Facebook-Netzwerk streut Zweifel an Wahlen in Deutschland – Spur führt nach Vietnam
Ein Netzwerk von angeblichen Medienseiten streut auf Facebook Falschbehauptungen über Wahlbetrug, besonders zu den Landtagswahlen im März 2026. Was hinter der Masche steckt, liegt noch im Dunkeln, aber Hinweise deuten nach Vietnam.
Wer rund um Wahlen bei Facebook, Youtube und Co. von angeblicher Wahlmanipulation oder Wahlbetrug liest, sollte erstmal skeptisch sein. Derartige Behauptungen haben aktuell nach den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz wieder Hochkonjunktur – Belege dafür gibt es keine.
Sie zielen darauf ab, das Vertrauen in Wahlprozesse und Wahlergebnisse zu untergraben. Gab es tatsächlich Unregelmäßigkeiten bei einer Wahl, berichten Medien breit darüber – doch hier werden Fälle erfunden.
Erkennbar sind solche Fake-Beiträge oft an der sensationsheischenden Sprache: Mal ist die Rede von einem „politischen Skandal“, mal von einer „Schock-Analyse“ oder davon, dass ein Wahlergebnis „bis zum Himmel stinkt“. Als Beleg sollen Rechtskonservative wie Markus Krall oder der Autor Peter Hahne herhalten. Angeblich hätten sie Wahlbetrug bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg im März aufgedeckt – doch sie haben sich so nicht geäußert.
Über die Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz behaupten die Facebook-Seiten, die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel habe eine Neuauszählung gefordert. Belege dafür gibt es nicht, und laut Landeswahlleitung auch keinen Hinweis auf Manipulation.
Bezüglich der Bundestagswahlen unterstellen sie, das Bundesverfassungsgericht habe der AfD das Recht auf eine vollständige Neuauszählung zugesprochen, auch das ist frei erfunden.
Behauptungen über Wahlbetrug werden durch ein Netzwerk von Fake-Profilen auf Facebook gestreut
Bei den Fakes beobachtete CORRECTIV.Faktencheck ein Muster: Auf Facebook verbreiten mehrere Seiten mit Namen wie „Starblick“ oder „Blitzblick Deutschland“ solche Beiträge und verlinken auf dubiose Webseiten. Dort werden die erfundenen Geschichten über Wahlbetrug zwischen Werbeanzeigen und Gerüchten über Prominente platziert.
Die Facebook-Seiten sind offenbar Teil eines Netzwerkes: Wir fanden mehr als zehn deutschsprachige Seiten, die in dieses Muster passen – sie haben seit Ende Februar mehr als 20 Beiträge zu angeblichem Wahlbetrug veröffentlicht.
Die folgende Grafik zeigt beispielhaft anhand der Webseite Newslitetoday247, wie das Netzwerk vorgeht: Verschiedene Facebook-Seiten (dunkelblaue Punkte) verbreiten Behauptungen über angeblichen Wahlbetrug (rosa Punkte) und verlinken dann auf die Webseite Newslitetoday247 (schwarzer Punkt). Je mehr Follower eine Facebook-Seite hat, desto größer ist in der Grafik der entsprechende blaue Punkt.
Wer steckt hinter den Facebook-Seiten und Fake-Artikeln?
Die Facebook-Profile haben einiges gemeinsam: Sie geben sich als Nachrichtenseiten aus und bieten Kontaktdaten, unter denen jedoch niemand erreichbar ist. Oft sind dort eine Gmail-Adresse angegeben, eine (viel zu lange) deutsche Telefonnummer sowie eine Postadresse in Deutschland. Doch einige Details an den Beiträgen auf Facebook verraten Hinweise auf einen anderen Ursprung: Vietnam.
So unterlief in einem der Beiträge über Peter Hahne offenbar ein Fehler – er endet mit den Worten „Ẩn bớt“. Das ist vietnamesisch und bedeutet soviel wie „verbergen“, im Sinne von „ausblenden“, wie der vietnamesische Journalist Lê Trung Khoa für uns übersetzte.

Der Facebook-Konzern Meta antwortete nicht auf Fragen zu den Seiten, die Behauptungen über Wahlbetrug verbreiteten. Der Konzern verwies lediglich auf seine Richtlinien zu Fehlinformationen und auf Berichte über koordinierte Kampagnen. Die Facebook-Seiten sind weiterhin aktiv.
Fake-Artikel wurden von Autoren mit vietnamesischen Namen verfasst
In den URLs der verlinkten Webseiten, etwa die oben erwähnte Newslitetoday247[.]com, finden sich weitere Hinweise auf Vietnam. Darin stehen die Autorennamen der Artikel, – sie lauten etwa Duc Dat oder Nguyen Huy – sowie die Zahl 8386. Journalist Lê Trung Khoa ordnet ein: Das seien vietnamesische Spitznamen, die Zahlenkombination 8386 stehe im vietnamesischen Feng Shui für Glück und Wohlstand.
Die angeblichen Autorinnen und Autoren veröffentlichen Artikel auf Newslitetoday247, aber auch auf anderen Webseiten – mal in deutscher Sprache, mal auf Englisch, Philippinisch oder Portugiesisch. Da Newslitetoday247 kein Impressum hat, lässt sich nicht sagen, wer die Seite betreibt. Sie nutzt die Internet-Dienste Cloudflare und Namecheap, um anonym zu bleiben.

Es gibt also Hinweise, die die Kampagne mit Vietnam in Verbindung bringen – einiges erinnert an die automatisierten „Phone Farms“ dort, über die der TV-Sender Arte berichtete. Dort verkaufen Unternehmen gefälschte Kommentare und Likes an Kunden, teils kaufen sie dafür auch gehackte oder alte Facebook-Profile ein.
Mit dem sogenannten Content-Farming lässt sich Geld machen – dabei schaltet ein Anbieter Inhalte auf einer Plattform, die möglichst viele Seitenaufrufe („Klicks“) anziehen und Einnahmen durch Online-Werbung generieren sollen.
Hinter dem Narrativ vom Wahlbetrug steckt in diesem Fall wohl finanzielles Interesse
Der Journalist Craig Silverman berichtet über auffällige Netzwerke in seinem Newsletter „Indicator“. CORRECTIV.Faktencheck fragte ihn, ob er das Muster wiedererkennt. Seine Antwort: Er verfolge solche Seiten seit mehr als einem Jahr – ihre Präsenz auf Facebook wachse stetig. „Die Motivation scheint finanzieller Natur zu sein, da die Websiten voller Werbung sind und offenbar keine spezifische politische Agenda verfolgen.“
Laut Lea Frühwirth vom Cemas können Behauptungen über Wahlbetrug auch dazu dienen, den Wahlprozess, die Ergebnisse und letzten Endes das demokratische System zu diskreditieren. „Nach dem Wahlgang werden vermeintliche Beweise gestreut, die systematischen Betrug belegen sollen. Hier gibt es sowohl absichtlich gefälschtes Material, als auch unabsichtliche Fehlinterpretationen“, schreibt die Forscherin.
Hinter dem Narrativ steckt oft auch eine rechtspopulistische Masche, wie wir hier berichten. Häufig sind es auch pro-russische Profile, die das Thema aufgreifen.
Dabei wird über echte Manipulationsversuche in der Regel breit berichtet: Etwa als sich herausstellte, dass ein Bürgermeister (CSU) im Raum Schweinfurt Briefwahlunterlagen bei der Kommunalwahl in Bayern manipuliert hatte oder als ein Mann bei den Wahlen in Sachsen 2024 insgesamt rund 280 Wahlzettel zu Gunsten der rechtsextremen Kleinstpartei „Freie Sachsen“ manipuliert hatte.
Die Beispiele zeigen, wie leicht sich mit Falschinformationen in Sozialen Netzwerken Klicks sammeln lassen. In diesem Fall profitiert ein Netzwerk von Facebook-Seiten, das wohl eher auf Quantität setzt, als auf Qualität. Es agiert international und versucht offenkundig, demokratische Wahlen zu delegitimieren.
Transparenzhinweis: CORRECTIV ist seit 2017 in einer Kooperation mit dem Konzern Meta, um Desinformation auf dem Sozialen Netzwerk zu bekämpfen. Mehr Informationen zu der Kooperation erhalten Sie hier. Über Entwicklungen zu dieser Kooperation hat CORRECTIV hier berichtet.
Redigatur: Paulina Thom, Gabriele Scherndl