Klima

Strom für drei Milliarden Euro „weggeworfen“? Katherina Reiches Äußerung ist irreführend

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche behauptet in einer Ansprache zum Thema Energiepolitik, dass jedes Jahr Strom für drei Milliarden Euro „einfach weggeworfen“ würde. Warum das so nicht stimmt.

von Paulina Thom

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Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche plant Änderungen beim Ausbau der Stromnetze und der erneuerbaren Energien (Foto: Amrei Schulz / BMWE / photothek / Picture Alliance)
Behauptung
In Deutschland werde jedes Jahr Strom für drei Milliarden Euro weggeworfen.
Bewertung
Größtenteils falsch
Über diese Bewertung
Größtenteils falsch. Laut Bundesnetzagentur wird kein Strom „weggeworfen“, sondern umverteilt. Ist das Stromnetz überlastet, greifen Netzbetreiber mit sogenannten Redispatch-Maßnahmen ein. Zu diesen Maßnahmen zählen sowohl Reduzierungen als auch Erhöhungen der Leistungen von Kraftwerken sowie der Erhalt und Betrieb von Reservekraftwerken. Die Gesamtkosten lagen 2024 bei rund 2,8 Milliarden Euro. Anlagenbetreiber, die ihren Strom wegen Überlastungen nicht einspeisen können, erhalten dafür eine Entschädigung. Das ist also Strom, der eigentlich vorhanden wäre, aber am Ende nicht genutzt werden kann. Die Kosten dafür lagen für erneuerbare Anlagen bei rund 554 Millionen Euro. Inklusive dem eingespeisten Ersatzstrom betragen die durch erneuerbare Anlagen verursachten Kosten laut einem Experten rund 60 Prozent der Gesamtkosten.

In einem Clip, den das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE), auf den Sozialen Netzwerken Linkedin, Facebook und Instagram veröffentlichte, äußert sich Ministerin Katherina Reiche (CDU) zum Thema Energiepolitik. Sie kritisiert hohe Preise, zu viele Regeln und sagt: „Deutschland kann sich eine Energiewende ohne ökonomische Vernunft nicht mehr leisten.“ Und dann fällt ein Satz, der stutzig macht: „Jedes Jahr wird Strom für drei Milliarden Euro einfach weggeworfen.“

Doch die Formulierung Reiches ist irreführend, die Summe für nicht genutzten und entschädigten Strom ist um einiges niedriger.

Beitrag mit Reiche auf Facebook
Angeblich werde in Deutschland Strom für Kosten im Milliardenbereich „einfach weggeworfen“ – diese Behauptung stellt Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche auf (Quelle: Facebook / Bundesministerium für Wirtschaft und Energie; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Reiche plant Änderungen beim sogenannten Redispatch

Hintergrund des Clips ist wohl ein im Februar öffentlich gewordener Referentenentwurf zur Änderung des Energiewirtschaftsrechts, auch Netzpaket genannt. Das Bundeswirtschaftsministerium plant demzufolge Änderungen beim Ausbau der Stromnetze und der erneuerbaren Energien. Konkreter geht es auch um die sogenannten Redispatch-Maßnahmen.

Mit Redispatch-Maßnahmen stabilisieren Netzbetreiber das Stromnetz, indem sie die eingespeiste Leistung von Kraftwerken ändern. Das Stromnetz ist nur dann stabil, wenn sich Einspeisung und Entnahme die Waage halten. Doch durch den langsamen Netzausbau kommt es immer häufiger zu sogenannten Netzengpässen: Der Strom aus einer Region mit Stromüberschuss kann aufgrund der Überlastung der Netze nicht in eine Region mit Strombedarf transportiert werden. Der Süden und Westen Deutschlands sind dichter besiedelt und es gibt viel Industrie, der Bedarf an Strom ist hoch. Im Norden und Osten wird dagegen viel Strom produziert, häufig mit Windkraft, der Bedarf ist jedoch im Vergleich niedriger.

Bei Netzengpässen muss Leistung von Anlagen reduziert oder eingestellt werden

Diese Engpässe führen dazu, dass sich, vereinfacht gesagt, Strom auf einer Seite des Engpasses staut, wie bei Wasser, das nicht schnell genug abfließen kann – also muss die Zufuhr auf der einen Seite herunter- und auf der andere Seite heraufgeregelt werden. Dieses Drosseln und Erhöhen der Leistung von Kraftwerken ist Teil des Redispatch. „Droht an einer bestimmten Stelle im Netz ein Engpass, werden Kraftwerke diesseits des Engpasses angewiesen, ihre Einspeisung zu drosseln, während Anlagen jenseits des Engpasses ihre Einspeiseleistung erhöhen müssen“, erklärt die Bundesnetzagentur dazu auf ihrer Webseite.

Gedrosselt werden meist erneuerbare Energien, die Leistung erhöhen müssen dagegen meist konventionelle, also fossile Anlagen. Das liegt zum einen am oben genannten Nord-Süd-Gefälle, aber auch daran, dass es technisch weniger aufwändig ist, Windkraft- und Solaranlagen zu drosseln als ein komplettes Kraftwerk herunterzufahren.

Bundesnetzagentur: Strom wird nicht „weggeworfen“, sondern umverteilt 

96,5 Prozent des mit erneuerbaren Energien produzierten Stroms konnten im Jahr 2024 zu den Letztverbrauchern transportiert werden, schreibt die Bundesnetzagentur auf ihrer Webseite. Tatsächlich sind vom Redispatch also vergleichsweise geringe Energiemengen betroffen. „Beim Netzengpassmanagement wird die Stromerzeugung nicht ‚weggeworfen‘ sondern geografisch umverteilt,“ heißt es aus der Pressestelle der Bundesnetzagentur. Anders als Reiche suggeriert, wird der Strom aus erneuerbaren Energien, der wegen Überlastung nicht eingespeist werden konnte, also einfach nicht produziert.

Aber weil er hätte produziert werden können, behält der Betreiber den Markterlös, den er durch den Verkauf erhalten hat – in den meisten Fällen wurde der Strom nämlich bereits vorab verkauft, bevor überhaupt eine Herabregelung geplant war. All das geschieht relativ kurzfristig. Der Betreiber erhält zudem bislang laut Energiewirtschaftsgesetz von den Netzbetreibern eine Entschädigung für seine entgangene EEG-Förderung – das ist eine staatliche festgelegte Einspeisevergütung, bei großen Anlagen in Form einer Marktprämie. Diese Entschädigungszahlung ist Teil der Redispatch-Kosten, die die Netzbetreiber als Netzengelte auf die Kunden umlegen.

Dem Stromproduzenten sollen so keine Nachteile entstehen. Auch konventionelle Anlagen, die wie oben erwähnt seltener drosseln müssen, dürfen beim Abregeln grundsätzlich ihren Markterlös behalten, allerdings abzüglich der Brennstoffkosten, die sie dabei einsparen. Diese zahlen sie wieder zurück an die Netzbetreiber.

Nicht nur Entschädigungen: Redispatch-Gesamtkosten betrugen 2024 etwa 2,8 Milliarden Euro

Auf unsere Nachfrage, was mit der Formulierung „Strom weggeworfen“ gemeint ist, antwortete das BMWE nicht, sondern verwies auf die Gesamtkosten des Redispatch. Die Bundesnetzagentur veröffentlicht regelmäßig Zahlen zu den Redispatch-Kosten. Für das Jahr 2025 liegen die Zahlen noch nicht vollständig vor. 2024 betrugen die Kosten etwa 2,8 Milliarden Euro. Darin enthalten sind nicht nur Entschädigungen, sondern zum Beispiel auch das Geld für den Betreiber, der auf der anderen Seite des Engpasses das Kraftwerk hochgefahren und Strom eingespeist hat. Dieser Ersatzstrom wurde produziert und verbraucht. Ebenso enthalten sind Kosten für den Einsatz und Erhalt von Reservekraftwerken, umgangssprachlich auch „Winterreserve“ genannt.

Für den Ersatzstrom würden häufig Reserve-Gaskraftwerke mit Startkosten hochgefahren, erklärt uns Norman Gerhardt, Abteilungsleiter am Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik. Dadurch werde es teurer. Den größten Posten bei den Redispatch-Kosten machen mit etwa 1,1 Milliarden Euro Einsatzkosten für fossile Kraftwerke aus. Dazu kommen etwa 1 Milliarde Euro Kosten für Reservekraftwerke. Die Entschädigung an die Anlagenbetreiber von heruntergeregelten erneuerbaren Energien für nicht-eingespeisten Strom betrug dagegen rund 554 Millionen Euro.

Es wurde also nicht Strom für drei Milliarden Euro „weggeworfen“. Indirekt entstehen aber durch den nicht-eingespeisten Strom weitere Kosten für den Ersatzstrom.

Etwa 60 Prozent der Redispatch-Kosten sind durch Erneuerbare bedingt

Das BMWE schreibt uns, es sei „praktisch kaum möglich“, aufzuschlüsseln, welche der Redispatch-Kosten den erneuerbaren Energien zugewiesen werden können. Dem widersprechen Angaben von Gerhardt und der Bundesnetzagentur: Laut Gerhardt sind etwa 60 Prozent der gesamten Redispatch-Kosten bedingt durch erneuerbare Energien. Das deckt sich in etwa mit der Summe von rund 1,9 Milliarden Euro, die die Bundesnetzagentur nennt.

Ein Vergleich mit den Vorjahren zeigt: Bis 2022 sind die Gesamtkosten für Redispatch-Maßnahmen angestiegen, seitdem sind sie rückläufig. Das Netz wird aktuell bundesweit ausgebaut. Fachleute und Netzbetreiber gehen davon aus, dass der Bedarf dadurch weiter sinken wird.

Grafik zum Netzengpassmanagement
Die Energiemengen und Kosten des Redispatch in den vergangenen Jahren (Quelle: Bundesnetzagentur; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Insgesamt sparen die erneuerbaren Energiequellen wesentlich mehr Geld als sie durch Abregelungen kosteten, erklärte Bruno Burger vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE dem ZDF. Ohne erneuerbare Energien wäre der Strom 2024 nach seinen Berechnung etwa 1,5 Cent teurer gewesen.

Dem Entwurf aus Reiches Ministerium zufolge sollen Betreiber von neuen Wind- oder Solaranlagen künftig in Regionen, die häufig durch Redispatch-Maßnahmen abgeregelt werden mussten, keine Entschädigung mehr bekommen. So sollen die Netzentgelte und letztlich auch der Strompreis für Endkunden sinken. Kritiker befürchten dagegen, dass sich der Netzausbau dadurch weiter verlangsamt und der Zubau von Erneuerbaren sinkt. Einige plädieren dafür, die Kosten auf die Netzbetreiber umzulegen, andere für räumlich differenzierte Strompreise. Beides soll Anreize für den Netzausbau schaffen.

Redigatur: Sara Pichireddu, Max Bernhard

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Bundesnetzagentur, Netzengpassmanagement 2024: Link (archiviert)
  • Paragraph 13a Energiewirtschaftsgesetz: Link (archiviert)