Russland

Spannungen in Putins Machtapparat – Angst vor Attentaten und Putschversuchen

Laut einem EU-Geheimdienst befürchtet Russlands Machthaber Putin Attentats- und Putschversuche gegen sich. Angesichts der Sicherheitslage gebe es zudem wachsende Spannungen zwischen den Sicherheitsdiensten, berichtet das unabhängige russische Investigativmedium iStories, Kooperationspartner von CORRECTIV, mit Bezug auf ein Dokument des Geheimdienstes.

von Silvia Stöber

Laut einem Geheimdienst-Bericht eines EU-Staates hat Russlands Präsident Wladimir Putin zunehmend Angst vor Attentaten und Putschversuchen. Foto: Russian Foreign Ministry'S Offic/APA Images via ZUMA Press Wire
Laut einem Geheimdienst-Bericht eines EU-Staates hat Russlands Präsident Wladimir Putin zunehmend Angst vor Attentaten und Putschversuchen. Foto: Russian Foreign Ministry'S Offic/APA Images via ZUMA Press Wire

Eine der wichtigsten und derzeit am schwierigsten zu beantwortenden Fragen ist, wie die Stimmung im russischen Machtapparat ist und wie es Machthaber Wladimir Putin geht.

Eine Vorstellung davon vermittelt der Geheimdienst-Bericht eines EU-Staates, zu dem das russische Investigativ-Medium iStories, Kooperationspartner von CORRECTIV, Zugang erhielt.

Demnach sind Russlands Präsident Wladimir Putin und sein Führungsstab seit März 2026 höchst besorgt über das Durchstechen sensibler Informationen an die Öffentlichkeit. Sie sehen die Gefahr eines Staatsstreichs oder eines Attentats gegen Putin.

Keine Mobiltelefone in Putins Nähe

Deshalb habe der Föderale Sicherheitsdienst (FSO), der für den Schutz der höchsten Amtsträger Russlands zuständig ist, die Sicherheitsmaßnahmen um den Machthaber erheblich verschärft. Wer die Präsidialverwaltung betreten wolle, müsse zwei Sicherheitskontrollen des FSO durchlaufen.

Wer in Putins Nähe arbeite, dürfe keine Mobiltelefone dabei haben und kein Internet nutzen. FSO-Beamte führten groß angelegte Kontrollen mit Hundestaffeln durch und seien zudem entlang der Moskwa, die durch die russische Hauptstadt fließt, stationiert, um auf mögliche Drohnenangriffe reagieren zu können.

Putins Zuflucht in Bunkern

Putin und seine Familie hielten sich nicht mehr an ihren üblichen Wohnsitzen in und um Moskau sowie in Valdai auf. Putin suche seit Kriegsbeginn 2022 Zuflucht in modernisierten Bunkern vor allem in der Region Krasnodar.

Die Kommunikation mit der Öffentlichkeit finde über vorher aufgezeichnete Interviews statt. Der FSO kontrolliere sämtliche Veröffentlichungen, die den Präsidenten betreffen. Anders als 2025 gebe es in diesem Jahr keine Besuche Putins von militärischer Infrastruktur mehr.

Hohes Misstrauen gegen Ex-Verteidigungsminister

Als möglicher Putschist gegen Putin wird der ehemalige Verteidigungsminister Sergei Schoigu gesehen. Er ist seit Mai 2024 Sekretär des Sicherheitsrates der Russischen Föderation und übe laut dem Geheimdienstpapier weiter erheblichen Einfluss innerhalb der Militärführung aus.

Verwiesen wird auf die Verhaftung seines ehemaligen Stellvertreters, Ruslan Tsalikov, am 5. März 2026. Dies schwäche Schoigus Position und erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass er selbst strafrechtlich verfolgt werden könnte. Die Verhaftung von Taslikov gilt als Verstoß gegen die Sicherheitsgarantien, die Putin mit der Elite informell geschlossen habe.

Unmut über Attentate gegen hochrangige Offizere

Attentate auf hochrangige Offiziere der Streitkräfte führten dem Geheimdienstpapier zufolge zu wachsenden Spannungen zwischen Vertretern verschiedener Sicherheitsbehörden.

Als Beispiel wird die Ermordung von Generalleutnant Fanil Sarvarov am 22. Dezember 2025 in Moskau beschrieben. Danach habe Generalstabschef Valery Gerasimov vorgeschlagen, dass Putin eine Sitzung der ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates zur Erörterung der Lage einberufen solle.

Putin hielt jedoch erst am 25. Dezember 2025 eine kleinere Sitzung ab. Das war einen Tag nach einem weiteren Anschlag auf Sicherheitsbeamte genau an dem Ort, wo Sarvarov ermordet worden war.

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Während der Besprechung sollen sich die Vertreter der Sicherheitsbehörden, die „Silowiki”, gegenseitig die Schuld für die Mängel im Sicherheitssystem gegeben haben, die durch ukrainische Anschläge offenbar geworden waren. Gerasimov betonte demnach, dass diese Angriffe Angst und Desorganisation in den Reihen der russischen Streitkräfte verursachten. Gerasimov kritisierte seine Kollegen aus den Geheimdiensten scharf, dass sie diese nicht verhinderten. Außerdem fehle es an Personal zum Schutz von Offizieren.

Der Direktor des Inlandsgeheimdienstes FSB, Alexander Bortnikow, betonte, man könne unmöglich solche Anschläge systematisch verhindern. Bortnikow warf dem Verteidigungsministerium vor, keine Spezialeinheit für den Personenschutz hochrangiger Mitarbeiter zu haben.

Gerasimov konnte Putin überzeugen

Im weiteren Verlauf soll der Chef der Nationalgarde, Viktor Zolotov, über mangelnde Ressourcen für den Schutz von Mitarbeitern des Verteidigungsministeriums geklagt haben. Zolotov soll Gerasimov Empfehlungen gegeben haben, was diesen verärgert habe.

Schließlich habe Putin die Diskussion beendet und die Anwesenden angewiesen, innerhalb einer Woche Lösungsvorschläge vorzulegen.

Im Ergebnis sollen die internen Vorschriften des FSO so erweitert worden sein, dass neben Generalstabschef Gerasimov weitere hochrangige Militär verstärkten Schutz erhalten können. Eine entsprechende Liste sei um zehn hochrangige Generäle ausgeweitet worden. Weil Putin diese Entscheidung auf Antrag Gerasimovs getroffen haben soll, wird dem Generalstabschef im Geheimdienstpapier hohes politisches Gewicht beigemessen. Anderen Behörden sei Vergleichbares bisher nicht gelungen.

Liste der Generäle, die unter den Schutz des FSO gestellt worden sein sollen:

  • Generaloberst Nikolai Bogdanowski, Erster Stellvertreter des Generalstabschefs
  • Generaloberst Sergej Istrakow, Stellvertreter des Generalstabschefs
  • Generaloberst Alexej Kim, Stellvertreter des Generalstabschefs
  • Generaloberst Sergej Rudskoj, Leiter der Hauptoperationsdirektion des Generalstabs
  • Generaloberst Viktor Posnikhir, Erster Stellvertreter des Leiters der Hauptoperationsdirektion des Generalstabs
  • Generalleutnant Stanislav Gadzhimagomedov, Leiter des Nationalen Verteidigungsmanagementzentrums (NDMC RF)
  • Admiral Igor Kostyukov, Leiter der Hauptnachrichtendienstdirektion (GRU)
  • Generalleutnant Vladimir Zarudnitsky, Leiter der Militärakademie des Generalstabs
  • Generalleutnant Alexander Chaiko
  • Generaloberst Mikhail Mizintsev

Unabhängige Quellen bestätigen Einzelheiten

Das Investigativmedium iStories entschied sich aus mehreren Gründen zur Veröffentlichung des Geheimdienstberichts. Er sei von erheblichem öffentlichen Interesse.

Die Person, die das Dokument bereitgestellt habe, bekleidet eine offizielle Position in der Regierung eines europäischen Landes. Sie würde den Ruf und ihre Karriere riskieren, falls es sich bei dem geleakten Dokument um eine gezielte Desinformationskampagne handeln würde, so iStories.

Zudem konnte iStories einige Informationen aus dem Dokument unabhängig von der Quelle nachprüfen. Das betrifft zum Beispiel die Information, dass der FSO und nicht der Inlandsgeheimdienst FSB die großflächigen Internetabschaltungen in Moskau und anderswo durchführt, von denen in zahlreichen Medien berichtet wurde. iStories erfuhr dies bereits vor Wochen von einem Ex-FSB-Mitarbeiter.

Keine Duma-Abgeordneten bei Sieges-Parade

Mehrere Quellen von iStories bestätigen zudem Putins wachsende Angst vor einem Komplott oder einem Attentatsversuch. Dies zeigt sich nicht nur an den verschärften Sicherheitsmaßnahmen rund um den Kreml und andere Orte, die er besucht, sondern auch an einigen indirekten Anzeichen.

Hybride Attacken, politische Morde, Propaganda und Schmiergelder – das alles im neuen CORRECTIV-Buch „Europas Brandstifter: Putins Krieg gegen den Westen“

So erfuhr iStories von einem aktiven FSB-Mitarbeiter, dass es für seine Einheit deutlich schwieriger geworden sei, die Genehmigung für Abhörmaßnahmen in nicht-politischen Strafsachen zu erhalten, da „die gesamte Ausrüstung nun zur Überwachung der Regierung und anderer staatlicher Stellen umgeleitet wurde”.

Das extreme Ausmaß von Putins Angst vor einem Attentat oder einer Verschwörung lässt sich nach Einschätzung von iStories auch daran ablesen, dass in diesem Jahr kein einziger Abgeordneter der Staatsduma eine Einladung zur Parade zum Tag des Sieges auf dem Roten Platz erhalten hat.

Redigatur und Faktencheck: Alexej Hock