Hubert Aiwanger übertreibt bei Wohnungen, die am Berliner Gasnetz hängen
Die Berliner Grünen wollen perspektivisch das Erdgasnetz der Stadt stilllegen. Hubert Aiwanger von der Partei Freie Wähler kritisierte das online mit dem Einwand, 80 Prozent der Wohnungen in Berlin hingen an diesem Netz. Dabei fehlt Kontext.
„Berliner Grüne wollen das Gasnetz abschalten“, schrieb der Parteichef der Freien Wähler, Hubert Aiwanger, Mitte Februar auf X. Dabei hingen 80 Prozent der Berliner Wohnungen am Gasnetz, bundesweit und in München seien es um die 50 Prozent. „Atom, Öl, Kohle und Holz will man auch nicht. Also frieren bis man grün im Gesicht ist“, spitzt Aiwanger mit Blick auf Berlin zu.
Die Aussage von Aiwanger, der bayerischer Staatsminister für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie ist, bezieht sich auf das Wahlprogramm, das die Grünen für die Berliner Abgeordnetenhauswahlen im September 2026 beschlossen hatten. Darin geht es unter anderem um die zukünftige Energieversorgung der Stadt, die bis spätestens 2045 klimaneutral werden soll.
Ein Blick in das Programm zeigt jedoch, dass Aiwanger einigen Kontext weglässt. Ähnlich wie in München und im Bundesdurchschnitt hängt nur etwa die Hälfte der Wohnungen in Berlin direkt am Erdgasnetz.

Was die Berliner Grünen für das Erdgasnetz fordern
In dem entsprechenden Abschnitt des Wahlprogramms der Berliner Grünen heißt es konkret: „Das Erdgasverteilnetz ist nicht sinnvoll dekarbonisierbar und wird in großen Teilen mittel- bis langfristig nicht mehr gebraucht. […] Überflüssige Netzabschnitte sollen schrittweise und sozialverträglich stillgelegt werden. […] Wir setzen uns für eine perspektivische Stilllegung des Erdgasnetzes ein und werden dazu mit der Gasag ins Gespräch gehen.“ Dekarbonisieren heißt in diesem Zusammenhang, weniger oder gar keine fossilen Brennstoffe wie Erdgas mehr für die Wärmeversorgung zu verwenden.
Eine Tochtergesellschaft des Energieversorgers Gasag, die NBB Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg, betreibt das Erdgasnetz in Berlin. Die Leitungen nutzen dann verschiedene Anbieter.
Etwa die Hälfte der Wohnungen in Berlin werden direkt mit Erdgas beheizt
In Berlin gibt es etwas mehr als zwei Millionen Wohnungen. Die Gasag und die Berliner Senatsverwaltung verweisen uns auf Anfrage auf den Mikrozensus 2022: Demnach werden 970.000 Wohnungen, also etwas mehr als 45 Prozent, direkt mit Gas versorgt. Wie kommt also die Diskrepanz zu Aiwangers „80 Prozent“ zustande? Auf Nachfragen dazu antwortete er nicht.
Er verlinkt in seinem Beitrag auf X aber einen Meinungsbeitrag der Bild, in dem steht, rund 80 Prozent der Berliner Wohnungen würden „direkt mit Gas oder über Fernwärme beheizt“, die ebenfalls mit Gas erzeugt werde. Für München und den Bundesschnitt bezieht Aiwanger die Fernwärme-Haushalte dagegen nicht mit ein, doch dazu später mehr.
Fernwärme in Berlin läuft über eigenes Verteilnetz
Laut Mikrozensus 2022 werden 43 Prozent der Wohnungen in Berlin mit Fernwärme versorgt. Im Unterschied zum Gasnetz, das den Brennstoff direkt zum Abnehmer leitet, liefert das Fernwärmenetz Wärmeenergie über ein eigenständiges Netz an die Haushalte. Wer mit Fernwärme heizt, hat daher dafür auch keinen Gasanschluss oder Gasvertrag. Das Fernwärmenetz wird unter anderem von der landeseigenen Berliner Energie und Wärme GmbH (BEW) betrieben, die rund 700.000 Wohnungen versorgt. Zudem gibt es zwei weitere kleinere Versorger mit Fernwärme.
Wie funktioniert Fernwärme?
Fernwärme wird in zentralen Heizkraftwerken produziert, die mithilfe von fossilen Brennstoffen, Biomasse oder regenerativen Energien Wärme erzeugen. Diese wird dann in Form von heißem Wasser oder Dampf über Rohre zum Endverbrauchern transportiert. Es gibt auch kleine Netze – das wird dann umgangssprachlich als Nahwärme bezeichnet. Der Unterschied zwischen Fern- und Nahwärme besteht nur in der Größe des Netzes, die Technik dahinter ist die gleiche.
Korrekt ist, dass die Fernwärme in Berlin aktuell noch größtenteils – laut der BEW zu 77 Prozent – mit Gas erzeugt wird. Wie die Erdgasnetzgesellschaft NBB erklärt, gelangt das Gas zu den Kraftwerken für die Fernwärme über das unternehmenseigene Verteilnetz. Diese Hochdruckleitungen sollen jedoch ohnehin dekarbonisiert werden, ein Teil davon soll bereits bis spätestens 2032 auf Wasserstoff umgestellt werden.
Städte sind zu Wärmeplanung bis Ende Juni 2026 gesetzlich verpflichtet
Im Fall von München und bundesweit lässt Aiwanger den Anteil der Fernwärme weg – dabei wird sie auch dort bislang hauptsächlich mit Erdgas erzeugt. Deutschlandweit werden nach Angaben des Zensus 2022 56 Prozent der Wohnungen mit Gas beheizt und 15 Prozent mit Fernwärme.
Die Stadt München kann auf Nachfrage nicht beantworten, wie viele Wohnungen aktuell mit Erdgas versorgt werden. Sie verweist daher auf die Marktanteilen der einzelnen Energieträger: Demnach machte Erdgas im Jahr 2023 etwa 52 Prozent des gesamten Endenergieverbrauchs für Gebäudewärme aus, 35 Prozent entfielen auf Fernwärme.
Laut Wärmeplanungsgesetz müssen alle Kommunen mit mehr als 100.000 Einwohnern bis Ende Juni 2026 einen Wärmeplan vorlegen. Darin soll aufgeschlüsselt sein, wie in Zukunft Heizenergie eingespart und klimafreundliche Wärmeversorgung sichergestellt werden soll. Das Wärmeplanungsgesetz verpflichtet auch Betreiber von Fernwärmenetzen zur schrittweisen Dekarbonisierung bis 2045, also zum Verzicht oder Reduktion fossiler Brennstoffe. Das Gebäudeenergiegesetz verpflichtet zudem beim Einbau neuer Heizungen in Neubauten, dass diese mindestens mit 65 Prozent erneuerbaren Energien betrieben werden.
Mitarbeit: Jann-Luca Künßberg
Redigatur: Steffen Kutzner, Sarah Thust
Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:
- Wahlprogramm der Berliner Grünen für die Berliner Abgeordnetenhauswahlen im September 2026, 14. Februar 2026: Link (archiviert)
- Mikrozensus 2022, Statistik Berlin und Brandenburg: „Erneuerbare Energien gewinnen beim Heizen an Bedeutung“, 12. September 2024: Link (archiviert)
- Berliner Energie und Wärme GmbH (BEW), „Fahrplan zur Dekarbonisierung der Wärmeversorgung in Berlin“, archiviert am 24. Februar 2026: Link (archiviert)