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Unfall in Bulgarien im Jahr 2016
Dieses Foto von einem Unfall in Bulgarien kursiert erneut auf Facebook. (Screenshot vom 10. August: CORRECTIV)

von Sarah Thust

In Sozialen Netzwerken kursiert ein Foto von einem Unfall in Bulgarien. Es zeigt einen schwarzen PKW am Straßenrand mit deutschem Kennzeichen. Angeblich werden Familienangehörige gesucht. Doch das Foto stammt aus dem Jahr 2016.

Auf Facebook kursiert ein Foto von einem schwarzen PKW mit einem deutschen Kennzeichen, das mit den Buchstaben MTK (Main-Taunus-Kreis) beginnt. Das Bild zeigt einen Unfall in Bulgarien, heißt es in einem Beitrag, der Anfang Juli veröffentlicht wurde. Bei dem Unfall sei ein Mann gestorben, eine Frau liege schwer verletzt im Krankenhaus. Nun werden angeblich Familienangehörige gesucht. Deshalb bittet die Facebook-Nutzerin darum, das Foto zu teilen. 

Der Beitrag vom 7. Juli wurde bereits mehr als 10.000 Mal geteilt. Ein Faktencheck zeigt jedoch: Der Aufruf führt in die Irre. Er suggeriert, dass der Unfall aktuell sei. Er liegt jedoch vier Jahre zurück.

Dieses Foto von einem Unfall in Bulgarien kursiert erneut auf Facebook.
Dieses Foto von einem Unfall in Bulgarien kursiert erneut auf Facebook. (Screenshot vom 10. August: CORRECTIV)

Der Unfall in Bulgarien ereignete sich 2016

In dem Beitrag heißt es: „In Bulgarien hat ein PKW kennzeichen MTK […] schweres Unfall gehabt. Mann ist verstorben, Frau liegt Schwerferletzt im Spital, bitte soviel wie Möglich TEILEN Familien angehörige werden gesucht [sic!]“ Das Bild wird aktuell auch mit einem anderen Text geteilt, wie die Faktenchecker von Mimikama am 7. Juli berichteten

Das Foto wurde demnach bereits im Jahr 2016 in den Sozialen Netzwerken verbreitet – mit dem Aufruf, dass Angehörige gesucht werden. Eine Bilder-Rückwärtssuche ergibt für diesen Zeitraum dazu zwar keine Treffer, aber die Polizei Westhessen hat am 17. Juni 2016 auf Facebook bestätigt, dass das Bild echt ist und es den Unfall gab. Allerdings bat sie schon damals darum, das Foto nicht weiterzuverbreiten.

Polizei schrieb 2016 auf Facebook, die Angehörigen seien bereits informiert

„Unsere Polizeistationen im Main-Taunus-Kreis erreichen momentan zahlreiche Anrufe und persönliche Besuche. Grund ist die Sorge von Menschen, dass bei dem schweren Unfall in Bulgarien ihre Familie betroffen sein könnte“, hieß es in dem Beitrag der Polizei. „Bitte teilt die Unfallbilder NICHT weiter. Solltet Ihr sie sehen, würde es uns helfen, wenn Ihr sie entsprechend kommentiert: Die Angehörigen sind bereits informiert!“

Die Polizei Westhessen bat schon 2016 darum, das Bild nicht weiterzuverbreiten.
Die Polizei Westhessen bat schon 2016 darum, das Bild nicht weiterzuverbreiten. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch 2016 hatte Mimikama schon darüber berichtet. Die Meldung über den Unfall wurde damals offenbar auch in türkischen Medien verbreitet, wie aus einem Tweet der Polizei Westhessen hervorgeht.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Es wird suggeriert, es handele sich um einen aktuellen Unfall. Er geschah jedoch 2016.

Symbolbild Grippeschutzimpfung
Ein Patient wird zur Vorbeugung gegen eine Krankheit geimpft. (Symbolbild: Katja Fuhlert / Pixabay)

von Sarah Thust

Einer der Impfstoffe gegen SARS-CoV-2, der derzeit an Menschen getestet wird, ist der Impfstoff mRNA-1273. In einem Artikel wird behauptet, dass viele Probanden davon „ernsthaft krank“ geworden seien. Dabei zeigten nur vier von 45 Probanden stärkere Symptome wie Übelkeit oder Kopfschmerzen.

Zu mRNA-Impfstoffen gegen SARS-CoV-2 kursieren mehrere Falschbehauptungen im Internet. Eine davon bezieht sich auf den Impfstoff mRNA-1273, der seit März an einigen Probanden getestet wird. Die Bloggerin Niki Vogt behauptete in einem Text für den Schild- Verlag am 26. Mai: Jeder fünfte der Impfprobanden sei „ernsthaft krank“ geworden. 

Das stimmt so nicht. Zudem wird in dem Text die Wirkweise des Impfstoffs falsch erklärt. Der Text wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 11.300 Mal auf Facebook geteilt – unter anderem in der Facebook-Gruppe „Corona-Rebellen“.

Wir haben die Behauptungen zum Impfstoff mRNA-1273 geprüft. Es stimmt nicht, dass jeder fünfte Proband „ernsthaft krank“ geworden ist. Der Artikel lässt wesentlichen Kontext weg.

Der Text von Niki Vogt wurde unter anderem in der Facebook-Gruppe „Corona-Rebellen” geteilt.
Der Text von Niki Vogt wurde unter anderem in der Facebook-Gruppe „Corona-Rebellen” geteilt. (Screenshot: CORRECTIV)

Behauptung: „Jeder fünfte der Impfprobanden wurde ernsthaft krank“

Die Kernbehauptung steht in der Überschrift des Textes. Die Behauptung bezieht sich auf den Impfstoff mRNA-1273 vom US-Hersteller Moderna. Angeblich habe das Unternehmen am 3. März „zusammen mit Dr. Fauci eine Versuchsreihe an Freiwilligen in Seattle“ gestartet. Dabei seien bei 20 Prozent der Probanden „ernste Komplikationen” aufgetreten.

Eine Recherche von CORRECTIV ergab: Die Studie gibt es, doch die Ergebnisse werden verzerrt dargestellt. Zudem sind einige Details und Erklärungen zur Studie falsch.

Der mRNA-Impfstoff wird derzeit getestet

Der Impfstoff mRNA-1273 befand sich bis Ende Mai in der ersten Phase der klinischen Prüfung, wie aus einer Pressemitteilung von Moderna vom 18. Mai hervorgeht. Das heißt, er wird an Menschen getestet. „Die klinische Prüfung von Impfstoffen ist ein zentraler Schritt bei der Entwicklung von Impfstoffen“, heißt es in einem Dokument des Paul-Ehrlich-Instituts. Das Institut ist in Deutschland für die Zulassung von Impfstoffen zuständig.

Was in der ersten Phase der klinischen Prüfung geschieht, beschreibt zum Beispiel das Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline auf seiner Internetseite: „Ein neues Arzneimittel oder ein neuer Impfstoff wird bei der ersten Prüfung am Menschen in der Regel nur einer kleinen Gruppe freiwilliger gesunder Testpersonen verabreicht.“

Phasen der klinischen Prüfung von GlaxoSmithKline
Ein Screenshot zeigt eine Übersicht über die Phasen der klinischen Prüfung vom Pharmakonzern GlaxoSmithKline. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Autorin suggeriert hingegen in ihrem Text über den Impfstoff mRNA-1273, dass die Auswahl gesunder Probanden eine „Vorsichtsmaßnahme“ von Moderna gewesen sei. Dann bezieht sie sich auf die Pressemitteilung des Konzerns vom 18. Mai, in der Moderna vorläufige positive Testergebnisse für Phase 1 verkündet hat. Die Mitteilung belegt die Aussage, dass „jeder fünfte Proband ernsthaft krank“ wurde, jedoch nicht.

Vier Probanden von 45 zeigten „Symptome der Stufe 3“, das ist nicht jeder fünfte

Durchgeführt wurde die klinische Phase-1-Studie für den Impfstoff am Kaiser Permanente Washington Health Research Institute in Seattle. Laut der Pressemitteilung von Moderna gab es drei Kohorten (Gruppen) mit jeweils 15 Probanden. Sie waren zwischen 18 und 55 Jahre alt. Die Probanden bekamen entweder eine Dosis von 25 Mikrogramm, 100 Mikrogramm oder 250 Mikrogramm verabreicht. Alle wurden jeweils zweimal geimpft. Die höchste Dosis war mit den meisten Impfreaktionen („unerwünschte Ereignisse“) verbunden.

Bei 20 Prozent der Probanden in der dritten Kohorte (drei von 15 Personen, die die Dosis 250 Mikrogramm erhielten) traten nach der zweiten Impfung „systemische Symptome der Stufe 3“ auf. Die gesamte Versuchsgruppe war aber viel größer: Von insgesamt 45 Probanden berichteten vier Personen „Symptome der Stufe 3“. Das sind rund 8,9 Prozent.

Pressemitteilung von Moderna zum Impfstoff mRNA-1273
Ein Screenshot zeigt einen Absatz aus der Pressemitteilung von Moderna zum Impfstoff mRNA-1273. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Überschrift des Artikels beim Schild-Verlag führt also in die Irre, denn sie suggeriert, dass bei 20 Prozent aller Probanden ernste Komplikationen aufgetreten sind. Das stimmt nicht. Die Information, dass sich die 20 Prozent nur auf die dritte Kohorte und die zweite Impfung beziehen, folgt erst später und weit unten im Text.

„Systemische Symptome“ sind zum Beispiel Übelkeit, Kopfschmerzen, Müdigkeit und Muskelschmerzen

Welche Symptome konkret auftraten, ging aus der Pressemitteilung nicht hervor. Das erwähnt auch die Autorin des Artikels, schreibt aber: „‘Systemische Symptome der Stufe 3’ bedeutet laut Definition der FDA: ‘Verhinderung täglicher Aktivitäten und die Notwendigkeit einer medizinischen Intervention’.“ Dann behauptet sie: „Dabei handelt es sich also nicht um ein bisschen Temperatur oder Schnupfen. Diese drei Probanden wurden ernsthaft krank.“

Die Einordnung ist irreführend, weil sie auslässt, welche Art von Symptomen gemeint sind.

Die Autorin hat zur „Definition der FDA“ keine Quelle verlinkt, also haben wir gesucht und ein Dokument von 2007 gefunden: die Skala zur Toxizitätseinstufung der US-Behörde Food and Drug Administration (FDA). Demnach gehören zu „systemischen Symptomen der Stufe 3“ theoretisch Übelkeit, Kopfschmerzen, Durchfall, Müdigkeit oder Muskelschmerzen, die stark genug sind, um tägliche Aktivitäten zu verhindern oder die Einnahme von Schmerzmitteln nötig machen.

Toxizitätsskala der FDA für Probanden, die an präventiven klinischen Impfstoffstudien teilnehmen
Ausschnitt aus der Toxizitätsskala der FDA für Probanden, die an präventiven klinischen Impfstoffstudien teilnehmen. (Quelle: US Food and Drug Administration / Screenshot: CORRECTIV)

Die am 14. Juli veröffentlichte Studie zum Impfstoff mRNA-1273 zeigt, dass mit den „schweren systemischen Symptomen“ Schüttelfrost, Müdigkeit und Kopf- oder Muskelschmerzen gemeint waren. Sie traten nach der zweiten Impfdosis bei der Gruppe mit der höchsten Dosierung auf. Die Einstufung der Symptome erfolgte laut einer Fußnote im Anhang der Studie ebenfalls auf Grundlage der Toxizitätsskala der FDA.

Nach der ersten Impfung hatte laut der Studie keiner der 45 Probanden Fieber. Nach der zweiten Impfung trat leichtes Fieber bei sechs Personen der zweiten Kohorte und acht Personen der dritten Kohorte auf. In einem Fall wurde das Fieber mit 39,6 Grad als „schwer“ eingestuft.

Diagramm: Klinische Prüfung von mRNA-1270 - Häufigkeit der Symptome
Screenshot zweier Diagramme: Hier haben die Forscher die Häufigkeit der Symptome grafisch dargestellt. Die gelben Abschnitte markieren Symptome der Stufe 3. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Hersteller Moderna schrieb dazu in der Pressemitteilung vom 18. Mai: „Alle unerwünschten Ereignisse waren vorübergehend und verschwanden von selbst. Es wurden keine unerwünschten Ereignisse des Grades 4 oder schwerwiegende unerwünschte Ereignisse gemeldet.“ 

Wie funktionieren mRNA-Impfstoffe?

Pressesprecherin Susanne Stöcker vom Paul-Ehrlich-Institut erklärte CORRECTIV, wie ein mRNA-Impfstoff funktioniert: „[mRNA-Impfstoffe] werden synthetisch hergestellt und enthalten Teile der Erbinformation des Virus in Form von RNA, die den Bauplan für ein oder mehrere Virusproteine bereitstellen. Die Körperzellen nutzen die RNA als Vorlage, um das oder die Virusproteine selbst zu produzieren.“ Dabei werde aber nur ein Bestandteil des Virus gebildet, vermehrungsfähige Viren könnten nicht entstehen.

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„Während bei vielen herkömmlichen Impfstoffen das Antigen selbst injiziert wird, wird also beim mRNA-Impfstoff die genetische Information gespritzt, sodass der Körper das Antigen selbst bildet“, schreibt das Paul-Ehrlich-Institut. Es werde zwar an mRNA-Impfstoffen geforscht, aber es sei noch keiner für Menschen zugelassen worden.

Auszug aus einem Presse-Briefing des Paul-Ehrlich-Instituts vom 22. April 2020 zur Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen.
Auszug aus einem Presse-Briefing des Paul-Ehrlich-Instituts vom 22. April 2020 zur Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen. (Screenshot: CORRECTIV)

In dem Text für den Schild-Verlag wird außerdem behauptet, dass diese Erbinformationen des Virus die menschlichen Erbanlagen dauerhaft verändern könnte. Sie könnten sogar vererbt werden, heißt es dort. Es gibt für diese Aussage jedoch keine Belege. 

Das sei kaum vorstellbar, sagte Susanne Stöcker CORRECTIV am Telefon. „Selbst wenn die Impfstoff-RNA in das Genom integriert würde, dann wäre das Ergebnis, dass das SPIKE-Protein von der Zelle hergestellt und vom Immunsystem erkannt würde und dann die betroffene Zelle abgetötet würde.“ Und: Könnten diese Eigenschaften weitervererbt werden? „Nein.“

Faktenchecker der DPA haben Veränderungen in der DNA nach einer mRNA-Impfung als nach Einschätzung von Experten „extrem unwahrscheinlich“ eingestuft. Ein Faktencheck von MDR Wissen kam zu dem Schluss, dass so ein Prozess nicht die gesamte menschliche DNA erfassen könnte, sondern nur einzelne Zellen.

mRNA-1273 ist einer von sechs RNA-Impfstoffen, die derzeit klinisch geprüft werden

Mehrere Impfstoff-Kandidaten gegen SARS-CoV-2 befinden sich laut Robert-Koch-Institut in der Entwicklungsphase. Wie ein Überblick der Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 31. Juli 2020 zeigte, trifft das auf 139 Impfstoffe zu. 26 Impfstoffe wurden zu diesem Stichtag in klinischen Studien an Menschen untersucht, sechs davon sind RNA-Impfstoffe.

Die erste Phase der klinischen Prüfung für mRNA-1273 war Ende Mai, als der Text beim Schild-Verlag erschien, noch nicht abgeschlossen. Im April war die Studie auf Erwachsene über 55 Jahre ausgeweitet worden, teilte das Forschungsinstitut Kaiser Permanente in einer Pressemitteilung am 14. Juli mit. Phase 2 der klinischen Prüfung hat Ende Mai begonnen, Phase 3 läuft seit dem 27. Juli.

„Die Daten zu Nebenwirkungen und Immunreaktionen bei verschiedenen Impfstoffdosen gaben Aufschluss darüber, welche Dosen in den klinischen Studien der Phase 2 und 3 des Prüfimpfstoffs verwendet werden oder für den Einsatz geplant sind“, hieß es weiter in der Mitteilung.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Der Artikel lässt wesentlichen Kontext weg. Insgesamt wurden weniger Probanden krank als in der Überschrift behauptet.

Eine Wissenschaftlerin untersucht Proben im Labor.
Eine Wissenschaftlerin untersucht Proben im Labor. (Symbolbild: Pixabay / fernando zhiminaicela)

von Sarah Thust

Hat die EU mit einer Ausnahmegenehmigung einen mRNA-Impfstoff „mit genmanipulierten Organismen” gegen Covid-19 erlaubt, wie derzeit in Sozialen Netzwerken behauptet wird? Nein. Bei dem Erlass geht es nicht um mRNA-Impfstoffe. Genetisch veränderte Organismen enthalten sie auch nicht. 

Ein Aufruf zum Protest, Vorwürfe gegen Angela Merkel und wütende Worte gegen das „System“: Die Bloggerin Anja Heussmann behauptete in einem Video auf Facebook am 16. Juli, die Europäische Union (EU) habe mit einer Ausnahmeregelung einen mRNA-Impfstoff gegen Covid-19 mit „genmanipulierten Organismen“ erlaubt. Ihr Video wurde bisher mehr als 5.300 Mal geteilt. 

Ähnliche Behauptungen stellt auch eine Facebook-Nutzerin in einem Beitrag vom 15. Juli auf. Die Ausnahmeregelung sei „viel schlimmer als der Virus“, heißt es darin. Denn „der neue geplant und in der Prüfung stehende Corona Impfstoff ist von einer Art, die nicht mehr korrigierbar ist. Es handelt sich um einen mRNA Impfstoff, der unseren genetischen Code verändert.“ 

CORRECTIV-Recherchen zeigen: Die Behauptungen sind größtenteils falsch. Die EU-Verordnung ist keine Zulassung für einen mRNA-Impfstoff, und solche Impfstoffe enthalten keine „genmanipulierten Organismen“. Beide Beiträge sollen offenbar Stimmung gegen Impfungen machen.

Behauptung: EU-Ausnahmeregelung erlaube „mRNA-Impfstoff mit genmanipulierten Organismen“ 

Anja Heussmann fordert im Beitragstext zum Video den „Rücktritt der gesamten Regierung“. Im Video sagt sie nach 25 Sekunden: „In der EU erlassen sie jetzt die Ausnahmeregelung für den Covid-19-Impfstoff. Denken Sie eigentlich, dass wir Menschen verblödet sind, oder was? Wissen Sie was? Man sollte Sie endlich entmündigen.“ Mit „Sie“ ist offenbar Bundeskanzlerin Angela Merkel gemeint.

Anja Heussmann spricht im Video über einen mRNA-Impfstoff
Anja Heussmann behauptet in ihrem Video vom 16. Juli, dass eine EU-Ausnahmeregelung einen mRNA-Impfstoff gegen Covid-19 mit genmanipulierten Organismen erlaubt haben soll. (Quelle: Facebook-Seite „Lovestorm People“ / Screenshot am 29. Juli: CORRECTIV)

Das Video von Heussmann besteht hauptsächlich aus Meinung und Spekulationen. Und für die einzige überprüfbare Behauptung – nämlich die,dass die EU angeblich mit einer Ausnahmeregelung einen mRNA-Impfstoff gegen das Virus SARS-CoV-2 erlaubt habe und dieser genetisch veränderte Organismen enthalte –, nennt sie keine Belege.

mRNA-Impfstoff enthält keine gentechnisch veränderten Organismen

Eine Ausnahmeregelung hat die EU tatsächlich am 15. Juli erlassen, doch darin geht es nicht um die Zulassung eines Impfstoffes. Stattdessen geht es um eine Vereinfachung im Entwicklungsprozess. Die Regelung betrifft „Humanarzneimittel“, die gentechnisch veränderte Organismen (GVO) enthalten oder daraus bestehen, und deren Wirkung am Menschen geprüft werden soll („klinische Prüfung“). Das betrifft laut einer Pressemitteilung der EU auch einige Impfstoffe, die zum Beispiel mit genetisch veränderten abgeschwächten Viren arbeiten.

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

mRNA-Impfstoffe enthalten jedoch keine GVO. Das bestätigte das Paul-Ehrlich-Institut, das in Deutschland unter anderem für die Zulassung von Impfstoffen zuständig ist, gegenüber CORRECTIV. „mRNA-Impfstoffe sind keine GVO und enthalten auch keine GVO. Sie werden synthetisch hergestellt und enthalten Teile der Erbinformation des Virus in Form von RNA, die den Bauplan für ein oder mehrere Virusproteine bereitstellen (Bei SARS-CoV-2 für das SPIKE-Protein oder Teile davon)“, schrieb Pressesprecherin Susanne Stöcker per E-Mail.

E-Mail des Paul-Ehrlich-Instituts
E-Mail der Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts in Deutschland: „mRNA-Impfstoffe sind keine GVO und enthalten auch keine GVO.“ (Screenshot am 30. Juli: CORRECTIV)

EU-Verordnung bezieht sich laut Behörden nicht auf mRNA-Impfstoffe

Die Umweltverträglichkeitsprüfung gelte hingegen nur für Impfstoffe, die GVO enthalten. „Da weder mRNA-Impfstoffe noch DNA-Impfstoffe vermehrungsfähige Organismen darstellen, sind sie weder von der Prüfung noch von der Ausnahmeregelung betroffen“, so Stöcker.

Ein Sprecher der Europäischen Kommission in Deutschland bestätigte CORRECTIV ebenfalls: „Der Verzicht auf die Umweltverträglichkeitsprüfung bezieht sich auf Medikamente zur Behandlung oder Vorbeugung von Covid-19, die mithilfe von GVOs entwickelt werden. mRNA-Impfstoffe sind keine GVOs.“ Ob bestimmte Impfstoffe mit Hilfe von GVO hergestellt würden, könne er nicht sagen; das hänge von dem jeweiligen Impfstoff ab.

Die Europäische Kommission in Deutschland bestätigt in einer E-Mail, dass mRNA-Impfstoffe keine GVO enthalten.
Die Europäische Kommission in Deutschland bestätigt in einer E-Mail, dass mRNA-Impfstoffe keine GVO enthalten. (Quelle: CORRECTIV)

Was bedeutet die Ausnahmeregelung für die Covid-19-Medikamente?

Gentechnisch hergestellte Arzneimittel gab es schon vor Covid-19. Dazu gehört laut dem Verband der forschenden Pharma-Unternehmen in Deutschland VFA unter anderem die Schutzimpfung gegen Hepatitis B.

Bevor klinische Prüfungen mit Arzneimitteln mit genetisch veränderten Organismen beginnen können, müssen zahlreiche Tests durchgeführt werden. Einer davon ist die Umweltverträglichkeitsprüfung, bei der es um die Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt geht. 

Die neue EU-Regelung erlaubt nun, dass vor klinischen Prüfungen von Medikamenten zur Behandlung oder Vorbeugung von Covid-19 keine solche Umweltverträglichkeitsprüfung erfolgen muss. 

Auszug aus der EU-Verordnung
Auszug aus der EU-Verordnung 2020/1043. (Quelle: Amtsblatt der Europäischen Union / Screenshot am 30. Juli: CORRECTIV)

Durch die Ausnahmeregelung soll der Prozess der Entwicklung eines Impfstoffes beschleunigt werden. Denn die Umweltverträglichkeitsprüfung sei komplex und nehme viel Zeit in Anspruch, heißt es in der Verordnung. „Es ist von allergrößter Bedeutung, dass klinische Prüfungen mit GVO enthaltenden oder aus GVO bestehenden Prüfpräparaten zur Behandlung oder Verhütung von COVID-19 in der Union […] sich nicht wegen der Komplexität der unterschiedlichen nationalen Verfahren […] verzögern.“

Susanne Stöcker vom Paul-Ehrlich-Institut schreibt uns, die EU-Verordnung bedeute „keine Abstriche in der Sicherheitsbewertung“, sondern solle die Verfahrensabläufe beschleunigen.

Die Ausnahmeverordnung soll laut einer Pressemitteilung des EU-Rats vom 14. Juli nur gelten, solange „die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Covid-19 als Pandemie betrachtet oder ein Durchführungsrechtsakt der Kommission gilt, wonach eine gesundheitliche Notlage aufgrund von Covid-19 besteht.“

Pressemitteilung
In einer Pressemitteilung vom 14. Juli informiert der Rat der Europäischen Union über die Verordnung. (Quelle: Internetseite vom Rat der EU / Screenshot: CORRECTIV)

Was ist ein mRNA-Impfstoff?

Das Paul-Ehrlich-Institut schreibt auf seiner Webseite: „mRNA-Impfstoffe enthalten Teile des Erbmaterials der Viren, die Baupläne für das Oberflächenprotein des Coronavirus-2 oder einem Teil davon umfassen.“ Die genetische Information des Virus könnte demnach durch die Impfung in einige Körperzellen des Geimpften gelangen. Die Zellen produzieren dann die entsprechenden Proteine. Das Immunsystem reagiert auf diese Proteine und bildet Abwehrstoffe wie Antikörper gegen das Virus. Die Funktionsweise von mRNA-Impfstoffen wird auch hier vom Science Media Center erklärt.  

Auszug Presse-Briefing PEI
Aus einem Presse-Briefing des Paul-Ehrlich-Instituts vom 22. April 2020 zur Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen. (Screenshot: CORRECTIV)

Die mRNA werde nicht in „Trägerviren“ transportiert, sondern in flüssigen Fetttröpfchen. „Während bei vielen herkömmlichen Impfstoffen das Antigen selbst injiziert wird, wird also beim mRNA-Impfstoff die genetische Information gespritzt, sodass der Körper das Antigen selbst bildet“, schreibt das Paul-Ehrlich-Institut. Es werde zwar an mRNA-Impfstoffen geforscht, aber es sei noch keiner für Menschen zugelassen worden

Es ist nicht sicher, ob es für Covid-19 einen mRNA-Impfstoff geben wird

Laut Robert-Koch-Institut (RKI) steht bisher kein Impfstoff zur Verfügung, der vor einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus schützt, somit auch kein mRNA-Impfstoff.

Wie ein Überblick der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigt, befanden sich am 31. Juli 139 Impfstoff-Kandidaten in der Entwicklung. 26 weitere Impfstoff-Kandidaten wurden bereits in klinischen Studien an Menschen untersucht. Dazu zählen auch sechs mRNA-Impfstoffe.

Fazit

Anders als in den Beiträgen von Anja Heussmann und hier auf Facebook dargestellt, geht es in der EU-Ausnahmeregelung nicht um die Zulassung einer bestimmten Substanz oder eines mRNA-Impfstoffes. Das Paul-Ehrlich-Institut und ein Sprecher der Europäischen Kommission bestätigten CORRECTIV, dass mRNA-Impfstoffe keine genetisch veränderten Organismen enthalten.

Die Behauptung auf Facebook, der „geplante Impfstoff“ sei ein mRNA-Impfstoff, ist ebenfalls falsch. Es steht noch nicht fest, welche Art von Impfstoff letztlich für Covid-19 zugelassen wird – es werden verschiedene Varianten geprüft.

Beiträge werden im Netzwerk der „Corona Rebellen“ verbreitet

Beiträge wie dieser von Anja Heussmann werden häufig in Facebook-Gruppen der „Corona Rebellen“ verbreitet, wie hier oder hier zu sehen ist. Die Bloggerin produziert seit Jahren Videos, die auf der Facebook-Seite von „Lovestorm People“ und auf Youtube veröffentlicht werden. In einem etwa drei Jahre alten Video von ihr heißt es, „Lovestorm People“ sei ein soziales Kunstprojekt. Im Impressum der Internetseite wird Heussmann als Verantwortliche genannt.´

Anja Heussmann hat in ihrem Video über den mRNA-Impfstoff und in weiteren Beiträgen auf Facebook eine Demonstration in Berlin am 1. August 2020 beworben, bei der das angebliche „Ende der Pandemie“ ausgerufen wurde. Laut Medienberichten wurde anschließend Kritik laut, weil tausende Menschen dort ohne Masken und ohne Abstand demonstrierten.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Mit der EU-Ausnahmeregelung wurde kein mRNA-Impfstoff erlaubt – und solche Impfstoffe enthalten keine gentechnisch veränderten Organismen.

Bierstraße Mallorca
Aufnahme vom Sonntag, 12. Juli 2020: Dieses Pressefoto wurde vor dem Lokal „Las Palmeras“ in der „Bierstraße“ auf Mallorca gemacht. Die Absperrungen zur Straße waren an den Tagen zuvor dort noch nicht aufgestellt worden. (Foto: picture alliance/dpa/Clara Margais)

von Sarah Thust

Sind Medienberichte über Partys ohne Einhaltung der Corona-Regeln auf Mallorca gelogen? Unter anderem die Seite „Journalistenwatch“ behauptet, es habe gar keine Partys gegeben, die Darstellungen feiernder Touristen seien frei erfunden. Das stimmt nicht. 

Die Seite Journalistenwatch behauptet, Medien hätten die Berichte über feiernde Touristen auf Mallorca erfunden. Und in einem Video des Deutschland-Kurier suggeriert Youtuber Oliver Flesch ähnliches („Alles Quatsch!“ / „erstunken und erlogen“). Es wurde am 16. Juli auf Facebook hochgeladen und mehr als 4.600 Mal geteilt. Der Text von Journalistenwatch wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 800 Mal auf Facebook geteilt. 

Der Vorwurf, die Medien hätten die Partys erfunden, ist falsch. Hauptsächlich geht es um die Nacht vom 10. auf den 11. Juli. In dieser Freitagnacht sind Videos und Fotos entstanden, die feiernde Touristen in der „Bierstraße“ auf Mallorca zeigen sollen. CORRECTIV konnte für einen anderen Faktencheck bereits mehrere dieser Aufnahmen verifizieren, darunter ein Foto der DPA und ein Instagram-Video

Wir haben die vier zentralen Behauptungen von Deutschland-Kurier und Journalistenwatch einzeln überprüft. Sie sind größtenteils irreführend.

1. Behauptung: Die Darstellungen „zügellos feiernder Corona-Ignoranten“ sind frei erfunden

Journalistenwatch berichtete am 16. Juli, dass „die Darstellungen zügellos feiernder Corona-Ignoranten offenbar nicht nur überzogen, sondern frei erfunden“ seien. Belegt werden soll dieser Vorwurf mit einem Videokommentar von Schlagersänger Mickie Krause und veralteten Bildern, die in einigen Medien verwendet wurden (CORRECTIV hat darüber berichtet). 

Tatsächlich hat Schlagersänger Mickie Krause am 16. Juli ein Video auf Facebook gepostet und dazu geschrieben: „Es ist nicht so, wie es derzeit in den Medien dargestellt wird!“ In dem Video spricht er vor allem über die Ereignisse am Freitag, 10. Juli in Playa de Palma. Mickie Krause bestätigt in seinem Kommentar jedoch, dass einige Touristen auf Mallorca gefeiert haben und dies in einem Video zu sehen ist.

Mickie Krause Mallorca
Schlagersänger Mickie Krause kritisiert in einem Video die Berichterstattung einiger deutscher Medien über Mallorca. (Quelle: Facebook / Screenshot am 22. Juli: CORRECTIV)

Journalistenwatch stellt die Zitate des Schlagersängers so dar, als hätte dieser die Medienberichte als „erfunden“ bezeichnet. Tatsächlich sagt Mickie Krause in seinem Video: „Ja, am Freitag wurde in der Bierstraße gefeiert und es gibt ja dieses berühmt-berüchtigte Video. Aber ich kann nur sagen: Das ist eine Momentaufnahme, sicherlich haben dort die Leute Sicherheitsabstände nicht eingehalten, aber machen wir uns nichts vor, das war wirklich nur eine Momentaufnahme.“

Oliver Flesch war zum Zeitpunkt der Partys nicht in der „Bierstraße“ 

Für den Deutschland-Kurier hat Oliver Flesch ein Video aus Mallorca produziert. Es trägt den Titel: „Ausschweifende Partys auf Mallorca? Alles Quatsch!“ Darin suggeriert er, dass die Medien die Situation auf Mallorca falsch dargestellt hätten. Allerdings sagt er selbst: „Ich lebe ja in Cala Rajada, Cala Rajada ist siebzig Kilometer vom Ballermann entfernt, ich krieg davon also genauso viel oder genauso wenig mit wie ihr in Deutschland.“

Deutschlandkurier Mallorca
Deutschland-Kurier auf Facebook: Oliver Flesch sagt im Video, dass er im mehr als 70 Kilometer entfernten Ort Cala Rajada lebe. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

Fotos und Videos einer Nacht zeigen viele Besucher auf der „Bierstraße” – und sie sind echt

In den Medienberichten ging es um das Wochenende vom 10. bis 12. Juli: Hunderte Menschen hatten demnach am Freitagabend in einer Straße an der Playa de Palma gefeiert und die Corona-Regeln ignoriert. Darüber hatte zuerst die Mallorca-Zeitung berichtet. 

CORRECTIV hat Fotos und Videos gefunden, die belegen, dass in der „Bierstraße“ auf Mallorca in der Nacht vom 10. auf den 11. Juli viele Touristen gefeiert haben, teils auch auf der Straße und ohne Masken. Es gibt ein Pressefoto der Deutschen Presse-Agentur (DPA), das am 10. Juli um 23:19 Uhr aufgenommen wurde. „So steht es in den exif-Daten der Kamera“, bestätigte ein Redakteur der DPA auf Nachfrage von CORRECTIV.

Bierstraße Mallorca
Ein Foto der DPA zeigt die Bierstraße vor dem „Las Palmeras“ am Freitag, 10. Juli. (Foto: picture alliance/Michael Wrobel/Birdy Media/dpa)

Den Ort der Aufnahmen konnten wir verifizieren, indem wir die Bilder mit Google Streetview abgeglichen haben: Die Aufnahmen zeigen einen Teil der „Bierstraße“ zwischen dem Restaurant „Deutsches Eck“ und dem Lokal „Et Dömsche“.

Bierstraße Mallorca Streetview
„Bierstraße“ bei Google Streetview (fotografiert von der gegenüberliegenden Seite im November 2019): Links das „Las Palmeras“, rechts das „Deutsche Eck“. (Quelle: Google Streetview / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

Instagram-Video zeigt Szenen des Abends 

Ein Video der Mallorca-Zeitung in einem Artikel vom 11. Juli und ein Instagram-Video vom 10. Juli zeigen ebenfalls Szenen auf der „Bierstraße“. 

CORRECTIV konnte das Instagram-Video in einem Faktencheck verifizieren. Es wurde laut Quelltext am Freitag, 10. Juli 2020 um 23:07 Uhr veröffentlicht. Der Sprecher im Video sagt, dass es sich um ein Live-Video handele und es kurz vor der „Sierra Madre“ sei. Die „Sierra Madre“ ist eine tägliches Ritual um 23 Uhr auf der „Bierstraße“, bei dem die Menschen Wunderkerzen anzünden und gemeinsam das gleichnamige Lied singen. Das ist auch am Ende des Videos zu sehen. Ebenfalls mehrfach im Bild: das Lokal „Las Palmeras“.

Links ein Ausschnitt aus dem Instagram-Video, rechts ein Blick auf Google Streetview in die „Bierstraße“. Das Restaurant „Deutsches Eck“ und das Restaurant „Al Faro“ sind deutlich zu erkennen. Das „Las Palmeras“ befindet sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite des „Deutschen Ecks“. (Quelle: Instagram und Google Streetview / Screenshots und Collage: CORRECTIV)

Ein Abgleich des Instagram-Videos mit dem Bild der DPA vom 10. Juli bestätigt, dass es sich um Aufnahmen desselben Abends handelt. Mehrfach sind dieselben Personen mit derselben Kleidung zu sehen. Besonders auffällig: eine Frau mit einem roten Top und ein Mann in einem bunt-gemusterten Oberteil. 

Collage Instagram-Video und DPA-Foto
Links oben das Foto der DPA, daneben und darunter sind Screenshots aus dem Instagram-Video zu sehen. (Quelle: DPA und Instagram / Screenshots und Collage: CORRECTIV)

Die Aufnahmen von feiernden Touristen, über die viele Medien berichteten, sind also nicht – wie behauptet – frei erfunden, sondern stammen aus der „Bierstraße“ (Carrer de Miquel Pellisa). Medien wie die Tageszeitung WAZ oder die Mallorca-Zeitung haben geschrieben, dass die Bilder dort aufgenommen wurden. Ein Augenzeuge hat CORRECTIV ebenfalls bestätigt, dass es in der Bar „Las Palmeras“ am 10. Juli voll wurde, aber auch kritisiert, einzelne Medien hätten die Situation „ausgenutzt“ und kurzzeitige Nadelöhre auf der Straße gefilmt. 

Wie viele Verstöße gegen die Corona-Regeln es am Abend des 10. Juli wirklich gab, kann abschließend nicht geklärt werden. Die Mallorca-Zeitung berichtet, dass die Polizei an diesem Abend nicht eingegriffen habe. CORRECTIV hat bei der Polizei Guardia Civil nachgefragt, hat jedoch bisher keine Antwort erhalten. Laut einer Pressemitteilung der Regierung der Balearischen Inseln wurden an jenem Wochenende Inspektionen an zehn Örtlichkeiten in Playa de Palma durchgeführt. Daraus ergaben sich fünf Sanktionsmaßnahmen im Bereich Playa de Palma wegen Nichteinhaltung der COVID-19-Bestimmungen. 

Fazit: Die Behauptung, dass die Darstellungen von feiernden Touristen auf Mallorca frei erfunden seien, ist falsch. 

2. Behauptung: Die Medien erzählen eine „Mär“ vom „Corona-Hotspot“ Mallorca

Journalistenwatch unterstellt den Medien eine „konzertierte Kampagne“, in der eine „Mär vom Mallorca-Corona-Hotspot“ erzählt werde. Doch diese „Mär“ gibt es nicht.

Das Gegenteil ist der Fall: In zahlreichen Medienberichten, unter anderem bei T-Online und im Merkur, war zu lesen, dass Mallorca bisher kein „Corona-Hotspot“ sei. „Im Vergleich zum spanischen Festland stehen die Balearen weiterhin gut da“, berichtete auch die Mallorca-Zeitung am 24. Juli 2020.

Gesundheitsexperten forderten Quarantäne und Pflichttests für Mallorca-Urlauber

 Die Berichte von Deutschland-Kurier und Journalistenwatch sind erschienen, nachdem Gesundheitsexperten angesichts der Bilder von feiernden Mallorca-Urlaubern Quarantäne und Pflichttests für deutsche Mallorca-Rückkehrer gefordert haben. Dies schlug unter anderem der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebunds, Frank Ulrich Montgomery, vor. „Ein verrückter Urlauber am Ballermann kann doch nicht hinterher seine ganze Community gefährden“, sagte er dem Deutschlandfunk (Audio). Darüber haben auch Medien wie der Spiegel berichtet. Es ging darum, die Gefahr einer zweiten Infektionswelle in Deutschland zu reduzieren. Doch davon, dass Mallorca ein „Corona-Hotspot“ sei, war in den Medienberichten nicht die Rede.

Aktuelle Daten der balearischen Gesundheitsbehörde IB-Salut zeigen am 24. Juli insgesamt 2.333 Infektionsfälle auf den Balearen, davon 122 aktive Fälle, die mit PCR-Tests bestätigt worden sind. Regionale Corona-Schwerpunkte in Spanien liegen derzeit auf dem Festland, in Katalonien und Aragón, wie das Auswärtige Amt schreibt. Bisher verläuft die Corona-Pandemie für die Balearischen Inseln eher mild – und so wird es auch in den CORRECTIV bekannten Medienberichten dargestellt.

Fazit: Die „Mär vom Mallorca-Corona-Hotspot“ gibt es nicht. CORRECTIV ist kein Medienbericht bekannt, in dem Mallorca als „Corona-Hotspot“ bezeichnet wurde.

3. Behauptung: Medien verwendeten alte Bilder

Deutschland-Kurier-Reporter Oliver Flesch kritisierte die Medien im Text unter seinem Video: Diese hätten berichtet, „auf den Stränden hätten sie dicht an dicht wie Sardinen in der Sonne gebrutzelt“. Bei Journalistenwatch heißt es, dass teilweise Fotos von 2018 verwendet worden seien.  

In Einzelfällen kam es tatsächlich zu Fehlern in der Berichterstattung. CORRECTIV fiel zum Beispiel eine irreführende Zwischenüberschrift im Merkur auf, in der es hieß „Illegale Corona-Partys in der ‘Schinkenstraße’“, obwohl die feiernden Touristen in der „Bierstraße“ gefilmt wurden. Unter anderem von Focus-Online wurde ein Archivbild von einem überfüllten Strand verwendet, das nicht als Archivbild gekennzeichnet wurde. Wir haben bereits einen detaillierten Faktencheck dazu veröffentlicht. 

4. Behauptung: In den Aufnahmen sind keine Verstöße gegen die Maskenpflicht zu sehen

Im Video-Bericht für den Deutschland-Kurier sagt Oliver Flesch, dass auf in den Medien veröffentlichten Bildern keine Verstöße gegen die Maskenpflicht zu sehen seien: „Da war genügend Abstand.“ Er selbst spricht übrigens auch fälschlich von der „Schinkenstraße“ statt von der „Bierstraße“, wo die Bilder tatsächlich herkommen. 

Zum Hintergrund: Eine Maskenpflicht gab es auf den Balearen bereits am Abend des 10. Juli. Sie galt nur dort, wo kein Sicherheitsabstand von zwei Metern eingehalten werden konnte. 

Das bereits erwähnte Instagram-Video vom 10. Juli zeigt jedoch deutlich, dass Mindestabstände auf der „Bierstraße“ teilweise aus Platzgründen nicht eingehalten werden konnten. Gelegentlich standen wartende Gruppen mitten auf der Straße, oder Straßenverkäufer sprachen Touristen an. Dadurch wurde es eng, und einige Gruppen schoben sich teils nah aneinander vorbei. Masken trugen nur wenige Menschen. Hinter dem „Las Palmeras“, dem „Deutschen Eck“ und dem „Et Dömsche“ war die Straße dann wieder leer.  

Menschen auf der Bierstraße Mallorca
Screenshots des Instagram-Videos am 21. Juli 2020: Sie zeigen, dass teilweise die Mindestabstände nicht eingehalten werden. (Quelle: Instagram / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

In seinem Video spricht Oliver Flesch außerdem von einer „erneuten Maskenpflicht“ auf Mallorca und suggeriert, diese sei auf die Partys zurückzuführen. Das ist ebenfalls nicht richtig. Es gab zwar ab dem 13. Juli eine Verschärfung der Maskenpflicht für die Balearen (Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera). Diese Änderung war jedoch bereits am 9. Juli angekündigt worden, also vor dem besagten „Party-Wochenende“.

Fazit: Die Menschen laufen in dem Video teilweise sehr nah aneinander vorbei. Wo im Freien zwei Meter Mindestabstand nicht eingehalten werden konnte, bestand auch am 10. Juli schon Maskenpflicht auf Mallorca.

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Gesamtfazit: Medien haben die feiernden Touristen nicht erfunden

Die Vorwürfe von Journalistenwatch und dem Deutschland-Kurier sind größtenteils falsch; die Bilder von feiernden Touristen sind echt. Sie stammen vor allem von der Nacht vom 10. auf den 11. Juli in der „Bierstraße“. Am Wochenende griffen viele Medien das Thema auf und berichteten darüber. 

Bei dieser Berichterstattung sind einigen Medien jedoch Fehler unterlaufen. Vereinzelt wurden veraltete Bilder verwendet und teils ein falscher Eindruck vermittelt. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die Medien haben die feiernden Touristen auf Mallorca nicht erfunden und auch nicht von einem „Corona-Hotspot“ berichtet.

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Aufnahme vom 10. Juli 2020: Dieses Pressefoto wurde vor dem Lokal „Las Palmeras” in der „Bierstraße” auf Mallorca gemacht. Einige Medien haben auch das Videomaterial dazu veröffentlicht. (Foto: picture alliance/Michael Wrobel/Birdy Media/dpa)

von Sarah Thust

Wurde in Mallorcas Partymeilen wirklich ohne Einhaltung der Corona-Regeln gefeiert? Einige Leute behaupten auf Facebook, es habe keine Partys in Palma de Mallorca gegeben und die Medien würden lügen. Das ist falsch. Kritik müssen sich einige Medien dennoch gefallen lassen.

Auf Facebook kursiert etwa seit dem 15. Juli ein Text einer Frau, die über ihre Erfahrungen im Urlaub auf Mallorca berichtet. Sie suggeriert, dass die Medien die Berichte über feiernde Touristen nahe des Strandes Playa de Palmas auf Mallorca erfunden hätten. Tatsächlich sei zum Beispiel die „Schinkenstraße” (Carrer del Pare Bartomeu Salvà) in Palma, die als Partymeile für deutsche Urlauber bekannt ist, leer gewesen. Der Text der mutmaßlichen Urlauberin wurde auf Facebook mehrfach kopiert, einer der ersten Beiträge wurde bereits mehr als 11.100 Mal geteilt. 

Der Vorwurf: Inmitten der Corona-Krise würden die Medien die Situation am Ballermann falsch darstellen, alte Bilder aus Mallorca zeigen und seien Schuld an der Maskenpflicht. Das ist falsch.

Tatsächlich berichteten Medien von Partys auf Mallorca: Hunderte Menschen hätten am Freitagabend in einer Straße in Palma gefeiert – trotz der strengen Corona-Regeln. Zuerst hatte darüber die Mallorca-Zeitung berichtet. CORRECTIV hat die Situation auf Mallorca rekonstruiert und dabei auch Fehler in der medialen Berichterstattung entdeckt.

Mallorca: Fotos und Videos zeigen viele Besucher auf der „Bierstraße” – und sie sind echt

In dem Beitrag auf Facebook berichtet eine unbekannte Frau von ihrem Urlaub auf Mallorca. Darin heißt es, sie sei am Freitag (gemeint ist wohl der 10. Juli, da der Beitrag nach unseren Recherchen am 15. Juli aufgetaucht ist) von einem sechstägigen Urlaub zurückgekehrt. Belege für ihre Behauptungen führt sie nicht an. 

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Beitrag vom 15. Juli 2020: Eine Facebook-Nutzerin hat diese Nachricht geteilt. Darin heißt es unter anderem, dass in Mallorca Maskenpflicht gelte, weil die Medien lügen würden. (Quelle: Facebook / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

CORRECTIV hat Fotos und Videos gefunden, die belegen, dass in der „Bierstraße“ auf Mallorca in der Nacht vom 10. auf den 11. Juli sehr viele Touristen gefeiert haben, teils auch auf der Straße und ohne Masken. 

Dieses Video der Mallorca-Zeitung in einem Artikel vom 11. Juli und dieses Video vom 10. Juli auf Instagram zeigen die Szenen. Im Fokus liegt dabei auf dem Lokal „Las Palmeras“. CORRECTIV konnte das Instagram-Video verifizieren. Es wurde am Freitag, 10. Juli 2020 um 23:07 Uhr erstellt, wie der Quelltext des Instagram-Beitrags anzeigt. 

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Links ein Ausschnitt aus dem Instagram-Video, rechts ein Blick auf Google Streetview in die „Bierstraße”. Das Restaurant „Deutsches Eck” und das Restaurant „Al Faro” sind deutlich zu erkennen. Das „Las Palmeras” befindet sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite des „Deutschen Ecks”. (Quelle: Instagram und Google Streetview / Screenshots und Collage: CORRECTIV)

Ein Foto der DPA vom 10. Juli zeigt die „Bierstraße“ in Palma de Mallorca

Es gibt außerdem ein Pressefoto der Nachrichtenagentur DPA, das denselben Ort zeigt. Laut eines Fotoredakteurs der DPA wurde es am 10. Juli um 23:19 Uhr aufgenommen.

Las Palmeras 10. Juli 2020 Mallorca
Aufnahme vor dem „Las Palmeras“: „Das Foto wurde am 10. Juli 2020 um 23:19 Uhr erstellt, so steht es in den exif-Daten der Kamera“, bestätigte ein Redakteur der Deutschen Presse-Agentur (DPA) auf Nachfrage von CORRECTIV. (Foto: picture alliance/Michael Wrobel/Birdy Media/dpa)

Den Ort der Aufnahmen konnten wir verifizieren, indem wir die Bilder mit Google Streetview abgeglichen haben: Die Aufnahmen zeigen einen Teil der „Bierstraße”, keine 450 Meter vom ehemaligen „Ballermann 6” entfernt. Genau genommen: den Straßenabschnitt zwischen dem Restaurant „Deutsches Eck” und dem Lokal „Et Dömsche”, wie dieses Video des WDR zeigt.

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„Bierstraße” bei Google Streetview (fotografiert von der gegenüberliegenden Seite im November 2019): Links das „Las Palmeras“, rechts das „Deutsche Eck“. (Quelle: Google Streetview / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV))

CORRECTIV hat zudem die Aussagen der Frau in dem Facebook-Beitrag einzeln überprüft.

1. Behauptung: Die Medien zeigen die „Schinkenstraße” voll mit feiernden Leuten, dabei war sie leer

Die Aufnahmen von feiernden Touristen, über die viele Medien berichteten (zum Beispiel hier der WDR), stammen nicht – wie in dem Facebook-Beitrag behauptet – aus der „Schinkenstraße” in Palma, sondern aus der „Bierstraße“. 

Medien wie die Tageszeitung WAZ oder die Mallorca-Zeitung haben geschrieben, dass die Bilder aus der „Bierstraße” stammen. In einem Text vom Merkur ist in einer Zwischenüberschrift allerdings auch von „illegalen Corona-Partys in der ‘Schinkenstraße’” die Rede, näher ausgeführt wird das nicht.

Beide Straßen liegen unweit der Strandpromenade Playa de Palma, sie verlaufen parallel zueinander und dazwischen liegen drei andere Straßen (Übersicht auf Google Maps). In der „Schinkenstraße” liegt der Biergarten mit Freiluft-Diskothek „Bierkönig”, der tatsächlich seit Mitte März geschlossen ist, wie CORRECTIV auf Nachfrage von den Betreibern erfuhr. In dieser Straße soll es sehr ruhig zugegangen sein, beschreibt ein Augenzeuge, mit dem wir uns am 19. Juli per Chat auf Facebook unterhalten konnten.

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„Bierstraße” (Carrer de Miquel Pellisa) und „Schinkenstraße” (Carrer del Pare Bartomeu Salvà) bei Google Maps: Die grünen Pfeile mit den eckigen Kästchen markieren die genannten Bars und Restaurants. (Quelle: Google Maps / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

Augenzeuge beschreibt „Bierstraße” als „nie wirklich mega überfüllt” 

„Durch die Schinkenstraße sind wir 2 mal durchgelaufen in dem Zeitraum 09.07. bis 12.07. Jede dort ansässige Disco hatte geschlossen. Von Partys in der Schinkenstraße haben wir also nichts wahrgenommen”, schreibt Niko Papadopoulos. Er kommt aus Nordrhein-Westfalen und hat die Berichterstattung über das Wochenende des 10. und 11. Juli in Palma ebenfalls auf Facebook in einem Kommentar unter einem Beitrag der Bar „Et Dömsche“ kritisiert. Seine Fotos, die CORRECTIV vorliegen, belegen, dass er vom 9. bis 13. Juli auf Mallorca war und mindestens an drei Abenden auch in der „Bierstraße”. 

Facebook-Kommentar
Kommentar von Niko Papadopoulos auf Facebook: Durch diesen Beitrag ist CORRECTIV auf ihn aufmerksam geworden. (Quelle: Facebook / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

Niko Papadopoulos saß am Abend des 10. Juli laut eigener Aussage in der Bar „Et Dömsche” mit Blick auf das „Las Palmeras” schräg gegenüber. CORRECTIV liegt ein Foto von jenem Abend vor, das bestätigt, dass er um 21:58 Uhr Einblick in die „Bierstraße” am „Deutschen Eck” hatte. 

Foto eines Augenzeugen von Mallorca
Aufnahme vom 10. Juli 2020: Dieses Bild eines Urlaubers zeigt das „Deutsche Eck” an der „Bierstraße”, in der sich die Touristen sammeln. (Foto: Niko Papadopoulos/privat)

Papadopoulos schrieb CORRECTIV auf Facebook, dass er jeden Abend in der Bar „Et Dömsche” gewesen sei. Dort habe zu es keiner Zeit Probleme mit Verstößen gegen die Covid-19-Regelungen gegeben. „Beim Aufstehen vom Tisch trugen die Menschen Masken, genauso wie zum Gang auf die Toilette. Die Bedienungen haben die Leute auch häufig dran erinnert”, schrieb er.

„Las Palmeras“ warb offenbar mit günstigen Bierpreisen um Kundschaft

Anders sei das am 10. Juli abends schräg gegenüber gewesen: „Vom Dömsche aus konnte man gut erkennen, was im Las Palmeras los war. Sie haben mit Dumpingpreisen für Getränke die Massen angelockt. Dementsprechend war dort auch die Stimmung. Grölende Feiernde, wie man es von Mallepartys eben gewohnt ist. Der Straßen-DJ hat seine Musik aufgelegt. Im Las Palmeras waren die Tische zwar mit Abständen aufgestellt worden, jedoch gab es dort richtig Stimmung, bis auf die Straße vor dem Laden.” 

Die „Bierstraße” selbst sei allerdings „nie wirklich mega überfüllt” gewesen. Polizeikontrollen habe er an jenem Abend nicht mitbekommen. Dass die Polizei nicht eingeschritten sei, berichtete auch die Mallorca-Zeitung am 11. Juli.

Foto eines Augenzeugen von Mallorca
Am 12. Juli um 1:08 Uhr: Augenzeuge Niko Papadopoulos schreibt, er habe in Mallorcas „Bierstraße” nur an jenem Abend zwei Polizisten auf der Straße gesehen – in den Nächten davor nicht. (Foto: Niko Papadopoulos/privat)

Wirte werfen Medien Manipulation von Bildern vor

Diese Angaben entsprechen in etwa dem, was einige Wirte von jenem Abend berichten, wie hier im Kölner Express. Auch auf der Facebook-Seite von „Et Dömsche” ist am 15. Juli ein kritischer Kommentar erschienen. Darin hieß es: „In den News sind entweder veraltete, oder Bilder EINES Tages von EINER Lokalität (nicht unserer!!!) zu sehen!” Die Mallorca-Zeitung berichtete am 16. Juli: „Der Ballermann macht die Medien für die Schließung verantwortlich”.

In den Medien berichten unterschiedliche Augenzeugen (hier und hier), dass Journalisten an den Abenden des 10., 11. und 12. Juli Bilder manipuliert haben sollen – entweder durch die Wahl der Kameraeinstellungen oder indem sie Touristen vor der Kamera zum Feiern animiert hätten. 

Niko Papadopoulos bestätigt diese Berichte gegenüber CORRECTIV: In jener Freitagnacht habe er in der „Bierstraße” einen Journalisten mit einem Mikrofon des Senders RTL gesehen. Er unterstellt dem Journalisten, die Lage ausgenutzt zu haben. „Die Bierstraße selber war nie wirklich mega überfüllt, wartende Menschen, die auf einen Tisch gehofft haben vor den Bars, zudem die schwarzen Straßenverkäufer und sogar Kamerateams wie von RTL blockierten, bzw. stellten dann noch die Straße zu. Somit waren kurzzeitige ‘Nadelöhre’ nicht vermeidbar”, schreibt er.

„Ich konnte sehr gut erkennen, wie RTL genau solche kurze Szenen ausgenutzt hat, um zu filmen. Und immer in Richtung Las Palmeras, mit dem richtigen Blickwinkel sah es dann natürlich übertrieben voll aus auf der Straße.”

CORRECTIV kontaktierte RTL für eine Stellungnahme dazu. Sprecherin Heike Speda antwortete in einer E-Mail, dass das „feste Mallorca-Team” des Senders nicht am 10. Juli gedreht habe. „Wir können bestätigen, dass wir am 12. Juli auf der Bierstraße gedreht haben. Am darauffolgenden Tag wurde die Maskenpflicht auf Mallorca umgesetzt. Wir können die Arbeit unserer Kollegen nicht beanstanden, sowohl unser Material – als auch die Aufnahme des Augenzeugen, zeigt deutlich, wie die Situation an diesem Abend vor Ort war. Unsere Kollegen sind zur Einhaltungen aller angeordneten Vorsichtsmaßnahmen angehalten.”

Facebook-Chat
Augenzeuge Niko Papadopoulos beschreibt auf Facebook, wie er die Situation in Mallorca erlebt hat. (Quelle: Facebook / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

Am 16. Juli schrieb Schlagersänger Mickie Krause auf Facebook: „Es ist nicht so, wie es derzeit in den Medien dargestellt wird!” In einem Video aus Mallorca sagte er zu den Ereignissen am Freitag, 10. Juli: „Das war wirklich nur eine Momentaufnahme.” Die Wirte hätten in der „Bierstraße” ihre Hausaufgaben gemacht. 

Urlauberin war zum Zeitpunkt der Partys in der „Bierstraße“ gar nicht mehr auf Mallorca

Fazit: Anders als von der Frau in dem Facebook-Beitrag behauptet, haben keine CORRECTIV bekannten Medien die „Schinkenstraße” voll mit feiernden Leuten abgebildet. Doch in Einzelfällen kam es zu vermeidbaren Fehlern, wie einer irreführenden Zwischenüberschrift im Merkur

Da die Urlauberin offenbar nur bis zum 10. Juli auf Mallorca war, ist ihr Augenzeugenbericht kein Beleg für die Situation, über die die Medien berichteten. Videos und Augenzeugenberichte zeigen, dass es an bestimmten Orten am Wochenende vom 10. bis 12. Juli zu Verstößen kam. 

Die Regierung der Balearischen Inseln registrierte an jenem Wochenende laut eigenen Angaben 51 Interventionen und 24 Sanktionsmaßnahmen wegen Nichteinhaltung der COVID-19-Bestimmungen – auf der gesamten Insel. Die Polizei (Guardia Civil) hat auf Anfragen von CORRECTIV bisher nicht reagiert. 

2. Behauptung: Medien verwendeten alte Bilder

Tatsächlich konnte CORRECTIV Einzelfälle finden, in denen Medien alte Aufnahmen als Symbolbilder verwendet haben, ohne sie zu kennzeichnen. Auf Facebook beschwerten sich Nutzer konkret über Focus-Online und die Welt, die dasselbe Foto eines überfüllten Strandes zeigten.

Focus-Beitrag Mallorca
Nachrichtenseiten verwenden teilweise veraltete Fotos für aktuelle Berichterstattung ohne dies kenntlich zu machen. (Quelle: Focus-Online / Screenshot: CORRECTIV)

Das Foto in dem Focus-Online-Bericht vom 19. Juli ist von der DPA und laut deren Pressefoto-Datenbank aus dem Jahr 2018 (zum Beispiel verwendete es die Deutsche Welle in diesem Bericht und wies darauf hin, dass es von 2018 ist). Focus-Online und die Welt haben es ohne Hinweis auf das Datum der Aufnahme verwendet. 

Bei dem Foto vom überfüllten Strand handelt es sich um ein Symbolbild

Auf dem Bild sind Schirme und Liegen zu sehen, die an der Playa de Mallorca derzeit nicht existieren. Das zeigt eine Strand-Kamera, die den Abschnitt vor dem ehemaligen „Ballermann 6” live ins Netz überträgt.

Live-Cam Mallorca
Screenshot des Live-Videos am 21. Juli 2020: Besucher sonnen sich am Strand Playa de Palma. (Quelle: Livecam El Arenal Playa de Palma / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

Allerdings haben sich einige Journalisten auch kritisch mit diesem Thema auseinandergesetzt. Die Kreiszeitung war selbst nicht vor Ort, doch als lokale Tageszeitung hat sie auf einen Leserbrief reagiert. Sie veröffentlichte einen Bericht darüber, warum Urlauber aus Mallorca die „einseitige“ Berichterstattung in den Medien kritisieren. Auch die Mallorca Zeitung, die über die Partys am Freitag, 10. Juli laut eigener Aussage zuerst berichtet hatte, beschäftigte sich mit der Kritik an den Medien. 

3. Behauptung: Auf Mallorca herrscht Maskenpflicht, weil die Medien lügen

Eine Maskenpflicht gab es auf den Balearen schon vorher. Vor dem 13. Juli waren sie im Freien nur dann nötig, wenn kein Sicherheitsabstand von zwei Metern eingehalten werden konnte. Das hat sich nun geändert – und ab dem 20. Juli kann ein Verstoß mit einem Bußgeld von bis zu 100 Euro geahndet werden. Doch kann man die Medien dafür verantwortlich machen?

Die strengere Maskenpflicht für die Balearen (Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera) trat zwar am Montag, 13. Juli, in Kraft. Diese Änderung war jedoch bereits am 9. Juli angekündigt worden, also vor dem besagten „Party-Wochenende“. 

Am Mittwoch, 15. Juli mussten dann die Bars in der „Bierstraße“ und „Schinkenstraße” sowie jene im britischen Party-Zentrum in Magaluf schließen. Dies entschied die balearische Regionalregierung nach den Ereignissen am Wochenende des 10. bis 12. Juli. 

Regierung der Balearen ist um Einhaltung der Regeln bemüht

Der Pressesprecher des balearischen Tourismusministers Iago Negueruela antwortete auf eine E-Mail-Anfrage von CORRECTIV, dass sich die Menschen auf den Balearen um Einhaltung der Regeln bemühen würden. „Die Bilder der letzten Tage mit Partys und Menschenmengen in bestimmten Gegenden dürfen sich nicht wiederholen, wir werden das nicht tolerieren”, schrieb der Sprecher Hugo Saénz.

„Es handelt sich um eine sehr spezifische Aktion (die Schließung von Nachtclubs in bestimmten Straßen) in sehr begrenzten Gebieten, die nur sehr wenige von ihnen versäumen. Diese wenigen dürfen unser Image nicht beeinträchtigen oder die Gesundheit unserer Einwohner und Arbeitnehmer gefährden.”

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Auch die Präsidentin der Balearen-Inseln Francina Armengol schrieb am 15. Juli auf Twitter: „Die Gesundheitslage ist derzeit gut und wir werden die Verantwortungslosigkeit einer Minderheit in so einer riskanten Situation nicht tolerieren. Wir setzen uns für die Gesundheit und die Wirtschaft ein. Wir werden schon auf kleine Fehltritte reagieren, und wir werden energisch gegen solche Exzesse vorgehen. Null Toleranz für diejenigen, die unverständig sind und die Sicherheit aller in Gefahr bringen.”

Verschärfte Maskenpflicht ist auf steigende Fallzahlen zurückzuführen 

Fazit: Haben die Medienberichte über das Wochenende 10. bis 12. Juli etwas mit der Verschärfung der Maskenpflicht zu tun? Nein, die Gesundheitsministerin der Balearen hat diese bereits am Donnerstag, 9. Juli, angekündigt. 

Zudem erklärte Gesundheitsministerin Patricia Gómez laut Mallorca-Zeitung in einer Pressekonferenz am 13. Juli, dass es sich bei der verschärften Maskenpflicht nicht um eine Art Überreaktion auf das Verhalten einiger Urlauber an der Playa de Palma handele. Es gehe vielmehr um die nationale und internationale Situation. In Spanien steigen die Infektionszahlen mit dem Coronavirus seit zwei Wochen wieder an, besonders in Katalonien, berichtet die Tagesschau

Gesamtfazit: Medien haben die feiernden Touristen nicht erfunden

Die Behauptungen der mutmaßlichen Mallorca-Urlauberin auf Facebook sind teilweise falsch, weil ihnen der Kontext fehlt. Die Bilder von feiernden Touristen in Palma de Mallorca sind hingegen echt und stammen vor allem von der Nacht vom 10. auf den 11. Juli in der „Bierstraße“. Am Wochenende griffen viele Medien das Thema auf und berichteten darüber. Schuld an der Maskenpflicht sind die Medien nicht. 

Bei der Berichterstattung sind einigen Medien jedoch Fehler unterlaufen. Vereinzelt wurden veraltete Bilder verwendet und teils ein falscher Eindruck vermittelt. Doch andere Medien haben diese Kritik bereits aufgegriffen – und mit Urlaubern gesprochen, die vor Ort waren. Hierbei hervorzuheben ist besonders die Kreiszeitung, die mit einem Bericht auf einen Leserbrief reagiert hat.

Update, 29. Juli 2020: Wir haben eine Stellungnahme von RTL zu dem Fall ergänzt.
Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Es gab Verstöße von Feiernden gegen die Corona-Regeln auf Mallorca.