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E-Mail: steffen.kutzner.fm(at)correctiv.org

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In diesem Video sind mehrere Panzer und andere Militärfahrzeuge zu sehen. In dem Facebook-Beitrag wird behauptet, sie würden nach Berlin geschickt. (Quelle: Facebook, Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

In einem Video, das auf Facebook verbreitet wird, ist angeblich zu sehen, dass die Bundeswehr Panzer und andere Militärfahrzeuge nach Berlin entsendet. Es handelte sich jedoch um eine reguläre Truppenbewegung in Thüringen.

Ein Video, das mehrere Panzer und andere Militärfahrzeuge mit Polizei-Eskorte auf einer öffentlichen Straße zeigt, wurde am 28. August auf Facebook (zum Beispiel hier oder hier) verbreitet. Es wird behauptet, die Bundeswehr sei auf dem Weg nach Berlin. Angeblich bestünde ein Zusammenhang mit den Corona-Demonstrationen am 29. August 2020. 

Wir haben die Behauptung überprüft: Die Bundeswehr hat keine Fahrzeuge nach Berlin entsendet. 

Die Aufnahmen in dem Video entstanden im Gewerbegebiet eines Dorfes in Thüringen und zeigen Truppen und Fahrzeuge, die Ende August für eine Übung von einem Truppenübungsplatz zu einem anderen verlegt wurden.

Das Video zeigt eine reguläre Truppenverlegung innerhalb Thüringens

Dass die Aufnahme in Thüringen entstand, lässt sich aus dem Logo einer Bäckerei und aus dem Kennzeichen eines im Video zu sehenden Polizeiwagens ableiten. Bäckerei Triebel hat laut einer Suche bei Google Maps fast ausschließlich in Thüringen Filialen und das Kennzeichen des Polizeiwagens beginnt mit „EF“ – also Erfurt, Thüringens Hauptstadt. 

Screenshots des Bäckerei-Logos und des Polizeikennzeichens. (Quelle: Facebook, Screenshots: CORRECTIV)

Wir haben beim Landeskommando Thüringen der Bundeswehr nachgefragt, welche Truppenverlegungen es in den letzten Wochen gegeben hat. Der Pressesprecher des Landeskommandos, Michael Weckbach, erklärte per E-Mail, dass Ende August ein Panzerbataillon zu Übungszwecken aus einer Kaserne in Bad Frankenhausen auf einen Truppenübungsplatz ins 100 Kilometer entfernte Ohrdruf verlegt worden war. 

Ein Teil des Panzerbataillons 393 sei am 24. und 25. August verlegt worden und der zweite Teil am 28. und 29. August, jeweils mit einem nächtlichen Zwischenstopp in Erfurt. 

Bildausschnitt aus dem Video, das auf Facebook verbreitet wird. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

Im Video sind auf den Fahrzeugen Kreidemarkierungen zu erkennen. Die erste Zahl dieser sogenannten Marschkreditnummern gibt laut Weckbach den Tag der Abreise an – im Falle des Videos also den 28. August. 

Die Verlegung hatte laut Weckbach nichts mit den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen in Berlin zu tun, sondern mit dem Erwerb eines Ausbildungszertifikats.

Auszug aus der E-Mail des Pressesprechers. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Weckbach stellte zudem klar, dass das Video „höchstwahrscheinlich Szenen des technischen Haltes in Kölleda“ zeige. Kölleda ist ein Dorf, das etwa auf halbem Weg zwischen der Ausgangskaserne in Bad Frankenhausen und dem Zwischenstopp Erfurt liegt. Die Bäckerei, deren Logo im Video zu sehen ist, hat ihren Sitz laut eines Branchenbucheintrags in der Werner-von-Siemens-Straße 1 in Kölleda, einem Gewerbegebiet außerhalb des Dorfes. 

Vergleicht man die Abfolge der Gebäude im Hintergrund des Videos mit der Karte des Gewerbegebiets auf Google Maps, ist zu erkennen, dass die Aufnahmen tatsächlich dort entstanden sind. Auch ein Sprecher der Bäckerei Triebel bestätigt, dass es sich bei dem Gebäude, das zu Beginn des Videos zu sehen ist, um die Produktionsstätte der Bäckereikette in Kölleda handele.

Der Stern auf dem folgenden Bild von Google Earth Pro markiert die Stelle, an der die Aufnahme startete, und die Pfeile die Fahrtrichtung des Autos. Eine im Video zu sehende Baumgruppe zwischen dem Gebäude der Bäckerei Triebel (rote Markierung) und dem der WKS Winfried Heine (gelbe Markierung) ist auf den Satellitenaufnahmen noch nicht zu sehen und auch die grüne Halle hinter der Kreuzung ist hier erst im Bau. Die Bilder entstanden laut Aufnahmedatum am 10. April 2018. 

Ausschnitt der Karte mit der Fahrstrecke des Autos in Kölleda. (Quelle: Google Earth Pro, Markierungen: CORRECTIV)

Im Video klar zu sehen ist jedoch das Gebäude der Bäckerei Triebel (Minute 00:03), der graue Flachbau der WKS Winfried Heine mit blauer Dachkante (Minute 00:23), die Kreuzung (Minute 00:38) und die Position der Zufahrt zur grünen Halle (Minute 00:44). Auch das Feld auf der rechten Straßenseite (Minute 00:48) ist auf der Karte zu sehen. Das Video endet etwa an der Stelle, die im Bild mit einem X markiert ist.

Screenshot des Google-Maps-Eintrags der WKS Winfried Heine, der den Flachbau mit blauer Dachkante zeigt. (Quelle: Google Maps, Screenshot: CORRECTIV)

Über die Verlegung einiger Truppen innerhalb Thüringens ab dem 24. August 2020 hatten auch lokale Medien berichtet. Der MDR hat dazu eine Fotostrecke veröffentlicht, die ähnliche Fahrzeuge zeigt wie im Video. Zu erkennen sind etwa die blauen Beflaggungen und die Marschkreditnummern auf den Fahrzeugseiten. Diese beginnen in der Fotostrecke mit 24, gehören also nicht zu den Fahrzeugen im Video, sondern zu der ersten der beiden verlegten Kompanien.

Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums bestätigte uns zudem via E-Mail, dass die Bundeswehr im Vorfeld der Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen keine Fahrzeuge nach Berlin geschickt hatte. Weder die Fahrzeuge aus dem Video noch sonstige Gefechtsfahrzeuge seien in der vergangenen Woche nach Berlin transportiert worden.

Fazit: Die Bundeswehr hat im Vorfeld der Corona-Demonstrationen keine Fahrzeuge nach Berlin geschickt. Das Video zeigt eine Kompanie, die am 28. und 29. August innerhalb Thüringens verlegt wurde.

Unsere Bewertung:
Falsch. Das Video zeigt eine Truppenverlegung in Thüringen und steht nicht mit den Demonstrationen in Berlin in Zusammenhang.

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Das verbreitete Bild mit der falschen Behauptung. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Laut Beiträgen in Sozialen Netzwerken haben angeblich am 29. August 2020 in Berlin vier Millionen Menschen gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert. Das stimmt nicht.

In mehreren Facebook-Beiträgen wird aktuell zusammen mit Luftaufnahmen der Straße des 17. Juni die Behauptung aufgestellt, in Berlin seien vier Millionen Menschen gewesen. Sie suggerieren damit, so viele Menschen hätten an der Demonstration und den Kundgebungen gegen die Corona-Maßnahmen am 29. August teilgenommen. Als vermeintlicher Beleg wurden jedoch Fotos verwendet, die nicht von der Demonstration stammten.

Eines der beiden Bilder, die auf Facebook mit der Behauptung verbreitet werden, es seien 4 Millionen Menschen in Berlin gewesen. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

Eine Bilderrückwärtssuche bei Google nach dem ersten Foto führt zu der eigentlichen Herkunft: Es ist mehr als 20 Jahre alt und stammt laut Bildinformationen der Datenbank Imago Images von der Loveparade 1999. Medienberichten zufolge waren damals nach Angaben der Veranstalter etwa 1,5 Millionen Teilnehmer anwesend.

Auch das zweite Bild stammt von der Loveparade

In einem weiteren Facebook-Beitrag, in dem ebenfalls die Behauptung mit vier Millionen Demonstranten aufgegriffen wird, wurde ein anderes Foto verwendet, das auch aus Perspektive der Siegessäule aufgenommen wurde. 

Das zweite auf Facebook verbreitete Bild stammt von der Loveparade 2003. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

Es kursierte bereits Anfang August und wurde von den spanischen Faktencheckern von Maldita überprüft. Es stammt ebenfalls von einer Loveparade, aber aus dem Jahr 2003. Es taucht auch auf einer Webseite zu einer Ausstellung 2019 in Berlin auf, mit der Quellenangabe: Matthias Roeingh (Dr. Motte, Mitgründer der Loveparade), 2003. Deutlich zu erkennen ist der große blaue Ballon in der Mitte der Straße.

Das Bild der Loveparade von der Ausstellungs-Webseite. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Die Berliner Polizei schrieb in einem Twitter-Beitrag von „mehreren zehntausend“ Demonstranten am 29. August in Berlin. So steht es auch in der offiziellen Pressemitteilung der Polizei. Demnach sollte es einen Demonstrationszug geben, der jedoch aufgelöst wurde. Danach fand mehrere Stunden lang eine Kundgebung auf der Straße des 17. Juni statt, die sich auch rund um die Siegessäule erstreckte. 

Die Berliner Zeitung spricht unter Berufung auf Berlins Innensenator Geisel von rund 38.000 Teilnehmern. Auch der Spiegel erwähnte diese Zahl, die sich jedoch auf mehrere separate Kundgebungen beziehe. Die Redaktion errechnet allein für die Veranstaltung an der Siegessäule aufgrund der verfügbaren Flächen und Luftaufnahmen etwa 43.000 Teilnehmer. Sechsstellige Zahlen seien kaum realistisch.

Auch bei den ersten großen Protesten gegen die Corona-Maßnahmen am 1. August in Berlin hatte es zahlreiche übertriebene Aussagen zur Teilnehmerzahl gegeben, wie CORRECTIV recherchierte.

Update, 1. September 2020: Der Spiegel hat seine Teilnehmerberechnung aktualisiert (von 32.500 auf 43.000). Wir haben den neuen Wert übernommen.

Unsere Bewertung:
Falsch. In Berlin haben nicht vier Millionen Menschen demonstriert. Die verwendeten Bilder sind viele Jahre alt.

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Screenshot des Facebook-Beitrags. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Auf Facebook kursiert eine angebliche Bild-Schlagzeile zu falsch-positiven Corona-Tests. Die Schlagzeile ist echt – das Titelblatt ist jedoch nie in Druck gegangen. Die Schlagzeile führt zudem in die Irre.

Am 13. August 2020 wurde auf Facebook ein Foto veröffentlicht, das scheinbar die Schlagzeile einer Bild-Ausgabe zeigt. „Statistikerin warnt vor extremer Fehlerquote: Jeder zweite positive Corona-Test ist falsch“, heißt es dort. Das Foto zeigt jedoch keine tatsächlich erschienene Schlagzeile. 

Stattdessen ist ein sogenanntes Händlerplakat zu sehen. Ein Händlerplakat ist das Plakat für Werbung einer Zeitung im Einzelhandel, zum Beispiel an einem Kiosk. Die Schlagzeile wurde letztlich aber gar nicht gedruckt.

Die Bild-Zeitung erscheint beim Axel-Springer-Verlag. Auf unsere Anfrage teilte dieser mit, dass die Schlagzeile in der Hamburger Ausgabe vom 12. August erscheinen sollte. Kurz vor der Drucklegung sei sie jedoch ersetzt worden. Stattdessen sei auf der Titelseite ein Beitrag zu einer Aktion mit Schwimmhilfen für Kinder erschienen.

Ein Auszug aus der E-Mail des Sprechers des Axel-Springer-Verlags. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Sprecher erklärte in der E-Mail, dass die Schlagzeile auf einer Aussage der Statistikerin Katharina Schüller basiere und korrekt sei. Als Beleg verweist er auf zwei Online-Beiträge, einen von der Tagesschau und einen von Focus Online

Tatsächlich heißt es in Schüllers Gastbeitrag bei Focus Online: „Umgekehrt deuten die derzeit extrem niedrigen Anteile positiver Tests in der RKI-Statistik, die bei unter ein Prozent aller durchgeführten Tests liegen, darauf hin, dass etwa die Hälfte der positiven Testergebnisse falsch sein dürfte.“ 

Hohe Fehlerquoten bei PCR-Tests sind Ergebnis statistischer Besonderheit 

Schüller betont jedoch auch, dass es sich dabei um eine statistische Besonderheit handele, die von der Verbreitung des Coronavirus in der Bevölkerung – der sogenannten Prävalenz – abhänge: „Bleiben Sensitivität und Spezifität über die Zeit konstant, weil die verwendeten Tests und Testbedingungen nicht wesentlich besser (oder schlechter) werden, dann hängt die Wahrscheinlichkeit falsch positiver Testergebnisse nur noch von der Prävalenz ab.“ 

Zur Problematik der Prävalenz und den vermeintlich sehr ungenauen PCR-Tests hat CORRECTIV bereits mehrere Artikel veröffentlicht, zum Beispiel hier oder hier. Die Aussage der Wissenschaftlerin ist demnach richtig, wenn auch die Überschrift auf dem Händlerplakat den Sachverhalt sehr verkürzt und dadurch irreführend darstellt.

Mit den Fehlerquoten von Corona-Tests befasste sich bereits im Mai die so genannte Unstatistik des Monats. Darin geht es um Antikörpertests, bei denen die statistische Besonderheit ebenfalls auftritt. Auch Antikörpertests haben eine bestimmte Spezifität und Sensitivität. Falsch-positive Ergebnisse (Nachweis von Antikörpern, obwohl die Person nicht mit SARS-CoV-2 infiziert war) oder falsch-negative Ergebnisse seien möglich. Die Unstatistik des Monats wird von einem vierköpfigen Wissenschaftler-Team herausgegeben, zu dem auch Schüller gehört.

Update, 2. September 2020: Wir haben ergänzt, dass sich die Unstatistik des Monats im Mai auf Antikörpertests bezog.

Unsere Bewertung:
Größtenteils richtig. Das Bild zeigt ein echtes Händlerplakat. Kurz vor Drucklegung war jedoch ein anderer Beitrag für das Titelblatt bestimmt worden.

Heiko Schöning behauptet, durch die Corona-Maßnahmen seien im März und April 90 Prozent aller notwendigen Operationen in Deutschland verschoben worden, was zu bis zu 125.000 Toten führen würde.
Heiko Schöning behauptet, durch die Corona-Maßnahmen seien im März und April 90 Prozent aller notwendigen Operationen in Deutschland verschoben worden, was zu bis zu 125.000 Toten führen würde. (Quelle: Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Neun von zehn notwendigen Operationen in Deutschland seien wegen der Corona-Maßnahmen im März und April verschoben worden, wird auf Instagram behauptet. Außerdem seien infolgedessen bis zu 125.000 Menschen gestorben oder würden noch sterben. Dafür gibt es keine Belege.

Bis zu 125.000 Menschen: So viele seien gestorben oder würden noch sterben, weil im März und April 90 Prozent aller notwendigen Operationen verschoben worden seien. Das wird in einem auf Instagram und Facebook geteilten Bild behauptet. Als Quelle wird ein Link angegeben, der zu einem Interview mit Heiko Schöning führt, einem der Gründer der „Ärzte für Aufklärung“. Über die Gruppierung hatte CORRECTIV.Faktencheck bereits berichtet.

Schöning leitet die Aussage in dem Interview mit folgenden Worten ein (ab Minute 11:18): „Im Großen und Ganzen standen diese Krankenhäuser leer. Die ganzen Kapazitäten, die man freigeräumt hat, sind nicht genutzt worden und das heißt, dass ganz viele andere Menschen, die ja Behandlungen gebraucht haben, dass die unterversorgt waren und das ist dramatisch. Und so dramatisch auch, dass sich da ein Referat im Bundesinnenministerium, das für Risikovorsorge und Katastrophenabschätzung verantwortlich war, dass sich da der verantwortliche Leiter auch mit hingesetzt hat und diese Zahlen zusammengeholt hat, um ein internes Gutachten zu machen.“ 

Ein solches Referat gibt es nicht, wie Björn Grünewälder, ein Sprecher des Bundesinnenministeriums (BMI), CORRECTIV per E-Mail mitteilte. Es habe lediglich ein Szenarienpapier mit dem Titel „Wie wir COVID-19 unter Kontrolle bekommen“ gegeben, das im März 2020 erstellt wurde. Daran wirkten laut Grünewälder auch „Experten aus den einschlägigen Bereichen (unter anderem Gesundheitswesen, Krisenmanagement, Verwaltung und Wirtschaft) mit“.

Ein Referat für Risikobewertung und Katastrophenabschätzung gibt es im BMI nicht, erklärte ein Sprecher. (Screenshot: CORRECTIV)
Ein Referat für Risikobewertung und Katastrophenabschätzung gibt es im BMI nicht, erklärte ein Sprecher. (Screenshot: CORRECTIV)

In dem Szenarienpapier sind zwar Zielsetzungen für Kapazitäten hinsichtlich Krankenhausbetten und Beatmungsgeräten angegeben. Von Operationen, die verschoben werden sollten, ist darin nicht die Rede.

Deutsche Krankenhausgesellschaft: Zu keinem Zeitpunkt waren Patienten unterversorgt

Dass Menschen, die behandlungsbedürftig waren, dramatisch unterversorgt seien, wie Schöning behauptet, dafür gibt es keine Belege. Eine Sprecherin der Deutschen Krankenhausgesellschaft erklärte CORRECTIV in einer E-Mail: „Die Versorgung hilfsbedürftiger Patienten in unseren Kliniken war und ist zu keinem Zeitpunkt gefährdet.“

Schöning behauptet in dem Interview weiter: „In Deutschland sind 90 Prozent der notwendigen Operationen – und ich zitiere das [Gutachten] wörtlich – 90 Prozent der notwendigen Operationen sind nicht durchgeführt worden in Deutschland. Das hat 2,5 Millionen Menschen betroffen und die Schätzung von Experten – das steht auch noch in dem Gutachten drin – die jetzt wegen der staatlichen Maßnahmen Sterbefälle sind, beträgt unter 5.000 bis 125.000 Menschen, die infolgedessen, dass sie ihre notwendige Operation nicht bekommen haben, früher versterben.“

Zahlen stammen aus einem Dokument, das lediglich die Privatmeinung eines Beamten wiedergab

Diese Zahlen entstammen einem vermeintlichen Bericht des BMI (Seite 6), der Anfang Mai im Netz kursierte. Das Dokument bildete jedoch laut BMI lediglich die Meinung eines inzwischen vom Dienst freigestellten Beamten ab, die er mit dem offiziellen Briefkopf verschickt hatte. Stephan Kohn war Mitarbeiter der Abteilung Krisenmanagement und Bevölkerungsschutz des BMI. 

Das Ministerium distanzierte sich von dem ohne Absprache veröffentlichten Dokument, das laut einer Stellungnahme „unter Verwendung des BMI-Briefkopfes und der dienstlichen Kommunikationskanäle“ verbreitet worden war. „Für diese Zusammenstellung gab es weder einen Auftrag, noch eine Autorisierung. Eine strukturelle Einbindung aller am Krisenstab beteiligten Organisationseinheiten, wie sonst bei seriösen Analysen zwingend erforderlich und üblich, erfolgte hier nicht“, heißt es in der Stellungnahme weiter.

In einer kleinen Anfrage, die die AfD bezüglich des Papiers gestellt hatte, wurde am 23. Juni von der Bundesregierung mitgeteilt, dass das BMI das Dokument schon am Tag der Veröffentlichung als „gegenstandslos“ eingeordnet habe (Seite 3). 

In dem Papier wird konkret behauptet, im März und April seien 90 Prozent aller notwendigen OPs verschoben bzw. nicht durchgeführt worden. 2,5 Millionen Patienten seien nicht operiert worden, „obwohl dies nötig gewesen wäre“.

Es werden keine Belege für die Zahlen genannt

Belege für die konkreten Zahlen werden in dem Papier nicht genannt. In dem Dokument heißt es zudem, dass die Auswahl der zehn Experten zur Einschätzung der Lage „zufällig“ erfolgt sei und „daher nicht repräsentativ“ sein könne (Seite 6). Und weiter: „Die voraussichtliche Sterberate lässt sich nicht seriös einzuschätzen [sic]“.

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Diese entscheidende Stelle lassen sowohl Schöning wie auch das auf Facebook und Instagram verbreitete Bild weg und zitieren lediglich die unmittelbar danach formulierte These. Dort heißt es, dass „Experten“ Vermutungen angestellt hätten, dass zwischen weniger als 5.000 und „bis zu 125.000 Patienten“ wegen der verschobenen Operationen gestorben seien oder noch sterben würden.

Das Dokument hatte im Mai ein gewisses Medienecho ausgelöst. So hieß es im Spiegel: „Das Papier widerspricht so ziemlich allem, was die Bundesregierung und das Robert-Koch-Institut zu Covid-19 sagen.“ 

Einige Operationen wurden tatsächlich im Zuge der Corona-Pandemie verschoben

Dass 90 Prozent aller Operationen verschoben wurden, kann das Bundesministerium für Gesundheit nicht bestätigen. Sprecher Sebastian Gülde schrieb CORRECTIV via E-Mail, dass im März 2020 von den Ministerpräsidenten beschlossen worden war, „soweit medizinisch vertretbar, grundsätzlich alle planbaren Aufnahmen, Operationen und Eingriffe in allen Krankenhäusern auf unbestimmte Zeit“ zu verschieben.

Das Bundesministerium für Gesundheit kann 90 Prozent verschobene Operationen nicht bestätigen. (Screenshot: CORRECTIV)
Das Bundesministerium für Gesundheit kann 90 Prozent verschobene Operationen nicht bestätigen. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Gesundheitsministerium verweist jedoch auf eine andere kleine Anfrage der AfD, die am 27. Juli beantwortet wurde. Dort heißt es für März und April 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum: „Für einige Krebsdiagnosen (insbesondere Darm- und Lungenkrebs) ging die Zahl der operativen Ersteingriffe um rund 20 Prozent zurück, während für andere Diagnosen keine deutlichen Rückgänge oder sogar Anstiege (z. B. Brust- und Gebärmutterkrebs) zu verzeichnen waren“ (Seite 4). 

In der Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage wird unter anderem auf eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) verwiesen, auf die uns im Zuge der Recherche auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft aufmerksam gemacht hatte.

Gutachten der AOK: Zahl der dringenden Operationen während der Corona-Pandemie teilweise gestiegen

Der am 26. Juni 2020 veröffentlichte Report bezieht sich nicht auf alle Patienten, sondern nur auf die AOK-Versicherten. Da es sich dabei um 27 Millionen Bürger handele, sei die Studie aber dennoch repräsentativ (Seite 5). Verglichen wurden Krankenhausbehandlungen (also nicht nur Operationen) im Zeitraum vom 16. März bis 5. April 2020 mit dem Zeitraum vom 25. März bis 14. April 2019 (Seite 9). 

Insgesamt seien die Behandlungen in Krankenhäusern im Vergleich zum Vorjahreszeitraum stark um 39 Prozent gesunken. Der deutliche Rückgang treffe jedoch nicht auf dringende Operationen zu. Dringliche und lebensbedrohliche Erkrankungen seien in der Phase des Lockdowns meist in konstantem Umfang behandelt worden (Seite 5). 

Bezüglich geplanter und nicht geplanter, also dringlicher Operationen wird der Unterschied deutlich, wenn die Zahlen für Hüftfrakturen (also Knochenbrüche) mit denen der geplanten Operationen an Hüftgelenken verglichen werden. Hier zeigt der Report, dass die geplanten Eingriffe um 79 Prozent gesunken sind. Die Operationen wegen akuter Fälle, also an Menschen, die einen Oberschenkelhalsbruch erlitten haben, seien jedoch nur um zwei Prozent (Seite 22) zurückgegangen. 

Auszug aus dem WIdO-Report der AOK vom Juni 2020 bezüglich der Operationen an Hüftgelenken - links Operationen wegen gebrochener Hüftgelenke, rechts die geplanten Operationen. (Quelle: WIdO-Report der AOK, Screenshot: CORRECTIV)
Auszug aus dem WIdO-Report der AOK vom Juni 2020 bezüglich der Operationen an Hüftgelenken – links Operationen wegen gebrochener Hüftgelenke, rechts die geplanten Operationen. (Quelle: WIdO-Report der AOK, Screenshot: CORRECTIV)

Die Operationszahlen für Blinddarm-Entfernungen seien in akuten Fällen sogar um acht Prozent gestiegen, während die Operationen ohne akutes Erscheinungsbild um 28 Prozent zurückgegangen seien (Seite 23).

Auszug aus dem WIdO-Report der AOK vom Juni 2020 bezüglich Blinddarm-Operationen - links Operationen bei akutem Entzündungsgeschehen, rechts die Operationen ohne akutes Entzündungsgeschehen. (Quelle: WIdO-Report der AOK, Screenshot: CORRECTIV)
Auszug aus dem WIdO-Report der AOK vom Juni 2020 bezüglich Blinddarm-Operationen – links Operationen bei akutem Entzündungsgeschehen, rechts die Operationen ohne akutes Entzündungsgeschehen. (Quelle: WIdO-Report der AOK, Screenshot: CORRECTIV)

Auch die Zahlen für operative Entfernungen der Gebärmutter wegen Krebs seien gestiegen – um 23 Prozent (Seite 24). 

Dafür, dass eine drastische Unterversorgung geherrscht hätte, wie Heiko Schöning behauptet, gibt es bezüglich Operationen in akuten Fällen also keine Belege. 

Richtig ist jedoch, dass die Zahl der Menschen, die sich während des Corona-Lockdowns in Krankenhäusern behandeln ließen, deutlich gesunken ist. Das gilt für jedes Bundesland, aber nicht für jede Form der Erkrankung und auch nicht für jede Art von Operation. Dazu, welche Langzeitfolgen die Verschiebung vieler Behandlungen haben wird, gibt es keine belastbaren Zahlen.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege für die Behauptung, dass 90 Prozent aller notwendigen Operationen nicht durchgeführt wurden und deshalb tausende Menschen gestorben seien.

Collage ohne Titel
Screenshot des auf Facebook und Twitter geteilten Zeitungsausschnitts, in dem unter anderem das Renteneintrittsalter, das Rentenniveau und die Wohneigentumsquote von Deutschland, Italien und Frankreich verglichen wurden. (Quelle: Facebook, Collage: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Deutschland habe im Vergleich zu Italien und Frankreich ein niedrigeres Rentenniveau, eine niedrigere Wohneigentumsquote, ein niedrigeres mittleres Vermögen pro Kopf und ein höheres Renteneintrittsalter – das legt ein auf Facebook verbreitetes Foto nahe. Jedoch lassen sich die Renten- und Wirtschaftssysteme unterschiedlicher Länder kaum miteinander vergleichen.

In Sozialen Netzwerken kursiert ein abfotografierter Zeitungsausschnitt, in dem jeweils bezüglich Deutschland, Italien und Frankreich das mittlere Vermögen pro Person, die Wohneigentumsquote, das Rentenniveau und das Renteneintrittsalter einander gegenübergestellt werden. Das Bild wurde auf Facebook und Twitter insgesamt über 23.000 Mal geteilt.Verbreitet wurde es unter anderem vom Facebook-Account der AfD Offenbach Land und Russlanddeutsche für die AfD.

Der auf Facebook und Twitter geteilte Zeitungsausschnitt. (Quelle: Facebook)

Der Ausschnitt stammt offenbar aus der Regionalzeitung „Neues Gera“, wie eine Google-Suche nach dem Text zeigt. In der Ausgabe vom 5. Juni 2020 findet sich der Abschnitt unter dem Titel „Ist Deutschland wirklich so reich?“ auf Seite 9. 

Mittleres Vermögen pro Person liegt in Deutschland bei 35.313 US-Dollar

Laut des Berichts „Global Wealth Databook 2019“, den die Schweizer Bank Credit Suisse herausgab, liegt das durchschnittliche Vermögen eines Deutschen bei knapp 217.000 US-Dollar und hat sich somit seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt. Die durchschnittlichen Werte für Frankreich und Italien lagen bei 276.121 (Frankreich) und 234.139 (Italien) US-Dollar pro Person (PDF zum Download; Seite 20). 

Die Zahl aus dem Facebook-Bild bezieht sich dagegen nicht auf das durchschnittliche Vermögen, sondern offenbar auf das mittlere Vermögen, also auf den Median, wie er im „Global Wealth Databook“ angegeben ist. Dieser Wert lag im Jahr 2019 in Deutschland demnach bei 35.313 US-Dollar pro Person, in Italien bei 91.889 und in Frankreich bei 101.942 (Seite 108). Die Zahlen in dem Beitrag stimmen also mit den offiziellen Daten überein und scheinen aktuell zu sein.

Zum Vermögen werden auch Eigentumswohnung und -häuser gezählt, daher erklärt sich der Unterschied des mittleren Vermögens zwischen den Ländern zum Teil aus dem nächsten Punkt, der Wohneigentumsquote:

Wohneigentumsquote in Deutschland im Vergleich am niedrigsten

Laut Eurostat, dem Statistischen Amt der EU, lag der Anteil der Bürger, die nicht zur Miete, sondern in Eigenheimen wohnten, im Jahr 2018 in Deutschland bei 51,5 Prozent, in Italien bei 72,4 Prozent und in Frankreich bei 65,1 Prozent. Die Zahlen in dem auf Facebook geteilten Beitrag sind also korrekt. Potenzielle Gründe für diese Unterschiede werden jedoch nicht genannt weder im Screenshot, noch im Ursprungsartikel

Auszug der Aufstellung der Wohneigentumsquote in Europa laut Eurostat. (Quelle: Eurostat, Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Mögliche Gründe für die niedrige Wohneigentumsquote und dem Reiz zum Mieten in Deutschland zählt die Bundesbank in einem Beitrag auf: „Höhere Grunderwerbsteuern machen Immobilien zu einem teureren und weniger liquiden Vermögenswert; die fehlende Abzugsmöglichkeit für Hypothekenzinsen für Eigennutzer ist zwar steuersystematisch schlüssig, verteuert aber die Finanzierungskosten, und das Mieten von Sozialwohnungen bietet, sofern verfügbar, eine kostengünstige Alternative zum Wohneigentum.“ 

Die wohnungspolitischen Maßnahmen in Deutschland würden sich damit „in besonderer Weise“ von denen in anderen Ländern unterscheiden. Dieser Kontext fehlt in dem Beitrag, der auf Facebook geteilt wird.

Rentenniveau (netto) liegt aktuell in Deutschland bei 48,2 Prozent

Dass Rentensysteme unterschiedlicher Länder in Beiträgen in Sozialen Netzwerken miteinander verglichen werden, kommt immer wieder vor. Jedoch lassen sich die unterschiedlichen Systeme kaum vergleichen, da sie sehr unterschiedlich sein können – je nachdem wie groß oder klein beispielsweise der Anteil der gesetzlichen Rente am gesamten Altersvorsorgekonzept ist. Ist dieser Anteil hoch, ist auch die Abgabe an die Rentenversicherung höher als in einem Land, in dem der Anteil geringer ist; etwa weil dort die private Altersvorsorge stärker subventioniert wird. 

Laut Webseite der Deutschen Rentenversicherung zeigt das Rentenniveau die „Relation zwischen der Höhe einer Rente (45 Jahre Beitragszahlung auf Basis eines durchschnittlichen Einkommens) und dem durchschnittlichen Einkommen eines Arbeitnehmers“. Das Rentenniveau bezieht sich auf einen angenommenen Durchschnittsrentner und die Rente vor steuerlichen Abzügen („Sicherungsniveau vor Steuern“). Die aktuellste Information stammt aus dem Rentenversicherungsbericht 2019. Das Rentenniveau liegt demnach aktuell nicht bei 48,1, sondern bei 48,2 Prozent (Seite 11 im Bericht). 

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Das deutsche Rentenniveau in dem Zeitungsausschnitt ist also das „Sicherungsniveau vor Steuern“. Die anderen beiden Zahlen, für Italien und Frankreich, stammen jedoch nach unseren Recherchen aus einem Bericht der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) und sind nicht damit vergleichbar. 

Zahlen für Italien und Frankreich stammen vermutlich aus OECD-Bericht von 2017

Der Bericht der OECD „Renten auf einen Blick“ vergleicht unter anderem die Renten-Nettoersatzquoten von Ländern weltweit. Die Nettoersatzquote beschreibt das Verhältnis der Altersrente zu dem, was zuvor verdient wurde – netto, also nach Steuern. 

Ein Blick in den Bericht der OECD von 2017 zeigt, dass die Nettoersatzquote stark variiert – nicht nur von Land zu Land, sondern auch von Einkommensgruppe zu Einkommensgruppe. Für Durchschnittsverdiener in Italien werden 93,2 Prozent angegeben, für Frankreich 74,5 Prozent. Deutschlands Nettoersatzquote von Durchschnittsverdienern lag laut OECD 2017 bei 50,5 Prozent (Seite 121 im Bericht). Bis auf Deutschland entsprechen diese Zahlen den Angaben in dem Zeitungsartikel. 

In dem Zeitungsartikel werden also Werte verglichen, die ganz unterschiedlich berechnet wurden. Zudem sind die Zahlen veraltet, da es von der OECD bereits einen neuen Bericht für das Jahr 2019 gibt, der zu anderen Zahlen kommt: Deutschland: 51,9 Prozent, Italien: 91,8 Prozent und Frankreich: 73,6 (Seite 159 im Bericht).

Wie wir bereits für einen anderen Faktencheck recherchierten, ist die Nettoersatzquote anders als das deutsche „Sicherungsniveau vor Steuern“ eine theoretische Modellrechnung. Sie bezieht sich auf die fiktive Rente eines 20-Jährigen, der (im Falle des OECD-Berichts von 2017) 2016 in den Arbeitsmarkt eingetreten ist.

Auszug aus dem OECD-Bericht „Renten auf einen Blick 2017“ mit den Rentenniveaus für Gering-, Durchschnitts- und Besserverdiener. (Quelle: OECD-Bericht „Renten auf einen Blick 2017“, S. 119, Screenshot und Markierungen: CORRECTIV)

Die Angabe der Nettoersatzquote oder des Rentenniveaus allein sagt zudem nichts über die tatsächliche Versorgung im Alter aus. So lag die durchschnittliche Rente in Italien Anfang 2019 laut der italienischen Sozialversicherung INPS bei 1.197 Euro (Seite 16). In Deutschland lag sie Ende 2018 bei 864 Euro (West) (Seite 34/35 in der Zeile „Rente wegen Alters insgesamt“) und 1.075 Euro (Ost) (Seite 36/37 in der Zeile „Rente wegen Alters insgesamt“). Der Unterschied ist also nicht so groß, wie der Unterschied der Nettoersatzquoten zunächst vermuten lässt.

OECD: Durchschnittliches Renteneintrittsalter lag in Deutschland 2018 bei 65,5 Jahren

Für Personen, die 1964 oder später geboren wurden, liegt die Regelaltersgrenze für den Renteneintritt in Deutschland bei 67 Jahren. Im Moment liegt das Durchschnittsalter noch leicht darunter: Laut des Berichts der OECD aus dem Jahr 2019 lag das normale Renteneintrittsalter im Jahr 2018 in Deutschland bei 65,5 Jahren. In Frankreich lag das normale Rentenalter bei 63,3 Jahren und in Italien bei 67 Jahren (Männer) und 66,6 Jahren (Frauen).

Übersicht des durchschnittlichen Rentenalters im Jahr 2018 aus dem OECD-Bericht „Pensions At Glance 2019“. (Quelle: OECD-Bericht „Pensions At Glance 2019“, S. 139, Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Um vollen Anspruch auf die gesetzliche Altersrente zu haben, muss man in Italien 67 Jahre alt sein und 20 Jahre eingezahlt haben. Allerdings schreibt die OECD in ihrem Bericht 2019 über Italien, durchschnittlich verließen Italiener schon mit 62 den Arbeitsmarkt, und es gebe ein Programm der Regierung, das diesen früheren Renteneintritt erleichtere. In Frankreich liegt das Mindestalter für Personen, die ab 1955 geboren wurden, bei 62 Jahren.

Fazit: Die Zahlen zum Rentenniveau in dem Zeitungsartikel stammen aus unterschiedlichen Quellen und wurden anhand von verschiedenen Modellen berechnet. Sie sind daher nicht vergleichbar. 

Einzelne spezifische Werte des Renten- und Wirtschaftssystems unterschiedlicher Länder miteinander zu vergleichen, ist nicht sinnvoll, weil diese einzelnen Punkte einander beeinflussen und bedingen. So hat Italien laut OECD etwa eine deutlich höhere Nettoersatzquote, was sich aber nicht in deutlich höheren Rentenzahlungen niederschlägt. Zudem hängen Zahlen wie das Rentenniveau oder die Wohneigentumsquote von vielen anderen Faktoren ab, wie der wirtschaftlichen Situation eines Landes oder wohnungspolitischen Maßnahmen.

Update, 11. August 2020: In einer früheren Version dieses Faktenchecks hatten wir die Nettoersatzquote der OECD mit dem Rentenniveau („Sicherungsniveau vor Steuern“) gleichgesetzt. Die Zahlen werden jedoch unterschiedlich berechnet und sind nicht vergleichbar. Wir haben den Fehler korrigiert.

Update, 28. August: Wir haben einen sprachlichen Fehler im Text korrigiert. Die OECD nennt in ihrem Bericht „Pensions at a Glance 2019“ nicht das durchschnittliche Renteneintrittsalter, sondern das normale Renteneintrittsalter. Zudem haben wir ergänzt, dass Italiener im Schnitt früher den Arbeitsmarkt verlassen.  

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Es fehlt Kontext – Renten- und Wirtschaftssysteme unterschiedlicher Länder lassen sich nicht sinnvoll vergleichen.

Screenshot Video Header
In diesem Video explodiert angeblich ein Elektroauto auf der A8. Tatsächlich zeigen die Bilder aber einen Lastwagen, der Gasflaschen geladen hatte, und stammen aus Frankreich. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Eine auf Facebook verbreitete Aufnahme eines brennenden Fahrzeugs stammt angeblich von Ende Juli aus Süddeutschland. Tatsächlich ist die Aufnahme schon drei Jahre alt und zeigt – anders als behauptet – kein brennendes Elektroauto.

Am 23. Juli hätten „die umweltfreundlichen Elektroautos auf der A8 ihr wahres Gesicht gezeigt“, behauptete ein Facebook-Nutzer in einem Beitrag vom 26. Juli. Dazu teilte er ein Video eines Fahrzeugbrands und mehrerer Explosionen auf einer Autobahn. 

CORRECTIV-Recherchen zeigen jedoch: Die Aufnahmen stammen weder aus Deutschland, noch sind sie aktuell, noch stehen sie in Zusammenhang mit Elektroautos.

Es ist zwar zutreffend, dass am 23. Juli auf der A8 in der Nähe des Kreuz Stuttgart laut der örtlichen Feuerwehr ein Fahrzeug brannte, es war aber kein Elektroauto. Und das Facebook-Video hat mit diesem Ereignis nichts zu tun. Ein Faktencheck von Mimikama kam zu dem Ergebnis, dass die Aufnahmen aus Frankreich stammen und im September 2017 entstanden. 

Video ist von 2017 aus Frankreich und zeigt kein Elektroauto

Tatsächlich wurde das Video am 19. September 2017 mit französischer Beschreibung von der Webseite Break For Buzz auf der Videoplattform Daily Motion hochgeladen. Die Schlagzeile dazu lautet: „Explosion eines mit Gasflaschen beladenen Lastwagens auf der Autobahn RN10“. Der Vorfall ereignete sich einem Bericht der Lokalzeitung Charente Libre vom 18. September 2017 zufolge in der Nähe der französischen Kleinstadt Chevanceaux in der Region Charente-Maritime. 

Ein Screenshot des Videos wurde auch von der Webseite Journalistenwatch als „Symbolbild“ für einen am 29. Juli veröffentlichten Artikel über einen Unfall verwendet, bei dem laut Medienberichten eine junge Frau in ihrem Elektroauto verbrannte.

Experten: Brandgefahr bei Elektroautos nicht größer als bei normalen PKW

Immer wieder kursieren in Sozialen Netzwerken Behauptungen über brennende oder explodierende Elektroautos. Über die Herausforderungen für die Feuerwehr, einen brennenden Akku zu löschen, haben wir bereits einen ausführlichen Faktencheck veröffentlicht. Experten bestätigten, dass ein solcher Brand mit herkömmlichen Mitteln gelöscht werden kann, aber sehr lange gekühlt werden müsse. 

Im November 2019 kam ein Forschungsprojekt der Dekra Unfallforschung und der Verkehrsunfallforschung der Universitätsmedizin Göttingen zu dem Ergebnis, dass die getesteten Elektrofahrzeuge bei sogenannten Crash-Tests den „vergleichbaren konventionell angetriebenen Fahrzeugen bei der Sicherheit in nichts nach[stehen]“. Es sei auch bei starker Deformation der Batterien kein Brand ausgebrochen. 

Dass die Brandgefahr mit der eines normalen PKW vergleichbar sei, bestätigte im Dezember 2019 auch der Vizepräsident des Deutschen Feuerwehrverbandes, Karl-Heinz Knorr, in einem Interview mit dem Spiegel.

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Aufnahme zeigt den Brand eines mit Gasflaschen beladenen LKW, der 2017 auf einer Autobahn in Frankreich explodierte.

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Das Foto aus dem Facebook-Beitrag zeigt ein spitzes Objekt, das zwischen die Sitzpolster geklemmt wurde. (Quelle: Facebook, Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Spritzen würden so in die Sitze von Bussen und Bahnen geklemmt, dass sie Menschen verletzen, womöglich vergiften oder mit Krankheiten infizieren könnten, behauptet ein Nutzer auf Facebook. In Deutschland sind solche Fälle jedoch nicht bekannt.

Seit zwei Monaten geht ein Warnhinweis auf Facebook viral: In einem Beitrag vom 18. Mai 2020 wurde behauptet, in die Sitze von Bussen und Bahnen würden absichtlich Spritzen gesteckt, die „vergiftet oder auch mit anderen Mitteln injektiert“ seien. Der Beitrag wurde bisher mehr als 29.000 Mal geteilt. 

CORRECTIV-Recherchen zeigen: Die Warnung führt in die Irre, weil sie eine aktuelle Gefahr suggeriert. Im Jahr 2016 gab es in Wien tatsächlich zwei Vorfälle dieser Art. Von einem stammt auch das im Beitrag verwendete Foto.

Dass das im Facebook-Beitrag von Mai 2020 verwendete Bild nicht aktuell ist, zeigt eine Bilder-Rückwärtssuche bei Google. Das Foto tauchte beispielsweise im Januar 2018 in einem Blogbeitrag auf. Damals ging es um Spritzen, die angeblich in den Sitzen von Bussen in Nairobi versteckt würden. 

Zwei Vorfälle in Wien im Jahr 2016

Gibt man bei Google den Text des Facebook-Beitrags ein, findet sich ein Beitrag, der noch älter ist und der Ursprung zu sein scheint: Am 6. Mai 2016 veröffentlichte ein Facebook-Nutzer das Bild mit dem Kommentar, dass die Aufnahme in einer Straßenbahn in Wien entstanden sei. In einem weiteren Bild ist zu sehen, dass es sich um mindestens zwei Spritzen handelte. 

Der Bahnbetreiber, die Wiener Badner-Bahn, bestätigte CORRECTIV, dass der Vorfall tatsächlich stattgefunden habe. Wie Pressesprecherin Kirstin Pimpel per E-Mail schrieb, handelte es sich um einen einmaligen Vorfall, bei dem niemand verletzt wurde.

Screenshot der E-Mail einer Pressesprecherin der Wiener Badner-Bahn. (Screenshot: CORRECTIV)

Ebenfalls im Mai 2016 verletzte sich laut Polizei in einer Wiener S-Bahn eine junge Frau an gebrauchten Einwegspritzen, die in den Sitz geklemmt waren. 

In Deutschland ist kein Fall von Spritzen in Bussitzen bekannt

Der Facebook-Beitrag von Mai 2020 führt also in die Irre, weil die Warnung als scheinbar aktuell präsentiert wird, sich aber auf einen Vorfall 2016 bezieht. 

In Deutschland ist der Polizei zudem kein Fall bekannt, bei dem sich jemand in öffentlichen Verkehrsmitteln an in die Polster geklemmten Spritzen verletzt hätte. CORRECTIV fragte für alle 16 Bundesländern in den jeweiligen Landespolizeidirektionen, Landeskriminalämtern oder Innenministerien nach: Keine Behörde konnte einen solchen Fall bestätigen. Einzig in einer Antwort aus dem nordrhein-westfälischen Innenministerium heißt es, es sei „nicht auszuschließen, dass es Einzelfälle gegeben hat.“

Ähnlich irreführende Meldungen über präparierte Spritzen, die zum Beispiel in Kinosessel gesteckt würden, um Menschen mit HIV zu infizieren, kursieren seit spätestens 2000 im Internet.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Momentan sind keine Fälle von Spritzen in Sitzen von Bussen oder Bahnen bekannt. Das Foto stammt von einem Fall in Wien aus dem Jahr 2016.

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Angeblich sollen in Österreich Kinder mit einem gefährlichen Nasenspray gegen Influenza geimpft werden. (Symbolbild: robin_24/Flickr, CC 2.0)

von Steffen Kutzner

In Sozialen Netzwerken kursiert die Behauptung, in Österreich sollten alle Kinder mit einem Nasenspray gegen Influenza geimpft werden. Es wird suggeriert, der Impfstoff sei gefährlich, weil darin „genetisch veränderte Organismen“ und Zellen von Affen und Hunden enthalten seien. Das stimmt nicht.

Auf dem Messengerdienst Telegram und auf Facebook wird eine Nachricht verbreitet, in der behauptet wird, in Österreich solle jedes Kind mit Fluenz Tetra Nasenspray gegen Influenza geimpft werden. Das Spray enthalte „gentechnisch veränderte Bestandteile“ und Zellen von Affen und Hunden (Cockerspanieln).

Recherchen von CORRECTIV zeigen: Es gibt zwar ein kostenloses Impfprogramm für Kinder in Österreich, das ist jedoch freiwillig. Und das Nasenspray gegen Influenza enthält keine Zellen von Affen oder Hunden. 

Die Nachricht auf Telegram im Channel des rechtspopulistischen Journalisten Oliver Janich wurde mehr als 112.000 Mal gesehen und der Facebook-Beitrag mehr als 1.300 Mal geteilt.

Influenza-Impfung ab Saison 2020/21 Teil des Impf-Programms

Ab der kommenden Saison 2020/21 werde es in Österreich eine kostenlose Influenza-Impfung für Kinder geben, teilte Nina Bauregger, eine Pressesprecherin des Gesundheitsministeriums, CORRECTIV mit.

Der Beitrag auf Facebook erweckt den Eindruck, dass alle Kinder mit diesem Impfstoff geimpft werden müssen, und dass es etwas Neues sei, dass dies „gratis“ geschieht. In Österreich sind jedoch alle Impfungen freiwillig, auch wenn eine Impfpflicht von der Österreichischen Ärztekammer gefordert wird. 

Es gibt seit fast 20 Jahren ein unter anderem vom Gesundheitsministerium finanziertes Impfprogramm, in Zuge dessen viele wichtige Impfungen für Kinder bis zum 15. Lebensjahr kostenlos sind. In dieses Programm wird nun die Influenza-Impfung neu aufgenommen, allerdings laut Bauregger „in einer begrenzten Menge“. 

Auszug aus einer E-Mail des österreichischen Gesundheitsministeriums. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Nasenspray enthält weder pflanzliche noch tierische Zellen

Sowohl im Facebook-Beitrag als auch in der Nachricht, die auf Telegram kursiert, ist ein Link zur Gebrauchsinformation, also dem Beipackzettel, angegeben. Darin steht nichts von Zellen von Affen oder Hunden, nur ein Hinweis auf „genetisch veränderte Organismen“. Die Influenzaviren würden in Hühnereiern vermehrt und die Virenstämme in Verozellen produziert. 

Die Behauptung, dass Zellen von Affen in Impfstoffen enthalten seien, wird im Netz häufiger verbreitet und bezieht sich meist auf diese Verozellen. CORRECTIV hat dazu bereits einen Faktencheck veröffentlicht und Informationen des Paul-Ehrlich-Instituts erhalten: Verozellen sind demnach Nierenzellen von grünen Meerkatzen, die für die Vermehrung mancher Impfstoff-Viren verwendet werden. Für den Impfstoff werden die Viren jedoch laut Paul-Ehrlich-Institut gereinigt und Reste der Zellkultur entfernt. Affenzellen sind also keine Bestandteile von Impfstoffen.

In dem Beipackzettel des Fluenz Tetra Nasensprays findet sich auch die Information, dass das Medikament in Europa von der Firma Astra-Zeneca vertrieben wird. Sabine Reinstädler, eine Pressesprecherin von Astra-Zeneca in Deutschland, erklärte CORRECTIV, dass das Medikament keine Zellen enthalte – „keine pflanzlichen und keine tierischen – weder von Affen noch Hunden, oder sonstigen Organismen.“

Auszug aus der E-Mail von Sabine Reinstädler. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Das Nasenspray enthält laut Reinstädler jedoch tatsächlich „genetisch veränderte Organismen“, nämlich die Influenzaviren. „Sie sind also dahingehend genetisch modifiziert, dass sie keine influenza-typischen Krankheitssymptome auslösen und sich kaum bei Körpertemperatur vermehren können. Dennoch können diese veränderten Viren zu einer Immunität führen.“ 

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Das Spray enthalte zudem „keine Bestandteile, die in der verwendeten Dosierung toxisch sind.“ Anderenfalls hätte das Medikament in Europa keine Zulassung erhalten. Im Facebook-Beitrag und auf Telegram war behauptet worden, das Spray sei mit „mehreren toxischen Stoffen“ versetzt.

Fazit: Das Nasenspray enthält keine Zellen von Affen oder Hunden. Die Impfung gegen Influenza ist, wie alle anderen Impfungen auch, in Österreich freiwillig.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Das Nasenspray enthält zwar genetisch abgeschwächte Viren, jedoch keine tierischen Zellen. Die Impfung ist freiwillig.

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Die Bilder mit Angela Merkel ohne Maske stammen nicht von der Paritäts-Abstimmung am 7. und 8. Juli. (Quelle: Zeyno Mol/Twitter, Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

In den Sozialen Netzwerken kursieren angeblich aktuelle Fotos von Angela Merkel, auf denen sie ohne Mund-Nasen-Schutz bei einer CDU-Abstimmung zur Frauenquote sitzt. Dabei ist sie umgeben von Menschen, die ebenfalls keine Maske tragen. Die Fotos stammen jedoch nicht von der Abstimmung Anfang Juli.

Auf Facebook und Twitter wurden mehrere Fotos geteilt, die angeblich Angela Merkel bei einer aktuellen CDU-Versammlung zeigen. Darauf tragen weder sie noch die anderen Anwesenden einen Mund-Nasen-Schutz. 

Dazu kommentiert ein Facebook-Nutzer: „Bilder einer CDU-Versammlung zur Frauenquote. Was fällt dabei auf? Jawoll keine Masken! Ganz ehrlich. Wer fühlt sich da nicht an George Orwells ‘Animal Farm’ erinnert? Alle sind gleich – nur manche sind gleicher. Könnte im Strahl kotzen und zwar für Wochen!“ Die Bilder stammen jedoch nicht von der Abstimmung.

Bei den Bildern handelt es sich offenbar um Screenshots einer Nachrichtenseite. Eine Bilderrückwärtssuche zu den Fotos führt zu Twitter-Accounts, die das Bild ebenfalls veröffentlicht haben. In einem der Beiträge wird behauptet, das Bild sei vom 7. Juli.

Die Satzungskommission der CDU hatte sich bei der Sitzung am 7. und 8. Juli auf eine schrittweise Erhöhung der Frauenquote in CDU-Vorständen geeinigt. Anders als es in dem Facebook-Beitrag behauptet wird, stammen die Bilder jedoch nicht von dem Treffen der Satzungskommission.

Angela Merkel war bei dem Treffen nicht anwesend

Angela Merkel war bei den Gesprächen der Satzungskommission gar nicht anwesend. Das zeigt ihr öffentlich einsehbarer Terminkalender, in dem für den 7. Juli keine Eintragungen vorliegen. Ein Regierungssprecher bestätigte CORRECTIV ebenfalls, dass Merkel am Abend des 7. Juli, als die Satzungskommission tagte, keine öffentlichen Termine hatte: 

Auszug der E-Mail des Regierungssprechers. (Screenshot: CORRECTIV)

Merkel ist auch nicht Teil dieser Kommission, wie Isabelle Fischer, eine Pressesprecherin der CDU, gegenüber CORRECTIV bestätigte. Sie bestätigte uns auch, dass die Fotos aus dem Beitrag nicht von dem Treffen stammen. Dieses habe im Konrad-Adenauer-Haus stattgefunden, wo die Abstandsregeln eingehalten worden seien, so Fischer. Ein Foto des Treffens zeigt, dass die Teilnehmer tatsächlich weit voneinander entfernt saßen, teilweise mit Plexiglasscheiben voneinander getrennt:

Aufnahme der Sitzung der Struktur- und Satzungskommission der CDU am 7./8. Juli. (Quelle: CDU/Böttcher)

Fischer kann nicht bestätigen, von wann genau die Fotos sind, die in dem Facebook-Beitrag gezeigt wurden, nimmt aber an, dass sie von vor der Pandemie stammen: „Das Foto, das Sie uns geschickt haben, scheint von einem Parteitag und damit vor Corona-Zeiten zu sein.“

Auszug der E-Mail von CDU-Pressesprecherin Isabelle Fischer. (Screenshot: CORRECTIV)

Bilder der dpa zeigen, dass Merkel am 31. CDU-Parteitag im Dezember 2018 den petrolfarbenen Blazer trug, der auf den Facebook-Bildern zu sehen ist.

Angela Merkel in dem petrolfarbenen Blazer beim CDU-Parteitag im Dezember 2018. (Quelle: Picture Alliance/Sven Simon)

Dass Fotos, die vor der Corona-Pandemie entstanden sind, als aktuell dargestellt werden, passiert häufig. Oft handelt es sich, wie vermutlich auch in diesem Fall, um Archivaufnahmen, mit denen Fernsehbeiträge oder Textbeiträge bebildert wurden, etwa hier, hier oder hier

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Bilder stammen nicht von dem Treffen der Satzungskommission. Die Teilnehmer saßen dabei in anderer Anordnung und Angela Merkel war nicht anwesend.

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Screenshot aus der betreffenden Sendung „Heute Journal“ vom 8. Juli 2020. (Quelle: ZDFheute Nachrichten/Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Auf Facebook wird ein Versprecher eines Nachrichtenmoderators in mehreren Beiträgen erwähnt und als vorsätzliche Lüge dargestellt. Dass sich der Sprecher noch in derselben Sendung korrigiert hat, wird unterschlagen.

In mehreren FacebookBeiträgen wird auf einen Versprecher von „Heute Journal“-Moderator Heinz Wolf hingewiesen. Er hatte in einem ZDF-Beitrag vom 8. Juli 2020 zu aktuellen Fallzahlen des Coronavirus in den USA (ab 14:12 im Video) versehentlich von 130 Millionen Menschen gesprochen, die dort an den Folgen des Coronavirus gestorben seien. 

Einige Facebook-Nutzer sehen dies als Beleg für „Fake News“, also bewusste Falschinformation. Sie zeigen jedoch nur den Videoausschnitt mit dem Versprecher. Dass Heinz Wolf seinen Fehler noch in derselben Sendung korrigierte, wird in den Beiträgen nicht erwähnt.

Als Wolf seinen Fehler einige Minuten nach seinem Versprecher korrigierte (ab 22:37 im Video), nannte er die richtige Zahl von etwa 130.000 Toten (Stand 8. Juli). Der Moderator entschuldigte sich für den Fehler.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Der Nachrichtensprecher machte einen Fehler, korrigierte diesen aber und entschuldigte sich.

Piqsels - lizenzfrei
Symbolbild: Nur bestimmte Arbeitnehmer müssen bis 31. Juli 2021 Impfungen nachweisen. (Quelle: Piqsels, gemeinfrei: CC0 1.0)

von Steffen Kutzner

Auf Facebook wird behauptet, bis 31. Juli 2021 müssten alle Arbeitgeber nachweisen, dass ihre Angestellten geimpft sind. Dazu wurde ein angeblicher Patientenbrief eines Arztes aus Parsberg geteilt, in dem behauptet wird, eine künftige SARS-CoV-2-Impfung würde in das menschliche Erbgut eingreifen. Der Brief jedoch ist gefälscht und es müssen auch nicht alle Arbeitgeber bis Juli 2021 den Impfschutz ihrer Mitarbeiter nachweisen.

Am 7. Juli 2020 veröffentlichte ein Facebook-Nutzer einen Beitrag, in dem behauptet wird: „Bis 31 Juli 2021 in Deutschland müssen alle Arbeitgeber den Impfschutz der Mitarbeiter nachweisen können“. Quelle dafür sei das Ärzteblatt. Dazu wurde ein vermeintlicher Patientenbrief eines Arztes geteilt. Der Beitrag wurde bisher mehr als 900 Mal geteilt. Doch weder ist der Patientenbrief echt, noch die Behauptung zutreffend.

Im Zuge des am 1. März 2020 in Kraft getretenen Masern-Impfschutzgesetzes hatte das Ärzteblatt mehrfach berichtet, dass einige Arbeitgeber den Impfschutz der Mitarbeiter bis 31. Juli 2021 nachweisen müssen. Das gilt jedoch nur für einige definierte Personengruppen – und bezieht sich lediglich auf eine Masern-Impfung.

Auf der Seite des Bundesgesundheitsministeriums heißt es: „Gleiches gilt für Personen, die in Gemeinschaftseinrichtungen oder medizinischen Einrichtungen tätig sind wie Erzieher, Lehrer, Tagespflegepersonen und medizinisches Personal (soweit diese Personen nach 1970 geboren sind).“ Dass sich die Nachweispflicht nicht auf alle Arbeitgeber erstreckt, wird auch in den Beiträgen des Ärzteblattes erwähnt, etwa in diesen Beiträgen vom Februar und Juni 2020. 

Dass bis zum 31. Juli 2021 „alle Arbeitgeber den Impfschutz der Mitarbeiter nachweisen können“ müssen, wie es in dem auf Facebook veröffentlichten Beitrag heißt, ist also falsch.

Patientenbrief aus Parsberg ist eine Fälschung

Eine Fälschung ist auch der Patientenbrief, der in dem Facebook-Beitrag wiedergegeben wird. Dort heißt es: „Aufgrund der neuartigen Wirkweise des zukünftigen Coronavirus-Impfstoffes sind [homöopathische] Heilerfolge zukünftig nicht mehr möglich. Denn die sog. mRNA-Impfstoffe der neuesten Generation greifen zum ersten Mal in der Geschichte des Impfens direkt in die Erbsubstanz, in das genetische Erbmaterial des Menschen/Patienten ein und verändern damit das individuelle Erbgut im Sinne einer bislang verbotenen, ja kriminellen Genmanipulation.“

Einen Impfstoff gibt es laut Robert-Koch-Institut bisher nicht, daher ist die Behauptung, der Impfstoff verändere das Erbgut, Spekulation. Der angebliche Patientenbrief ist unterschrieben mit „Dr. Kaiser (Hausarzt aus Parsberg)“. 

In Parsberg, einem Ort in der Nähe von Regensburg, gibt es tatsächlich einen Arzt namens Kaiser, Allgemeinmediziner Matthias Kaiser. Einem Medienbericht zufolge hat er wegen des Patientenbriefes Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Der falsche Brief habe sich auch auf Whatsapp verbreitet, heißt es in dem Artikel. 

Auf eine E-Mail-Anfrage erhielt CORRECTIV eine automatisierte Antwort, in der der Arzt betont, dass er nicht der Urheber des kursierenden Patientenbriefes sei.

Screenshot der E-Mail von Dr. Kaiser aus Parsberg. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Der auf Facebook veröffentlichte Patientenbrief ist eine Fälschung und die Regelung, dass Arbeitgeber Impfungen ihrer Mitarbeiter nachweisen müssen, bezieht sich nur auf spezifische Berufsgruppen und auf Masern.