Hilft jemand unseren Schülern?

Immer mehr Kinder und Jugendliche sind von Gewalt betroffen oder schwer psychisch krank. Aber: An jenen, die ihnen helfen müssten, wird gespart.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser,

immer mehr Kinder und Jugendliche in Deutschland sind von Gewalt betroffen oder schwer psychisch krank. Wer hilft ihnen, wenn die Eltern das nicht können – oder selbst das Problem sind? Lehrer? Deren Job ist das nicht, und sie sind dafür auch nicht ausgebildet. Es gibt dafür an unseren Schulen Sozialarbeiter – erste Anlaufstelle für Schüler in Not.

Allerdings oft nur in der Theorie. In der Praxis haben viele Schulen gar keine Sozialarbeiterin, in einigen Bundesländern werden sogar Stellen gestrichen. Und das, während immer mehr Kinder und Jugendliche die Hilfe von Sozialarbeitern bräuchten. Das zeigt die neue Recherche unseres Bildungsteams.

Fun Fact: Gestern ging es für unseren neuen CORRECTIV-und-Fun Facts-Redakteur Jann-Luca Künßberg das erste Mal ans Eingemachte. Und natürlich für das ganze Team der Comedy-Autoren, Technikleute, und Beteiligten im Berliner Mehringhoftheater

Die erste Folge Fun Facts ist erschienen – unser neues Nachrichten-Comedy-Format. Es ging um Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, um die Wirtschaftskompetenz der CDU und um die Macht von Big Tech. Präsentiert diesmal von Marc-Uwe Kling.

Ab sofort finden Sie die aktuelle Fun Facts-Folge des Tages in einer eigenen Rubrik im SPOTLIGHT verlinkt.

Wissen Sie von Machtmissbrauch, Korruption oder anderen Missständen – zum Beispiel in der Firma, in der Sie arbeiten oder der Partei, für die Sie sich engagieren? Dann schreiben Sie mir mit Ihren möglichst konkreten Hinweisen: anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: Hilft jemand unseren Schülern?

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Neueste CORRECTIV-Recherchen: Trotz Verurteilung nach politischem Mord: Behörden ließen Tschetschenen nach Deutschland reisen • Bundesregierung schätzt islamistische Terrorgefahr weiterhin als hoch ein

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Hier sehen Sie die Premierenfolge

Faktencheck: Krieg in Iran: Tehran Times teilt gefälschte Satellitenaufnahme von angegriffener US-Basis

Gute Sache(n): Reisechaos in Nahost: Die wichtigsten Antworten • Kochen für Männer im reifen Alter • Die kürzesten Grenzen der Welt

CORRECTIV ganz persönlich: Wir haben jahrelang zu kirchlichem Missbrauch recherchiert – jetzt kommen ein Buch, ein Film und ein Theaterstück

Grafik des Tages: AfD-Vetternwirtschaft: So behalten Sie den Überblick

Winter, die eigentlich anders heißt und deren Namen wir für unsere Veröffentlichung geändert haben, ist die einzige Sozialarbeiterin an einem Gymnasium in Sachsen. An ihre Schule gehen rund 1.100 Kinder und Jugendliche – und Winter hat im vergangenen Jahr 600 Beratungen gemacht. Sie sei am Limit, sagt sie. „Kurz vorm Burnout.“

Mit diesem Beispiel beginnt die Recherche, an der unsere Bildungsreporterin Miriam Lenz zusammen mit einem Team aus unserer Redaktion mehrere Monate lang gearbeitet hat. Heute Morgen haben wir sie veröffentlicht.

Die Illustration zeigt ein symbolisches Bild einer Schulsozialarbeiterin, die überlastet ist.
Rund 550 Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter berichten CORRECTIV von ihrem Alltag – viele sind überlastet und können sich nicht um alle Kinder kümmern, die Hilfe brauchen. Illustration: Christina S. Zhu

Darum geht es:
Schulsozialarbeiterin (oder -arbeiter) ist ein Beruf, der immer wichtiger wird, weil immer mehr Kinder und Jugendliche psychisch krank sind. Oder, weil sie Opfer von Gewalt werden, zum Beispiel in ihrer eigenen Familie.

Aber: Der Beruf steht enorm unter Druck. Viele, die darin arbeiten, berichten uns:

  • dass sie allein für hunderte Schülerinnen und Schüler zuständig seien, dass sie als „Feuerwehr“ von einer Krisensituation zur nächsten hetzen, 
  • dass sie längst nicht allen Kindern und Jugendlichen so gerecht werden können, wie sie es bräuchten. 
  • Und, dass sie dabei oft nicht wissen, ob es ihren Job im nächsten Jahr noch geben wird – denn in Zeiten klammer öffentlicher Kassen werden Stellen gestrichen. In Sachsen-Anhalt stehen womöglich hunderte Stellen vor dem Aus.

So haben wir recherchiert:
Wir haben vor einiger Zeit einen bundesweiten Aufruf gestartet, sich bei uns zu melden, wenn man selbst Schulsozialarbeiterin ist. Dafür haben wir unsere eigene digitale Plattform genutzt, den CrowdNewsroom – die bei uns immer zum Einsatz kommt, wenn wir große Mengen von Leuten befragen möchten.

In diesem Fall haben sich 550 Leute gemeldet, eine ganze Menge. Das zeigt schon, dass der Leidensdruck in diesem Berufsfeld offenbar groß ist und viele Leute sich uns mitteilen wollten. Deren Fälle haben wir dann ausgewertet und mit einigen davon auch gesprochen.

Weshalb das so relevant ist:
Wenn auf diese Weise an den Kindern gespart wird, werden viele zurückgelassen: solche, die Opfer von Gewalt sind; solche, die seelisch krank sind und womöglich sogar suizidgefährdet. 

Der Sparkurs trifft übrigens vor allem jene Kinder, die sozial benachteiligt sind – also deren Eltern wenig Geld haben oder sich aus anderen Gründen kaum kümmern können. 

Unter dem Strich:
Wenn Kinder auf der Strecke bleiben, werden aus ihnen mit hoher Wahrscheinlichkeit später keine Erwachsenen, die erfolgreich im Job sind – und darunter leidet dann auch unser Wirtschaftsstandort. 

Sulejman Dadaev (Mitte) wurde 2011 wegen der Behilfe zum Mord an Umar Israilow zu 19 Jahren Haft verurteilt. Im Jahr 2022 konnte er vorzeitig nach Russland zurückkehren. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Ronald Zak
Sulejman Dadaev (Mitte) wurde 2011 wegen der Behilfe zum Mord an Umar Israilow zu 19 Jahren Haft verurteilt. Im Jahr 2022 konnte er vorzeitig nach Russland zurückkehren. Foto: Picture Alliance / ASSOCIATED PRESS | Ronald Zak

Bundesregierung schätzt islamistische Terrorgefahr weiterhin als hoch ein
Der „Islamische Staat“ oder Al-Kaida könnten derzeit keine komplexen Anschläge planen – aber Kleinstgruppen oder Einzelpersonen zu Terrorakten animieren. Grüne sehen Defizite bei Maßnahmen gegen Propaganda und Radikalisierung im Netz.
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So geht’s auch
Kochen lernen? Es ist nie zu spät. An der Volkshochschule Frankfurt (Oder) gibt es Kochkurse, die sich speziell an Männer über 55 wenden. Ziel ist es auch, dabei neue Kontakte knüpfen zu können.
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So verlief unsere Recherche zum klerikalen Missbrauch in der katholischen Kirche. Vor acht Jahren begann sie zufällig in Bottrop, während wir zu einem Medikamenten-Skandal recherchierten. Ein Opfer eines pädophilen Priesters hatte mich angesprochen und mir seine Geschichte erzählt. 

Danach fand ich in einem geheimen Gesprächsprotokoll einen Hinweis auf einen Besuch des deutschen Papstes Benedikt XVI., damals noch Kardinal Joseph Ratzinger. Er hatte ausgerechnet in der oberbayerischen Gemeinde gastiert, in der besagter Priester nach seiner Versetzung aus dem Ruhrgebiet die Messe feierte. Das war eine neue Spur. 

Ich reiste dorthin, sprach mit etlichen Menschen und stieß erstmal auf eine Mauer des Schweigens – eine Mauer, die von der Gemeinde bis hin zum Vatikan die Geheimnisse der katholischen Kirche umgibt. Doch sie bekam Risse. 

Ein geheimer Brief, der jahrzehntelang versteckt worden war, mit Ratzingers Unterschrift versehen, zeigte, dass ihm als Präfekt der Glaubenskongregation im Vatikan das Wissen über den Priester in Bayern vorlag. Der Brief zeigte, dass die Verantwortung für den wegen Kindesmissbrauch verurteilten Priester nicht nur bei den reigonalen Bischöfen lag, sondern auch im Rom.

Wo es einen Brief gibt, gibt es auch mehrere. Wir begannen unsere Suche, und zwar weltweit. Was als lokale Recherche zu einzelnen Missbrauchsfällen begann, entwickelte sich so zu einer weltweiten Jagd nach geheimen Korrespondenzen des Vatikans. Sie führte uns von Portugal über die USA bis nach Kolumbien und Australien. Immer deutlicher zeichnete sich ein System ab: Das Wissen über die weltweiten Fälle von Kindesmissbrauch liegt im Vatikan, und zwar seit mindstens 100 Jahren. Wir fanden auch Briefe aus den 1930er Jahren. Seit Beginn der 1980er Jahren tragen viele dieser Schreiben die Unterschrift von Kardinal Ratzinger. Doch ging es meist nicht um die Opfer, sondern um den Schutz der Kirche. 

Die katholische Kirche ist die älteste Bürokratie der Welt. Und in diesem über Jahrhunderte ausgeklügelten Ordnungssystem stießen wir auf eine Anomalie. In mindestens einem Fall, und zwar ausgerechnet bei dem Priester aus Bottrop, fehlte die Protokollnummer. Ein Hinweis auf etwas Geheimes im Geheimen.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Till Eckert, Samira Joy Frauwallner und Sebastian Haupt.