Gerüchtekiller #11: Sterben Menschen unweigerlich aus, wenn Bienen aussterben?
Albert Einstein gilt als einer der klügsten Köpfe des 20. Jahrhunderts. Wenn er sagt, dass der Mensch nur noch vier Jahre zu leben hätte, wenn Bienen aussterben, dann wird das wohl stimmen. Oder nicht?
In unserer Rubrik „Gerüchtekiller“ gehen wir hartnäckigem Halbwissen und nicht totzukriegenden Gerüchten nach. Das hier ist Nummer 11.
Wenn die (Honig-)Bienen aussterben, stirbt vier Jahre später auch der Mensch aus. Diese Warnung hört man immer mal wieder, sie soll sogar von Albert Einstein sein. Hintergrund des dystopischen Szenarios ist vermutlich, dass sich Pflanzen ohne das Bestäuben durch Bienen plötzlich nicht mehr vermehren könnten und so das Ende der Menschheit eingeläutet werde. Aber stimmt das überhaupt?
Biene ist nicht gleich Biene
Das Schlagwort „Bienensterben“, das gelegentlich in den Medien zu hören ist, bezieht sich nicht auf Honigbienen, an die die meisten Menschen vermutlich zuerst denken würden, sondern auf Wildbienen. Von ihnen gibt es hierzulande mehr als 500 Arten, etwa die Hälfte von ihnen gilt als gefährdet, unter anderem durch Flächenversiegelungen, Monokulturen und Insektizide. Die Zahl von Honigbienenvölkern steigt dagegen tendenziell seit Jahrzehnten. Aber Wildbienen sind für die Bestäubung vieler Pflanzen erheblich wichtiger als Honigbienen.
Die gute Nachricht: Ein Aussterben aller weltweit vorkommenden Bienenarten ist unrealistisch, schreibt uns Demetra Rakosy vom Thünen-Institut für Biodiversität, denn die Artenvielfalt sei hoch und die Gefährdungsfaktoren seien räumlich und ökologisch unterschiedlich. So weit, so gut. Aber was wäre, wenn doch? Sterben die Menschen wirklich aus, wenn Bienen keine Pflanzen mehr bestäuben?
Basisnahrungsmittel brauchen keine tierische Bestäubung
Die einfache Antwort: Nein. Und zwar aus vielerlei Gründen: Zwar brauchen beispielsweise die meisten Obst- und Gemüsesorten tierische Bestäuber, aber Basisnahrungsmittel gibt es auch ohne Bienen. Getreide zum Beispiel. Weizen, Reis und Mais werden vom Wind bestäubt, wie uns Demetra Rakosy vom Thünen-Institut für Biodiversität erklärt. Laut Insektenatlas der Heinrich-Böll-Stiftung war die weltweite Abhängigkeit der Agrarpflanzen von tierischer Bestäubung im Jahr 2012 eher gering: Selten sind es in Ländern weltweit mehr als 15 Prozent. Laut Rakosy hat der Anteil bestäuberabhängiger Kulturpflanzen in den vergangenen Jahrzehnten jedoch zugenommen hat.
Ohne tierische Bestäubung wäre unsere Ernährung also sehr viel einseitiger, denn aus Gemüse und Obst ziehen wir lebenswichtige Vitamine und Mineralien, aber wir würden nicht direkt verhungern.
Bienen sind wichtige, aber nicht die einzigen tierischen Bestäuber
Ein weiterer Grund, der gegen das Szenario spricht: Viele Pflanzen, die wir als Vitaminquelle nutzen, werden nicht nur von Honig- und Wildbienen bestäubt, sondern beispielsweise auch von Schmetterlingen, Käfern, Fliegen, Motten oder Hummeln. Wären die alle verschwunden, wären laut Böll-Stiftung 40 Prozent weniger Kirschen zu erwarten und sogar 90 Prozent weniger Mandeln.
Honigbienen sind als Bestäuber übrigens nur in bestimmten Fällen wichtig. Sophie Lokatis-Reichert von der Deutschen Wildtierstiftung erklärt uns: „Auf einer intakten, artenreichen Streuobstwiese sind Honigbienen für eine erfolgreiche Bestäubung der Obstbäume irrelevant“. Allerdings würden sie dort um so wichtiger, wo sich keine anderen Insekten aufhalten, etwa weil sie durch Pestizide getötet wurden. Dort seien Honigbienen „unverzichtbar“.
Mit Aussterben der Bienen würden Risiken für Ernährungssicherheit deutlich zunehmen
In manchen Gegenden Chinas sind bestäubende Insekten aufgrund von Pestiziden nicht mehr vorhanden. Dort verhungerten die Menschen allerdings auch nicht, sondern sie bestäuben die Blüten der Bäume von Hand. Das ist keine besonders praktikable Lösung, denn es kostet viel Zeit und Arbeitskraft. Dennoch zeigt es: Ein Verschwinden der Biene würde nicht das Aussterben der Menschheit verursachen. Allerdings: Die „Risiken für Ernährungssicherheit, Biodiversität und menschliche Lebensgrundlagen würden deutlich zunehmen“, wie Demetra Rakosy vom Thünen-Institut klarstellt.
Das Szenario mit den ausgestorbenen Bienen funktioniert aber immerhin unter einer anderen Prämisse: Wenn sämtliche Bienen weltweit plötzlich tot wären, müsste es irgendein massives, globales Umweltproblem geben, so dass auch nur noch wenige andere Arten überleben könnten, etwa ein sehr weit fortgeschrittener Klimawandel. Sophie Lokatis-Reichert schreibt: „An dem Punkt, an dem ‚die Bienen‘ ausgestorben sind, sind unsere Ökosysteme also schon so weit kollabiert, dass ein Überleben der Menschheit nur noch in einer sehr dystopischen Umgebung möglich ist.“
Übrigens: Einstein hat nie behauptet, dass dem Sterben aller Bienen das Sterben aller Menschen folgen würde; das Zitat ist erfunden. Das bestätigte uns das Albert-Einstein-Archiv der Universität von Jerusalem.
Redigatur: Matthias Bau, Paulina Thom
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