Die Hälfte der europäischen Gemeinden hat weniger Einwohner als vor 60 Jahren
Eine Datenauswertung von CORRECTIV.Europe zeigt erstmals: Während Europas Gesamtbevölkerung wächst, leben in der Hälfte aller Orte weniger Menschen als vor 60 Jahren. Das wirkt sich besonders auf die Lebensqualität auf dem Land aus.
Europa steht an einem Wendepunkt: Die Bevölkerung der EU ist über Jahrzehnte gewachsen. 2025 waren es rund 450 Millionen Menschen. Doch Experten gehen davon aus, dass dieser Trend bald endet. Schon um 2029 dürfe der Höhepunkt erreicht sein, danach werde die Bevölkerung langsam schrumpfen. Sie gehen davon aus, dass die Entwicklung regional sehr unterschiedlich verläuft – während Migration die seit Langem sinkenden Geburtenraten nicht ausgleicht.
Lebensqualität in ländlichen Gebieten gefährdet
Davon geht auch eine neue Prognose des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) aus. Die Bevölkerung in Deutschland dürfte demnach früher schrumpfen als bislang angenommen. Das liege daran, dass weniger Menschen eingewandert seien als erwartet.
Leo van Wissen, Demografieforscher am Netherlands Interdisciplinary Demographic Institute, betont das unterschiedliche Tempo des demografischen Wandels in den europäischen Ländern und Regionen. Er erwartet, dass „vor allem die regionalen Unterschiede innerhalb der Länder zunehmen werden, mit starken und wachsenden städtischen Regionen und vielen schrumpfenden ländlichen Regionen“.
Infolge dessen wird es in dünn besiedelten ländlichen Regionen zunehmend schwieriger und teurer, die verbleibende Bevölkerung zu versorgen: Bahnhöfe, Schulen, Bankfilialen und Bäckereien schließen wegen fehlender Kundschaft und Arbeitskräftemangels; dadurch droht die Lebensqualität der Menschen auf dem Land zu sinken.
„Die Alterung der europäischen Gesellschaften ist die größte Herausforderung“, sagte die Demografin Claudia Neu gegenüber CORRECTIV.Europe. „Wir stehen vor enormen Gesundheits- und Pflegekosten, die wahrscheinlich die jüngere Generation tragen muss.“
Ohne Einwanderung wäre die EU-Bevölkerung bereits geschrumpft
Das JRC unterteilt die Perspektiven der Mitgliedstaaten in drei Gruppen:
West- und Nordeuropa profitieren demnach von Migration aus Ländern außerhalb der EU sowie aus anderen Mitgliedstaaten. Viele dieser Länder könnten also ihre aktuelle Bevölkerungszahl halten, vorausgesetzt, die Migrationsmuster bleiben bestehen.
Laut JRC ziehen in Südeuropa Italien und Spanien zwar für Zuwanderer aus Nicht-EU-Staaten an, gleichzeitig wandern jedoch auch Menschen von dort in andere EU-Länder ab. Hinzu kommen sehr niedrige Geburtenraten von rund 1,3 Kindern pro Frau. Es sei davon auszugehen, dass diese Länder langfristig schrumpfen werden.
Osteuropa stehe vor einer dreifachen demografischen Herausforderung: niedrige Geburtenraten, alternde Bevölkerung und starke Abwanderungen nach Westeuropa. Zwar gewinnen diese Länder auch durch Zuwanderung aus Nicht-EU-Staaten etwas an Bevölkerung, doch das reiche nicht aus, um die Verluste auszugleichen.
Ohne Einwanderung wäre die Gesamtbevölkerung der EU bereits seit 2012 geschrumpft. Die Fachleute, mit denen CORRECTIV.Europe gesprochen hat, sind sich einig, dass eine zu geringe Einwanderung ein Risiko für die Wirtschaft bedeutet. Zum gleichen Schluss kommt unter anderem eine Studie des Center for European Reform.
Allerdings gibt es – anders als beim Thema Asyl – keine gemeinsame EU-Linie für Arbeitsmigration. Stattdessen herrscht ein Wirrwarr aus 300 unterschiedlichen Regulierungen in den Mitgliedsstaaten.
Selbst rechts-orientierte Regierungen arbeiten bereits an Anwerbeprogrammen für ausgewählte Einwanderer. Italien plant etwa, 10.000 indische Pflegekräfte zu rekrutieren.
Geburtenrate soll sich steigern
Insbesondere die Aussicht auf eine alternde und schrumpfende Bevölkerung hat in vielen Ländern eine heftige Debatte über Geburtenraten ausgelöst.
Frankreich plant zum Beispiel, allen 29-Jährigen Briefe zu schicken und sie zu ermutigen, frühzeitig über eine Familiengründung nachzudenken.
In Ungarn erhalten Familien spezielle Kredite und finanzielle Unterstützung, wenn sie innerhalb eines bestimmten Zeitraums viele Kinder bekommen.
Albert Esteve, Direktor des spanischen Center for Demographic Studies, sieht Herausforderungen für die Demokratie in der Bevölkerungsentwicklung: Wenn beispielsweise ein Bürgermeister künftig überlege, ob er Geld für kostenlose Kinderbetreuung bereitstellt, „dann könnte es ihn beeinflussen, wenn die meisten Mütter Ausländerinnen sind und kein Wahlrecht haben.“
Der von uns analysierte Datensatz des Joint Research Centre der Europäischen Kommission erfasst die Gesamtbevölkerung sämtlicher Gemeinden in der Europäischen Union sowie in Norwegen, der Schweiz, Liechtenstein, Island und dem Vereinigten Königreich – in Zehnjahresschritten von 1961 bis 2024 (für das Vereinigte Königreich und Island liegen Daten nur bis 2021 vor). Sämtliche Zahlen beziehen sich auf aktuelle Gemeindegrenzen von 2021. Dadurch lassen sich die Jahre 1961 und 2024 direkt miteinander vergleichen, ohne Verzerrungen durch Eingemeindungen, Abspaltungen oder Grenzänderungen im Zeitverlauf.
In dieser Form ist der Datensatz einzigartig, da sich kommunale Grenzen fortlaufend verändern. Eine Ortschaft, die 1961 noch eigenständig war, kann bis 2024 in einer größeren Stadt aufgegangen sein. Würde man ausschließlich historische Bevölkerungszahlen heranziehen, käme es zu methodisch verzerrten Vergleichen.
Die Forschenden haben sämtliche historischen Bevölkerungsdaten so neu berechnet, als hätten die Gemeindegrenzen von 2021 bereits zu allen Zeitpunkten bestanden.
Für das Jahr 2024 lagen bereits Zensusdaten nach aktuellen Gemeindegrenzen vor, sodass keine Anpassung nötig war.
Für frühere Jahrzehnte (1961–2011) kam eine Methode namens dasymetrisches Mapping zum Einsatz.
Vereinfacht gesagt: Ausgangspunkt waren historische Bevölkerungszahlen auf Basis damaliger Grenzen (etwa eines Bezirks aus dem Jahr 1971). Diese wurden mit den heutigen Gemeindegrenzen übereinander gelegt. Anschließend diente das Volumen von Wohngebäuden als Näherungswert dafür, wie sich die Bevölkerung auf die neuen Flächen verteilt. Die Annahme: Wo mehr Wohngebäude stehen, leben auch mehr Menschen.
Mithilfe satellitengestützter Daten zum Wohngebäudevolumen – aus der Global Human Settlement Layer der EU – wurde geschätzt, wo innerhalb der alten Gebiete tatsächlich Menschen lebten. Die Bevölkerung wurde dann proportional auf die heutigen Grenzen umverteilt.
Für alle Referenzjahre, einschließlich 2024, wurden die Ergebnisse zudem mit Bevölkerungszahlen aus der ARDECO-Datenbank der Generaldirektion Regionalpolitik und Stadtentwicklung der Europäischen Kommission abgeglichen und entsprechend skaliert, um Konsistenz auf regionaler Ebene sicherzustellen.
Datenquellen
Die Bevölkerungszahlen stammen aus CensusHub, der harmonisierten Plattform von Eurostat für europäische Volkszählungsdaten, sowie aus einer historischen Datensammlung. Die Informationen zum Gebäudevolumen basieren auf Satellitenaufnahmen.
Einschränkungen und Hinweise
Die Methode beruht auf der Annahme, dass mehr Wohngebäude gleichbedeutend mit mehr Einwohnern sind. Das trifft häufig zu, aber nicht in jedem Fall. Zudem enthalten historische Zensusdaten eigene Ungenauigkeiten und Lücken, die sich in den Ergebnissen niederschlagen.
Die Neuberechnung bringt zusätzliche Unsicherheiten mit sich – insbesondere bei kleineren Gemeinden und in früheren Jahrzehnten, in denen die Ausgangsdaten gröber sind. Der Datensatz eignet sich daher besonders für die Analyse übergeordneter Trends wie regionales Wachstum oder den Rückgang ländlicher Räume. Einzelwerte kleiner Gemeinden – vor allem für 1961 und 1971 – sollten hingegen mit Vorsicht interpretiert werden.
Bei der Zitierung sollte stets „laut Daten des JRC“ angegeben werden, da die exakten Zahlen geringfügig von anderen Quellen abweichen können.
Zudem basiert die Definition von „ländlich“ im Datensatz auf Bevölkerungsdichte (EU-Definition) und kann von anderen Abgrenzungen abweichen. So zeigt der Datensatz etwa ein Wachstum der Bevölkerung in ländlichen Gemeinden Frankreichs, während Daten der Weltbank einen Rückgang ausweisen.
Text und Recherche: Lilith Grull, Frida Thurm
Daten und Visualisierung: Ada Homolova
Webentwicklung: Philipp Waack
Design: Max Bornmann, Mostafa Negm
Redaktion: Justus von Daniels, Marius Münstermann
Faktencheck: Johannes Gille, Marius Münstermann, Philipp Waack
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