Wie viel Zuhören muss sein?

Unser Videointerview mit Ahmad Mansour erhitzt Gemüter. Was steht dahinter?

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser, 

es gibt kaum ein Thema, das die Gemüter derart erhitzt wie die Zuwanderung. Wenn Menschen aus anderen Ländern zu uns kommen – weil sie bei uns Schutz vor Verfolgung oder Armut suchen – bringt das auch Herausforderungen für unser Land mit sich. Viele kommen mit großen psychischen Problemen (wie wir in dieser Recherche gezeigt haben). Manch andere kommen mit Wertvorstellungen, die mit westlichen Freiheitsrechten nicht viel zu tun haben – das zeigten wir zum Beispiel hier.

Gelungene Integration braucht Zeit und viel Geld. Es hilft niemandem, diese Realität totzuschweigen. Herausforderungen zu benennen, heißt noch lange nicht, dass man deshalb dagegen wäre, Menschen aus anderen Ländern aufzunehmen. Und dennoch: Wir tun uns in Deutschland schwer damit, einen konstruktiven Diskurs darüber zu führen.

Weshalb erzähle ich Ihnen das? Weil ich den bekannten und streitbaren Psychologen Ahmad Mansour zum Interview eingeladen hatte. Gestern ist das Videogespräch erschienen. Thema: Herausforderungen der Integration. Unter dem ersten Ausschnitt, den wir bei Instagram veröffentlicht haben, kommentierten eine Menge Leute: Wieso bietet ihr dem Mann eine Plattform? 

Aus diesem Anlass geht es im Thema des Tages um die dahinterstehende größere Frage: Wie viel Zuhören muss, darf und soll sein? Warum finden wir, dass Medien – gerade auch CORRECTIV – mit jenen in den Dialog gehen sollten, die streitbare Meinungen haben? Und: Wo verläuft die Trennlinie zwischen jenen, denen man zuhören – und jenen, denen man keine Plattform bieten sollte?

Schreiben Sie mir gern Ihre Meinung zum Thema – aber bitte nur, wenn Sie das Interview vorher angeschaut haben: anette.dowideit@correctiv.org.

Zum Schluss noch dies: In der Grafik des Tages finden Sie die Auflösung zu unserer Leserumfrage: Wie reagieren Sie auf den hohen Spritpreis? Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!

Thema des Tages: Wie viel Zuhören muss sein?

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Till Reiners blickt auf Jens Spahn und knappe Kassen

CORRECTIV Events: CORRECTIV-Doku zum Missbrauch in der katholischen Kirche

Faktencheck: Kampfjet-Abschuss in Kuwait: Szene aus Videospiel als echt ausgegeben

Gute Sache(n): Bundesweite Razzia gegen rechtsextremen Verlag • Kommunalwahl: In Hessen dürfen jetzt auch Obdachlose wählen • Kunststoff, der sich in Salzwasser auflösen kann

CORRECTIV ganz persönlich: Wohin liefert Deutschland Waffen – möglicherweise über Umwege?

Grafik des Tages: SPOTLIGHT-Umfrage: Wie gehen Sie mit den gestiegenen Spritpreisen um?

Als Reizfigur gilt er für viele, weil er sich – in konservativen Medien, teils aber auch in anderen – oft auf die Schwierigkeiten und Herausforderungen der Zuwanderung fokussiert. Er kritisiert das Entstehen von Parallelgesellschaften und den radikalen Islamismus, mitunter aber auch die Strömungen in starken Worten, die viele eher als gemäßigt beschreiben würden. Dies empfinden offenbar viele als übergriffige Einmischung ins religiöse Leben von Muslimen in Deutschland.

Wir haben Mansour zum Interview eingeladen, weil wir finden: Solange jemand innerhalb des demokratischen Spektrums steht, dann sollte man ihm zuhören und sich mit ihm austauschen. Auch, wenn man anderer Meinung ist. Denn gesellschaftliche Debatten können nur gelingen, wenn man nicht immer nur mit denen redet, die ohnehin derselben Meinung sind. 

Darum ging es im Interview:

  • Zunächst um die Integrationskurse, die Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) kürzlich drastisch gekürzt hat. Ich habe Mansour gefragt, was er von den Kürzungen hält und er sagt: nichts. Denn wenn wir als Gesellschaft von Zugewanderten fordern, dass sie sich besser integrieren sollen – dann ist es nicht hilfreich, ihnen diese Möglichkeit wegzunehmen.
  • Dann um die Frage, wie weit Integration denn gehen sollte. Mansour ist hier entschieden: Integration muss sein, Assimilation darf dagegen nicht erzwungen werden. Integration bedeutet, dass man seinen Glauben und seine Tradition bewahrt und weiter Feste wie Ramadan oder Hanukkah feiert – gleichzeitig aber westliche Freiheitswerte anerkennt. Etwa die Gleichstellung von Frau und Mann und das Existenzrecht Israels. Assimilation würde bedeuten, seine Herkunft, Tradition und Religion zu verleugnen. Einfach gesagt: Ein Mensch arabischer Herkunft soll sich nicht in Manfred umbenennen, ein gläubiger Muslim nicht Bratwurst essen müssen.
  • Um die Abgrenzung zur AfD: Teile der Partei fordern ja nämlich die „Assimilation“ von Zugewanderten – und dass jene mit Zuwanderungsgeschichte aus dem Land geekelt werden sollen, die sich nicht ausreichend assimilieren. Mansour sagt klar: Damit will er nichts zu tun haben. Er halte die AfD für eine „Gefahr für Deutschland“ und für eine „zum Teil faschistische Partei“.
  • Um die Frage, wie wir in Deutschland zielführend über Herausforderungen durch Integration diskutieren sollen. Nämlich: auf Basis von Fakten, nicht auf Basis von Ängsten, die geschürt werden – ohne, dass es statistische Belege für vermeintliche oder echte Probleme gibt.
  • Zuletzt – und das ist der streitbarste Punkt: um die Frage, ob wir das Recht auf Asyl begrenzen sollten. Schließlich ist der individuelle Anspruch auf Asyl eine große menschenrechtliche Errungenschaft. Mansour dagegen ist der Ansicht: Lieber weniger Menschen Schutz gewähren, dafür dann ausreichend Geld in deren Integration stecken.

Ist es ein No-Go, darüber überhaupt zu diskutieren?
Wichtig ist hierzu die Feststellung: Wir von CORRECTIV diskutieren nur mit jenen, die innerhalb des demokratischen Spektrums argumentieren. Wir würden zum Beispiel selbstverständlich nicht Martin Sellner eine Plattform bieten, dem Kopf der Identitären Bewegung, der Menschen nach rassistischen Kriterien aus Deutschland vertrieben wissen will.

Die Debatte über Obergrenzen für Asylsuchende ist etwas anderes. Sie findet ohnehin im demokratischen Diskurs statt. Im vergangenen Jahr beschäftigte sich der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags (WD) mit der Frage, ob Deutschland das derzeit geltende Asylrecht aussetzen könnte. Der WD machte das wiederum deshalb, weil, wie er schrieb, eben diese Frage „in Wissenschaft und Praxis seit längerem diskutiert“ wird.

Dass diese Debatte stattfindet, kann man empörend finden oder sinnvoll. Beides sind legitime Haltungen im demokratischen Diskurs.

Was dahinter steht:
Zur Demokratie gehört es, andere Haltungen auszuhalten – solange sie auf dem Boden unserer Verfassung stehen und nicht Menschen gegen andere Menschen aufhetzen. Die Rolle von uns Medien muss sein, zuzuhören und kritisch zu hinterfragen. Denn nur, wenn wir einander zuhören und uns gegenseitig auf den Zahn fühlen, können wir Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen finden.

Mansour zum Beispiel hat im Interview einen konstruktiven Vorschlag gemacht: Er plädiert für einen „Integrations-Bonus“: also es belohnen, wenn sich Asylsuchende besonders bemühen, sich zu integrieren. Zum Beispiel mit höheren Chancen auf Aufenthalt, wenn sie unsere Sprache lernen und sich damit beschäftigen, welche westlichen Werte gelten – und warum sie eine Errungenschaft sind.

Straße von Hormus soll weiter als Druckmittel im Iran-Krieg eingesetz werden 
Der neue Oberste Führer des Iran, Modschtaba Chamenei, hat sich dafür ausgesprochen, die Straße von Hormus weiterhin zu blockieren. So setzt er die Meerenge als Druckmittel gegen die USA und Israel ein, da sie als wichtiger Handelsweg für Öl-Exporte gilt. In einer Stellungnahme forderte Chamenei Rache für die Kriegsopfer und betonte die Notwendigkeit von Vergeltungsschlägen. 
zeit.de

Scharfe Kritik von Merz wegen US-Lockerungen der Öl-Sanktionen gegen Russland
Bundeskanzler Friedrich Merz hat die US-Lockerungen der Öl-Sanktionen gegen Russland kritisiert. Bei einem Besuch in Norwegen erklärte er: „Jetzt Sanktionen zu lockern, aus welchen Gründen auch immer, das halten wir für falsch.“ Es sei wichtig, mit Sanktionen weiter Druck gegen Russland aufzubauen. Auch der norwegische Ministerpräsident Jonas Gahr Støre übte Kritik an den Lockerungen. 
sueddeutsche.de / mdr.de

Symbolbild: U.S. Air Force / Zumapress / Picture Alliance

So geht’s auch
Wohnungslose in Hessen haben seit Kurzem die Möglichkeit, sich in das Wählerverzeichnis ihrer Stadt eintragen zu lassen. Grund dafür ist die Änderung des Kommunalwahlrechts in Hessen. Zuvor waren nur Menschen mit festem Wohnsitz in der jeweiligen Stadt zur Wahl zugelassen. Um wählen zu können, reicht es jetzt aus, sich sechs Wochen vor der Wahl an einem Ort aufzuhalten. Das erleichtert vielen Wohnungslosen den Zugang zu kommunaler Politik.
tagesschau.de  

Fundstück
Wissenschaftler aus Tokio haben einen neuen Kunststoff entwickelt, der sich in Salzwasser zersetzen kann. Nach Angaben der Forschenden soll sich der Stoff innerhalb von wenigen Stunden vollständig zersetzen und dabei keine Spuren in den Meeren hinterlassen. Zudem sei er so stabil wie herkömmliche Kunststoffe. Normales Plastik aus Erdöl braucht hingegen hunderte Jahre, um zu verrotten.   
reset.org


Ich beschäftige mich für CORRECTIV schwerpunktmäßig mit Sicherheitspolitik, mit Rüstung und Militärischem – Sie finden aktuelle Recherchen und Nachrichten dazu übrigens auf unserer neuen Themenseite

Rund ein Viertel der deutschen Waffen ging laut eines neuen Sipri-Reports – wenig überraschend – an die Ukraine. 17 Prozent der Exporte gingen an EU-Länder. Deutschland verkauft hauptsächlich Kriegsschiffe, Flugabwehrsysteme, Panzer und Artillerie an andere Staaten. 

In der Vergangenheit sorgten einige der milliardenschweren Deals allerdings für Aufsehen oder gar scharfe Kritik. Da ist zum Beispiel der Verkauf von U-Booten nach Israel: Die deutsche Regierung bestreitet das zwar, aber es wird vermutet, sie könnten mit nuklearen Marschflugkörpern bestückt sein. Weiterhin verkaufte Deutschland in hoher Zahl Leopard-Panzer an Katar sowie an Ungarn – beides Staaten, die nicht gerade wegen ihrer demokratischen Ausrichtung bekannt sind. 

Mich interessieren besonders Verkäufe, die nicht in solchen Datenbanken auftauchen. Ich beschäftige mich mit Umgehungsrouten im Waffen-Business: Wenn also deutsche Komponenten über intransparente Umwege in Waffensystemen landen; wenn statt Waffen Lizenzen dafür verkauft werden; wenn deutsche Waffen über einen EU-Staat am Ende doch bei Warlords landen oder wenn private Waffenbroker involviert sind. 

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Till Eckert, Samira Joy Frauwallner, Sebastian Haupt, Ulrich Kraetzer und Jule Scharun.