
Liebe Leserinnen und Leser,
mehr als 20 Prozent der Deutschen sind laut einer neuen Studie mittlerweile für autoritäre Ideen empfänglich. Was das heißt und woran es liegt, steht heute im Thema des Tages.
Außerdem geht es im SPOTLIGHT heute um diese Themen:
- US-Präsident Trump hat einen „Friedensrat“ gegründet, eine Art Konkurrenz zu den Vereinten Nationen. In der Grafik des Tages zeigen wir, wer dabei ist.
- Was hat es mit der Diskussion um eine europäische Atombombe auf sich? Das steht in der Rubrik „Ganz persönlich“.
- In der Leserfrage der Woche: Was würde es für uns als Bahn- und Bus-Reisende bedeuten, würden die Lohnforderungen der Gewerkschaft Ver.di für das ÖPNV-Personal tatsächlich umgesetzt?
Hier ein wichtiger Hinweis für alle Lokal- und Regionaljournalisten: Heute hat der Ticket-Verkauf für unsere nächste CORRECTIV.Lokal-Konferenz begonnen! Diesmal treffen sich mehrere hundert Journalistinnen und Journalisten im Oktober in Magdeburg, um über ihr Handwerk und Politik zu sprechen. Wer früher bucht, ist günstiger dran. Zu den Tickets geht es hier entlang.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend – und schicken Sie mir gern Ihre konkreten Recherchehinweise: anette.dowideit@correctiv.org.
Thema des Tages: So viele wünschen sich einen „Führer“
Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste
Faktencheck: Warum eine eingeschneite Akropolis kein Beleg gegen den Klimawandel ist
Grafik des Tages: Das sind die Mitglieder in Trumps Friedensrat
Die Deutschen werden offener für Autoritarismus. Das ist das Ergebnis der heute vorgestellten Studie „Deutschland-Monitor 2025“. Was das bedeutet und was dahinter steht:
Was für eine Studie ist das?
Der Deutschland-Monitor ist eine recht neue Studie, die jetzt einmal pro Jahr die Einstellungen der Deutschen untersucht. Hier wird das Projekt genauer erklärt. Es arbeiten drei Hochschulen daran mit (Jena, Halle-Wittenberg und Mannheim).
Das Besondere ist, dass die Forscherinnen und Forscher bei ihren Erhebungen regionale Unterschiede in den Einstellungen der Bundesbürger herausarbeiten. Zum vollständigen Deutschland-Monitor geht es hier.
Was kam heraus?
21 Prozent der Deutschen, heißt es im Bericht, seien „für autoritäre Ideen zumindest in Teilen empfänglich“. Im Osten des Landes sogar 26 Prozent. Dass es dort mehr sind, hängt offenbar mit einem Gefühl des „Abgehängtseins“ zusammen.
Das bedeutet konkret:
Zwar sagten fast alle Befragten, sie seien „für Demokratie“. Aber: Was sie darunter verstehen, ist sehr unterschiedlich.
Jene 21 Prozent finden nämlich, für eine funktionsfähige Demokratie brauche es eine starke Führerpersönlichkeit oder eine Einparteienherrschaft – damit schnellere und stärkere Entscheidungen getroffen werden können. Sie stimmen dieser Aussage ganz oder zumindest in Teilen zu.
Elf Prozent finden, dass „politische Entscheidungen von einer starken Führungspersönlichkeit getroffen werden sollten“, ohne Rücksicht auf ein gewähltes Parlament. Nur 68 Prozent der Befragten lehnt diese Aussage ab. Der Rest ist unentschlossen.
Das ist bemerkenswert …
… und erschütternd – weil es zeigt, wie viele Leute nicht wirklich verstanden haben, was Demokratie ist: Diskurs, Auseinandersetzung und das stete Ringen, verschiedene Interessen unter einen Hut zu bringen.
Was dahinter steht:
Offenbar herrscht in vielen Köpfen die Vorstellung, es gebe „eine Mehrheitsmeinung“ des Volkes – und die müsse jetzt einfach mal von starken Volksvertretern durchgesetzt werden.
Dieses Trugbild von der „Stimme der Mehrheit“ nutzen übrigens auch Medien, die mit Spaltung ihr Geld verdienen. Zum Beispiel das fragwürdige Portal „Nius“, das sich mit dem Werbespruch „Die Stimme der Mehrheit“ vermarktet.
Und natürlich geht auch die AfD auf diese Weise auf Stimmenfang: mit dem Trugbild eines völkischen, einheitlichen Idylls. So, als wollten „wir Deutschen“ immer alle dasselbe.
Mein Kollege Marcus Bensmann, der sich mit der Ideologie der AfD auskennt wie wenige, sagt bei Vorträgen immer dies: Die AfD stelle es so dar, als sei Homogenität „des Glückes Unterpfand“, wie es so schön in der Nationalhymne heißt.
Aber: Die Sehnsucht nach einem Idyll gehe immer schief. Liberale Demokratie sei das Gegenteil davon: Nur, wer stetig diskutiere und sich aneinander reibe, sei wirklich frei.
Ehemaliger britischer Prinz Andrew wegen Verdachts auf Amtsmissbrauch festgenommen
Der ehemalige britische Prinz, der nun nur noch Andrew Mountbatten-Windsor heißt, wurde auf seinem Landsitz Sandringham festgenommen. Andrew wird vorgeworfen, während seiner Rolle als Handelsbeauftragter vertrauliche Dokumente an den Sexualstraftäter Jeffrey Epstein weitergeleitet zu haben. Demnach besteht der Verdacht auf Amtsmissbrauch. Bislang hat sich der 66-Jährige nicht zu den Vorwürfen geäußert.
deutschlandfunk.de / spiegel.de
Merz erwägt Konsequenzen für Vetternwirtschaft in der AfD
Nun reagiert auch Bundeskanzler Friedrich Merz auf die Vorwürfe der Vetternwirtschaft in AfD-Kreisen. Merz erwägt schärfere Regeln: „Ich würde uns eine gesetzliche Regelung gern ersparen. Angesichts des Ausmaßes des Missbrauchs werden wir aber möglicherweise nicht darum herumkommen.“
spiegel.de
Großer Stellenabbau bei Bahn-Güterverkehrstochter DB Cargo
Bernhard Osburg, der Chef von DB Cargo, hat den Abbau von insgesamt 6.200 Vollzeitstellen angekündigt. Das macht fast die Hälfte aller 14.000 Vollzeitstellen des Unternehmens aus. Der Grund für diese Maßnahme sei eine Umstrukturierung des hochdefizitären Unternehmens, um ein mögliches Aus zu verhindern.
businessinsider.de

Leserfrage der Woche

SPOTLIGHT-Leserin Beate W. hat uns gefragt: Wie sollen die Forderungen der Ver.di finanziert werden? Müssten dafür Mitarbeiter entlassen oder Bus- und Bahnlinien eingestellt werden?
Nach mehreren Wochen Warnstreiks haben sich Ver.di und die Länder geeinigt: Schrittweise bis zu 5,8 Prozent mehr Gehalt, höhere Entgelte für Nachwuchskräfte und höhere Zulagen für Wechsel- und Schichtarbeit. Ursprünglich hatte Ver.di auch mehr Urlaubstage und eine 35-Stunden-Woche gefordert – sich damit aber nicht durchgesetzt. Doch welche Folgen hätte das gehabt?
Wir haben bei der Rheinbahn in Düsseldorf nachgefragt: Wären die Wochenarbeitsstunden der Beschäftigten gesenkt worden, „würde dies nicht zu einem geringeren, sondern zu einem höheren Personalbedarf führen“. Besonders im Fahrdienst bräuchte das Unternehmen dann mehr Leute. Gleichzeitig seien die Einnahmen eines ÖPNV- Unternehmens aber „nur begrenzt beeinflussbar, da die Ticketpreise durch den Verkehrsverbund festgelegt werden“. Das bedeutet, wenn steigende Personalkosten nicht durch Gewinne kompensiert werden können, muss wiederum an anderen Stellen gespart werden– „etwa bei der Leistungserbringung oder bei Investitionen in Fahrzeuge und Infrastruktur“. Mögliche Konsequenzen wären demnach also Streckenstreichungen oder ein geringerer Ausbau der Mobilitätsinfrastruktur.
Um nicht nur die Arbeitgeberseite abzubilden, haben wir auch andere Stellen um ihre Einschätzung gebeten – aber noch keine Stellungnahme erhalten.

Ein Video der eingeschneiten Akropolis in Athen dient manchen online als Argument gegen den menschengemachten Klimawandel. Doch die Aufnahme ist nicht aktuell und der Unterschied zwischen Wetter und Klima wird ignoriert.
correctiv.org
Endlich verständlich
Klarnamen oder Anonymität im Internet? Über diese Frage wird viel diskutiert. Nun spricht sich Bundeskanzler Friedrich Merz für eine Klarnamenpflicht aus. Seiner Ansicht nach gilt: Wer sich online äußert, sollte dies mit offenem Visier tun – schließlich täten Politikerinnen und Politiker dies auch. Es gibt allerdings auch starke Gegenargumente: Eine allgemeine Pflicht könnte insbesondere Minderheiten und besonders verletzliche Personengruppen gefährden. Einen Kommentar zur Klarnamenpflicht gibt es hier:
netzpolitik.org
So geht’s auch
Knoten binden, Erste Hilfe leisten und Feuer löschen – das klingt nicht nach einem typischen Nachmittag für Jugendliche. Doch wer sich in seiner Freizeit bei der Freiwilligen Feuerwehr engagieren möchte, kann bereits früh damit beginnen. Unsere Jugendredaktion Salon5 hat ein Training bei der Freiwilligen Feuerwehr in Dortmund-Kirchhörde begleitet. Ob Jugendreporter Damian jetzt bereit ist, Leben zu retten, sehen Sie in diesem Video:
instagram.com
Fundstück
Heute jährt sich der sechste Jahrestag des rassistischen Anschlags in Hanau. Die „Initiative 19. Februar Hanau“ hat ein lebendiges Mahnmal ins Leben gerufen. Es dient als Ort der Erinnerung und der Auseinandersetzung mit den Ereignissen vom 19. Februar 2020 und deren Folgen. Das Mahnmal ist zugänglich für Schulen, Universitäten, Gruppen und Einzelpersonen. Zudem werden Rundgänge und Workshops angeboten. Das Projekt steht unter dem Motto: „Gegen das Vergessen. Für Gerechtigkeit. Für Solidarität“.
19feb-hanau.org
Deutschland debattiert offen über Atombomben. Ich finde das Gespräch darüber prinzipiell sinnvoll – anders als Armin Laschet, der das Thema in einer Talkshow kürzlich zur Seite schieben wollte. Immerhin hat Bundeskanzler Friedrich Merz selbst das Thema bei seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz gesetzt, als er ankündigte, über eine nukleare Abschreckung mit Frankreich ins Gespräch zu gehen.
Aktuell sollen die USA uns nuklear schützen, daran hat bisher selbst Donald Trump nicht gerüttelt. Trotzdem geht die Sorge um, sie könnten nicht einschreiten, wenn es hart auf hart kommt. Also will Merz für einen eigenen Schutz sorgen.
Nach einer aktuellen Studie hat er derzeit viele schlechte Optionen (PDF) und im Grunde nur einen realistischen Weg, NATO und Bündnispartner nicht zu verschrecken oder mit internationalen Abkommen zu brechen. Nämlich eine gemeinsam organisierte europäische Abschreckung mit dem bereits bestehenden Atomwaffenarsenal von Frankreich, möglicherweise auch von Großbritannien. Aber ob das wirklich funktioniert und wie konkret sich dieser Weg ausgestalten wird, zeigt sich erst in den kommenden Monaten.
Neben der Atombomben-Thematik gibt es noch viele weitere, handfeste Probleme. Ich beschäftige mich derzeit schwerpunktmäßig mit Sicherheitsthemen und will es mal so sagen: Die Menge und Tiefe der Baustellen in der konventionellen Abschreckung und der Bundeswehr sind atemberaubend.
Das beginnt beim militärischen Personal, das bei Weitem nicht ausreicht, um NATO-Vorgaben zu erfüllen. Die Truppe hat auch Schwierigkeiten, die neue Brigade in Litauen voll zu besetzen, es melden sich zu wenige Freiwillige für den Dienst an der NATO-Ostflanke. Eine verpflichtende Wehrpflicht ist längst nicht vom Tisch.
Um „kriegstüchtig“ zu werden, fehlen Munition, moderne Drohnenabwehr- und Waffensysteme ebenso wie Aufklärungstechnologie. Zu viel Bürokratie, zu langsame Beschaffungsprozesse. Fähigkeitslücken sollen zwar schrittweise geschlossen werden, derzeit wird kräftig aufgerüstet und Munition produziert. Aber die Rüstungslobby treibt das Verteidigungsministerium mit teils fantastischen Preisen so vor sich her, dass es den Haushältern im Bundestag mulmig wird; und wir schon in wenigen Jahren mit einem Haushalt auskommen müssen, der durch die Zinsen der Rüstungsmilliarden ausgehöhlt sein wird.
Es ist ein Problemberg; und Atombomben sind ein wichtiges, aber eben nur ein Puzzleteil einer funktionierenden Abschreckung. Haben Sie Gedanken oder Hinweise dazu? Melden Sie sich gerne via till.eckert@correctiv.org.

Trumps umstrittener Friedensrat – in den sich die Mitgliedstaaten teuer einkaufen müssen – tagt nun zum ersten Mal in Washington unter dem Vorsitz von US-Präsident Trump. Wer ist eigentlich im Board of Peace dabei? Das zeigt die Grafik des Tages. Auffällig ist nicht nur die hohe Dichte an Autokratien, sondern auch, dass die übrigen ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates nicht dazugehören: China, Frankreich, Großbritannien und Russland.
Doch auch, wenn sich viele Staaten aus dieser Konkurrenzorganisation zur UN raushalten, schicken sie immerhin Vertreterinnen und Vertreter auf hoher Beamtenebene. So auch Deutschland. Mehr Informationen gibt es hier:
welt.de / tagesschau.de
An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Till Eckert, Samira Joy Frauwallner, Sebastian Haupt, Ulrich Kraetzer, Jule Scharun und Dilara Schwidder.
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