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Einer von zwei Verbänden in NRW: Die Geschäftsstelle des rheinischen Sparkassenverbandes© Jonathan Sachse

Sparkassen

Luxus-Pension für Sparkassen-Vorstand Gladbeck

In NRW möchte die Politik die Pensionen für Sparkassenvorstände begrenzen. Besonders der westfälische Sparkassenverband wehrt sich. Das luxuriöse System der Altersvorsorge soll erhalten bleiben. Ein neues Vorstandsmitglied in der Sparkasse Gladbeck nutzt die Uneinigkeit und sichert sich ein Jahr vor Dienstantritt ein Ruhestandsgehalt, das eigentlich der Vergangenheit angehören sollte.

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von Jonathan Sachse

Schon im Januar verkündete die Sparkasse Gladbeck den erfolgreichen Vertragsabschluss mit Marcus Steiner. Für eine bundesweit ausgeschrieben Stelle seien fünf Kandidaten ausgewählt worden, schrieb die WAZ damals. Am Ende entschied sich die Sparkasse für Steiner, der bereits seit 2010 in der Sparkasse Gladbeck arbeitet. Steiner wird ab dem 1. Januar 2017 in den Vorstand aufrücken. „Marcus Steiner erfüllt alle Qualifikationen, die ein Vorstandsmitglied braucht“, sagte Gladbecks-Bürgermeister Ulrich Roland über Steiner damals in der WAZ. Nach Recherchen von correctiv.ruhr werden nun pikante Details aus Steiners Vertrag bekannt. 

Kleine Stadt – großes Geld

Steiner wird ein Ruhegeld kassieren. Eine Rente vor der eigentlichen Rente, auch als Leibrente bezeichnet. Schon nach den ersten sechs Jahren im Vorstand bekommt Steiner von der Sparkasse bis zum Renteneintritt jedes Jahr mindestens 40 Prozent seines Grundgehaltes überwiesen, sollte er aus dem Vorstand ausscheiden. Der Anteil wächst mit jeder Verlängerung und kann auf 55 Prozent ansteigen.

Kann sich Gladbeck das leisten? Die Sparkasse im nördlichen Ruhrgebiet hat mit sinkenden Einnahmen im Zinsgeschäft zu kämpfen, wie fast jede kleinere Sparkasse. Die aktuellen Vorstände kündigten dieses Jahr an, über 40 Stellen nicht neu zu besetzen. Demnächst werden weniger als 200 Personen für das Kreditinstitut arbeiten, die Bilanzsumme liegt bei etwa 770 Millionen Euro.

Eigentlich sollte solch eine luxuriöse Altersvorsorge, wie sie in Gladbeck vereinbart wurde, in Nordrhein-Westfalen nicht mehr möglich sein. Parteiübergreifend fordern die Politiker im Düsseldorfer Landtag neue Richtlinien der beiden Sparkassenverbände in NRW. Das alte System soll durch eine beitragsfinanzierte Altersvorsorge ersetzt werden.

Seit dem 1. Januar 2016 gelten tatsächlich neue Empfehlungen. Das Problem: Die beiden Sparkassenverbände in NRW kommen auf keine gemeinsame Linie. Der rheinischen Sparkassenverband ist bereit zu einer beitragsfinanzierten Altersvorsorge zu wechseln. Der Sparkassenverband Westfalen-Lippe bleibt stur und bietet seinen 68 Sparkassen das alte oder das neue Versorgungssystem als Wahlmöglichkeit an.

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„Wir haben uns an die neuen Empfehlungen gehalten“, sagt Ludger Kreyerhoff, Chef der Sparkasse Gladbeck, auf Anfrage. Seine Kasse habe die Wahl gehabt. Entweder hätte Steiner für jedes Jahr im Vorstand bis zu maximal 35 Prozent seines Gehalts für seine private Altersvorsorge beiseite gelegt oder die Garantie auf ein festes Ruhegeld erhalten. Seine Sparkasse hätte sich für die alte Variante, das Ruhegeld, entschieden.

Politik langsam

„Das zeigt, dass faktisch der Wille des Gesetzgeber unterlaufen wird“, sagt Ralf Witzel, finanzpolitischer Sprecher der FDP. „Die Politik ist sich eigentlich einig. Wir haben es mit einer Überversorgung zu tun.“ Am Donnerstag saß Witzel im Finanzausschuss, als am Abend gegen 20.30 Uhr über die neuen Empfehlungen diskutiert wurde. Auch wenn nicht konkret die Sparkasse Gladbeck als Negativbeispiel genannt wurde, war der Vorstandsvertrag nach alten Regeln im Ausschuss ein Thema. Selbst Norbert Walter-Borjans, als NRW-Finanzminister (SPD) bei Sparkassen-Themen bislang eher zurückhaltend, kritisierte die westfälischen Sparkassen im Landtag.

In den nächsten Wochen wird es weitere Gespräche zwischen Politik und den NRW-Verbandsbossen geben. Entscheidend wird dann sein, ob Rolf Gerlach bei seiner selbstbewussten Position bleibt. Gerlach führt schon seit mehr als 20 Jahren die westfälischen Sparkassen. Im kommenden Frühjahr wird er seinen Posten niederlegen. Seine Amtszeit scheint angriffslustig zu Ende zu gehen.

„Der Zeitraum bis zur Einigung ist nicht endlich“, sagt Martin-Sebastian Abel, finanzpolitischer Sprecher der Grünen im NRW-Landtag. „Wenn das nicht klappt, müsse man die Regeln im Sparkassen Gesetz verankern.“ Damit wiederholt Abel eine Szenario, das er bereits im Juli ankündigte, als CORRECTIV in einer Datenauswertung zeigte, wie willkürlich die Vorstandsgehälter in NRW vergeben werden.

Im Rheinischen Sparkassenverband gab es seit Januar gleich sechs neue Vorstandsverträge. Darunter die Sparkasse KölnBonn und Wuppertal. Der Unterschied zur westfälischen Sparkasse in Gladbeck: Alle sechs neuen Vorstände würden kein Ruhegeld mehr nach dem alten Versorgungssystem erhalten. Das schreibt das Finanzministerium in einer Vorlage an den Finanzausschuss.

Sparkassen

Sparkassen: Danke für Dokumente

von Jonathan Sachse

Vielen Dank für alle Hinweise, die wir bislang zu Sparkassen erhalten haben. Danke besonders für das neue Material zur Sparkasse Duisburg. Wir schauen uns alles ganz genau an und gehen den Hinweisen nach. Wir werden dafür noch etwas Zeit benötigen, sind aber dran. Haben Sie weitere Informationen zur Sparkasse Duisburg oder anderen Sparkassen? Wir gehen jeder Spur nach, lesen jede Nachricht, jedes Dokument.

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Sparkassen

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von Markus Grill

Wenn ihr unserer Einladung zur Recherche folgt, erklären wir euch Schritt für Schritt, wie man als Journalist/in arbeitet, wie man Quellen überprüft, Belege herbeischafft und im konkreten Fall: Wo man in einem Sparkassen-Geschäftsbericht die interessanten Informationen findet. Zum Beispiel über Vorstandsgehälter, Luxusrenten und faule Kredite.

CORRECTIV und F.A.Z. werden diese Informationen in einer öffentlich zugänglichen Datenbank zusammenführen. Nur so kannst Du sehen, ob Deine Sparkasse vor Ort bessere oder schlechtere Konditionen bietet als der Durchschnitt. Ob sie Verlust macht und deshalb zu einer Belastung für Deine Stadt werden kann. Oder ob die Sparkassen-Chefs bei Dir vor Ort ein außergewöhnlich hohes Gehalt oder Luxusrenten beziehen. Journalismus und Recherche sind ein Handwerk. Bei diesem Sparkassen-Projekt könnt ihr beides lernen. Warum also nicht gleich unsere Tutorials anschauen – und dann den Geschäftsbericht Deiner Sparkasse durchforsten?

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Markus Grill
Chefredakteur CORRECTIV


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© Ivo Mayr

Sparkassen

Kredite unter Freunden

Die Sparkasse, die Bank der kleinen Leute. Gut für die Bürger, gut für die Unternehmer, und die Gewinne erhöhen das Budget der Städte und Gemeinden. So war es mal. So ist es nicht mehr. Immer mehr Sparkassen schreiben Verluste – für die Kommunen mit Steuergeldern gerade stehen müssen. Wie die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe. Sie hat Millionenverluste aufgehäuft. Was läuft schief?

von Jonathan Sachse

Die Fakten

  • Schlechte Geschäfte und hohe Kosten machen immer mehr Sparkassen unrentabel.
  • Städte und Gemeinden haften für viele Verluste.
  • Gleichzeitig kassieren viele Vorstände hohe Gehälter. Sie verdienen mehr als die Bundeskanzlerin.
  • Lokalpolitiker sollten die Sparkasse kontrollieren, die aber oft eigene Interessen verfolgen.
  • Die Sparkassen nehmen immer weniger Geld durch Kredite ein. Ihre wichtigste Ertragsquelle schrumpft.
  • Für den Kunden bieten die Sparkasse immer weniger Vorteile als private Banken. Dispozinsen sind zu hoch, Spareinlagen werden kaum verzinst.

Jürgen Stackebrandt hat sein ganzes Berufsleben bei der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe verbracht. Einst machte er dort eine Lehre als Bankkaufmann, später wurde er in den Vorstand berufen, den er zwei Jahre lang leitete. Sein Gehalt war zuletzt fürstlich, insgesamt 326.600 Euro kassierte er 2013. Zum Vergleich: Die Bundeskanzlerin bekommt rund ein Drittel weniger.

Im Jahr darauf ging Stackebrandt in Rente. Üblich wäre eine Pension von 55 Prozent der letzten Bezüge gewesen. Stackebrandt reichte das nicht. Er wollte 65 Prozent. Dafür benötigte er eine Mehrheit im Verwaltungsrat der Sparkasse. Darin sitzen Lokalpolitiker aus den Städten Dinslaken, Voerde und Hünxe. Die Städte liegen am Niederrhein, im Norden von Duisburg, sie sind notorisch knapp bei Kasse. Voerde etwa ist auf Jahre hinaus in einem Haushaltssicherungskonzept gefangen und muss jeden Cent sechsmal umdrehen. Dinslaken droht dasselbe Schicksal. Die Stadt musste zuletzt mehrfach die Steuern erhöhen.

Doch der Luxusrente ihres scheidenden Sparkassenvorstandes stimmten die Herrschaften zu. Knapp 18.000 Euro erhält Stackebrandt nun pro Monat. Allein der 10-Prozent-Zuschlag wird die Sparkasse in den kommenden 20 Jahren mehr als eine halbe Million Euro kosten.

Auch das zweite Vorstandsmitglied, Ulrich Schneidewind, ließ sich seine Pension rechtzeitig erhöhen. Auch er sicherte sich einen Spitzensatz von 65 Prozent des Grundgehalts. Die hohe Betriebsrente für Schneidewind wird nur nicht fällig, weil er Ende 2011 in den Vorstand der benachbarten Sparkasse Duisburg wechselte.

Über ein Jahrzehnt leiteten Stackebrandt und Schneidewind gemeinsam die Geschäfte der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe. Sie seien zufrieden mit ihren Geschäften, schrieb Stackebrandt noch 2014.

Eine Meinung, die nicht alle teilen dürften. Tatsächlich geriet unter der Ägide Stackebrandt-Schneidewind die Sparkasse in zunehmende Schieflage. Mehr als 13 Millionen Euro Verlust machte sie 2014, dem Jahr, in dem sich Stackebrandt in den goldenen Ruhestand verabschiedete.

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Heute sind tausende Kredite der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe notleidend, drohen also zu platzen, mit einem Volumen von insgesamt rund 150 Millionen Euro – rund jeder zehnte Privat- oder Unternehmenskredit ist faul. Eine Katastrophe für ein Kreditinstitut.

Seit 1997 bis zu seinem Ausscheiden habe Schneidewind schwerpunktmäßig das Privatkundengeschäft der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe betreut, schreibt er CORRECTIV auf Anfrage, ob er eine Mitverantwortung für die Kreditprobleme trage. „Das Firmenkundengeschäft wurde seit 2001 ausschließlich vom Vorstandsmitglied und dem stellvertretenden Vorstandsmitglied direkt verantwortet.“ Mit dieser Äußerung rückt er seinen ehemaligen Vorstandskollegen Stackebrandt in den Fokus. Dieser antwortet auf die gleiche Anfrage: „Bereits schon seit einem Jahr befinde ich mich im Ruhestand und bin somit nicht mehr berechtigt, mich zu Fragen über die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe zu äußern.“

Deutlicher antwortet CORRECTIV die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe, mittlerweile mit einem neuen Chef an der Spitze. Aus Sicht des Vorstandsvorsitzenden Rolf Wagner hätte seine Sparkasse „in der Vergangenheit eine expansive Kreditpolitik verfolgt, die – im Nachhinein betrachtet – deutliche Auswirkungen auf die Risikolage der Sparkasse mit sich brachte.“

Die hohe Anzahl der notleidenden Kredite ist auch eine Katastrophe für die Gemeinden Dinslaken, Voerde und Hünxe. Sie sind die Träger der Sparkasse, sie haften in diesem Fall mit Steuergeldern für Verluste.

Es ist eine Katastrophe, die sich so ähnlich gerade in vielen deutschen Städten abspielt.

Denn es liegt nicht nur an der Gier oder Unfähigkeit einiger Vorstände. Der Fehler liegt im System.

Blick über eine leere Straße auf den prunkvollen Neubau der Sparkasse.

Im März 2012 eröffnet: Über 10 Millionen Euro soll der Neubau die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe gekostet haben.

Jonathan Sachse

Wer die Hauptgeschäftsstelle der Sparkasse in Dinslaken betritt, einen pompösen Neubau unweit des Bahnhofs, hat viel Raum zum Atmen. Es sind aber hauptsächlich die Angestellten, die den Sauerstoff nutzen. Warteschlangen gibt es hier nicht. Die Mitarbeiter laufen einem gleich entgegen, nähert man sich einem der sieben Beratungsschalter. An zwei weiteren Schaltern erhält man ausschließlich Bargeld.

Auf einem drei Meter breiten Bildschirm lassen sich die Börsenkurse aus aller Welt abrufen. Daneben Uhrzeiten aus Tokio, Sydney und New York. Der Flair der großen, weiten Finanzwelt in einem 67.000 Einwohner-Städtchen, die umsorgt werden von insgesamt 334 Sparkassen-Mitarbeitern in sieben Filialen.

Schon als der Bau des Finanzpalastes beschlossen wurde, im Sommer 2009, wenige Monate nach der letzten globalen Bankenkrise, knarzte es im Maschinenraum der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe. Jeder konnte in den Offenlegungsberichten die wachsende Zahl der faulen Kredite einsehen. Als das 10-Millionen Euro teure Gebäude – es sollte „Weichen für die Zukunft“ stellen – im März 2012 eröffnet wurde, sah es für die Sparkasse gar nicht gut aus. Aber unverdrossen sprach Jürgen Stackebrandt wenige Tage vor Eröffnung des Neubaus, er sei mit dem Geschäftsergebnis seiner Bank „noch zufrieden.“

Es ist nicht die erste Krise. Seit langem laufen die Geschäfte nicht so, wie sie sollen. 1975 schlossen sich Dinslaken und Voerde zusammen, 1991 fusionierten sie mit Hünxe.

Es wird nicht die letzte Fusion gewesen sein. Weil es der Sparkasse so schlecht geht, will, nein: muss sie erneut fusionieren. Im Sommer 2015 ist das die große Debatte in allen drei Gemeinden. Was sind die Risiken? Wir werden darauf zurückkommen.

Blick über den Rathausplatz. Im Vordergrund parken mehreren Auto in einer Reihe nebeneinander. Dahinter sieht man das Sparkassen-Gebäude, was eine verglaste obere Etage hat.

Blick über den Rathausplatz auf die größte Filiale in der Kleinstadt Voerde.

Jonathan Sachse

Voerde hat 37.000 Einwohner und 30 Sparkassenangestellte in vier Filialen. Eine Autoviertelstunde weiter, die Weseler Straße hinunter und an den Feuchtwiesen des Buchholter Bruchs vorbei, liegt Hünxe, 14.000 Einwohner, 17 Sparkassenangestellte, drei Filialen.

Effizienter sollte die Kasse durch die Fusionen einst werden. Sie wurde es nicht. Der Verwaltungsapparat der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe gehört zu den aufgeblähtesten der Branche. Macht die Sparkasse einen Euro mehr Ertrag, bleiben 84 Cent davon in den Kosten hängen. Ein Spitzenwert.

Nur zum Vergleich: Die Sparkasse Soest schafft den gleichen Umsatz wie Dinslaken-Voerde-Hünxe mit 303 Angestellten – anstatt 381.

Ein maßloser Vorstand, eine aufgeblähte Verwaltung – kein Wunder, dass die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe ihren Kunden immer schlechtere Konditionen anbietet.

Und auch das lässt sich verallgemeinern.

Lange galt für Sparkassen die 3-6-3-Regel: Sparer bekommen drei Prozent Zinsen für ihr Geld, die Bank verleiht es zu sechs Prozent weiter, und nachmittags um drei gehen die Banker Golf spielen.

Heute gilt eher die „0,05-16-4-Regel“. Die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe zahlt ihren Kunden kaum nachweisbare 0,05 Prozent Zinsen, also 50 Cent pro 1.000 Euro Sparguthaben und Jahr. Überzieht man seinen Dispo, werden happige 16 Prozent Überziehungszinsen fällig. Golf spielen gehen die Banker noch immer nachmittags, bildlich gesprochen – die Filialen in Dinslaken schließen in der Regel um 16 Uhr. Diese Zahlen stehen im Preisaushang der Sparkasse, der im Juli veröffentlicht wurde.

„Die Angebote der Sparkasse sind mau“, sagt Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur der Verbraucher-Zeitschrift „Finanztip“, die regelmäßig die Leistungen von Deutschlands Banken vergleicht. „0,05 Prozent Zinsen, das ist ein Zwanzigstel von dem, was die besten Banken am Markt anbieten.“

Seit Jahren können sich auch die Sparkassen Geld fast umsonst von der Europäischen Zentralbank leihen – verlangen aber ein Vielfaches an Dispo-Zinsen. Bis zu 11 Prozent, in Dinslaken. „Die Margen sind extrem hoch“, kritisiert Verbraucherschützer Tenhagen. „Bei den Sparkassen werden die Leute regelrecht geplündert.“

Bei Autokrediten tun Dreiviertel der deutschen Sparkassen inzwischen nur noch so, als vergäben sie einen Kredit. Tatsächlich haben dieses Geschäft an eine gesichtslose Berliner Kreditfabrik ausgelagert, die S-Kreditpartner GmbH. Ein Viertel der Sparkassen vergibt auch Verbraucherkredite über diese Bank. Geht ein Kunde also zu „seiner“ Sparkasse, und hofft vielleicht auf eine persönliche Beratung und gute Konditionen – dann gibt sein Berater die Daten tatsächlich nur noch in die Eingabemaske ein und der Algorithmus von S-Kreditpartner entscheidet. Die Formulare sind gehalten in Sparkassen-Rot, viele Kunden merken gar nicht, dass sie den Kredit nicht bei der Sparkasse abschließen.

Kundennähe? Wird in diesem Fall nur noch simuliert. Die Sparkasse ist hier nur noch ein Makler, der eine Provision kassiert.

Halten wir fest: Die Gier der Häuptlinge, die überdimensionierten Verwaltungen, die immer schlechteren Konditionen – all das trägt bei zum beschleunigten Niedergang der deutschen Sparkassen. Es gibt einen vierten Grund, den wohl wichtigsten von allen: das Gekungel mit den Politikern vor Ort.

Politiker brauchen die Sparkassen, um Vorhaben zu finanzieren, die ihnen selbst wichtig sind. Gleichzeitig sollen sie die Arbeit der Sparkasse kontrollieren. Wie soll das funktionieren?

Anders gefragt: Wie viel Mitschuld trägt Bürgermeister Michael Heidinger am beschleunigten Niedergang der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe?

Michael Heidinger, Mann mit Brille, sitzt und lächelt in die Kamera

Seit 2009 ist Michael Heidinger der Bürgermeister der Stadt Dinslaken.

Stadt Dinslaken

Heidingers breites Lächeln kennt jeder in Dinslaken, noch in Sportklamotten präsentiert er es, wenn er jedes Jahr beim „City-Lauf“ durch Dinslaken joggt. Heidinger startete erst spät in die Lokalpolitik. Mit 23 Jahren trat er in die SPD ein, arbeite zunächst in unterschiedlichen Arbeitsämtern und war dann im NRW-Landtag Referent für Arbeit, Gesundheit und Soziales. Mit 41 begann er, sich in Dinslaken zu engagieren, schon eine Wahlperiode später wurde zum Bürgermeister gewählt, das war 2009; mittlerweile ist er in seiner zweiten Amtszeit. Er gilt als bürgernah, er kennt alle und jeden in Dinslaken. In den Aufsichtsgremien von insgesamt 39 Organisationen ist er vertreten.

In seiner Amtszeit hat Heidinger etliche Bauprojekte vorangetrieben, obwohl die Kasse eigentlich leer ist. 2014 eröffnete Heidinger ein neues Einkaufszentrum. Als nächstes möchte er den Bahnhof in seiner Stadt neugestalten. In Gesprächen sagt er immer wieder, wie wichtig Investitionen für eine zukünftige Stadtentwicklung sind.

„Wir müssen die zugegeben sehr engen Spielräume nutzen, daher setzen wir auf Investitionen in die Infrastruktur“, sagte Heidinger etwa dem regionalen Blog lokalkompass. Und per Pressemitteilung teilte er mit: „Ohne Sparkassen wäre die wirtschaftliche Zukunft auch unseres Dinslakener Mittelstands akut gefährdet.“

Schon 2006 war Heidinger Mitglied im Verwaltungsrat der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe, der deren Arbeit beaufsichtigt. Ab 2009, dem Jahr, in dem er zum Bürgermeister gewählt wurde, leitete er den Risikoausschuss der Sparkasse. Erst im September 2014 gab Heidinger den Vorsitz im Gremium ab. Er nehme seitdem aber weiterhin „mit beratender Stimme an den Sitzungen des Risikoausschusses teil“, schreibt die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe auf eine Anfrage von CORRECTIV.

Mit anderen Worten: Über Jahre hat einer der wichtigsten Kontrolleure der Sparkasse ein vitales Interesse daran, dass möglichst viele Kredite vergeben werden.

Noch anders gefragt: Hat Heidinger die letzten Jahre im Interesse der Sparkasse gesprochen, oder in seiner Rolle als Bürgermeister?

Bürgermeister Heidinger gibt CORRECTIV darauf keine Antwort und lässt eine schriftliche Anfrage mit mehreren Fragen unbeantwortet.

Fest steht: Es ist einiges schief gelaufen in Dinslaken, zu viele Kredite wurden offenbar zu nachlässig vergeben. Und die Konsequenzen sind gravierend. Besonders bei den Krediten für Unternehmen und Selbstständige – rund 15 Prozent sind nicht zur vereinbarten Zeit zurückgezahlt worden.

„Die Quote ist niederschmetternd“, sagt Hans-Joachim Dübel. Als Finanzexperte berät er Banken und Aufsichtsbehörden und hat zahlreiche Krisenbanken in Europa analysiert. „Die Bundesbank gibt systemweit für 2013 eine Quote von 2,6 Prozent für notleidende Kredite an.“ Dübel hält eine Ausfallrate von über 5 Prozent bei Unternehmenskredite für „problematisch“.

Notleidende Kredite in der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe

15 Prozent notleidende Unternehmenskredite: Was lief in den Kontrollgremien der Sparkasse schief? Haben Heidinger und seine Kollegen die Augen zugedrückt, um die Wirtschaft fördern zu können?

Wer mit den Menschen in Dinslaken spricht, hört immer wieder einen Satz. „Wer nicht schnell genug an der Sparkasse vorbeiläuft, bekomme einen Kredit aufgedrückt.“ Oder: „Wenn Du nirgendwo einen Kredit bekommst, gehst Du zur Sparkasse.“

In der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe sitzen im Verwaltungsrat – wie in allen 414 deutschen Sparkassen – hauptsächlich Lokalpolitiker. Das sind in diesem Fall unter anderem zwei Rentner, ein Sozialarbeiter, ein Elektroniker und ein Arzt. Dazu kommen einige Angestellte der Sparkasse.

Sie sollen die Arbeit des Vorstands überwachen. Dazu treffen sie sich viermal im Jahr. Wenn die Sparkasse ein Gebäude bauen möchte, müssen sie zustimmen. Wenn die Sparkasse eine Filiale schließen möchte, hat der Verwaltungsrat das letzte Wort. Am Ende eines Jahres schauen sie sich den Geschäftsbericht an.

Die Frage muss erlaubt sein – sind sie dazu befähigt?

In Dinslaken ist das Kind in den Brunnen gefallen. Die Sparkasse ist so gut wie pleite. Die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe ist allein nicht mehr überlebensfähig. Nun sucht sie ihr Heil in einer Fusion mit der Verbands-Sparkasse Wesel. Man erhofft sich die faulen Kredite besser auffangen zu können. Die Nachbarbank aus Wesel möchte dafür 10 Millionen Euro bereitstellen. Weitere Millionen sollen direkt von den drei Trägerstädten kommen.

Es ist Juni, der Sommer ist heiß, auf der Besuchertribüne des Dinslakener Rathaus rinnt den Zuhörern der Schweiß. Unten, im historischen Rathaussaal, raufen sich die Politiker die Haare, blicken einander in die genervten Gesichter. Seit Stunden debattieren sie den Haushalt. Lücken allerorten. Rund 15 Millionen Euro werden 2015 fehlen. Vorn sitzt Bürgermeister Heidinger, moderiert mit Tempo die Sitzung.

Nächster Tagesordnungspunkt. Die Fusion der Sparkassen.

Die Abgeordneten sind ungehalten. Warum bekommen wir keine aktuellen Geschäftszahlen?, fragen sie Bürgermeister Heidinger. Wurden Kredite ohne angemessene Risikobewertung vergeben? Wie kann verhindert werden, dass dieselben Fehler noch einmal gemacht werden? Was sind die Risiken für die Kommunen und damit für die Steuerzahler? Doch Heidinger weicht aus. Als ein Politiker der Linken fragt, warum die kritische Situation der Sparkasse nicht früher überblickt wurde, moderiert er ab und gibt keine Antwort.

Wenig später werden alle Zuschauer aus dem Sitzungssaal gebeten. Die Details zur geplanten Fusion sind nicht öffentlich. Heidinger selbst schließt die Tür zum Sitzungssaal.

Von einem der Anwesenden weiß CORRECTIV, was im nicht-öffentlichen Teil der Sitzung diskutiert wird – ebenfalls fast nichts. Erneut weicht Heidinger aus. Bringt fadenscheinige Gründe vor, warum es der Sparkasse so schlecht gehe. Etwa: Die hohen Eigenkapitalanforderungen der Europäischen Union seien schuld. Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank.

Eigene Fehler? Nennt er nicht.

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Während Heidinger spricht, liegt ein knapp 40-Seiten dickes Dokument im Ratssaal aus. In einer langen Liste werden anonymisiert alle notleidenden Kredite der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe aufgeführt. Eng untereinander gereiht wird aufgelistet, wo offene Forderungen bestehen und ob die Schulden besichert sind.

Am Ende der Sitzung lässt Heidinger die Papiere wieder einsammeln. Die Abgeordneten dürfen sie nicht mitnehmen. Wobei das Interesse an dem Dokument ohnehin mäßig ist. Viele der Lokalpolitiker haben sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, überhaupt durch die Aufstellung zu blättern. Dabei geht es um viel Geld:

Dinslaken, Voerde und Hünxe haften mit insgesamt 20 Millionen Euro Steuergeldern für die notleidenden Kredite. Die Städte garantieren, zehn Jahre lang die Verluste der Sparkasse auszugleichen, falls deren Rücklage nicht reichen sollte.

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers geht davon aus, dass bei „besonders günstiger Entwicklung des wirtschaftlichen Umfelds“ die Städte die 20 Millionen Euro möglicherweise nicht an die Sparkasse zahlen müssen. Diese Bewertung wird in einer nicht-öffentlichen Sitzung der drei Kommunen genannt. Nur wie wahrscheinlich ist im Ruhrgebiet eine „besonders günstige Entwicklung“? Es wäre viel Geld für die Kommunen, die selbst am Rand der Pleite stehen.

Dem Rettungspaket für die die eigene Sparkasse kann die Stadt Voerde nur zustimmen, weil das finanzielle Versprechen noch nicht in den Haushalt eingerechnet wird. So wird das Haushaltssicherungskonzept umgangen. In Zukunft wird jedes Jahr neu geprüft, wie wahrscheinlich es ist, dass der Sparkasse die Garantie gezahlt werden muss. Steigt das Risiko, muss Voerde seinen Anteil von 5,9 Millionen Euro als Garantie für die Sparkasse zurückstellen. Wenn Voerde zahlen muss, wären das für jeden Einwohner in Voerde rund 160 Euro.

Anfang Juni 2015 stimmten alle sechs Städte für eine Fusion. Die letzten Details werden im November von den Räten beschlossen werden. Ab 2016 soll es die neue fusionierte „Niederrheinische Sparkasse RheinLippe“ geben. Vorausgesetzt die zuständige Kommunalaufsicht Wesel und das Finanzminsterium NRW stimmen am Ende noch zu.

In Dinslaken, Voerde und Hünxe werden die klammen Kommunen zudem ihre Sparkasse retten. Gemeinsam bürgen sie mit 20 Millionen Euro für eine Rettungsaktion, deren Hintergründe vermutlich kaum einer der Lokalpolitiker erfasst hat.

Ein Graffiti auf einer Mauer in Dinslaken mit dem Schriftzug: "Dinslaken — Die Tolerante Stadt!"

Ein Graffiti in der Nähe vom Dinslakener Bahnhof. Auch mit den Geschäften der Sparkasse geht Dinslaken tolerant um.

Jonathan Sachse

Gewiss: In Dinslaken lief besonders viel schief. Aber auch, wo Bürgermeister und Vorstände besser gewirtschaftet haben, steht das System Sparkasse vor dem Kollaps. Weil es neun Probleme gibt, auf die die deutschen Sparkassen bislang keine Antwort gefunden haben.


Problem Nummer 1: 
Niedrige Zinsen, weniger Gewinn

Seit 2009 sank der Zinsüberschuss der gesamten Sparkassen-Finanzgruppe auf 32 Milliarden Euro. Ein Rückgang um elf Prozent. Weil die Zinsen auf einem historischen Tief sind, und weil immer weniger Menschen einen Kredit bei der Sparkasse aufnehmen.

Geschäftsentwicklung Sparkassen-Finanzgruppe

Zum Zeitpunkt der Bankenkrise 2008 vergab das Institut in Dinslaken noch Kredite in Höhe von 3,4 Milliarden Euro. Fünf Jahre später war es weniger als die Hälfte.

Das Kerngeschäft der Sparkassen ist rückläufig.

Problem Nummer 2:
Die Sparkassen sind nicht krisenfest

Jede Bank muss Rücklagen bilden für schwierige Zeiten, Vorräte, die nicht abhängig sind vom Tagesgeschäft oder den Launen der Märkte. Im Branchenjargon: Banken müssen ihre Finanzierung aus eigenen Mitteln, ihr Eigenkapital, erhöhen. Wenn eine Bank genügend Eigenkapital hat, werden unerwartete Verluste durch die Eigentümer der Bank getragen, und nicht wie im Falle Lehmann Brothers von den Steuerzahlern.

Der Basler Ausschuss für Bankenregulierung hat unter dem Namen Basel III geregelt, dass Banken mehr Sicherheiten für ihre Risiken haben müssen. Bis 2019 müssen die Banken ihr Eigenkapital schrittweise erhöhen. Die genauen Regeln sind sehr komplex. Dafür wurde 2014 die Europäische Bankenunion ins Leben gerufen, die aggregierte Daten veröffentlicht. 

Eine einfache Vergleichsmöglichkeit unter den Banken: Mit wie viel Eigenkapital ist die Bilanzsumme, das Vermögen einer Bank, hinterlegt? Wie hoch ist diese Eigenkapitalquote?

Ein Vergleich. Deutschlands drei größte Privatbanken haben im Jahr 2013 eine Eigenkapitalquote von 2,7 Prozent (Deutsche Bank), 3,8 Prozent (Commerzbank) und 8,1 Prozent (UniCredit).

Die Ostsächsische Sparkasse Dresden kommt auf 3,2 Prozent, die Verbandssparkasse Goch-Kevelaer-Weeze auf 3,4 Prozent, die Stadtsparkasse Oberhausen auf 4,5 Prozent und die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe auf 5,4 Prozent.

Die öffentlich-rechtlichen Sparkassen setzen wie die große Banken hauptsächlich auf fremdes Kapital, was immer Risiken ausgesetzt ist.

Die Sparkassen sehen Basel III als Angriff auf das System der lokalen Kleinbanken. Sie wollen nicht die gleichen Regeln erfüllen, wie es Deutsche Bank oder HSBC tun müssen. So schimpfen Vorstände und Politiker wahlweise auf „Amerikaner“, „Briten“ oder „Finnen“, die selber keine öffentlichen Banken haben und deswegen den deutschen Sparkassen das Leben schwer machen würden.

Martin Hellwig, Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, sieht das anders. „Ich sehe keinen akzeptablen Grund, Sparkassen anders zu regulieren als Großbanken. Auch das gewöhnliche Kreditgeschäft ist riskant.“ Es sei richtig, Eigenkapital der Banken staatlich zu kontrollieren. Hellwig: „Die Risiken betreffen uns alle – und können uns teuer zu stehen kommen.“

Sparkassen können ihr Eigenkapital erhöhen, indem sie einen Teil ihrer Gewinne als Sicherheit behalten. Das braucht viel Zeit. Wenn kaum noch Gewinn da ist, weil weniger Menschen Kredite aufnehmen, bricht das System zusammen. In Dinslaken ist längst die deutsche Bankenaufsicht Bafin auf das Problem aufmerksam geworden. Anfang 2015 forderte sie die Sparkasse auf, dringend ihr Eigenkapital zu erhöhen. Eine Eigenkapitalquote von 5,4 Prozent war also noch zu niedrig. Von da an sprach die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe auch öffentlich über eine Fusion.

Problem Nummer 3:
Die Gier der Häuptlinge

Jürgen Stackebrandt ist nur einer von vielen. Bis vor wenigen Jahren waren Sparkassen-Angestellte Beamte, die das kommunale Vermögen im Sinne der Bürger verwalteten. Seit ihnen der Beamten-Status genommen wurde, entschwinden Gehalt und Pensionen in ungeahnte Höhen. Alexander Wüerst, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Köln, verdiente im letzten Jahr 868.000 Euro. Heinz-Dieter Tschuschke, Chef der Klein-Sparkasse Meschede im Sauerland, erhielt im selben Jahr 265.000 Euro.

Der Landessparkassenverband RSGV empfiehlt eine Pensionshöhe von 55 Prozent des Grundgehalts. Vorstandsmitglieder der Sparkassen Neuss und Emmerich-Rees haben sich 75 Prozent genehmigt.

Problem Nummer 4:
Das ineffiziente System

Bei Deutschlands Sparkassen trägt jeder Mitarbeiter rund 4,7 Millionen Euro zur Bilanzsumme bei. Bei der Commerzbank sind es 14 Millionen Euro pro Mitarbeiter, bei der Deutschen Bank 33 Millionen Euro, bei der Onlinebank ING-Diba 39 Millionen Euro.

Problem Nummer 5:
Zu hohe Verwaltungskosten

Heute geht ein durchschnittlicher Sparkassenkunde zweimal im Monat zum Bankautomaten, telefoniert zweimal im Jahr mit seinem Bankberater, geht einmal im Jahr zum ausführlichen Gespräch in eine Filiale – doch seine Sparkassen-App ruft er rund 16 Mal pro Monat auf.

Wofür brauchen die Sparkassen noch so viele Filialen?

In Nordrhein-Westfalen ist das Filialnetz der Sparkassen besonders dicht. Auf 396 selbständige Städte und Gemeinden kommen 104 eigenständige Sparkassen. Jede vierte Gemeinde hat eine eigene Sparkasse. In den restlichen Bundesländern liegt der Durchschnitt wesentlich höher. Auf jede Sparkasse fallen 34 Gemeinden.

Und noch etwas treibt gerade in Nordrhein-Westfalen die Verwaltungskosten in die Höhe: Es gibt hier zwei Landesverbände. Den Sparkassenverband Westfalen-Lippe und den Rheinischen Sparkassen- und Giroverband. Eine Parallelstruktur, die wenig Sinn macht – aber viel kostet.

Problem Nummer 6:
Die Sparkassen sind nicht mehr konkurrenzfähig

Online-Banken im Netz sind günstiger, bieten die Möglichkeit, weltweit kostenlos Bargeld abzugeben und müssen kein teures Filialnetz unterhalten.

Problem Nummer 7:
Keine unabhängige Kontrolle

„In Deutschland ist die Verflechtung von Bankern und Politikern besonders ausgeprägt“, sagt Isabel Schnabel, Wirtschaftsprofessorin in Mainz. Sie hat sich intensiv mit den Sparkassen beschäftigt, sie sagt, es sei ein Problem, dass die Banken den Kommunen gehören und sie zugleich mitfinanzieren sollen. Schnabel: „Es besteht die Gefahr, dass Kredite fehlgeleitet werden und dass die Kommunen über die Sparkassen Geld ausgeben – außerhalb der demokratischen Kontrolle.“

Problem Nummer 8:
Manche Verwaltungsräte bewegen sich hart an der Grenze zur Korruption

Der CSU-Landrat Jakob Kreidl ließ über die Kreissparkasse Miesbach-Tegernsee – deren Verwaltungsrat er vorsteht – jahrelang ein Eisstockschießen für CSU-Politiker und Prominente mitfinanzieren. Eine Bürgermeisterfahrt nach Triest ließ er mit 56.000 Euro, den Tiroler Jägerverband mit über 20.000 Euro unterstützen – Kreidl ging dort regelmäßig selbst zum Schießstand. Beides wertet die Regierung von Oberbayern mittlerweile als „rechtswidrig“. Der Höhepunkt der Verschwendungsorgie: Die Sparkasse bezahlte die 80.000 Euro teure Geburtstagsparty von Landrat Kreidl. Die ja schließlich eine „Repräsentationsaufgabe“ war, so sahen es jedenfalls Kreidls Kumpel im Verwaltungsrat.

Problem Nummer 9:
Die Gefahr einer Kettenreaktion

Zur Sparkassen-Finanzgruppe gehören 414 Sparkassen, neun Landesbausparkassen, sieben Landesbanken. Sie sichern sich gegenseitig ab und haften füreinander. Das stabilisiert – setzt die kleinen Sparkassen aber auch den Risiken der weltweiten Finanzmärkte aus.

Die Sparkassen in Nordrhein-Westfalen sollen seit Jahren eine Sonderrücklage finanzieren, weil sie für die gescheiterten Geschäfte der früheren WestLB mit gerade stehen müssen. 2009 wurden milliardenschwere Schrottpapiere der WestLB in eine Bad Bank ausgelagert. Dafür müssen die Sparkassen innerhalb von 25 Jahren ein Verlustausgleichskonto auffüllen. Die Sparkasse Dortmund muss rund 125 Millionen Euro beiseite legen, die Sparkasse Arnsberg-Sundern knapp 21 Millionen Euro. Das System ist bereits ins Stottern geraten: Die Stadtsparkasse Emmerich-Rees zahlte 2013 nichts in die Vorsorge-Rücklage, Dinslaken-Voerde-Hünxe setzte im Geschäftsjahr 2013 die Zahlung ebenfalls aus. Eine Zeitbombe in diesen knappen Zeiten. Müssen die Kommunen einspringen? Müssen dafür Steuern erhöht werden?

Zudem gibt es am Finanzmarkt Risiken, die alle Sparkassen gleichzeitig treffen können. Sollten zum Beispiel plötzlich die Zinsen ansteigen, könnte das die Sparkassen vor allem bei den Immobilienkrediten treffen. Können sich die Sparkassen bei einem solchen Szenario wirklich noch gegenseitig retten?

Fazit

Sparkassen sollen dem Gemeinwohl dienen, das ist ihr oberster Zweck. Die erste Sparkasse entsteht 1801 in Göttingen. Ab 1831 werden die ersten Kreissparkassen und Landesbanken gegründet. Sie helfen den Menschen, Geld zu sparen, helfen den Unternehmern vor Ort mit Krediten, speisen ihre Einnahmen in den Rathaussäckel ein. Beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg spielten die Sparkassen eine wichtige Rolle bei der Finanzierung von Wohnungen. Und auch mit der Entwicklung des globalen Finanzsystems sollten die Sparkassen die Bank des kleinen Mannes bleiben.

Doch es ging abwärts: Im Jahr 2002 gab es noch mehr als 500 Sparkassen in Deutschland. Heute sind es nur noch 414. Und das Fusionieren geht weiter. Da sind sich die Ökonomen einig, die den Bankenmarkt in Deutschland analysieren.

Eigentlich sollten die Sparkassen die Spardosen der Kommunen sein. Gut für die Bürger, gut für die Städte.

Doch schlechte Geschäfte und Umbrüche in der Finanzwelt machen das ganze System marode. Kunden zahlen hohe Zinsen, wenn sie ihr Konto überziehen und erhalten im Gegenzug nur wenig Sparzinsen für Einlagen. Immer wieder muss der Steuerzahler Sparkassen und Landesbanken vor der Krise retten.

Mit ungewissem Ausgang und desaströsen Folgen.

Dinslaken ist nur ein Beispiel. Welche Sparkasse folgt als Nächstes?

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CORRECTIV bleibt dran am Thema – und bittet um Eure Mithilfe. Gemeinsam können wir Missstände bei den 414 Sparkassen aufdecken – eine Aufgabe, die uns alleine überfordern würde.

In welcher Kommune verbergen sich die größten Risiken? In welchen Städten genehmigen sich die Sparkassen-Chefs höhere Pensionen als vorgesehen? Welche Bürgermeister nutzen die Sparkassengewinne für Wohltaten in Wahlkampfzeiten?

In den vergangenen Monaten haben wir eine Rechercheplattform entwickelt, den CrowdNewsroom. In Kooperation mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung führen wir dort diese Informationen in einer öffentlich zugänglichen Datenbank zusammen. Im CrowdNewsroom erklären wir einige Grundlagen des journalistischen Handwerks bei und recherchieren gemeinsam.

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Textchef: Ariel Hauptmeier
Mitarbeit: Heinz Krischer, Stefan Wehrmeyer, Simon Jockers, Daniel Drepper
Bildchef: Ivo Mayr

Die Recherche zu diesem Artikel ist eine Kooperation von CORRECTIV mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

© Ivo Mayr

Sparkassen

Etikettenschwindel

Sparkassen lagern Verbraucherdarlehen an eine anonyme Berliner Kreditfabrik aus – ohne es ihren Kunden deutlich zu sagen.

von Heinz Krischer

Als Bank, die ihre Kunden noch persönlich kennt – so präsentiert sich die Sparkasse gern. Doch Recherchen von CORRECTIV zeigen: Im Kerngeschäft der Sparkassen ist „Nähe“ oft nur noch Etikettenschwindel. Drei Viertel der Sparkassen vergeben Autokredite an ihre Kunden nicht mehr selbst, ein Viertel hat auch die Privatkredite ausgelagert. Die Entscheidung, wer einen Kredit bekommt und zu welchen Konditionen, trifft nicht mehr der Berater vor Ort, sondern eine anonyme Kreditfabrik in Berlin. Die Sparkasse gibt damit bereitwillig eine ihre Ursprungsfunktionen auf – und kassiert lediglich eine Provision. Wie irgendein Finanzmakler.

Sparkassenmitarbeiter Thorsten Kramer (Name geändert) kennt tatsächlich viele seiner Kunden. Seit fast zehn Jahren arbeitet der Bankkaufmann in einer Sparkassen-Filiale in Köln. Er ist zuständig für Konsumentenkredite. Wenn er Besuch von Kunden bekommt, dann geht’s erstmal um die „wichtigen“ Dinge des Alltags. Wie geht’s weiter beim 1. FC? Wie war’s beim Karneval? Nähe eben. Dann kommt das Geschäftliche. Und dann kommt – oft unbemerkt von den Kunden – die Kreditfabrik ins Spiel. 

„Ich brauche da eigentlich nur noch der Maske auf meinem Computermonitor zu folgen“, sagt Kramer. Persönliche Daten, Einkommensverhältnisse, Mietzahlungen oder Wohneigentum, privat krankenversichert oder gesetzlich? „Alles Angaben, die notwendig sind, um zusammen mit der Schufa-Auskunft die Bonität des Kunden einzuschätzen“, sagt Kramer. Die Entscheidung, ob ein Kredit gewährt wird und zu welchen Konditionen, trifft dann nicht mehr er. Oder sein Filialleiter. Sondern der Algorithmus einer gesichtslosen Bank in Berlin — der S-Kreditpartner GmbH, kurz SKP. 

Bundesweit wickeln mittlerweile rund 300 von 414 Sparkassen ihre Autokredite über die Berliner S-Kreditpartner ab. 116 haben auch ihre Privatkredite an die Berliner Firma ausgelagert. Sie arbeiten, wie es im Jargon von SKP heißt, „vollumfänglich“ mit ihr zusammen. Vor vier Jahren waren es noch halb so viele „Vollumfängliche“. Tendenz: weiter steigend. 

Für die Sparkassen ist die Auslagerung des kleinteiligen Kreditgeschäfts bequem. Ihre Berater müssen nur noch eine standardisierte Abfrage der Kundendaten vornehmen. Der Kredit wird aus den Geldmitteln der SKB gezahlt – die auch das Risiko trägt. Die Sparkasse vor Ort verwaltet diese Kredite nur – sie tritt  als Vermittler auf und kassiert für jeden erfolgreichen Abschluss eine Provision: In einem CORRECTIV vorliegenden Fall liegt die Provision leicht über 14 Prozent der Zinsen, die der Kunde zahlt.

Laut Bundesbankstatistik lag der durchschnittliche Effektivzinssatz für Privatkredite im Neugeschäft bei einer Laufzeit über fünf Jahre im Juni 2015 bei 7,33 Prozent. Bei vielen Sparkassen lag er deutlich darüber. Kreditvergebende Banken müssen den „Zwei-Drittel-Zins“ offenlegen, also sagen, zu welchen Konditionen zwei Drittel ihrer Kunden einen Kredit bekommen haben. Viele Partnersparkassen von S-Kreditpartner wiesen in diesem Zeitraum einen Zwei-Drittel-Zins von 9,99 Prozent für repräsentativen Kreditbetrag von 10.770 Euro aus. „Günstig ist das nicht“, sagt Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur der Verbraucher-Zeitschrift „Finanztip“, die die Konditionen der Banken im Frühjahr 2015 verglichen hat. 

Und noch etwas moniert Verbraucherschützer Tenhagen: Dass die Sparkassen ihren Kunden gegenüber nicht wirklich deutlich machen, dass ihr Kredit von einer anderen Firma stammt. „Wenn Sie auf den Vertrag gucken, dann sehen sie erstmal Sparkassen-Rot, S-Privatkredit steht darauf, und dann denken Sie, Sie sind bei ihrer Sparkasse, und Sie denken nicht, dass Sie bei irgendeiner Tochtergesellschaft sind.“

„Die Kunden müssen vor der Antragsprüfung der Zusammenarbeit mit der SKP ausdrücklich zustimmen“, schreibt der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV). Außerdem seien die Kreditunterlagen und der Kreditvertrag eindeutig als SKP-Angebote erkennbar. „Die Sparkassen zeigen hier vollständige Transparenz bzgl. der Kooperation mit der SKP den Kunden gegenüber.“

Logo S Kreditpartner mit Sparkassen S

Eindeutig erkennbar? SKP wirbt mit dem S der Sparkasse

Ivo Mayr

Die SKP nutzt das Sparkassenimage bewusst aus: „Der persönliche Kundenkontakt ist die Stärke jeder Sparkasse. Wir machen daraus erfolgreiches Ratenkreditgeschäft“, wird denn auch Danilo Reimann aus dem Vertriebsmanagement von SKP im Geschäftsbericht 2013 zitiert. 

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Die SKP verdient prächtig bei dem Deal. Seit 2012 hat sich ihr Ergebnis mehr als verdoppelt und betrug 2014 rund 35,7 Millionen Euro. Und so soll es auch weitergehen: „In diesem günstigen Marktumfeld erwartet die SKP, auch im Jahr 2015 deutlich stärker zu wachsen als der Gesamtmarkt und die positive Entwicklung der letzten Jahre weiter fortzusetzen“, prognostiziert die SKP in ihrem letzten Jahresbericht.

Um das zu erreichen, schult SKP die Sparkassen-Berater, bietet ihnen Marketinginstrumente an und eine spezielle Computer-Software für den Kreditantrag. Die hat eine Funktion eingebaut, die dem Sparkassenmitarbeiter signalisiert, wenn er dem Kunden auch einen höheren Kredit andienen kann, als der eigentlich will. „Upselling“ nennt man das. Das kann insbesondere dann genutzt werden, wenn der Kunde auch noch Kredite bei anderen Banken laufen hat, die abgelöst und auf S-Kreditpartner übertragen werden sollen.

Auf eine Anfrage von CORRECTIV an SKP mit mehreren Fragen, schreibt eine Unternehmenssprecherin: „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir von der Beantwortung der Fragen absehen möchten.“

Und viele Kunden glauben immer noch, „ihr“ Sparkassenberater habe etwas mitzureden bei den Krediten. Er könne Einfluss nehmen auf die Konditionen, weil man sich ja seit langem kenne. Er kann es nicht. Er ist nur noch ein Makler, der einen Kreditvertrag vermittelt. 

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Textchef: Ariel Hauptmeier

Finanztip-Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen

Finanztip-Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen© Finanztip

Sparkassen

„Das führt in die Grütze“

Deutschlands Sparkassen sollen nicht nur das Geld der Bürger verwalten. Sie sollen sie auch erziehen und ihren „Sparsinn“ schulen. Werden die Sparkassen diesem Auftrag gerecht? Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur des Online-Magazins finanztip.de und profunder Kenner der deutschen Bankenwelt, ist skeptisch.

von Jonathan Sachse

Achtung, gleich zu Beginn ein komplizierter Satz. Er lautet: „Die Sparkassen fördern den Sparsinn und die Vermögensbildung breiter Bevölkerungskreise und die Wirtschaftserziehung der Jugend.“ Wissen Sie, wo dieser Satz steht?

Hermann-Josef Tenhagen: Das könnte in einem Sparkassen-Gesetz stehen. NRW?

Baden-Württemberg. Aber so ähnlich steht er tatsächlich in den Sparkassen-Gesetzen der meisten Bundesländer. Kann ich bei der Sparkasse Sparen lernen?

Tenhagen: Da habe ich meine Zweifel. Die Berliner Sparkasse hat etwa propagiert, dass Weihnachtsgeschenke über Kredite finanziert werden können.

Warum passt das nicht zum Sparsinn?

Tenhagen: Man sollte einen Kredit nur für etwas aufnehmen, das man dringend braucht, das ökonomisch Sinn macht. Das Auto, mit dem ich zur Arbeit komme. Der Trecker für den Landwirt. Die Wohnungseinrichtung, weil ich mit meiner Frau zusammen ziehe und wir einen Kühlschrank brauchen. Weihnachtsgeschenke auf Pump zu finanzieren, fördert die Vermögensbildung gerade nicht.

Früher habe ich gelernt: Mein Geld vermehrt sich von alleine, wenn ich es zur Bank bringe. Dank des Sparbuchs der Sparkasse. Das Konzept funktioniert wegen der historisch niedrigen Zinsen nicht mehr. Gibt es neue Produkte, die den Sparsinn der jungen Generation prägen könnten?

Tenhagen: Auch früher gab es Phasen, in denen man über das Sparbuch weniger Zinsen bekommen hat, als die Inflation Prozente hatte. Das Sparbuch trug also nicht notwendigerweise zur Vermehrung des Vermögens bei. Eigentlich geht es darum, dass der Kunde das bestmögliche Produkt zum günstigsten Preis erhält. Also etwa: ordentliche Zinsen auf dem Tagesgeldkonto. Häufig gibt es die leider nicht bei der Sparkasse. Auch wenn es das Bemühen der Sparkassen um junge Kunden gibt. Zum Beispiel durch das kostenlose Girokonto.

Das bieten ja fast alle Banken an.

Tenhagen: Dennoch ist es eine gute Idee. Genau wie ein Sparkassen-„Führerscheinkonto“, mit dem unter 18-Jährige auf ihren Führerschein sparen können: Sie bekommen für 3.000 Euro rund 1,5 bis 2 Prozent Zinsen pro Jahr. Das ist klassisch das, was eine Sparkasse tun sollte.

In den Sparkassen-Gesetzen wird noch ein weiterer Auftrag formuliert: Die Sparkassen sollen das „wirtschaftliche Denken“ fördern.

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Tenhagen: Das ist prima, da passiert viel zu wenig. Aber wenn die Sparkasse die einzige ist, die im normalen Schulunterricht über Wirtschaft spricht, ist das problematisch. Sparkassen sind nicht neutral. Sie sind bei ihren Lehrvorträgen – oder Börsenspielen – nicht so weit weg von eigenen Interessen, wie sie sie es für pädagogische Aufgabe sein sollten. Andererseits muss in der Schule Ökonomie, oder auch „persönliche Betriebswirtschaft“ unterrichtet werden, um die Kinder für´s Leben fit zu machen.

Wo spare ich heute noch als Kunde einer Sparkasse?

Tenhagen: Mein Geld kann ich nach wie vor bei der Sparkasse auf die hohe Kante legen. Wobei mir das Sparen bei den Sparkassen derzeit nicht besonders leicht gemacht wird – bei 0,05 Prozent Zinsen auf einem Festgeldkonto.

Viele Sparkassen haben sehr hohe Dispo- und Überziehungszinsen. Und zugleich preisen sie die Finanzierungsmöglichkeiten an, die man mit einem Dispo hat. Passt das zusammen?

Tenhagen: Nein, das führt in die Grütze. Der Dispozins ist dafür da, ungeplante Situationen im Konto abzufangen. Für kurze Frist und dann auch ruhig mit einem ordentlichen Volumen. Es spricht nichts dagegen, dass jemand ein Dispovolumen hat, das zwei oder drei Monatseinkommen entspricht. Aber immer nur als kurzfristige Lösung. Danach geht es darum, schnell wieder aus dem Dispo rauszukommen. Sich Wünsche über den Dispo zu finanzieren oder ihn als kurzfristigen Kredit einzusetzen – das macht absolut keinen Sinn.

Was bleibt vom Sparauftrag? Sollten die Sparkassen-Gesetze angepasst werden?

Tenhagen: Die Sparkassen müssten sich nur daran halten. Eigentlich ist der Auftrag doch ganz einfach. Ich beschäftige mich damit, was der Kunde heute braucht und versuche, gerade für den kleinen Kunden so optimal wie möglich die passenden Produkte anzubieten. Dafür nehme ich die gesellschaftlichen Gruppen an Bord, damit ich das absolut beste Wissen dafür habe, was notwendig ist. Vielleicht kann ich dadurch nicht immer die allerbesten Konditionen anbieten, aber am Ende des Tages verstehen die Leute das schon. Solange der Unterschied zum Markt nicht zu groß ist, zahle ich für das lokale Angebot. Nehmen wir, ganz klassisch, eine Baufinanzierung. Wenn die bei meiner lokalen Sparkasse ein Zehntel teuer als bei einer privaten Bank, ist das vielleicht ok. Wenn sie aber drei Zehntel teurer ist, geht das nicht.

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© Ivo Mayr

Sparkassen

6 Recherchetipps für Lokaljournalisten

Viele Lokaljournalisten stoßen an Grenzen, wenn sie über die Sparkasse bei sich vor Ort berichten. Sie stehen als Einzelkämpfer einem der größten lokalen Player gegenüber, der wenig Interesse hat, brisante Daten zu veröffentlichen. Der CrowdNewsroom sorgt für neue Transparenz - und ist eine Quelle für spannende Storys.

von Jonathan Sachse

Nicht nur Lokalredakteure geraten in Sackgassen, wenn über „ihre“ Sparkasse berichten wollen. Auch Fachredakteuren von großen Zeitungen passiert das. Etwa Hanno Mussler von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, einem ausgewiesenen Bankenexperten:

Deswegen haben wir den CrowdNewsroom entwickelt. Dort könnt Ihr im Team in einer virtuellen Redaktion gemeinsam mit Kollegen und Bürgern recherchieren. Wir bei CORRECTIV sind der Überzeugung: Wer sein Wissen teilt, verdoppelt es. Hier sechs Tipps, wie ihr den crowdnewsroom.org möglichst effizient nutzt:

1.) Vergleiche Deine Sparkasse

An das Einzugsgebiet der Sparkasse Duisburg grenzt das Reich der Stadtsparkasse Oberhausen. Nicht weit: die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe. Vergleiche Deine Sparkasse mit den direkten Nachbarn. Sieh sie in einem größeren Kontext. Vergleiche sie mit Sparkassen, die eine vergleichbare Bilanzsumme haben. Indem Du folgende Fragen beantwortest: Werden mehr Mitarbeiter als in vergleichbaren Sparkassen beschäftigt? Sind die Soll-Zinsen höher? Liegt das Vorstandsgehalt über dem Durchschnitt? Wie viele Filialen gibt es?

Im CrowdNewsroom findest Du vom Start weg erste Datensätze, mit denen Du die Sparkassen vergleichen kannst.

2.) Wie hoch ist der Anteil der faulen Kredite?

Ihr Geld verdienen die Sparkassen hauptsächlich mit Krediten. Wird ein Kredit nicht rechtzeitig zurückgezahlt, nennt man ihn „faul“ oder „notleidend“.

Wie hoch deren Anteil ist, muss die Sparkasse in ihrem jährlichen Offenlegungsbericht bekannt machen. Das Volumen der faulen Kredite kannst Du in Bezug zu den Gesamtkrediten setzen. Richtwert: Ab einer faulen Kreditquote von 10 Prozent wird es problematisch.

Wie Du Dich im Offenlegungsbericht zurecht findest, erklären wir Dir in der siebten Recherchefrage.

3.) Wie hoch sind Gehalt und Betriebsrente der Vorstände?

Manche Sparkassen-Chefs verdienen mehr als die Bundeskanzlerin – trotz sinkender Einnahmen ihres Instituts.

Und auch bei den Betriebsrenten haben einige Sparkassen-Vorstände hochdotierte Verträge ausgehandelt. In NRW empfiehlt der rheinische Sparkassen- und Giroverband, dass die Betriebsrente nicht höher als 55 Prozent des zuvor bezogenen Gehalts sein soll. Dennoch kassieren einige Vorstände deutlich mehr. 

Über ein Viertel aller Sparkassen hat die Vorstandsbezüge in ihren Jahresabschlüssen offen gelegt. Die Details findest Du in der zweiten und dritten Recherchefrage im Crowdnewsroom.

4.) Wo landet der Gewinn?

Eigentlich sollen die Sparkassen die Spardosen der Kommunen sein. Gut für die Bürger, gut für die Unternehmen vor Ort, gut für die Städte und Gemeiden. Sie sind die Besitzer beziehungsweise „Träger“ der örtlichen Sparkassen — und sollten vom Gewinn der Sparkassen in jährlichen Ausschüttungen profitieren. Doch das geschieht kaum noch, weil die Sparkassen mit mangelnden Zinseinnahmen kämpfen.

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Überprüfe doch einmal, wann Deine Sparkasse zuletzt ihrem Träger eine Rendite ausgeschüttet hat. Wen sponsert die Sparkasse? Welche Organisationen werden im Laufe des Jahres unterstützt? Bekommen Vereine Geld, die mit den Vorständen oder Verwaltungsräten verbandelt sind?

Auch hier geben wir Dir Tipps. Wähle hier Deine Sparkasse aus und springe zur fünften Recherchefrage.

5.) Nutze die Auskunftsrechte

Für die Sparkassen gelten die staatlichen Auskunftsrechte, sowohl die Informationsfreiheitsgesetze als auch die Pressegesetze der Länder. Sie greifen grob gesagt überall dort, wo öffentliche Mittel eingesetzt werden. Das heißt: Prinzipiell kannst Du Deine Sparkasse um Offenlegung sämtlicher Informationen bitten. Darauf hast Du ein Recht. Wenn Dir deine Sparkasse Informationen vorenthalten will, muss sie das detailliert begründen.  

Falls für Dich die Auskunftsrechte noch Neuland sind, findest Du hier im CrowdNewsroom eine Videoschulung zum Thema.

6.) Teile Deine Ideen

Die virtuelle Redaktion wird dann ein Erfolg, wenn wir unsere Erfahrungen miteinander teilen. Die anderen Rechercheure profitieren von Dir. Du profitierst vom Spezialwissen anderer Nutzer. 

Auf jeder Unterseite zu einer Sparkasse findest du ein Kommentarfeld. Dort kannst Du Dich mit anderen Personen austauschen. Der CrowdNewsroom wird beständig fortentwickelt und verbessert. Eines der nächsten Tools wird ein virtueller Konferenzraum sein, der den Austausch vereinfacht.

Vielen Dank für Deine Mitarbeit!

Hast Du Fragen? Recherchetipps? Teile Deine Gedanken in der Kommentarspalte.

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Textchef: Ariel Hauptmeier

Wer verteilt den Spendenkuchen?

Wer verteilt den Spendenkuchen?© Ivo Mayr

Sparkassen

Dubiose Spenden

Ein Bürger aus Lünen hat seine Sparkasse verklagt. Er will wissen, an wen genau seine Sparkasse Geld spendet. Darunter sind auch zweifelhafte Zahlungen. Doch die Sparkassen-Chefs mauern genau wie die Lokalpolitiker

von Jonathan Sachse

Diese Recherche veröffentlichen wir in Kooperation mit dem Online-Portal der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Der Text auf faz.net.


Werner Tischer, ein 73-jähriger Kioskbesitzer aus Lünen, will von seiner Sparkasse wissen, wem sie Geld spendet. Sparkassen müssen das offenlegen. Die Sparkasse Lünen aber – inzwischen zur Sparkasse an der Lippe fusioniert – mauert, wo sie kann. Sie antwortet mit einem Rechtsanwalt. Für die Übersicht benötige man „eine angemessene Zeit“. Fast drei Monate verstreichen.

Tischer nutzt das Informationsfreiheitsgesetz. Öffentliche Einrichtungen müssen Bürgern wie ihm Auskunft geben, wie sie ihr Geld verwenden. Seine Frage ist einfach: Wen haben die Sparkasse und ihre angehängte Kulturstiftung im Jahr 2014 konkret gefördert? Im November 2015 hat die Sparkasse die Liste endlich fertig gestellt. Tischer soll ins Hauptgebäude kommen. Er kontaktiert die „Ruhr Nachrichten“, die Zeitung vor Ort. Der Journalist Torsten Storks begleitet ihn.

Werner Tischer in seinem Kiosk in Lünen

Werner Tischer in seinem Kiosk in Lünen

Ruhrnachrichten

Die Stimmung: frostig

Es ist ein ungewöhnlich warmer Novembertag, doch als Tischer und Storks den Sitzungsraum in der ersten Etage betreten, erwartet sie ein frostiger Empfang. Getränke gibt es keine. Zu ihrer Überraschung bekommen sie auch keine Liste mit den Spenden. Jürgen Boehm, ein Abteilungsleiter der Sparkasse, und ein Rechtsanwalt erklären den Beiden die Regeln: keine Fotokopien, keine Notizen. Warum diese Geheimniskrämerei?

Der Rechtsanwalt schaut schweigend zu, während Abteilungsleiter Boehm jeweils ein Blatt auf den Tisch legt. Tischer und Storks versuchen, sich Namen und Summen einzuprägen. Doch schon nimmt Boehm das Blatt vom Tisch und legt die nächste Seite hin. Dutzende Vereine haben Geld bekommen, viele Kleinstbeträge sind darunter, unmöglich, sich all das zu merken. Eine dreiviertel Stunde geht es so.

Eine Zahl aber macht Tischer stutzig. Er weiß aus einer Pressemitteilung, dass die Sparkasse 2014 insgesamt 523.000 Euro für „diverse Projekte und gemeinnützige Zwecke“ gespendet hat. Und sieht nun, dass ein Großteil davon, insgesamt 199.000 Euro, von der Kulturstiftung und einer weiteren Stiftung der Sparkasse verteilt wurden. An wen das Geld ging, sieht er an diesem Tag nicht.

Ein Bürger kämpft für Transparenz

Wer ist Werner Tischer? Er betreibt einen gut besuchten Zeitungskiosk an einer Hauptstraße in Lünen. Er ist das Gegenteil eines Krawallmachers. Bis zu 15 Stunden verkauft er „in Bude“, er sagt: „Bei mir kommen alle vorbei.“ Er kennt eine Menge Leute in Lünen. Und er ist Mitglied in einem kulturellen Förderverein; in welchem, möchte er nicht veröffentlicht sehen, um dem Verein nicht zu schaden. Dort nimmt diese Geschichte ihren Anfang.

Im Herbst 2013 hört Werner Tischer von einem Anruf. Ein leitender Beamter der Stadt Lünen hat den Förderverein kontaktiert. Man solle einen Antrag bei der Kulturstiftung der Sparkasse stellen und um 40.000 Euro bitten. Sobald der Antrag bewilligt sei, solle der Verein das Geld an die Stadt Lünen weiterleiten.

Verdeckte Geldflüsse

Im Förderverein wundert man sich. Warum haben Sparkasse und Stadt es nötig, verdeckte Zahlungen zu veranlassen? Zahlungen, die eher an Geldwäsche erinnern, denn an redliches Wirtschaften in einer Kleinstadt? Die Vereinsoberen folgen den Anweisungen. Einige Monate später hat die Stadt Lünen das Geld der Sparkassen-Stiftung auf ihrem Konto.

Aber Werner Tischer will die Angelegenheit nicht so einfach abhaken. Er will verstehen, was los ist. Er fragt sich: Wer bestimmt eigentlich, wer Spenden in seiner Stadt bekommt? Nach welchen Kriterien verteilt die Sparkassen-Stiftung Geld?

Glaubt man dem Sparkassen-Dachverband DSGV haben die Sparkassen und verbundene Unternehmen wie die DekaBank bundesweit im Jahr 2014 mit rund 145 Millionen Euro „regionale Kulturangebote“ unterstützt. Wer konkret was bekommen hat, lässt sich kaum nachvollziehen. Nur hier und da tauchen Großspenden in Pressemitteilungen auf.

Immer wieder wird den Sparkassen der Vorwurf gemacht, mit freiwilligen Zuwendungen Kommunen und ihre leitenden Köpfe bei der Finanzierung von Wahlstimmen fördernden Maßnahmen zu unterstützen. Unbestreitbar sind Sparkassen kommunale Institutionen, die mit ihren Mitteln Kulturprojekte und andere Aktivitäten stützen. Das ist sinnvoll, das ist gut. Doch wo endet die freiwillige Förderung und wird zu einer unter Umständen rechtswidrigen Querfinanzierung von kommunalen Haushalten, vor allem, wenn die betreffenden Kommunen klamm sind?

Nebelkerzen

Kioskbesitzer Tischer fragt Verantwortliche in der ganzen Stadt. Allerdings bekommt er kaum Antworten. Er nimmt sich einen Anwalt, trifft sich mit Journalisten, informiert sich in einem Workshop bei CORRECTIV über seine Auskunftsrechte. Er kontaktiert den Stadtrat, den Vorstand der Sparkasse an der Lippe, die Vorstände und das Kuratorium der Kulturstiftung, die Aufsichtsbehörde der Stiftung. Aber keiner will ihm genau sagen, wen die Sparkasse warum gefördert hat.

Im Sommer 2015 berichten die „Ruhr Nachrichten“ über Unregelmäßigkeiten bei der Kulturstiftung der Sparkasse an der Lippe: Nicht nur Tischers Förderverein, sondern mindestens zwei weitere Vereine hätten einen Anruf von der Stadt bekommen und Geld weitergeleitet.

Über Bande gespielt

Lünen, eine ehemalige Bergbaustadt, hat 88.000 Einwohner und liegt im Norden von Dortmund; jeder Zehnte ist arbeitslos. Die Kassen sind leer, Lünen ist, wie viele Nachbarkommunen, gefangen in einem „Haushaltssicherungskonzept“, fast jede Ausgabe muss von der Bezirksregierung Arnsberg genehmigt werden.

Der Clou: Im Lünener Haushaltssicherungskonzept von 2014 tauchen 200.000 Euro „aus der Kulturstiftung“ auf. Tischers Vermutung: Damit sind die 199.000 Euro gemeint. Die Spenden von den vier Vereinen. Dann hätten Stiftung und Stadt gleich doppelt gemogelt. Erstens wären die Einnahmen nicht korrekt verzeichnet worden. Zweitens darf von der Kulturstiftung der Sparkasse gar kein Geld an die Stadt fließen. So steht es in der Satzung der Stiftung.

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Die Stadt Lünen bestreitet das. „Es gibt keine Zahlungen der Kulturstiftung der Sparkasse an die Stadt“, schreibt uns die Pressestelle. Wurde Geld über Fördervereine an die Stadt weitergeleitet? Die Frage beantwortet die Stadt nicht.

Das Fehlverhalten ist offensichtlich. Wer trägt dafür die politische Verantwortung? Wo bleiben die Konsequenzen? Wann erfolgt ein Aufschrei in der Lokalpolitik?

Der Aufschrei bleibt aus. Hans Wilhelm „Willi“ Stodollick (SPD), der damalige Bürgermeister von Lünen, saß bis Herbst 2015 im Vorstand der Sparkassen-Kulturstiftung. Und im Kuratorium, das die Kulturstiftung beaufsichtigt. Stodollick hatte zwei Interessen. Einerseits brauchte er Geld für den knappen Haushalt seiner Stadt. Andererseits sollte er unvoreingenommen das Geld der Kulturstiftung vergeben, es muss ausgegeben werden für „die Förderung der Kunst, von Kulturwerten, des Denkmalschutzes und des Heimatgedankens“. (Satzung, Paragraph 2, Absatz 2) Das Geld der Kulturstiftung ist definitiv nicht dafür bestimmt, Löcher im Lünener Haushalt zu stopfen. 2015 trat Stodollick, nach über 15 Jahren im Amt, nicht erneut an zur Bürgermeisterwahl.

Hans Wilhelm "Willi" Stodollick war 15 Jahre lang Bürgermeister von Lünen

Hans Wilhelm “Willi” Stodollick war 15 Jahre lang Bürgermeister von Lünen

Ruhrnachrichten

Auch er bestreitet den Vorwurf. „Die Sparkassenmittel sind ordentlich verwendet worden“, sagt Stodollick am Telefon. Auf die Frage, ob Mittel über Fördervereine an die Stadt weitergeleitet wurden, weicht er aus. „Ich müsste in die Akten schauen, um das beurteilen zu können“, ist seine erste Antwort. Wenig später sagt er: „An den Vorwürfen ist nichts dran.“

Für die Sparkasse an der Lippe und die Kulturstiftung antwortet Abteilungsleiter Boehm – der Mann, der einst Werner Tischer die Spendenliste auf den Tisch blätterte: „Im Auftrag des Stiftungsvorstandes teile ich Ihnen mit, dass die Auskünfte nicht erteilt werden.“

Zuständig für die Aufsicht über die Stiftungen ist die Bezirksregierung Arnsberg. Auch dort weiß man nichts von den verdeckten Geldflüssen. Man habe aber, auf die Anfrage von CORRECTIV hin, die Kommunalaufsicht in Unna über den Fall informiert.

Klage auf Auskunft

Inzwischen hat Werner Tischer von der Sparkasse jene Liste bekommen, um die er zwei Jahre lang gekämpft hat: eine Aufstellung darüber, wohin die 523.000 Euro Spendengelder des Jahres 2014 geflossen sind.

Mit einer Ausnahme: die Ausgaben der Sparkassen-Kulturstiftung und einer weiteren Stiftung über 199.000 Euro. Immer noch verweigert die Kulturstiftung der Sparkasse die detaillierte Auskunft darüber, an wen diese Summe ging.

Werner Tischer weiß es ja bereits, er weiß es aus den „Ruhr Nachrichten“ – das Geld wurde über verschiedene Vereine an die Stadt geleitet und dort als Einnahme verbucht. Aber er möchte diese Information noch einmal schwarz auf weiß haben, von der Kulturstiftung selbst. Er möchte außerdem wissen, ob es in den Jahren davor und danach weitere Spenden an die Stadt gab.

Ende 2015 hat er darum vor dem Verwaltungsgericht Gelsenkirchen auf Auskunft geklagt. Noch gibt es keinen Verhandlungstermin. Doch der Prozess wird wegweisend sein. Sollte Werner Tischers Klage Erfolg haben, könnten viele Bürger ihre Sparkassen zwingen, offenzulegen, an wen sie Geld spenden und warum.

Insgesamt 725 Stiftungen unterhalten die deutschen Sparkassen. Sie fördern Sportvereine, Musikschulen, Tiergärten. Sie gehören zur Lokalpolitik, wie Rathaus und Kirche. Und sie haben gewiss viel Gutes bewirkt. Transparenz gehört aber eher nicht zu ihren Tugenden.


Wir veröffentlichen die Klage von Werner Tischer hier im Original.

Helft bei der Recherche!

CORRECTIV bleibt dran am Thema und bittet um Eure Mithilfe. In unserer virtuellen Redaktion, dem CrowdNewsroom, möchten wir möglichst viele Informationen sammeln. Mittlerweile beteiligen sich über 430 Personen an der Teamrecherche, die CORRECTIV gemeinsam mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ begonnen hat. Wie transparent verteilt Deine Sparkasse ihre Spenden? Mache mit.

Welche Sparkasse möchtest Du recherchieren?

© Ivo Mayr

Sparkassen

Schweigende Sparkassen

Jede fünfte Sparkasse weigert sich, uns ihre Zinsen zu nennen. Trotz mehrfacher Nachfrage. Helft uns! Falls Ihr in der Nähe einer dieser 86 Sparkassen wohnt – geht bitte hin und fotografiert den Preisaushang.

von Lisa McMinn

Wer sein Konto überzieht, zahlt drauf. Wie hoch die Kosten sind, hängt von der Bank ab. Die Kunden der Sparkasse Pforzheim-Calw zahlen derzeit 11,65 Prozent Dispozinsen. Im angrenzenden Ludwigsburg zahlt man hingegen nur 7,5 Prozent.

Wir machen die Angebote der Sparkassen vergleichbar. Für jeden Bürger transparent. Im November haben wir den CrowdNewsroom ins Leben gerufen. Dort recherchieren wir gemeinsam mit Euch in einer virtuellen Redaktion. Mittlerweile arbeiten über 460 Personen mit. Zwei der Fragen, die wir dort stellen: Wie viel Zinsen bekommst Du für Dein Geld? Und wie viel Geld musst Du der Sparkasse bezahlen, wenn Du Dein Girokonto überziehst?

Alles Informationen, die im „Preisaushang“ einer Sparkasse stehen müssen. Wir waren überrascht, dass nicht alle Sparkassen dieses Dokument online veröffentlichen. Im Januar haben wir deshalb jene rund 150 Sparkassen kontaktiert, die das Dokument nicht auf ihrer Internetseite veröffentlichen. Weniger als die Hälfte hat uns die Informationen geschickt.

86* Sparkassen weigern sich. Wir bekommen Absagen – oder gar keine Antwort. Die Begründungen waren zum Teil abenteuerlich.
„An überregionalen Umfragen nehmen wir nicht teil“, schreiben gleich sechs Sparkassen. Die Pressestellen würden ausschließlich regionale Medien bedienen. Die Formulierungen der Emails sind sich dabei auffallend ähnlich.

Die Stadtsparkasse Grebenstein ist zu beschäftigt – sie verweist auf „fehlende zeitliche Ressourcen“ und empfiehlt uns weiter an den Dachverband. Und im hessischen Waldeck-Frankenberg sind die Preisaushänge, so der Pressesprecher, „nur für Kunden einsehbar“.

Vergleichbarkeit und Transparenz sind so kaum möglich. Das wollen wir ändern – gemeinsam mit Euch. In dieser Google-Tabelle findet Ihr eine Übersicht über die 86 Sparkassen, die uns den Preisaushang nicht gesendet haben.

Was könnt Ihr tun?

1.) Schaut in der Tabelle nach, ob Ihr in der Nähe einer dieser Sparkassen wohnt.

2.) Fotografiert den Preisaushang in der Filiale. In der Regel hängen die zwei Seiten gut sichtbar im Eingangsbereich aus.

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Wir recherchieren für die Gesellschaft – aber auch mit der Gesellschaft. Diese Recherche ist nur mit Hilfe von Bürgerinnen und Bürgern möglich, die uns beim Sammeln der Daten unterstützen oder unsere Arbeit mit einem finanziellen Beitrag fördern. Jetzt spenden!

3.) Solltet Ihr das Dokument dort nicht finden, fragt nach, ob Ihr eine Kopie bekommt.

4.) Schickt uns den Preisaushang an sparkasse@correctiv.org

5.) Wenn Ihr selbst nicht in der Nähe wohnt, könnt Ihr das Bild unten mit Euren Freunden teilen. Vielleicht kann jemand anderes helfen?

Bei der Sparkasse Biberach und der Sparkasse Waldeck-Frankenberg hat das gut funktioniert. Wir haben über Twitter nach Fotos gefragt, und keine 24 Stunden haben uns zwei Anwohner die Fotos (siehe Preisaushang Biberach) geschickt.

Jetzt wollen wir mit Euch gemeinsam die restlichen 86 Preisaushänge im CrowdNewsroom öffentlich machen.

Eine Liste mit 87 Sparkassen, die uns den Preisaushang nicht geschickt haben.

correctiv.org

*Korrektur: In einer früheren Version des Artikels haben wir von 87 Sparkassen gesprochen und darin die Sparkasse Freudenberg eingeschlossen, die seit Oktober 2015 der Sparkasse Siegen angehört.

© Ivo Mayr

Sparkassen

Die Dispo-Könige

Die Höhe der Dispo-Zinsen sind höchst unterschiedlich: In der Nähe von Lübeck betragen sie 5,7 Prozent, im niedersächsischen Scheeßel dagegen 12,75 Prozent. Weil viele Sparkassen sich gegen diesen Vergleich gesträubt haben, haben CORRECTIV und die FAZ ihre Leserinnen und Leser aufgerufen, bei der Recherche mitzuhelfen. Das Ergebnis ist der erste bundesweite Zins-Vergleich von 391 Sparkassen.

weiterlesen 8 Minuten

von Jonathan Sachse , Simon Wörpel , Lisa McMinn

Diese Recherche veröffentlichen wir in Kooperation mit „FAZ.net“ und der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.


Die Unterschiede zwischen den einzelnen Sparkassen sind enorm: Wer am Südrand des Harzes wohnt und sein Konto bei der Kreissparkasse Nordhausen hat, zahlt 12,2 Prozent Zinsen, wenn er sein Konto überzieht. Direkt nebenan bei der Sparkasse Mansfeld-Südharz sind es nur 8,26 Prozent.

Bei der Sparkasse Olpe-Drolshagen-Wenden im Sauerland werden Kunden mit 11,25 Prozent Dispozinsen berechnet. Wenige Kilometer weiter bei der Sparkassen Siegen sind es nur 8,73 Prozent.

Den höchsten Dispozins in Deutschland verlangt die Sparkasse Scheeßel in Niedersachsen mit 12,75 Prozent, am günstigsten ist die Sparkasse Holstein, nördlich von Lübeck. Dort zahlen liquide Sparer und Neukunden – laut einem Sprecher rund ein Drittel der Kunden – 5,71 Prozent Dispozinsen. Für Kunden mit weniger guter Bonität werden auch dort 8,71 beziehungsweise 12,71 Prozent fällig.

Alle Ergebnisse findet Ihr auf dieser interaktiven Karte. Die Daten haben wir im Zeitraum von November 2015 bis Februar 2016 erfasst.