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Till Eckert

Faktenchecker

Till recherchiert seit seinem Volontariat 2014 in Aalen zu Rechtsextremismus, Machtmissbrauch und Desinformation. Für ze.tt und Zeit Online widerlegte er 2018 die Behauptung des damaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen, ein Video der Ausschreitungen in Chemnitz sei nicht authentisch. Seit März 2019 spürt er Falschmeldungen und Gerüchten im CORRECTIV.Faktencheck-Team nach.

E-Mail: till.eckert(at)correctiv.org
Twitter: @dertilly

THEMENBILD, Wien bei Nacht
Gab es am vergangenen Freitag in der Wiener U-Bahn eine Prügelattacke durch „fünf Afrikaner“? Die Polizei dementiert. (Symbolfoto, Wiener U-Bahn-Station am 3. Juli 2017: Picture Alliance / EXPA / JFK)

von Till Eckert

Die österreichische Webseite Unzensuriert behauptet, am vergangenen Freitag sei es in der Wiener U-Bahn zu einem Gewaltverbrechen gekommen. Der angebliche Fall wird im Artikel detailliert beschrieben. Doch der Polizei ist ein solcher Fall nicht bekannt.

Der Artikel von Unzensuriert vom 15. Februar über ein angebliches Verbrechen in der Wiener U-Bahn steckt voller konkreter Details: Demnach soll am vergangenen Freitag (14. Februar) um 19.30 Uhr in der Wiener U-Bahn-Linie U1 im Bereich Kagran ein Junge Opfer einer „Prügelattacke“ durch „fünf Afrikaner“ geworden sein – weil er seine Mutter beschützt habe, die von den Männern sexuell belästigt worden sei. 

Der Junge habe das laut des Artikels bei der Polizei „zu Protokoll“ gegeben und die Beamten hofften, „die Täter“ anhand Aufnahmen in der U-Bahn ausfindig machen zu können. Aber: Die Wiener Polizei weiß nichts von solch einem Vorfall.

Polizei: Kein derartiger Vorfall wurde aufgenommen

Ein Sprecher der Landespolizeidirektion Wien schrieb uns auf Anfrage zu dem angeblichen Fall: „Vorausgesetzt die angegebenen Daten stimmen (anzunehmender 14.02.2020 in Wien 22, Kagran), können wir mitteilen, dass kein derartiger Vorfall gemäß interner Berichtspflicht eingemeldet wurde. Fest steht, dass bei der unmittelbar bei der U1-Station Kagran befindlichen Polizeiinspektion kein derartiger Vorfall aufliegt oder aufgenommen wurde.“

Eine E-Mail der Polizeidirektion Wien. (Screenshot: CORRECTIV)
E-Mail der Polizeidirektion Wien. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir haben in einer Nachfrage noch um eine Einschätzung zu weiteren Details des Artikels gebeten, etwa zu angeblichen Verletzung des Jungen oder darum, dass am selben Tag eine Frau in Wien-Donaustadt telefonisch eine sexuelle Belästigung durch fünf Männer gemeldet habe. Der Sprecher der Polizeidirektion dazu: „Wie bereits unten erklärt, es liegt keine Meldung auf. Somit können auch keine weiterführenden Fragen beantwortet werden.“ 

Eine Google-Suche zeigt, dass es auch keine sonstigen Medienberichte zu dem angeblichen Fall gibt. Wir stufen ihn deshalb als Falschmeldung ein.

Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Es gibt keinen Beleg, dass es einen solchen Fall in Wien wirklich gab – die Polizei dementiert.

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Ein Polizeibeamter zeigt in einem Twitter-Video auf eine Landstraße auf der Insel Anglesey in Nordwales, auf der im Dezember 2019 mehr als 200 Vögel tot aufgefunden wurden. (Quelle: NWP Rural Crime Team / Screenshot: CORRECTIV)

von Till Eckert

In einem zehntausendfach geteilten Artikel wird behauptet, in Nordwales seien hunderte Vögel wegen einer 5G-Anlage vom Himmel gefallen. In der Region gibt es aber gar kein 5G. Das Ermittlungsteam geht von einer anderen Ursache aus.

Immer häufiger sehen wir Behauptungen darüber, dass der neue Mobilfunkstandard 5G am Tod von Tieren Schuld sein soll. So sollen laut eines viralen Youtube-Videos im kalifornischen Sierra Madre wegen zweier 5G-Masten angeblich Bienen gestorben sein – in der Stadt gibt es aber gar kein 5G, wie wir recherchierten

Eine ähnliche Behauptung zirkuliert seit dem 15. Dezember 2019 im Netz: In einem Artikel des Blogs Legitim.ch wird behauptet, auf der nordwalisischen Insel Anglesey seien hunderte Vögel wegen einer 5G-Anlage tot vom Himmel gefallen, dort seien „Tests“ von Vodafone durchgeführt worden. Den Fall gibt es zwar, aber auch hier gilt: In der Region gibt es kein 5G. Das bestätigte uns Rob Taylor, Leiter des North Wales Rural Crime Teams, einer Polizeieinheit, die den Fall ermittelt, per E-Mail. 

E-Mail vom Leiter des North Wales Rural Crime Teams. (Screenshot: CORRECTIV)

Das zeigt auch ein Blick auf die Webseite „Ookla“, die den 5G-Ausbau nach eigenen Angaben anhand „verifizierter öffentlicher Quellen“ verfolgt. Demnach gibt es in Nordwales 5G nur in Llandudno, einem mit dem Auto etwa 50 Minuten von dem betreffenden Ort auf Anglesey entfernen Ort. 

Zudem sagte ein Sprecher von Vodafone der Tageszeitung Daily Post im Dezember 2019: „Wir können bestätigen, dass es in der Gegend um Bodedern [der angrenzende Ort, Anm.] kein Vodafone-5G gibt und auch keine Tests durchgeführt wurden.“ 

Ermittlungsteam: Flugmanöver des Vogelschwarms könnte Ursache sein

Dass die Vögel auf Anglesey wegen 5G starben, kann demnach ausgeschlossen werden, weil es dort keines gibt. Zudem gibt es bisher keine Belege dafür, dass die Strahlung Tieren gefährlich werden könnte. Eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums antwortete uns in dem Zusammenhang für den Faktencheck über die Bienen in Sierra Madre: „Nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand gibt es keine wissenschaftlich belastbaren Hinweise auf eine Gefährdung von Tieren und Pflanzen durch hochfrequente elektromagnetische Felder unterhalb der Grenzwerte.“ 

Aber was ist die Ursache für den Fall in Anglesey? Die zuständige Polizeieinheit berichtet über den Ermittlungsfortschritt auf ihrem verifizierten Twitter-Account. Am 16. Januar veröffentlichte sie mehrere Tweets zu dem Fall

Sicher ist demnach: Am Dienstag, 10. Dezember 2019 starben laut Polizei mindestens 200 Stare auf einer Straße nahe Bodedern auf Anglesey. Einige hätten noch gelebt, als sie gefunden wurden, seien aber schwach und flugunfähig gewesen, bevor sie starben. 

Tweet des ermittelnden Polizeiteams. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Ermittlungsteam und Mitarbeiter der Animal Plant and Health Agency entfernten laut Polizei 35 Vögel und brachten sie zu einer Untersuchung. „Alle untersuchten Vögel hatten ein schweres inneres Trauma durch den Aufprall“, schreibt die Polizei. Dies spreche dafür, dass die Vögel durch den Aufprall auf die Straße gestorben sind: Es sei sehr wahrscheinlich, dass der Schwarm in der Luft ein Ausweichmanöver vollzog, da möglicherweise ein Raubvogel hinter der Gruppe her war. Die Polizei geht davon aus, dass einige nicht rechtzeitig hochziehen konnten und auf den Boden aufschlugen.

Die Polizei schreibt außerdem: „Bitte bedenken Sie, dass die vollständige Toxikologie noch nicht vorliegt, so dass eine endgültige Theorie nicht bestätigt werden kann, aber wir sind uns über die Gründe und die Ursache der Todesfälle der Vögel ziemlich sicher.“

5G ist ein Thema der Desinformation 

CORRECTIV.Faktencheck beobachtet schon länger, dass mit dem Thema 5G Stimmung im Netz gemacht wird. Für einen Hintergrund-Bericht haben wir uns mit der Forschungslage beschäftigt. Zusammengefasst: Es ist zum jetzigen Zeitpunkt weder abschätz- noch belegbar, welche Strahlenbelastung durch die neue Mobilfunktechnologie auf Menschen und Tiere wirken könnte. Zudem ist nicht belegt, ob sie gesundheitliche Schäden verursachen könnte. Um sichere Aussagen dazu treffen zu können, müsste die Strahlenbelastung nach dem Ausbau gemessen und erforscht werden.

Unsere Bewertung:
Falsch. In der Region in Nordwales gibt es gar kein 5G.

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Susanne Hennig-Wellsow, nachdem sie Thomas Kemmerich (FDP) Blumen vor die Füße geworfen hat. (Foto: Martin Schutt / dpa)

von Till Eckert

Die Linken-Politikerin Susanne Hennig-Wellsow sprach bei Markus Lanz darüber, wie AfD-Abgeordnete Mitglieder ihrer Fraktion im Thüringer Landtag bedrohen. In einem Facebook-Beitrag wurde ihre Aussage irreführend verkürzt – außerdem wurde ein Foto von ihr manipuliert.

Susanne Hennig-Wellsow, Linken-Politikerin im Thüringer Landtag und Landesvorsitzende, war am 12. Februar zu Gast in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz. Dort berichtete sie von Bedrohungen durch die AfD, denen die Fraktion der Linken im Landtag ausgesetzt sei. 

In diesem Kontext verbreitet sich derzeit eine Bildcollage auf Facebook, unter anderem geteilt von der Seite „DDR Produkte“, vom AfD-Kreisverband Coesfeld und dem AfD-Politiker Thomas Hartung. Darauf ist ein angebliches Zitat von Hennig-Wellsow zu lesen, das vermuten lässt, sie bezeichne die AfD-Abgeordneten im Landtag als „Faschisten“, weil diese so höflich seien. 

Die Aussage von Hennig-Wellsow wird aber stark verkürzt und in einigen Punkten falsch dargestellt – außerdem wurde ein manipuliertes Foto von ihr verwendet.

Zitat um essentielle Punkte verkürzt und verfälscht

Die verkürzte und verfälschte Aussage von Hennig-Wellsow. (Screenshot: CORRECTIV)

Im Original bei Markus Lanz sagte Hennig-Wellsow ab Minute 34

„Wenn ich Ihnen erzählen würde, wie die AfD im Thüringer Landtag unsere Abgeordneten bedroht. Immer in Situationen, in denen niemand dabei ist, wo es immer perfide ist. [Lanz: Können Sie mal ein Beispiel geben?] Es ist einfach Fakt, dass die AfD faschistische Methoden anwendet. Zwei Beispiele: Das eine: wir haben eine junge Abgeordnete, die war neulich im Fahrstuhl, dann kam eine Reihe von AfD-Abgeordneten in den Fahrstuhl hinein und stellten sich so [zeigt vor die Nase] mit ihren Gesichtern vor sie und grinsten sie an und hörten nicht auf. Eine Situation, aus der sie nicht herauskommen konnte. Das andere Beispiel ist das extreme Gegenbeispiel, aber auch das eine Methode der Nazis: Übertriebene Freundlichkeit. ‘Gehen Sie doch mit uns Kaffee trinken’, ‘Sollen wir Sie nicht da und dort mitnehmen und fahren’ und so weiter. Ich selbst wurde neulich von einem AfD-Abgeordneten bedrängt, der körperlich meinen Weg begleiten musste. Ich will damit nur sagen, das ist keine bürgerliche Partei und das kann man schon wissen, wenn man nur Björn Höcke zuhört.“

Im verkürzten Zitat im Facebook-Beitrag wird es so dargestellt, als habe Hennig-Wellsow die AfD in Erfurt zweifach als „ganz klare Faschisten“ bezeichnet. Das stimmt nicht – die Politikerin sprach bei zwei konkreten Beispielen von „faschistischen“ beziehungsweise „Nazi“-Methoden. Das erste Beispiel ist in der Bildcollage zudem falsch dargestellt: Hennig-Vellsow sprach nicht von sich, sondern einer anderen Abgeordneten – zudem beschrieb sie den Fall sehr viel konkreter, so dass eine Bedrohungslage ersichtlich wird.

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Ob die Beispiele  von Hennig-Wellsow so stimmen, können wir nicht überprüfen, weil die Fälle sich laut ihr immer dann zugetragen hätten, als „niemand dabei“ gewesen ist. 

Hennig-Wellsows Bild wurde offensichtlich manipuliert

Weiter wurde das verwendete Foto von Hennig-Wellsow offensichtlich bearbeitet und dahingehend manipuliert, dass unter anderem ihr Mund stark nach links verzerrt aussieht (an der Brille ist das am besten erkennbar). Ein Foto, das unter anderem in einem Artikel von Südthüringen.de vom November 2019 verwendet wurde, scheint das Original zu sein – dort allerdings wirken die Gesichtsproportionen ganz normal. 

Links das Original-Foto von Susanne Hennig-Wellsow, rechts die manipulierte Version aus dem Facebook-Beitrag: das ist unter anderem an den Mundwinkeln, am besten an der Brille zu erkennen. (Screenshots / Collage: CORRECTIV)

Wer das Foto manipulierte, können wir nicht nachprüfen – der Beitrag tauchte aber zuerst bei der Seite „DDR Produkte“ auf und wurde erst dann von dem AfD-Kreisverband und -Politiker geteilt. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Aussage wurde stark verkürzt und verfälscht, zudem wurde das verwendete Foto manipuliert.

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Wolfgang Schäuble am 5. Februar 2020 bei der Deutsch-Französischen Versammlung in Straßburg. (Foto: Deutscher Bundestag / Pascal Bastien)

von Till Eckert

Im Netz kursiert ein angebliches Zitat des Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble. Er soll gesagt haben, dass die Not Menschen zwingen werde, „sich zu beugen“. Dafür gibt es aber keine Belege – im Gegenteil wurde der Spruch offenbar aus einer anderen Aussage des Politikers konstruiert.

Not werde Menschen zwingen, sich zu beugen; das soll laut eines Facebook-Beitrags vom 18. Januar der Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble (CDU) einmal gesagt haben. Dazu steht, dass dies der „bösartigste Satz“ sei, den je ein deutscher Politiker sagte. Eine Quelle zum angeblichen Zitat wird nicht angegeben.

Hat Schäuble das jemals so gesagt? Wir konnten dafür keine Belege finden.

Der Facebook-Beitrag mit dem angeblichen Schäuble-Zitat. (Screenshot: CORRECTIV)

Das angebliche Schäuble-Zitat wurde offenbar aus einer anderen Aussage von ihm konstruiert

Eine Google-Suche nach dem angeblichen Zitat im Wortlaut führt zu einer möglichen Quelle: einem knapp 50-sekündigen Youtube-Video von 2015, offenbar ein Mitschnitt eines Gesprächs, das auf dem TV-Sender Phoenix ausgestrahlt wurde. Oben links ist dessen Logo zu sehen. Der Titel des Videos: „Schäuble: ‘Die Not wird die Menschen zwingen, sich zu beugen’“.

Ab Sekunde 00:20 sagt Schäuble, dass man aus Fehlern und Irrtümern lerne und er deshalb „bei allen krisenhaften Zuspitzungen im Grunde entspannt“ sei. Als er gefragt wird, warum, antwortet Schäuble: „Weil, wenn die Krise größer wird, werden die Fähigkeiten, Veränderungen durchzusetzen, größer.“

Hier wird im Video ein Untertitel eingeblendet, in dem steht: „Oder anders gesagt: ‘Die Not wird die Menschen zwingen, sich zu beugen’“. Dies sagt Schäuble aber nicht.

Das Youtube-Video, in dem aus Schäubles Aussage ein anderes Zitat konstruiert wird. (Screenshot: CORRECTIV)

Eine Suche nach der entsprechenden Phoenix-Sendung zeigt, dass es sich um eine Diskussion über die Finanzstabilität in Europa im September 2011 handelte. Schäuble (damals Finanzminister) sprach dabei mit Helmut Schmidt (SPD). 

Das angebliche Zitat lässt sich nirgends finden

Schäuble hat die Aussage in der Sendung demnach nicht so getätigt, sondern das Zitat wurde in einem nachbearbeiteten Video als Untertitel eingeblendet; es handelt sich um eine Interpretation seiner eigentlichen Aussage.

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Eine Suche im Google-News-Archiv und der Pressedatenbank Genius führte zu keinem Ergebnis. Wir können demnach auch keine Belege dafür finden, dass Schäuble sich jemals öffentlich so geäußert hat. Die Faktenchecker der DPA kamen zum gleichen Ergebnis. Sie haben beim Büro von Schäuble angefragt und um eine Einschätzung gebeten, jedoch keine Antwort erhalten.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege, dass Schäuble jemals dieses Zitat sagte. Es wurde offenbar aus einer anderen Aussage von ihm konstruiert.

Collage Busfahrer Corona
Dieser Facebook-Beitrag mit Bildern von der Evakuierung englischer Staatsbürger suggeriert, die Busfahrer hätten entweder fahrlässig gehandelt oder seien nicht genug geschützt worden. (Screenshot: CORRECTIV)

von Till Eckert

In einem Facebook-Beitrag werden mehrere Fotos eines Transports englischer Staatsbürger, die aus dem chinesischen Wuhan evakuiert wurden, gezeigt. Die Fahrer der Busse trugen keine Schutzmasken. Die Fotos sind echt, ihnen fehlt aber Kontext.

„Evakuierung aus Wuhan – Wo sind die Schutzmasken für die Busfahrer?“, steht in einem Facebook-Beitrag vom 31. Januar als Beschreibungstext für drei Fotos, auf denen Busfahrer in ihren Fahrzeugen zu sehen sind. Neben oder hinter ihnen befindet sich jeweils eine Person im Schutzanzug, die Fahrer selbst jedoch tragen keine Maske. 

Der Beitrag suggeriert, die Busfahrer hätten fahrlässig gehandelt oder seien von ihren Arbeitgebern in Gefahr gebracht worden. Wir haben den Kontext der Fotos recherchiert. 

Fotos sind echt: Englische Busfahrer transportieren Evakuierte nach Ausbruch des Coronavirus 

Eine Bilder-Rückwärtssuche über Google zum oberen Foto führte uns zu einem Artikel auf der britischen Nachrichtenseite Gloucestershire Live. Das Bild wurde dort verwendet. In der Bildunterschrift steht, die Fahrer hätten die Passagiere von einem Flughafen der englischen Luftwaffe ins Arrowe Park Krankenhaus in Merseyside gebracht. Das stimmt, wie eine Suche nach „Arrowe Park Hospital“ in der Bilddatenbank Gettyimages zeigt – dort sind alle drei Fotos aus dem Facebook-Beitrag zu finden (Foto 1, Foto 2, Foto 3). 

Als Bildinformation ist bei allen drei Fotos angegeben: „Ein Konvoi von Reisebussen transportiert am 31. Januar 2020 83 Briten und 27 ausländische Staatsangehörige, die nach einem Coronavirus-Ausbruch aus Wuhan evakuiert wurden, von der Luftwaffenbasis Brize Norton zum Arrowe Park Krankenhaus in Merseyside, wo sie unter Quarantäne gestellt werden.“

Dass die Busfahrer also Menschen transportierten, die aus Wuhan evakuiert wurden und möglicherweise erkrankt sein könnten, ist richtig. Doch warum trugen sie keine Schutzmasken?

Englisches Gesundheitsministerium: Schutzmasken waren nicht notwendig

Das Busunternehmen Horsemen Coaches veröffentlichte auf seiner Webseite ein Statement zu dem Fall. Demnach seien „irreführende Medienberichte“ über die Sicherheit der Fahrer und Passagiere im Umlauf. Das Unternehmen habe allen Fahrern, die an der Rückführung der Passagiere beteiligt waren, persönliche Schutzausrüstung zur Verfügung gestellt. Regierungsbeamte hätten aber mitgeteilt, dass diese nicht notwendig sei, weil bereits andere Vorkehrungen durch das englische Gesundheitsministerium getroffen worden seien. „Regierungsbeamte haben bestätigt, dass das Tragen eines Schutzanzuges durch die Fahrer bei der Fahrt ein größeres Risiko für die Sicherheit des Passagiere darstellt.“

Das Statement des Busunternehmens Horsemen Coaches auf Englisch. (Screenshot: CORRECTIV)

Am 1. Februar sendete das englische Gesundheitsministerium ein Schreiben an das Unternehmen, das öffentlich zugänglich ist (PDF). Darin werden die getroffenen Vorkehrungen geschildert: „In diesem Fall wurden alle Passagiere des Fluges bei der Ankunft im Vereinigten Königreich von medizinischem Personal überprüft, und keiner zeigte irgendwelche Symptome des neuartigen Coronavirus (2019-nCoV). Die Mediziner, die die Gruppen begleiteten, trugen Schutzausrüstung als Vorsichtsmaßnahme für den Fall, dass jemand auf der Reise erkrankt, damit sie sofort reagieren können, ohne während des Transits Schutzausrüstung anziehen zu müssen. Keiner der Passagiere wurde auf der Reise krank.“ 

Als zusätzliche Vorsichtsmaßnahme sei durch die Sitzordnung sichergestellt worden, dass die Fahrer während der Fahrt keinen engen Kontakt zu den Fahrgästen hatten, so dass diese nicht gefährdet waren und keine Schutzausrüstung benötigten. „Enger Kontakt bedeutet, sich mindestens fünfzehn Minuten lang in einem Umkreis von zwei Metern um eine infizierte Person zu befinden.“ Dafür seien jeweils die fünf ersten Sitzreihen gesperrt worden und Fahrer seien als letztes eingestiegen.

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Das Busunternehmen schrieb in seinem Statement außerdem, dass der Schutzanzug für die fotografierte Person hinter dem Fahrer im oberen Foto notwendig gewesen sei, weil sie mit den transportierten Personen in direktem Kontakt gestanden habe. Obwohl das Gesundheitsministerium versichert habe, dass dies nicht notwendig sei, seien die Busfahrer gebeten worden, nach der Aktion zehn Arbeitstage bei voller Bezahlung zu Hause zu bleiben. Die fünf eingesetzten Busse würden nach einem Reinigungsprozess zur Sicherheit zehn Tage in einer Militäreinrichtung eingeschlossen.

Rund um das neuartige Coronavirus kursieren viele Falschmeldungen und Desinformationen. Das sind unsere bisherigen Faktenchecks dazu:

Unsere Bewertung:
Größtenteils richtig. Die Fotos zeigen einen Transport von Menschen, die aus Wuhan nach England gebracht wurden. Schutzmasken waren jedoch laut dem englischen Gesundheitsministerium nicht notwendig, es seien genügend Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden.

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Honig kann verderben, wenn er einen zu hohen Wassergehalt hat. (Foto: PollyDot / Pixabay)

von Till Eckert

In einem Instagram-Beitrag der Seite „Patenfakten“ wird behauptet, dass Honig nie verderbe und auch nach 3.000 Jahren noch essbar sei. Das stimmt nicht ganz.

„Honig ist das einzige Lebensmittel, dass nie verdirbt. Ihr könntet also durchaus Honig essen, der 3.000 Jahre alt ist“, behauptet die Instagram-Seite „Patenfakten“ in einem Beitrag vom 20. Dezember 2019. Doch stimmt das auch? Wir haben beim Bundeszentrum für Ernährung und beim Deutschen Imkerbund nachgefragt.

Der Instagram-Beitrag mit einer teilweise falschen Behauptung zu Honig. (Screenshot: CORRECTIV)

Zu hoher Wassergehalt kann Honig gären lassen

Harald Seitz vom Bundesamt für Ernährung, das auf seiner Webseite über Honig informiert, schrieb auf unsere Anfrage per E-Mail: „Die Haltbarkeit von Honig ist abhängig von der Qualität des Honigs und von den Lagerbedingungen. Je höher der Zuckergehalt, je niedriger der Wassergehalt eines Honigs und je homogener der Honig bereits bei der Abfüllung ist, umso besser sind die Voraussetzungen für eine lange Haltbarkeit.“

Laut Seitz beeinflussen Imker bereits bei der Honigernte und -bearbeitung die Haltbarkeit. Diese legten auch selbst das gesetzlich vorgeschriebene Mindesthaltbarkeitsdatum fest, meist zwei Jahre. „Bei Honigen mit höherem Wassergehalt (z. B. Heidehonig) oder saureren Honigen (z. B. Gamander-Honig, Honig aus dem Blütennektar von Lippenblütlern der Pflanzengattung Gamander) ist meist ein Mindesthaltbarkeitsdatum von 12 Monaten angegeben“, schreibt Seitz. Grundsätzlich solle man darauf achten, ob der Honig gleichmäßig aussieht und keinen Fremdgeruch habe. Dann sei alles in Ordnung. 

„Es kann jedoch passieren, dass Honig umkippt und zu gären beginnt“, schreibt Seitz. Das könne zum Beispiel der Fall sein, wenn der Honig einen zu hohen Wassergehalt habe. Dann könnten sich Hefen vermehren und den Zucker zu Kohlendioxid und Alkohol abbauen. „Der Deckel wölbt sich dann eventuell und es kann beim Öffnen des Honigglases ein wenig zischen. Ein gegorener Honig riecht fruchtig oder säuerlich-alkoholisch. Auf der Oberfläche des Honigs bilden sich kleine Bläschen, bei stärkerer Gärung auch Schaum. Sie sollten vergorenen Honig nicht mehr verzehren.“

Imkerbund empfiehlt: Honig so lange verzehren, wie er schmeckt

Auch Olaf Lück, der Geschäftsführer des Deutschen Imkerbunds, schreibt per E-Mail: „In der Tat ist Honig tatsächlich sehr lange haltbar – vorausgesetzt, er wird dunkel, kühl und trocken gelagert.“ Honig könne aber sortenabhängig verderben, beziehungsweise säuern, wenn der Wassergehalt über 18 Prozent liege. „Dann können zuckerliebende Hefen, die sich in der Luft befinden und im Glas mit eingeschlossen sind, vermehren, da genügend nicht an Zucker gebundenes Wasser vorhanden ist. Dann wird durch die Verstoffwechselung der Hefen aus den Zuckern Alkohol; der Honig gärt. Dieses Produkt ist im Ergebnis als Met bekannt.“ Der Imkerverband legt in seinen Qualitätsrichtlinien für die Bezeichnung „Echter Deutscher Honig“ fest, dass der Wassergehalt unter 18 Prozent liegen müsse.

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Honig aus angefangenen Gläsern könne auch solange verzehrt werden, „wie er schmeckt“, schreibt Lück. Gärenden Honig könne man  sogar noch zum Backen verwenden. „Für länger bereits geöffnete Gläser empfehlen wir, kurz zu probieren und dann entscheiden, ob aufs Brot oder in den Kuchen.“

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Honig kann sortenabhängig verderben, wenn der Wassergehalt zu hoch ist; richtig gelagert ist er aber sehr lange haltbar.

China Outbreak
Eine Krankenschwester spricht am 26. Januar 2020 nahe eines Krankenhauses in Wuhan am Telefon. (Foto: picture alliance / AP Photo)

von Till Eckert

Die Webseite Connectiv Events spekuliert, dass die Todesfälle durch das neue Coronavirus in Wuhan auch einem von „5G verursachten Zellabbau“ zugeschrieben werden könnten – die Strahlung könne zu „grippeähnlichen Symptomen“ führen. Das stimmt nicht.

Zum Coronavirus sind einige unbelegte, teils falsche und irreführende Behauptungen im Umlauf, die wir bereits überprüft haben. Die Webseite Connectiv Events bringt die Erkrankung in einem Artikel vom 27. Januar jetzt spekulativ mit dem neuen Mobilfunkstandard 5G in Verbindung, weil dieser in Wuhan vorhanden sei. 

„Was ist, wenn die Todesfälle kein Virus sind, sondern ein durch 5G verursachter Zellabbau, der die Auswirkungen eines Virus nachahmt“, steht in dem Artikel. Und: „Die Exposition gegenüber 5G-Wellen führt zu grippeähnlichen Symptomen.“ Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle bisher mehr als 2.600 Mal geteilt. Wir haben die Behauptung überprüft.

Der Artikel von „Connectiv Events“ mit den Behauptungen über 5G. (Screenshot: CORRECTIV)

Bundesamt für Strahlenschutz: „5G verursacht weder Zellabbau noch grippeähnliche Symptome“

5G steht für die fünfte Mobilfunkgeneration. Sie soll Daten schneller übertragen und weniger Strom verbrauchen. Das wird laut Bundesamt für Strahlenschutz zu einem „deutlichen Ausbau der Sendeanlagen“ führen. Einige Menschen gehen davon aus, dass dadurch die Strahlenbelastung steigen und gefährlich für den Menschen werden könnte. Dafür gibt es aktuell jedoch keine Belege

Laut der Webseite „Ookla“, die den 5G-Ausbau nach eigenen Angaben anhand „verifizierter öffentlicher Quellen“ verfolgt, ist 5G in Wuhan tatsächlich verfügbar, über alle drei großen chinesischen Mobilfunkanbieter. 

Doch egal, ob 5G in einer Region auf der Welt verfügbar ist oder nicht, eine Sprecherin des Bundesamtes für Strahlenschutz gibt auf CORRECTIV-Anfrage per E-Mail Entwarnung: Elektromagnetische Strahlung könne keine solchen Auswirkungen haben. „5G verursacht weder Zellabbau noch grippeähnliche Symptome. 5G kann (wie alle Felder von Mobilfunksendeanlagen, also auch 2G, 3G, 4G) höchstens eine geringfügige, nicht wahrnehmbare Erwärmung verursachen, die sich vor allem auf die Körperoberfläche beschränkt (und die Lunge nicht erreicht).“

Aus der E-Mail des Bundesamt für Strahlenschutz. (Screenshot: CORRECTIV)

Dass die Menschen in Wuhan also aufgrund von 5G starben, kann ausgeschlossen werden. Die Übertragung des Virus von Mensch zu Mensch ist inzwischen durch erste Studien belegt. Demnach wurde zum Beispiel eine Person infiziert, die nie selbst in Wuhan war und nur Kontakt zu Familienmitgliedern hatte, die dort gewesen waren. 

Todesfälle durch das neue Coronavirus 

Durch das im chinesischen Wuhan ausgebrochene neue Coronavirus sind nach übereinstimmenden Angaben des chinesischen Gesundheitsministerium und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bislang 132 Menschen gestorben (Stand 29. Januar). Die Zahlen zu Erkrankten und Verdachtsfällen steigen derzeit täglich, am 29. Januar gab es laut WHO weltweit mehr als 6.000 bestätigte Infektionen. Wie das Auswärtige Amt mitteilt, handele es sich um eine neuartige Lungenerkrankung, die sich in andere Länder ausbreitet (PDF).

Seit dem 23. Januar steht die Provinz Hubei laut Auswärtigem Amt unter Quarantäne, es seien von den chinesischen Behörden „Reisebeschränkungen in der Stadt Wuhan und anderen Städten in der Provinz Hubei erlassen“ worden. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Todesfälle durch das neue Coronavirus hatten nichts mit 5G zu tun.

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Das Video des Youtube-Kanals „Odysseus“ über das Coronavirus. (Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann , Till Eckert

Ein alarmierendes Youtube-Video über das Coronavirus in China geht derzeit viral, es wird auch über Whatsapp verbreitet. Viele der Behauptungen sind übertrieben oder falsch und führen deshalb in die Irre.

Einige der Informationen im Text können bereits veraltet sein, weil sie den Stand vom 28. Januar 2020 abdecken. Aktuellere Infos schreiben wir in Updates unter den Text.

„Die Corona-Pandemie ist weitaus schlimmer als man euch glauben machen will. Sie ist viel, viel, viel schlimmer“, leitet ein Sprecher in ein rund zehnminütiges Video ein, das am 23. Januar auf dem Kanal „Odysseus“ veröffentlicht wurde und mittlerweile über 530.000 Mal aufgerufen wurde. Es wird derzeit offenbar stark über Whatsapp verbreitet, Leser haben es uns mit der Bitte um Überprüfung geschickt. 

Im Video sind verschiedene Bilder und Videos zu sehen, angeblich aus dem chinesischen Wuhan. Ein Sprecher berichtet dazu in alarmierendem Tonfall von der angeblich katastrophalen Lage in der Stadt durch den Ausbruch des Coronavirus. Wir haben seine Aussagen und stichprobenartig einige der gezeigten Bilder überprüft. Viele der Behauptungen sind unbelegt oder irreführend.

Hintergrund ist der Ausbruch eines neuen Coronavirus in Wuhan

Hintergrund des Videos ist der Ausbruch eines neuen Coronavirus (Fachbegriff: 2019-nCoV) im Dezember 2019 im chinesischen Wuhan. Wie das Auswärtige Amt mitteilt, handele es sich um eine neuartige Lungenerkrankung, die sich in andere Länder ausbreitet (PDF).

Seit dem 23. Januar steht die Provinz laut Auswärtigem Amt unter Quarantäne, es seien von den chinesischen Behörden „Reisebeschränkungen in der Stadt Wuhan und anderen Städten in der Provinz Hubei erlassen“ worden. Eine Ausreise mit Zug, Flug, Bus oder Fähre sei derzeit nicht möglich. Das Auswärtige Amt rät aktuell von „nicht notwendigen Reisen“ in die Provinz Hubei in China ab (eine sogenannte Teilreisewarnung). Nicht erforderliche Reisen nach China sollten nach Möglichkeit verschoben werden.

(Quelle: Auswärtiges Amt)

Gibt es wirklich eine „Pandemie“ des neuen Coronavirus?

Schon im Titel des „Odysseus“-Videos steht, es gebe eine „Corona-Pandemie“. Das ist übertrieben. Von einem „Ausbruch“ einer Krankheit spricht man laut Robert-Koch-Institut, wenn „die Anzahl von Personen mit einer bestimmten Infektionskrankheit in einer bestimmten Region und/oder einem bestimmten Zeitraum die erwartete Anzahl dieser Erkrankungen übersteigt“. Das ist laut WHO beim neuen Coronavirus der Fall, sie nennt die Situation „Ausbruch“ und spricht von einer „sich entwickelnden epidemischen Situation“. 

Von einer Epidemie spricht man laut dem schweizerischen Bundesamt für Gesundheit, wenn „wenn eine Infektionskrankheit stark gehäuft, örtlich und zeitlich begrenzt auftritt“.

Und bei einer Pandemie handelt es sich laut Robert-Koch-Institut um „eine weltweite Epidemie“. Diese Situation ist nach den bisherigen Angaben der WHO zum Coronavirus bislang aber nicht eingetroffen. So wurde bislang kein internationaler Gesundheitsnotstand ausgerufen. Nach Ansicht einiger Mitglieder des Notfallkomittees der WHO, das am 22. Januar tagte, sei es dafür „zu früh“. Es gebe jedoch innerhalb des Komitees unterschiedliche Ansichten dazu. 

Der Virologe Christian Dorsten von der Charité Berlin sagte im Interview mit der Tagesschau am 22. Januar auf die Frage, ob es zu einer Pandemie kommen könnte: „Wir haben die Erkrankung jetzt rein formal auf mehr als einem Kontinent, nur lässt sich das in diesem Fall ja an eine klare Reisegeschichte koppeln. Deswegen sind wir längst noch nicht bei einer Pandemie.“

Neuer Coronavirus gefährlicher als SARS-Virus?

Im Video von „Odysseus“ wird ab Minute 0:40 behauptet, das neue Coronavirus sei eine mutierte Form des SARS-Virus und viel gefährlicher. Die Behauptung ist unbelegt. Eine Prognose ist nicht möglich, da sich die Zahlen zu Erkrankten und Todesopfern jeden Tag verändern. Nach bisherigem Stand sagen jedoch  Experten laut der chinesischen Regierung, das neue Virus sei weniger tödlich als SARS. 

SARS (Severe Acute Respiratory Syndrome) ist wie das neue Virus ein Coronavirus. Laut Science Media Center sind beide genetisch verwandt, die Ähnlichkeit beträgt etwa 70 Prozent. SARS und eine andere Virenart namens MERS (Middle East Respiratory Syndrome) hätten ihren Ursprung in Fledermäusen und seien auf Märkten durch Zibetkatzen beziehungsweise Dromedare auf Menschen übertragen worden. Auch bei dem neuen Coronavirus gibt es nach CORRECTIV-Recherchen Hinweise, wenn auch keine Belege, dass sich einige Menschen in einem Markt in Wuhan ansteckten, dem Huanan Seafood Market, auf dem auch exotische Tiere verkauft wurden. 

Laut WHO wurde das SARS-Virus Anfang 2003 in China entdeckt. Insgesamt seien von November 2002 bis Juli 2003 8.096 Fälle weltweit bekannt geworden. Davon seien 774 Menschen gestorben (PDF, Seite 6). Das entspreche einer Sterblichkeitsrate von 9,6 Prozent. In Verbindung mit dem MERS-Virus gab es weltweit seit 2012 laut WHO 858 Todesfälle, bei 2.494 bestätigten Infektionen (34,4 Prozent Sterblichkeitsrate). 

Für das neue Coronavirus meldet die chinesische Gesundheitsbehörde aktuell 4.515 bestätigte Fälle und 106 Todesopfer (Stand 28. Januar). Außerhalb Chinas sind laut WHO bisher 37 Fälle bestätigt (Stand 27. Januar). 

Bisher vor allem ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen von neuem Virus betroffen

„Todesfälle traten allerdings bisher vor allem bei Patienten auf, die bereits zuvor an schweren Grunderkrankungen litten“, schreibt das Robert-Koch-Institut. Auch in einer Studie, die am 24 Januar im Journal The Lancet veröffentlicht wurde, steht, dass von den ersten 41 Patienten 13 eine Vorerkrankung wie Diabetes oder Herzkreislauferkrankungen hatten. Sechs der 41 seien gestorben. Das Durchschnittsalter aller 41 Patienten sei 49 Jahre. 

WHO-Experte David Heymann sagte uns am Telefon, nach aktuellem Wissensstand sei das neue Coronavirus nicht so tödlich wie das SARS-Virus. An SARS seien Menschen aller Altersgruppen gestorben, bei dem neuen Virus seien es bisher vor allem ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen wie Diabetes. 

Ähnliches sagte in einer offiziellen Pressekonferenz der chinesischen Regierung am 22. Januar Zhong Nanshan, ein Experte, der laut Medienberichten 2003 maßgeblich zu der Erforschung des SARS-Virus 2003 beitrug: „Es ist nicht so ansteckend und virulent wie SARS. Ich denke, es gibt einen Unterschied zwischen dem neuen Coronavirus und SARS bezüglich der Schwere und Ausbreitung der Krankheit.“

Die Inkubationszeit kann kürzer als 14 Tage sein und es tritt fast immer Fieber auf

Im Video wird behauptet, die Inkubationszeit für das Virus betrage 14 Tage und es müsse kein Fieber auftreten. Das mache das Virus besonders gefährlich, weil eine Infektion spät erkannt werde. Das ist größtenteils falsch. Die Inkubationszeit kann viel kürzer als 14 Tage sein. Außerdem scheint Fieber fast immer aufzutreten. In einem Kommentar zu den Forschungsergebnissen im Journals The Lancet schreibt David Heymann, die Studien zeichneten das Bild eines Virus mit drei bis sechs Tagen Inkubationszeit, das Fieber, Husten und Muskelschmerzen auslöse, teilweise auch Durchfall und Kurzatmigkeit. 

Das Robert-Koch-Institut spricht von „bis zu 14 Tagen“ Inkubationszeit, die WHO nennt jedoch nach neueren Schätzungen (Stand 27. Januar) zwei bis zehn Tage. 

In der Studie in The Lancet wurde außerdem festgestellt, dass fast alle der ersten 41 Patienten Fieber hatten (98 Prozent). Die anderen häufigen Symptome waren Husten (76 Prozent) und Muskelschmerzen oder Erschöpfung (44 Prozent). Von juckendem, rotem Hautausschlag mit schwarzen Punkten, der in dem „Odysseus“-Video erwähnt wird, ist nirgends die Rede. In einem Interview mit der Tagesschau sagte der Virologe Hartmut Hengel, er habe noch nie von solchen Symptomen gehört, auch nicht bei SARS.

Ist wirklich keine Heilung möglich? 

Es wird im „Odysseus“-Video zudem behauptet, Ärzte könnten betroffenen Menschen nicht helfen, der Virus könne nur „mit eigener Körperkraft besiegt“ werden (Minute 05:19). Das ist größtenteils richtig, allerdings wird hier ebenfalls die Situation dramatisiert.

In der Studie, die auf The Lancet veröffentlicht wurde, schreiben die Forscher: „Keine antivirale Behandlung der Coronavirus-Infektion hat sich als wirksam erwiesen.“ Und: „Da es sich bei 2019-nCoV um ein neu entstehendes Virus handelt, wurde bisher keine wirksame Behandlung für Krankheiten entwickelt, die auf dieses Virus zurückzuführen sind.“

In einem Erklärvideo der WHO sagt eine Sprecherin: „Es gibt keine spezifischen Behandlungsmöglichkeiten für Coronaviren, aber die Symptome können behandelt werden.“ In Wuhan wird derzeit laut chinesischen Medien ein Krankenhaus mit 1.000 Betten für Corona-Patienten gebaut, das am 3. Februar eröffnet werden soll. Laut Medienberichten suchen Forscher derzeit nach einem Impfstoff. 

Haben Ärzte schon am 12. Januar geraten, die Stadt Wuhan abzuriegeln?

Im „Odysseus“-Video wird ab Minute 02:30 behauptet, schon am 12. Januar hätten „Ärzte empfohlen, die Stadt Wuhan abzuriegeln, weil die Situation völlig außer Kontrolle“ sei. Dazu konnten wir mit Google-Suchen nach „doctors warning Wuhan“ und „Wuhan quarantine“ am 12. Januar keine Meldung finden. Die Behauptung ist unbelegt.

Die WHO schrieb am 12. Januar in einer Mitteilung: „Die WHO rät von jeglichen Reise- oder Handelsbeschränkungen auf China auf der Grundlage der derzeit verfügbaren Informationen über die Situation ab.“

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ZUM ARTIKEL

Kippen Menschen auf offener Straße um? 

Das „Odysseus-Video“ zeigt ab Minute 08:00 außerdem Fotos und Videos, auf denen Menschen auf dem Boden liegen, teilweise blutend. Sie stammen angeblich aus Wuhan und sollen Menschen zeigen, die am Coronavirus erkrankt sind. Im Video wird dazu behauptet, Menschen würden auf offener Straße „einfach umkippen“.

Wir haben einige dieser Videos stichprobenartig überprüft, konnten jedoch nicht verifizieren, ob sie tatsächlich aus Wuhan stammen und mit dem Coronavirus in Zusammenhang stehen. Einige von ihnen wurden in Boulevardmedien aufgegriffen oder in Blogbeiträgen verlinkt und zumindest am 23. Januar hochgeladen. Mehr können wir aktuell nicht zu den Videos sagen. 

Berichten die Medien nicht über das Coronavirus?

An mehreren Stellen im „Odysseus“-Video wird behauptet, konventionelle deutsche Medien würden nicht oder nicht ausreichend über das Coronavirus berichten oder wichtige Informationen verschweigen. Das stimmt nicht. Deutsche Medien berichten mindestens seit dem 6. Januar regelmäßig über das Coronavirus, unter den ersten Medien war nach einer Google-Suche die Deutsche Welle (6. Januar) und Focus Online (7. Januar). 

Auch die Behauptung, die Medien würden „die wirkliche Gefahr“ und die Quarantäne verschweigen oder die Lage in der Region Hubei herunterspielen, stimmt nicht. Die Tagesschau berichtete etwa schon am 23. Januar, als das „Odysseus“-Video hochgeladen wurde, über die Quarantäne, die Abriegelung von Wuhan sei „beispiellos“. 

Auch die Frage, wie gefährlich das Virus ist, wird von Medien thematisiert. Die Tagesschau befragte dazu den Virologen Christian Dorsten von der Charité Berlin, das ZDF-Morgenmagazin Lothar Wieler, den Präsidenten des Robert-Koch-Instituts.  

Handlungsempfehlungen – öffentliche Plätze meiden? 

Im „Odysseus“-Video gibt der Sprecher ab Minute 06:40 verschiedene Handlungsempfehlungen. Er sagt zum Beispiel, man sollte Menschenansammlungen vermeiden. Alle Menschen, die aus Asien einreisen würden, könnten potenzielle Überträger sein. Diese Empfehlungen werden durch die des Auswärtigen Amts und der WHO so nicht bestätigt. Sie empfehlen vor allem, 

  • gut auf Hygiene sowie Husten- und Niesetikette zu achten, 
  • Kontakt mit Personen zu vermeiden, die an Atemwegserkrangungen leiden,
  • Märkte zu vermeiden, auf denen tote Tiere verkauft werden,
  • Kontakt mit wilden Tieren zu vermeiden,
  • bei Fieber, Husten oder Atemschwierigkeiten einen Arzt aufzusuchen.

Das Robert-Koch-Institut schätzt die Möglichkeit einer Ausbreitung in Deutschland derzeit als gering ein, weist aber darauf hin, dass einzelne Fälle auftreten können. Es gibt bisher einen bestätigten Fall – in Bayern. Das European Center for Disease Control and Prevention schätzt das Risiko einer Ausbreitung in Europa als moderat ein. Für weltweit auftretende Fälle schätzt die WHO das Risiko derzeit als hoch ein (Stand 27. Januar). 

Fazit

Das neue Coronavirus beschäftigt derzeit Forscher, Experten und offizielle Stellen weltweit, internationale und nationale Organisationen informieren fast täglich über den neuesten Stand. Vieles zum Ausbruch des Virus ist noch nicht geklärt oder belegbar. 

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Die Behauptung im „Odysseus“-Video, der Kanal habe geheime, exklusive Informationen zu der Gefahr durch das Virus, lässt sich nicht bestätigen. Im Gegenteil: Es verbreitet auf dramatisierende Weise unbelegte, irreführende und falsche Behauptungen.

Update, 31. Januar 2020:

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat am 30. Januar eine “gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite” ausgerufen. Diese Maßnahme kann sie ergreifen, wenn sie mehrere Länder von einer Epidemie bedroht sieht und eine koordinierte internationale Antwort für erforderlich hält.

Außerdem: Die Zahl der infizierten Menschen und Todesfälle verändert sich derzeit jeden Tag. Die Johns-Hopkins-University (US) hat ein Datenportal erstellt, in dem jeweils ein aktueller Stand aus den Daten der WHO, Gesundheitsbehörden in Europa, USA und China sowie der chinesischen Mediziner-Plattform DXY zu finden ist.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Das „Odysseus“-Video verbreitet unbelegte, irreführende und teils falsche Behauptungen zum Ausbruch des Coronavirus.

Belgium, Brussels: German Chancellor Angela Merkel
Angela Merkel am 13. Dezember 2019 vor dem Europäischen Rat. (Foto: Zucchi / picture alliance / ROPI)

von Till Eckert

In einem Facebook-Beitrag ist ein angebliches Zitat von Angela Merkel zu einer „Welle der Gewalt“ durch den Islam zu lesen. Dafür, dass die Kanzlerin dies sagte, lässt sich aber kein Beleg finden.

Die Facebook-Seite „Blickwinkel 90 Grad“ veröffentlichte am 18. Januar ein Bild von Angela Merkel neben dem Satz „Wir sind gezwungen, unser System dem Islam anzupassen, um einer Welle von Gewalt, vorzubeugen (sic!)“ zu sehen ist. So wirkt es, als handele es sich um ein Zitat Merkels. Eine Quelle wird nicht angegeben. Der Beitrag wurde bisher mehr als 260 Mal geteilt (Stand 21. Januar 2020). 

Der Facebook-Beitrag mit dem angeblichen Zitat. (Screenshot: CORRECTIV)

Zitat lässt sich im Netz nicht finden

Wir haben über die reguläre Google-Suche, über das Google-News-Archiv und die Pressedatenbank Genios nach dem angeblichen Merkel-Zitat im Wortlaut gesucht – und wurden nicht fündig. 

Über eine Stichwortsuche bei Google nach „Merkel Islam System Gewalt“ gelangt man auf die Webseite der Bundeskanzlerin, wo ein Interview aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit Merkel aus dem Jahr 2015 zu lesen ist. Darin spricht sie unter anderem darüber, dass „die meisten Muslime in Deutschland Gewalt ablehnen“ würden und dass die Gesellschaft darauf reagieren müsse, „dass viele Deutsche sich vor dem Islam“ fürchteten. Von „einer Welle der Gewalt“ durch den Islam spricht sie darin allerdings nicht.

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Die Faktenchecker der DPA haben das angebliche Zitat ebenfalls überprüft und kamen wie wir zum Ergebnis: Es gibt keine Belege dafür.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege dafür, dass Merkel je von „einer Welle der Gewalt“ durch den Islam sprach.

gelbewesten
Der Instagram-Beitrag mit einer unbelegten Behauptung zu erblindeten Gelbwesten. (Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Till Eckert

In einem Instagram-Beitrag wird behauptet, in Frankreich seien 2.000 Personen bei Gelbwesten-Protesten durch Polizeigewalt erblindet. Dafür gibt es keine Belege – französische Journalisten zählen weitaus weniger Fälle.

Der Instagram-Nutzer „dreckiger_kommunist“ veröffentlichte am 16. Dezember 2019 einen Beitrag, in dem er behauptet, dass in Frankreich im Zusammenhang mit den Gelbwesten-Protesten etwa 2.000 Menschen durch „die Polizei und ihre Gummigeschosse ihr Augenlicht verloren“ hätten. Eine Quelle liefert er nicht. Der Beitrag hat mehr als 2.400 Likes (Stand: 20. Januar 2020).

Wir haben die Behauptung überprüft.

Innenministerium lässt Frage nach Menschen, die ihr Augenlicht verloren haben, unbeantwortet

Auf eine CORRECTIV-Anfrage beim französischen Innenministerium antwortete ein Sprecher per E-Mail: „Auf Ihre Anfrage hin kann ich Ihnen mitteilen, dass wir zwischen dem 17. November 2018, dem Beginn der ‘Gelbwesten’-Demonstrationen, und dem 16. November 2019, d.h. einem Jahr, etwa 2.500 Verletzte unter den Demonstranten und 1.900 Verletzte bei den Strafverfolgungsbehörden gezählt haben. Darüber hinaus wurden 333 Ermittlungen von der IGPN [Anm.: eine Art Dienstaufsicht der Polizei] und der Polizei eingeleitet, von denen 222 an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet wurden.“

Die Frage nach den Fällen, in denen Menschen ihr Augenlicht verloren hätten, ließ das Innenministerium unbeantwortet. Wir haben deshalb zusätzlich bei den französischen Faktencheckern des Projekts CheckNews der Zeitung Libération angefragt. 

Französische Journalisten gehen von weitaus weniger Fällen aus

Jacquez Pezet, der sich bei seiner Arbeit schon häufiger mit den Gelbwesten-Protesten beschäftigte und früher auch für CORRECTIV.Faktencheck tätig war, schrieb uns: „Ich hatte für Libération bis zum 26. Januar 2019 die schwerverletzten Gelbwesten auf einer Liste gesammelt. Damals kam ich auf die Zahl von 14, die ein Auge verloren haben – das heißt entweder Auge weg, oder das Auge kann gar nicht mehr sehen.“ 

Pezet nennt als „inoffizielle Hauptquelle für Polizeigewalt in Frankreich“ außerdem den Journalisten David Dufresne. Der sammelte zuerst auf Twitter und dann für die investigative Redaktion Mediapart Fälle von Polizeigewalt. Auch die Süddeutsche Zeitung schreibt über Dufresne, dass er „inzwischen von allen französischen Medien zitiert“ werde und „keine der von ihm gemeldeten Verletzungen bislang widerlegt“ wurde. 

„Laut Dufresne, der bis heute Zahlen für Mediapart (kostenpflichtig) sammelt, haben 25 Personen ihr Augenlicht verloren“, schreibt uns Pezet. „Die im Instagram-Post genannte Zahl scheint daher die Verletzten (mehr als 2.000 Personen) mit denen, die ihr Augenlicht verloren haben (25 Personen), zu verwechseln.“

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Es scheint demnach tatsächlich Fälle zu geben, in denen Menschen teilweise oder ganz erblindet sind. Da wir aber keine offizielle Bestätigung für eine mögliche Anzahl erhalten haben, können wir sie nicht verifizieren. Auch ist unklar, wie genau sie verletzt wurden.

Die Gelbwesten-Bewegung startete in Frankreich laut Medienberichten in Sozialen Netzwerken, nachdem 2018 die Benzinpreise stiegen. Seitdem protestieren regelmäßig Menschen in gelben Warnwesten in Frankreich, vor allem in Paris.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege dafür, dass 2.000 Gelbwesten ihr Augenlicht verloren haben – französische Journalisten gehen aktuell von 25 Fällen aus.

APTOPIX Australia Wildfires
Eines der Feuer am 30. Dezember in Australien. (Foto: Glen Morey / dpa)

von Till Eckert

Im Netz kursiert die Behauptung, in Australien seien etwa 180 Menschen wegen Verdacht auf Brandstiftung festgenommen worden, die der „grünen Bewegung“ zugerechnet würden. Dafür gibt es keine Belege.

Eine Facebook-Nutzerin behauptet in einem Beitrag vom 12. Januar, dass in Australien etwa „200 Personen wegen dem Verdacht der Brandstiftung festgenommen“ worden seien. Davon könnten etwa „180 der australischen grünen Bewegung zugerechnet“ werden. Einen Beleg oder eine Quelle dafür liefert die Facebook-Nutzerin nicht. Der Beitrag wurde bisher rund 540 Mal geteilt. Der Ursprung der Behauptung ist womöglich ein Tweet vom 10. Januar. Er wurde bisher mehr als 400 Mal retweetet. 

Der Facebook-Beitrag mit der Behauptung. (Screenshot: CORRECTIV)

Die angegebenen Zahlen sind irreführend

Die angegeben Zahlen stammen vermutlich aus einer Pressemitteilung der Polizei New South Wales, in der steht, dass sie seit dem 8. November 2019 gegen 183 Menschen wegen 205 Buschfeuer-Fällen ermittelte, Verwarnungen aussprach oder Strafanzeige stellte. Die Polizei schlüsselt in der Mittelung aber auch genauer auf: 

  • Gegen 24 Personen wurde wegen mutmaßlich absichtlich angezündeter Buschfeuer ermittelt.
  • Gegen 53 Personen wurde wegen mutmaßlicher Nichteinhaltung eines totalen Feuerverbots ermittelt.
  • Gegen 47 Personen wurde ermittelt, weil sie mutmaßlich eine angezündete Zigarette oder ein Streichholz weggeworfen haben.

Zu den anderen Fällen schreibt die Polizei nichts. Es stimmt demnach zwar, dass Menschen für manche Feuer in der aktuellen Saison die Schuld tragen, oft jedoch aus Fahrlässigkeit. In nur 24 Fällen kann man von mutmaßlicher Brandstiftung sprechen, bei denen absichtlich Feuer gelegt worden sei. Diese Zahlen gelten allerdings nur für den Bundesstaat New South Wales, einen von sieben. 

Die Faktenchecker von AFP haben für einen Artikel (14. Januar) recherchiert, gegen wie viele Personen in dieser Buschfeuer-Saison wegen Brandstiftung ermittelt wurde. Für Victoria liegen keine Daten vor – zählt man alle anderen Fälle zusammen, die die Polizeistationen AFP mitteilten, kommt man auf deutlich weniger als 180 Personen. Sie sollen Brände „absichtlich“ oder „rücksichtslos“ verursacht haben. Manche Bundesstaaten teilten Daten seit September 2019 mit, andere für einen kürzeren Zeitraum. 

Dass also 200 Personen festgenommen wurden, weil sie „Brände gelegt haben sollen“, lässt sich so nicht sagen. Richtig ist: Es gab in den vergangenen Monaten in verschiedenen Bundesstaaten Ermittlungen und Anklagen gegen Menschen, die mutmaßlich fahrlässig handelten oder absichtlich Feuer legten. Die Polizei in Victoria etwa widerspricht der Behauptung, nach der die Feuer hauptsächlich durch Brandstiftung entstanden seien laut einem Bericht des Guardian – es gebe dafür keine Indizien.

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Polizei von New South Wales hat keine Informationen über die Motive der mutmaßlichen Brandstifter

Auf CORRECTIV-Anfrage an die Polizei in New South Wales, ob die Personen, gegen die wegen Brandstiftung ermittelt wurde, der „grünen Bewegung“ zugeordnet werden könnten, antwortete Sprecherin Joanne Elliot: „Die angeklagten Personen sind nun vor Gericht, es gibt jedoch keine unmittelbare Information über ihre Motivation.“ Wegen Brandstiftung angeklagt wurden laut Polizei lediglich die oben genannten 24 Personen. Bei den restlichen Personen lag wie gesagt Fahrlässigkeit vor.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Wales ermittelte gegen etwa 180 Personen, aber nur gegen 24 wegen Brandstiftung. Es gibt keine Belege dafür, dass diese 24 angeklagten mutmaßlichen Brandstifter der „grünen Bewegung“ angehören.

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Über die Medien wird gern behauptet, sie würden Lügen verbreiten und seien fremdgesteuert – viele Behauptungen dazu haben wir bereits als Falschmeldungen entlarvt. (Collage: Ivo Mayr / CORRECTIV)

von Till Eckert

Es ist der ultimative Kampfbegriff: „Lügenpresse!“ Er soll ausdrücken, dass Medien angeblich systematisch Tatsachen verdrehen – oder bewusst nicht über gewisse Themen berichten. Diese Erzählung wird auch mit Falschmeldungen genährt und hat eine düstere Vorgeschichte.

Die Geflüchteten sitzen an Deck, einige haben den Kopf in die Hände gestützt. Sie warten. Das Schiff, auf dem sie sitzen, zieht monoton seine Kreise im Wasser. Seit Wochen darf die „Sea-Watch 3“, die sie am 12. Juni 2019 einige Seemeilen entfernt von der Küste von Libyen aus einem sinkenden Schlauchboot rettete, nicht in Lampedusa anlegen.

Die missliche Lage der Menschen an Bord wird von einer politischen und medialen Debatte überschattet: Matteo Salvini, damals noch Italiens Innenminister, verbietet der Kapitänin des Schiffes, Carola Rackete, in den Hafen einzufahren. Rackete wird das Schiff später trotzdem zur Anlegestelle lenken und von der Polizei abgeführt werden. Ein Gericht entschied letztlich laut Medienberichten: Sie war im Recht. Ende gut, alles gut? Nicht ganz.

Die erfolgreiche Mär von der inszenierten Seenotrettung

Ein bekannter Blog wollte die Geschichte offensichtlich nicht so stehen lassen: Journalistenwatch, ein Leitmedium der Neuen Rechten, spekulierte nach der Veröffentlichung einer ARD-Doku über die „Sea Watch 3“ in einem Artikel, dass es sich bei der Rettung der Menschen lediglich um eine „riesige Medienshow“ gehandelt habe. Die Aktion habe einer „Inszenierung“ mit dem „von vornherein geplanten Ziel, um jeden Preis auf Konfrontation mit den italienischen Behörden zu gehen“ geglichen. Im Text wird zum Beispiel die Frage aufgeworfen, ob die Geflüchteten „extra für die Reportage aufs Meer gebracht“ wurden.

Der öffentlich-rechtliche Sender soll eine Seenotrettung fingiert haben? So eine Meldung hat das Zeug zum viralen Hit – selbst wenn es, wie in diesem Fall, keinerlei Belege oder Indizien für sie gibt. Vielen dürfte der Text die Grundlage geliefert haben, einem alten Narrativ zu glauben, das vor allem über die öffentlich-rechtlichen Medien und ihre Journalisten verbreitet wird: dass sie angeblich lügen. Dass die Presse Tatsachen verdrehe, sie absichtlich weglasse oder von der Politik oder anderen Mächten gesteuert werde. All das wird gerne auf ein Wort komprimiert: „Lügenpresse”. 

Der Beitrag von Journalistenwatch. (Screenshot: CORRECTIV)

Wohl auch, weil er dieses Narrativ bediente, schaffte es der Artikel von Journalistenwatch trotz fehlender Fakten in kürzester Zeit zu hoher Reichweite, wurde mehr als 750 Mal auf Facebook geteilt und fand prominente Verbreiter. So teilte der ehemalige Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen den Artikel auf Twitter, auch AfD-Bundestagsabgeordnete sprangen auf. Zumindest Maaßen löschte seinen Tweet später wieder. Der Schaden war zu diesem Zeitpunkt aber schon angerichtet. 

Vorwürfe stellen sich oft als haltlos heraus

Im Verfassungsschutzbericht 2016 wird der „Lügenpresse“-Begriff als „Taktik rechtsextremistischer Propaganda“ bezeichnet (PDF zum Download, Seite 58). Ziel sei die Diffamierung der etablierten Medien. „Diese werden – vor allem im Zusammenhang mit der Zuwanderungsdebatte – als verlängerter Arm der gleichfalls verachteten verantwortlichen staatlichen Stellen betrachtet“, schreibt der Verfassungsschutz. Und: „Die Medien – so der Vorwurf – berichteten einseitig im Sinne der Regierung und wiesen vor allem auf die mit der Einwanderung verbundenen gesellschaftlichen Chancen hin.“ Nachteile, Risiken sowie die vermeintliche, oben geschilderte „Bedrohungslage“ für das deutsche Volk würden nach diesem Narrativ angeblich verschwiegen. 

Diesen Vorwurf, Medien würden angebliche Bedrohungen verschweigen, sieht unser Faktencheck-Team immer wieder im Netz. Meistens ist er haltlos. In einem viel geteilten Facebook-Beitrag wurde im August 2019 etwa behauptet, ARD und ZDF hätten nicht über einen Mord in Stuttgart berichtet. Das stimmte nicht, beide Sender haben über den Fall berichtet. Und auch wenn viele das nicht wahrhaben wollten: Auch über die Gelbwesten-Proteste in Frankreich oder Bauern-Proteste in den Niederlanden haben die Medien in Deutschland berichtet.

Facebook-Beitrag mit falscher Behauptung, veröffentlicht am 3. August 2019. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir sehen bei unserer Arbeit tatsächlich, dass bei dem Narrativ nur selten wirkliche Fehler von Medien gemeint sind – oder eben „Lügen“. Dass es solche natürlich geben kann, zeigte zuletzt der Fall Relotius. Und Beispiele für Fehler gibt es ebenso: Nach der Silvesternacht 2020 im Leipziger Stadtteil Connewitz übernahmen Journalisten laut Medienberichten etwa vorschnell eine Falschmeldung der Polizei. Wir beobachten aber, ähnlich wie im Verfassungsschutzbericht 2016 aufgeführt, dass das „Lügenpresse“-Narrativ vor allem dann bedient wird, wenn es in eine politische Agenda passt, etwa in Kombination mit Themen wie Migration oder Klimawandel.

„Lügenpresse“-Begriff wurde auch in der NS-Zeit verwendet 

Ralf Klausnitzer vom Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität Berlin geht in einem Videobeitrag für die Bundeszentrale für politische Bildung näher auf den „Lügenpresse“-Begriff und die dahinterstehende Denkweise ein. „Der Begriff ist ein Kampfbegriff, um so etwas wie den Gegner, den anderen, zu stigmatisieren, auszugrenzen, und ihm die Wahrheitsfähigkeit abzusprechen“, sagt er. 

Der Begriff hat laut Klausnitzer außerdem einen „verschwörungstheoretischen Grundgestus“: Wer ihn verwende, unterstelle, dass er im Besitz einer Wahrheit sei und eine Fähigkeit besitze, das angeblich faule Spiel der „Meinungsmacher“ zu durchschauen.

„Der Terminus ist ein gefährlicher Begriff, weil er eine ausdifferenzierte und sehr komplexe Lage auf ein Schlagwort verdichtet und verengt“, sagt Klausnitzer. Er habe außerdem eine Vorgeschichte, die viele nicht kennen würden: Er sei sowohl im Ersten Weltkrieg als auch in der NS-Zeit als bewusste Diffamierung eingesetzt worden, um Informationen, die von der offiziellen Propaganda abwichen oder aus dem Ausland kamen, unglaubwürdig zu machen. 

Die Geschichte des Begriffs „Lügenpresse“ zeigt auch eine Suche mit dem Google-Ngram-Viewer, mit dem man in den digitalisierten Beständen US-amerikanischer und europäischer Literatur suchen kann. Hochzeiten erfuhr „Lügenpresse“ demnach 1917 (während des Ersten Weltkriegs) und 1940, auf dem Höhepunkt der NS-Diktatur. 

Eine Auswertung der deutschen Google-Suchtrends ab 2004 zeigt, dass der Begriff im Netz lange Zeit keine wirkliche Rolle spielte und erst Ende 2014, Anfang 2015 intensiver gesucht wurde – dem Zeitraum, in dem die islamfeindliche Pegida-Bewegung das Wort öffentlichkeitswirksam skandierte, wie beispielsweise ein Videobeitrag des ARD Mittagsmagazins von 2015 zeigt.

Wer im Glashaus sitzt …

Trotz des düsteren geschichtlichen Hintergrunds dieser systematischen Diffamierung der Medien scheinen viele Menschen nicht müde zu werden, das Narrativ von der „Lügenpresse“ zu verbreiten, wann immer es sich anbietet. Anhand verschiedenfarbiger Wetterkarten wurde etwa im Juni 2019 behauptet, die ARD wolle Menschen manipulieren, indem sie die Klimasituation dramatisiere. Die Behauptung stimmte natürlich nicht: Die Karten waren nicht vergleichbar.

Mehrere Facebook-Seiten teilten die Grafik, unter anderem „Gegenwind Deutschland“. (Screenshot und Bearbeitung: CORRECTIV)

Komplett verhoben hat sich auch ein Facebook-Nutzer, der im Dezember 2019 behauptete, das ZDF hätte „wieder einmal Fake-News“ verbreitet: Der Sender habe berichtet, Deutschland sei im Klima-Risiko-Index erstmals unter den Top 3 der am stärksten betroffenen Regionen – für den Nutzer offenbar eine unmögliche Vorstellung. Dabei entsprach der Bericht des ZDF den Fakten

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Ebenfalls im Dezember behauptete ein Facebook-Nutzer, der MDR habe eine Falschmeldung über den Wasserstand der Victoriafälle im Süden Afrikas verbreitet. „Ein erschreckendes Beispiel dafür, dass der Begriff #Lügenpresse durchaus seine Berechtigung findet“, schrieb er. Wir fanden heraus, dass der MDR zwar in seinem Video wichtigen Kontext weggelassen hat – aber: das gleiche traf auch auf den Nutzer in seinem Facebook-Beitrag zu. 

Dieses letzte Beispiel könnte zu einer Art Versöhnung beitragen, zur Erkenntnis, dass alle mal Fehler machen, auch Journalisten – und dass Fehler nicht das gleiche sind wie Lügen.

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie „Narrative der Desinformation“. Außerdem ist erschienen: „Deutschland wird ein islamischer Staat“, „Migration verdrängt deutsche Traditionen“, „Klimawandel? Früher sagte man einfach Sommer!“ und „Die Meinungsfreiheit wird eingeschränkt“.