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Schausteller demonstrieren
02.07.2020, Berlin: Teilnehmer an der Kundgebung des deutschen Schaustellerbundes stehen mit Plakaten am Brandenburger Tor. Auf Plakaten, Transparenten und mit Redebeiträgen protestierten sie gegen das Verbot der Großveranstaltungen bis mindestens Ende Oktober. Foto: Paul Zinken/picture alliance/dpa

von Steffen Kutzner

In einem Facebook-Beitrag wird behauptet, eine Demonstration von Schaustellern in Berlin wäre in der medialen Berichterstattung nicht berücksichtigt worden. Das ist falsch.

In einem Facebook-Beitrag wird die Behauptung aufgestellt, eine Schausteller-Demonstration in Berlin sei „von den Medien in der Berichterstattung unterschlagen“ worden. „Auch die TV-Nachrichten von ARD und ZDF zur abendlichen Hauptzeit, so wie auch viele andere Leitmedien unterschlagen die Berichterstattung.“ Der Beitrag vom 3. Juli wurde mehr als 7.500 Mal geteilt. 

Der Vorwurf, die Medien hätten nicht über die Demonstration berichtet, ist falsch. 

Screenshot des Facebook-Beitrags vom 3. Juli 2020 über die Schausteller-Demo in Berlin. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Die Demonstration der Schausteller fand am 2. Juli statt. Die Tagesschau hat noch am selben Tag in der 20-Uhr-Sendung darüber berichtet – gleich im ersten Beitrag.

Screenshot aus dem Bericht der Tagesschau vom 2. Juli 2020 über die Schausteller-Demo in Berlin. (Quelle: ARD Mediathek, Screenshot: CORRECTIV)

Abgesehen von der Tagesschau berichteten unter anderem der Tagesspiegel, RBB24, Bild und der Bayerische Rundfunk über die Demonstration. Etwa 1.600 Schausteller waren den Berichten zufolge am 2. Juli mit 1.000 Lkw nach Berlin gekommen, um auf ihre Situation während der Corona-Krise aufmerksam zu machen.

Das im Facebook-Beitrag verwendete Bild zeigt laut einer Bilderrückwärtssuche auf Google tatsächlich die Demonstration am 2. Juli. Es wurde in unterschiedlichen Ausschnitten in verschiedenen Medienberichten über die Demonstration verwendet, etwa hier, hier und hier.

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Tagesschau und andere Medien haben noch am selben Tag über die Schausteller-Demonstration berichtet.

WagnerAnne Pixabay
Die Behauptung, die Suizidrate sei angestiegen, beruht auf den Einsatzzahlen der Berliner Feuerwehr. (Symbolbild: WagnerAnne/Pixabay)

von Steffen Kutzner

Mehrere Webseiten behaupten, die Suizide in Berlin seien seit Beginn der Corona-Maßnahmen „um 300 Prozent“ gestiegen. Das ist eine irreführende Darstellung. Insgesamt sind die Notrufe wegen mutmaßlich suizidaler Handlungen von Januar bis April 2020 im Vergleich zu 2019 gesunken.

Auf mehreren Webseiten wird die Behauptung aufgestellt, die Suizidrate in Berlin sei seit Inkrafttreten der Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus stark erhöht. „Suizide in Berlin steigen im ersten Quartal drastisch“ titelt etwa Tichys Einblick und bei Einreich heißt es „Dank Merkels Lockdown: Selbstmordrate steigt um 300 Prozent“. Das ist irreführend. 

Die Steigerung von 300 Prozent bezieht sich nur auf einen bestimmten Einsatzcode der Berliner Rettungsdienste: Den für Sprünge mit unterstellter suizidaler Absicht aus mehr als zehn Metern Höhe. Nach Recherchen von CORRECTIV haben die Notrufe wegen „suizidaler Vorfälle“ in Berlin insgesamt in den ersten vier Monaten 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum abgenommen. Gingen von Januar bis Ende April 2019 noch 3.348 Notrufe ein, die von der Leitstelle einen Einsatzcode mit Bezug zu selbstverletzendem Verhalten bekamen, waren es von Januar bis Ende April 2020 nur 3.172. Das entspricht einem Rückgang von 5,3 Prozent. Unsere Auswertung zu den Daten kann hier eingesehen werden.

Nicht die Suizidrate ist gestiegen, sondern eine bestimmte Art von Notrufen

Die Texte auf den Blogs Einreich, Journalistenwatch und Anonymous News sind dem Wortlaut nach fast identisch. Einreich gibt als Quelle auch den Beitrag auf Anonymous News an. Anonymous News wiederum verweist auf den Artikel von Tichys Einblick. In allen Texten wird die These aufgestellt, Suizide hätten seit den Corona-Maßnahmen stark zugenommen: „Mehr Schaden als Nutzen: 300 Prozent mehr Selbstmorde in Berlin wegen Lockdown“, heißt es auf Journalistenwatch und Anonymous News titelte „Dank Merkels völlig verfehlter Lockdown-Politik: Selbstmordrate in Berlin steigt um 300 Prozent“.

Tichys Einblick bezieht sich als Quelle auf eine Anfrage des Berliner FDP-Abgeordneten Marcel Luthe an die Landesregierung nach entsprechenden Einsätzen. Tichys Einblick schreibt: „Bis April gab es in Berlin nach den Feuerwehr-Daten sieben Todessprünge aus mehr als 10 Metern Höhe – so viel wie im gesamten Jahr 2019. Die Zahl der Sprünge ohne Höhenangabe lag bis April bei sechs – ebenfalls so viele wie im Jahr 2019.“ 

Weitere Zahlen in dem Artikel beziehen sich auf die „absichtliche Einnahme von Medikamenten-Überdosen mit ausgelösten Atembeschwerden“ (67 Fälle, Steigerung 31 Prozent), die „absichtliche Überdosis von trizyklischen Antidepressiva“ (17 Fälle, Steigerung 89 Prozent bis April) und die „Kombination von akuter Suizidgefährdung in Verbindung mit gewalttätigem Verhalten“ (69 Fälle, Steigerung 15 Prozent).

Die Zahlen stimmen. Eine Steigerung von 300 Prozent, die in zahlreichen Artikeln in der Überschrift genannt wird, bezieht sich allerdings nur auf die „Todessprünge“ aus mehr als zehn Metern Höhe. Die Zahlen als Steigerung der Suizidrate insgesamt darzustellen, ist irreführend.

In einer ersten Anfrage vom 25. Mai 2019 hatte Luthe sich erläutern lassen, welche Szenarien hinter den Einsatzcodes stecken. In einer zweiten Anfrage vom 30. Mai 2020 hatte er dann erfragt, wie oft Sanitäter und Feuerwehr für Einsätze zu 83 der Codes zwischen Januar 2019 und April 2020 ausgerückt sind. Das Berliner Innenministerium stellte CORRECTIV beide Antwortschreiben auf die Fragen Luthes zur Verfügung (hier und hier einzusehen).

Alle 83 abgefragten Codes stehen mit selbstschädigendem Verhalten oder einem vom Anrufer unterstellten suizidalem Hintergrund in Zusammenhang, etwa absichtliche Überdosierungen verschiedener Substanzen, vorsätzliche Sprünge aus großer Höhe oder selbst zugefügte Stichverletzungen. Luthe wählte diesen Weg mutmaßlich, weil zur Zahl der Suizide keine aktuelle Statistik vorliegt. Zur Anzahl von Suiziden im Jahr 2020 gibt es noch keine Auswertungen. Die aktuellsten Zahlen sind die für das Jahr 2018.

Aus geringen Fallzahlen lassen sich keine statistischen Tendenzen ableiten

Die von Luthe angefragten Einsatzcodes der Rettungskräfte in Berlin zeigen: Nicht die Suizidrate in Berlin ist seit Beginn des „Lockdowns“ Mitte März um 300 Prozent gestiegen, sondern die Häufigkeit eines einzelnen Einsatzcodes: 17D01J. Er steht für Personen, die mit unterstellter Suizidabsicht aus mehr als zehn Metern Höhe springen. Dieser Einsatzcode wurde im Februar 2020 dreimal vergeben, im März gar nicht und im April viermal. Es handelt sich also um sieben Einsätze im ersten Jahresdrittel 2020. Wie Tichys Einblick richtig feststellt, sind das so viele wie im ganzen Jahr 2019.

Bei so niedrigen Zahlen schwankt der Monatsvergleich jedoch sehr stark. Statistische Tendenzen lassen sich daraus nicht ablesen. 

Das zeigt sich an den früheren Daten: Im Jahr 2018 wurden laut der Daten, die der Berliner FDP-Politiker Marcel Luthe bei der Landesregierung angefragt hatte, zwölf Einsätze wegen des Codes 17D01J gefahren. Die Zahl hat sich von 2018 (12) auf 2019 (7) also fast halbiert. Vergleicht man März 2019 (1) und März 2020 (0) miteinander, ist die Zahl der Einsätze um 100 Prozent gesunken – von eins auf null. 

Einsatzcodes der Rettungsdienste bilden tatsächliche Suizide nicht zuverlässig ab

Die Berliner Feuerwehr wertet Suizide nicht aus, stellt keine Motive für Suizide fest und legt auch nicht fest, ob es sich um einen (versuchten) Suizid gehandelt hat oder nicht, erklärt uns eine Sprecherin der Berliner Feuerwehr. 

Die E-Mail einer Pressesprecherin der Berliner Feuerwehr. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Die Diagnose „Suizid“ stelle ein Leichenbeschauer, nicht die Feuerwehr, bestätigte uns zudem ein Sprecher der Feuerwehr telefonisch. Daher könne man aus den Einsatzcodes, die schon beim Notruf festgelegt würden, nicht die tatsächliche Zahl der Suizide ableiten. 

Die Zahlen sind also nicht belastbar, weil die Einsatzcodes schon bei Eingang des Notrufs erstellt werden – noch ehe Rettungskräfte die tatsächliche Lage vor Ort beurteilen können. Bei den Fallzahlen aus dieser Statistik handele es sich „nicht um bestätigte Einsatzszenarien“, betont auch ein Pressesprecher der Berliner Landesregierung in einer E-Mail an CORRECTIV. Es handelte sich um die Einschätzung der Person, die den Notruf absetzt.

Auszug aus der E-Mail eines Pressereferenten des Berliner Senats für Inneres. (Screenshot und Markierungen: CORRECTIV)

Die beim Notruf erstellten Einsatzcodes würden später auch nicht mehr verändert, wie uns der Sprecher der Berliner Feuerwehr telefonisch bestätigte. Auch dann nicht, wenn sich vor Ort ein anderes Einsatzbild abzeichne. Wenn zum Beispiel eine Person auf einem Dach gemeldet werde, sich dann aber herausstelle, dass sie aus einem anderen Grund dort oben war. 

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Sieht man sich die Zahlen zu allen 83 Einsatzcodes, die Marcel Luthe abgefragt hatte, genauer an, wird deutlich, dass die Behauptung, es gebe „300 Prozent mehr Suizide in Berlin“, nicht haltbar ist. Sie zeigen, dass die Einsätze wegen suizidaler Absichten von Januar bis April 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nicht „drastisch erhöht“, sondern von 3.348 auf 3.172 gesunken sind. 

Fazit: Die Zahlen, die in den Artikeln als Belege herangezogen werden, sind Statistiken zu Einsatzcodes der Rettungskräfte und belegen keine tatsächlichen Suizide. Da keine Todesfallstatistik zu den tatsächlichen Suizidzahlen in Berlin vorliegt, ist die Behauptung unbelegt. 

Wenn Sie Depressionen oder suizidale Gedanken haben, bekommen Sie Hilfe zum Beispiel bei der Telefonseelsorge (unter 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222) oder anderen Beratungsstellen.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Die Einsatzcodes belegen keine Entwicklung der Suizidzahlen. Es ist unklar, ob sie angestiegen sind. Die Berichte führen in die Irre, weil sie nur bestimmte Szenarien herausgreifen.

Vesna_Pixi Pixabay
Ungeimpfte Kinder sind nicht gesünder als geimpfte. (Symbolbild: Vesna_Pixi/Pixabay)

von Steffen Kutzner

In einem Online-Artikel wird behauptet, geimpfte Kinder wären häufiger krank als Kinder, die nicht geimpft wurden. Der Autor stützt sich primär auf einen mehr als zehn Jahre alten Gegenentwurf zu einer Studie des Robert-Koch-Instituts, den eine Impfkritikerin erstellt und dabei Rechenfehler gemacht hatte.

Die schweizerische Webseite Legitim hat am 18. Februar 2019 einen Gastbeitrag veröffentlicht, in dem behauptet wird, dass ungeimpfte Kinder seltener unter Krankheiten und Allergien leiden würden. Das hätten „verschwiegene Studien“ enthüllt. „In diesem Artikel möchte ich anhand von sehr guten Statistiken zeigen, wie schädlich Impfungen sind und welche Folgen sie haben können“, schreibt der Autor. Der Text wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 3.700 Mal auf Facebook geteilt, zuletzt im Februar 2020. 

Dabei handelt es sich bei der von Legitim zitierten Auswertung weder um eine eigene Studie, noch wurde etwas verschwiegen. Zudem war die Auswertung auch inhaltlich laut Robert-Koch-Institut (RKI) falsch.

Der Beitrag von Legitim bezieht sich primär auf eine Auswertung von Angelika Müller (die früher Angelika Kögel-Schauz hieß). Sie betreibt die impfkritische Webseite „Eltern für Impfaufklärung und ist nach eigenen Angaben Informatikerin. Sie hatte die öffentlichen Ergebnisse des ersten Teils der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS), einer Studie des RKI, neu ausgewertet und dabei laut RKI mehrere Rechenfehler gemacht. 

Bei der ersten KiGGS-Umfrage wurden von Mai 2003 bis Mai 2006 bundesweit repräsentative Gesundheitsdaten von insgesamt 17.641 Kindern und Jugendlichen erhoben. Müller stützt sich auf diese Daten und behauptet, sie würden zeigen, dass ungeimpfte Kinder gesünder seien als geimpfte. Geimpfte Kinder bekämen angeblich häufiger Krankheiten wie Skoliose, Mittelohrentzündung, Lungenentzündung, Heuschnupfen, Neurodermitis oder eine Nickelallergie. 

Der Artikel wurde in Ausgabe 14/2009 des Magazins Mehr wissen besser leben veröffentlicht. Der Text ist auch auf der Seite der Union deutscher Heilpraktiker Hessen zu finden. Die Behauptung von Legitim, es handele sich um eine „verschwiegene Studie“, ist also falsch.

Berechnungen laut RKI falsch

Das RKI schrieb uns, dass in der Auswertung von Müller „grundlegende Standards der wissenschaftlichen Datenanalyse nicht eingehalten“ und eine „zwingend notwendige Gewichtung der Daten unterlassen“ wurden. Deshalb seien „alle berechneten Häufigkeitswerte falsch“ gewesen.

Auszug der E-Mail des RKI. (Screenshot: CORRECTIV)

Im Februar 2011 veröffentlichte Müller eine zweite, überarbeitete Version des Textes unter dem Titel „Ungeimpfte Kinder sind gesünder“ auf der Webseite Eltern für Impfaufklärung. Hier sind einige Ergebnisse anders als in der ersten Veröffentlichung. So wird der Prozentwert für geimpfte Kinder, die an Heuschnupfen erkranken, beispielsweise in der ersten Fassung mit 16,2 Prozent (Seite 3 im Dokument) angegeben, in der zweiten Fassung mit 16,8 Prozent (Seite 2 im Dokument). Auch bei den anderen Erkrankungen und Allergien gibt es solche Abweichungen. Erklärt werden die Unterschiede nicht. 

Das RKI kommentiert uns gegenüber, dass die Auswertungen nun zwar mit gewichteten Daten vorgenommen wurden, aber „nach wie vor nicht korrekt“ seien. Unter anderem, weil Kinder, die wegen häufiger Krankheit nicht geimpft wurden, sowie Kinder im ersten Lebensjahr und solche mit Migrationshintergrund, bei denen die Impfangaben unklar seien, nicht von der Analyse ausgeschlossen wurden.

Laut Legitim hatte Müller bei ihrer Gegenauswertung diese „Tricks“ absichtlich weggelassen, weil sie der Meinung war, dass sie die Statistik verfälschen.

Auszug der E-Mail vom RKI. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

RKI sieht „keine signifikanten Unterschiede“ beim Gesundheitszustand von geimpften und ungeimpften Kindern

Das RKI hatte als Reaktion auf die Auswertung den Gesundheitszustand von geimpften Kindern im Vergleich zu ungeimpften Kindern untersucht und die Ergebnisse 2011 im Ärzteblatt veröffentlicht. Das RKI schrieb uns dazu: „Unsere Nachprüfungen haben ergeben, dass bei korrekter Auswertung keine signifikanten Unterschiede zwischen geimpften und ungeimpften Kindern nachweisbar sind.“ 

In der Auswertung des RKI von 2011 heißt es, die Bedenken mancher Eltern, aber auch Ärzte, dass das Immunsystem von geimpften Kindern schwächer auf andere Erkrankungen reagiere und sie deshalb häufiger an Erkältungen, Bronchitis oder Magen-Darm-Infektionen leiden würden, ließen sich mit den Daten nicht bestätigen. Zudem ergebe die Studie auch in Bezug auf Allergien, Herzkrankheiten, Epilepsie oder ADHS keine signifikanten Unterschiede zwischen geimpften und ungeimpften Kindern.

Die Aussage, dass es keine Unterschiede gebe, bezieht sich jedoch nur auf Krankheiten, gegen die nicht geimpft wird, wie grippale Infekte. In der Untersuchung des RKI heißt es dazu: „Der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die schon einmal Keuchhusten, Masern, Mumps und/oder Röteln hatten, ist bei ungeimpften wesentlich größer als bei ausreichend gegen die jeweilige Krankheit geimpften Kindern und Jugendlichen.“

Auch andere Quellen des Beitrags nicht belastbar

Als weitere Quelle für die Behauptung von Legitim wird die von einem Homöopath und Naturheilpraktiker namens Andreas Bachmair betriebene Webseite „Impfschaden.infogenannt. Dort werden jedoch keine Studien angeführt, sondern eine eigene Umfrage gemeinsam mit einer englischen Initiative namens „Vaccine Injury“ und eine weitere Auswertung der KiGGS-Studie des RKI. Diese werden mit einer Untersuchung des Homöopathen und Impfkritikers Rolf Kron verglichen.

Die Aufstellung ist fragwürdig. Teils handelt es sich nicht um offizielle und geprüfte Studien oder Umfragen, teils sind die Auswertungen viele Jahre alt. Da die Daten alle unterschiedlich erhoben wurden, sind die Ergebnisse nicht vergleichbar. Zudem widersprechen die dargestellten Ergebnisse zur KiGGS-Studie der Untersuchung des RKI. So wird auf „Impfschaden.info“ etwa behauptet, die KiGGS-Studie habe ergeben, dass geimpfte Kinder doppelt so häufig an Mittelohrentzündungen erkrankten wie ungeimpfte. Wie das RKI in dem Artikel im Ärzteblatt explizit erklärte, gebe es jedoch für das Auftreten von Mittelohrentzündungen „keine wesentlichen Unterschiede“ bei geimpften und ungeimpften Kindern.

Fazit: Es gibt keine Belege für die Behauptung, dass ungeimpfte Kinder gesünder seien als geimpfte. Das RKI kommt zu dem Schluss, dass Krankheiten wie grippale Infekte, Mittelohrentzündungen oder Bronchitis weder wesentlich häufiger noch seltener bei geimpften Kindern auftreten. Die angeblich „verschwiegenen Studien“ sind nicht belastbar. Bezogen auf impfbare Kinderkrankheiten wie Mumps, Röteln, Keuchhusten oder Masern erkranken nicht geimpfte Kinder zudem laut RKI deutlich häufiger als geimpfte.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Der Beitrag bezieht sich auf eine laut RKI fehlerhafte Auswertung und nicht belastbare Quellen.

NanaCola Pixabay
Atemschutzmasken erhöhen nicht das Infektionsrisiko mit SARS-CoV-2. (Symbolbild: NanaCola/Pixabay)

von Steffen Kutzner

In einem Online-Artikel wird behauptet, die WHO habe ihren Standpunkt bezüglich Masken aus Stoff geändert, weil sie angeblich das Risiko einer Ansteckung mit dem Coronavirus erhöhen können. Das wurde von der WHO so nicht kommuniziert. Der Artikel lässt entscheidenden Kontext weg.

Hinweis, 3. Juli 2020: Deutsche Wirtschaftsnachrichten hat den Artikel, auf den sich dieser Faktencheck bezieht, inzwischen aktualisiert und deutlich gemacht, dass die WHO nicht ihren Standpunkt in Bezug auf die Gefährlichkeit von Masken verändert hat. Unser Text bleibt zur Dokumentation unverändert.

In einem Artikel auf der Webseite Deutsche Wirtschaftsnachrichten wird behauptet, die WHO habe ihre Meinung zu Schutzmasken aus Stoff geändert: Zuvor habe sie das Tragen von Stoffmasken empfohlen. „Nun behauptet sie, dass solche Masken das Risiko einer Ansteckung auch erhöhen können“, heißt es in dem Beitrag vom 10. Juni 2020. Stattdessen solle man laut WHO dreilagige Masken tragen. 

Die Überschrift des Beitrags führt in die Irre, und im Artikel wird der entscheidende Kontext weggelassen. Die WHO hat nicht gesagt, dass Stoffmasken das Infektionsrisiko erhöhen.

Der Artikel bezieht sich vermutlich auf die Pressekonferenz der WHO vom 5. Juni, die es auch als Abschrift gibt. Darin führte der Generaldirektor der WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus, tatsächlich neue Empfehlungen der WHO bezüglich Masken an: 

  • Es wird für medizinisches Personal in Einrichtungen mit hohen Infektionszahlen immer empfohlen, Masken zu tragen, nicht nur während des Kontakts mit Covid-19-Patienten und auch nicht nur für das Personal, das Kontakt zu Patienten hat. (ab 4:07 im Video)
  • Personen über 60 Jahre und Risikopatienten wird empfohlen, in Gegenden mit hohen Infektionszahlen eine medizinische Schutzmaske zu tragen, wenn der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann. (ab 8:17 im Video)

Tedros Adhanom Ghebreyesus wies zudem darauf hin, dass die WHO ihre Richtlinien für den alltäglich Einsatz von Masken in der Öffentlichkeit geändert habe (ab 4:57 im Video). Man rate Regierungen, ihre Bürger zu ermuntern, Masken zu tragen wo es viele Infektionen gebe und Abstandhalten schwierig sei, zum Beispiel in öffentlichen Verkehrsmitteln oder Läden. Es gebe zudem neue Empfehlungen für die Beschaffenheit von Textilmasken: Sie sollten aus mindestens drei Lagen aus verschiedenem Material bestehen. Zudem gebe die WHO Empfehlungen, wie die Maske zu waschen und richtig anzuwenden sei. Diese Änderungen werden im Text von Deutsche Wirtschaftsnachrichten erwähnt. 

Doch weder in der am 5. Juni aktualisierten Richtlinie der WHO noch in der älteren Fassung vom 6. April heißt es, dass Atemschutzmasken aus Stoff das Risiko für eine Infektion mit dem Coronavirus erhöhen könnten.

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Die Behauptung ist vermutlich eine falsche Interpretation einer Aussage von Tedros Adhanom Ghebreyesus in der Konferenz. Er sagte (ab Minute 6:13 im Video), dass man sich beim Tragen der Maske infizieren könne, wenn man keine sauberen Hände habe: „Menschen könnten sich infizieren, wenn sie die Maske mit ungewaschenen Hände zurechtrücken oder die Maske ab- und wieder aufsetzen ohne sich dazwischen die Hände zu waschen.“ Masken könnten außerdem ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln. „Ich kann es nicht genug betonen: Masken allein werden Sie nicht vor Covid-19 schützen“, erklärte Tedros Adhanom Ghebreyesus. „Masken sind kein Ersatz für physisches Abstandhalten, Handhygiene und andere Gesundheitsmaßnahmen.“ Masken seien nur sinnvoll als ergänzende Maßnahme. 

Aus dieser Aussage abzuleiten, die WHO habe erklärt, Masken zu tragen erhöhe das Infektionsrisiko, ist irreführend. Denn das Risiko geht nicht von den Masken aus, sondern von Menschen, die nicht auf ihre Handhygiene achten.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die WHO hat nicht gesagt, dass Schutzmasken aus Stoff das Risiko einer Infektion mit dem Coronavirus erhöhen können.

Header
Screenshot der Bilder auf Facebook. (Quelle: Phillip Jeuring/Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Auf Facebook kursieren mehrere Beiträge, in denen behauptet wird, dass in Kroatien Vögel plötzlich gestorben seien, als ein 5G-Sendemast eingeschaltet wurde. Die Bilder stammen jedoch aus Italien und zeigen die Folgen eines Sturms.

„Die Öffentlichkeit unter Schock! Vogeltod in Kroatien nach der Installation und Einschaltung des 5G-Turms vor 2 Tagen.“ Mit diesen Worten beginnen auf Facebook mehrere Beiträge von Mitte Mai, die zusammen mehr als 5.000 Mal geteilt wurden. Darin sind Fotos von zahlreichen Vögeln, die am Boden liegen, zu sehen. Es wird behauptet, dass sie kurz nach der Aktivierung eines 5G-Sendemastes in Kroatien „vor zwei Tagen“ gestorben seien. Je nach Beitrag wäre das am 12. oder 16. Mai gewesen. 

Falsch ist beides. Die Bilder toter Vögel, die sich in den Beiträgen finden, sind älter und stammen aus Italien.

Die Bilder wurden bereits am 5. Februar 2020 auf der Facebook-Seite des Mediums Roma Today geteilt. Dort heißt es laut der Übersetzungssoftware DeepL: „Wind in Rom, ein Baum fällt und ein Mann wird verletzt: Es ist ein schweres Massaker an toten Vögeln auf der Straße.“ Die Bilder beziehen sich also auf ein Unwetter in Rom. Dabei wurde ein Mann von dem umstürzenden Baum verletzt, wie Roma Today in dem auf Facebook verlinkten Artikel berichtet. Die Vögel auf der Straße, so heißt es weiter, hätten ihre Nester in dem umgestürzten Baum gehabt. 

Laut der Webseite Ookla, die nach eigenen Angaben den Mobilfunkausbau anhand offizieller Quellen dokumentiert, ist 5G in Rom zwar verfügbar. Jedoch kann der Mobilfunkstandard Tieren und Menschen laut Bundesamt für Strahlenschutz nicht gefährlich werden, sondern lediglich eine Veränderung der Körpertemperatur von weniger als einem Grad Celsius zur Folge haben. Der Tod der Vögel kann also nichts mit dem Mobilfunkstandard 5G zu tun haben. 

Als Bäume getarnte 5G-Masten?

In einem der Beiträge werden zusätzlich einige Fotos von Bäumen gezeigt. Eines zeigt eine Antenne in einem Baum. In diesem Beitrag wird geschrieben, dass in den USA 5G-Antennen als Bäume getarnt würden.

Tatsächlich zeigen die Bilder Funkmasten, die in Bäume integriert zu sein scheinen. Das erste Bild von dem einzelnen Baum an einer Straße wurde im März 2016 auf einer Webseite veröffentlicht, die als Quelle celltowerphotos.com angibt. Dort findet sich das Foto ebenfalls, jedoch ohne Angabe von Zeit oder Ort. Die anderen Bilder der Seite weisen jedoch auf die USA hin. 2016 gab es noch kein 5G – laut Medienberichten begann die schrittweise Einführung erst 2018.

Diese Fotos sollen in Bäume integrierte Funkmasten zeigen. (Screenshot: CORRECTIV)

Die beiden anderen Bilder zeigen ebenfalls Funktürme, die Bäumen nachempfunden sind. Das Bild mit der am Kran hängenden „Baumspitze“ stammt mutmaßlich von einer Webseite eines Herstellers von Funktürmen und Strommasten. Eine Bilderrückwärtssuche mit Tineye gibt als Datum den 22. Oktober 2014 an. Dasselbe Bild war im April auf Facebook veröffentlicht worden mit der Behauptung, die getarnten Masten dienten dazu, Menschen auszuspionieren, was einen Faktencheck von Australian Associated Press (AAP) zur Folge hatte. 

Das Bild mit drei Bäumen, auf dem ein gelb-roter Kranarm zu sehen ist, stammt laut der Rückwärtssuche bei Tineye ebenfalls aus dem Jahr 2014.

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Dass Funkmasten in die Landschaft oder in Gebäude integriert werden, dient also nicht dazu, 5G-Masten zu verheimlichen. Seit vielen Jahren gibt es diese Vorgehensweise, die offenbar ästhetische Gründe hat.

Um die 5G-Technologie ranken sich verschiedene falsche Behauptungen, die wir unter anderem hier, hier und hier überprüft haben.

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Bilder stammen nicht aus Kroatien, sondern aus Italien und zeigen die Folgen eines Sturms.

CDC flickr.com CC BY 2.0
Ein Mädchen bekommt eine Schluckimpfung gegen Polio. (Quelle: CDC/Flickr CC BY 2.0)

von Steffen Kutzner

In einem Online-Artikel wird behauptet, es würden mehr Menschen durch Impfungen mit Polio infiziert als durch natürlich vorkommende Polio-Viren. Das stimmt, die Zahlen sind jedoch, anders als in dem Text behauptet, sehr gering. Die Viren aus den Impfstoffen selbst verursachen für gewöhnlich keine Symptome.

Ein Online-Artikel auf der schweizerischen Webseite Legitim titelte im Dezember 2019 „WHO bestätigt: Mehr Kinderlähmungen durch Impfstoffe als durch Wildviren!“ Das stimmt, es wird aber entscheidender Kontext weggelassen. Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 7.400 Mal auf Facebook geteilt.

Impfstoff-basierte Viren, die zirkulieren und Erkrankungen auslösen können, werden als cVDPV bezeichnet – circulating vaccine-derived poliovirus. Solche Fälle sind aber laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sehr selten.

Laut Angaben der Global Polio Eradication Initiative, einem 1988 ins Leben gerufenen Gemeinschaftsprojekt der WHO, Unicef und verschiedenen anderen Institutionen, gab es im Jahr 2019 weltweit 176 Polio-Infektionen durch Wildviren und 368 Infektionen durch Polio-Viren aus Impfstoffen. 

Im Jahr 2020 sind es bisher (Stand: 9. Juni) 61 Fälle durch Wildviren und 134 durch Impfviren. Für den Vorjahreszeitraum ist das Verhältnis knapp umgekehrt: Vom 1. Januar bis zum 9. Juni 2019 waren es 43 Fälle durch Wildviren und 42 durch Impfviren. 

Die Behauptung in der Überschrift stimmt also nicht für jeden beliebigen Zeitraum, ist aber überwiegend richtig. Ein Bericht der Global Polio Eradication Initiative aus dem Jahr 2019 wird auch von Legitim als Quelle angegeben.

Screenshot des Datensatzes der Global Polio Eradication Initiative (Screenshot: CORRECTIV)

Legitim nennt diese Zahlen nicht und deutet stattdessen an, dass es durch die Polio-Impfungen tausende Fälle von Polio-Infektionen gebe. Das stimmt jedoch nicht. Die Zahlen bewegen sich auf das ganze Jahr gerechnet und weltweit gesehen im dreistelligen Bereich. Außerdem wiederholt Legitim eine Behauptung, die CORRECTIV bereits überprüft hat: Dass angeblich in Indien 500.000 Kinder durch Polio-Impfungen gelähmt worden seien. Das ist falsch, wie unser Faktencheck zeigte

Dass es mehr Polio-Fälle durch Impfviren gibt, als durch natürlich vorkommende Polio-Erreger, bedeutet nicht, dass die Impfung gefährlich oder unnütz wäre, wie es der Beitrag auf Legitim impliziert. Denn die Impfung schützt vor eben jenen Wildviren. 

Laut Robert-Koch-Institut (RKI) konnte die Zirkulation wilder Polio-Viren nur in drei Ländern nicht beendet werden: Afghanistan, Pakistan und Nigeria. Infektionen durch Impfstoff-Polio-Viren (cVDPV) treten laut RKI nur auf, wenn in einer bestimmten Region nicht genügend Menschen geimpft wurden. 

Impfstoff-Viren verursachen keine Symptome und tragen zur Herdenimmunität bei

Die Impfstoff-Polio-Viren selbst verursachen laut RKI keine Erkrankung. Sie können zwar von der geimpften Person auf Dritte übertragen werden, verursachen aber keine Symptome. Die Viren werden nach der Impfung ausgeschieden und können sich über Schmierinfektionen verbreiten, wenn die hygienischen Umstände schlecht sind. Die so infizierten Personen entwickeln jedoch lediglich Antikörper, erklärt das RKI auf einer Informationsseite: „Zirkulierende Polio-Impf-Viren tragen somit zum Auf­bau einer ‘Herden­immuni­tät’ in der Bevölkerung und zur Elimination der Erkrankung bei.“

Erst wenn das Virus längere Zeit im Umlauf sei und gegebenenfalls mutiere, entstehe die Gefahr einer symptomatischen Polio-Erkrankung bei nicht geimpften Menschen. Von einem „Schlamassel“, das die WHO „selbst verursacht“ habe und „Millionen Menschenleben“, die durch „giftige Impfstoffe“ ruiniert würden, wie es bei Legitim heißt, kann also keine Rede sein. 

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Seit die Global Polio Eradication Initiative gegründet wurde, konnten die weltweit vorkommenden Polio-Erkrankungen laut WHO um 99 Prozent reduziert werden. Das hat nach Angaben des RKI schätzungsweise 10 Millionen Fälle von Kinderlähmung durch Polio-Viren verhindert. Erst im Oktober 2019 verkündete die WHO, dass der zweite der drei existierenden Wildvirenstämme weltweit ausgerottet sei.

Fazit: Es ist richtig, dass es inzwischen mehr Polio-Infektionen durch Impfstoffe gibt, als durch Wildviren. Beide Fallzahlen sind jedoch sehr gering. Legitim lässt wesentlichen Kontext weg. Durch den Impfstoff hervorgerufene Polio-Ausbrüche treten laut RKI und WHO nur dort auf, wo die Impfquote zu niedrig ist.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Es gibt tatsächlich mehr Fälle von Polio-Infektionen durch den Impfstoff als durch Wildviren, jedoch sind die Fallzahlen viel geringer als von „Legitim“ dargestellt.

Header
Das auf Facebook gepostete Bild. (Quelle: Heino Wichmann/Facebook, Collage: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Auf Facebook wurde eine Aufstellung angeblicher Zahlen zu „aktuell Infizierten“ in den Bundesländern geteilt. Als Quelle wird das Robert-Koch-Institut angegeben. Die Zahl der aktuell Infizierten wird jedoch gar nicht erhoben und kann auch nicht zuverlässig berechnet werden.

Auf Facebook wurde am 25. Mai ein Bild veröffentlicht, das angeblich den Anteil der „aktuell Infizierten“ pro Bundesland in Prozent auflistet. Das Bild wurde bis zum 5. Juni rund 700 Mal geteilt. Als Quelle wird das Robert-Koch-Institut (RKI) und das Datum 25. Mai 2020 angegeben. Das RKI hat diese Zahlen jedoch nicht veröffentlicht und erhebt sie auch nicht. 

Die Zahl der aktuell Infizierten findet sich weder auf dem Dashboard, das das RKI zur Verfügung stellt, noch in den täglich veröffentlichten Situationsberichten. Auch speziell im Bericht vom 25. Mai 2020 finden sich die Werte nicht.

Anzahl der aktuell aktiven Infektionen wird nicht erhoben

Auf dem Dashboard und in den Berichten finden sich zwar für jedes Bundesland die Zahlen zu den insgesamt gemeldeten Coronafällen, zu den Verstorbenen und auch zu den Genesenen, aber die aktuellen Fälle lassen sich daraus nicht ableiten. Der Grund dafür ist, dass die Zahlen der Genesenen lediglich „grobe Schätzungen“ sind, wie uns das RKI auf Anfrage mitteilt. 

Es sei „aufgrund der unterschiedlichen Belastbarkeit nicht ratsam“, die Zahl der aktuell Infizierten daraus errechnen zu wollen. Die Krankheitsverläufe könnten unterschiedlich lang sein, und die nötigen Informationen würden nicht bei allen Fällen an das RKI übermittelt. Dem RKI liege die Zahl der aktuell Infizierten also nicht vor.

Auszug aus der E-Mail des RKI vom 5. Juni. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Das RKI teilte uns weiter mit, dass die Prozentwerte in der Tabelle nicht vom RKI stammen. „Daten darüber, ob ein Patient wieder genesen ist, werden nicht offiziell erhoben. Die Erhebung ist auch nicht gesetzlich vorgesehen.“ 

E-Mail einer Sprecherin des RKI. (Screenshot: CORRECTIV)

Das RKI hat uns die Zahlen der Genesenen (Schätzung), der Toten und aller Infizierten pro Bundesland für den 25. Mai zur Verfügung gestellt. Die Angaben in dem auf Facebook veröffentlichten Bild decken sich ungefähr mit dem Ergebnis, das man erhält, wenn man die Todesfälle und die Schätzung der Genesenen von den Gesamtinfektionen abzieht und das Verhältnis zur Bevölkerung des Bundeslandes berechnet. 

Ein Beispiel: Die im Bild angegebenen 0,012 Prozent von 17,93 Millionen Einwohnern, die Nordrhein-Westfalen laut Statistischem Bundesamt hat, entsprechen rund 2.152 aktiven Infektionen. Den Daten des RKI zufolge wären es 2.122, also 30 Personen weniger. 

Offenbar wurde für das Bild also jene Rechnung vorgenommen, von der das RKI abrät, weil die Zahlen der Genesenen ungenau und nicht belastbar seien.

Die Daten, die uns das RKI zur Verfügung gestellt hat. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf Facebook wurde das Bild außerdem veröffentlicht mit den Worten: „Aufgrund welcher Zahlen, sollen wir eigentlich immer noch diesen Maulkorb tragen???“ Gemeint ist wohl der Mundschutz. Unabhängig davon, woher die Angaben in dem Bild stammen, lässt sich aus der Anzahl der Infizierten jedoch nicht ableiten, ob eine Maskenpflicht sinnvoll ist. 

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Fazit: Wie genau die Prozentwerte in dem Facebook-Bild berechnet wurden, steht nicht fest. Das RKI hat diese Zahlen nicht veröffentlicht. Wie viele aktive Infektionen es in Deutschland gibt, wird nicht erhoben und kann laut RKI auch nicht zuverlässig berechnet werden, da die Zahl der Genesenen lediglich eine grobe Schätzung sei und sich die Zahlen somit nicht vergleichen lassen.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Eine zuverlässige Berechnung der aktiven Infektionen ist laut RKI nicht möglich.

Header
Der Facebook-Beitrag mit dem betreffenden Bild. (Quelle: Marco Rivas/Facebook, Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Auf Facebook wurde ein Foto von Leichensäcken geteilt, die auf einem Fußweg aufgereiht liegen. Eine Frau trägt mit einer Hand einen davon weg. Nutzer leiten daraus ab, dass sich in den Säcken nicht wirklich Leichen befinden können und die Pandemie deshalb ein „Schwindel“ sei. Unsere Recherche zeigt jedoch: Die Säcke waren Teil einer Protestaktion in Miami.

„Pandemie oder ein großer Schwindel?“ Diese Frage stellt ein Facebook-Nutzer in einem Beitrag vom 30. Mai. Auf einem Foto ist zu sehen, wie eine Frau einen schwarzen Sack, der aussieht wie ein Leichensack, mit nur einer Hand trägt. Neben ihr liegen auf einem Bordstein mindestens 15 weitere Säcke aufgereiht. Es sind auch einige Plüschtiere, Fotos und ein Kranz zu sehen, die den Eindruck erwecken, es handele sich um eine Aufbahrung von Verstorbenen auf offener Straße. Das ist jedoch nicht der Fall – die angeblichen Leichensäcke sind Teil einer Inszenierung während einer Protestaktion in Miami, Florida.

Keine echten Leichen, sondern symbolische Opfer

Der Facebook-Nutzer, dessen Beitrag mehr als 2.300 Mal geteilt wurde, merkt offenbar ironisch an, dass „amerikanische Frauen extrem stark“ seien, weil sie „einen Leichensack mit einer Hand bewegen“ könnten. Auch den Umstand, dass der Plastiksack nicht reißt, deutet der Nutzer als Hinweis darauf, dass sich in den Säcken keine Leichen befinden könnten. 

Damit liegt der Autor des Beitrags richtig – in den Säcken befinden sich keine Leichen. Das hatten allerdings auch weder die Veranstalter der Protestaktionen behauptet, noch wurde die These in Medienberichten aufgestellt.

Die Aufnahme stammt vom 27. Mai 2020 und zeigt laut der Bildbeschreibung des Fotos bei der Bilddatenbank Shutterstock einen symbolischen Trauerzug in Miami. Der war als Protest gegen die Wiedereröffnung der Wirtschaft ohne staatliche Corona-Hilfen abgehalten worden. In den Plastiksäcken befanden sich also keine echten Leichen, und dies wurde von den Fotografen auch deutlich gemacht. Das Foto beweist also nicht, dass die Pandemie ein „Schwindel“ ist, wie es der Facebook-Nutzer unterstellt.

Aktivisten nutzten Leichensäcke schon häufiger für Protestaktionen

Medien berichteten über die Aktion in Florida und machten ebenfalls deutlich, dass es ein symbolischer Protest war. Vergleichbare Aktionen gab es in den vergangenen Wochen häufiger, Berichten zufolge nicht nur in Florida, sondern auch in Washington D.C., Texas und Arizona. Der Text des Facebook-Beitrags wurde vermutlich mit einem Programm automatisch übersetzt, worauf etwa der Satz „Ich war noch nie gut in Physik, aber wenn ich mich recht erinnere, versuchen viele Pakete an diesem einen Punkt, wo sie aufbewahrt wird, die Tasche zu reißen“ hindeutet. 

Fazit: Das Foto mit den vermeintlichen Leichensäcken zeigt eine Protestaktion in Miami am 27. Mai 2020.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Das Foto wird in falschen Kontext gestellt. Es zeigt einen symbolischen Trauerzug bei einer Protestaktion.

Header mit Rahmen
Dieses Bild mit einer Übersicht von Todeszahlen wurde auf Instagram geteilt. (Screenshot: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Auf Instagram wurde ein Bild mit der Aufstellung angeblicher Opferzahlen durch verschiedene Todesursachen im ersten Quartal 2020 veröffentlicht. Die Zahlen basieren jedoch auf Schätzungen und sind teilweise veraltet. Die Statistiken sind nicht vergleichbar.

Auf Instagram wurde am 17. April vom Account „The Truth Hunters“ ein Bild mit einer Liste geteilt, in der angebliche Opferzahlen durch verschiedene Todesursachen aufgezählt werden. Sie enthält Zahlen zu Malaria, Verkehrsunfällen und Hunger. Auch Zahlen zum Coronavirus sind dort angegeben. Der Zeitraum, aus dem die Zahlen stammen, soll der 1. Januar bis 1. April 2020 sein. 

Als Quelle wird die Webseite „Worldometer“ genannt. Es finden sich für alle in der Liste aufgeführten Todesursachen Zahlen auf der Webseite. Die Aufstellung auf Instagram ähnelt einem im April auf Whatsapp und Facebook geteilten Bild, das ebenfalls die Zahlen verschiedener Todesursachen mit denen von Covid-19 verglich. Wir haben dazu einen Faktencheck veröffentlicht. 

Die Aufstellung der Zahlen zu verschiedenen Todesursachen auf Instagram. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf der Webseite „Wordometer“ werden vermeintliche Echtzeitzähler zu unterschiedlichen Themen aufgelistet, etwa zur Weltbevölkerung, verbrauchter und hergestellter Energie, oder Umweltthemen. Die Webseite hat keine Archivfunktion und die Betreiber der Seite haben bis zur Veröffentlichung nicht auf unsere Anfrage geantwortet, deshalb konnten wir nicht überprüfen, ob die angegeben Zahlen tatsächlich am 1. April auf der Webseite zu finden waren. 

Eine Ausnahme bildet die Angabe für die Coronavirus-Todesfälle. Am 1. April waren es laut „Worldometer“ 49.233 Fälle. Als Quelle dafür werden zum Beispiel offizielle Berichte von Regierungen und regionalen Medien genannt. Die WHO gibt abweichend davon für den 1. April 40.598 Tote an. Laut dem auf Instagram geteilten Bild lag die Zahl der Todesfälle durch das Coronavirus am 1. April bei 46.491, also zwischen den offiziellen Zahlen der WHO und denen von „Worldometer“. 

Die Übersicht der Opferzahlen für das Coronavirus auf der Seite „Worldometer“. (Screenshot: CORRECTIV)

In der Auflistung von „The Truth Hunter“ werden Todesursachen miteinander in Beziehung gesetzt, die nichts gemeinsam haben. Die einzigen Virus-Erkrankungen in der Aufstellung neben Covid-19 sind die saisonale Grippe und Aids. Zudem ist das Coronavirus die einzige Todesursache, die neuartig ist und deren Opferzahlen deshalb stark steigen.

Unsere Recherche ergibt zudem: Die Daten zu den anderen Todesursachen sind nicht aktuell. „Worldometer“ legt seine Berechnungsmethode nicht offen, sondern erklärt auf seiner Webseite, die Daten würden aus offiziellen Quellen stammen, aber nicht in Echtzeit erhoben. Sie würden lediglich auf Basis von teilweise mehrere Jahre alten Zahlen geschätzt: „Wir analysieren die verfügbaren Daten, führen statistische Analysen durch und erstellen unseren Algorithmus, der die Echtzeitschätzung liefert.

Auszug aus der FAQ-Seite von „Worldometer“. (Screenshot: CORRECTIV)

Abtreibung

Im Bild werden 10.670.908 Todesfälle durch Abtreibung genannt. Ob damit die abgetriebenen Föten gemeint sind oder die bei einer Abtreibung verstorbenen Schwangeren, ist nicht klar. Als Quellen gibt „Worldometer“ eine Übersichtsseite der WHO an, auf der sich die Information nicht findet und einen nicht funktionierenden Link zur Webseite „Society Of Obstetricians And Gynaecologists Of Canada“, einer kanadischen Vereinigung, die sich um Frauengesundheit und Familienplanung kümmert.

Die WHO gibt an, dass weltweit zwischen 2010 und 2014 pro Jahr durchschnittlich 56 Millionen Abtreibungen durchgeführt wurden. Dabei sterben pro 100.000 Abtreibungen – abhängig von der Region – 30 bis 520 Frauen.

Ausgehend von den Zahlen der WHO lassen sich die im geteilten Bild angegebenen 10,67 Millionen Opfer von Abtreibungen im ersten Quartal 2020 nicht nachvollziehen. Bezieht sich die Zahl auf die durchgeführten Abtreibungen, wären es pro Quartal 14 Millionen, nicht 10,67 Millionen. Und falls sich die Zahl auf die Frauen bezieht, die bei Abtreibungen sterben, müsste sie nach Angaben der WHO zwischen 4.200 und 72.800 pro Quartal liegen. 

Hunger

In der Liste auf dem Instagram-Bild ist zu lesen, dass im ersten Quartal 2020 2,81 Millionen Menschen an Hunger starben. Wir können diese Zahl nicht verifizieren. Es gibt hierzu keine aktuellen Daten. 

„Worldometer“ gibt drei Quellen für die Hungertoten pro Tag und seit Jahresbeginn an: Die Hunger Map des World Food Programme von 2019, auf der jedoch keine Zahlen für Hungertote genannt werden. Eine Übersichtsseite der WHO für den World Health Report 2013, auf der ebenfalls keine Zahlen genannt werden. Und die Seite von UNICEF, die Links zu den jährlichen Berichten zum Status von Unterernährung und Armut bei Kindern bietet. Auch dort werden keine Zahlen zu Hungertoten genannt. 

Wir konnten in den Berichten der Vereinten Nationen, der WHO, der Welthungerhilfe, des FSIN und UNICEF keine aktuellen Zahlen finden. Presseanfragen an die WHO und die Welthungerhilfe wurden mit Verweis auf die Berichte beantwortet. Die Welthungerhilfe und die FAO schrieben uns, es lägen keine aktuellen Zahlen vor. Eine Pressesprecherin der WHO teilte uns mit, man wüsste von keinen jährlichen Berichten, die Angaben zu Hungertoten machten.

Auszug aus der Antwort-E-Mail der WHO auf die Frage, ob Zahlen zu Hungertoten bekannt seien. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Hilfsorganisation Mercy Corps gibt auf ihrer Webseite „mehr als neun Millionen Tote“ pro Jahr durch Hunger an, die Quelle für diese Zahl ist jedoch unklar. Auf das Quartal heruntergerechnet wären das 2,25 Millionen.

Krebs

Krebstote laut Aufstellung der WHO aus dem Jahr 2018. (Screenshot: CORRECTIV)

„Worldometer“ gibt als Grundlage für ihren Schätzwert der Krebs-Todesfälle eine Übersichtsseite der WHO an. Dort findet sich aber lediglich der gerundete Wert von 9,6 Millionen Krebstoten für das Jahr 2018. Das wären 2,39 Millionen pro Quartal. Aktuellere Zahlen gibt es nicht. 

Für die 2,06 Millionen Todesfälle, die im Bild genannt werden, fanden wir also keine Belege. 

Rauchen

„Worldometer“ gibt als Quelle für die durch das Rauchen verursachten Todesfälle eine Seite der WHO an, auf der jedoch keine jährlichen Opferzahlen genannt werden. Aktuelle Zahlen aus 2020 liegen hierzu nicht vor, deshalb kann die Zahl von 1,25 Millionen, die in dem Instagram-Bild genannt wird, nicht überprüft werden. 

Im Jahr 2016 starben laut dem von der amerikanischen Krebsgesellschaft herausgegebenen ‘Tabakatlas’ weltweit 7,1 Millionen Menschen an den Folgen des Rauchens. Die WHO spricht auf einer zuletzt im Mai 2020 aktualisierten Webseite von mehr als acht Millionen pro Jahr. Daraus ergeben sich für das Quartal rund 1,78 bis 2 Millionen Tote weltweit. 

Aids

Angeblich sind laut der Aufstellung im ersten Quartal diesen Jahres 422.032 Menschen an Aids gestorben. „Worldometer“ nennt als Quelle das AIDS-Programm der Vereinten Nationen UNAIDS, auf deren Webseite sich die Zahl von 770.000 Todesfällen durch Krankheiten in Verbindung mit Aids im Jahr 2018 finden lässt. Es handelt sich jedoch um eine Schätzung, die Variable wird mit 570.000 bis 1,1 Millionen angegeben.

Screenshot aus dem Aids-Bericht der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2019. (Screenshot: CORRECTIV)

Die im auf Instagram geteilten Bild angegebene Zahl von 422.032 bisher im Jahr 2020 ist nicht nachvollziehbar. 

Verkehrsunfälle

Für die behauptete Zahl von 338.886 Verkehrstoten im ersten Quartal 2020 gibt es keine direkte Quelle. Als Berechnungsgrundlage nennt „Worldometer“ eine Pressemitteilung der WHO aus dem Jahr 2011, in der für das Jahr 2020 1,9 Millionen Tote durch Verkehrsunfälle vorausgesagt wurden.

Dem Global Status Report On Road Safety der WHO aus dem Jahr 2018 zufolge sind in jenem Jahr 1.354.840 Menschen bei Verkehrsunfällen gestorben, Fußgänger und Radfahrer mit eingeschlossen. Heruntergerechnet entspricht das 339.000 Fällen pro Vierteljahr. Die Zahl der Verkehrstoten weltweit steigt seit Jahren.

Suizid

Als Quelle für die Selbstmorde pro Tag und seit Jahresbeginn gibt „Worldometer“ eine Übersichtsseite der WHO zu Suizidraten an, auf der von „close to 800.000 people“ pro Jahr gesprochen wird.

Die aktuellsten Zahlen, die die WHO zu Todesfällen durch Suizid erhoben hat, stammen aus dem Jahr 2016. Die Schätzung geht von 793.000 Suiziden weltweit aus. Auch im von der WHO herausgegebenen Bericht World Health Statistics 2019 wird sich noch darauf bezogen (Seite 31), allerdings sind es hier 800.000 Todesfälle durch Selbstmord. 

Selbst wenn die Zahl auf 2020 übertragbar wäre, wären es etwa 198.000 Fälle pro Quartal. Die im Bild angegebene Zahl von 269.209 ist also mit diesen Daten nicht nachvollziehbar. 

Malaria

Laut der Aufstellung sind im ersten Quartal diesen Jahres angeblich 246.250 Menschen an Malaria gestorben. Diese Zahl ist unbelegt. „Worldometer“ verweist als Quelle für die Zahl pro Tag und seit Jahresbeginn auf eine Übersichtsseite der WHO, auf der die Zahlen für Malaria-Tote jedoch nicht genannt werden.

Der World Malaria Report 2019 der WHO gibt für das Jahr 2018 weltweit schätzungsweise 405.000 Gestorbene an. Aktuellere Zahlen gibt es bisher nicht. Heruntergerechnet auf ein Quartal ergibt sich damit eine ungefähre Zahl von 101.000 Toten. 

Verunreinigtes Trinkwasser

Zu dieser Todesursache gibt es auf „Worldometer“ keine Angabe. Es ist jedoch denkbar, dass damit die Todesfälle durch Krankheiten gemeint sind, die mit Wasser in Verbindung stehen. Dass damit jedoch verunreinigtes Trinkwasser gemeint ist, wird auf „Worldometer“ nicht gesagt. Laut des geteilten Bildes lag die Zahl am 1. April bei 211.416 und laut „Worldometer“ am 27. Mai bei etwa 340.000.

Screenshot der Daten, die „Worldometer“ für Wasser zur Verfügung stellt. (Screenshot: CORRECTIV)

Als Quellen werden auf „Worldometer“ zwei Webseiten der WHO zum Thema Wasser genannt, auf denen erklärt wird, dass verunreinigtes Wasser Krankheiten wie Cholera, Diarrhö, Ruhr, Hepatitis A, Typhus und Polio auslösen kann. Im World Water Development Report 2020 der Vereinten Nationen heißt es, dass verunreinigtes Wasser und mangelnde Hygienebedingungen vorsichtig geschätzt jährlich knapp zwei Millionen Leben kosten (Seite 71). 

Die Quelle dafür ist ein WHO-Bericht, der schon aus dem Jahr 2008 stammt. Die Zahl von zwei Millionen verstorbenen Menschen ist dort allerdings nicht zu finden. Zu den 211.416 Toten durch verunreinigtes Trinkwasser in der geteilten Aufstellung gibt es keine Quelle. Die Angabe auf „Worldometer“ bezieht sich auf Todesfälle durch Krankheiten, die mit Wasser in Zusammenhang stehen, nicht explizit auf verunreinigtes Wasser. Die verlinkte Quelle schließt zudem mangelnde Hygienebedingungen mit ein. 

Saisonale Grippe

Die Angabe der im Bild genannten 122.062 Toten durch die saisonale Grippe seit Anfang 2020 ist nicht nachvollziehbar. „Worldometer“ gibt als Quelle für die Schätzung eine Pressemitteilung der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC aus dem Jahr 2017 und eine Pressemitteilung der WHO aus demselben Jahr an.

Die WHO schätzt laut einer Übersichtsseite aus dem Jahr 2018 weltweit 290.000 bis 650.000 Grippetote pro Jahr. Auch die Johns-Hopkins-Universität geht von schätzungsweise 291.000 bis 646.000 Todesfällen pro Jahr aus. Die beiden Pressemitteilungen, auf die sich „Worldometer“ bezieht, nennen dieselben Zahlen. 

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Fazit

Die Zahlen der auf Instagram verbreiteten Aufstellung sind unbelegt. Wir fanden, bis auf den Zahlen zu Covid-19, keine Quellen mit aktuellen Daten, anhand derer wir die Werte von „Worldometer“ nachvollziehen könnten. 

Darüber hinaus gibt es zwei Probleme mit der Grafik.

Zum einen überschneiden sich die Zahlen der Aufstellung teilweise: So wird etwa eine Zahl für Krebstote angegeben und auch eine Zahl für Tote durch Rauchen. Raucher sterben aber zumindest zum Teil an Krebs. Das Deutsche Krebsforschungszentrum geht davon aus, dass bis zu 90 Prozent aller Lungenkrebsfälle auf das Rauchen zurückzuführen seien. 

Zum anderen werden in der Übersicht Zahlen nebeneinander gestellt, die teilweise geographische Schwerpunkte haben. Von den 405.000 offiziellen Malaria-Toten des Jahres 2018 sind zum Beispiel sind 380.000 in Afrika gestorben. Ähnliches gilt für Hunger: Im April 2020 veröffentlichte das Global Network Against Food Crises einen Report. Dieser verortet mehr als die Hälfte der von Hunger betroffenen Menschen in Afrika.

Grafik aus dem Global Report On Food Crises 2020. (Screenshot: CORRECTIV)

In der Aufstellung der Todeszahlen werden also Todesursachen, die vor allem die afrikanischen Länder betreffen, neben Todesursachen gestellt, welche die ganze Welt betreffen. 

Die Vergleiche der Zahlen führen insgesamt in die Irre. Dass mehr Menschen zum Beispiel bei Verkehrsunfällen sterben, bedeutet nicht, dass das Coronavirus ungefährlich ist.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Die Zahlen zu den verschiedenen Todesursachen sind unbelegt und nicht mit denen durch Covid-19 vergleichbar.

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Symbolbild: Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York. (Quelle: Filip Filipovic/Pixabay)

von Steffen Kutzner

Ein Online-Artikel behauptet, die UN wolle Pädophilie legalisieren. Das solle ein neu ernannter, unabhängiger Experte umsetzen. Den Experten gibt es, aber die „Legalisierung“ von Pädophilie gehört nicht zu den Zielen des Mandats.

Die Webseite Einreich behauptet in einem Beitrag vom 25. Mai, die Vereinten Nationen (UN) hätten das Ziel, „die Legalisierung und die uneingeschränkte Unterstützung des Transgenderismus zu erreichen, die auch die Legalisierung der Pädophilie beinhaltet.“ 

Wir haben recherchiert. Es zeigt sich: Ein erklärtes Ziel der UN ist es zwar, die Rechte von Transgendern zu stärken, aber nicht die von Pädophilen.

Um Homo-, Bisexuelle und Transgender vor Diskriminierung und Gewalt zu schützen, hatte der UN-Menschenrechtsrat den Posten eines unabhängigen Experten innerhalb der UN geschaffen. Darauf bezieht sich auch der Artikel von Einreich. Dort heißt es, der Menschenrechtsrat der UN habe „letzte Woche globale Empörung“ ausgelöst, „als er einen UN-Offiziellen ernannte, dessen Aufgabe es sein soll, die Normalisierung der Homosexualität und des Transgenderismus in der ganzen Welt zu überwachen.“ Diese Ernennung war aber nicht „letzte Woche“, sondern im schon Juni 2016, wie ein Protokoll des Menschenrechtsrates belegt.

Der Beitrag von Einreich gibt fälschlicherweise Aktualität vor, obwohl über dem Text eine Quelle verlinkt ist, die denselben Beitrag von derselben Autorin auf einer anderen Webseite enthält. Dort wurde der Text schon am 19. März 2019 veröffentlicht.

UN verurteilt alle Formen von Gewalt gegen Kinder – auch Pädophilie

In dem Protokoll des Menschenrechtsrates und auf einer Webseite des Hohen Kommissars für Menschenrechte der UN sind die Aufgaben des Mandatsträgers in sechs Punkten definiert. Bei allen geht es um die Stärkung der Rechte Homo- und Bisexueller und von Transgendern. Keine der Zielsetzungen befasst sich mit der „Legalisierung“ von Pädophilie.

Im Gegenteil „verurteilt“ die UN Pädophilie, wie es in einer im Dezember 2017 verabschiedeten Resolution der Generalversammlung heißt: „[Die Generalversammlung] verurteilt alle Formen der Gewalt gegen Kinder in allen Umfeldern, namentlich körperliche, seelische, psychische und sexuelle Gewalt, […] Pädophilie, Kinderprostitution, Kinderpornografie, Kindersextourismus…“ (Seite 10-11). 

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Das Amt des „Unabhängigen Experten für den Schutz vor Gewalt und Diskriminierung wegen sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität“ wurde 2016 für eine Periode von drei Jahren festgelegt. Erster Mandatsträger war der thailändische Menschenrechtsanwalt Vitit Muntarbhorn, der im Oktober 2017 zurückgetreten war. Sein Nachfolger ist seitdem Victor Madrigal-Borloz, Anwalt für Menschenrechte aus Costa Rica, der im Juli 2019 für weitere drei Jahre bestätigt wurde.

Fazit: Die UN hatte im Jahr 2016 einen eigenen Posten für einen unabhängigen Experten geschaffen, der den Schutz von Homosexuellen, Bisexuellen und Transgendern vorantreiben und sicherstellen soll. Pädophilie wird von der UN verurteilt.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die UN will Pädophilie nicht legalisieren.

weiterlesen 3 Minuten
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Symbolbild: Pillen. (Quelle: Bru-nO/Pixabay)

von Steffen Kutzner

Auf Facebook und Youtube wird derzeit behauptet, Ernährungsministerin Julia Klöckner wolle Vitamin D verbieten. Das ist weder richtig, noch möglich. Sie will lediglich die Höchstwerte in Nahrungsergänzungsmitteln in der EU vereinheitlichen.

In einem Youtube-Video wird behauptet, Julia Klöckner, Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (CDU), wolle Vitamin D verbieten. Klöckner finde den Zugang zu Vitamin D „zu einfach“ und man bekomme „zu hohe Dosen“ (ab Minute 7:02). 

Das ist so jedoch nicht richtig. Klöckner möchte den Handel mit Nahrungsergänzungsmitteln regulieren und einheitliche Höchstmengen festlegen. Das Youtube-Video des Kanals „Rohe Energie“ wurde seit Anfang Mai 2020 mehr als 216.000 Mal angeklickt. Es handelt sich um einen Blog für vegane Ernährung. In der Beschreibung des Videos werden zahlreiche Links zu Webseiten gesetzt, die Vitamin-Produkte verkaufen. 

Auch der Arzt Michael Spitzbart griff die Behauptung am 11. Mai in einem Facebook-Beitrag auf. Er hatte in der Vergangenheit wiederholt irreführende oder falsche Behauptungen verbreitet – zum Beispiel, dass Vitamin C Viren „abtöten“ könne.

Vitamin D zu verbieten, wie es im Titel des Youtube-Videos heißt, ist nicht möglich, weil der Körper Vitamin D von selbst bildet. Die Behauptung basiert auf dem Vorschlag Klöckners, laut dem für den Handel mit Nahrungsergänzungsmitteln – also auch Vitamin-D-Präparaten – EU-Richtlinien eingeführt werden sollen. 

Am 20. April 2020 hatte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft eine Pressemitteilung herausgegeben, in der Klöckners Forderungen an die EU-Kommission festgehalten sind. Es geht dabei um „verbindliche europäische Regeln für Nahrungsergänzungsmittel“ und „Höchstgehalte für Vitamine und Mineralstoffe“. 

Es ging also um Nahrungsergänzungsmittel im Allgemeinen und nicht nur um Vitamin-D-Präparate. Eine starke Überdosierung von Vitamin D durch solche Präparate kann gesundheitsschädlich sein. Es drohen laut Bundesinstitut für Risikobewertung unter anderem Nierenverkalkung und Nierensteine. Wie die Verbraucherzentrale Niedersachsen 2018 mitteilte, gibt es gesetzlich vorgeschriebenen Höchstwerte weder auf Bundes- noch auf EU-Ebene.

Reaktion auf falsche Werbeversprechen

Klöckner reagiert mit ihrem Vorstoß auch auf Behauptungen von Anbietern von Nahrungsergänzungsmitteln, diese würden Schutz vor dem Coronavirus bieten.  Gesundheitsbezogene Werbung wie die Aussage „schützt vor Viren“ sei verboten. „Man spielt nicht mit der Angst der Menschen. Diese Geschäftemacher dürfen keinen Erfolg haben!“, wird Klöckner zitiert. 

Weiter heißt es in der Pressemitteilung des Ministeriums: „Es gibt kein Nahrungsergänzungsmittel, das eine Infektion mit dem Virus verhindern kann. […] Es gibt keine wissenschaftlichen Studien, die eine Wirksamkeit von bestimmten Pflanzen, Vitaminen oder Mineralstoffen gegen COVID-19 beweisen.“

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Ein Kooperationspartner des Youtube-Kanals, die Xucker GmbH, hat sich offenbar von dem Video distanziert. So findet sich in der Beschreibung auf Youtube der Hinweis, man empfinde „die falschen Behauptungen darin als problematisch“. „Die frühere Zusammenarbeit mit dem veganen Blog ‘Rohe Energie’ ist in Folge dieses Videos beendet.“

Vitamin D wurde in der Vergangenheit schon häufiger als vermeintliches Heil- oder Schutzmittel gegen SARS-CoV-2 angepriesen. Überprüft haben wir die Behauptungen etwa hier und hier. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Einnahme von Vitamin-D-Präparaten irgendeinen Einfluss auf eine Infektion mit dem Coronavirus hat. Das gelte auch für alle anderen Infekte, schrieb uns Jürgen Floege, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, im Zusammenhang mit einer anderen Recherche im April 2020.

Auszug aus der E-Mail von Jürgen Floege, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. (Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Julia Klöckner möchte nicht Vitamin D verbieten, sondern hat die EU-Kommission aufgefordert, einheitliche Höchstwerte für Nahrungsergänzungsmittel festzulegen.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Julia Klöckner will Vitamin D nicht verbieten, sondern den Verkauf von Nahrungsergänzungsmitteln regulieren.

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Symbolbild: Ziege. (Quelle: NickyPe/Pixabay)

von Steffen Kutzner

John Magufuli, der Präsident Tansanias, hat in einer auf Youtube kursierenden Rede behauptet, dass in seinem Land unter anderem eine Papaya, ein Huhn und eine Ziege positiv auf das Coronavirus getestet worden wären. Es gibt viele Gründe für Zweifel an dieser Aussage.

Tansanias Präsident John Magufuli hat behauptet, in seinem Land seien unter anderem Proben einer Papaya, einer Ziege und eines Frankolinhuhns mit erfundenen Namen versehen und im Labor positiv auf das Coronavirus getestet worden. 

Getestet worden seien Magufulis Behauptungen zufolge auch Proben von Motoröl und einem Schaf, die negativ gewesen seien, sowie einer Zibetfrucht und eines Kaninchens. Diese seien ohne eindeutigen Befund gewesen, sagt er in einer Rede, die am 7. Mai auf Youtube hochgeladen und seither 60.000 Mal aufgerufen worden war. Auch die Nachrichtenagentur Reuters griff die Behauptung Magufulis auf. 

In einem Facebook-Post, in dem die Rede aufgegriffen wurde, wird behauptet, Christian Drosten hätte den Test entwickelt. „Es war schon immer eine große Diskussion, wie genau der PCR-Test bezüglich Covid-19 ist“, schreibt der Nutzer. Es gebe Befürchtungen, der Test sei „nicht effektiv“. Da jedoch nicht klar ist, welcher Test in Tansania eingesetzt wurde, ist die Behauptung, es sei dieselbe Art von Tests wie in Deutschland, nur Spekulation. 

In einem Faktencheck hat CORRECTIV drei deutsche Universitätskliniken zu dem dort eingesetzten PCR-Test befragt. Alle teilten mit, dass der Test sehr genau sei. „Falsch positive“ Ergebnisse, also der Nachweis des Coronavirus wenn es eigentlich gar nicht vorhanden ist, seien „nahezu ausgeschlossen“, so die Experten. 

Magufulis Aussagen fehlt zudem entscheidender Kontext: Die gängigen PCR-Tests auf den Coronavirus SARS-CoV-2 wurden für die Anwendung bei Menschen konzipiert. 

PCR-Tests liefern bei Papayas keine zuverlässigen Ergebnisse

Karsten Becker, Direktor des Instituts für medizinische Mikrobiologie der Universitätsmedizin Greifswald, schreibt auf eine Anfrage von CORRECTIV: „PCR-basierte Tests können die Nukleinsäure des Virus vom Testprinzip her in den verschiedensten Materialien nachweisen“. Allerdings könne das Untersuchungsmaterial die Testreaktion negativ beeinflussen und insbesondere zu falsch-negativen Befunden führen. Denn die Reaktion in den Tests müsse „immer für das zu untersuchende Material evaluiert werden, bevor man valide Testergebnisse bekommen kann“, so Becker. 

Auszug der E-Mail von Karsten Becker, Direktor des Instituts für medizinische Mikrobiologie der Universitätsmedizin Greifswald. (Screenshot: CORRECTIV)

Das bedeutet: Wird ein Test, der eigentlich für die Verwendung beim Menschen entwickelt und evaluiert wurde, für Ziegen, Papayas und Motoröl verwendet, ist das Testergebnis – ob positiv oder negativ – in jedem Fall zweifelhaft.

Infektion von Pflanzen „in höchstem Maße unwahrscheinlich“ 

Abgesehen davon, dass die PCR-Tests nicht für Papayas ausgelegt sind, ist Magufulis Schlussfolgerung, die Papaya sei offenbar vom Coronavirus befallen, fragwürdig. 

Uwe Truyen, Professor für Tierhygiene und Tierseuchenbekämpfung an der Universität Leipzig schrieb uns: „Dass ein Virus Säugetiere und Pflanzen befällt und sich in beiden Wirten vermehren kann, ist nie beschrieben worden und in meinen Augen auch völlig unmöglich.“

Auszug aus der E-Mail von Uwe Truyen. (Screenshot: CORRECTIV)

Und auch Christina Wege, Leiterin der Forschungseinheit Molekulare und Synthetische Pflanzenvirologie der Universität Stuttgart, erklärt dazu: „Meines Wissens gibt es keinen einzigen Fall, in dem ein Säugetiervirus in einer Pflanze aktiv ist bzw. eine Pflanze aktiv befällt und sich darin vermehrt/ausbreitet.“ 

Auszug der E-Mail von Christina Wege, Leiterin der Forschungseinheit Molekulare und Synthetische Pflanzenvirologie der Universität Stuttgart. (Screenshot: CORRECTIV)

Hühner nicht infizierbar, Ziegen noch ungeprüft

Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, hat zum Coronavirus und Tieren bereits erste Erkenntnisse durch Infektionsstudien in Schweinen, Hühnern, Flughunden und Frettchen gewonnen. Schon am 2. April veröffentlichte das Institut eine Pressemitteilung, in der es heißt, Flughunde und Frettchen seien empfänglich für eine Infektion, Schweine und Hühner dagegen nicht. 

Eine Pressesprecherin des FLI erklärt gegenüber CORRECTIV, der Grund dafür sei, dass die für eine Infektion notwendigen Zellrezeptoren bei Vögeln nicht gut passen würden. Damit ist die Aussage von John Magufuli, es sei auch ein Frankolinhuhn positiv getestet worden, ebenfalls zweifelhaft. 

Auszug aus der E-Mail des FLI. (Screenshot: CORRECTIV)

Warum der Kontext von Proben wichtig ist

Ein Kontext, den John Magufuli in seiner Rede weglässt, ist, dass ein positiver Test nicht zwingend bedeutet, dass eine Infektion da vorliegt, wo die Probe entnommen wurde. Das Virus kann laut Studien auch auf Karton, Edelstahl oder Kunststoff nachgewiesen werden, das bedeuten aber nicht, dass diese Stoffe „infiziert“ wären. Sondern nur, dass das Virus auf der Oberfläche vorhanden ist, weil zum Beispiel jemand vorher darauf gehustet hat. Dasselbe gilt für Papayas, deren Isolation Magufuli ironisch vorschlägt. (ab 1:56 im Video) 

Auch das FLI weist darauf hin, dass ein alleiniger Nachweis des Virus im Fell oder auf den Schleimhäuten einer Ziege nicht gleichbedeutend sei mit einer Infektion. Eine Übertragung sei zum Beispiel auch durch Anniesen möglich. „Eine solche Übertragung bedeutet nicht, dass eine Infektion in dem Tier angeht und es zu einer relevanten Virusvermehrung kommen muss.“

Auszug aus der E-Mail des FLI. (Screenshot: CORRECTIV)

Falsche Handhabung als Fehlerquelle

Magufuli unterstellt in seiner Rede, dass entweder die Mitarbeiter des Labors bestochen wurden, oder dass die importierten Testkits manipuliert sein müssen. Er forderte die WHO auf, etwas dagegen dieses „schmutzige Spiel“ zu unternehmen. (ab 2:35 im Video

Zur Fehlerquelle von falschen Testergebnissen haben wir im April für einen Faktencheck deutsche Universitätskliniken um Einschätzung gebeten. Corinne Klett vom Zentralinstitut für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin am Klinikum Stuttgart schrieb dazu: „Als Fehlerquelle kommt vor allem die Präanalytik in Frage, also bspw. ungenügende Abstrichtechnik, Probenverwechslung oder auch zu lange Lagerung bzw. Transportzeiten.“

Welche Tests in Tansania verwendet wurden, ist unklar

Laut ZDF wurden die Tests vom Africa CDC und der Stiftung des Alibaba-Gründers Jack Ma bereit gestellt. CORRECTIV hat die Africa Centres for Disease Control and Prevention ebenfalls angeschrieben, um herauszufinden, welche Art von Coronatests benutzt worden sein sollen und von welchem Hersteller sie stammten. Wir haben jedoch keine Antwort erhalten. Auch das Medical Stores Department antwortete uns nicht auf diese Fragen. Das Medical Stores Department ist die tansanische Behörde, die im Land für die Verteilung von medizinischem Equipment an Krankenhäuser zuständig ist.

Jedoch wären die Angaben der Behörden Tansanias auch mit Vorsicht zu genießen. Präsident Magufuli leugnet laut Medienberichten die Gefährlichkeit des Virus und hat für die Bekämpfung von Covid-19 Gebete, eine Kräutermischung und das Inhalieren von Wasserdampf empfohlen. Die Faktenchecker von Africa Check haben das bereits als nutzlos entlarvt.

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Am 25. Mai hatte Tansania laut WHO 509 bestätigte Corona-Fälle und 21 Tote. Seit 17 Tagen wurden keine neuen Fälle mehr gemeldet. Tansania ist eines der wenigen Länder Afrikas, die nicht täglich neue Zahlen an die WHO melden. Die US-Botschaft in Tansanias größter Stadt Daressalam bewertete das Risiko, sich dort mit Covid-19 zu infizieren am 13. Mai als „extrem hoch“; Krankenhäuser seien „seit Wochen überfüllt“.

Fazit

Die Aussagen John Magufulis lassen sich nicht belegen, zumal unklar ist, welche Art von Tests verwendet wurde. Ein positiver Test bedeutet zudem nicht zwingend, dass eine Infektion da vorliegt, wo die Probe entnommen wurde.

Die gängigen PCR-Tests auf SARS-CoV-2 sind nicht für die Anwendung an Papayas oder Ziegen ausgelegt, sondern für Menschen, daher sind die Ergebnisse bei dieser Anwendung zweifelhaft. Das FLI und Wissenschaftler verschiedener Universitäten bestätigten uns, dass eine natürliche Übertragung des Coronavirus in das Innere von Pflanzen und Früchten sehr unwahrscheinlich sei. Auch Hühner seien nachweislich nicht infizierbar. Ob Ziegen infiziert werden können, ist bisher noch unklar, laut FLI aber unwahrscheinlich.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es ist unklar, welche Tests verwendet wurden.