„Anatolischer Schwabe“ lenkt Ländle

Die AfD schneidet nicht besonders gut bei der BaWü-Wahl ab – und Cem Özdemir wird der erste Ministerpräsident mit Gastarbeiter-Hintergrund.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser, 


in unserer Redaktionskonferenz ging es heute wieder hoch her: Die einen fanden im positiven Sinne bemerkenswert, dass nach der Landtagswahl in Baden-Württemberg mit Cem Özdemir zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik ein Ministerpräsident mit Gastarbeitergeschichte ins Amt kommt – vor allem in Kombination damit, dass die AfD schlechter abschnitt als in Umfragen prognostiziert (sie erreichte 18,8 Prozent).


Die anderen fanden: Man müsse oder solle nicht übertrieben stark betonen, dass Özdemir türkischer Abstimmung ist – schließlich wurde er in Deutschland geboren und außerdem ist Deutschland eben ein Land, in dem viele Menschen Vorfahren aus anderen Ländern haben. Also, so das Plädoyer: einfach als normal betrachten und darüber hinweg gehen. Mehr im Thema des Tages.


Wie sehen Sie es: Sollte das ein Thema sein, ist es eine besondere Errungenschaft? Schreiben Sie mir: anette.dowideit@correctiv.org.


Außerdem: Sie haben über das Thema für die Cartoon-Arena nächste Woche abgestimmt. Die Mehrheit (64 Prozent) wünschte sich dieses Thema: Die Bundesregierung setzt auf Gas – trotz Krieg in Nahost und Klimakrise. Wir freuen uns darauf.


Viel Spaß beim Lesen und haben Sie einen schönen Abend!

Thema des Tages: „Anatolischer Schwabe“ lenkt Ländle

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Cem Özdemir
Bald Chef im Ländle: Cem Özdemir (Quelle: dts-Agentur / Picture Alliance)

Weshalb das relevant ist:
Man kann also durchaus sagen, dass seine Geschichte eine Erfolgsgeschichte ist – für gelungene Integration – während wir in Deutschland häufig darüber sprechen, dass andererseits auch „Parallelgesellschaften“ unter Zugewanderten existieren, in denen man sich der Integration verweigert und oftmals noch nicht einmal richtig Deutsch gesprochen wird.

Vergangene Woche war genau zu diesem Thema ein Gast zum Videointerview in unserem TV-Studio in Berlin, der öffentlich viel über Integrationsprobleme spricht: der Psychologe Ahmad Mansour. Wir sprachen darüber, wie sich Zugewanderte denn besser integrieren können, was sie selbst tun können und müssen, um in Deutschland richtig anzukommen.

Und darüber, dass die kürzlich von Innenminister Dobrindt (CSU) weggekürzten Integrationskurse dabei nicht hilfreich sind. Den Link zum Streitgespräch zwischen Mansour und mir finden Sie demnächst hier im SPOTLIGHT.

Was das Ganze mit der AfD zu tun hat:
Die Partei flirtet – wie Sie wissen, und wir häufig berichten – mit der Idee der „Remigration“ auch von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte und deutschem Pass. 

Insofern ist bemerkenswert, dass eine Mehrheit der Wählerinnen und Wähler Baden-Württembergs (einem Bundesland mit viel ländlicher und konservativer Bevölkerung) für einen Ministerpräsidenten mit Migrationsgeschichte abgestimmt haben.

Vielleicht, so die Vermutung (oder Hoffnung) unseres AfD-Experten Marcus Bensmann, stößt die AfD gerade an eine Glasdecke: Jenes Wählerpotenzial, das solchem völkischen und rassistischem Gedankengut etwas abgewinnen kann, hat die Partei womöglich schon voll abgeschöpft – und schafft es nicht, damit in der Mitte der Gesellschaft anzukommen und Mehrheiten zu erzielen.

Iran: Sohn von Ajatollah Ali Chamenei zu seinem Nachfolger erklärt 
Der Sohn des ermordeten iranischen Staatsoberhaupts, Ajatollah Ali Chamenei, wurde von einem Gremium zum neuen geistlichen Führer des Iran ernannt. Vor der Bekanntgabe drohte US-Präsident Donald Trump dem Nachfolger Chameneis bereits. Ohne die Zustimmung der US-Regierung, so Trump, werde sich der neue oberste Führer des Iran „nicht lange halten“. 
zeit.de 

Maskendeals: Verfahren gegen Jens Spahn eingestellt 
Umstrittene Maskendeals setzten Jens Spahn während und nach der Corona-Pandemie unter Druck. Seit Juni 2025 gingen über 170 Strafanzeigen gegen den ehemaligen Bundesgesundheitsminister bei Strafverholfungsbehörden ein. Die Vorwürfe: Vorteilsnahme und Untreue. Die Generalstaatsanwaltschaft erklärte nun, die Prüfung habe keine ausreichenden Hinweise auf eine Straftat ergeben.
t-online.de

Eine Demonstration gegen die Corona-Auflagen vom November 2020 (Foto: Picture Alliance / SULUPRESS.DE / Vladimir Menck/SULUPRESS.DE)

Es ist eine Sensation, weil jemand aus einer klassischen Gastarbeiterfamilie, der auch Muslim ist, Ministerpräsident in Deutschland werden kann. Ein Zeichen für Vielfalt und Aufstieg – und gegen das realitätsferne Geheule der „Remigration“.

Natürlich gab es andere vor ihm. Eine Staatsministerin auf Bundesebene zum Beispiel, Aydan Özoğuz. Es gab sogar schon einen Ministerpräsidenten vor ihm, David McAllister in Niedersachsen. Auch er hatte einen Migrationshintergrund, nämlich einen schottischen. Aber bei Özdemir ist das anders. Weil er sich selbst als „anatolischen Schwaben“ sieht und viel über seine Gastarbeiter-Kindheit spricht. Weil sie seine Politik geprägt hat. Auf durchaus widersprüchliche Weise.

Özdemir steht für eine konservative Migrationspolitik. Im Wahlkampf sprach er sich für eine stärkere Steuerung und eine Trennung von Asyl- und Arbeitsmigration aus. Er sorgte sich öffentlich um seine Tochter, die in Berlin von jungen Migranten „unangenehm begafft“ werde. Er kritisierte den türkischen Konsulatsunterricht und den „Despoten“ Erdogan.

Warum genau das stellvertretend für BadenWürttemberg steht – und wie es im Ländle ohne Migration aussähe, das lesen Sie hier im vollständigen Denkanstoß.

Bild einer russischen Flagge, die an einem Fahnenmast hängt.
Symbolbild: Kay Nietfeld / DPA / Picture Alliance

Ekrem İmamoğlu, Bürgermeister von Istanbul und führender Kandidat für die türkische Präsidentschaftswahl 2028, sitzt seit einem Jahr im Gefängnis von Silivri – demselben Gefängnis, in dem ich selbst einmal inhaftiert war. Seine Zelle ist kleiner als meine: 15 Quadratmeter. Sein Prozess beginnt heute. 

İmamoğlu wird Korruption, die Führung einer kriminellen Organisation und die Finanzierung eines Führungswechsels innerhalb der CHP vorgeworfen. Er könnte bis zu 352 Jahren Haft verurteilt werden. Rund 400 weitere Personen stehen gemeinsam mit ihm vor Gericht – es ist einer der größten politischen Prozesse der Türkei seit Jahren.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Till Eckert, Samira Joy Frauwallner, Sebastian Haupt, Ulrich Kraetzer und Jule Scharun.