Glaube, Macht, Missbrauch – und jetzt Hoffnung?

Warum wir den Vatikan nicht davonkommen ließen – und wie die Kirche jetzt Transparenz und Aufarbeitung leisten könnte

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Justus von Daniels

Was uns bewegt hat

Bei Epstein ging es um das Ausmaß des Verbrechens und auch den großen Ring des Schweigens. Alle Beteiligten wussten ganz genau um die Schwere ihrer Taten, um das physische und psychische Verbrechen, das offenbar über Jahre gedeckt wurde.

Der Vatikan wiederum ist ja eher für die Dimension in Jahrhunderten bekannt. Unser Team fand ein Schreiben, in dem schon in den 1930er Jahren die Vernichtung von Akten des Missbrauchs angeordnet wurde. Umso deutlicher wurde, dass das Schweigen im Zentrum der Kirche, in Rom, kein zerknirschtes Nichtwissen war – sondern dass gerade den Päpsten die Schwere der Taten seit Jahrzehnten bekannt und bewusst war.

Die älteste Bürokratie der Welt hat den sexuellen Missbrauch abgeheftet und ihn in den Aktenschrank gehängt. Als wir uns eines der Interviews mit einem Priester anschauten, blieb ich vor allem bei einer Szene hängen, in der ein ehemaliger Vatikans-Untersekretär auf einen Büroschrank zeigte und sagt: „Ja, in Schränken ist das.“ All das sind keine regionalen Verbrechen, die einzelne Priester und Bischöfe betreffen – sondern die Verantwortung liegt im Zentrum. Das zeigt unsere Recherche unmissverständlich.

Kann die Kirche Vertrauen zurückgewinnen?

Wir fragen uns bei Veröffentlichungen ja immer auch, was nun daraus folgt. Denn zunächst steht der Skandal da, der wie ein Angriff wirken kann. Für uns ist am Ende entscheidend, dass die Wahrheit ans Licht kommt, denn daraus kann etwas entstehen: In der Transparenz liegt die Chance, offen über Fehler zu sprechen und damit zumindest die Möglichkeit zu geben, Vertrauen zurückzugewinnen. 

Die katholische Kirche hat sich scheibchenweise immer wieder für Missbrauchs-Taten entschuldigt. Aber ich habe bisher nicht gesehen, dass sie von sich aus über die protokollierten Akten, über die Schränke des Vatikans gesprochen hätte. Warum eigentlich nicht? 

Ein Priester sprach uns gegenüber von einer „Omerta“ im Vatikan, also dem berühmten Schweigen der Mafia. Das ist nicht verwunderlich bei all den Mythen, die sich um Rom ranken. Aber bei diesen Verbrechen, die weltweit verübt wurden, ist Schweigen nicht angebracht.

Ab April werden wir mit einer Dokumentation deutschlandweit durch Kinos ziehen. Unser Autoren-Team wird dort nach dem Film zum Gespräch einladen, zur Offenheit. 

Am Ende dieses SPOTLIGHT erzählt meine Kollegin Anna Kassin von einer Begegnung während der Recherche, die sie besonders beeindruckt hat. Auch weil es eine Person war, die seit Jahren um die Offenlegung der Taten kämpft.

In dieser Woche hat uns im Team außerdem ein verlorener Gerichtsfall umgetrieben. In der Rubrik „In eigener Sache“ (weiter unten) schreibe ich, warum wir eine Entscheidung für falsch halten und uns klar dagegen wehren.

Ihnen wünsche ich ein erholsames Wochenende und empfehle Ihnen neben den Recherchen der Woche einen Blick auf diese Seite, in der wir alles bündeln, was wir zum Vatikan herausgefunden haben. Ich kann Ihnen hier schon verraten, dass unser Team jetzt schon neue Hinweise hat, zu denen wir nächste Woche veröffentlichen werden.

Herzlich,

Ein Nobody gegen Putin
Pawel Talankin ist Lehrer an einer Schule in seiner Heimatstadt Karabasch, als er mit Beginn des russischen Angriffskriegs den Auftrag bekommt, patriotische Veranstaltungen zu organisieren und zu dokumentieren. Seine Zweifel und Skrupel werden immer stärker. Also beginnt er im Verborgenen, die Propaganda-Maschinerie Russlands zu filmen. Der tschechisch-dänische Dokumentarfilm wurde diese Woche mit einem Oscar ausgezeichnet und ist in der Arte-Mediathek zu sehen.
Mr. Nobody Against Putin (arte.tv, Doku)

Wie Internet-Trolle Jagd auf Menschen machen
Sie verschicken falsche Bombendrohungen etwa an Schulen und terrorisieren ihre Opfer: Wer sind die jungen Männer hinter den Internetmobbern der „NWO“?  Eine Recherche des Spiegel über eine Gruppe, die Cybermobbing als Belustigung betreibt.
Wie Internet-Trolle Jagd auf Menschen machen (spiegel.de, €)

„Du hast mich virtuell vergewaltigt“: Collien Fernandes zeigt Ex-Mann Christian Ulmen an
Diese Spiegel-Recherche rund um Collien Fernandes und Christian Ulmen hat ein großes Echo ausgelöst: Laut der Berichterstattung erhebt Schauspielerin Fernandes schwere Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann – darunter digitale sowie häusliche Gewalt, Machtmissbrauch, Identitätsdiebstahl, Ehrverletzung. Ulmen soll etwa pornografische Deepfakes von ihr erstellt, diese im Internet verbreitet und sich zudem als sie ausgegeben haben, so der Vorwurf. Dem nicht genug, sei er über diese Fake-Profile „mit anderen Männern in Kontakt getreten“. Der Fall wird als Beispiel für digitale und häusliche Gewalt diskutiert. Es zeigt einmal mehr, dass die Gewalt, die Menschen in ihrem häuslichen Umfeld erleben, immer noch viel mehr unter dem Radar bleibt als Gewalt im öffentlichen Raum. Wir haben dazu seit Langem einen Themenschwerpunkt.
„Du hast mich virtuell vergewaltigt“ (spiegel.de, €) / Rechercheschwerpunkt „Häusliche Gewalt“: correctiv.org


An ihn denke ich immer wieder: Terence McKiernan. Wir haben ihn außerhalb von Boston (USA) getroffen. Er bezeichnet sich als „Guerilla-Archivar der Kirche“, denn er sammelt seit 2003 alles, was er zu Missbrauch in der katholischen Kirche finden kann: Interne Unterlagen, Prozessakten, Presseartikel, Fotos. Die Büroräume seiner Organisation „Bishop Accountability“ sind vollgestopft mit Kisten, Büchern und Aktenmappen, etwa 3 Millionen Seiten Material. Sein Team und er lesen täglich, wie Täter sich immer wieder das Vertrauen von Kindern erschlichen und sie dann missbrauchten; und wie Bischöfe ihre Taten verschleierten. 

McKiernan tut das für die Betroffenen, sagt er. Viele von ihnen haben ihm erzählt, was sie erleben mussten und wie es ihr Leben für immer zerstört hat. Solche Begegnungen bleiben nachhaltig im Gedächtnis, das erleben wir auch. Sie begleiten McKiernan seit mehr als 20 Jahren. Auch nach so langer Zeit holt ihn in unserem Gespräch eine Begegnung mit einem betroffenen Mann wieder ein, er muss kurz unterbrechen.

Weniger Bewerber, mehr Durchfaller und Abbrecher: Die Zahlen zur Polizeiausbildung aller Bundesländer im Check
Eine CORRECTIV-Abfrage zeigt, dass immer weniger junge Menschen Polizist werden wollen. Viele fallen durch die Aufnahmetests, andere brechen die Ausbildung ab. Ausbildungsstellen bleiben unbesetzt. Die Gewerkschaft der Polizei sieht eine „dramatische Entwicklung“.
correctiv.org

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Finn Schöneck, Samira Joy Frauwallner, Anna Kassin und Valentin Zick.