Sicherheit und Verteidigung

Aufstieg der deutschen Waffen-Start-ups

Helsing und Stark wollen ins Zentrum der deutschen Rüstungsmodernisierung vorstoßen. Ihre Kamikaze-Drohnen sind nur die sichtbare Spitze: Hinter den Start-ups stehen mächtige Netzwerke.

von Till Eckert

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Links: Gundbert Scherf, Helsing-CO-Gründer und CO-CEO, und Tom Enders, Aufsichtsratsvorsitzender des Unternehmens. Rechts: Peter Thiel, Investor bei Stark, und Uwe Horstmann, der das Unternehmen operativ leitet. (Collage: Ivo Mayr / CORRECTIV, Quellen: picture alliance ( Sven Simon, Carolyn Kaster, Andrew Matthews, Friedrich Bungert) Drohnen: helsing.ai & stark-defence.com)

Die deutsche Rüstungsindustrie wandelt sich rasant. Einstige Platzhirsche wie Rheinmetall oder Diehl haben in den vergangenen Jahren neue Konkurrenz aus Deutschland bekommen: die jungen Waffen-Start-ups Helsing und Stark. Beide Firmen drängen mit sogenannten Kamikaze-Drohnen auf den Markt. 

Die Unternehmen buhlen derzeit um Millionenaufträge der Bundesregierung: Nach CORRECTIV-Informationen soll sich das Verteidigungsministerium (BMVg) im Frühjahr 2025 selbst an Helsing und Stark gewendet haben und händigte sogenannte Testverträge aus. Es geht um einen Auftrag von 300 Millionen Euro, die nach erfolgreichen Tests und einer Entscheidung zugunsten der Unternehmen ausbezahlt werden sollen. Später im Jahr stieg nachträglich offenbar auch Rheinmetall in die Testrunde ein.

Tausende Drohnen sollen nach den Tests an die neue Panzerbrigade der Bundeswehr in Litauen geliefert werden. Es geht bei dem ausstehenden Deal aber um weitaus mehr als eine gewöhnliche Waffenbeschaffung.

Die Bundeswehr betritt mit dem Kauf technologisches Neuland. Und wer den Zuschlag bekommt, wird sich womöglich auf Jahre das Vorrecht für neue Aufträge sichern und sich als neue Größe im Rüstungsmarkt positionieren können. 

Was sind Kamikaze-Drohnen?

Kamikaze-Drohnen werden im Fachjargon „Loitering Munition“ genannt, weil sie nach dem Abwurf, etwa über eine Rampe, in der Luft über ihren Zielen schweben. Zum Angriff stürzen sie dann nach unten und explodieren beim Aufprall. Sie werden deshalb auch Einweg-Drohnen genannt.

Es handelt sich demnach um Kampf-Drohnen, die mit Sprengköpfen versehen sind; nicht zu verwechseln mit Drohnen, die nur mit Kameras ausgestattet sind und zur Aufklärung oder Überwachung eingesetzt werden.

Die Bundesregierung hatte den Einsatz solcher Systeme im Jahr 2022 noch kategorisch ausgeschlossen. Die Waffen werden zunehmend mit KI ausgestattet, etwa zur Zielfindung. Rein technisch könnten sie den tatsächlichen Angriff auch autonom durchführen – das jedoch ist umstritten.

Wer also steckt hinter den beiden Unternehmen? Und welche Netzwerke wollen alte Kräfteverhältnisse ablösen?

Helsing: Der milliardenschwere Vorreiter

Bei einer Präsentation in Tussenhausen im September 2025 zeigt Helsing ein Werbevideo über einen mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten Kampfjet. (Foto: picture alliance / CHROMORANGE | Michael Bihlmayer)

An einem Dezembermorgen vergangenes Jahr in der Hauptstadt zeigte sich der Generationsunterschied zwischen der alten und der neuen Rüstungswelt anschaulich: Helsing, das wertvollste Start-up Deutschlands, hatte nahe dem Brandenburger Tor zu einer Pressekonferenz ins Luxushotel Adlon geladen. Es sollte eine neue Kooperation für Satellitentechnologie angekündigt werden. 

Helsing führt die Zusammenarbeit an, daneben steht das junge Unternehmen Isar Aerospace aus dem Münchner Raum. Dazu kommen der Rüstungskonzern Hensoldt, einst als Ausgründung der Traditionsfirma Airbus gestartet, und der über 200 Jahre alte norwegische Waffenhersteller Kongsberg. 

In Berlin positionierten sich die jungen Unternehmer wie Disruptoren im Stil von Tech-Unternehmern aus dem Silicon Valley: in schwarzen Rollkragenpullovern und navy-blauen Jacketts. Neben ihnen die alten Hasen, beide in der klassischen Business-Uniform: Anzug und Schlips.

Von links: Daniel Metzler, CEO von Isar Aerospace, Gundbert Scherf, CEO von Helsing und Eirik Lie, Präsident Kongsberg Defense and Aerospace sowie Dietmar Thelen, Head of Multi-Domain Solutions Division bei Hensoldt bei der Verkündung einer Satelliten-Kooperation der Unternehmen. (Foto: picture alliance/dpa | Jens Kalaene)

Die Unterschiede der beiden Welten zeigten sich an diesem Tag aber nicht nur in den Outfits. Die Vertreter von Hensoldt und Kongsberg sprachen nur wenig, gaben sich zurückhaltend. Gundbert Scherf, Mitgründer von Helsing, inszenierte sich dagegen als Vordenker. 

Wenn er spricht, geht es – so auch an diesem Tag – um die großen geopolitischen Fragen: um Demokratie und darum, wie man sie schützt. Dafür brauche es dringend agile, smarte Lösungen in Sachen Hardware, Software, KI und Datenauswertung. „Wir brauchen die besten Athleten in jedem Bereich“, sagte Scherf. 

Der frühere McKinsey-Berater und BMVg-Mitarbeiter Scherf gründete Helsing gemeinsam mit zwei KI- und Machine-Learning-Experten 2021 in München. Die Firma hatte durch Scherfs Kontakte zum BMVg und der Szene rund um die Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) früh politische Rückendeckung. 

Finanzielle Unterstützung kam von Spotify-Gründer Daniel Ek: Er stieg über seine Investmentfirma als zentraler Geldgeber ein. Der schwedische Rüstungskonzern Saab investierte ebenfalls. Helsing wurde so schnell zu einem der bestfinanzierten Rüstungs-Start-ups Europas.

Wohl eine zentrale Figur in dieser Entwicklung ist Tom Enders. Der frühere Airbus-Chef stieß 2022 zu Helsing und übernahm später den Vorsitz im Aufsichtsrat. Enders steht wie kaum ein anderer für die Schnittstelle zwischen europäischer Rüstungsindustrie, Politik und strategischer Vordenkerrolle: Er leitete über ein Jahrzehnt den Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus, ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) und gehört zu den einflussreichsten Stimmen, wenn es um europäische Sicherheits- und Rüstungsfragen geht.

Tom Enders, damals noch Airbus-Vorstand, neben der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel 2018 in Brandenburg. (picture alliance / Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/ZB | Britta Pedersen)

Enders’ Rolle unterstreicht, dass Helsing längst kein gewöhnliches Start-up mehr ist. Die Firma will die europäische Rüstungs- und Verteidigungsfähigkeit offensichtlich neu ordnen. 

Ob die in Berlin angekündigte Satelliten-Kooperation Früchte trägt, wird sich noch zeigen. Der Fokus von Helsing liegt bis auf weiteres in anderen Bereichen.

Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 verschob sich Helsings Rolle: Aus dem zunächst betonten Fokus auf KI-Software für bestehende Systeme entwickelte sich das Unternehmen zunehmend zu einem Anbieter eigener militärischer Hardware. Ab spätestens 2024 begann Helsing, unter anderem sogenannte Kamikaze-Drohnen zu entwickeln – und sie in die Ukraine zu verkaufen. 

Scherfs Firma ist damit nicht allein. 2024 gründete eine Gruppe von Tech-Experten und Investoren ein direkt mit Helsing konkurrierendes Start-up, das eigene Kamikaze-Drohnen entwickelt und in der Ukraine testet. Das Netzwerk dahinter ist nicht weniger einflussreich, vertritt aber andere Interessen.

Stark: Der Herausforderer – mit Cash aus den USA

Mitarbeiter der Firma Stark Defence demonstrieren bei einem Test im Dezember 2025 in einem Waldstück in der Nähe des Sprengplatzes den Aufbau ihrer Kamikaze-Drohne „Virtus“. (Foto: picture alliance/dpa | Kay Nietfeld)

Nahe dem Berliner Hauptbahnhof, rund 200 Meter Luftlinie vom Kanzleramt entfernt, hat das junge Unternehmen Stark Defence einen Sitz. Auf den ersten Blick wirkt das Büro wie das eines alltäglichen Start-ups: offene Büroflächen, der Besprechungsraum hinter einer Glasfront. 

Nur die etwa mannshohe Drohne, die im Raum steht, zeigt: Hier werden die Geschicke eines Unternehmens gelenkt, das Kriegswaffen herstellt. Das Büro wird auch als Showroom verwendet. 

Stark ist im Grunde eine Neuinterpretation des Unternehmens Quantum Systems, das hier ebenfalls einen Sitz hat, wie das Logo auf dem Klingelschild verrät. Beide Firmen wurden von Florian Seibel gegründet, einem ehemaligen Bundeswehroffizier. 

Bei Quantum Systems werden Überwachungsdrohnen hergestellt, Hunderte davon wurden im vergangenen Jahr an die Bundeswehr ausgeliefert. Stark dagegen stattet seine Drohnen mit kiloschweren Sprengköpfen aus, die gegnerische Panzer zerstören sollen. Sie werden bereits in der Ukraine getestet, Seibel will sie künftig auch an die Truppe liefern. 

Mittlerweile ist Seibel nur noch im Hintergrund aktiv. Das Tagesgeschäft übernahm im vergangenen Jahr Uwe Horstmann, der mit seinem Kapitalfonds bereits in Quantum Systems investierte. 

Auch Horstmann findet gewichtige Worte für den Unternehmenszweck. „Kein anderes Team verbindet so viel Tempo, Talent und Entschlossenheit, Europa zu schützen“, sagt er über Stark. Horstmann hat wie Seibel Bundeswehr-Erfahrung, er ist Reserveoffizier. 

Stark-CEO Uwe Horstmann im vergangenen November auf einem Event in der englischen Großstadt Swindon. Stark baut hier eine Produktionsstätte für seine Kampfdrohnen. (Foto: picture alliance / empics | Andrew Matthews)

Die Unternehmensführung rund um Seibel und Horstmann hat in kurzer Zeit ein Investorenkonsortium angezogen, das weit über klassische Kapitalgeber hinausgeht. Es sind Akteure beteiligt, die tief im sicherheitspolitischen Establishment der USA verankert sind: so etwa der Tech-Milliardär Peter Thiel, der seit Jahren als Förderer von US-Präsident Donald Trump und neuer Militärtechnologie auftritt.

Stark-Gründer Seibel reagiert in einem Interview auf Bedenken eines politischen Dralls kurz angebunden: „Politik ist etwas, das die Amerikaner im Business gerne ausklammern. Das haben wir dann auch ausgeklammert“, sagt er. Thiel sei der beste Tech-Investor der Welt – und Seibel habe sich damit ein großes Netzwerk eröffnet.

Dieses Netzwerk ist tatsächlich bemerkenswert. Der Palantir-Co-Gründer Joe Lonsdale soll in Stark investiert haben. In-Q-Tel ist ebenfalls an Bord, es handelt sich dabei um den offiziellen Investment-Arm des US-Geheimdienstes CIA. Hinzu kommt der NATO Innovation Fund. Dieser wird direkt von den NATO-Mitgliedstaaten getragen.

Auch vom Sohn eines bekannten Deutschen kommt Unterstützung: Moritz Döpfner, Spross des Springer-Chefs Mathias Döpfner, beteiligt sich über seine in Los Angeles ansässige Investment-Firma an Stark. Sein Unternehmen wird wiederum mit Millionen von Thiel unterstützt.

Donald Trump und Peter Thiel bei einem Treffen im Trump-Tower, New York, im Jahr 2016. (Foto: picture alliance / Albin Lohr-Jones/Consolidated/dpa | Albin Lohr-Jones)

Es darf angenommen werden, dass die Motivation dieser Investoren-Riege nicht nur kurzfristige Gewinne sind, sondern strategischer Natur: In-Q-Tel beispielsweise gibt als Unternehmensziel an, neue Technologien für die Vereinigten Staaten und deren Verbündete zu erkennen und nutzbar zu machen.

Der NATO Innovation Fund will „in Start-ups im Bereich der Spitzenforschung und -technik investieren“, um „die Verteidigung, Sicherheit und Widerstandsfähigkeit unserer Nationen zu stärken“.

Richtungsentscheidung: Europäische Souveränität oder transatlantische Einbindung?

Experte Franz Enders von der Informationsstelle Militarisierung spricht bezüglich der Start-ups und ihrer Bedeutung von einem „neuen militärisch-industriellen Komplex“. Die beiden Unternehmen haben gemeinsam, dass sie neuartige Waffensysteme herstellen. Unterschiede liegen beim verfügbaren Kapital, der Ausrichtung und geopolitischen Platzierung.

Helsing ist längst ein milliardenschwerer Player. Dort versteht man sich als durch und durch europäisch, es sollen vor allem deutsche und europäische Positionen gestärkt werden. Demnach positioniert man sich auch unabhängiger von alten Bündnissen, insbesondere von den USA. Durch seine Zeit im Ministerium kennt Scherf die Vorgaben und Zwänge der Bundesregierung gut.

Stark ist finanziell bislang schwächer aufgestellt. Die Firma verbindet vor allem zwei Elemente: Sie positioniert sich durch ihre Geldgeber US- und NATO-nah und ist damit eingebettet in traditionelle transatlantische Bündnisse. Zudem kennt das Unternehmen durch Seibels Überwachungsdrohnen-Firma und die darüber abgewickelten Deals mit dem BMVg die komplexen Bedürfnisse der Bundeswehr.

Eine Entscheidung der Bundesregierung für Technik von Stark oder Helsing wäre ein Signal, ob Deutschland seine sicherheitstechnologische Zukunft eher europäisch oder transatlantisch verankert sieht.

Führten Bundeswehr-Vorgaben zu Verzögerung?

Eigentlich hätte die Entscheidung nach CORRECTIV-Informationen schon im vergangenen Dezember fallen sollen. Doch die Testergebnisse reichten dem BMVg offensichtlich noch nicht aus. Die Unternehmen müssen verschiedene Vorgaben erfüllen.

Es geht neben der Trefferquote unter anderem um die Integration in das Bundeswehr-eigene Netz und um den sogenannten Datenlink, also einer durchgängigen Funkverbindung. Diese ist für die manuelle Steuerung der Drohnen wichtig; ohne sie müssen die Drohnen sich für die Zielfindung auf KI verlassen. Das wiederum ist ein Politikum: Bislang sollten nach Vorstellung der Bundeswehr Soldatinnen und Soldaten jede Entscheidung – insbesondere die zum tatsächlichen Angriff – händisch fällen. 

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Die Bundeswehr muss zudem mit den Massen an Standort- und Flugdaten, welche die Drohnen generieren, umgehen. Eine Sprecherin des BMVg antwortete nicht auf Fragen dazu. Auch dazu, wann der Beschluss aussteht, äußerte sie sich nicht. 

Es zeichnet sich laut aktuellen Medienberichten ab, dass es im Februar soweit sein könnte: Ein Beschluss sei demnach bereits gefasst worden – angeblich für beide Start-ups.

Redaktion: Anette Dowideit, Miriam Lenz
Faktencheck: Miriam Lenz