von Lilith Grull und Frida Thurm
17. Februar 2026
von Lilith Grull und Frida Thurm
17. Februar 2026
Das Wichtigste in Kürze:
Als der neue Pfleger am ersten Arbeitstag in einer Freiburger Klinik seinen Dienst antrat, brachte er seinen Koffer mit. Sein Chef Andreas Bernhard sagt heute, er habe die schlechte Nachricht sofort verstanden. „Der Mann war neu in der Stadt und wusste nicht, wohin“, sagt der Pflegedirektor der Artemed-Kliniken. Die versprochen geglaubte Wohnung: anderweitig vergeben. Bezahlbare Alternativen schienen unauffindbar. Der Pfleger hatte zwar einen sicheren Job, aber stand auf der Straße.
Mieten und Kaufpreise sind in der EU so stark gestiegen, dass sich auch Menschen in systemrelevanten Berufen vielerorts keine Wohnung mehr leisten können: Zwischen 2015 und 2025 wuchsen die Mieten im EU-Durchschnitt um 21,1 Prozent, Kaufpreise sogar um 63,6 Prozent – mit großen regionalen Unterschieden. In deutschen Großstädten sind die Mieten in den letzten zehn Jahren um die Hälfte gestiegen.
Eine Analyse von CORRECTIV.Europe macht erstmals das EU-weite Ausmaß der Wohnungsnot auf lokaler Ebene deutlich – am Beispiel von Pflegefachkräften. Dafür haben wir ihre Einkommen zusammengetragen und mit Daten des Forschungsprojekts ESPON House4All kombiniert. Es hat die durchschnittlichen Angebotsmieten und Kaufpreise in den knapp 100.000 Städten und Gemeinden der EU zwischen März 2024 und März 2025 ermittelt.
Besonders hart treffe es jene, die neu auf den Wohnungsmarkt kommen, fassen die Forschenden im Abschlussbericht zusammen. Sie warnen, die aktuelle Lage sei nur ein Vorgeschmack auf eine noch ernstere Erschwinglichkeitskrise.
Das Ergebnis unserer Auswertung: In mehr als 15 Prozent der Orte in der EU, in Norwegen, Island und der Schweiz reicht das durchschnittliche Gehalt von Pflegefachkräften nicht aus, um eine Wohnung von 45 Quadratmetern zu mieten oder zu kaufen. Diese Städte und Gemeinden sind auf der Karte rot markiert. Kaufpreise sind wichtig, weil die meisten Menschen in Europa in einer eigenen Wohnung oder einem eigenen Haus leben.
Besonders schwer haben es Pflegekräfte in Großstädten, wie etwa in Warschau: Hier würde die Kreditrate mehr als 70 Prozent ihres durchschnittlichen Nettolohns verschlingen.
Teuer ist es auch dort, wo viele Menschen Urlaub machen – in den Bergen und am Meer. Im Wintersportort Garmisch-Partenkirchen: beansprucht das Wohnen zu aktuellen Preisen mehr als die Hälfte eines Pflegelohns.
Von den hohen Preisen sind in Europa deutlich mehr Personen betroffen als es auf den ersten Blick scheint. Denn viele der erschwinglichen Regionen sind eher dünn besiedelt – die teuren dagegen dichter: Mehr als ein Drittel der Menschen in der EU leben in Orten, in denen eine kleine Eigentumswohnung für Pflegekräfte unbezahlbar ist.
Ist Mieten eine Lösung, wenn Kaufen zu teuer ist? Die Karte für Mietwohnungen ist etwas weniger dunkelrot als die fürs Kaufen. Es gibt also weniger extrem teure Gebiete. Trotzdem sind auch hier über 15 Prozent der Städte und Gemeinden für Pflegefachkräfte nicht bezahlbar.
In Paris sieht es für Pflegekräfte eher schlecht aus: Sie müssten mehr als 45 Prozent ihres Gehalts für eine kleine Mietwohnung aufbringen. Deutlich mehr als die 30 Prozent, die noch als bezahlbar gelten.
In Deutschland zeigt sich die Krise im Süden und in den Metropolen. In sieben der zehn größten Städte sind die durchschnittlichen Angebotsmieten mit dem Gehalt von Pflegefachkräften nicht bezahlbar. Doch natürlich brauchen auch diese Städte dringend Pflegekräfte.
Auch in Freiburg liegt die Angebotsmiete durchschnittlich über der 30-Prozent-Grenze.
Diese Analyse basiert auf dem House4All-Projekt des europäischen Forschungsprogramms ESPON. Details zur Methodik des Projekts finden sich hier. House4All bietet eine bislang einzigartige Datenquelle zu Wohnimmobilienpreisen: Zwischen März 2024 und März 2025 wurden wöchentlich Online-Inserate für Miet- und Kaufobjekte in ganz Europa automatisiert erfasst. Insgesamt wurden Daten aus über 100 Millionen Inseraten gesammelt und auf Ebene der LAUs (Local Administrative Units, entspricht in den meisten Mitgliedstaaten den Gemeinden) aggregiert.
Die Mietdaten beziehen sich auf privat angebotene Wohnungen, die online inseriert wurden. In den Angebotsmieten können teils Nebenkosten enthalten sein, sofern sie in den inserierten Mietpreis inbegriffen und nicht gesondert ausgewiesen waren. Sozialwohnungen sowie genossenschaftliche Mietangebote sind nicht einbezogen; möblierte oder Serviced Apartments können jedoch enthalten sein.
Die Daten sind daher nicht repräsentativ für den gesamten Mietmarkt. Sie geben vielmehr Aufschluss über die Situation, mit der Personen konfrontiert sind, die ohne Makler online nach einer neuen Wohnung suchen und nicht auf persönliche Empfehlungen, Kontakte oder Wartelisten zurückgreifen können. Entsprechend umfassen auch die Kaufpreisdaten ausschließlich Objekte, die auf Online-Plattformen angeboten wurden; Verkäufe außerhalb dieser Plattformen sind nicht berücksichtigt.
Einige unerwartet hohe Werte aus dem House4All-Datensatz wurden von uns ausgeschlossen, wenn es sehr wenige Inserate und starke Abweichungen im Vergleich zu benachbarten Gemeinden gab.
CORRECTIV.Europe hat die House4All-Daten mit den Gehältern von Pflegekräften kombiniert, um zu zeigen, wo sich Pflegefachkräfte sich eine 45-Quadratmeter-Wohnung kaufen oder mieten können. Dafür haben wir Daten zu den durchschnittlichen Gehältern von Pflegekräften bei den jeweiligen nationalen Statistikämtern abgefragt.
Wo verfügbar, wurden regionale Einkommensdaten verwendet, andernfalls nationale Daten (bereitgestellt von den nationalen Statistikämtern oder – falls nicht verfügbar – aus einem OECD-Datensatz). Zur Berechnung der Nettoeinkommen kamen die durchschnittlichen Steuersätze aus dem Datensatz von Eurostat zum Einsatz. Historische Wechselkurse zur Umrechnung aller Werte in Euro wurden von exchange-rates.org bezogen.
Für die Berechnung der Leistbarkeit von Mieten haben wir angenommen, dass alles bis zu 30 Prozent des Nettoeinkommens als leistbar gilt. Diese sogenannte 30-Prozent-Regel wird häufig als Faustregel verwendet und wurde – mangels präziserer Messgrößen – von Wissenschaftlern der Harvard University als stabiler Indikator für Wohnkostenbelastung eingestuft.
Zur Berechnung der Leistbarkeit eines Wohnungskaufs für Pflegekräfte wurde dieselbe Methodik wie im House4All-Projekt angewandt: Es wurden die dort erfassten Hypothekenzinsen genutzt und mit derselben Formel die monatliche Rückzahlungsrate für ein Darlehen mit 30-jähriger Laufzeit berechnet.
Die durchschnittliche Wohnfläche pro Kopf in der EU liegt knapp unter 40 Quadratmetern. Deshalb konzentrieren wir uns auf die zweite von vier von ESPON analysierten Wohnungsgrößen (25, 45, 75 und 100 Quadratmeter). Wo verfügbar, wurde der Quadratmeterpreis für Wohnungen der 45-Quadratmeter-Kategorie (die Objekte zwischen 30 und 60 Quadratmetern umfasst) auf Ebene der jeweiligen LAU aus den ESPON-Daten verwendet. Für LAUs, in denen dieser Wert nicht vorlag, wurde der durchschnittliche Quadratmeterpreis aller Wohnungen herangezogen und anhand des nationalen Durchschnitts der Preisabweichung zwischen 45-Quadratmeter-Wohnungen und dem Gesamtmarkt korrigiert.
Einschränkungen
Preisdaten:
Die von ESPON erhobenen Daten sind nicht repräsentativ für alle tatsächlich gezahlten Kaufpreise oder Mieten in den EU- und EFTA-Staaten. Sie zeigen vielmehr die Situation, mit der Menschen auf der Suche nach einer neuen Wohnung konfrontiert sind, wenn sie nicht auf informelle Netzwerke zurückgreifen können, sondern online suchen müssen.
Einkommensdaten von Pflegekräften:
Es wurde mit Durchschnitts- und Mediangehältern gearbeitet; individuelle Einkommen können davon abweichen. Ziel war es, möglichst kleinräumige Einkommensdaten zu verwenden. Einige Länder erheben diese jedoch nur auf nationaler Ebene, andere stellen nicht einmal nationale Einkommensdaten zur Verfügung. In manchen Fällen werden Pflegekräfte und Hebammen gemeinsam ausgewiesen. Wo keine nationalen Daten verfügbar waren, wurde auf einen OECD-Datensatz zurückgegriffen. Für Zypern, Rumänien, Liechtenstein und Malta konnten keine Einkommensdaten ermittelt werden; für diese Länder lassen sich daher keine Aussagen zur Leistbarkeit treffen.
Pflegekräfte sind ein Gradmesser dafür, wo auf dem Wohnungsmarkt etwas in Schieflage geraten ist: Die Gruppe steht in dieser Recherche stellvertretend für Menschen in systemrelevanten Berufen, ohne die kein Ort funktionieren kann – und die sich doch oft nicht mehr leisten können, dort auch zu leben. Zudem liegen sie in Deutschland mit einem mittleren Monatsgehalt von 4.329 Euro brutto fast genau auf dem Mediangehalt der Bevölkerung. Das bedeutet: Wo Pflegekräfte nicht wohnen können, ist auch die Mitte der Gesellschaft ausgeschlossen.
„Der Wohnraummangel setzt uns bei der Fachkräftesuche ganz klar unter Druck“, sagt Pflegedirektor Bernhard. Die Klinik rekrutiert deutschlandweit und international Pflegefachkräfte und Auszubildende. Bernhard kümmert sich darum, dass sie in Freiburg eine Unterkunft haben. Inzwischen wohne fast die Hälfte des Personals in Wohnungen oder Zimmern, die die Klinik vermietet oder zumindest vermittelt hat. Trotzdem stünden immer wieder Extremfälle bei ihm im Büro: Mitarbeiter, die gar keine Wohnung finden.
Nicht bezahlbarer Wohnraum ist inzwischen in Europa zu einem Problem für die Wirtschaft geworden: „Die Wohnungskrise in der EU bremst die Wettbewerbsfähigkeit und das Wirtschaftswachstum”, warnen Fachleute des European Policy Centre: Junge Fachkräfte könnten sich städtischen Wohnraum kaum leisten. Deshalb mangele es in wichtigen Städten an Nachwuchskräften – und Wachstum sowie Innovationen würden so ausgebremst.
Das belastet Wohnungssuchende, aber auch Arbeitgeber: Bezahlbaren Wohnraum anzubieten, sei in einigen Staaten lange ein politisches Mittel gewesen, das es der Wirtschaft ermöglichte, Löhne auf mittlerem Niveau zu zahlen, sagt ESPON-Forschungsleiterin Franziska Sielker von der TU Wien. „Doch wenn die Mieten immer weiter steigen, fordern Beschäftigte ebenfalls mehr Geld und setzen damit die gesamte Wirtschaft stärker unter Druck.”
Es beginnt bei den Bodenpreisen: Land ist begrenzt, und die Nachfrage ist vielerorts höher als das Angebot. Das wird durch einen wachsenden Anteil von institutionellen Immobilieninvestoren am Markt verstärkt, die laut einer Analyse der Europäischen Zentralbank die Nachfrage vom lokalen Einkommen entkoppeln.
Auch ziehen immer mehr Menschen in Städte, in denen zu wenig gebaut wird, um die Nachfrage zu befriedigen. Ein wachsender Markt von Kurzzeitvermietungen, lange Zeit niedrige Zinsen und mehr Einpersonenhaushalte machten das Wohnen ebenfalls teurer. Eine Studie der Uni Trier konnte außerdem nachweisen, dass auch Geldwäsche Immobilienpreise erhöht. Der Grund: Kriminelle seien bereit, Preise über dem Marktniveau zu zahlen.
Hinzu kommen die Nebenkosten. Eine Analyse von CORRECTIV.Europe zeigt, dass 47 Millionen Europäer es sich 2023 nicht leisten konnten, angemessen zu heizen.
Hintergrund: Was beeinflusst die Immobilienpreise?
Mieten und Immobilienpreise sind in vielen Städten gestiegen, weil die Nachfrage hoch und das Angebot begrenzt ist. Die wichtigsten Gründe dafür sind:
Teurer Boden:
Steigende Bodenpreise erklären laut einer Studie für das Centre for Economic Studies und das ifo Institut rund 80 Prozent des weltweiten Immobilienpreisbooms seit dem Zweiten Weltkrieg. Auch die Forschenden von ESPON identifizieren höhere Bodenpreise als den wichtigsten Treiber realer Preissteigerungen am Wohnungsmarkt.
Geld I – Immobilien als Finanzanlage:
Wohnraum dient nicht nur zum Wohnen, sondern auch als Geldanlage. Institutionelle Investoren haben Immobilien schon lange als Quelle stabiler Renditen erkannt. Diese „Finanzialisierung“ des Wohnungsmarktes ist laut einem international vergleichenden Bericht der London School of Economics durch einen strikt gewinnmaximierenden Umgang mit Wohnimmobilien gekennzeichnet, die häufig kreditfinanziert erworben werden.
Eine Studie der Europäischen Zentralbank (EZB) zeigt, dass sich die Käufe von Wohnimmobilien durch institutionelle Investoren in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht haben. Zudem stellt die EZB fest, dass steigende Investitionen dieser Akteure zu höheren Immobilienpreisen führen, die über längere Zeit auf einem erhöhten Niveau bleiben. „Das liegt daran, dass diese Investoren häufig in großem Umfang kaufen, was die Nachfrage erhöht und die Preise nach oben treibt. Wenn institutionelle Investoren in den Markt eintreten, wird der Kauf eines Hauses oder einer Wohnung teurer“, so die EZB.
Geld II – Leistbarkeit und Nachfrage:
Preise steigen auch dann, wenn mehr Menschen sich Wohneigentum leisten können. Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen spielen dabei eine Rolle: Eine Metastudie des Ökonomen Konstantin Kholodilin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt, dass Mindestlohnerhöhungen mit steigenden Mieten einhergehen. Zudem erhöht ein stärkerer Kündigungsschutz die Beträge, die Banken bereit sind, Käufer:innen zu leihen – was die Nachfrage und damit die Preise steigen lässt.
Diese Ergebnisse werden durch eine ökonomische Analyse für Empirica gestützt. Kholodilin hebt außerdem den Einfluss der Fiskalpolitik hervor: In den meisten Fällen führen höhere Steuern – etwa Grundsteuern, Leerstandsabgaben, Steuern für ausländische Käufer:innen oder Grunderwerbsteuern – zu sinkenden Preisen. Ähnliches gilt für die Geldpolitik: Niedrigere Zinsen führen zu höheren Immobilienpreisen, fördern im Unterschied zu höheren Steuern jedoch zugleich die Bautätigkeit.
Tourismus:
Kurzzeitvermietungen treiben die Preise. Studien zeigen, dass Mieten und Immobilienpreise in Gegenden mit vielen Angeboten auf Plattformen wie Airbnb steigen. In einem von Airbnb in Auftrag gegebenen Bericht wird der gesamtwirtschaftliche Effekt von Kurzzeitvermietungen auf Preise und Mieten auf nationaler Ebene als „generell gering“ eingeschätzt. Gleichzeitig betonen die Autor:innen, dass mehrere Studien auf spürbare Effekte auf Nachbarschafts- oder Gemeindeebene hinweisen. [Unsere Recherche zu Kurzzeitvermietungen finden Sie hier.]
Urbanisierung:
Städte ziehen Menschen an: Europäische Städte wachsen durch Migration – sowohl aus ländlichen Regionen als auch aus anderen EU- und Nicht-EU-Ländern. Diese Menschen benötigen Wohnraum. In Regionen mit schrumpfender Bevölkerung hingegen können die Preise sinken.
Zu wenig Neubau:
Es werden zu wenige Wohnungen gebaut. Hohe Baukosten haben – neben anderen Faktoren – dazu geführt, dass die Zahl der fertiggestellten Wohnungen zurückgegangen ist. Laut einer Prognose des ifo Instituts wird sich die Lage in Europa weiter verschärfen: Für 2026 wird im Vergleich zu 2023 ein Rückgang der Fertigstellungen um 13 Prozent erwartet.
Mehr Wohnfläche pro Person:
Menschen beanspruchen mehr Platz. 2018 lag die durchschnittliche Wohnfläche pro Person in Europa bei knapp unter 40 Quadratmetern – ein Anstieg um 16 Prozent seit dem Jahr 2000. Die Unterschiede zwischen den Ländern sind groß: Sie reichen von rund 20 Quadratmetern pro Person in Rumänien bis zu 55 Quadratmetern in Zypern. Während sich dieser Trend zumindest bei Mietenden mancherorts – etwa in Deutschland – abzuschwächen scheint, wird für die gleiche Anzahl von Menschen heute insgesamt deutlich mehr Wohnraum benötigt als noch vor einigen Jahrzehnten. Gründe dafür sind höhere Komfortansprüche und die wachsende Zahl von Einpersonenhaushalten: Laut Eurostat nahm die Zahl der kinderlosen Einpersonenhaushalte in der EU zwischen 2015 und 2024 um 16,9 Prozent zu.
Geldwäsche:
Kriminelle zahlen mehr. Geldwäsche verschärft die Wohnungsnot, weil Kriminelle beim Versuch, große Mengen illegal erworbenen Geldes zu waschen, die Nachfrage nach Immobilien weiter erhöhen – und bereit sind, Preise über dem Marktniveau zu zahlen. Das zeigen Forschungen der Universität Trier. Einer Studie zufolge würde eine Reduktion der immobilienbezogenen Geldwäsche um 10 Prozent zu einem Rückgang der Immobilienpreise um 1,9 Prozent führen.
Bezahlbares Wohnen wird in Politik und Wissenschaft inzwischen oft als die zentrale soziale Frage des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Denn ein sicheres Dach über dem Kopf ist die Voraussetzung für vieles, was ein erfülltes Leben ausmacht: gute Bildung, stabile Beziehungen, ein Leben ohne Altersarmut.
In mehreren europäischen Städten protestierten Menschen gegen unbezahlbare Mieten. 2024 erinnerten die Vereinten Nationen angesichts der Krise die EU in einem Bericht daran, dass Wohnen ein Menschenrecht ist – und forderten sie zu Gegenmaßnahmen auf.
Schätzungen zufolge sind mehr als eine Million Menschen in der EU wohnungslos, in vielen Mitgliedsstaaten steigen die Zahlen. Im extremsten Fall schlafen Betroffene auf der Straße. Dabei soll Obdachlosigkeit bis 2030 sogar europaweit abgeschafft werden. Deutlich wird das Problem in Deutschland auch an der wachsenden Zahl der Zwangsräumungen: Wer seine Miete nicht zahlen kann, wird im Extremfall durch den Gerichtsvollzieher aus der Wohnung geholt.
„Der Mangel an bezahlbarem Wohnen führt dazu, dass die Menschen ihre Lebensziele aufschieben. Das verursacht viel Frust und Angst in der Gesellschaft.”
-Franziska Sielker
„Der Mangel an bezahlbarem Wohnen führt dazu, dass die Menschen ihre Lebensziele aufschieben”, sagt Forscherin Sielker. „Zusammenziehen, eine Familie gründen, einen neuen Job in einer anderen Stadt annehmen.” Viele junge Menschen lebten inzwischen länger bei ihren Eltern und pendelten etwa zum Studium in eine andere Stadt. Wer sich noch leisten könne, eine Immobilie zu kaufen, bezahle die oft noch während der Rente ab – und müsse womöglich infrage stellen, wie er seinen Lebensabend finanziere. „All das verursacht viel Frust und Angst in der Gesellschaft.”
Hohe Wohnkosten verstärken zudem wirtschaftliche und regionale Ungleichheiten. Zu diesem Ergebnis kommt die Analyse des European Policy Centre. Die Wohnungskrise sei eine „Bedrohung für das demokratische Selbstverständnis der EU”. Denn die Akzeptanz von politischen Systemen hänge stark davon ab, wie gut die wirtschaftlichen Bedingungen für die Bevölkerung sind.
Der Ökonom Konstantin Kholodilin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat in einer Metastudie von 886 empirischen Untersuchungen analysiert, wie staatliche Regulierungen auf den Wohnungsmarkt wirken. Die meisten Maßnahmen hätten Nebenwirkungen, deshalb sei es schwierig, ein einzelnes, wirksamstes Instrument auszumachen, sagt er. So habe etwa die Mietpreisbremse in Berlin die Mieten für Neubauten steigen lassen. Kholodilin plädiert für einen Mix verschiedener Ansätze – und für deren Koordination. Als besonders wirkungsvoll hat er das Wohngeld identifiziert. Eine andere Studie des DIW weist nach, dass sozialer Wohnungsbau zwar teuer ist, aber besonders effektiv hilft.
Entscheidend für die Bewältigung der Wohnungskrise ist aus Sicht von Kholodilin die kommunale Ebene, weil sie dem Problem am nächsten ist: „Städte haben erheblichen Einfluss, wenn es darum geht, Zweckentfremdung oder kurzfristige Vermietungen zu regulieren, Nachbarschaften zu schützen und Grundstücke zu vergeben“, sagt er. „Sie können zudem Investoren verpflichten, einen Teil neuer Wohnungen für soziale Zwecke vorzusehen – in Städten wie Berlin oder München kann dieser Anteil bei bis zu 30 Prozent liegen.“
Weil aber der Bodenpreis nachweislich einen erheblichen Einfluss auf die Immobilienpreise und damit die Mieten hat, gibt es auch sehr grundlegende Ideen von Ökonomen, dem zu begegnen. Der Wirtschaftsprofessor Dirk Löhr der Hochschule Trier spricht sich für eine Bodenwertsteuer aus. Durch sie könnte der Staat und damit die Gesellschaft teilhaben am Wertzuwachs von Grundstücken, für die die Eigentümer in der Regel nichts leisten. Gleichzeitig würde es Boden als Spekulationsobjekt uninteressant machen.
Neben den klassischen Ideen wie mehr Bauen, Mieten begrenzen, Leerstand verhindern und die unteren Einkommen zu unterstützen, gibt es auch neue Vorschläge. Spanien plant eine 100-prozentige Steuer auf Immobilienkäufe von außerhalb der EU. Der Think Tank Demos Helsinki wirbt für Anreize zum Wohnungstausch: Wer im Alter weniger Platz brauche, könne so Raum für Familien frei machen. Auch Wohngemeinschaften könnten Teil der Lösung sein.
Auch Dan Jørgensen, EU-Kommissar für das Wohnungswesen, sieht ein unsicheres Zuhause als Risiko für die Demokratie in Europa. Im Dezember 2025 legte die EU-Kommission den ersten „europäischen Plan für mehr erschwinglichen Wohnraum” vor. Er soll vor allem Investitionen in den Wohnungsbau anstoßen, durch geringere rechtliche Hürden, zusätzliche EU-Mittel und eine Investitionsplattform.
In Freiburg hat Pflegedirektor Bernhard bereits eine außergewöhnliche Maßnahme ergriffen, um eine größere Krise für seinen Betrieb zu vermeiden: Die Klinik hat einen Immobilienmakler eingestellt. Außerdem gibt es für die Auszubildenden des Betriebs ein Wohnheim und angemietete Wohnungen. Der neue Pfleger, der mit Koffer vor Bernhard stand, musste tatsächlich erst einmal ins Hotel. Dann wurde unerwartet eine Wohnung frei: Ein anderer Mitarbeiter hatte in der Probezeit Heimweh bekommen und Freiburg wieder verlassen.
Weil auch andere Pflege-Arbeitgeber Probleme haben, schlossen sich 16 von ihnen mit Hilfe der Stadt Freiburg zu einer Initiative zusammen: Private Vermieter können ihre Wohnung den Kliniken und Pflegeeinrichtungen direkt anbieten. Laut der Beteiligten seien bereits 160 Wohnungen angeboten und 40 vermittelt worden. Doch dass Betroffene so intensiv und kostenlos bei der Wohnungssuche betreut werden, ist die Ausnahme.
„Wenn die Wohnfrage nicht gelöst ist, werden andere Probleme verschärft”, warnt Forscherin Sielker. Je dringender gebaut werden müsse, desto stärker drohten andere Ziele auf der Strecke zu bleiben, die Städte zukunftssicher machen sollten: nachhaltigere Stadtplanung, weniger Versiegelung und Hitzeinseln. Sielker fürchtet, dass selbst größere gesellschaftliche Ziele verworfen werden, wenn die Menschen unzufrieden sind.
Wohnen ist also eine wesentliche Grundlage einer funktionierenden Gesellschaft. Das Beispiel der Pflegekräfte zeigt, dass diese Grundlage in vielen europäischen Orten bedroht ist.
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