zwei unterschiedliche Medikamente eingenommen.

Das erste Medikament verhindert eine Weiterbildung der Schwangerschaft, und zusätzlich löst sich dadurch das Schwangerschaftsgewebe von der Gebärmutter. Anschließend kann es bereits zu Blutungen kommen.

Ein paar Tage später wird ein weiteres Medikament eingenommen, welches dazu führt, dass die Gebärmutterschleimhaut und der Embryo abgestoßen werden. Es können Übelkeit, schmerzhafte Krämpfe und Kreislaufprobleme auftreten.

Nach zwei Wochen untersucht der behandelnde Arzt oder Ärztin, ob das komplette Gewebe ausgestoßen wurde. Dies ist bei rund 95 Prozent der Fall. Bei den anderen fünf Prozent muss erneut eine medikamentöse Behandlung oder ein operativer Schwangerschaftsabbruch folgen.

Grundsätzlich ist ein Schwangerschaftsabbruch bei guter medizinischer Versorgung, umfassender Aufklärung und geschultem Personal ein sicherer Eingriff.

Es gibt zwei unterschiedliche Methoden, eine Schwangerschaft operativ zu beenden. Zum einen die Vakuumaspiration, auch Absaugung genannt, dabei saugt das medizinische Personal, mit einem schmalen Röhrchen das Schwangerschaftsgewebe ab. Dieser Eingriff dauert etwa 15 Minuten und findet meistens unter Vollnarkose statt.

Seltener wird die Schwangerschaft durch eine Ausschabung operativ beendet. Diese Methode wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht mehr empfohlen.
Manchmal wird diese Methode auch angewandt, wenn der medikamentöse Schwangerschaftsabbruch oder die Absaugung nicht funktionierten und restliches Gewebe in der Gebärmutter übrig bleibt.

Die Blutungen nach einer Abtreibung können sehr unterschiedlich sein, sowohl leichte Schmierblutungen als auch starke Menstruationsblutungen können auftreten. Die Blutungen können zwei bis drei Wochen anhalten.

Grundsätzlich ist ein Schwangerschaftsabbruch bei guter medizinischer Versorgung, umfassender Aufklärung und geschultem Personal ein sicherer Eingriff.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt die Ausschabung für einen Schwangerschaftsabbruch nicht mehr, da diese mit einer höheren Komplikationsrate als der medikamentöse Abbruch oder die Absaugung einhergeht.

Trotz dessen werden noch über 10 Prozent der Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland damit durchgeführt.

Ein ambulanter Schwangerschaftsabbruch kostet zwischen 200 und 600 Euro. Ein medikamentöser Abbruch ist günstiger als der operative Eingriff, weil unter anderem keine Narkose gebraucht wird. Hier belaufen sich die Kosten in der Regel auf 200 bis 300 Euro.

Bei einer Operation (Ausschabung oder Absaugung) liegen die Kosten zwischen 400 und 600 Euro.

Bei einer Abtreibung nach der Beratungsindikation müssen die Schwangeren den Abbruch bezahlen, außer ihr monatliches Einkommen liegt unter 1.258 Euro.

Bei einem medizinischen oder kriminologischen Abbruch übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten.

Um ohne medizinische oder kriminologische Indikation straffrei eine Schwangerschaft abzubrechen, ist ein Beratungsgespräch Pflicht.

Was in diesem Gespräch besprochen wird, ist im Schwangerschaftskonfliktgesetz festgelegt. Darin steht unter anderem, dass das Gespräch ergebnisoffen sein soll. Und auch, dass die Beratung dem Schutz des ungeborenen Lebens dienen soll. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend betont außerdem, dass das Gespräch nicht belehrend oder bevormundet sein soll.

Von den Betroffenen wird im Gespräch erwartet, dass sie ihre Gründe für den Schwangerschaftsabbruch darstellen und erläutern können. Auf Wunsch der ungewollt Schwangeren kann auch über Verhütung gesprochen werden. Die Beraterinnen und Berater unterliegen in diesem Gespräch der Schweigepflicht.

Das Team hinter der Recherche

Redaktion:
Antonia Groß, Andrè Ricci, Avi Bolotinsky, Emilia Garbsch, Hatice Kahraman, Max Donheiser, Miriam Lenz, Pia Siber, Sophia Stahl

Leitung CORRECTIV.Lokal:
Jonathan Sachse

Kommunikation:
Anne Ramstorf, Charlotte Liedtke, Jamie Grenda, Luise Lange-Letellier, Valentin Zick

Design:
Belén Ríos Falcón, Benjamin Schubert, Friedrich Breitschuh

Illustration:
Mohamed Anwar

Mitarbeit:
Gesa Steeger, Katarina Huth, Till Eckert

Chefredaktion:
Justus von Daniels, Olaya Argüeso Pérez