Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser,

mehr als 20 Prozent der Deutschen sind laut einer neuen Studie mittlerweile für autoritäre Ideen empfänglich. Was das heißt und woran es liegt, steht heute im Thema des Tages.

Außerdem geht es im SPOTLIGHT heute um diese Themen:

  • US-Präsident Trump hat einen „Friedensrat“ gegründet, eine Art Konkurrenz zu den Vereinten Nationen. In der Grafik des Tages zeigen wir, wer dabei ist.
  • Was hat es mit der Diskussion um eine europäische Atombombe auf sich? Das steht in der Rubrik „Ganz persönlich“.
  • In der Leserfrage der Woche: Was würde es für uns als Bahn- und Bus-Reisende bedeuten, würden die Lohnforderungen der Gewerkschaft Ver.di für das ÖPNV-Personal tatsächlich umgesetzt?

Hier ein wichtiger Hinweis für alle Lokal- und Regionaljournalisten: Heute hat der Ticket-Verkauf für unsere nächste CORRECTIV.Lokal-Konferenz begonnen! Diesmal treffen sich mehrere hundert Journalistinnen und Journalisten im Oktober in Magdeburg, um über ihr Handwerk und Politik zu sprechen. Wer früher bucht, ist günstiger dran. Zu den Tickets geht es hier entlang.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend – und schicken Sie mir gern Ihre konkreten Recherchehinweise: anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: So viele wünschen sich einen „Führer“

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Leserfrage der Woche: Würden die Forderungen von Ver.di komplett umgesetzt, müssten dann Mitarbeiter entlassen werden, um dies zu finanzieren?

Faktencheck: Warum eine eingeschneite Akropolis kein Beleg gegen den Klimawandel ist

Gute Sache(n): Ist eine Klarnamenpflicht im Internet wirklich sinnvoll? • Ein Tag bei der Freiwilligen Feuerwehr • Sechs Jahre nach dem Anschlag von Hanau: Initiative erinnert mit Mahnmal

CORRECTIV ganz persönlich: Die Debatte um die Atombombe ist richtig – aber sie ist nur ein Teil des Ganzen

Grafik des Tages: Das sind die Mitglieder in Trumps Friedensrat

Was für eine Studie ist das?
Der Deutschland-Monitor ist eine recht neue Studie, die jetzt einmal pro Jahr die Einstellungen der Deutschen untersucht. Hier wird das Projekt genauer erklärt. Es arbeiten drei Hochschulen daran mit (Jena, Halle-Wittenberg und Mannheim). 

Das Besondere ist, dass die Forscherinnen und Forscher bei ihren Erhebungen regionale Unterschiede in den Einstellungen der Bundesbürger herausarbeiten. Zum vollständigen Deutschland-Monitor geht es hier.

Was kam heraus?
21 Prozent der Deutschen, heißt es im Bericht, seien „für autoritäre Ideen zumindest in Teilen empfänglich“. Im Osten des Landes sogar 26 Prozent. Dass es dort mehr sind, hängt offenbar mit einem Gefühl des „Abgehängtseins“ zusammen.

Das bedeutet konkret:
Zwar sagten fast alle Befragten, sie seien „für Demokratie“. Aber: Was sie darunter verstehen, ist sehr unterschiedlich.

Jene 21 Prozent finden nämlich, für eine funktionsfähige Demokratie brauche es eine starke Führerpersönlichkeit oder eine Einparteienherrschaft – damit schnellere und stärkere Entscheidungen getroffen werden können. Sie stimmen dieser Aussage ganz oder zumindest in Teilen zu.

Elf Prozent finden, dass „politische Entscheidungen von einer starken Führungspersönlichkeit getroffen werden sollten“, ohne Rücksicht auf ein gewähltes Parlament. Nur 68 Prozent der Befragten lehnt diese Aussage ab. Der Rest ist unentschlossen.

Das ist bemerkenswert …
… und erschütternd – weil es zeigt, wie viele Leute nicht wirklich verstanden haben, was Demokratie ist: Diskurs, Auseinandersetzung und das stete Ringen, verschiedene Interessen unter einen Hut zu bringen.

Was dahinter steht:
Offenbar herrscht in vielen Köpfen die Vorstellung, es gebe „eine Mehrheitsmeinung“ des Volkes – und die müsse jetzt einfach mal von starken Volksvertretern durchgesetzt werden. 

Dieses Trugbild von der „Stimme der Mehrheit“ nutzen übrigens auch Medien, die mit Spaltung ihr Geld verdienen. Zum Beispiel das fragwürdige Portal „Nius“, das sich mit dem Werbespruch „Die Stimme der Mehrheit“ vermarktet.

Und natürlich geht auch die AfD auf diese Weise auf Stimmenfang: mit dem Trugbild eines völkischen, einheitlichen Idylls. So, als wollten „wir Deutschen“ immer alle dasselbe. 

Mein Kollege Marcus Bensmann, der sich mit der Ideologie der AfD auskennt wie wenige, sagt bei Vorträgen immer dies: Die AfD stelle es so dar, als sei Homogenität „des Glückes Unterpfand“, wie es so schön in der Nationalhymne heißt. 

Merz erwägt Konsequenzen für Vetternwirtschaft in der AfD 
Nun reagiert auch Bundeskanzler Friedrich Merz auf die Vorwürfe der Vetternwirtschaft in AfD-Kreisen. Merz erwägt schärfere Regeln: „Ich würde uns eine gesetzliche Regelung gern ersparen. Angesichts des Ausmaßes des Missbrauchs werden wir aber möglicherweise nicht darum herumkommen.“
spiegel.de

Großer Stellenabbau bei Bahn-Güterverkehrstochter DB Cargo
Bernhard Osburg, der Chef von DB Cargo, hat den Abbau von insgesamt 6.200 Vollzeitstellen angekündigt. Das macht fast die Hälfte aller 14.000 Vollzeitstellen des Unternehmens aus. Der Grund für diese Maßnahme sei eine Umstrukturierung des hochdefizitären Unternehmens, um ein mögliches Aus zu verhindern. 
businessinsider.de

Symbolbild Leserfrage der Woche

Nach mehreren Wochen Warnstreiks haben sich Ver.di und die Länder geeinigt: Schrittweise bis zu 5,8 Prozent mehr Gehalt, höhere Entgelte für Nachwuchskräfte und höhere Zulagen für Wechsel- und Schichtarbeit. Ursprünglich hatte Ver.di auch mehr Urlaubstage und eine 35-Stunden-Woche gefordert – sich damit aber nicht durchgesetzt. Doch welche Folgen hätte das gehabt?

Wir haben bei der Rheinbahn in Düsseldorf nachgefragt: Wären die Wochenarbeitsstunden der Beschäftigten gesenkt worden, „würde dies nicht zu einem geringeren, sondern zu einem höheren Personalbedarf führen“. Besonders im Fahrdienst bräuchte das Unternehmen dann mehr Leute. Gleichzeitig seien die Einnahmen eines ÖPNV- Unternehmens aber „nur begrenzt beeinflussbar, da die Ticketpreise durch den Verkehrsverbund festgelegt werden“. Das bedeutet, wenn steigende Personalkosten nicht durch Gewinne kompensiert werden können, muss wiederum an anderen Stellen gespart werden– „etwa bei der Leistungserbringung oder bei Investitionen in Fahrzeuge und Infrastruktur“. Mögliche Konsequenzen wären demnach also Streckenstreichungen oder ein geringerer Ausbau der Mobilitätsinfrastruktur.

eingeschneite Akropolis 2021
Symbolbild: Socrates Baltagiannis / DPA / Picture Alliance

So geht’s auch
Knoten binden, Erste Hilfe leisten und Feuer löschen – das klingt nicht nach einem typischen Nachmittag für Jugendliche. Doch wer sich in seiner Freizeit bei der Freiwilligen Feuerwehr engagieren möchte, kann bereits früh damit beginnen. Unsere Jugendredaktion Salon5 hat ein Training bei der Freiwilligen Feuerwehr in Dortmund-Kirchhörde begleitet. Ob Jugendreporter Damian jetzt bereit ist, Leben zu retten, sehen Sie in diesem Video: 
instagram.com

Fundstück
Heute jährt sich der sechste Jahrestag des rassistischen Anschlags in Hanau. Die „Initiative 19. Februar Hanau“ hat ein lebendiges Mahnmal ins Leben gerufen. Es dient als Ort der Erinnerung und der Auseinandersetzung mit den Ereignissen vom 19. Februar 2020 und deren Folgen. Das Mahnmal ist zugänglich für Schulen, Universitäten, Gruppen und Einzelpersonen. Zudem werden Rundgänge und Workshops angeboten. Das Projekt steht unter dem Motto: „Gegen das Vergessen. Für Gerechtigkeit. Für Solidarität“. 
19feb-hanau.org


Aktuell sollen die USA uns nuklear schützen, daran hat bisher selbst Donald Trump nicht gerüttelt. Trotzdem geht die Sorge um, sie könnten nicht einschreiten, wenn es hart auf hart kommt. Also will Merz für einen eigenen Schutz sorgen.

Nach einer aktuellen Studie hat er derzeit viele schlechte Optionen (PDF) und im Grunde nur einen realistischen Weg, NATO und Bündnispartner nicht zu verschrecken oder mit internationalen Abkommen zu brechen. Nämlich eine gemeinsam organisierte europäische Abschreckung mit dem bereits bestehenden Atomwaffenarsenal von Frankreich, möglicherweise auch von Großbritannien. Aber ob das wirklich funktioniert und wie konkret sich dieser Weg ausgestalten wird, zeigt sich erst in den kommenden Monaten.

Neben der Atombomben-Thematik gibt es noch viele weitere, handfeste Probleme. Ich beschäftige mich derzeit schwerpunktmäßig mit Sicherheitsthemen und will es mal so sagen: Die Menge und Tiefe der Baustellen in der konventionellen Abschreckung und der Bundeswehr sind atemberaubend. 

Das beginnt beim militärischen Personal, das bei Weitem nicht ausreicht, um NATO-Vorgaben zu erfüllen. Die Truppe hat auch Schwierigkeiten, die neue Brigade in Litauen voll zu besetzen, es melden sich zu wenige Freiwillige für den Dienst an der NATO-Ostflanke. Eine verpflichtende Wehrpflicht ist längst nicht vom Tisch.

Um „kriegstüchtig“ zu werden, fehlen Munition, moderne Drohnenabwehr- und Waffensysteme ebenso wie Aufklärungstechnologie. Zu viel Bürokratie, zu langsame Beschaffungsprozesse. Fähigkeitslücken sollen zwar schrittweise geschlossen werden, derzeit wird kräftig aufgerüstet und Munition produziert. Aber die Rüstungslobby treibt das Verteidigungsministerium mit teils fantastischen Preisen so vor sich her, dass es den Haushältern im Bundestag mulmig wird; und wir schon in wenigen Jahren mit einem Haushalt auskommen müssen, der durch die Zinsen der Rüstungsmilliarden ausgehöhlt sein wird.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Till Eckert, Samira Joy Frauwallner, Sebastian Haupt, Ulrich Kraetzer, Jule Scharun und Dilara Schwidder.