
Haben Sie den Skandal um Daniel Günther verfolgt? In den Sozialen Medien kochte es, im Nachrichten-Alltag verschwand es schnell wieder. Die Debatte um die Äußerungen des CDU-Ministerpräsidenten in Schleswig-Holstein zeigt, wie eine gut geölte Kampagne gegen eine Person erneut abhebt – dann aber am Mittwoch einen bemerkenswerten Absturz erfuhr, der ein gutes Zeichen sein könnte.
Worum ging es?
In der Sendung Markus Lanz hatte Daniel Günther Soziale Plattformen kritisiert und forderte klare Regulierungen, darunter auch ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige. Und er sprach darüber, dass neurechte Medien wie Nius bewusst demokratiefeindliche Stimmungen verbreiten würden. Eine Zensur forderte er nicht. Nius tat daraufhin genau das, was Günther ihnen vorgeworfen hatte: Sie schnitten Interview-Passagen so zusammen, dass es irreführend so aussah, als würde er eine Zensur von Medien wie Nius fordern (hier das ZDF-Interview in voller Länge).
So wurde die Erregung angefacht
Was dann folgte, war eine ähnliche Dynamik wie schon bei der reißerischen Kampagne gegen die Besetzung von Frauke Brosius-Gersdorf als Verfassungsrichterin. Auf Nius folgte die Bild, die Welt schickte Interviews mit Wolfgang Kubicki und anderen ins Netz, die sich über Günthers angebliche Zensur-Forderungen aufregten. Der Medienanwalt Steinhöfel strengte sofort im Auftrag von Nius ein juristisches Verfahren gegen Günther an, was die Welt wiederum eilig vermeldete.
Und dann kam sogar die Zeit mit einem Gastbeitrag von zwei Strafrechtsprofessorinnen um die Ecke, die ebenfalls den Eindruck schürten, als hätte Günter eine Medien-Zensur bei Lanz gefordert. Dabei hatte sich Günther in der Zwischenzeit selbst zu dem Interview nochmal klar geäußert.
Die Kampagne lief also gut für die Neu-Rechten: Erst die Rechtsaußen-Medien, dann Welt, einige Abgeordnete sekundierten, sogar in einer renommierten Zeitung lief es zu ihren Gunsten. Ganz ähnlich wie im Sommer. Und vielleicht eine weitere Übung fürs nächste Mal?
Das Kartenhaus stürzt ein
Einen Strich durch die Rechnung machte nun (unfreiwillig) ausgerechnet Beatrix von Storch bei Markus Lanz. Storch war diese Woche zu Gast bei Lanz und wiederholte den falschen Zensur-Vorwurf vor der Kamera. Lanz spielte daraufhin die Passagen aus dem Interview mit Günther vor, Storch musste live einsehen, wie sie Desinformation verbreitet hatte. In diesem Fall hat die Korrektur funktioniert, auch weil die ZDF-Sendung, in der die Pseudo-Skandalisierung überdeutlich aufflog, eine hohe Reichweite hatte.
Nius – das hatte die FAZ direkt nach dem Günther-Interview treffend analysiert – hatte sich durch die Aktion selbst entblößt. Vielleicht war diese Woche ein wichtiger Moment, um künftige Kampagnen dieser Art schneller zu entlarven. Gerade wenn Videoschnipsel geteilt werden, ohne dass es um einen ernstgemeinten Erkenntnisgewinn geht, sollten wir alle in unserem Medienkonsum zunächst skeptisch sein. Auch unter Politikern kommt es leider immer häufiger vor, dass sie solche Beiträge unreflektiert weiterverbreiten.
Was übrigens unterging, war Günthers Aussage zu einem möglichen AfD-Verbotsverfahren im selben Interview. Meine Kollegin Lena Koepsell hat für unsere Rubrik „Ganz persönlich“ am Ende dieses SPOTLIGHT aufgeschrieben, wie sie diese Debatte in der vergangenen Woche beobachtet hat.
PS: Haben Sie schon über unsere Cartoons diese Woche abgestimmt? Wenn nicht, hier geht’s lang. Wir prämieren nächste Woche den besten Cartoon.
Was diese Woche noch wichtig und besonders sehens- oder lesenswert war, haben wir für Sie in unseren Empfehlungen der Woche zusammengetragen. Ihnen wünsche ich ein erholsames Wochenende!
Herzlich,
Ihr Justus von Daniels
An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Marius Münstermann & Finn Schöneck.
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