Wie geht es den Menschen im Iran?

Nach Chameneis Tod: Wie geht es weiter, wie ist die Lage?

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser,

vielleicht haben auch Sie am Wochenende gebannt die Nachrichtenlage verfolgt – den Militärschlag der USA und Israels gegen den Iran, bei dem unter anderem das geistige Oberhaupt Ali Chamenei getötet wurde. 

Die deutschen Medien berichten nun in viele Richtungen: Es geht etwa um wirtschaftliche Auswirkungen durch steigende Ölpreise in Europa oder um festsitzende deutsche Touristen in der Region. Wir finden im ersten Schritt am wichtigsten, wie es den Menschen im Iran geht: Überwiegt Erleichterung, weil das repressive klerikale Regime heftig getroffen wurde? Oder Sorge, was nun folgt? Wir haben uns unter jenen umgehört, die Drähte direkt in den Iran haben.

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Thema des Tages: Wie geht es den Menschen im Iran?

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Die Lage ist undurchsichtig, die Meinungen sind gespalten und viele Fragen sind offen: Hat der Angriff das Ende des Mullah-Regimes eingeleitet? Wird das Land jetzt frei? Welche Hoffnungen und Sorgen haben die Menschen jetzt?

Gestern in Teheran, der Hauptstadt des Iran: Rauchsäule nach einer Bombardierung im Stadtteil Shahran. Quelle: Picture Alliance / SIPA | MEK

Ist das Regime jetzt erledigt?
Das lässt sich noch nicht absehen. Iran-Politik-Experten sagen (zum Beispiel hier im Deutschlandfunk), das Regime sei mittlerweile so gefestigt, dass sich für Chamenei und andere getötete Führungsfiguren recht einfach Nachfolger finden ließen. 

Das ist wohl auch ein Grund, weshalb die USA und Israel ihre Angriffe fortsetzten: Sie wollen die militärischen Strukturen weiter schwächen, damit das Mullah-Regime aufgibt. Sie haben zudem weiter Atomanlagen im Iran angegriffen.

Wie geht es den Menschen im Iran?
Die deutsch-iranische Journalistin Gilda Sahebi, die in ständigem Kontakt zu Vertrauten im Iran steht, sagt: Die Menschen seien überwiegend glücklich über das Ende Chameneis, viele hätten nach Bekanntwerden der Nachricht gefeiert.

Denn der Großteil von ihnen empfinde nur noch Abscheu und Hass gegenüber den Machthabern. 

Das Regime hatte rohe Gewalt gegen sein eigenes Volk ausgeübt: Zuletzt ließ es bei landesweiten Protesten Anfang Januar Zehntausende Menschen auf den Straßen und in den Krankenhäusern ermorden, darunter viele Kinder und Jugendliche. Es ließ Leichen verschwinden, verhaftete Ärzte, die Protestierende versorgten, und richtete vermeintliche Aufrührer hin. Was Chamenei und sein Regime den Menschen angetan haben, erklärt Sahebi hier eindrücklich in einem Video.

Aber, schreibt sie heute in einem Gastbeitrag

„Noch ist das Land nicht befreit.“

Zwar scheine nun der Sturz des Regimes zum ersten Mal seit dem 47-jährigen Bestehen der Islamischen Republik eine realistische Option zu sein. Aber: Das Regime habe weiter das Gewaltmonopol im Iran, das mit Waffengewalt verteidigt werde – gegenüber der demonstrierenden Bevölkerung und nach außen. 

Hinzu komme, dass die Menschen im Land weitgehend schutzlos gegen die Bombardierungen sind, es gibt kaum Zuflüchte wie Schutzbunker.

Was sagt die Gemeinde der Iraner in Deutschland?
Am Wochenende haben in Berlin rund 1.800 Menschen demonstriert – um ihrer Freude über den Schlag gegen das Mullah-Regime Ausdruck zu verleihen. Sie wünschen sich, dass dort anstatt der derzeitigen politischen Führung Prinz Reza Pahlavi eine neue Regierung anführt. Das ist der Sohn des 1979 im Iran gestürzten Schahs. Er lebt derzeit im Exil in den USA.

Darüber, wie es den Menschen im Iran geht und welche Hoffnungen und Sorgen sie haben, haben wir heute mit Ehsan Djafari gesprochen, der der Iranischen Gemeinde in Deutschland vorsteht. 

Ein Gefühl der Erleichterung
Freunde und Familienangehörige hätten den Tod Chameneis nicht mit Trauer aufgenommen, sagt Djafari. Sie hätten aufgeatmet. Manche hätten geweint – aber nicht aus Schmerz, sondern aus einem Gefühl der Erleichterung.

„Nach Jahrzehnten von Repression, Hinrichtungen, Unterdrückung von Frauen, Verfolgung von Andersdenkenden und blutiger Niederschlagung von Protesten verbinden viele Chameneis Namen mit Leid“, sagt Djafari. Die Menschen wollten das „elende, unterdrückerische System der Mullahs“ nicht mehr akzeptieren. 

Menschen im Iran sollten nicht Spielball der Geopolitik werden 
Auch in größter Empörung dürfe man aber nicht seine Prinzipien verlieren. „Das Völkerrecht, der Schutz der Zivilbevölkerung und das Gebot der Deeskalation gelten universell“, sagt Djafari. Die Zivilbevölkerung dürfe nicht zum Spielball geopolitischer Auseinandersetzungen werden.

Er selbst hätte Chamenei zudem lieber vor Gericht gesehen, sagt Djafari. Dort hätten die Mütter der Getöteten, die Gefolterten, die Inhaftierten, die Entrechteten ihre Wahrheit aussprechen können. 

Chameneis Tod ist nicht automatisch das Ende der Unterdrückung
Djafari weist darauf hin, dass der Tod eines politischen Führers nicht automatisch ein System beendet. Die Strukturen der Unterdrückung, die Sicherheitsapparate und die Ideologie würden nicht über Nacht verschwinden. 

Bundeskanzler Merz reist zu US-Präsident Trump nach Washington 
Bei dem bereits länger geplanten Treffen zwischen EU- und US-Vertretern, das ursprünglich den Zollstreit und den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zum Thema haben sollte, dürften nun der Krieg im Iran im Vordergrund stehen. Deutschland ist an den militärischen Aktionen nicht beteiligt. Bundeskanzler Merz verteidigte das Vorgehen der USA und Israels und äußerte Verständnis für die Erleichterung vieler Iraner über ein mögliches Ende des Mullah-Regimes. Er warnte jedoch zugleich vor einer Ausweitung des Konflikts und forderte eine nachhaltige Lösung.
deutschlandfunk.de

Das Logo der BVG auf einem ihrer Fahrzeuge
Symbolbild: Jens Krick / Flashpic / Picture Alliance

So geht’s auch
Die Stromproduktion in China und Indien ist ein großer Treiber globaler Klimagase – und ein häufiger Referenzpunkt für jene, die auch in Deutschland weniger engagierte Klimapolitik wollen. Allerdings gibt es bei den asiatischen Staaten Bewegung: Sowohl in Indien als auch in China sanken 2025 die fossilen Strommengen. Und das, obwohl der Stromverbrauch weiter wächst.
taz.de


Wir gehen im Oktober nach Magdeburg – bewusst kurz nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt. Bewusst dorthin, wo Lokal- und Regionaljournalismus gerade unter besonderem Druck stehen.

Die aktuellen Wahlumfragen zeigen die AfD bei 39 Prozent – stärkste Kraft. Es besteht die reale Möglichkeit, dass im Herbst die erste AfD-geführte Landesregierung startet. Genau dann, wenn wir uns vom 16. bis 18. Oktober mit 350 Kolleginnen und Kollegen aus dem Lokal- und Regionaljournalismus in der Hyparschale treffen.

Weil die Kolleginnen und Kollegen dort gerade erleben, was viele andere befürchten. Weil wir sehen wollen, wie Lokaljournalismus unter diesen Bedingungen funktioniert – und was davon auch für andere Regionen relevant wird. Und weil wir nicht nur zuschauen wollen, sondern dort sein wollen, wo es gerade schwierig wird.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Till Eckert, Samira Joy Frawallner, Sebastian Haupt und Ulrich Kraetzer.