Showdown im Bundestag: Kommen Pistorius’ Kampfdrohnen?
Das Verteidigungsministerium will zwei Start-ups Milliardenaufträge für Kampfdrohnen erteilen. Doch der Deal wackelt: Im Parlament laufen die Grünen dagegen Sturm. Selbst Minister Pistorius äußert sich jetzt kritisch.
Das Verteidigungsministerium will neue Kampfdrohnen beschaffen und dafür Aufträge in Höhe von zunächst rund 540 Millionen Euro an zwei Start-ups erteilen. Das geht aus zwei Beschlussvorlagen mitsamt Rahmenverträgen hervor, die CORRECTIV einsehen konnte. Die Beschaffung könnte in den kommenden Jahren auf insgesamt rund 4,3 Milliarden Euro anwachsen und sich so in die teuersten Vorhaben der Bundeswehr einreihen.
Dementsprechend ist die Aufmerksamkeit groß: Die Großaufträge sollen kommenden Mittwoch im Haushaltsausschuss des Bundestags beschieden werden.
Laut den Beschlussvorlagen sollen sie an die jungen Unternehmen Stark und Helsing gehen. Sie konkurrieren seit Monaten um das Geld der Regierung. CORRECTIV berichtete kürzlich ausführlich über ihre Hintergründe und Investoren.
Die Höhe des Auftrags – und dass bei Stark doppelt so viel Geld im Raum steht wie bei Helsing – wirft bei den Haushältern im Bundestag Fragen auf. Als brisant bewerten die Grünen die Beteiligung des US-amerikanischen Investors, Palantir-Gründers und Trump-Vertrauten Peter Thiel beim Drohnenhersteller Stark. Ihre Sorge: Die MAGA-Bewegung könnte sich über Umwege Einfluss und Einblick in deutsche Bundeswehr-Strukturen erkaufen.
„Wir müssen bei der Rüstungsbeschaffung Abhängigkeiten möglichst reduzieren. Deshalb sehe ich Geschäfte mit Unternehmen, an denen erklärte Anti-Demokraten wie Peter Thiel beteiligt sind, ausgesprochen kritisch“, sagt etwa der Grünen-Haushaltspolitiker Sebastian Schäfer gegenüber CORRECTIV. Neben Thiel soll auch der Palantir-Co-Gründer Joe Lonsdale in Stark investiert haben. In-Q-Tel ist ebenfalls an Bord, es handelt sich dabei um den offiziellen Investment-Arm des US-Geheimdienstes CIA.
Erst kürzlich soll Thiel laut Manager Magazin bei einer Bewertungsrunde erneut in Stark investiert haben. Stark selbst ging mehrfach auf die Kritik ein und beschrieb Thiels Investment als eine Minderheitsbeteiligung. „Es gibt auch keine besonderen Kontroll- oder Einflussmöglichkeiten. Auch bestehen keine Informationsrechte zu unseren Produkten oder unserem Geschäft“, sagte ein Sprecher gegenüber dem Fachblog Augen geradeaus.
Der Druck der Grünen scheint Wirkung zu zeigen: Verteidigungsminister Boris Pistorius äußerte sich am Dienstag in Calw erstmals kritisch zu Thiels Beteiligung an der Firma. Bedenken teile er „ausdrücklich“.
„Also wenn er Einfluss auf das operative Geschäft hat, Sperrminoritäten hat, in welcher Form auch immer, dann reden wir über eine andere Qualität, als wenn er im beispielsweise einstelligen Prozentbereich quasi Teilhaber ist, aber keinen Einfluss auf das operative Geschäft hat“, sagte der SPD-Politiker.
Offene Fragen überschatten riesigen Kampfdrohnen-Deal
Beide Firmen, Stark und Helsing, sollen laut den Beschlussvorlagen zunächst Festaufträge von jeweils rund 270 Euro erhalten. Insgesamt plant die Bundesregierung beim Hersteller Stark in den kommenden Jahren mit einem Gesamtvolumen von rund 2,9 Milliarden Euro. Bei Konkurrent Helsing sind insgesamt rund 1,4 Milliarden Euro veranschlagt.
Wie hoch das Auftragsvolumen für die jeweiligen Hersteller insgesamt sein wird, war noch bis vor kurzem unklar. Im April 2025 erhielten Stark und Helsing sogenannte Testverträge, auch Rheinmetall war kurzfristig im Rennen. Im Raum standen lange rund 300 Millionen Euro.
Die Unternehmen stellen sogenannte Kamikaze-Drohnen her, im Fachjargon „Loitering Munition“ genannt. Nach dem Abwurf, etwa über eine Rampe, schweben sie in der Luft über ihren Zielen. Zum Angriff stürzen sie dann nach unten und explodieren beim Aufprall. Es handelt sich demnach um Kampfdrohnen, die mit Sprengköpfen versehen sind; nicht zu verwechseln mit Drohnen, die nur mit Kameras ausgestattet sind und zur Aufklärung oder Überwachung eingesetzt werden.
Die Bundesregierung hatte den Einsatz solcher Systeme im Jahr 2022 noch kategorisch ausgeschlossen. Die Waffen werden zunehmend mit KI ausgestattet, etwa zur Zielfindung. Rein technisch könnten sie den tatsächlichen Angriff auch autonom durchführen; das jedoch ist umstritten.
Aus den Verträgen ergeben sich aus Sicht der Haushälter weitere Ungereimtheiten. Nicht nur die Summen werfen Fragen auf. Auch die konkreten Stückpreise sind zudem zumindest in den zugänglichen Versionen für die Verteidigungs- und Haushaltspolitiker geschwärzt. Ein objektiver Vergleich mit anderen Systemen scheint so schwer möglich.
Nach CORRECTIV-Informationen kostet eine Helsing-Drohne vom Fabrikat „HX-2“ bis zu 52.000 Euro. Die Preise für die Drohen „Virtus“ von Stark dürften laut Medienberichten höher liegen, das Unternehmen wollte sich dazu auf Anfrage nicht äußern. Unterschiedliche Preise könnten sich mit den unterschiedlichen Spezifikationen der Drohnen erklären, darunter ihrem Gewicht und ihrer Reichweite. NATO-Vorgaben sehen eine Mischung unterschiedlicher Systeme ausdrücklich vor.
SPD fordert Transparenz, Grüne machen weiter Druck
SPD-Haushaltspolitiker Andreas Schwarz forderte in der Süddeutschen Zeitung jedenfalls Transparenz: „Dieses wichtige Beschaffungsvorhaben mit einer hohen und unterschiedlichen Vertragsgröße bei den beiden Anbietern hat noch Nachfragen und Klärungsbedarf.“
Weil sie schon am kommenden Mittwoch für das Rüstungsvorhaben abstimmen sollen, drücken die Grünen bei der Aufklärung des Sachverhalts auf die Tube: In einem Fragenkatalog des Haushaltspolitikers Schäfer an das Verteidigungsministerium, den CORRECTIV einsehen konnte, drängt er auf Aufklärung – zu beiden Unternehmen.
Schäfer sieht demnach eine ganze Reihe weiterer ungeklärter Punkte. Unter anderem soll das Ministerium die Stückpreise im Vergleich zu anderen Unternehmen erklären, wo die Unternehmen die Systeme produzieren, welche Verträge mit den ukrainischen Streitkräften bestehen und warum ein Großteil der Auslieferung der Systeme laut der Verträge erst in zwei Jahren erfolgen soll.
Bis Freitag schon soll das Ministerium antworten. Ob Antworten kommen, ist fraglich. Auch ob Pistorius bei der Abstimmung im Haushaltausschuss auf die Stimmen der Koalitions-Abgeordneten zählen kann, scheint angesichts der vielen offenen Fragen nicht ausgemacht.
Sollten die Volksvertreter dem Drohnen-Projekt die Zustimmung verweigern, wäre es innerhalb weniger Wochen schon das zweite Mal, dass das Parlament dem Minister in die Parade fährt und ein Rüstungsvorhaben blockiert. Der Minister wollte rund 600 Millionen Euro für das Projekt „Mobiles Aufklärungsunterstützungssystem (MAUS)“ ausgeben. Der Haushaltsausschuss sah das System allerdings als nicht ausreichend geschützt an und stimmte der Beschaffung vorerst nicht zu.
Redaktion: Katarina Huth, Ulrich Kraetzer
Faktencheck: Katarina Huth