Klima

Umgeknicktes Windrad: Altes Video für Desinformation genutzt

Auf X kursiert ein Video eines Windrades, das bei starkem Wind umknickt. Es sei ein Sinnbild für die Energiewende, die 5,4 Billionen Euro koste, behaupten einige. Andere wiederum behaupten, der Schrott des Windrades habe den Boden verseucht. Beides ist falsch. Unser Faktencheck zeigt, warum.

von Matthias Bau

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Im August 2023 knickte in Gnoien im Landkreis Rostock ein Windrad während eines Sturms um, weil die Fernsteuerung beschädigt war (Foto: Jens Büttner / DPA / Picture Alliance)
Behauptung
Ein Video zeige ein Windrad, das bei Wind einfach umgefallen sei. Jetzt sei der Boden bis in alle Ewigkeit mit nicht abbaubaren Materialien und Ewigkeitschemikalien verseucht. Das sei ein Sinnbild für die bisher 5,4 Billionen Euro teure Energiewende.
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Größtenteils falsch. Das Windrad in Gnoien knickte während eines Sturm um. Zuvor war es durch einen Blitzschlag beschädigt worden und konnte nicht mehr ferngesteuert werden. Der Boden um die Anlage war durch den Schaden nicht auf ewig verseucht. Bei den angegebenen Kosten der Energiewende handelt es sich lediglich um eine Schätzung für Investitionskosten bis 2049.

Erst dreht sich das Windrad, dann knickt es langsam ein und schlägt auf dem Boden auf. Mit etwas Verzögerung ist das Krachen des Aufpralls zu hören. Ein Video, in dem diese Szene zu sehen ist, verbreiteten Nutzerinnen und Nutzer Ende April auf X, um Stimmung gegen Windkraft und die Energiewende zu machen. 

Unter ihnen ist auch Christian Abel, der 2025 bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg für die AfD antrat und der in der Vergangenheit immer wieder Desinformation verbreitete. Nun behauptet Abel im Zusammenhang mit dem Video, dass das Windrad „einfach“ umgefallen sei. Die Fläche, auf die es stürzte, soll laut Abel „bis in alle Ewigkeit mit nicht abbaubaren Materialien und Ewigkeitschemikalien“ verseucht sein. Das sei ein Sinnbild für die „dysfunktionale, bisher 5,4 Billionen Euro teure Energiewende“. 

Das Windrad stürzte während eines Sturms im Jahr 2023 um. Zuvor war es beschädigt worden und konnte nicht abgeschaltet werden. Das umliegende Gebiet wurde durch die Havarie nicht „ewig“ verseucht, wie uns das Klimaschutzministerium von Mecklenburg-Vorpommern auf Anfrage mitteilte. Man habe Teile der Erde um das Windrad herum abgetragen und mit unbelasteter Erde aufgefüllt. Die Kosten für die Energiewende hat Abel offenbar einem Thesenpapier eines Wirtschaftsberatungsunternehmens entnommen. Auf unsere Anfrage antwortete er bis zur Veröffentlichung dieses Faktenchecks nicht.

Windrad stürzte 2023 während Sturmtief Zacharias um

Über die Havarie des Windrades im Ort Gnoien bei Rostock berichteten im August 2023 viele Medien, darunter die Tagesschau, der Nordkurier und die Berliner Zeitung. Die Berliner Zeitung schrieb über die Ursache des Unfalls, „nach Angaben von Technikern gab es bei dem Windrad bereits vor dem auffrischenden Wind am Montagvormittag Probleme mit der Fernsteuerung, es hatte sich auch nicht mehr abschalten lassen“. 

Das Klimaschutzministerium Mecklenburg-Vorpommern präzisierte das auf unsere Nachfrage. Das Sachverständigengutachten eines Ingenieurbüros habe ergeben, dass bereits zwei Wochen vor dem Sturm ein Blitzeinschlag für einen Stromausfall im Windpark gesorgt habe. Das Windrad im Video sei danach dauerhaft vom Netz getrennt gewesen und habe daher auch nicht mehr aus der Ferne gesteuert werden können. Ein Leck innerhalb des Windrades habe zudem verhindert, dass Sicherungsbremsen, die eine Havarie wie im Video verhindern sollen, nicht funktioniert hätten. So habe sich bei dem starken Wind eine Schale an einem der Rotorblätter gelöst, was zu einer Unwucht und schließlich zum Zusammenbruch führte. 

Ursprüngliches Video zeigt Schädigung des Windrads vor Havarie

Die ursprüngliche Aufnahme des Unfalls hatte ein Landwirt aus Gnoien gemacht. Er veröffentlichte sie auf seinem Youtube-Kanal und besuchte die Unfallstelle in den folgenden Tagen immer wieder. In seinem Video ist deutlich zu sehen, dass ein Rotorblatt des Windrades beschädigt war.

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Im ursprünglichen Video ist zu sehen, dass das Windrad beschädigt war, bevor es umstürzte (Quelle: Youtube / Thomas Schröder; Screenshot und Markierung: CORRECTIV.Faktencheck)

In Deutschland gibt es laut dem Bundesverband Windenergie (BWE) etwa 31.000 Windräder an Land und auf See. Der Tüv-Verband schätzt, dass es „50 gravierende Schäden an Windenergieanlagen pro Jahr“ gibt. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung (bezahlpflichtig) sprach der Geschäftsführer des BWE von einer „einstelligen bis sehr kleinen zweistelligen Zahl“. 

Umgebung in Gnoien konnte saniert werden

Anders als von Abel behauptet, kam es durch den Schaden am Windrad nicht zu einer Verseuchung des Bodens „bis in alle Ewigkeit“. Das Klimaschutzministerium Mecklenburg-Vorpommern schrieb uns: „Bereits am Tag nach dem Einsturz wurde mit den Räumungsarbeiten der beschädigten Windenergieanlage begonnen […] Im Bereich der Gondel gab es geringe Einträge von Mineralölkohlenwasserstoffen“. Diesen Teil des Bodens habe man entnommen und „mit unbelastetem Material aufgefüllt“. Der Boden sei damit saniert gewesen.

Der Mann, der das ursprüngliche Video aufnahm, besuchte die Unfallstelle laut eigenen Angaben nach einer Woche und nach drei Wochen erneut. In seinem Video zeigt er die Schrottteile und Rückstände, die am Unfallort zu sehen waren. Nach drei Wochen ist dort nichts mehr zu sehen.  

Teils können sich die Räumungsarbeiten nach der Havarie eines Windrades aber auch schwieriger gestalten. Vor allem, wenn es sich dabei um landwirtschaftliche Flächen handelt, muss aufwändig nach Schrottteilen und Splittern gesucht werden. Denn die Faserverbundstoffe der Windräder, die aus Glas- oder Carbonfasern und Epoxidharzen bestehen, können scharfkantig sein und so eine Verletzungsgefahr darstellen.

Die Süddeutsche Zeitung etwa beschreibt einen Fall in Nordrhein-Westfalen, bei dem nach der Havarie eines Windrades 850 Tonnen Mais verbrannt werden mussten, um zu verhindern, dass etwaige Splitter in die Nahrungskette gelangen.

Darüber hinaus kann es durch die Unfälle offenbar zu weiteren Umweltproblemen kommen. So berichtete der WDR Ende 2025 darüber, dass durch ein umgestürztes Windrad im Kreis Recklinghausen Öl freigesetzt wurde. 

Behauptungen darüber, dass Windräder gesundheitsschädlich seien, verbreiten sich seit Jahren im Netz. Im Mai 2024 prüften wir zum Beispiel die Behauptung, der Abrieb der Rotorblätter könne Krebs verursachen. Das stellte sich als extrem unwahrscheinlich heraus. 

Kosten der Energiewende sind eine Schätzung, keine tatsächlichen Ausgaben

In seinem Beitrag schrieb Abel darüber hinaus, dass die Energiewende bisher 5,4 Billionen Euro koste. Diese Zahl entstammt mutmaßlich einem Thesenpapier, das das Wirtschaftsberatungsunternehmen Frontier Economics für die Deutsche

Industrie- und Handelskammer schrieb. Es handelt sich bei den 5,4 Billionen Euro nicht um Investitionen, die Deutschland im Rahmen der Energiewende bisher getätigt hat, sondern um eine Schätzung von Frontier Economics, welche Investitionskosten im Zeitraum 2025 bis 2049 anfallen könnten. 

Der wissenschaftliche Dienst des deutschen Bundestages wies 2024 allerdings darauf hin, dass derlei Untersuchungen wenig aussagekräftig sind: „Der Transformationsprozess […] lässt sich in einer einmaligen Investitionsplanung für Jahrzehnte kaum verlässlich prognostizieren.“ 

Auch ein Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung vom Juni 2025 weist darauf hin, wie unsicher solche Prognosen sind. Darin schreibt die Autorin über die abweichenden Kosten zweier Studien: „Diese Unterschiede ergeben sich durch unterschiedlich definierte Szenarien sowie Rechenmodelle, welche die Energiesysteme in den Studien jeweils optimieren.“ So schätzt die Denkfabrik Agora Energiewende den jährlichen Investitionsbedarf auf  540 Milliarden Euro bis 2045, Forschungsinstitute im Kopernikus-Projekt Ariadne hingegen gehen von 116 bis 131 Milliarden Euro pro Jahr bis 2045 aus. 

Wie viel die Energiewende Deutschland bisher gekostet hat, ist unklar. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie schrieb dazu im Juni 2023 bei Frag‘ den Staat, „dass die Bundesregierung keine Gesamtkostenrechnung zur Energiewende unternimmt“. Weiter schrieb das Ministerium: „Eine solche Rechnung hätte sehr hohe methodische Anforderungen und könnte nur zu eingeschränkten Ergebnissen führen.“ Immer wieder betonen Fachleute jedoch, dass die Kosten eines ungebremsten menschengemachten Klimawandels deutlich höher wären.

Redigatur: Paulina Thom, Steffen Kutzner